Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 180/1 - Januar 2024

 

 

Zum Neuen Jahr - Klaus-Peter Hertzsch

»Führ’ uns dem Ziel entgegen« - Brigitte Hoffmann

Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe - Karin Klingbeil

Wie hältst du es mit der Kirche? - Jörg Klingbeil

Der Glockenturm vom Kirschenhardthof - Jörg Klingbeil

Neues von der TSA - Karin Klingbeil

Wiedervereinigungen - Herta Uhlherr

Die neuen Tage öffnen ihre Türen.

Sie können, was die alten nicht gekonnt.

Vor uns die Wege, die ins Weite führen:

Den ersten Schritt.

Ins Land. Zum Horizont.

 

Wie wissen nicht, ob wir ans Ziel gelangen.

Doch geh’n wir los.

Doch reiht sich Schritt an Schritt.

Und wir versteh’n zuletzt: Das Ziel ist mitgegangen;

Denn der den Weg beschließt und der ihn angefangen,

der Herr der Zeit geht alle Tage mit.

 

Klaus-Peter Hertzsch

 

Gebietsleitung und Verwaltung wünschen ein gesundes, gutes 2024!

»Führ’ uns dem Ziel entgegen«

Zwar hat Brigitte Hoffmann die hier abgedruckte Saalansprache im Hinblick auf den Wechsel zur Jahrhundertwende konzipiert, aber die Herausforderungen, die sie anspricht, existieren auch 24 Jahre später noch ...

Während ich anfing, über diese Ansprache nachzudenken, hörte ich, wie in einem evangeli­schen Gottesdienst ein Text aus dem 13. Kapitel des 2. Mosebuches gelesen wurde: dem Be­ginn des Auszugs der Israeliten aus Ägypten. Natürlich kannte ich die Geschichte schon seit der Schulzeit, aber beim Wiederhören war ich fasziniert von der Botschaft des Textes: dass da ein Volk - auch wenn dieses Volk nur aus einem relativ kleinen Clan von Halbnomaden besteht - aufbricht aus einer zwar erbärmlichen, aber doch einigermaßen gesicherten und geordneten Existenz und hinauszieht in die Menschenfeindlichkeit der Wüste, ins Unbekannte, allein im Vertrauen auf ein Versprechen Gottes - oder, etwas banaler ausgedrückt, auf die charismati­sche Führerpersönlichkeit des Mose, der ihnen den Willen Gottes vermittelt -; dass sie immer wieder unsicher werden und murren: »Es wäre besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben«; dass sie trotzdem immer wieder weiterziehen und dass ihr Gottvertrauen schließlich das Unmögliche möglich macht.

Es liegt etwas Aufrüttelndes in dieser Botschaft: der Glaube kann Berge versetzen - dann, wenn man bereit ist, seine ganze Existenz daran zu setzen. Ist das nicht eine Parallele, ein Vorbild für den Aufbruch in ein neues Jahrhundert mit seinen Veränderungen und Herausfor­derungen, die uns Angst machen - ich nenne nur einige Stichworte: Klimaveränderung, Bevöl­kerungswachstum, Umweltzerstörung, Globalisierung, Gentechnik?

Und natürlich drängte sich mir die uns viel näher liegende Parallele auf, die zudem nicht Mythos, sondern reale Geschichte ist: die Auswanderung der Templer nach Palästina. Auch sie ließen eine gesicherte Existenz hinter sich und brachen auf ins Ungewisse in einem abso­luten Glauben an einen göttlichen Auftrag, und auch sie konnten etwas verwirklichen, was alle für unmöglich gehalten hatten. Sollte diese Unbedingtheit nicht Vorbild für uns sein?

Aber ich konnte aus diesem Ansatz keine Ansprache machen. Denn die Parallele zum Jahr­hundertanfang stimmt nicht. Und nicht nur deshalb nicht, weil Israeliten wie Templer freiwillig zu etwas Neuem aufbrachen, während der Jahrhundertanfang für uns ja nur ein Abschnitt in einer Entwicklung ist, die wir nicht aufhalten und, wenn überhaupt, nur unwesentlich beeinflus­sen können.

Wir könnten sicher mehr bewirken, wenn wir den bergeversetzenden Glauben der Damali­gen hätten. Aber wir haben ihn nicht, und das ist kein Zufall und nicht nur Ausdruck unserer Schwäche. Wir können nicht mehr, so wie sie, glauben, dass Gott im Einzelnen in die Ge­schichte eingreift oder dass wir den Plan Gottes mit der Menschheit, und das heißt den Lauf der Geschichte, deuten können. Und deshalb können wir auch nicht mehr glauben, dass wir mit einer einzigen großen Glaubenstat in der Lage wären, die Rettung der Menschheit in die Wege zu leiten.

Wenn etwas ablesbar ist an der Entwicklung der Menschheit - und damit vielleicht ein Zipfel­chen eines göttlichen Plans -, dann das, dass sie immer vielfältiger und damit reicher gewor­den ist, aber genau damit auch immer komplizierter. Besser machen, vervollkommnen, lässt sie sich nur punktuell, von einzelnen Problemen her, für die wir nach einer Lösung suchen. Wir können nicht verhindern, dass neue Probleme nachwachsen, aber wir können auch für diese neuen offen sein und uns für neue Lösungen einsetzen.

Dann kann es geschehen, dass aus kleinen Initiativen große Organisationen werden, die viele Menschen erreichen und Leid lindern helfen. Es gibt viele Beispiele dafür, von den carita­tiven Orden über das Rote Kreuz bis zu den Tausenden von Selbsthilfe-, Umwelt- und sonsti­gen Gruppen. Sie verlieren mit der Größe notwendig etwas von ihrem Charisma und auch von ihrer Unschuld, weil unter Tausenden von Mitarbeitern einer uneigennützigen Organisation im­mer auch einige weniger uneigennützige sind. Schon deshalb ist es notwendig und gut, dass immer wieder neue Initiativen entstehen.

Ich komme noch einmal auf meine ungeeigneten Beispiele zurück. Der Auszug der Israeli­ten aus Ägypten ist in der Form, wie die Bibel ihn erzählt, keine historisch gesicherte Tatsache - wenn auch biologische und geologische Forschungen zeigen, dass einige der berichteten Wunder, die uns völlig märchenhaft erscheinen, sich durchaus so zugetragen haben könnten. Soweit er historisch ist, dürfte die Entwicklung umgekehrt verlaufen sein, als die Bibel sie be­richtet. Nicht das Gottvertrauen der Israeliten hat den Auszug ermöglicht, sondern die wunder­bare Errettung und Bewahrung auf diesem Auszug hat ihren unbedingten Gottesglauben wachsen lassen.

Dieser Glaube an einen Gott, der sich ein Volk erwählt und einen Bund mit ihm schließt, ist nicht mehr der unsrige. Aber der Glaube, der später im Judentum, dann im Christentum und im Islam daraus erwachsen ist, der Glaube an einen allumfassenden Gott aller Menschen und allen Seins, der trotzdem dem Einzelnen zugewandt ist, - dieser Glaube hat den größeren Teil der Welt erobert und bestimmt heute zum Teil unser Denken selbst noch da, wo die Menschen sich dessen nicht mehr bewusst sind.

Ähnliches ließe sich, in viel kleinerem Maßstab, von den frühen Templern sagen. Sie haben ihr unmittelbares Ziel, Keimzelle eines sich kontinuierlich ausbreitenden Reiches Gottes zu sein, nicht erreicht und haben doch viel mehr bewirkt, als man von einer so kleinen Gruppe von Menschen erwarten könnte.

Ob das im Einzelnen Gottes Wille war, können wir nicht wissen. Es wäre Anmaßung, das zu behaupten. »Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr« - auch das ist Teil israelitischer Gotteserkenntnis, es steht bei Jesaja (55,8). Aber vielleicht können wir danach streben, dass unsere Wege den Wegen Got­tes dienen - auch wenn wir nicht sehen können, auf welchen Wegen.

Was heißt das für uns konkret? Was können wir tun? In einem Lied von Jochen Klepper en­det die erste Strophe:

»Nun von dir selbst in Jesus Christ

die Mitte fest gewiesen ist,

führ’ uns dem Ziel entgegen.«

Und die letzte beginnt:

»Der du allein der Ew’ge heißt

und Anfang, Ziel und Mitte weißt ...«

Das sind zwei Aussagen. Die eine: Gott allein kennt das Ziel, wir kennen es nicht. Und trotz­dem heißt es: Führ’ uns dem Ziel entgegen. Das bedeutet Vertrauen zu Gott und zu dem Weg, den er uns führt, auch wenn wir das Ziel, für uns selbst und für die Welt, nicht sehen können; Vertrauen, dass dieser Weg einen Sinn hat.

Die andere: in Jesus, durch ihn, ist die Mitte gegeben. Klepper hat das wahrscheinlich etwas anders verstanden, als wir es tun, trotzdem gilt es auch für uns: die Mitte für uns ist unsere Gegenwart, und für die ist der Orientierungspunkt das, was Jesus uns gelehrt hat: Vertrauen in einen Gott, der uns Liebe gibt und von uns erwartet, dass wir sie, im Rahmen unserer Möglich­keiten, weitergeben. Das können wir versuchen zu üben, in unserem unmittelbaren Umfeld, dort, wo wir eine Möglichkeit sehen, mit Engagement darüber hinaus, und darauf vertrauen, dass das Wenige, das wir tun können, weiterwirkt.

Ich denke, mit einem solchen Vertrauen können wir gelassen in ein neues Jahrhundert ge­hen.

Brigitte Hoffmann, in einer Ansprache in der Tempelgemeinde Stuttgart am 9. Januar 2000

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe

(1. Korinther 16,14)

Die Jahreslosung für 2024 ist eine Aufforderung des Paulus in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth, die er gegründet hatte, als er sich bei seiner zweiten Missionsreise eineinhalb Jahre dort aufgehalten hatte. Auch wenn für Paulus die Hauptthemen Kreuzigung und Auferstehung Jesu sind, so spricht er etliche Probleme in der Gemeinde an - rivalisierende Gruppen, einige Missstände in und Anfragen aus der Gemeinde - aber in seinem Brief befindet sich auch das Hohelied der Liebe, ein überaus schöner, poetischer Hymnus über die Liebe. Die o.g. Aufforderung bildet, zusammen mit Ermahnungen, den Schluss des Briefes: Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark! Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen! (Lutherbibel 2017).

Es ist eine starke Forderung, wenn man sich überlegt, was sie konkret bedeutet: alles, was man tut, in Liebe zu tun. Wie oft am Tag tun wir Dinge unwillig, weil wir sie nicht gern tun, weil wir uns dazu verpflichtet fühlen, weil sie eben getan werden müssen! Aber es stimmt schon: würden wir all diese Dinge in Liebe zu dem, was wir da tun, verrichten, würde es uns selber besser gehen, hätten wir eine bessere Laune und es täte auch der Sache an sich ganz bestimmt gut.

Es wäre also in jeder Hinsicht vorteilhaft, unseren Alltag so anzugehen. Dennoch meine ich, dass Paulus seine Aufforderung vor allem für den Umgang miteinander gemeint hat - und auch das dürfte schwierig genug sein. In der Begegnung mit Menschen, die wir schätzen und lieben, mit denen wir einer Meinung sind und mit denen wir ähnlich empfinden, fällt es uns nicht schwer, liebevoll mit ihnen umzugehen oder ihnen einen Gefallen zu tun. Wie aber sieht es aus, wenn wir Vorbehalte einem Menschen gegenüber haben, mit seinem Wesen nicht klar kommen oder vielleicht schon einmal schlechte Erfahrungen mit ihm gemacht haben?

Aber ich denke, es geht auch nicht nur um einzelne Liebestaten, sondern um die Fähigkeit zur Liebe, um den Geist der Liebe, der in allem, was wir tun, zum Ausdruck kommen soll. Liebe ist nicht nur eine emotionale Erfahrung, sondern auch eine treibende Kraft. Liebe ist die Kraft, die von Gott kommt - sie ist keine Fähigkeit von uns Menschen, sondern eine von außen wirkende Energie, die wir empfangen und die wir weitergeben. So bildet die Liebe einen Kreislauf und beeinflusst die Qualität unseres Handeln, wenn wir uns ihr öffnen.

Karin Klingbeil

Wie hältst du es mit der Kirche?

Unter diesem Titel hat die EKD vor kurzem erste Ergebnisse der sechsten Kirchenmitglied­schaftsuntersuchung (KMU) vorgestellt. Es handelt sich dabei um eine erstmals 1972 durchge­führte Studie, mit der auch allmähliche Veränderungen im Meinungsbild der Befragten abgebil­det werden sollen. Neu war bei der Befragung 2022, die immerhin knapp 5.300 Personen erfasste, dass diesmal auch die Katholische Kirche mitmachte. Deshalb wurden diesmal nicht nur evangelische und konfessionslose Menschen befragt, sondern auch katholische und Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften. Dadurch und durch neue Befragungsmethoden haben sich auch der repräsentative Charakter der Studie und die Aussagekraft der Ergebnisse deutlich erhöht.

Diese lassen sich wie folgt zusammenfassen:

- Der Anteil der großen Volkskirchen (evangelisch und katholisch) an der Gesamtbevölke­rung sinkt weiter. Zählt man alle christlichen Konfessionen zusammen, wird ihr Anteil im Jahr 2024 voraussichtlich unter 50 Prozent sinken; im Jahr 1972 waren es noch 90 Prozent. Die Konfessionslosen werden voraussichtlich 2027 die absolute Mehrheit stellen.

- Aber nicht nur die Kirchenbindung geht zurück, sondern auch die Religiosität überhaupt. Bereits mehr als die Hälfte der Einwohner lassen sich als säkular bezeichnen; sogar ein Drittel der Kirchenmitglieder lässt sich dieser Gruppe zuordnen. Die sinkende Bindungsbereitschaft in Bezug auf die Kirchen geht einher mit einem schwindenden Vertrauen, das auch andere gesellschaftliche Gruppen (z.B. Parteien) betrifft. Aktuelle »Skandale« haben demgegenüber für die Befragten offenbar eine geringere Bedeutung.

- Zusehends verschwimmen auch die konfessionellen Unterschiede, d.h. spezifische kon­fessionelle Profile sind kaum noch auszumachen, beispielsweise was den Glauben an Jesus Christus oder die Häufigkeit von Kirchenbesuchen angeht.

- Die Reformerwartungen an die Kirchen sind erheblich, bei der katholischen Kirche aller­dings noch wesentlich höher als bei der evangelischen. Dementsprechend wurden bisherige Reformschritte in der katholischen Kirche als weit weniger zielführend und ausreichend be­zeichnet.

- Die »soziale Reichweite« der Kirchen ist nach wie vor hoch und geht im Unterschied zur »religiösen Reichweite« nicht zurück. Den Kirchen wird auch eine Schlüsselrolle für das ehren­amtliche Engagement und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zugebilligt. Dementspre­chend vertritt eine sehr große Mehrheit zum Beispiel die Meinung, dass die Kirchen Bera­tungsstellen für Menschen mit Lebensproblemen betreiben sollten.

- Die Studie kommt deshalb zum Ergebnis, dass die Kirchen sich künftig mehr auf die »so­ziale Kommunikation« konzentrieren sollten, da eine Engführung auf die Religion nicht der Nachfrage entspräche; zwei Drittel der Befragten sprachen sich sogar gegen eine Beschrän­kung der Kirchen auf religiöse Themen aus.

- Trotz zurückgehender Mitgliedszahlen und schwindender Religiosität werden den Kirchen wirksame Handlungsmöglichkeiten innerhalb dominierender gesellschaftlicher Trends zuge­schrieben; zum Beispiel sprachen sich die Befragten ganz überwiegend für den Einsatz der Kirchen für Geflüchtete aus. Die kirchlichen Sozialwerke (Caritas und Diakonie) genießen überdurchschnittliches Vertrauen, mehr als die Kirchen selbst.

Die Untersuchungsergebnisse der KMU sind auf der Homepage der EKD nachzulesen; dort finden sich auch eine Kurzfassung des Untersuchungsberichts sowie entsprechende Präsenta­tionen. Die Langfassung mit weiteren Differenzierungen soll noch in diesem Jahr erscheinen.

Jörg Klingbeil

Der Glockenturm vom Kirschenhardthof

Der Weiler Kirschenhardthof, in dem die Templer vor der Auswanderung nach Palästina 1856 ihre erste Probegemeinde gegründet hatten, verfügt zwar über keine Kirche, besitzt aber den­noch einen Glockenturm, der täglich zum Gebet läutet. Über dessen Geschichte berichtete die Backnanger Kreiszeitung am 8. Dezember 2023 in ihrem »Adventskalender«.

Glockenturm auf dem Kirschenhardthof (Foto: Andreas Butz,
 2013,
 Wikimedia Commons)
Foto: Andreas Butz, 2013, Wikimedia Commons

Die Entstehungsgeschichte des Glockenturms hängt eng mit Otto Ludwig zusammen, der in dem früheren Missionsschulgebäude der Templer aufge­wachsen war, das ursprünglich ebenfalls eine Glo­cke auf dem Dach trug. Diese war jedoch 1944 we­gen der Rohstoffknappheit für Zwecke der Rüs­tungsindustrie eingeschmolzen worden. Den »glo­ckenfreien« Zustand hätten die Bewohner des Burg­stettener Ortsteils aber nicht auf Dauer aushalten wollen, so Otto Ludwig. So kam es, dass er 1969 begann, Spenden für eine neue Glocke im Ort zu sammeln. Zunächst war geplant, die Glocke auf dem Dach des privaten Altersheims der Familie Sal­wey, des vormaligen Gemeindehauses der Templer, zu errichten. Dies erwies sich jedoch als undurchführbar; das Dach war für einen Turmaufsatz nicht stabil genug. Das Projekt wurde vorübergehend zurückgestellt; die eingeworbenen Mittel wurden in einem Fonds der Kirchengemeinde Erbstetten »geparkt«. Erst 2006 - der Glocken­fonds war inzwischen weiter angewachsen - beschloss der Gemeinderat den Bau eines eigen­ständigen Glockenturms. Otto Ludwig als gelernter Bautechniker zeichnete die Konstruktions­pläne; viele Menschen packten mit an und spendeten Material. Die vier tragenden Pfosten wurden aus einem einzigen Eichenstamm herausgesägt, der einst in einem Wald auf der Ge­markung stand. Die 140 kg schwere Glocke wurde in einer Karlsruher Glockengießerei gegos­sen. Insgesamt 20.000 Euro kostete schließlich das fertige Werk.

Der acht Meter hohe Holzturm mit der Glocke wurde am 6. August 2006 mit einem ökume­nischen Gottesdienst eingeweiht. Damit sei ein langgehegter Wunsch der Bürger in Erfüllung gegangen, denn diese hätten das Geläut insbesondere bei Beerdigungen vermisst, bestätigte auch die Pfarrerin der evangelischen Gemeinde Burgstetten.

Die hier gezeigte Aufnahme von Andreas Butz entstand übrigens im Jahr 2013. Im Hinter­grund links ist das ehemalige Gemeindehaus der Templer zu sehen, das leider noch im selben Jahr abgerissen wurde.

Jörg Klingbeil

Neues von der TSA

10 Jahre Templer Reflections

Die Reihe »Templer Reflections« der TSA ist zehn Jahre alt geworden. Sie hat seinerzeit, zusammen mit »Templer Talk« das erste Organ der australi­schen Temple Society, den »Templer Record«, ab­gelöst. Dieser erschien zuerst 1946 noch in Tatura, um die Verbindung zwischen denjenigen, die das Lager schon hatten verlassen können, und denjeni­gen, die noch im Lager waren, sicherzustellen. 2013 wurde eine Trennung von Gemeindenachrichten und Beiträgen zu gesellschaftspolitischen Themen, sehr häufig auch solchen religiöser und spiritueller Art, vorgenommen - auch wenn die Gemeindenach­richten »Templer Talk« ebenfalls immer mit einer Besinnung aufmachen.

Aus gegebenem Anlass wurde eine Auswahl der Beiträge aus den zehn Jahren »Templer Reflections« in zwei Bändchen veröffentlicht, die erste aus den Jahren 2013-2017, die zweite für die Jahre 2018-2023. Beide sollten 60 Seiten nicht überschreiten, was die Auswahl er­schwerte, denn immerhin waren ursprünglich vier Ausgaben pro Jahr geplant, die inzwischen auf drei reduziert worden sind. Jede Ausgabe widmete sich einem Thema, zu dem eine Gruppe von Ältesten mehrere Beiträge lieferte. So ist in diesen zehn Jahren eine beachtliche Sammlung von Themen und Beiträgen zusammengekommen, die einen Ausdruck des Den­kens der TSA darstellt, auch wenn natürlich jeder Beitrag ein persönlicher ist.

Meiner Meinung nach hat diese Trennung von Gemeindenachrichten und ‚Templer-Reflek­tionen‘ der TSA sehr gut getan, zumal auch die graphische Gestaltung beider Organe sehr ansprechend ist. Daher: herzlichen Glückwunsch zu diesem ‚Meilenstein‘!

10 Jahre CHAMPION

10 Jahre CHAMPION (Quelle: TSA)
Quelle: TSA

Auch die soziale Initiative CHAMPION (Community Hub And Meeting Place In Our Neighbourhood) ist zehn Jahre alt geworden - und immer umfang­rei­cher. Es begann mit einem Tafelladen, der von der Sozialarbeiterin der TSA in Melbourne, Martina Ea­ton, angeregt und eingerichtet wurde und der dann immer weitere Kreise zog. Zahlreiche freiwillige Helfer auch aus der Gemeinde sorgen für zwei Öffnungstage in der Woche und für die Beschaffung der Ware; außerdem bietet die Initiative inzwischen Unterstützung durch Beratung jeder Art an, hilft bei Behördengängen, der Arbeits­suche, im Umgang mit Computern - überhaupt kann sich jeder in seiner ganz persönlichen Not hierher wenden.

Ein beachtliches Konzept, das mit bewundernswertem Engagement geführt wird und viel Gutes tut - auch hier: herzlichen Glückwunsch zum zehnten Geburtstag!

Gedenken an Brigitte Hoffmann

Bereits am 2. September veranstaltete die TSA einen »Memorial and Afternoon Tea« im Gedenken an Brigitte Hoffmann. Verwandte, Älteste, Gemeindeleitung und -mitglieder würdigten auch in Australien die Leistungen für die Tempelgesell­schaft und die besondere Persönlichkeit von Brigitte.

Inzwischen hat Dot Ware die vielen Beiträge zusammengetragen und auch an mich geschickt. Wer Interesse an dieser Dokumentation hat, kann sich gerne bei mir melden.

Karin Klingbeil

Wiedervereinigungen

Templer-Verbindungen und Erinnerungen

Heute haben wir den Platz, einen Beitrag von Herta Uhlherr aus dem Templer Talk zu veröf­fentlichen, auch wenn er bereits im August erschienen ist. Es sind ihre Gedanken anlässlich des Zusammenkommens der zwischen 1936 und 1939 noch in Palästina Geborenen, die dann in der Internierung in Tatura in die Schule gekommen sind:

Das letzte Treffen der Jahrgänge 1936-1939 fand Ende April im Changing Seasons Café im TTHA statt. Es war toll, alte Freunde wiederzusehen, aber es war sehr schwer, sie zu hören. Ich hatte zugestimmt, die Tradition fortzusetzen, »ein paar besinnliche Worte zu sagen«, und werde sie hier wiedergeben, damit auch unsere weiter entfernten Klassenkameraden und andere Templer Freude daran haben könnten, sich an alte Freundschaften zu erinnern.

Zuerst denke ich an Dankbarkeit - wir sind dafür dankbar, dass wir noch am Leben sind, uns persönlich treffen und eine Mahlzeit miteinander einnehmen können. Für uns Oldies ist das keine Selbstverständlichkeit mehr. Wir denken an diejenigen, die nicht mehr zu uns kommen können, und an diejenigen, die gestorben sind, und senden ihnen Liebe.

Mein zweiter Gedanke ist der bemerkenswerte »Erbe«-Status unserer Gruppe. Sind diejenigen mit Geburtsdaten von 1936 bis 1939 die letzten Klassenkameraden, die in den Templer-Siedlungen im britischen Mandatsgebiet Palästina geboren wurden und in Tatura hinter Stacheldraht zur Schule gingen? Nach 80 Jahren immer noch Freunde, immer noch Lust auf Zusammensein?!

Wir sind diejenigen, die seit der Hälfte des Bestehens der Temple Society Teile der Gemein­schaftserinnerungen bewahren! Diese Erkenntnis veranlasste mich, die Wörter Tradition und Erbe zu verwenden. Nicht, dass eines der beiden Wörter heilig wäre - alles ändert sich, wie wir wissen. Für mich bedeuten diese Worte jedoch eine Verpflichtung, das Erbe unserer Vorfahren zum Wohle unserer Zukunft, der Zukunft der Temple Society, weiterzugeben, zum Segen für unsere Kinder und Enkelkinder und vielleicht für viele mehr.

Denkt an eure eigenen Eltern und Großeltern. Bezeichnenderweise haben sie sehr hart ge­arbeitet, um zum Gedeihen unserer Siedlungen in Palästina beizutragen und gleichzeitig für den Unterhalt ihrer Familien zu sorgen. Sie überlebten zwei Weltkriege, verloren alles, ver­brachten unverschuldet Jahre hinter Stacheldraht und bauten hier trotz des Traumas, das sie erleben mussten, eine neue Gemeinschaft auf. Und sie haben sich gegenseitig unterstützt. Dies ist bei Flüchtlingen und Vertriebenen keine Selbstverständlichkeit. Aber unsere Gruppe hatte große Vorteile: Großfamilien, einen gemeinsamen Glauben und eine Bestimmung, die sie trugen und stützten und mit denen wir aufwuchsen, zumindest in einem bestimmten Aus­maß; das Ziel, das Beste zu sein, was wir sein können (ehrlich, freundlich, fair, fleißig, zum Wohl der Allgemeinheit beitragend ...) und die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Es hilft, unseren Namen zu verstehen. Ein Tempel suggeriert einen Raum für das Heilige, in dem der göttliche, schöpferische Geist - Gott - bewusst erlebt werden kann, wenn man dafür offen ist. Und wo wir durch die liebevolle Verbindung zueinander und zum größeren Ganzen neue Energie tanken, empor gehoben und gestärkt werden können. Außerdem ist es ein Raum, in dem wir daran erinnert werden, zu vergeben, wo möglich, Wiedergutmachung zu leisten und unser Leben in Ordnung zu bringen.

Still, aber selbstbewusst bin ich stolz darauf, mich in der gespaltenen und zerstrittenen Welt von heute eine Templerin zu nennen und dazu beizutragen, Wellen des Lichts, der Liebe und der Freude auszusenden, die Frieden und Gerechtigkeit in der Welt ermöglichen.

Herta Uhlherr, Übersetzung Karin Klingbeil

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