Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 180/7+8 - Juli/August 2024

 

 

»Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen« - Dr. Andreas Rössler

Ihr seid das Licht der Welt. - Karin Klingbeil

Nachruf auf Dieter Lange - Karin Klingbeil

Buchbesprechung: Wie denn sonst, wenn nicht gemeinsam? - Karin Klingbeil

»Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen«

»Lasst uns am Ende die Summe von allem hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das gilt für alle Menschen. Denn Gott wird alle Werke vor Gericht bringen, alles, was verbor­gen ist, es sei gut oder böse.« Prediger Salomo (Kohelet) 12,13-14

1. Ständig in Furcht

Unser ganzes Leben in Furcht zuzubringen, das wäre nicht auszuhalten. Trotzdem ist da vie­lerlei, worum wir uns ständig Sorgen machen und wovor wir uns auch fürchten - unbeschadet dessen, dass Lebenskünstler und sonnige Gemüter genug Strategien parat haben, um das Besorgnis Erregende beiseite zu schieben.

Doch es bleibt dabei: Wir sorgen uns etwa um unsere Gesundheit und die unserer Lieben. Wir fürchten den Klimawandel und dass für die kommenden Generationen nicht genug Le­bensraum übrig bleiben wird. Wir fürchten Kriege, in die wir verwickelt werden könnten. Wir sorgen uns, wir könnten vereinsamen, oder die Arbeit verlieren, und irgendwann kein Dach mehr über dem Kopf haben.

In der Bibel wird da noch eins drauf gesetzt. Angemahnt wird die »Gottesfurcht«. Wir wer­den aufgefordert, den Urgrund und das Ziel aller Dinge und Wesen zu fürchten, und das heißt auf alle Fälle: Gott den Schöpfer von allem, ohne den es auch kein Ziel, keine Vollendung geben kann, nicht zu verdrängen, ihn nicht beiseite zu schieben, sondern ihn ernst zu nehmen und ihn innerlich stets vor Augen zu haben. So wird im zweiten Nachwort zum alttestamentli­chen Buch des Predigers Salomo die Gottesfurcht sogar als Zusammenfassung, als Summe der Lehre vom angemessenen, klugen, weisen Leben bezeichnet: »Fürchte Gott und halte seine Gebote«. Es wird gleich noch hinzugefügt: »Das gilt für alle Menschen.« Gott fürchten und das heißt, seine Gebote halten, seinem Willen zum Guten, zur Liebe und Wahrhaftigkeit zu entsprechen suchen, das betrifft alle Menschen, unabhängig von Nation, Religion, sozialem Stand und Hautfarbe.

Die Gottesfurcht ist nach der Weisheitsliteratur des Alten Testaments »der Weisheit Anfang« (so Psalm 111,10 und Sprüche 1,7), also die Grundlage aller hilfreichen und zugleich vernünfti­gen Lebensführung, eines Lebens mit Augenmaß. Trotzdem haben viele in der Kirche heutzu­tage damit ihre Schwierigkeiten. Gottesfurcht ist unmodern geworden. Wurde nicht allzu oft mit einem Gott argumentiert, der uns für all das bestrafen wird, was wir falsch gemacht haben, der uns auf Heller und Pfennig heimzahlen wird, wo wir versagt haben, oder wo wir Verkehrtes oder gar bewusst Böses getan haben? Und im zweiten Nachwort zum Predigerbuch wird ja gerade mit dem Gericht Gottes argumentiert: »Gott wird alle Werke vor Gericht bringen, alles, was verborgen ist, es sei gut oder böse.«

2. Geliebte Kinder des Schöpfers

Allerdings wird uns weder hier noch sonst in der Bibel mit der Aufforderung, Gott zu fürchten, eine Bürde aufgelegt, die uns überstrapazieren würde. Gott zu fürchten ist - recht verstanden - die Sache wirklich aller Menschen. Das setzt keinen besonders ausgeprägten, in bestimmter Weise ausgestalteten Glauben an Gott voraus, sondern zunächst einmal nur, nach dem Abso­luten, dem unbedingt Gültigen, dem Bleibenden, dem Sinn und Ziel unseres Daseins, dem Woher und Wohin von allem ernsthaft zu fragen. Schon wenn wir diese Grundfrage innerlich beteiligt bedenken und sie nicht als lästig oder nebensächlich beiseiteschieben, gehören wir zu denen, die »Gott fürchten«, eben weil uns das wichtig ist, worauf es in unserem begrenzten Dasein eigentlich ankommt. Und der Verweis auf ein Jüngstes Gericht, auf ein göttliches End­gericht zeigt uns unsere Verantwortung für das, was wir denken und reden, tun und lassen. Das ist alles nicht beliebig, sondern da haben wir Rechenschaft abzulegen, Rede und Antwort zu stehen.

Die Gottesfurcht ist kein zusätzlicher Schrecken. Sie ist keine schwere Last, die uns aufer­legt werden würde. Das macht auch Martin Luther deutlich. In seinem »Kleinen Katechismus« von 1529 legt er das Erste Gebot (»Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben«) so aus: »Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.« Fürchten und lieben, das scheinen krasse Gegensätze zu sein. Doch nach Luther ist eben der Gott zu fürchten, also vor Augen zu halten und ernst zu nehmen, der uns allein aus seiner freien Güte und Barmherzigkeit liebt, uns aus seiner Gnade annimmt und uns, seine mit Vernunft begabten Geschöpfe, zu seinen geliebten Kindern erklärt. Dass das so ist, können wir an Jesus von Nazareth ablesen und vielfältig in unserem eigenen Dasein spüren. Eben des­halb können wir Gott unsererseits lieben, seine Liebe erwidern.

Der bedeutende niederländische Schriftsteller Maarten t’Haart bezieht in seinen viel gelese­nen Romanen Erinnerungen an seine fundamentalistische Herkunft aus einem strengen und altmodischen calvinistischen Milieu mit ein. Auf oft recht amüsante Weise versucht er, seine freudlose religiöse Erziehung zu verarbeiten. Sein Roman »Das Wüten der ganzen Welt« (1993, brosch. Ausgabe Verlag Piper München, 29. Aufl. 1999) steht unter dem Motto eines ungewöhnlichen Bibelverses, unter dem der Autor sehr gelitten zu haben scheint. Da wird in 2. Mose 4 von dem Gang des Mose zum Pharao erzählt, dem er Plagen ankündigen soll, die über Ägypten kommen werden, wenn er das Volk Israel nicht ins Land Kanaan ziehen lassen will. In Vers 24 heißt es: »Unterwegs aber, da wo Mose übernachtete, trat ihm [dem Mose] der Herr entgegen und suchte ihn zu töten« (Seite 6). Dieses Bibelwort hat den Ich-Erzähler getroffen. Seit seiner Kindheit und Jugend ist er von der fixen Idee geplagt, Gott wolle ihn töten. Doch besagt das Evangelium, überhaupt die ganze biblische Botschaft ja gerade das Gegenteil: Gott will uns nicht töten und vernichten, sondern er schenkt uns Leben und führt uns zum ewigen Leben. So dürfen wir, mit Luther geredet, Gott »über alle Dinge vertrauen«.

3. Die Frage nach dem Sinn

Sollte uns aber der Glaube an den liebenden Gott abhanden gekommen sein und sollten wir trotzdem nachdenkliche, ernsthaft nach dem Sinn und Ziel des Ganzen fragende Leute blei­ben, dann kommen wir um eines nicht herum: Das Leben geht zu Ende, wir müssen sterben. Und was kommt danach? Etwa das Vergessenwerden und das Nichts?

In seinem Roman »Das Wüten der ganzen Welt« formuliert Maarten t’Haart folgende mögli­che Antwort auf die Sinnfrage: »Ein Geschlecht nach dem anderen sprießt und verschwindet wie das Laub im Wald, und ein ewiges Vergessen, stets hungrig auf Beute lauernd, saugt uns in eine bodenlose Leere fort, die nie gesättigt wird, und eine wild schäumende, unberechenba­re Macht, die sich in dunkler Leidenschaft dreht, bringt alles hervor und entlässt auch mühelos alles wieder« (Seite 406 f.). Läuft darauf alles hinaus? Ein derartig trostloser Nihilismus wird uns sicher nicht helfen können, Furcht abzubauen.

»Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen« heißt nicht, in unserem Alltag nichts anderes als nur Gott im Kopf zu haben und dafür alles, was uns den lieben langen Tag be­schäftigt und auch beschäftigen muss, von uns abzustreifen. Sonst wäre die ganze Schöp­fung, in die uns unser Schöpfer gestellt hat, völlig überflüssig, und man könnte sich gleich das Leben nehmen. Nein, das uns geschenkte Leben ist von höchster Bedeutung. »Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen« ist nichts, was sich auf Kosten unseres Alltags vollzieht, auf Kosten aller Erfahrungen und Aufgaben, alles Beglückenden oder auch Unerfreulichen, und auch nicht neben dem allem, sondern - um eine alte lutherische Formel aufzugreifen - »in, mit und unter« von alledem. Ob wir mit anderen Menschen zusammen sind, oder ob wir uns an der Natur erfreuen, oder ob wir uns irgendwie betätigen, oder ob wir unseren Verpflich­tungen nachkommen, oder ob wir uns von einem Musikstück beglücken lassen, ob wir nach­denken, oder ob wir gerade etwas besonders Schweres erleben: in, mit und unter von alledem können wir Gott ernst nehmen, nach der Wahrheit fragen, für Gottes Gnade und Barmherzig­keit dankbar sein. Gott ist da kein beschwerlicher Zusatz, sondern die ständige Grundmelodie.

4. »Fürchtet euch nicht!«

Gottesfurcht baut Furcht vor Menschen ab, gerade vor solchen, die uns an den Kragen wollen, die uns das Leben schwer machen, und vor allen, die es böse meinen und auch böse machen. Sie nimmt uns die Befürchtung, das Dasein steuere auf ein alles verschlingendes Nichts zu. Den uns liebenden Gott ernst zu nehmen, uns vor ihm verantwortlich zu wissen, ihm dankbar zu sein: das treibt die Furcht aus. Dann schließen sich Gottesfurcht und sich von Gott geliebt zu wissen nicht aus, sondern das sind die Kehrseiten ein und derselben Münze.

So wird uns in der Bibel einerseits eingeschärft, Gott zu fürchten. Andererseits werden wir in der Bibel unzählige Male ermutigt: »Fürchtet euch nicht!« Ich denke nur an das Wort aus Jesaja 43,1, das gerne als Konfirmationsspruch gewählt ist und Menschen durch das ganze Leben begleitet: »Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Na­men gerufen; du bist mein!« Beides gehört zusammen: die Gottesfurcht und die Furchtlosigkeit angesichts des uns liebenden und erlösenden Gottes.

Pfarrer i.R. Dr. Andreas Rössler

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Ihr seid das Licht der Welt.

(Matthäus 5,14)

Unmittelbar nach den Seligpreisungen der Bergpredigt spricht Jesus seinen Zuhörern zu: Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt. Was für Leute sind das, die Jesus da an­spricht, denen er eine solche Bedeutung zumisst? Denn das Salz der Erde und das Licht der Welt zu sein, das weist auf bedeutungsvolle Wirkungen hin: Salz ist das Gewürz schlechthin, ganz abgesehen von seiner haltbarmachenden Eigenschaft und seinem damaligen Wert, und Licht für die Welt zu sein vermittelt Wegweisung, auch für andere.

Aber es sind ganz normale Leute, die Jesus da gefolgt sind, an Einfluss und Wirtschaftskraft gemessen vielleicht sogar eher einfache Menschen. Ihnen - und heute dürfen auch wir uns angesprochen fühlen - sagt er nicht: »Bemüht euch, damit ihr das Licht für die Welt seid!«, sondern er sagt es als Feststellung, und das zu jedem Einzelnen. Allein die Tatsache, dass sie von ihm gehört haben, gekommen und mit ihm mitgegangen sind, seinen Reden zugehört haben, zeigt ihm, dass sie für das, was er zu sagen hat, offen sind - und möglicherweise auch, dass sie seine Lehren verinnerlichen und befolgen.

Zwar spricht Jesus es nicht direkt aus, aber die Aufforderung ist durchaus da: Ihr seid das Licht der Welt - also tragt die Liebe zu Gott und den Menschen hinaus in die Finsternis, die in der Welt herrscht, denn »Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.« heißt es weiter. Licht hat die Eigenschaft, die Finsternis zu vertreiben und in der Finsternis zu leuchten, ist die Eigen­schaft und die eigentliche Bestimmung des Lichts.

Manch einer seiner Zuhörer mag sich nicht als große Leuchte empfunden haben, aber jedes noch so kleine Licht leuchtet und auch viele kleine Lichter ergeben ein stärkeres Licht. Jesus setzt ganz einfach gute Werke voraus, stellt sie aber nicht in den Mittelpunkt. Oft sind gute Wer­ke auch unsichtbar und versteckt und wachsen wie Früchte. So sind sie Ergebnisse und nicht Voraussetzungen eines Lebens in der Nachfolge. Und sie werden von den Menschen wahrgenommen und tun ihre Wirkung.

Auch wir heute sind gleichermaßen angesprochen durch Jesu Zutrauen und seine Aufforde­rung. Jeder Mensch kann für seine Mitmenschen in schweren Zeiten, durch Unterstützung und Zuwendung ein Licht der Hoffnung sein und seine Umgebung heller machen.

Karin Klingbeil

Nachruf auf Dieter Lange

Schon unmittelbar, nachdem Dieter am 11. Juni gestorben war, kamen aus Australien vom Tempelvorsteher Mark Herr­mann und von der Gebietsleiterin Dr. Irene Bouzo E-Mails der Wertschätzung für Dieter und der Anteilnahme für den großen Verlust für unsere Gemeinde bei mir an.

In der Tat war Dieter der Tempelgemeinde so sehr verbun­den, dass er auch noch, als er auf den Rollstuhl angewiesen war, zu Gemeindeveranstaltungen kam und alles mitmachte, was nur ging. Er fehlte bei keinem Gottesdienst, bei Konzer­ten, Vortragsveranstaltungen, Gemeindefreizeiten - bei allem konnte man auf seine Teilnahme zählen. Dabei begegnete er trotz seiner Zurückhaltung allen mit großer Zugewandtheit, hielt zu etlichen Mitgliedern telefonischen Kontakt - kurz: er war ein lieber Mitmensch.

Am 24. Juni 1937 in Jaffa geboren, war er stolz, dass bis zuletzt in seinem Pass für seinen Geburtsort Jaffa/Palästina vermerkt war. Zwar verließ er als Dreijähriger mit der Mutter und den Geschwistern die Heimat seiner Vorfahren, seine Verbindung dazu blieb ihm aber bis zum Schluss.

Um die Templer-Friedhöfe in Haifa und Jerusalem bemühten sich nach dem Krieg in der Tempelgesellschaft zunächst verschiedene andere - es ging um die Umbettung der Verstorbe­nen aus den verschiedenen Kolonie-Friedhöfen, die aufgelassen werden sollten, die Neuge­staltung des verwüsteten Jerusalemer Friedhofs und die Gestaltung der Denkmale auf beiden verbleibenden Friedhöfen. 1974 wurde mit einem Besuch von zahlreichen Teilnehmenden die Wiederinstandsetzung der Friedhöfe feierlich begangen - das war wohl für Dieter die Initial­zündung für sein Engagement zur Pflege dieser Friedhöfe. Unzählige Male reiste er dafür ins Land, anfangs zusammen mit Frieder Vollmer, und versuchte unermüdlich, vor allem Jüngere zum Mitkommen zu begeistern. So bot er zusammen mit Frieder die Jugendreisen nach Israel an, daneben später auch »Friedhofsreisen«. Mit jeder Reise lernte er das Land immer besser kennen - und ich selber habe sowohl bei einer frühen Jugendreise als auch bei etlichen Fried­hofsreisen erlebt, was für ein unvergleichliches Gespann diese beiden gewesen sind - sie bescherten uns unvergessliche Erlebnisse. Bei den Friedhofsreisen gab es bald einen harten Kern, aber es kamen immer auch noch andere mit, oft auch aus Australien.

Dabei war es Dieters Idee, nicht nur bei Pflanzaktionen neue Pflanzen zu setzen, sondern bei den verwitternden Grabsteinen die Inschriften zu erneuern. Er besorgte unzählige Farb­töpfchen und Pinsel, damit nur ja jeder, der wollte, Handwerkszeug zum Nachziehen der In­schriften hatte - so konnte man mit der Zeit die Grabsteininschriften auch aus größerer Entfernung lesen, anstatt aus nächster Nähe rätseln zu müssen, was da geschrieben stand. Uns Malende unterhielt Dieter immer mit Informationen zu den Verstorbenen oder anderen Ge­schichten und kümmerte sich um alles, was an Materialien für Reparaturen u.a. zu besorgen war.

Außerdem begann er mit Unterstützung von Jörg Struve die Dokumentation der Grabsteine und deren Inschriften. Jörg fotografierte dann auch jeden Grabstein und stellte diese auf der Homepage der Tempelgesellschaft so ein, dass es jedem möglich ist, unter einem Familien­namen nach einem eventuell vorhandenen Grab zu suchen.

Die Freundschaft zur Familie des arabischen Friedhofsgärtners in Haifa hatte bereits Hans Lange begründet - er konnte noch arabisch sprechen. Aber Dieter führte diese Freundschaft weiter und machte sich im breitesten Schwäbisch bestens verständlich. Klar, dass die Gruppe zu Hochzeiten seiner 13 Kinder eingeladen war, wenn diese gerade zu der Zeit ihres Aufenthaltes stattfand. Man brachte Schokolade, Kaffee und Geschenke für die Kinder mit und wurde herzlichst von der Familie begrüßt und umsorgt. Als der alte Friedhofsgärtner Sayed nicht mehr konnte, übernahm der Sohn Adnan die Pflege des Friedhofs - neben seiner Stelle als Pfleger im Krankenhaus. Man konnte kommen, wann man wollte, angemeldet oder über­raschend - der Friedhof war immer bestens gepflegt. Adnan ließ sich von Dieter viele Grab­stellen erklären und gab sein Wissen an Besucher weiter, führte ein Gästebuch, das er dann immer stolz präsentierte. Dieter stand in seiner Familie hoch im Kurs und Adnan bemühte sich immer besonders um ihn, insbesondere, als Dieter trotz seines Schlaganfalls weiterhin nach Israel reiste. Eigens für ihn stellte er ein Bett in die Friedhofshütte und als er es erstmals prä­sentierte, sagte er nur: Schlafstunde! Gerade seine Familie überschüttete die Gruppe immer mit Aufmerksamkeiten bei der Friedhofsarbeit, mit Gebäck, Getränken - und natürlich wurde die gesamte Gruppe mindestens einmal zu einem Essen eingeladen, bei dem sich die Tische bogen. Unendlich schöne Erinnerungen! Als Adnan an Krebs starb, versuchte sein Sohn Rabea die Pflege zu übernehmen. Er bemühte sich sehr, aber gärtnerische Pflege war leider nicht sein Ding, außerdem freuten wir uns, dass er zu studieren anfing, auch wenn er dadurch keine Zeit mehr für den Friedhof hatte. Auf die Trauermeldung kamen rührende Worte der Anteilnahme und der Erinnerung von der Familie, zu der die Verbindung weiterhin besteht.

Erst bei der letzten Friedhofsreise ist Dieter nicht mehr dabei gewesen und auch mit den professionellen Gärtnern, zu denen keine so freundschaftliche Verbindung mehr besteht, hat eine neue Ära begonnen.

Aber auch in der Gemeinde in Degerloch hat sich Dieter eingebracht. Er gehörte zu den ersten Mietern, die in das Wohnhaus beim neuen Gemeindezentrum einzogen, und war hier zusammen mit seiner Frau Heidi Hausmeister und Ansprechpartner für alles, was notwendig war. In der Zeit, als sein Bruder Peter Gemeindeleiter war und GOK(Gemeindeorganisations­kreis)-Sitzungen zur Organisation der Gemeindeveranstaltungen (immer bei Schwester Gridle) abhielt, war er selbstverständlich dabei. Auch beim Singkreis fehlte er nicht und füllte eine der begehrten Männerstimmen aus. Dass er das Gemeindeleben in jeder Hinsicht unterstützte, wurde schon erwähnt - und wenn jetzt sein Platz endgültig leer bleibt, hat uns ein engagiertes, treues und liebes Gemeindemitglied verlassen. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken be­wahren.

Karin Klingbeil

BUCHBESPRECHUNG

Wie denn sonst, wenn nicht gemeinsam?

Dieses Buch hat mich sehr beeindruckt. Es trägt den Untertitel »Eine hoffnungsvolle Reise durch den Nahostkonflikt« und wurde von Assaf Zeevi verfasst. Er ist 1982 in Israel geboren und aufgewachsen, hat in Deutschland Landschaftsarchitektur studiert und in Israel in diesem Beruf gearbeitet. Außerdem ist er lizensierter Reiseleiter und war Mitarbeiter der Holocaust-Gedenkstätte Yad VaShem. Seit 2008 hat er über 200 Reisen mit den Schwerpunkten Bibel und Geopolitik durch Israel und die palästinensischen Autonomiegebiete durchgeführt. Sein Buch über den Nahostkonflikt trägt die Widmung: »Für die Menschlichkeit«.

Als Reiseleiter hat Zeevi die Erlaubnis, auch die für die meisten Israelis unerreichbaren Au­tonomiegebiete zu bereisen, was seinen Blickwinkel völlig veränderte. Die vielen Begegnun­gen mit den Menschen dort öffneten ihm eine Tür in ihre Welt, ihren Blick auf den Konflikt und auf die jüdischen Israelis. So begab er sich auf eine Reise durch die Geschichte des Konflikts, in dessen Schatten er seine Kindheit und Jugend verlebte. Im letzten Schuljahr wählte er den Arabisch-LK, weil sein Arabisch zu schwach war und er seine Nachbarn verstehen wollte.

Im ersten von drei Teilen: »Eine Reise durch die Geschichte« schildert der Autor detailliert alle Vorkommnisse in chronologischer Reihenfolge, vom Anfang an - jener Zeit vor 1948, als das Land von Arabern bewohnt war.

Zeevis Beschreibung der Geschichte ist auch deshalb so lebendig, weil sich der Autor an die Orte des jeweiligen Geschehens begibt, mit Menschen spricht und viele informative Ein­zelheiten liefert. In vier Kapiteln: Am Anfang (bis 1948), Im geteilten Land (1967-1987), Zwan­zig entscheidende Jahre (1967-1987) und Experimentieren und Scheitern (seit 1987) be­schreibt der Autor die Geschehnisse und führt dem Leser deutlich vor Augen, wie sich der Konflikt entwickelt hat. Dabei fällt auf, wie viel Verständnis er für die arabische Bevölkerung aufbringt.

Nach den Vorkommnissen im Frühjahr 2021 - da erschien das Buch - endet dieser histori­sche Teil. Der zweite Teil ist überschrieben mit: Eine Reise durch die Realität. Er beginnt mit dem Absatz: »Verstehen will ich« und darin stellt sich der Autor die Frage, warum 19 ver­schiedene Pläne in 100 Jahren nicht zu einer für alle annehmbaren Lösung geführt haben.

Aufgeteilt in die Kapitel Siedler, Palästinenser, Israelische Araber und Israelische Juden be­schreibt der Autor die Begegnung mit diesen Menschen, die unter den unterschiedlichsten Bedingungen in den verschiedenen Zonen des Landes leben. Unsereins macht sich keine Vorstellung, was diese Zonen für die Bewohner bedeuten - wer wohin darf und wer nicht und warum, ist schwer nachvollziehbar. Der Autor schildert sehr anschaulich und humorvoll seine Begegnungen - und fragt alle, wie sie sich eine gute Zukunft für alle im gemeinsamen Land vorstellen können.

Der dritte Teil ist überschrieben mit: Eine Reise hin zum Frieden. Darin fragt sich der Autor zusammenfassend, worum es eigentlich geht und wieso alles bislang gescheitert ist. Schließlich legt er im Kapitel »Wie denn sonst?« dar, wie es seiner Meinung nach möglich sein könnte, einen Konflikt, der nicht zu lösen ist, immerhin in ein friedliches Zusammenleben umzuwandeln. Mich hat besonders beeindruckt, dass er in der Begegnung mit zwei arabischen Frauen aus einem zerstörten arabischen Dorf verstanden hat, dass sie darunter leiden, dass ihre einstige Welt zerstört worden ist und ihnen das erlittene Unrecht wehtut. Für ihn ist daher eine Versöhnung die Grundlage für alles weitere - eine Annäherung von beiden Seiten: Die Palästinenser müssen das jüdische Trauma des Holocaust und des europäischen Antisemitis­mus verstehen und die biblisch-historische Bindung der Juden an dieses Land. Die Israelis müssen die Nakba in ihrer persönlichen und nationalen Bedeutung für die Palästinenser ver­stehen und ihre Verantwortung dafür anerkennen. Das Trauma der Palästinenser müsse ver­gegenwärtigt werden, was zur Wiederherstellung ihrer nationalen Würde verhelfen würde. Eine solche Annäherung hält er für möglich. Wenn man das Buch gelesen hat, drängt sich einem der Eindruck auf, dass sich das Land bereits auf diesem Weg befindet.

Und dann der 7. Oktober 2023. Die Barbarei der Hamas hat ein weiteres jüdisches Trauma bewirkt und die positiven Ansätze, die der Autor in seinem Buch schildert, verschüttet. Trotz­dem ist es unbedingt lesenswert.

Karin Klingbeil

Assaf Zeevi, Wie denn sonst, wenn nicht gemeinsam? Verlag SCM Hänssler, 2. Auflage 2022, 283 Seiten, 12,95 Euro; auch über den Autor zu beziehen.

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