Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 178/6 - Juni 2022

 

 

Dein Reich komme - Jon Hoffmann

Vom Kommen des Gottesreiches - Jörg Klingbeil

Gott ist Geist... - Karin Klingbeil

Einfach nur helfen - Judith Poppe

Klima-Kollekte für nachhaltige Projekte - Karin Klingbeil

Schwedische Templer im Heiligen Land (Teil 2) - Jakob Eisler

60 Jahre Genfer Abkommen - Jörg Klingbeil

Dein Reich komme

Vieles von dem, was 1952 die Menschen in einer Hochphase des Kalten Krieges erschreckte und ängstigte - die Spaltung der Welt in große politische Blöcke ebenso wie das gegenseitige Misstrauen und die immer stärkere militärische Aufrüstung - scheint in diesen unruhigen Tagen auf die weltpolitische Agenda zurückzukehren. Insofern wirkt der nachstehende Beitrag des damaligen Gebietsleiters Jon Hoffmann erstaunlich aktuell, lenkt er doch den Blick auf das übergeordnete, zeitlose Anliegen der Tempelgesellschaft, an das im Gründungsmonat wieder erinnert werden soll.

Die Menschheit bietet zu Beginn des Jahres 1952 ein seltsames Bild. Wir sehen große Blocks von Staaten, innerhalb derer die Menschen von den wirklichen Vorgängen in ihrem Bezirk nicht allzu viel und von denen im andern Block so gut wie nichts erfahren. Und diese Unkennt­nis über das Treiben und insbesondere die Absichten der andern (wie vielfach auch der eige­nen Regierung) wirkt sich in einer allgemeinen Unsicherheit und Sorge aus. Keiner traut dem andern, und da man nicht weiß, wessen man sich von dem andern zu versehen hat, heißt es vorbauen, dass ein etwaiger Angriff einen nicht unvorbereitet trifft. Also rüsten, Soldaten aus­bilden, Waffen bereitstellen usw. Und so kommt es, dass alle Fortschritte in der Beherrschung der Natur, die es den Menschen ermöglichen könnten, mit geringerer Anstrengung ihr Dasein zu fristen und Zeit und Energie frei zu bekommen für nicht zweckbedingte Forschung, für Lieb­habereien (in des Wortes weitester Bedeutung, d. h. für alle die Dinge, die dem sorgenfreien Menschen am Herzen liegen), statt dessen eingesetzt werden, um Vernichtung zu planen und vorzubereiten, dass geistige und materielle Kräfte fehlgeleitet werden und dass Mangel herrscht, wo wir Überfluss haben könnten. Und das Schlimmste ist, dass dabei die Bezie­hungen der Menschen untereinander vergiftet werden, dass das Misstrauen - auch innerhalb der einzelnen Blocks und Staaten - immer mehr um sich greift und als Ergebnis Zerfall oder zu seiner Abwendung rigoroseste Unterdrückung droht.

Gibt es keinen Ausweg aus dieser Verstrickung? Ist alles das »zwangsläufig«? Fast könnte man es meinen. Und doch gibt es eine Hilfe. Jesus Christus hat uns als Ziel der Menschheit das Reich Gottes gewiesen. Also einen Zustand, in dem die Menschen von dem Gottesgeist der Liebe erfüllt sind und in allen Dingen, vornehmlich aber in ihrer Einstellung zu den andern, danach streben, vollkommen zu werden, wie der Vater im Himmel vollkommen ist. Die Zustän­de in der Welt schienen allerdings von jeher schlecht dazu zu passen. So ist es nicht zu ver­wundern, dass in der Christenheit das Trachten nach dem Reich Gottes als eine Angelegen­heit des Seelenlebens des Einzelnen betrachtet, ja dass vielfach das Reich Gottes als eine rein innerliche Angelegenheit aufgefasst wurde, wofür man sich auf das bekannte Wort berief: »Das Reich Gottes ist inwendig in euch« (die Übersetzung ist übrigens nicht einmal sprachlich eindeutig: das Wort kann nach dem griechischen Text ebensowohl bedeuten: »... ist in eurer Mitte«, nämlich mit Jesus und den Seinen). Die Berechtigung einer solchen Betrachtungswei­se soll nicht bestritten werden, aber sie erschöpft den weiten Umfang der Idee des Gottesrei­ches nicht. Es stammt zwar nicht aus dieser Weit (so lautet die richtige Übersetzung des viel­zitierten Wortes »mein Reich ist nicht von dieser Welt«), aber es ist für diese Welt bestimmt. Darauf muss immer wieder hingewiesen werden. Es ist das eine der Aufgaben der Tempelge­sellschaft. Übrigens nicht der Tempelgesellschaft allein. Die Tempelgesellschaft hat aber von Anfang an noch einen sehr wichtigen Gedanken herausgestellt: wem es ernst ist mit der Ver­wirklichung des Gottesreiches, der wird sich darüber klar werden, dass der Einzelne für sich allein hier wenig ausrichten kann, dass nur eine Gemeinschaft gleichgesinnter Menschen weiterkommen und den Nachfolgenden den Weg ebnen kann. Daher steht am Anfang der Tempelbewegung der Ruf: Sammlung des Volkes Gottes, d. h. Zusammenschluss der Einzel­nen, die den Gedanken des Gottesreiches erfasst haben und von ihm erfasst worden sind, zur Gemeinschaft, Bildung von Gemeinden, die durch das von allen anerkannte und mit heißem Bemühen erstrebte Ziel geeint werden. Diese Sammlung ist u.a. ein Vorgang im Raum, aber sie ist an keinen bestimmten Ort gebunden, das Gottesreich ist das Ziel der ganzen Mensch­heit überall auf der Erde. Aber es kann nur kommen, wenn es wirklich der Mittelpunkt unseres Denkens und Strebens ist. Wenn erst kleine und dann immer größer werdende Gemeinden von diesem Gedanken erfüllt und beherrscht sind, dann werden schließlich von selbst die Schwierigkeiten entfallen, die jetzt noch das Zusammenleben der Menschen und der Staaten bedrohen. Nur auf diesem Weg, in der Nachfolge Jesu Christi, liegt die Hilfe. Gleichgültig ob wir in Deutschland oder in Australien oder sonst wo leben, unser oberstes Ziel, unsere innig­ste, wichtigste Bitte heißt: Dein Reich komme.

Jon Hoffmann (aus: »Warte des Tempels«, Januar 1952, S. 1)

Vom Kommen des Gottesreiches

Jesus wird von den Pharisäern mal wieder auf die Probe gestellt. Als angeblicher Messias müsse er ja wohl wissen, wann denn das Reich Gottes kommt. Jesus erwidert:

Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch (Lukas 17,20-21).

Zum Hintergrund muss man wissen, dass die strenggläubigen Pharisäer damals einen gro­ßen Eifer darin entwickelten, den Anbruch der Gottesherrschaft und des Friedensreiches in göttlicher Herrlichkeit möglichst genau zu ermitteln, etwa durch Sterndeutung. Denn das grie­chische Wort für »beobachten« meint vor allem Sterndeutung. Jesus stellt demgegenüber klar, dass sich der Zeitpunkt für das Gottesreich nicht durch irgendwelche Vorzeichen und Berech­nungsmethoden ermitteln lässt. Auch lasse sich der Ort des Auftretens nicht benennen. Jesus schneidet alle Fragen nach dem Wann und Wo dadurch ab, dass er das Reich Gottes mitten unter den Fragestellern verortet.

Es ist interessant zu sehen, welche unterschiedlichen Lesarten und Interpretationen diese zwei kurzen Sätze erfahren haben. Luther hat den zweiten Satz ursprünglich übersetzt: »Se­het, das Reich ist inwendig in euch.« Diese Interpretation hat zu dem Schluss verleitet, beim »Reich Gottes« gehe es (nur) um Innerlichkeit und eine bestimmte Haltung. Der Theologe Heinz Zahrnt hat dies einen »neuhumanistischen Mythos« genannt und formuliert: »Das Reich Gottes ist inwendig in euch - das war das Wort Jesu, das man besonders liebte und an das man sich hielt. Und so wird das Reich, das Jesus verkündigt, zu einem inneren Reich der Werte, des Wahren, Guten und Schönen. Getragen von den Menschen, die in diesem Sinne den Willen Gottes tun, entfaltet es sich als eine innerweltliche Größe in allmählichem Fort­schritt zu immer höherer Vollendung.«

Später wurde die Stelle übersetzt: »Das Reich Gottes ist in euren Händen«, was an Theresa von Avila erinnert, die gesagt haben soll, dass Gott durch »unsere Hände« wirkt; ähnlich hat es auch Dorothee Sölle einmal ausgedrückt. Soll heißen, Gott wirkt durch unsere Taten. Das ist schon näher an der Haltung der frühen Templer vor 160 Jahren, heißt es doch in der 'Süd­deutschen Warte' über die Gründungsversammlung am 19./20. Juni 1861: »Die Versammlung war sich einig darüber, dass es zwar einzig die Sache des Herrn Jesus Christi selbst ist, sei­nen Tempel zu bauen und sein Reich aufzurichten, dass er es aber nicht tut, wenn nicht Men­schen sich zur Ausführung seiner Pläne entschließen.« Bis heute meint die Tempelgesell­schaft, wenn sie vom Reich Gottes spricht, die Herrschaft Gottes in dieser Welt, also das Reich Gottes auf Erden, ohne aber deswegen die transzendentale Dimension dieses Begriffes zu leugnen.

Und schließlich betont die aktuelle Formulierung »das Reich Gottes ist mitten unter euch« mehr das Element der Gemeinschaft; das erinnert an die Zusage Jesu im Matthäus-Evan­gelium »Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.« (Mt 18,20). Auch diese Betrachtungsweise kann von der Tempelgesellschaft uneingeschränkt geteilt werden.

Es ist müßig zu fragen, welche Übersetzung näher an dem ist, was Jesus gemeint hat, und erst recht zu überlegen, was er tatsächlich gesagt hat. Der genaue Wortlaut lässt sich heute nicht mehr feststellen. Alle drei Formulierungen haben ihre Berechtigung, weil Menschen es so erlebt und erfahren haben, dass nämlich Gott in ihnen, durch sie und zwischen ihnen wirksam wird. Man muss auch nicht entscheiden, ob die Rede vom Gottesreich nur apokalyptisch auf ein nahes Weltende und das Weltgericht gemünzt war. Jesus, der seine Zuhörer immer wieder warnte, dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen sei, lebte sicher in einer deutlichen Endzeiterwartung, sonst hätte er nicht zu seinen Zuhörern einmal gesagt, sie würden den Tod nicht schmecken (Mt 16,28). Das ist ein Punkt, in dem Jesus sich offenkundig geirrt hat. Ver­mutlich hat die Endzeiterwartung auch einen Einfluss auf die Unbedingtheit und Radikalität seiner ethischen Forderungen gehabt. Doch würde es meines Erachtens die Reich-Gottes-Vorstellung Jesu zu stark entwerten, wenn man sie nur aus dem Blickwinkel einer apokalypti­schen Sichtweise interpretiert. Die zentrale Bedeutung der Reich-Gottes-Lehre für Jesus, wie er sie in zahlreichen Gleichnissen seinen Zuhörern nahegebracht hat, würde so aus dem Blick geraten. Um es mit Albert Schweitzer auf den Punkt zu bringen: »Das Christentum ist seinem Wesen nach Religion des Glaubens an das Kommen des 'Reiches Gottes'. ... Wir müssen uns bemühen, dass es Reich Gottes in uns werde oder der Geist des Reiches Gottes durch uns zur Wirkung in der Welt komme, zur Vorbereitung auf das Reich, das Gott anbrechen lassen wird.« Diese ethische Weltvollendung, wie sie Schweitzer in die Formel der 'Ehrfurcht vor dem Leben' gefasst hat, ist leider durch die Christologie und die Dogmatik der frühen Kirche, die den Sühnetod Jesu am Kreuz und die Auferstehung in den Mittelpunkt gestellt haben, überla­gert worden.

Christian Rohrer, der 1934 in Jerusalem verstorbene Tempelvorsteher, hat die Ausrichtung der Tempelgesellschaft in dieser Hinsicht in ganz einfachen Worten so beschrieben:

»Wir glauben, dass die Liebe zu den Mitmenschen und die Barmherzigkeit gegen alle Ge­schöpfe Gottes die beste Art ist, Gott zu lieben und zu dienen, und der einzige Weg, das Ziel zu erreichen, nämlich: ein Reich des Glücks und des inneren Friedens aufzurichten, ein Reich, das dem Willen Gottes entspricht, das wir deshalb 'Reich Gottes' nennen.« Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Jörg Klingbeil, aus der Ansprache zum Tempelgründungstag am 27. Juni 2021

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Gott ist Geist...

(Johannes 4,24)

Der Abschnitt im Johannesevangelium (4,1-24), überschrieben mit "Jesus und die Samarite­rin", in dem ein Gespräch zwischen Jesus und einer Bewohnerin der Stadt Sichem am Jakobs­brunnen beschrieben wird, hat in den anderen Evangelien keine Parallele. Er zeigt etliche symbolische Elemente auf, spricht besonders aber auch die gegensätzlichen Auffassungen von Juden und Samaritern an. Angefangen damit, dass Jesus - wohl um den Schriftgelehrten noch aus dem Weg zu gehen - den direkten Weg nach Galiläa durch Samaria wählt, was kein orthodoxer Jude getan hätte, vermeidet Jesus auch nicht den Kontakt zu den Samaritern. Weil die hier lebende Bevölkerung sich mit den Assyrern vermischt und außerdem ein Statthalter einen dem Heiligtum in Jerusalem nachgebildeten Tempel samt selbständiger Priesterschaft er­rich­tet hatte, war die religiöse Loslösung von Jerusalem vollzogen, und so galten die Sa­mariter den frommen Juden als Ketzer, gar als unrein und wurden samt ihrem Land von diesen gemieden.

Nicht nur, dass Jesus an dem geschichtsträchtigen Ort des Jakobsbrunnens eine Samarite­rin, die zum Wasserholen kommt, anspricht und um Wasser bittet, - das widerspricht der übli­cherweise distanziert bis feindseligen Haltung zwischen Juden und Samaritern -, auch die Tat­sache, dass Jesus mit einer Frau spricht, ist ein Tabubruch. Darüber hinaus entwickelt sich das Gespräch in eine eigentümliche Richtung: eigentlich ist es ja Jesus, der die Frau durstig um Wasser bittet, andererseits ist er derjenige, der ihr 'lebendiges Wasser' anbietet, das ihren Durst auf ewig stillen werde.

Die Samariterin erkennt Jesus als Propheten und fragt ihn nach der alten theologischen Streitfrage zwischen Juden und Samaritern: welcher denn nun der rechte Ort der Gottesver­ehrung sei - darauf geht Jesus nicht ein, sondern spricht von der Zeit, da keinem Kult, weder dem jüdischen noch irgendeinem anderen, irgendeine Bedeutung mehr beigemessen wird. Die Frage der Samariterin ist ihre ureigene Frage danach, wie und wo Gott ihr begegnet. Jesu Ant­wort führt vom Äußerlichen zum Innerlichen - weil Gott Geist ist, ist der Ort der Gottesbegeg­nung nicht draußen in der äußerlichen Welt an einem geographischen Punkt, sondern dort, wo der Mensch zu sich selbst gekommen ist.

Dann ist Gottesdienst nicht nur das, was wir 'Saal' nennen und was in den Kirchen stattfin­det, sondern das ganze Leben des Glaubenden im umfassenden Sinne - so, wie es Paulus an seine Korinther geschrieben und das als eine der Bibelstellen zur Namensgebung der Tempel­gesellschaft geführt hat: Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?

Karin Klingbeil

Einfach nur helfen

Der Israeli Buma Inbar fährt Palästinenser nach Tel Aviv ins Krankenhaus und Hilfsgüter nach Gaza. Seine Mission: Frieden. Denn sein Sohn wurde im Libanon getötet.

Als Buma Inbar im November 1995 mit seiner Tochter zur Friedenskundgebung nach Tel Aviv fuhr, hatte er gerade seinen ältesten Sohn Yotam verloren. Drei Wochen zuvor war er im Liba­non in einem veralteten Panzer von einer Landmine getötet worden. Inbar wurde depressiv, konnte nur mit Mühe und Medikamenten noch Schlaf finden. Doch an diesem Tag hatte er ein Ziel: Seinem Parteikollegen und Bekannten, dem damaligen Ministerpräsidenten Yitzhak Ra­bin, einen Brief zu überreichen. »Ich hoffe und ich glaube, dass mein Sohn das letzte Opfer dieses fürchterlichen Konfliktes gewesen sein wird« - das war die Botschaft des Briefs...

Judith Poppe

 

Dieser Artikel ist für die Internetausgabe der »Warte« leider nicht freigegeben. Lesen Sie den vollständigen Artikel in der gedruckten Ausgabe der »Warte« oder in »Publik-Forum«, kri­tisch - christlich - unabhängig, Oberursel, Ausgabe 2/2022, Seite 62.

Klima-Kollekte für nachhaltige Projekte

Der kirchliche Kompensationsfonds bietet seit mehr als zehn Jahren Organisationen, Institutio­nen, Unternehmen und Einzelpersonen die Möglichkeit, freiwillig unvermeidbare Emissionen zu kompensieren und bietet damit einen Weg zu mehr Klimaschutz und -gerechtigkeit. Pro Tonne CO2 fließen 25 Euro in Klimaschutzprojekte für Energieeffizienz und erneuerbare Ener­gien im globalen Süden. Es sind Projekte, die die Umsetzung der Ziele für eine nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen unterstützen und somit auch die Armut bekämpfen.

Auf der Internetseite der Klima-Kollekte gGmbH kann man berechnen, wie viel CO2 bei­spielsweise durch einen Flug, Fahrten mit dem Auto oder auch eine Veranstaltung anfällt und mit welchem Betrag dies kompensiert werden kann.

Karin Klingbeil

Schwedische Templer im Heiligen Land (Teil 2)

Zusammen mit der Familie Skans waren auch die Familie Anderson und einige Wochen darauf Josef Nyström nach Beirut gekommen. Mit beiden segelte Gustav Bulling nach Saida, wo sie Frau Winroth leidend antrafen, während ihr Gatte sich noch auf dem Gut Suedije befand. Nur wenige Stunden nach ihrem Eintreffen kam Bruder Skans fieberkrank vom Gut zurück und musste gepflegt werden. Bruder Anderson, Nyström und Bulling brachen nun nach dem Gut auf, welches sie nach fünfstündigem Ritt erreichten. Dort trafen sie Winroth bleich und matt an. Er hatte inzwischen eingesehen, dass der weitere Verbleib auf dem Gut wegen der schlechten gesundheitlichen Bedingungen unmöglich war, und den Entschluss gefasst, zusammen mit 10 - 15 schwedischen Familien, welche er kommen lassen wollte, den nahen Gebirgsrücken zu besiedeln und von dort aus dann das Gut zu bewirtschaften.

Grabstein von Ernst August Winroth auf dem ev. Friedhof in Beirut (Foto: Arno Krauß)
Foto: Arno Krauß

Das Eintreffen der schwedischen Brüder war ihm deshalb durchaus keine freudige Überraschung. Da Josef Nyström bereit war, auf dem Gut weiter zu ar­beiten, stellte ihn Bruder Winroth ein, während Bru­der Anderson sich nicht zur Ansiedlung entschlie­ßen konnte und vorzog, bei Bruder Gustav Bulling in Beirut zu arbeiten. Nach kurzem Aufenthalt kehr­te er nach Beirut zurück, holte dort die Sachen von Bruder Nyström ab und trat an den folgenden Tagen sein Amt an. Die fortdauernden Anstrengungen und der Aufenthalt auf Suedije führten bei Ernst August Winroth zu anhaltendem Fieber und Dysenterie. Er fühlte sich in Saida so unwohl, dass er beschloss, sich in Beirut zur erholen. Zum Reiten war er zu schwach und vertraute sich deshalb seinem Segelboot an, mit dem erst nach einem Tag und zwei Nächten Beirut erreichte. Müde und geschwächt traf er bei Bruder Gustav Bulling ein, welcher ihn fünf Tage pflegte. Auf seinen Wunsch brachte man ihn dann ins deutsche Johanni­ter-Hospital, in welchem er liebevoll von den Diakonissen und Ärzten umsorgt wurde. Trotz­dem verschied er nach sechs Tagen - wie berichtet wurde - bei klarem Bewusstsein in der Hoff­nung auf das ewige Leben. Winroth war nur 30 Jahre alt geworden. Die Grabreden wur­den von Bruder Dr. Erich Nyström (auf Schwedisch) und von dem Tempelältesten in Beirut, Karl Heinrich Saalmüller, (auf Deutsch) gehalten. Saalmüller würdigte den Verstorbenen, der auf dem deutsch-protestantischen Gottesacker in Beirut beigesetzt wurde, als »einen eifrigen Mitarbeiter«, den »der Tempel durch sein Dahinscheiden verloren« habe.

Dr. Nyström, Bulling und Anderson übernahmen nun die schwere Aufgabe, der kranken, ah­nungslosen Witwe in Saida die Todesnachricht zu überbringen. Nachdem die notwendigen An­gelegenheiten bei dem dortigen schwedischen Konsulat geregelt worden waren und Nyström und Bulling die Vormundschaft für die Kinder sowie die Verwaltung des Besitztums übernom­men hatten, reisten alle nach Beirut ab. Die älteren Kinder nahm Dr. Nyström in Pflege, wäh­rend die zwei Säuglinge nebst Ammen, die kranke Witwe und eine schwedische Dienerin bei Bruder Bulling Unterkunft fanden. Der zu Rate gezogene Arzt erklärte Frau Winroth in Anbe­tracht ihres Lungenleidens sogleich für unheilbar krank und gab die Prognose ab, dass sie nur noch ein paar Wochen leben werde.

In den darauffolgenden Tagen reisten nun, zusammen mit dem schwedischen Konsul in Sai­da, Dr. Erich Nyström, Gustav Bulling und Anderson nach Suedije, um den Zustand des Gutes zu untersuchen und die Bücher zu prüfen. Bruder Josef Nyström wurde als Verwalter einge­setzt; dieser holte Bruder Bulling zur Unterstützung, außerdem während der Erntezeit drei wei­te­re Templer aus Haifa. Ende Juni kehrten zwei der deutschen Templer nach Haifa zurück. Auch musste Bruder Josef Nyström krankheitsbedingt das Gut verlassen und lag bei seinem Bruder, dem Arzt Dr. Erich Nyström, in Beirut einige Wochen schwer krank darnieder. Bruder Bulling setzte nunmehr den dritten deutschen Bruder aus Haifa, E. Breining, zum Verwalter ein und sah sich nach einer Unterstützung für ihn um, um das Gut während der Erntezeit nicht un­beaufsichtigt zu lassen. Er schickte einen zugereisten beschäftigungslosen jungen Deutschen namens C. Borkmann nach Suedije, der allerdings schon nach einigen Tagen wieder fieber­krank zurückkehrte und von den Schwestern des Johanniterhospitals sechs Wochen liebevoll gepflegt wurde.

An seiner Stelle ging schließlich ein deutscher Kaufmann, H. O. Försterling, welcher in Bei­rut ebenfalls keine Stelle hatte finden können, hinunter, und arbeitete nun mit Breining bis An­fang September zusammen. Je weiter aber der Herbst vorrückte, desto gefährlicher wurde der Aufenthalt auf dem Gut bei Saida wegen der sich verschlechternden klimatischen Bedin­gungen. Beide wurden krank und Försterling wurde so schwach, dass er das Gut verlassen musste. Er wandte sich dem Hospital in Beirut zu und wurde von den Schwestern gepflegt, so dass er schon nach einer Woche das Hospital fieberfrei verlassen konnte. Ein junger deut­scher Maurer aus Haifa sollte Anfang Juli einen kleinen Backofen einbauen und verschiedene Reparaturen vornehmen, wurde aber schon kurz nach Beginn der Arbeiten fieberkrank, wes­halb er Suedije verließ und - wie von dort berichtet wurde - sich in Haifa noch einige Wochen lang arbeitsunfähig aufhielt. Als Gustav Bulling am 25. Juni 1878, nachdem er E. Breining als Verwalter eingesetzt hatte, von Suedije zurückkehrte, fand er Frau Winroth sehr schwach vor. Der Arzt hatte bereits ihr baldiges Ableben angedeutet und auch Bulling versuchte sie scho­nend darauf vorzubereiten. Obwohl sie noch Lebenshoffnung hatte, ließ sie doch von einem weiteren Schweden, Dr. Landberg, ihren letzten Willen aufschreiben. Er sollte sich zudem um ihre Kinder kümmern, die im selben Glauben wie sie und ihr Mann erzogen werden sollten. Auch sprach sie den Wunsch aus, dass ihre Kinder im Falle ihres Ablebens nach Schweden zurückkehren sollten. Der Prognose des Arztes entsprechend verschied sie am 27. Juni 1878 im Alter von 37 Jahren und wurde neben ihrem Gatten auf dem protestantischen Friedhof in Beirut beerdigt.

Von der anstrengenden Aufsicht über Suedije und der fortwährenden Aufregung wurde Bul­ling so leidend und fieberkrank, dass er einige Wochen das Bett hüten musste. Die Mutter von Bruder Winroth entsprach dem Wunsch ihrer verstorbenen Schwiegertochter und schickte deshalb am 11. September die fünf Kinder unter Aufsicht von Nyström und zwei Dienerinnen nach Schweden zurück.

Neben allem Unglück, das die schwedische Kolonisation heimsuchte, bot das Jahr 1878 auch für die landwirtschaftliche Tätigkeit der Siedler etliche Fehlschläge. Es regnete wenig, der heiße Wind ließ viel Frucht bereits während des Wachstums verdorren und verhinderte zudem weiteres Wachstum. Es stellte sich heraus, dass die weitere Bewirtschaftung des Gutes der schwedischen Templer nur unter erheblichen Opfern möglich sein würde, so dass es mit dem Einverständnis der Beteiligten zunächst verpachtet und nach einem Jahr schließlich verkauft wurde. Der Erlös wurde dem Vormund der Kinder Winroths, die nach Schweden zurückkehr­ten, übergeben.

Nur fünf Jahre lang, von 1873 bis 1878, dauerte der Siedlungsversuch der schwedischen Templer im Orient, der nach mehreren Todesfällen scheiterte. In einem Nachruf für Ernst Au­gust Winroth (»Warte des Tempels« Nr. 24 vom 12. Juni 1879) bezeichnete es Christoph Hoff­mann, der andere Mitgründer der Tempelgesellschaft, zwar als ungewiss, ob dessen Sied­lungsversuch von anderen Schweden wieder aufgegriffen werden würde; entsprechende Hoff­nungen zerschlugen sich indessen. Noch vor dem Tod Georg David Hardeggs im Juli 1879 in Haifa waren fast alle Auswanderer gestorben oder nach Schweden zurückgekehrt. Die Pläne Hardeggs, schwedische Templer in großer Zahl nach Haifa zu bringen, hatten sich nicht erfüllt. Auch der Versuch der Wenigen, die kamen, scheiterte aufgrund der vielen Schwierigkeiten, die damals mit einer Ansiedlung im Orient verbunden waren. So musste auch die Hoffnung der Templergemeinde Beirut, eine landwirtschaftliche Kolonie in ihrer Nähe zu gründen, kurz nach dem Start wieder begraben werden, wie es Saalmüller damals beschrieb.

Anmerkung: Der vorstehende Beitrag beruht hauptsächlich auf der Schilderung der Ereignisse durch den Schweden Gustav Bulling in der »Warte des Tempels« Nrn. 44 und 45/1879. Weite­re Quellen: G.D. Hardegg, Tagebuch einer Reise von Haifa bis nach Schweden und zurück, Marbach 1874; Conrad Schick, Studien zur Colonisirung des Heiligen Landes, Österreichische Monatsschrift für den Orient, Nr. 7 (1881), S. 3 - 6; Alex Carmel, Die Geschichte Haifas in türki­scher Zeit, Wiesbaden 1975; Robert Murray, Till Jorsala - Svenska Pilgrimsresor och andre färder till det Heliga landet under tusen år, Stockholm 1984 (3. Aufl.); Ruth Kark, Sweden and the Holy Land - pietistic and communal settlement, Journal of Historical Geography, 22, 1 (1996) 46 - 67; Helga Dudman/Ruth Kark, The American Colony Scenes from a Jerusalem Sa­ga, Jerusalem 1998.

Dr. Jakob Eisler

AUS DEM ARCHIV

60 Jahre Genfer Abkommen

über die Entschädigung für deutsche Vermögensverluste in Israel

Vor genau 60 Jahren, am 1. Juni 1962, wurde in Genf nach jahrelangen Verhandlungen ein für die Tempelgesellschaft bedeutsames Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel unterzeichnet. Es regelte die Entschädigung, die der Staat Israel für das deutsche weltliche Vermögen zu zahlen hatte, das den Palästinadeutschen verloren gegangen war. Bereits 1947 hatten die Regierungen Großbritanniens, des Mandatsgebiets Palästina und Australiens in einem Abkommen die Liquidierung des deutschen Vermögens in Palästina und dessen Auszahlung an Australien beschlossen. Die meisten Templer aus Palästina waren ja 1941 nach Australien deportiert worden; deshalb sollte Australien für die damit verbundenen Belastungen entschädigt werden. Zu einer Veräußerung des deutschen Besitzes war es vor dem Ende des britischen Mandats aber nicht mehr gekommen; eine Ausnahme bildete Saro­na, das im Herbst 1947 für über 3 Mio. britische Pfund (£) an die Stadt Tel Aviv und einige an­dere Kommunen verkauft worden war. Ein Teilbetrag von ca. 1,3 Mio. £ war zwar noch an den Treuhänder der Mandatsregierung ausgezahlt, der Scheck für den Rest aber nach der Grün­dung des Staates Israel am 14. Mai 1948 gesperrt worden.

Die australische Regierung, die sich immer wieder sehr für die palästinadeutschen Einwan­derer einsetzte, hatte bereits im Oktober 1949 einen Treuhandfonds für die Tempelgesellschaft (»Temple Society Trust Fund«) errichtet, dessen Dienststelle im Geschäftsbereich des Einwan­derungsministeriums von Harry T. Temby geleitet wurde. In Israel wurde fast zeitgleich ein Treuhänder für den feindlichen Besitz (»Custodian of Enemy Property«) eingesetzt, der die un­eingeschränkte Verfügungsgewalt über die noch nicht veräußerten deutschen Vermögenswer­te übernahm. Außerdem wurde - trotz intensiver diplomatischer Bemühungen der australi­schen Regierung - ein Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, der auf eine entschädigungslose Enteignung des Besitzes der Palästinadeutschen abzielte.

Bewegung kam in die Sache erst durch die Aufnahme direkter Verhandlungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel über eine Entschädigung wegen der Verbrechen des Naziregimes an den Juden. Hieraus resultierte das Luxemburger Abkommen vom 10. Septem­ber 1952, in dem Deutschland die Lasten anerkannte, die Israel durch die Aufnahme und An­siedlung Hunderttausender jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland und Europa entstanden wa­ren. Im Zuge der Reparationsverhandlungen sprachen die Vertreter der Bundesregierung - un­terstützt von australischer Seite - auch das Thema Entschädigung wegen deutscher Vermö­genswerte in Israel an. Nach einigem Zögern ermächtigte die israelische Regierung ihre Dele­gation, diese Ansprüche grundsätzlich anzuerkennen. So kam es am 10. September 1952 in Luxemburg zu einem weiteren Regierungsabkommen, in dem sich die israelische Regierung grundsätzlich verpflichtete, für das in Israel verbliebene deutsche weltliche Vermögen eine Ent­schädigung zu zahlen. Die Verhandlungen, an denen von Seiten Australiens H. T. Temby und von der Tempelgesellschaft Wilhelm Aberle teilnahmen, sollten bereits im folgenden Jahr ab­geschlossen sein, zogen sich aber im Ergebnis fast ein Jahrzehnt hin.

Bereits in grundsätzlichen Fragen lagen die Standpunkte weit auseinander: Weder bezüg­lich der Werte des deutschen Vermögens noch bezüglich des maßgeblichen Zeitpunkts der Wertermittlung kam es zu einer Einigung: Während die deutsche Delegation von dem Markt­wert des deutschen Vermögens im Jahr 1947, kurz vor dem Ende des Mandats, ausging, legte die israelische Regierung die Steuerwerte von 1939 zugrunde. Belastend kam hinzu, dass die israelische Seite zwischenzeitlich den Vorwurf erhob, die deutschen Siedler hätten sich viel­fach als aktive Nationalsozialisten betätigt, was bei der Bemessung zu berücksichtigen sei. Dem trat der australische Beobachter entschieden entgegen; auch der deutsche Delegations­leiter, Ministerialdirektor Dr. Bernhard Wolff, verwahrte sich dagegen. In informellen Gesprä­chen kam man überein, wenigstens gewisse jährliche Vorauszahlungen an die Palästinadeut­schen zu tätigen. Dabei wurde ein Betrag von 3,2 Mio. £ (38 Mio. DM) zugrunde gelegt, aus dem Israel bis 1961 immerhin 60 % (= 22,8 Mio. DM) an Vorauszahlungen leistete. Die Zahlun­gen wurden jeweils dem durch die deutschen Wiedergutmachungsleistungen gespeisten Gut­haben entnommen, über das die bei der Bundesregierung akkreditierte Israel-Mission bei der Deutschen Bundesbank verfügte. Dadurch konnten die Anspruchsberechtigten in Deutschland und Australien wenigstens kleine Teilbeträge für ihr in Israel zurückgelassenes Vermögen er­halten.

Um die tatsächlichen Vermögenswerte zu ermitteln, wurde im August 1955 schließlich in beiderseitigem Einvernehmen ein unabhängiger Gutachter, der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. h.c. Karl Brandt von der Stanford University (Kalifornien) eingeschaltet, der den ehe­maligen deutschen Grundbesitz in Israel mehrfach in Augenschein nahm und zu Aktenstudien auch nach Australien reiste. Außerdem wurde ein renommierter Völkerrechtler der Universität Rom (Prof. Dr. Robert Ago) wegen des maßgeblichen Stichtags befragt. Erst im November 1958 wurden die offiziellen deutsch-israelischen Verhandlungen wieder aufgenommen. Erneut kam es schon in Grundsatzfragen zu keiner Einigung. Insbesondere hielt die israelische Seite eine Entschädigung auf der Grundlage des von Prof. Brandt mit ca. 11 Mio. £ ermittelten Wer­tes für Grundbesitz für völlig überzogen und stellte lediglich einen Betrag von etwa 3 Mio. £ in Aussicht.

Schließlich wurde zur Schlichtung als Mediator Prof. Dr. Max Sørensen von der Universität Aarhus in Dänemark eingeschaltet, der am 21. Mai 1962 den in Genf zu Verhandlungen wei­lenden Delegationen seinen Vergleichsvorschlag unterbreitete: 45 Mio. DM (ausgenommen Sarona), abzüglich der Vorauszahlungen, keine Entschädigung für Zinsverluste. Die deutsche Seite zeigte sich sehr enttäuscht, lag doch der Vorschlag noch weit unter der Hälfte des von Prof. Brandt errechneten Wertes. Nach eingehenden Beratungen mit den in Genf anwesenden Vertretern der Tempelgesellschaft (Wilhelm Aberle, Dr. Richard Hoffmann und Christian Mes­serle) wurden zwar noch einige Nachbesserungen bezüglich des beweglichen Vermögens und des »Saronaschecks« erzielt. Letztlich akzeptierte die Bundesregierung aber in Absprache mit der australischen Regierung den nachgebesserten Vergleichsvorschlag, obwohl die Vertreter der Tempelgesellschaft davon abrieten. Die Regierungsvertreter erwarteten jedoch keine wei­teren Zugeständnisse seitens des israelischen Staates. Das Abkommen wurde am 1. Juni 1962 in Genf unterzeichnet. Insgesamt sollte nun die israelische Seite 54 Mio. DM (nach Ab­zug der Vorauszahlungen also noch 31,2 Mio. DM) in zwei Jahresraten bis Ende 1963 zahlen, was dann auch pünktlich geschah.

Bei der Abwicklung der ab 1956 geleisteten Abschlagszahlungen sowie der Schlusszahlun­gen spielte in Deutschland der 1955 reaktivierte »Verein der Palästinadeutschen« unter der Leitung von Wilhelm Aberle eine maßgebliche Rolle. Die Verteilung an die Anspruchsberech­tigten erfolgte auf der Grundlage von Schlüsselzahlen, die von den in Australien bereits 1948 gebildeten sog. Kolonieausschüssen in mühevoller Arbeit errechnet worden waren. Dabei wur­den keine Marktpreise, sondern Verhältniswerte der einzelnen Besitzungen in den Kolonien zueinander, aber auch zwischen den Kolonien ermittelt. Diese relativen Werte konnten nun bei der Verteilung der Entschädigungen zugrunde gelegt werden. Innerhalb der Tempelgesell­schaft wurde ein Verhältnis von 40 (Deutschland) zu 60 (Australien) festgelegt.

Wenn man die Berichte über das Verhandlungsergebnis nachliest (z.B. von Jon Hoffmann in der »Warte des Tempels« Nr. 6/1962, Seite 6), so spürt man zwar die maßlose Enttäuschung vieler Betroffener über einen als ungerecht empfundenen Kompromiss, andererseits beein­druckt aber auch das Bemühen der Verantwortlichen, den Blick nach vorne zu richten und Ver­ständnis für die israelische Seite aufzubringen. Hervorzuheben ist jedenfalls, dass die Vertei­lung der Entschädigungszahlungen - soweit ersichtlich - ohne gerichtliche Auseinandersetzun­gen über die Bühne ging; das nötigt auch heute noch Respekt ab. Die beiden Abkommen von 1952 und 1962 sind übrigens im Internet nachzulesen - einschließlich einer Grundstücksliste (Bundestagsdrucksache IV/2516 vom 12. August 1964).

Jörg Klingbeil

Aktuell
Tempelgründungstag am 19. Juni
Ausstellungseröffnung »Die neue Heimat im Heiligen Land«
Die neue Heimat im Heiligen Land
Hoffnungsziel Israel - Deutsche im Heiligen Land
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