Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 180/4 - April 2024

 

 

Liebet eure Feinde! - Wolfgang Blaich

»Vergesse ich dein, Jerusalem, ... « - Karin Klingbeil

Die Liebe zum Feind ist Voraussetzung für den Frieden - Jörg Zink

Der Schmerz der Mütter - Regula Alon

Von den bleibenden Werten unserer Gemeinschaft - Dieter Ruff

500 Jahre evangelische Gesangbücher - Jörg Klingbeil

Der »Spracherfinder« - Karin Klingbeil

Liebet eure Feinde!

»Er weckt mich alle Morgen«, das Lied von Jochen Klepper, 1938 verfasst, haben wir gerade gesungen. Erstaunlich, was für ein Trost, was für eine Hoffnung von diesem Lied ausgeht - und auch von zahlreichen anderen Liedtexten im evangelischen Gesangbuch, welche er zwi­schen 1938 und 1942 schrieb. Erstaunlich deshalb, weil er unter schwierigen Bedingungen unter dem NS-Regime ab 1933 gelebt hat und schwere Repressionen ertragen musste, da er mit einer Frau jüdischer Abstammung verheiratet war. Er und seine Familie wurde gedemütigt und angefeindet - und dennoch enthalten seine Texte keine Anschuldigungen oder gar Hass gegen seine Unterdrücker. Sie sprechen von Geborgenheit, Vertrauen in Gottes Barmherzig­keit, von Friedensliebe.

Letztere finden wir in der Bibel bei Matthäus in der Bergpredigt (5,43-48) und bei Lukas in der Feldrede (6,29-31). Ist es da denkbar, heute, in unserer schwierigen, zerrütteten und ver­feindeten Welt, wo wir täglich Bilder von Aggression und Hass erleben, von Feindesliebe zu re­den?

Ja, ich meine gerade dann. Denn Jesu Wort von der Feindesliebe steht dem entgegen. Das Thema beschäftigt mich schon länger vor allem deswegen, weil wir ständig mit dem Begriff Krieg konfrontiert werden und es immer schwerer fällt, den Begriff Frieden dagegen zu halten.

Bereits die Erfüllung der Aufforderung »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« stellt uns schon vor eine große Herausforderung, vor einen großen Anspruch an unsere Toleranz- und Liebesfähigkeit. Meinen Nächsten zu lieben ist oft schon eine echte Aufgabe, verlangt das doch, dem Nächsten uneingeschränkt Beachtung, Achtung und Akzeptanz zu schenken, um überhaupt Raum für die geforderte Nächstenliebe zu haben.

Nicht einfacher scheint mir der zweite Teil dieser Aufforderung zu sein. Sich selbst lieben ist und bleibt eine Lebensaufgabe, die mir mal mehr, mal weniger gelingen mag, werde ich doch von meinen eigenen Unzulänglichkeiten immer wieder an einer stabilen Selbstwertschätzung gestört. Aber meine Feinde lieben, für die beten, die mich verfolgen? Ist das erfüllbar? Verlangt Jesus hier nicht Übermenschliches?

Der Text bei Lukas enthält abweichend von Matthäus noch einige bemerkenswerte Verse, die nach meinem Verständnis das Gebot weniger rigide wirken lassen, das Gebot näher an einen zwischenmenschlichen Umgang miteinander heranführen: »Dem, der dich auf die Wan­ge schlägt, halt auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd. Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand etwas wegnimmt, verlang es nicht zurück. Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen.«

Diese Forderungen gehören absolut nicht in unsere Lebenserfahrung - mein Gerechtigkeits­sinn fühlt sich stark angegriffen ... und die andere Backe hinhalten? Nicht nur bei physischen Schlägen? Kennen wir doch aus Erfahrung, dass psychische Schläge oft noch anhaltender schmerzlich sind - verbale Angriffe, Beleidigungen usw. ... da kommen gleich schwer kontrol­lierbare Emotionen hoch. Einen Streich kann ich vielleicht hinnehmen, aber einen zweiten freiwillig einstecken? Das geht über meine Opferbereitschaft, da regt sich das Verlangen in mir, mich zu verteidigen. Die radikale Umkehrung menschlicher Erwartungen, Hoffnungen und Selbstverständlichkeiten in diesen Versen der Bergpredigt stellen wohl die größte Herausfor­derung im Neuen Testament dar, über die wir ganz gerne hinweglesen würden.

Wohin kämen wir, wenn wir den Text beim Wort nehmen wollten? Das würde heißen, den Hassenden nicht zu hassen, sondern ihn durch Freundlichkeit zu irritieren, den Hass also zu entlarven, den Hasser so vom Hass frei zu machen?

Ich habe meine Empfindungen, meine Fragen und Gedanken zu diesem Gebot und meine Befürchtung geäußert, dies nicht schaffen zu können. Aber vielleicht ist es viel wichtiger, das Gebot als große Chance zu verstehen, als Chance zu lernen, wie weit, wie tief Mitmenschlich­keit sich entwickeln, wachsen kann!

Was wünschen wir uns mehr als Frieden, endlich wieder Frieden im Äußeren und im Inne­ren, auf persönlicher Ebene und auch auf politischer weltgeschichtlicher Ebene, Frieden im eigenen Herzen und im eigenen Land. Wenn wir aber wirklich Frieden haben wollen - Frieden, und nicht nur Waffenstillstand, Abkommen und Friedensverträge, die zwar ein Schritt Richtung Frieden sein können, aber trotzdem noch keinen tiefgreifenden dauerhaften Friedenszustand schaffen können, solange darunter noch Hass, Rache und Vergeltung weiter schwelen - wenn wir also wirklich Frieden wollen, müssen wir uns dann nicht doch ernsthaft mit dem Gebot der Feindesliebe auseinandersetzen? Zeigt das Gebot nicht, dass Frieden nicht nur im Äußeren, sondern vor allem im Inneren, d.h. bei mir, anfängt?

Sollte ich nicht aus dem Wort von der Feindesliebe verstehen lernen, dass, wenn es mir ge­lingt, den Feind zu lieben, er dann ja kein Feind mehr ist?

Mit dem provozierenden Appell Liebet eure Feinde erweitert und überbietet Jesus das Gebot der Nächstenliebe. Feindesliebe - der Begriff fügt eigentlich zwei sich widersprechende Wörter zusammen. Ein Feind wird schließlich nicht geliebt, sonst wäre er kein Feind, und anders herum: wer geliebt wird, der ist kein Feind. Die Aufforderung, die Jesus hier stellt, wird als eine harte Forderung angesehen - und manch einer bezeichnet sie sogar als utopisch. Sie lässt sich am wenigsten mit dem weltlich Gewohnten vereinbaren. Und tatsächlich zeigt unsere Gegenwart, wie es um die Feindesliebe bestellt ist. Gibt es einen Tag, eine Nachrich­tensendung, wo nicht von kriegerischer Auseinandersetzung, von Verfolgung und Unterdrü­ckung gesprochen wird?

... du sollst deinen Feind lieben ... Wer aber ist mein Feind? Das wird hier nicht konkret ge­sagt - es fallen zwar im Kontext die Namen zweier Gruppen, welche den damaligen Juden üb­licherweise verhasst waren. Auffallend ist aber, dass Jesus nicht eine anonyme Masse wie die der Römer nennt, also Volks- oder Staatsgruppen, sondern Menschen täglicher Begegnung, wie z.B. die Zöllner. Und auch im Beispiel einer Nächsten- bzw. Feindesliebe, nämlich der des barmherzigen Samariters geht es um persönliche Begegnung.

Bezieht sich so verstanden das Gebot der Feindesliebe auf Menschen, die mein persönli­ches Leben erschweren oder bedrohen, sind sie als meine Feinde gemeint?

In einem Aufsatz schreibt die amerikanische Psychoanalytikerin Erika Freeman: »Menschen hassen gern« - was für eine provokative Äußerung! Und wie kommt sie zu dieser Feststellung? »Hass ist ein sehr hartnäckiges Gefühl. Es gibt Personen, die andere leiden sehen wollen. Als Analytikerin habe ich die Erfahrung gemacht, dass Hass oft von schlechten Erfahrungen in der Kindheit stammt und etwas mit Angst zu tun hat. Wenn man sich fürchtet, tut und fühlt man dumme Dinge. Viele Menschen übertragen diese Gefühle auf andere: die Wut auf den eigenen Vater oder die Mutter - oder sich selbst - kann sich z.B. in Antisemitismus verwandeln.

Dann ist Antisemitismus auf andere projizierter Selbsthass. Für viele Menschen scheint es einfacher zu sein, Juden zu hassen, als bei sich selbst nach den Ursachen zu suchen. Und wenn einem dann jemand erlaubt, den einfacheren Weg zu gehen, also zu hassen und den Hass auszuleben, dann beginnt man diese Person zu mögen. Aus diesem Grund sind so viele Menschen Hitler gefolgt.«

Wenn ich auch weiterhin mit der Feststellung »Menschen hassen gern« Probleme habe, so kann ich den Ausführungen von Erika Freeman folgen, wenn ich an die Aufmärsche denke, die sich bei uns immer wieder ereignen - von Rechtsradikalen und Neonazis, von Reichsbürgern, Ultralinken usw.

Feindesliebe bedeutet in erster Linie, dass ich den anderen, der mir feindlich gegenübertritt, nicht als Feind ansehe, sondern als einen Menschen, der in sich zerrissen ist. Feindschaft ent­steht dann, wenn jemand ein eigenes Gefühl nicht annehmen kann, es auf mich projiziert und bei mir bekämpft. Der normale Weg ist dann, dass ich mich wehre und zurückschlage. Fein­desliebe bedeutet, dass ich hinter die Projektion schaue und auf die Sehnsucht des Menschen schaue, der mich als Feind behandelt, weil er in sich zerrissen ist, weil er nicht im Frieden ist mit sich selbst. Vielleicht hilft ihm meine unerwartete Reaktion, nicht mit Aggression, mit einem Gegenschlag zu handeln, dass er eine Tür, einen Weg findet, um in Einklang mit sich selbst zu kommen.

So verstehe ich die Stelle bei Matthäus: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfol­gen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. So sollen auch wir die Sonne unserer Liebe über allen scheinen lassen, in der Hoffnung, dass die Sonne auch im Feind Leben hervorlockt und Liebe. Hoffen, dass unser Weg der Feindesliebe Fronten aufweicht und ein Miteinander ermöglicht.

Feindesliebe bedeutet jedoch nicht - so mein Verständnis der Bergpredigt - , dass wir uns nicht wehren gegen ein Land, das ein anderes überfällt, oder gegen Menschen, die andere beherrschen und ihnen schaden wollen. Ich sehe das Recht, sich gegen Aggressoren zu wehren zum Schutz meiner Familie, meines Heimatlandes. Aber ich soll nicht im Feindes­denken stecken bleiben, sondern mich trotz der momentanen Feindschaft offen halten dafür, den anderen als Mensch, als Mitgeschöpf wahrzunehmen. Wieviel Unheil haben die unsäg­lichen Feindbilder in der Geschichte der Menschheit mit sich gebracht - bewusst gepflegter Hass. Es ist eine spirituelle Erfahrung, dass wir auf dem Grund unserer Seele eins sind mit allen Menschen. Dieses Eins-Sein hebt die Konflikte nicht auf, aber es relativiert sie. An dieses Eins-Sein erinnern uns die Worte Jesu im Evangelium von dem Gott, der seine Sonne über Gute und Böse scheinen lässt.

Ganz Eins-Sein setzt voraus, so der Psychoanalytiker C. G. Jung, dass wir uns selbst an­nehmen mit allen Schattenseiten, die wir in uns wahrnehmen. Nach Jung ist die Feindesliebe nur möglich, wenn wir zuerst den Feind in uns selber lieben. Wir müssen uns zuerst aus­söhnen mit all dem Feindseligen, das wir in uns finden, mit den aggressiven Tendenzen in uns. Die Liebe zum Feind in uns selbst ist oft schwerer als die Liebe zum Feind außerhalb, so weit Jung. Auch der Koran weiß von dieser Aufgabe, wenn es dort heißt, dass der einzige Heilige Krieg der Krieg mit mir selbst ist. Daher gilt das Wort Jesu von der Sonne, die Gott über Gute und Böse scheinen lässt, auch für uns selbst. Es gilt, die Sonne unseres Wohlwollens und die Sonne der göttlichen Liebe scheinen zu lassen über allem, was in uns und um uns ist. So entsteht der Glaube an die Fähigkeit, immer auf Versöhnung zu hoffen, auf die Verwandlung der Feinde in Freunde.

Wolfgang Blaich in der Morgenfeier am 25. Februar 2024, gekürzt

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

»Vergesse ich dein, Jerusalem, ... «

(Psalm 137,5)

... so werde meine Rechte vergessen, meiner Rechten vergessen, meine Rechte verdorren ...« - es gibt sehr viele Übersetzungsversuche dieses 5. Verses des 137. Psalms, aber alle meinen dasselbe: Sollte ich dich, Jerusalem, je vergessen, dann soll meine rechte Hand - die, mit er ich alles tue - unbrauchbar werden und ich zu nichts mehr fähig sein. Es ist der 5. Vers des Klagepsalms der Israeliten, die nach Babylon verschleppt worden sind. Nun sitzen sie, fern der Heimat, an den Flüssen Babylons und weinen, weinen um den Verlust der Heimat, um das zerstörte Jerusalem und um ein Leben ohne Hoffnung - durch den Hit der Gruppe Boney M. wurden diese Verse weithin bekannt.

Die Israeliten klagen auch darüber, dass die Babylonier sie in ihrem Leid auch noch dazu aufforderten, ihnen ein Lied von Zion zu singen - aber das auf fremder Erde zu tun, war ihnen unmöglich und so mischen sich in ihre Klage Rachegedanken und hässliche Verwünschungen. Aber wir wissen auch, dass es den Israeliten in ihrem Exil nicht nur schlecht ging, dass sie als Gruppe beieinander bleiben konnten und manche sogar blieben, als es ihnen erlaubt war, wieder nach Israel zurückzukehren.

Bis heute beten fromme Jüdinnen und Juden diese Psalmverse zu Beginn des Tischgebets. Damit halten sie die Erinnerung an die Leiden im Exil wach und binden sich gleichzeitig immer wieder neu an Jerusalem, genauer: an den Berg Zion, der mit dem Tempel für die Gegenwart Gottes steht.

Wer schon einmal in Haifa das erste Gemeindehaus der Templer gesehen hat, konnte die Inschrift über dem ursprünglichen Eingang lesen: »Vergesse ich dein, Jerusalem, so werde meiner Rechten vergessen«, 1869. Die Familien Hoffmann und Hardegg waren im Oktober 1868 in Haifa angekommen; im Jahr darauf wurde das erste Haus der Gemeinde, eben das Gemeindehaus, erbaut.

Die Tatsache, dass gerade dieser Psalmvers als Inschrift über dem Eingang eingemeißelt wurde, weist m. E. deutlich darauf hin, dass zumindest Christoph Hoffmann - im Gegensatz zu Hardegg, der stets auf die Konsolidierung der Kolonie Haifa bedacht gewesen war - zwar im Heiligen Land angekommen war, das Ziel der Jerusalemsfreunde aber, nämlich Jerusalem, nie aus den Augen verloren hat. 1878 zog er schließlich von Jaffa nach Jerusalem um und machte diese Kolonie zum Zentrum der Tempelgesellschaft. Allerdings schrieb er bereits in »Occident und Orient«, dass kein Ort heiliger als ein anderer sei und das Streben nach dem Reich Gottes überall da möglich ist, wo wir uns befinden.

Karin Klingbeil

Die Liebe zum Feind ist Voraussetzung für den Frieden

Die Bergpredigt gilt bei vielen als Beispiel unerreichbar hoher Moral, und es heißt, man könne mit ihr die Welt nicht regieren. Gut möglich, dass »man« es nicht kann. Aber wir, die nach Jesus Christus heißen, könnten vielleicht erkennen, dass es nicht um Moral geht, wenn Jesus sagt: »Liebt eure Feinde! Betet für eure Verfolger! So werdet ihr Töchter und Söhne sein eures Vaters im Himmel.«, denn er meint eine Befreiung: die Befreiung vom Zwang, wie selbstverständlich dem Feindlichen feindlich und der Gewalt gewaltsam zu begegnen.

Liebe zum Feind und Gewaltlosigkeit, wie Jesus sie fordert, bedeuten: Schau dir deinen Gegner gut an. Er ist niemals das Böse schlechthin, du musst unterscheiden lernen: Vor dir steht ein Täter, der Unrecht begeht, das ist das eine. Vor dir steht aber auch ein Mensch, das ist das andere, und das verbindet euch trotz aller Feindschaft. Wenn sich das Bild, das du von ihm hast, auf das des Täters beschränkt, vergibst du die Chance auf eine versöhnliche Lö­sung.

Jesus sagt darum: »Liebt eure Feinde! Weitet euren Blick für sie und nehmt sie wieder als Menschen wahr. Versucht zu verstehen, warum sie so bedrohlich denken und handeln, und welchen Anteil womöglich ihr selbst daran habt.« Es ist eine Frage der Weisheit, den Feind so zu achten, dass man ihn versteht und dieses Verstehen einbringen kann in die Begegnung mit ihm, denn das ist der einzige Weg zum Frieden. Wir können die eine Welt mit ihren vielen einander fremden Staaten, Völkern und Gruppen nur im Frieden bewohnen, wenn wir unser Bild nicht einschränken auf das Unrecht, das manche von ihnen in unseren Augen begehen. Wir müssen sie im eigenen Denken und im Dialog mit ihnen herauslösen aus dem Bild des Feindes, und wirkten sie noch so erschreckend auf uns.

Den Feind lieben heißt gewiss nicht sich anbiedern oder unterwerfen, es heißt gewiss nicht Grausamkeit hinnehmen, ohne sich zu wehren und den Verfolgten zur Seite zu stehen. Aber es heißt sehen, dass auch unsere Feinde Menschen sind wie wir: fehlerhaft, verängstigt, irrend, gebunden an Interessen und Vorurteile. Den Feind lieben - das kann, vor allem wenn es nur mit halbem Herzen geschieht, auch misslingen. Aber Befriedung und Versöhnung sind erst zu erreichen, wenn wir bereit sind, dieses Risiko einzugehen.

Den Feind lieben - das heißt sich von Unrecht oder Bedrohung nicht blenden lassen: nicht in Panik geraten, nicht die erstbeste gewaltsame Antwort für die letztmögliche halten und sich nicht in Ideologien retten, die den eigenen Standpunkt zum einzig erlaubten erklären.

Den Feind lieben - das heißt in den Spiegel sehen: die eigene Antwort immer vergleichen mit dem Angriff des Feindes und darauf achten, nicht ungewollt ähnlich zu handeln wie er.

Den Feind lieben - das heißt unterscheiden zwischen dem Unrecht und dem Menschen, der es begeht: das Unrecht bekämpfen und zugleich versuchen, den Täter womöglich zum Freund zu gewinnen.

Den Feind lieben - das heißt hinausdenken über die Feindschaft: davon ausgehen, dass Menschen sich ändern können, Feindschaften beigelegt und Konflikte versöhnlich beendet werden können.

Solange die Feindesliebe als Wunschbild von Träumern gilt, darf sich niemand wundern, wenn unsere Friedens- und Abrüstungskonferenzen bisher kaum etwas bewirken gegen die Aufrüstung auf allen Seiten. Denn selbst wenn der Einsatz von Waffen und von Gewalt manch­mal unausweichlich erscheint zur Abwehr einer Gefahr - am Ende führt erst die wohlwollende Zuwendung zum Gegner, von der Jesus in der Bergpredigt spricht, uns näher zum Frieden auf Erden.

Jörg Zink in: »Zeitschrift des Wiener Stephansdoms«, Weihnachtsausgabe 2014

Der Schmerz der Mütter

Eine israelische und eine palästinensische Frauenfriedensbewegung tun sich zusam­men

Entschlossen, die derzeitige Sackgasse zu überwinden, rufen israelische und palästinensische Frauen die Regierungschefs beider Seiten des mehr als hundertjährigen Konflikts dazu auf, zusammenzusitzen und eine friedliche Lösung auszuhandeln. Wer sind diese Frauen? Women Wage Peace (WWP) ist eine von Frauen geführte israelische Friedensbewegung, die 2014 nach einem 51-tägigen Krieg im Gazastreifen gegründet wurde. Women of the Sun (WOS), gegründet im Jahr 2021, ist eine engagierte palästinensische Nichtregierungsorganisation (NGO), die sich dafür einsetzt, palästinensische Frauen im politischen Bereich zu stärken und ihre aktive Beteiligung an Entscheidungsprozessen zu fördern. Die beiden Frauenbewegungen haben eine Partnerschaft gebildet, die den Menschen in der gesamten Region Hoffnung gibt.

Gemeinsam unterwegs seit 2022

Im März 2022 wurde die historische Partnerschaft zwischen den beiden Frauenfriedensbewe­gungen offiziell bekanntgegeben. Women Wage Peace (WWP), gegründet 2014, ist die israeli­sche Bewegung, Women of the Sun (WOS), gegründet 2021, ist die palästinensische Frauen­bewegung. Dies geschah in einer beeindruckenden gemeinsamen Veranstaltung in der Nähe des Toten Meeres. Während der Zeremonie veröffentlichten die Frauen ihre gemeinsame Petition »der Aufruf der Mütter« (The Mothers Call). Es ist ein Aufruf an alle Menschen in der Region, die Lösung des Konflikts zu unterstützen. »Wir, palästinensische und israelische Frauen aus allen Gesellschaftsschichten, sind vereint in dem menschlichen Wunsch nach ei­ner Zukunft von Frieden, Freiheit, Gleichheit, Rechten und Sicherheit für unsere Kinder und die nächsten Generationen.«

Seither arbeiten beide Bewegungen intensiv zusammen, organisieren Begegnungen, neh­men gemeinsam an Kundgebungen teil, hören einander zu, erweitern die jeweiligen Orga­ni­sa­tionen mit neuen Mitgliedern und Aktivitäten. Auf der internationalen Ebene werden Begegnungen mit Diplomaten organisiert, Aktivistinnen nehmen an internationalen Konferenzen teil.

Am 4. Oktober 2023 wurde die Partnerschaft von WWP und WOS in einem großen gemein­sam organisierten Akt bekräftigt. Delegierte, angesehene Frauen aus 27 Ländern, darunter Iran, den USA, Frankreich und Irland, erklärten ihre Solidarität mit WWP und WOS in Jerusa­lem. Am Abend kamen 2.000 Mitglieder beider Bewegungen und internationale Unterstütze­rinnen ans Tote Meer, um gemeinsam an einem ruhigen Strand über Frieden zu sprechen. Sie erklärten: »Frieden ist möglich, wenn Frauen Wege finden, ihrer Stimme in ihren eigenen Gemeinschaften und in den Hallen der Macht Gehör zu verschaffen.«

Dann kam der 7. Oktober, und die Region hat sich unendlich verändert. Viele Menschen haben den Glauben und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft verloren. Angst und Wut haben die Oberhand gewonnen und machen es äußerst schwierig, zu handeln und daran zu glauben, dass es hier besser werden kann.

Für WWP und WOS ist dieser Krieg eine große Herausforderung. Nur wenige grenzüber­greifende Organisationen arbeiten seither immer noch zusammen, WWP und WOS sind einige der wenigen Partnerschaften, die Dialog und Zusammenarbeit weiterführen. »Wir werden unsere Rolle als Vermittlerinnen von Hoffnung niemals aufgeben. Nur durch ein politisches Abkommen ist es möglich, den Tod vieler weiterer Israelis und Palästinenser zu verhindern. Es reicht mit dem Blutvergießen! Es reicht! Das war und ist unser gemeinsamer Appell, jetzt noch mehr als zuvor.«

Ein Aufruf für Menschlichkeit

Dr. Yael Admi ist Mitgründerin von WWP. Ende Dezember 2023 ruft sie an einer Kundgebung in Tel Aviv zu Menschlichkeit auf. So erzählt sie in bewegenden Worten: »Im Dezember 2023 konnten sich drei junge entführte Israelis im Gazastreifen von der Hamas befreien und wurden versehentlich von IDF-Soldaten erschossen. Einer der Entführten war Samer Al-Talalka, ein Beduine, der in einem der überfallenen Kibbutzim gearbeitet hatte. Gemeinsam mit andern Frauen von WWP fuhren wir in den Negev, um Laila, die Mutter von Samer zu trösten, und schlossen uns dem Kreis der tröstenden Frauen an. Ich kniete zu ihren Füßen und hörte ihr zu. Sie erzählte über Samer, ihren ältesten Sohn, ihre Liebe zu ihm. Ich hörte, wie stolz die Familie auf ihn war, und ich hörte ihren Schmerz, der die Seele verbrennt und es unmöglich macht zu atmen, zu essen oder zu schlafen. Dann sah sie mich mit ihren traurigen Augen an und sagte mir ganz leise: »Ich bin Laila, die Mutter von Samer, der am Donnerstag getötet wurde. Aber ich bin auch die Mutter von allen. Nach den Trauertagen werde ich mit dir sprechen, wir werden gemeinsam Gutes tun, weil es so wichtig ist.« Diese selbstlose Frau fand aus den Tiefen des Abgrundes die Kraft, alle zu sehen: eine Mutter, die liebt und sich sorgt, und vor allem eine Mutter, die weiß, dass es ihre Verantwortung ist, sich um die Zukunft der lebendigen Kinder zu kümmern.

Diese Zeit stellt uns vor unglaubliche Herausforderungen. Wir setzen uns mit tiefer Trauer, Wut, Hoffnungslosigkeit auseinander, mit Verlusten, Ängsten, Sorgen ums eigene Wohl und dessen unserer Liebsten. Trotzdem müssen wir die Kraft finden, auch den Schmerz des ande­ren zu sehen und zu wissen, dass dieser andere nicht fern und anders ist. Auch er ist ein Mensch, der in Würde leben möchte, er sehnt sich nach einem sinnvollen Leben mit einer vielversprechenden Zukunft. Er ist das Kind einer Mutter, die ihn liebt und sich wünscht, dass er lebt.

Es ist äußerst schwierig, mit dem von Tag zu Tag wachsenden Weltschmerz zu leben. Es ist sehr verlockend, in unserer privaten Trauer und Enttäuschung zu versinken, in Frustration, Wut, Schuldgefühlen und Verzweiflung. Aber genau das ist die Stunde der Solidarität, der menschlichen Verantwortung, im tiefsten, herausfordernden Sinne, gerade in dieser Zeit müs­sen wir hingucken und den Schmerz des anderen sehen.

Wir können hier nur in Frieden leben, wenn allen Bewohnern dieses Landes, vom Fluss bis zum Meer, Sicherheit garantiert wird. Auch wenn die Machtmenschen versuchen, uns davon zu überzeugen, dass mit etwas mehr Gewalt alles gut wird, dürfen wir nicht vergessen - Macht ist berauschend und macht uns etwas vor. Alle Entführten müssen sofort freigelassen werden, und wir müssen uns um humanitäre Hilfe für die Bewohner von Gaza kümmern.

Oft werde ich gefragt: Was ist wichtiger, der interne Friede in der polarisierten israelischen Gesellschaft oder der Friede mit unseren Nachbarn? Und meine Antwort lautet: Es ist genau derselbe Schritt, es ist derselbe Mensch, es ist ein Gang, der uns aus uns selbst herausführt und unsere Herzen für den anderen öffnet, für die Schmerzen und Enttäuschungen seiner Wünsche und Träume. Die ganz besondere Herausforderung ist die Erschaffung von Frieden, wir alle zusammen, Juden und Juden, Araber und Juden, die Staatsbürger Israels. Und in diesen so verwundeten Herzen müssen wir auch einen Platz finden für die Katastrophe der Palästinenser, die Bewohner von Gaza und dem Westjordanland.

Der Friede zwischen den israelischen Staatsbürgern und der Friede mit unseren palästinensischen Nachbarn hängen eng zusammen. In WWP arbeiten arabische und jüdische Frauen in langjähriger Partnerschaft zusammen. Die arabischen Frauen Israels besitzen die seltene Fähigkeit, ihre vielen Identitäten zu bewahren, und schaffen damit Brücken zum Frieden. Durch ihre Vermittlung und das große gegenseitige Vertrauen konnten wir in den letz­ten Jahren unsere gemeinsame Arbeit mit WOS, unserer palästinensischen Schwesterbewe­gung, aufbauen. Am Mittag des 7. Oktobers schrieb mir Reem Hajajara, die Direktorin von WOS: »Es ist so schrecklich, was passiert, wir müssen umso mutiger handeln und unseren ge­meinsamen Aufruf der Mutter aussprechen, den Konflikt zu beenden, der uns alle schmerzt.« So tragen wir den Schmerz gemeinsam und stärken unsere Zusammenarbeit und den Bund, den wir geschlossen haben.

Verhandlungen, nicht Gewalt

Seit Jahren sagen viele, dass der israelisch-palästinensische Konflikt eine tickende Zeitbombe sei, und dass es ohne politische Vereinbarungen keinen Weg zu einem Leben in Sicherheit gebe. Konflikte werden nicht durch Gewalt, sondern durch politische Verhandlungen gelost. Das stärkt die Gemäßigten und schwächt die Extremisten. Nur ein politischer Horizont und die Hoffnung auf Frieden sind in der Lage, die monströsen Kräfte des Bösen zu erschöpfen, diese Kräfte, die die Verzweiflung, das Leid und den Tod feiern.

Wer hat es nach dem Yom Kippur-Krieg 1973 für möglich gehalten, dass wir Frieden mit Ägypten schließen würden? Oder mit Jordanien? Bittere und große Konflikte auf der Welt wur­den gelöst, und das kann auch hier geschehen!

Gerade diese schrecklichen Tage können eine große Veränderung auslösen. Mit vereinten Kräften müssen wir zusammenstehen und die Forderung nach mutigen politischen Schritten äußern. Jeder Tag ohne politische Alternative ist ein verschwendeter Tag, dessen Opfer fal­sche Opfer sind. Ohne Frieden wird es hier keine Sicherheit geben, für keinen von uns!

Regula Alon im Gemeindebrief der Erlöserkirche Jerusalem, Nr. 1, März - Mai 2024, sie ist Co-Leiterin des Teams für Auslandsbeziehungen von Women Wage Peace

In Erinnerung an Dieter Ruff

Von den bleibenden Werten unserer Gemeinschaft

Am 19. April 2024 vor 100 Jahren wurde Dieter Ruff, der frühere Tempelvorsteher (1988 - 2001), geboren. Vielen Templern, auch in Deutschland, ist er mit seiner ruhigen und über­zeu­gen­den Art noch in bester Erinnerung. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir hier (auszugsweise) die deutschen Kernaussagen seiner Saalansprache am 14. Dezember 1997 in Bayswater.

Dieter Ruff (Quelle: TSA)
Quelle: TSA

... In diesem Text möchte ich zwei wesentliche Gesichtspunkte herausgreifen: Erstens die Befreiung zu wahrer Menschlich­keit, d.h. sich frei zu machen von dem Druck, Ansehen zu bewahren und sich einengenden gesellschaftlichen Schranken unterordnen zu müssen. Zweitens erscheint mir die Aufforde­rung wesentlich, die eigenen Prioritäten in die rechte Ordnung zu bringen. Das Gleichnis Jesu vom großen Festmahl ist im Kern eine Einladung an alle Menschen, die Arbeit am Reich Gottes ernst zu nehmen als eine Aufgabe, die den ganzen Menschen fordert. Nicht erst morgen, sondern schon heute.

Zwischen diesen Gesichtspunkten und dem Anliegen Chris­toph Hoffmanns, dem geistigen Gründer der Tempelgesell­schaft, sehe ich eine unmissverständliche Verbindung. Denn das dogmenfreie Zielbekenntnis, das Christoph Hoffmann und seine Mitarbeiter auf das Banner unserer Glaubensgemein­schaft schrieben, beruht auf der Botschaft Jesu von dem Gottesreich der Liebe auf Erden. Es fordert das Streben nach diesem Reich auf der Grundlage des Liebesgebots gegenüber Gott wie unter Menschen.

So einfach sich dies in der Theorie anhören mag, so fordernd ist die Ausführung in der Tat. Und Christoph Hoffmann war sich durchaus bewusst, dass Taten mehr bedeuten als Worte, das Beispiel mehr als Lehre. Deshalb hielt er auch die Gründung von Gemeinden Gleichge­sinnter so wichtig für die Ausführung der Aufgabe, der sich die Tempelgesellschaft verpflichtet sah.

Im Zuge jener Ausführung unterliefen unweigerlich Fehler. Angesichts unserer menschli­chen Mängel und den komplexen Wechselwirkungen unter Menschen ist das nicht verwunder­lich. Auch die, die nach uns kommen, werden im Nachhinein in unserer Zeit begangene Fehler besser erkennen, als wir dies gegenwärtig vermögen.

Bedeutet dies, dass wir auf dem Holzweg sind? Keineswegs, meine ich. Denn schließlich ist die praktische Durchführbarkeit einer Idee nicht nach dem starren Maßstab des Ideals zu be­messen, als vielmehr nach den greifbaren Ergebnissen zu bewerten, die im Blick auf das Ideal erzielt werden.

Die Tatsache, dass unsere kleine Glaubensgemeinschaft weiterhin aktiv ist, spricht dafür, dass jene andere Realität, die Jesus als das Reich Gottes bezeichnete, in der Wirklichkeit des Lebens ihre Bestimmung hat. Die Wirklichkeit des Lebens ist jedoch nicht festgenagelt. Sie steht so wenig still wie die Zeit. Sie entwickelt sich weiter im Gleichmaß mit der sich entfalten­den Schöpfung. Es bleibt unsere ständige Aufgabe, als Einzelne wie als Gemeinschaft, unsere Glaubensgrundlage immer wieder zu überdenken, sie neu auszulegen und ihr sinnvolle Ge­stalt zu geben im Einvernehmen mit der fortschreitenden Entfaltung lebendiger Wirklichkeit und unter Beibehaltung unserer Identität als Gesellschaft.

Im Interesse wirkungsvollen Strebens nach unserem Ziel sind Zusammenarbeit und Zusam­menhalt erforderlich, vorweg im Rahmen der Gemeinden. Ebenso tut in meiner Sicht die Be­reitschaft not, unsere Gemeinschaft auch weiterhin fortschreitend Außenstehenden gegenüber zu öffnen, ihnen entgegen zu kommen und den Dialog mit ihnen zu pflegen im Zeichen beider­seitigen Verständnisses, gegenseitiger Toleranz und, nicht zuletzt, bereichernder Anregung.

Es liegt bei uns, die Grundlagen unserer Glaubensgemeinschaft sowie deren erkannte Auf­gabe, lebensnah zu erhalten und als etwas Sinnvolles weiterzugeben. Ich kann mir keinen besseren Weg vorstellen zur Anerkennung Christoph Hoffmanns und seiner Mitarbeiter, als die Bejahung ihres geistigen Lebenswerks mit Kopf, Herz und Hand. Eine Bejahung, die ihr Werk weiterwirken lässt durch Tun und Beispiel - heute, morgen und übermorgen. ...

Dieter Ruff (1924-2004)

500 Jahre evangelische Gesangbücher

Es war ein Nürnberger Drucker namens Jobst Gutknecht, der 1524 einen ersten Zusammen­druck von acht bis dahin entstandenen evangelischen Liedern unter dem Titel »Erlich Christ­lich lider« veröffentlichte. An erster Stelle stand Martin Luthers Lied »Nun freut euch, liebe Christen, gmein«, das auch heute noch im Evangelischen Gesangbuch unter Nr. 341 zu finden ist. Erst um die Jahreswende 1523/24 hatte sich Luther entschlossen, geistliche Lieder in der Volkssprache zu dichten, »damit das Evangelium auch durch den Gesang« unter die Leute kommen sollte. Das ist in großem Umfang gelungen. Angeblich wurden seit der Reformation etwa 100.000 geistliche Lieder in deutscher Sprache verfasst, von denen ungefähr 30.000 Eingang in die Gesangbücher fanden. Das in Mainz beheimatete Gesangbucharchiv weist gegenwärtig ca. 7.800 deutschsprachige Gesangbücher christlicher Konfessionen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart auf; ein ähnliches Archiv in Hildesheim verfügt über ca. 2.600 Gesangbücher.

Achtliederbuch von 1524 (Quelle: Wikimedia Commons)
Quelle: Wikimedia Commons

Der Begriff »Gesangbuch« kam erst relativ spät auf. Die frü­hesten Zeugnisse sind das Chorgesangbuch »Geystliche ge­sangk Buchleyn« von Johann Walter (1496-1570) aus dem Jahre 1524 und ein Zwickauer Gesangbuch von 1525. Ferner erschien 1529 in Wittenberg unter dem Titel »Geistliche Lieder« ein Gesangbuch Luthers, von dem sich aber nur ein Exemplar der Ausgabe von 1533 erhalten hat. Ein letztes, von ihm mit einem Vorwort versehenes Gesangbuch wurde 1545 in Leipzig ge­druckt.

In ihren Anfängen waren Gesangbücher lokale oder regionale Druckwerke, die sich von Ort zu Ort erheblich unterscheiden konnten; kein Ort ohne eigenes Gesangbuch, scheint die Parole gewesen zu sein. Kein Wunder, dass die Fülle der Lieder im Laufe der Zeit schier unüberschaubar wurde; bestimmte Samm­lungen erreichten in früheren Jahrhunderten einen Umfang von mehr als 2.000 Seiten. Sie wurden alsbald nach verschiedenen Rubriken geordnet, wobei sich die Verfasser in der Regel am Ablauf des Kirchenjahres orientiert haben. Neben den Texten der Lieder, denen wahlweise auch Melodien beigegeben wurden, enthielten die Gesangbücher auch Katechismen, Texte der Lesungen für die jeweiligen Sonn- und Feiertage, Bekenntnisse, Gebete, Bilder und Got­tesdienstordnungen sowie immerwährende Kalender. Für den Gebrauch in der Schule wurden auch lateinische Hymnen beigefügt.

Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Bemühungen verstärkt, in den deutschen evangelischen Landeskirchen Einheitsgesangbücher zu schaffen. Es sollte allerdings noch bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg dauern. Das Evangelische Kirchengesangbuch er­schien zuerst 1950 und war damit das erste Einheitsgesangbuch der evangelischen Kirche in Deutschland, das tatsächlich in allen Landeskirchen eingeführt wurde, insoweit dem immer noch gültigen Ausspruch Johann Gottfried Herders folgend: »Das Gesangbuch ist die belebte Bibel für den gemeinen Christen.«

Auch das Gesangbuch der Tempelgesellschaft hat im Laufe der Zeit erhebliche Veränderun­gen erfahren: Die erste Ausgabe erschien 1889, die sechste und jüngste 2004. Die Temple Society Australia verfügt mittlerweile über ein eigenes Hymn Book, vorwiegend mit englischen Liedern, da Englisch inzwischen zur Umgangssprache in den australischen Templergemeinden geworden und auch das Liedgut in beiden Gebieten nicht mehr durchgehend dasselbe ist. Gleichwohl wird angestrebt, einen gewissen Kernbestand an Liedern in den Gesangbüchern beider Gebiete beizubehalten.

Jörg Klingbeil

Der »Spracherfinder«

Heute wird in Israel ganz selbstverständlich Ivrit/Hebräisch gesprochen: Kinder lernen es zu Hause von den Eltern und in der Schule, Einwanderer erhalten kostenlosen Unterricht. Als der Sprachwissenschaftler Elieser Ben-Jehuda 1881 nach Palästina kam, fand er eine ganz ande­re Situation vor: die Juden sprachen Arabisch und Jiddisch, Deutsch und Russisch, aber kein Hebräisch. Das war der Liturgie und dem schriftlichen Austausch von Gelehrten vorbehalten. Elieser Ben-Jehuda aber war Zionist und als solcher davon überzeugt, dass die Bürger in einem jüdischen Staat erstens eine gemeinsame Sprache haben müssten, und zweitens, dass diese das Hebräische sein müsse.

Als Elieser Jitzchak Perlman wurde er am 7. Januar 1858 in Luschki, heute Belarus, in eine jüdisch-orthodoxe, arme Familie geboren. Da sein Vater früh starb, kümmerte sich ein Onkel um ihn und schickte ihn mit 13 Jahren in der Hoffnung, er werde eine Rabbinerlaufbahn ein­schlagen, in eine Talmudschule (Jeschiva). Einer seiner Lehrer, ein Anhänger der jüdischen Aufklärung (Haskala), brachte ihm entgegen den damaligen Gepflogenheiten hebräische Grammatik bei. Ohne es zu ahnen, legte er damit den Grundstein für das spätere Wirken sei­nes Schülers; sein Einfluss wandelte ihn zum Freidenker, der sich die Schläfenlocken abrasier­te und weltliche Literatur zu lesen begann. Als der Onkel, ein Gegner der Haskala, diese Bücher bei ihm fand, nahm er ihn aus der Jeschiva und weigerte sich, ihn weiter zu unterstüt­zen. Eine Unternehmerfamilie, die seine weltlichen Ansichten teilte, nahm den Jungen nach dem Verlassen der Jeschiva bei sich auf und förderte ihn in seiner Entwicklung.

1878 begann er in Paris das Studium der Medizin, weil er in Palästina Juden helfen können wollte. Ein Jahr später veröffentlichte er zum ersten Mal unter dem Namen Elieser Ben-Jehuda einen Artikel, in dem es um die Wiederbelebung der hebräischen Sprache ging. Eine Tuberku­lose-Infektion zwang ihn zur Aufgabe seines Studiums und schränkte ihn für den Rest seines Lebens ein.

1881 heiratete er Debora Jonas, eine Tochter der Familie, die ihn aufgenommen hatte, und ließ sich mit ihr in Jerusalem nieder. Im folgenden Jahr wurde ihr Sohn Ben-Zion, das erste ‚hebräische Kind‘, geboren - insgesamt bekamen sie fünf Kinder und bildeten den ersten ‚he­bräischen Haushalt‘ seit der Antike. Doch Debora starb mit 36 Jahren an Tuberkulose und drei der Kinder starben an Diphterie. Elieser heiratete Deboras jüngere Schwester Paula, die erst nach der Eheschließung erfuhr, dass sie mit ihrem Mann nur Hebräisch sprechen dürfe, weil seine Kinder keine andere Sprache verstanden. So lernte sie in einem halben Jahr Hebräisch, jene Sprache, die so viele Jahrhunderte kaum gesprochen worden war. Beide bekamen vier Kinder, und Hemda, wie sie sich jetzt nannte, schrieb die erste Modekolumne auf Hebräisch und später auch Zeitungsartikel.

Mit seinen Plänen, Hebräisch als Volkssprache einzuführen, stieß Elieser Ben-Jehuda in der ultra-orthodoxen Gemeinschaft auf Ablehnung, weil die strenggläubigen Juden ihm vorwarfen, die heilige Sprache zu profanisieren - dabei war die Sprache ja in biblischer Zeit auch im Alltag gesprochen worden. Elieser hielt an seinen Plänen fest, fand immer mehr Gleichgesinnte und schuf - auch zusammen mit seiner Frau - Ausdrücke für neuzeitliche Bezeichnungen. Seine erste Neuschöpfung war ‚milon‘, Wörterbuch von ‚mila‘ (Wort) mit einer aus dem Griechischen bekannten Endung. Bis dahin war ‚sefer milim‘ geläufig gewesen, ‚Buch der Wörter‘. Für ‚Zei­tung‘ versah er das biblische Wort für Zeit, ‚et‘, mit der Endung ‚on‘, und die aramäische Wur­zel g-l-d für gefrieren wurde zu ‚glida‘, Speiseeis.

Ben-Jehudas Lebenswerk war neben der Wiedererweckung der hebräischen Sprache die Herausgabe eines einsprachigen Wörterbuchs, das am Ende 18 Bände umfasste. Ben-Jehuda hatte bereits eine Kommission gegründet, die an Neuschöpfungen arbeitete. Für das »Ge­samtwörterbuch der alt- und neuhebräischen Sprache« forschte er in den europäischen Län­dern und in den USA und ließ sich Textbeispiele aus unterschiedlichen Epochen schicken. Er nahm keine Fremdwörter darin auf, sondern ersann für solche Fälle Begriffe, die aus einer hebräischen Wurzel stammten. Auf diese Weise arbeitet bis heute die »Akademie für die He­bräische Sprache«, die aus der Kommission Ben-Jehudas hervorging. Sechs Bände erschie­nen zu seinen Lebzeiten bei Langenscheidt in Berlin, die folgenden veröffentlichten Hemda und Sohn Ehud, ab dem 9. Band mit Hilfe zweier Wissenschaftler.

Auch wenn Elieser Ben-Jehuda die Herausgabe des gesamten Wörterbuchs (der letzte Band erschien 1959) nicht erlebte, so doch kurz vor seinem Tod 1922 mit 64 Jahren in Jerusa­lem, dass die britische Mandatsregierung Hebräisch neben Englisch und Arabisch zur dritten Amtssprache in Palästina erklärte. Das letzte Wort, mit dem sich Elieser Ben-Jehuda befasste, war Seele - ‚nefesch‘, für den 8. Band seines einsprachigen Wörterbuchs.

Karin Klingbeil

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