Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 178/2 - Februar 2022

 

 

Blick für die Natur - Andreas Rössler

Vom Ernst der Nachfolge - Jörg Klingbeil

Nachhaltigkeit für unsere Erde - Karin Klingbeil

Leben im Überfluss - Jörg Klingbeil

»Im Grunde gut« - Veit Schäfer

So wahr mir Gott helfe - Jörg Klingbeil

Blick für die Natur

Eine Besinnung im Anschluss an Psalm 104

Ein Städter wird im Allgemeinen einen weniger kenntnisreichen Blick für die Vielfalt der Natur haben als jemand, der auf dem Land groß geworden ist. Aber gerade der gehetzte, von Lärm und Abgasen geschädigte Städter hat das Bedürfnis, sich im Wald, an einem See oder in den Bergen zu erholen. Im Urlaub wird er das Gegenstück zu seiner normalen täglichen Umge­bung suchen: eine reizvolle Landschaft mit unverbrauchter Luft.

Warum soll uns nicht ein Lobgesang auf den Schöpfer, wie Psalm 104 es ist, den Blick für die Natur öffnen oder vertiefen können? Man darf hier den Gefühlen ihren Lauf lassen.

Doch auch unabhängig von allen Gefühlen ist die Natur kein Thema, das man beiseiteschie­ben kann. Für einen internationalen Jugend-Wettbewerb entwarf ein sechzehnjähriger Schüler eine Traueranzeige anlässlich des Ablebens der Natur: »Für uns alle nicht überraschend ver­starb die Natur im Alter von 600 Millionen Jahren. Wir danken allen Rauchern, ABC-Waffen, Atomkraftwerken, Fabrikschloten, Chemie-Werken, Autoabgasen, Raketen sowie den Flug­zeugen und sonstigen Umweltverschmutzern. In heller Freude: Die vereinigten Umweltver­schmutzer.« Der Kreislauf der Natur ist überfordert und droht zusammenzubrechen. Man nennt das die »ökologische Krise«.

Wie kam es dazu, dass diese Krise wie ein Damoklesschwert über allem Lebendigen schwebt? Ein wesentlicher Grund ist unsere Einstellung der Natur gegenüber. In der Mensch­heitsgeschichte ist da das Pendel vom einen zum anderen Extrem geschwungen. Ausgangs­punkt war - wie Paul Tillich es nannte - die »magische Naturauffassung«. Die Natur wurde als göttlich oder wenigstens als von göttlichen Kräften erfüllt verstanden. Der Mensch war ihr preisgegeben und fürchtete sich. Dann aber setzte sich eine dingliche, technische Auffassung von der Natur durch. Der Mensch wurde frei vom Griff der Naturgewalten; konnte die Natur kultivieren und erforschen. Aber er konnte sie auch ausbeuten und das hat er gründlich getan. Darauf haben wir die Quittung bekommen. Nun haben wir uns nicht vor der Natur als solcher zu fürchten, sondern vor den Ergebnissen unseres Umgangs mit ihr. In der Nähe der geplan­ten Wiederaufbereitungsanlage in Kalkar am Rhein haben Kernkraftwerksgegner eine Tafel mit folgender Aufschrift angebracht: »Schneller Brüter. Mord an der Zukunft. Hier entsteht eine der gefährlichsten Schöpfungen von Menschenhand. Brüter erzeugen jährlich die Radioaktivität von Tausenden Hiroshima-Bomben. Dieses Risiko ist untragbar! Bürgeraktion Stop Kalkar.«

Der Mensch entkam der eigenen Sklaverei und geriet in die andere. Zwischen der Vergöttli­chung und der völligen Entgötterung der Welt stand der biblische Glaube an den Schöpfer und den menschlichen Auftrag in der Schöpfung: »Machet euch die Erde untertan.« Dass dies missverstanden wurde als das Recht, mit der Natur nach Belieben schalten und zu walten und sie ganz den jeweiligen menschlichen Wünschen dienstbar zu machen, hat zu dem Verhäng­nis geführt, das Carl Amery »die gnadenlosen Folgen des Christentums« nennt.

Wir brauchen einen neuen Blick für die Natur, eine andere Einstellung unserer Umwelt ge­genüber. Im Psalm 104, dem großartigen Schöpfungshymnus, der wohl aus der Zeit nach dem babylonischen Exil stammt und auch Gedanken aus dem altägyptischen Sonnenhymnus Ech­natons aufgreift, finden wir Gesichtspunkte, die uns zu einer neuen Sicht der Natur helfen kön­nen. Drei davon werden im Folgenden genannt.

Gesichtspunkt 1: Wir Menschen sind selbst ein Teil der Natur. Wir gehören in den Zusam­menhang alles Lebendigen hinein und haben keinen Grund, uns über den Rest der Schöpfung zu erheben. Alle Lebewesen verdanken sich Gott. Sie sind alle abhängig und vergänglich. Heute sind sie alle miteinander gefährdet durch die rücksichtslosen Eingriffe des Menschen in den Rhythmus des Lebendigen. Aber sie leben auch alle aus der Güte dessen, »ohn› den nichts ist, was ist, von dem wir alles haben«. »Es warten alle auf dich, dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit. Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie; wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt. Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie; nimmst du ihren Odem weg, so vergehen sie und werden wieder Staub. Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und du machst neu die Gestalt der Erde« (Verse 27-29).

Sind wir aber nicht mehr als die Tiere, von den Pflanzen ganz zu schweigen? Ist es nicht unser Vorzug, nicht nur Naturwesen zu sein, sondern zugleich Geist? Wir können sprechen, uns über unsere Vorstellungen und Pläne verständigen, und wir können auf Gottes Ruf ant­worten. Wir können es nicht bei der vorgefundenen Natur belassen, sondern müssen sie ge­stalten, um das Leben von Schmerzen, Einschränkungen und Gefährdungen zu entlasten, welche die rohe Natur mit sich bringt. Aber das ist kein Freibrief für eine rücksichtslose Ausbeutung. Vor Gott sind wir dafür verantwortlich, wie wir mit seiner Schöpfung umgehen. Fahren wir fort, um vordergründiger Vorteile willen die Natur zu schädigen, dann sägen wir zugleich den Ast ab, auf dem wir sitzen: die eigene Naturbasis. Ein neuer Blick ist also nötig: das Bewusstsein, mit der ganzen Natur zusammenzugehören, die Solidarität mit allem Seien­den. Ein neuer Lebensstil ist einzuüben. Auf manche Bedürfnisbefriedigungen haben wir zu verzichten, nicht um Askese zu treiben, sondern um zu teilen und zu heilen. Da ist dann auch der Mut erforderlich, Partei zu ergreifen für die gefährdete Schöpfung, auch wenn man sich dann bei den Technokraten lächerlich macht und den Machthabern auf die Nerven geht.

Gesichtspunkt 2: Die Natur hat eine besondere Würde. Das Chaos ist einem Kosmos im Großen und Kleinen gewichen. Die Naturwissenschaften versuchen, diese Ordnung aufzu­schlüsseln. »Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter!« (Vers 24). Der australische Biologe Charles Birch forderte bei der 5. Vollversammlung des Weltkirchenrates 1975 in Nairobi eine »sakramentale Betrach­tungsweise der Natur«, anstelle der so verhängnisvollen instrumentalen, technokratischen: »Gott ist irgendwie an dem Sein der Blume und an allem, was hier und jetzt lebt, beteiligt. ... Durch eine innere Beziehung mit dem Schöpfergott sind die Wesen der Schöpfung verbunden und werden am Leben gehalten.« Die Natur weist über sich hinaus auf die schöpferische Urkraft, die in ihr wirkt. Sie lässt etwas von ihrem Geheimnis ahnen. Dann dürfen wir aber mit ihr, dem Werk Gottes, nicht so umgehen, wie es uns passt. Beuten wir sie aus, dann vergehen wir uns an Gott selbst, der in seiner Welt transparent wird; und dann werden wir uns auch selbst zerstören, seelisch und leiblich. »Ehrfurcht vor dem Leben«, vor allem Lebendigen, ist nötig. Einen sorgsamen Umgang mit der Kreatur kann man schon kleinen Kindern beibringen. Eine staunende, ehrfürchtige Haltung führt zu frischer seelischer Kraft und neuer Lebensfreu­de. »Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst, dass der Wein erfreue des Menschen Herz und sein Antlitz schön werde vom Öl und das Brot des Menschen Herz stärke« (Verse 14-15). Man darf, allerdings nicht auf Kosten anderer Lebewesen, aus dem Vollen schöpfen: Brot und Wein. Die herrliche Vielfalt der Formen und Farben. Den Wechsel von Tag und Nacht. Die Schönheiten der Berge und Meere. Das Gegenüber der Geschlechter. Angesichts der Umweltkrise gilt es aber, alle Kräfte anzuspornen, damit die Natur eine Quelle der Lebensfreude bleibt, ja damit die Erde der Ort ist, an dem sich alles Lebendige seines Daseins freuen kann. Das Ziel ist unerreichbar, aber es muss doch angestrebt werden: Alle Menschen - und auf eine uns verborgene Weise alle Lebewesen überhaupt - sollen einstimmen können in den Lobpreis des Psalms: »Ich will dem Herrn singen mein Leben lang und meinen Gott loben, solange ich bin« (Vers 33).

Gesichtspunkt 3: Gott selbst hat ein Interesse an der Natur. Die Welt bedeutet etwas für ihren Schöpfer. Vielleicht braucht Gott die Welt, so wie Vater und Mutter ihre Kinder nicht missen wollen? Psalm 104 sieht Gott mit etwas umkleidet, was er selbst geschaffen hat: »Licht ist dein Kleid, das du anhast« (Vers 2). Der Ort des lebendigen Gottes ist kein imaginäres Jenseits, sondern diese seine Welt. Gott liebt uns Menschen und alles Lebendige. »So hat Gott den Kosmos geliebt, dass er seinen einzigartigen Sohn dahingab ...« (Johannes 3,16). Das sind freilich Gedanken, die alles sprengen, was sich etwa aus der Natur ablesen lässt. Die Natur hat ja für uns auch eine dunkle, rätselhafte Seite. Da sind Dürreperioden und Über­schwemmungen, Erdbeben und Krankheiten wie Krebs. Da ist der von Charles Darwin be­schriebene Kampf ums Dasein, wo ein Lebewesen das andere auffrisst und wo dann nur der Stärkste überlebt. Auch wir Menschen stehen im Kampf ums Dasein, etwa wenn wir Tiere tö­ten, weil wir Nahrung brauchen.

Erst wenn wir Gott auch auf andere Weise begegnen als nur in der Natur, können wir von Gottes Liebe zu seiner Schöpfung sprechen. Gott bekundet sich uns in der Stimme des Gewis­sens, im Miteinander der Menschen, im Wort und Geschick der Propheten, in Jesu Zeugnis von der Gottesherrschaft, in Jesu Lebenshingabe und im Getroffensein von seiner bleibenden Gegenwart. Gott erfahren wir, wenn wir Jesus nachzuleben beginnen, wenn wir Leiden durch­stehen und wenn wir unsere Sterblichkeit am eigenen Leib spüren.

Die Zukunft ist offen. Keiner weiß, ob nicht durch Raubbau oder durch Kriege alles Lebendi­ge zerstört werden wird. Wer weiter blickt, ist im Zweifel, ob sich die Katastrophe überhaupt verhindern lässt. Was tun? Resignieren? Oder den Augenblick rücksichtslos auskosten, weil man beim Schwimmen gegen den Strom doch scheitern müsste? Der biblische Glaube sagt: Gott hat Interesse an der Natur. Wir dürfen darauf setzen, dass Gott seiner Welt treu bleibt, komme was kommen mag. Der Zusammenbruch von allem bestehenden Lebenszusammen­hang auf unserer Erde ist nicht auszuschließen. Da müssen wir »sterbensnüchtern« sein (Günter Altner). Aber Gott kann - auf uns unvorstellbare Weise - auch durch das Sterben hindurch Leben schenken und seine Welt in sich hineinnehmen. Solches Zutrauen zu Gott ermutigt uns, auf unserer Erde weiterhin geduldige Schritte zu gehen und uns nicht aus der Mitverantwortung für die gefährdete Schöpfung hinauszustehlen. Bleiben wir also der Erde treu! Trauen wir Gott das zu, was Psalm 104 in die Bitte fasst: »Die Herrlichkeit des Herrn bleibe ewiglich, der Herr freue sich seiner Werke« (Vers 31).

Andreas Rössler in Freies Christentum 1978, Nr. 6

Der Text findet sich auch in der Sammlung aller in der Zeitschrift »Freies Christentum« von Dr. Andreas Rössler veröffentlichten Beiträge, die der Präsident des Bundes für Freies Christen­tum, Prof. Dr. Werner Zager, zusammen mit seinem Sohn Raphael, zum 80. Geburtstag des Verfassers zusammengestellt und herausgegeben hat: Andreas Rössler, Denkwege eines freien Christentums, Bautz Verlag, 2020.

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Vom Ernst der Nachfolge

(Lukas 9,57-62)

Jesus ist unterwegs in Galiläa und wird von einer großen Menge begleitet. Darunter sind auch Menschen, die ihm weiter folgen wollen bzw. die er auffordert, ihm zu folgen. Den ersten Aspi­ranten weist er auf seine eigene Heimat- und Schutzlosigkeit hin, die seine Begleiter teilen müssten. Der zweite, den Jesus seinerseits anspricht, will mitgehen, aber zuvor noch seinen Vater begraben. Für Jesus gibt es Wichtigeres zu tun: »Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!« Auch der dritte will Jesus begleiten, sich aber vorher noch von seiner Familie verabschieden. Jesu harsche Antwort: »Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.« Ob sich die drei Gesprächspartner abschrecken ließen oder trotzdem mitgegangen sind, erfahren wir nicht.

Wir spüren, dass Jesu Aufforderung zur Nachfolge auch uns gilt. Und wir erschrecken viel­leicht auch vor den hohen Hürden, die Jesus dafür aufrichtet. Wie ist seine kompromisslose Haltung zu erklären?

Unsere Bibelstelle steht im Abschnitt »Der Weg nach Jerusalem«. Für Jesus beginnt hier die letzte Phase seines Lebens, die mit seinem Tod am Kreuz enden wird; das mag die Unbedingtheit seiner Aussagen erklären. Zuvor hatte Jesus außerdem prophezeit, dass das Reich Gottes innerhalb eines Menschenalters eintreffen werde (Lk 9,27). Diese Naherwartung ließ für ihn offenbar alles, was an zwischenmenschlichen Konventionen üblich war, in den Hin­tergrund treten.

Jesus hat sich insoweit geirrt. Bereits in der jungen Christenheit trat die Hoffnung auf das baldige Kommen des Gottesreichs zurück hinter eine unbestimmte Fernerwartung. Das, was bei Jesus an erster Stelle gestanden hatte, nämlich der Glaube an das Reich Gottes, trat zunehmend hinter andere Glaubenssätze der christlichen Dogmatik zurück. Der Glaube wie Jesus wandelte sich zum Glauben an Jesus. Die Deutung von Jesu Tod und Auferstehung wurde wichtiger als seine Lehre.

In seiner Nachfolge haben auch die Templer einst ihr Siedlungswerk gesehen, als konkreten Beitrag zum Aufbau des Reiches Gottes. Sie haben eine für uns kaum mehr nachvollziehbare Glaubensstärke bewiesen. Wir haben uns in einem anderen Leben eingerichtet; aber auch wir müssen uns die Frage gefallen lassen, wie ernst es uns mit der Nachfolge Jesu und was uns wirklich wichtig im Leben ist. Diese Frage muss letztlich jeder selbst für sein Leben und seine konkrete Lebenssituation beantworten. Wir mögen nicht zu großen Taten fähig sein, aber Liebe und Mitmenschlichkeit können auch wir jederzeit unter Beweis stellen.

Jörg Klingbeil

Nachhaltigkeit für unsere Erde

Die Natur, Gottes gute Schöpfung, ist bedroht. Seit geraumer Zeit ist unübersehbar, dass es ein Bienensterben gibt, dass die Insekten sich derartig reduzieren, dass sich das auf die Population der Vögel auswirkt, dass die Artenvielfalt insgesamt zurückgeht. Außerdem macht sich der Klimawandel inzwischen deutlich bemerkbar, auch bei uns: stellenweise regnet es im Sommer monatelang nicht, anderswo richtet zunehmend Hochwasser enorme Schäden an und kostet Menschenleben. Maßnahmen gegen diese Entwicklung werden oft unter dem Be­griff der Nachhaltigkeit zusammengefasst.

Während im Deutschen das Wort ‚nachhalten‘ laut Duden ‚verfolgen‘ (den Erfolg einer Maß­nahme) und ‚längere Zeit bleiben‘ bedeutet, hat seine Bedeutung zuerst in der Forstwirtschaft eine Veränderung erfahren. Hier bedeutete das Prinzip der Nachhaltigkeit, dass ein Wald nur ein bestimmtes Maß an Einschlag verträgt, wenn dem System dauerhaft kein Schaden zuge­fügt werden soll - also nur so viel Holz geschlagen werden darf, wie permanent nachwächst. Im englischen Verb ‚to sustain‘ wird diese Bedeutung deutlich: es bedeutet ‚aushalten‘, ‚ertra­gen‘ - nachhaltig zu handeln heißt also, grundsätzlich nur so viel zu entnehmen, wie ein Sys­tem erträgt, ohne Schaden zu nehmen.

Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde allgemein erkannt, dass alle Rohstof­fe und Energievorräte unserer Welt bei weiterem ungebremsten Verbrauch auszugehen dro­hen. Nun ging der Gebrauch des Wortes auf den Umgang mit allen Ressourcen über und besagt, dass in einem System »nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen oder sich regenerieren und künftig wieder bereitgestellt werden kann« (Duden). Inzwischen wird das Wort auf allen Gebieten gebraucht.

Ich gehöre einer Generation an, die zwar sparsame Eltern hatte (Kriegsgeneration), aber von dem sogenannten Wirtschaftswunder in Deutschland profitierte und nie Mangel gelitten hat. Die Gesellschaft, in der wir lebten - und heute noch leben -, entwickelte ein ungebremstes Konsumverhalten, und, damit Hand in Hand gehend, eine schnelllebige Wegwerfgesellschaft, in der man sich gar nicht lange fragte, warum man sich nicht etwas kaufen solle, was man sich doch leisten konnte. Dass dieser Lebenswandel mit einem enormen Ressourcenverbrauch einherging, war den meisten nicht bewusst.

Wir haben uns an unsere bezahlbare Bequemlichkeit gewöhnt - drehen die Heizung auf, wenn es uns kalt ist, stellen den ganzen Tag warmes Wasser bereit, damit wir es sofort verfüg­bar haben, ohne das Aufheizen abwarten zu müssen, und duschen und baden, wann immer es uns einfällt. Wir haben für alle Tätigkeiten elektrische Helfer, nutzen in unvorstellbarem Ausmaß Produkte aus Plastik und vieles mehr. Erst langsam beginnt ein Umdenken darüber, was alles von dem, was wir tun, umweltschädlich - und damit nicht nachhaltig - ist.

Seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts warnen Meteorologen und Klimatologen vor der steten Erwärmung der Atmosphäre durch unsere Lebensweise - Industrie, Verkehr, Massentierhaltung zur Fleischproduktion. 1970 überstieg der Verbrauch erstmalig bereits am 29. Dezember die global für ein Jahr zur Verfügung stehenden Ressourcen der Erde - und seither wurde dieser Weltüberlastungstag stetig früher berechnet; 2021 war es der 29. Juli (dabei zeigten die Corona-bedingten Lockdowns 2020 einen Unterschied von fast einem Monat!). Das ist der globale Wert, die nationalen Unterschiede sind dabei enorm: in Europa war dieser Tag bereits am 10. Mai 2021, in den USA schon am 13. März, Luxemburg zählt mit Katar zum Spitzenreiter mit etwa Mitte Februar. Als Indikatoren für dieses Phänomen werden die Treibhauseffekte gezählt, die schneller erzeugt werden als sie von Wäldern und Ozeanen absorbiert werden, außerdem die Abholzung der Wälder, der Rückgang der Artenvielfalt und die Überfischung. Bei gleichbleibender Entwicklung würden 2050 global die Ressourcen eine kompletten zweite Erde benötigt ...

Doch die Warnrufe wurden nicht gehört: in Zeiten der Erdölkrise Anfang der 1970er Jahre waren die autofreien Sonntage wenig mehr als ein Event; die Grünen propagierten schon damals 5 DM pro Liter Benzin, damit der Verkehr reduziert würde, ernteten aber nur Spott und Häme. Solange direkte Auswirkungen uns hier in Europa nicht betrafen, wurden in der Politik halbherzig Klimaziele formuliert, die dann auch nicht eingehalten wurden - zu groß war die Furcht vor einschneidenden Veränderungen. Auch als wir hier von immer heftigeren Stürmen heimgesucht wurden, sich immer häufiger Hochwasser ereignete - anderswo in der Welt noch viel mehr als bei uns -, die Temperaturen zumindest im Sommer spürbar anstiegen und man­cherorts monatelang kaum Regen fiel, geschah auf den Klimakonferenzen nicht viel mehr. Uns Ältere werden die wirklich schlimmen Folgen unseres Raubbaus wohl nicht mehr treffen, aber was ist mit unseren Kindern und Kindeskindern? Erst, als Schüler begannen, sich öffentlich um ihre Zukunft zu sorgen und nachdrücklich protestierten, kam etwas Bewegung in die Politik. Auch wir wollen von den Schreckensszenarien nichts hören und hoffen darauf, dass es schon nicht so schlimm kommen werde, wie es die Warner vorhersagen.

Dabei hängt alles mit allem zusammen: unser Konsum, vor allem der von billigen Produk­ten, hat einen großen Einfluss auf das Angebot der Hersteller. Um sich gegenseitig zu unter­bieten, wurden die Elektrogeräte immer kurzlebiger und außerdem nahm die Möglichkeit, sie reparieren zu können, ab. Viele jüngere Leute brauchen spätestens alle zwei Jahre ein neues Smartphone - überhaupt muss man möglichst schnell die neuesten Produkte haben. Ebenso ist es mit unserer Bekleidung. Es ist unfassbar, wie billig Kleidung angeboten wird - dass es sich dabei nicht um nachhaltig produzierte Rohstoffe und eine faire Bezahlung der Produzierenden handeln kann, müsste eigentlich jedem klar sein. Ergebnis: die Kleidung wird nicht lange getragen, in überquellenden Kleidercontainern entsorgt und überschwemmt die sogenannte dritte Welt - von Ghana wurde vor ein paar Tagen im Radio berichtet, dass diese Billigklamotten Straßenbild und Natur vermüllen. Auch unser Plastikverbrauch ist zwar in die Kritik geraten, aber dennoch enorm hoch - und wurde durch die Pandemie (Masken, Einmal-Schutzkleidung, Auslieferungsgeschirr von Restaurants für Essen zum Mitnehmen u.ä.) noch gesteigert. Unser Müll wird zwar getrennt und sollte dadurch sinnvoller recycelt bzw. entsorgt werden können - aber wenn ein großer Teil davon gar nicht recycelt wird, sondern in ärmere Länder verschoben wird, die dafür Geld bekommen, aber sehr viel geringere Möglichkeiten haben, den Müll umweltgerecht zu entsorgen, wird auch in dieser Richtung nicht genug bzw. das Richtige getan.

Diese Aufzählung könnte ich noch lange weiterführen, aber ich möchte nur noch auf einen Aspekt eingehen, der mir persönlich mit am Wichtigsten ist: unsere Ernährung.

Uns geht es über die Maßen gut - wir haben nicht nur Zugang zu unseren regionalen Er­zeugnissen, die wir in viel höherem Maße nutzen sollten, sondern trotz Corona werden wir nach wie vor auch von weit her mit Lebensmitteln versorgt. Aber jeder zehnte Mensch auf der Erde hat nicht genug zu essen: schon vor Ausbruch der Pandemie hatten 650 Millionen Menschen nicht ausreichend Nahrung zur Verfügung - Corona hat das Problem noch verstärkt: im Pandemiejahr 2020 kamen weitere 161 Millionen hungernde Menschen dazu. Damit sind wir von dem zweiten der 17 Ziele für Nachhaltigkeit (SDGs = Sustainable Development Goals - Veit Schäfer schrieb darüber in der letztjährigen Märzausgabe der Warte), auf das sich die Weltgemeinschaft (UN) 2015 geeinigt hatte - nämlich, dass 2030 kein Mensch mehr Hunger leiden muss - weiter entfernt denn je, und das acht Jahre vor Ablauf der Zeit. Dabei ist es kei­neswegs so, dass nicht genug Lebensmittel für alle produziert werden und vorhanden sind. Aber sie sind ungerecht verteilt - während wir im Überfluss leben und unsäglich viele Lebens­mittel vernichtet werden (s. Jörgs Beitrag in diesem Heft), verarmen die Menschen in Asien, der Subsahara und in Lateinamerika zunehmend. Wir leisten uns eine Massentierhaltung, die Unmengen von Wasser verbraucht, durch die der Nitratgehalt im Grundwasser steigt und für die die Futtermittel zum größten Teil (70%) aus dem Ausland importiert werden müssen. Um das benötigte Soja anpflanzen zu können, wird außerdem Regenwald gerodet - und auch das Tierwohl bleibt auf der Strecke, trotz eines Tierschutzgesetzes, das die artgerechte Haltung von Tieren vorschreibt! 24% der Treibhausgasemissionen gehen auf das Konto unserer indus­triellen Landwirtschaft; davon sind fast 70% der Tierhaltung zuzurechnen.

Unsere industrielle Landwirtschaft ist weit von nachhaltiger Wirtschaftsweise entfernt - wer weiß schon, dass die Herstellung von einem kg Rindfleisch 15.000 Liter Wasser (zum Tränken, für den Anbau der Futtermittel von Getreide, Heu und Stroh, bei der Stallreinigung und der Schlachtung) erfordert (Zum Vergleich: ein kg Hühnerfleisch verbraucht 5.000 Liter, ein kg Kartoffeln 100 Liter)? Die Fleischproduktion sorgt zudem für eine schlechtere Wasserqualität. Gülle und Kunstdünger für den Futteranbau lassen die Nitrat- und Phosphatbelastung anstei­gen, auch Antibiotika-Rückstände aus der Tierhaltung gelangen ins Grundwasser.

Außerdem entstehen bei der Herstellung von unserem kg Rindfleisch bis zu 27 Kilogramm CO2, wenn alle Faktoren mit eingerechnet werden. Problematisch sind vor allem die Methan­emissionen (21mal klimaschädlicher als CO2) bei der Verdauung. Diese tragen zu etwa 30 Prozent zur globalen Erwärmung bei. Kühe, die auf ungedüngtem Grünland gehalten werden, belasten die Umwelt übrigens weit weniger, da das Gras ungefähr so viel Klimagas speichern kann, wie die Kuh ausstößt - das ist aber bei der Massentierhaltung natürlich nicht der Fall. Hinzu kommen neben der Klima-Erhitzung der Verlust von Artenvielfalt und die Verschlechte­rung der Bodenqualität.

Ich selber bin schon seit etlichen Jahren Vegetarierin - ursprünglich vor allem aus ethischen Gründen wegen der grausamen Zustände bei der Massentierhaltung und bei der Schlachtung -, aber Milchprodukte und Eier standen durchaus auf meinem Speisezettel. Seit ich aber weiß, dass Butter und Käse auch eine schlechte Klimabilanz haben (je fetter desto mehr, weil dafür mehr Milch benötigt wird), habe ich mich dazu entschlossen, auch davon sehr viel weniger zu essen. Ohne Verzicht werden wir es nicht schaffen, ein nachhaltigeres Leben zu führen - aber in dieser Richtung können wir Verbraucher viel tun und bewirken.

Karin Klingbeil

Leben im Überfluss

Bleibt »Lebensmittelrettung« strafbar?

Der Nürnberger Jesuitenpater Jörg Alt hat sich selbst angezeigt. Damit will er auf eine proble­matische Rechtslage aufmerksam machen und eine Änderung durch den Gesetzgeber herbei­führen. Wenige Tage vor Weihnachten hat er - in seinen Augen noch genießbare - Lebensmit­tel aus den Mülltonnen eines Nürnberger Supermarkts herausgefischt und an Bedürftige ver­teilt. Zugleich hat er die Polizei gerufen. Die Beamten hätten - so der 60-jährige Pater - seiner Verteilaktion wohlwollend zugeschaut, bis er sie darauf aufmerksam machte, dass er eine Straftat begehe. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Jörg Alt, der sich schon früher gegen soziale Ungerechtigkeit engagiert hatte, will mit seiner Aktion das Interesse der Medien wecken, eine öffentliche Diskussion über Lebensmittelver­schwendung herbeiführen und die Politik zu einer Änderung der Rechtslage veranlassen. Es geht ihm dabei auch um einen Protest gegen Wegwerfmentalität, Überproduktion und Klima­belastung. Mindestens 12 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jährlich »ent­lang der Lebensmittelversorgungskette als Abfall entsorgt« (so das Bundeslandwirtschaftsmi­nisterium). Um dem entgegenzuwirken, gibt es mittlerweile nationale Programme wie die »Na­tionale Strategie gegen Lebensmittelverschwendung« und die Informationsinitiative »Zu gut für die Tonne«. Nach Meinung des Jesuitenpaters reichen diese eher freiwilligen Aktionen noch nicht; vielmehr sollte es den Geschäften grundsätzlich leichter gemacht werden, Essen zu spenden, zum Beispiel an die Tafeln. Außerdem sollte das Herausholen von Lebensmitteln aus Mülltonnen künftig nicht mehr strafbar sein. Dabei geht es in der Regel um Lebensmittel, bei denen zwar das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist (z.B. bei Milchprodukten) oder die aus ästhetischen Gründen nicht verkauft werden sollen (z.B. wegen Druckstellen bei Obst und Gemüse), die aber ohne wesentliche Geschmackseinbußen und ohne gesundheitliche Risiken noch verzehrt werden können.

Die Rechtslage in Deutschland ist nicht ganz einfach: Nach bisher vorherrschender Rechts­auffassung ist das Herausholen von Lebensmitteln aus Abfallcontainern strafbar. Schon das Betreten des Geländes, auf dem der Container steht, könnte Hausfriedensbruch sein, wenn es mit dem Eindringen in befriedetes Besitztum verbunden ist. Wird ein mit einem Schloss gesi­cherter Abfallbehälter gewaltsam geöffnet, kommt Sachbeschädigung hinzu. Ob ein Diebstahl vorliegt, hängt davon ab, ob man den Abfall als fremdes Eigentum oder als quasi herrenlos ansieht, weil der bisherige Eigentümer sein Eigentum daran aufgegeben hat.

Überwiegend wird argumentiert, dass der Eigentümer den Abfall in der Regel geordnet ei­nem Entsorgungsunternehmen übergeben und sein Eigentum vorher nicht aufgeben will, nicht zuletzt aus Haftungsgründen. So regeln es auch die einschlägigen Bestimmungen des Abfall­wirtschaftsrechts. Insofern kommt tatsächlich Diebstahl in Betracht, wobei wegen der Gering­wertigkeit eine Strafverfolgung in der Regel nur auf Antrag erfolgt. In der Praxis werden ent­sprechende Strafverfahren überwiegend eingestellt. Manchmal werden aber auch geringfügige Strafen verhängt. So wurden 2019 zwei Studentinnen aus dem Raum München, die aus dem (verschlossenen) Müllcontainer eines Supermarkts noch verzehrbare Lebensmittel geholt hatten, wegen Diebstahls mit Strafvorbehalt verwarnt, wobei die Geldstrafe von 225 Euro für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Als Bewährungsauflage wurde den Studentin­nen aufgegeben, acht Stunden gemeinnützige Arbeit bei einer Tafel zu leisten. Der Fall löste bundesweite Debatten und Proteste gegen die »Kriminalisierung« des sogenannten Contai­nerns aus. Das Bundesverfassungsgericht nahm die gegen das Urteil gerichtete Verfassungs­beschwerde übrigens nicht zur Entscheidung an und erklärte, dass eine Einschränkung der Strafbarkeit nicht geboten sei; dem Gesetzgeber stehe es frei, das zivilrechtliche Eigentum grundsätzlich auch an wirtschaftlich wertlosen Sachen strafrechtlich zu schützen. Politische Vorstöße, das Containern von Lebensmitteln straffrei zu stellen, fanden im Kreis der Justizmi­nister bisher keine Mehrheit.

Ob sich unter der neuen Bundesregierung die Dinge ändern werden, bleibt abzuwarten. Immerhin nannte es der neue Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir kurz vor dem Jahreswechsel »absurd«, dass Containern strafbar sei, und kündigte an, die Rechtslage für Lebensmittelspenden zu ändern. Vielleicht nimmt er sich dabei ein Vorbild an Frankreich: Dort dürfen Supermärkte mit einer Fläche von mehr als 400 qm seit 2016 ihre Nahrungsmittelreste nicht mehr in Containern entsorgen; stattdessen müssen sie sie wohltätigen Organisationen spenden, als Tierfutter verkaufen oder für Dünger oder zur Energieversorgung zur Verfügung stellen. Auch der Bundesrat hat im September 2021 eine entsprechende Initiative gefordert (BR-Drs. 543/21). Nicht zuletzt haben auch die Vereinten Nationen im Rahmen ihrer Agenda 2030 als eines ihrer Nachhaltigkeitsziele ausgegeben, die Lebensmittelverluste bis 2030 zu halbieren. Und auch die große Mehrheit der Verbraucher hält Lebensmittelverschwendung für ein großes Problem.

Ob sich Jörg Alt strafrechtlich tatsächlich verantworten muss, ist momentan noch offen. Not­falls will er durch alle Instanzen gehen und ggf. auch ins Gefängnis. Auf Twitter hat er schon Spenden angeworben, um eine Anwältin zu bezahlen, und in kurzer Zeit 10.000 Follower ge­wonnen. Unter dem Hashtag #JesuitundDieb kann man seine neuesten Aktionen des zivilen Ungehorsams verfolgen. Übrigens kann auch jede/r selbst etwas gegen Lebensmittelver­schwendung tun: Mehr als die Hälfte der Lebensmittelabfälle landet nicht im Handel im Müll, sondern bei den privaten Haushalten.

Jörg Klingbeil

BUCHBESPRECHUNG

»Im Grunde gut«

Von Rutger Bregman, Rowohlt 2020, 480 S., 24,00 €

Wer weiß, vielleicht wird es einmal zu den folgenschwersten Glaubenszweifeln oder Irrtümern der Christenheit gehören, dass sie die ersten Worte ihrer Heiligen Schrift nie wirklich ernst ge­nommen hat. Gleich am Anfang der Bibel, im ersten Kapitel, in den ersten Zeilen wird der Schöpfergott gleich sechsmal mit den wohlgefälligen Worten zitiert, die er über seinen eigenen täglichen Werken aussprach: »Ja, gut so!« Am letzten Tag, nachdem er den Menschen (»nach unserer Gestalt«) geschaffen und ihm die gesamte Schöpfung übergeben hatte, urteilte er sogar: »Da schau: sehr gut!«

Man wird annehmen dürfen, dass Gott mit diesem Fazit auch oder gar vor allem den Men­schen gemeint hat. Religions- und Kirchengeschichte zeigen ein anderes Bild. Der Mensch bzw. sein Handeln wird als »böse von Jugend auf« (1 Mose 8,21) gesehen, verdorben durch den sogenannten Sündenfall, den Ungehorsam des ersten Menschenpaares, das trotz göttli­chen Verbots doch von den Früchten des Baums der Erkenntnis aß. Paulus meinte, durch die­se Sünde des ersten Menschen sei der Tod über die Menschheit gekommen, denn »alle haben gesündigt« (Röm 5, 12ff). Augustinus hat diesen Ansatz in der Erbsündenlehre ausformuliert. Diese Sicht auf die menschliche Verfasstheit zieht sich durch die gesamte Kirchengeschichte. Konsequenz des Glaubens: nur ein göttlicher Erlöser konnte die Sünden- und Todesverfallen­heit des Menschen überwinden und die Erlösung geschieht individuell in der Taufe auf Tod und Auferstehung Christi.

Der Blick in die Geschichte lässt vermuten, dass die Menschheit jedenfalls kollektiv noch nicht vom Bösen erlöst ist. Das Wort vom Menschen, der »des Menschen Wolf ist« bestimmt nach wie vor die westliche Geistesgeschichte, wie es im Klappentext des Buches heißt, in dem Rutger Bregman nicht mehr und nicht weniger als »eine neue Geschichte der Menschheit«, so der Untertitel, vorlegen will. Bregman ist keineswegs blind für die menschlichen Schwächen und betrachtet ihn durchaus nicht als engelhaft. Eine Erlösung der Menschheit, sozusagen von außen, durch göttliches Eingreifen, ist für ihn dennoch nicht nötig. Er nimmt anscheinend das göttliche »Sehr gut« der Bibel ziemlich ernst, schreibt es aber der Evolution zu.

Lassen wir den Autor selbst zu Wort kommen: »Dies ist ein Buch über eine radikale Idee. Es ist eine Idee, die Machthabern seit Jahrhunderten Angst einjagt, gegen die sich ...Religionen und Ideologien gewandt haben. Über die die Medien eher selten berichten, deren Geschichte durch eine unaufhörliche Verneinung geprägt zu sein scheint.

Gleichzeitig ist es eine Idee, die von nahezu allen Wissenschaftsbereichen untermauert, die von der Evolution erhärtet und im Alltag bestätigt wird. Eine Idee, die so eng mit der mensch­lichen Natur verknüpft ist, dass sie kaum auffällt.

Wenn wir nur den Mut hätten, sie ernst zu nehmen, würde sich herausstellen: Diese Idee könnte eine Revolution entfesseln. Die Gesellschaft auf den Kopf stellen. Wenn sie tatsächlich in unsere Köpfe vordränge, wäre sie vergleichbar mit einer lebensverändernden Medizin, nach deren Einnahme man nie mehr in der gleichen Weise auf die Welt blickt. Worin besteht diese Idee: Dass die meisten Menschen im Grunde gut sind.«

Für diese Behauptung kann Bregman eine beeindruckende Menge von Argumenten aufbie­ten, angefangen vom Verhalten der britischen Bevölkerung während der deutschen Luftangrif­fe im Jahr 1940, während der allein auf London 80.000 Bomben fielen, eine Million Gebäude beschädigt oder zerstört wurden und 40.000 Menschen ums Leben kamen. Anders als Hitler und das deutsche Militär erwartet hatten, brach keine Panik unter der Bevölkerung aus, die Men­schen wurden durch die Angriffe keineswegs demoralisiert. Trotz Wut, Trauer und Kummer ging das Leben unter den Kriegsbedingungen so normal wie möglich weiter. »Mut, Humor und Freundlichkeit sind angesichts dieses Albtraums erstaunlich«, notierte eine amerikanische Journalistin. Als später dann die alliierten Luftangriffe die deutschen Städte trafen, reagierte die deutsche Bevölkerung ähnlich.

Anderes Beispiel, weithin unbekannt: 1943 werden in Dänemark in einer konzertierten Ak­tion weiter Kreise der Bevölkerung die allermeisten Juden vor der unmittelbar drohenden De­portation in Konzentrationslager gerettet.

Die Banalität des Bösen

Argumenten, welche die alte These von der Bösartigkeit des Menschengeschlechts zu belegen scheinen, wie sie sich in den Völkermorden aller Zeiten bis zum Holocaust an den Juden zeigt, weicht Bregman nicht aus. Seine Recherchen ergeben aber, dass die Verbrecher, die diese Taten begingen, die These gerade nicht belegen: sie waren keine seelenlosen Monster, sondern Überzeugungstäter, die glaubten, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, so Bregman. Er zitiert Hannah Arendts Beobachtung über Adolf Eichmann: »Das Beunruhigende an der Person Eichmanns war doch gerade, dass er war wie viele und dass diese vielen weder pervers noch sadistisch, sondern schrecklich und erschreckend normal waren und sind«. Und: »Viele Jahre lang hatten Schriftsteller und Dichter, Philosophen und Politiker die Psyche des deutschen Volkes abgestumpft und vergiftet, ... belogen und indoktri­niert, einer Gehirnwäsche unterzogen und manipuliert. Erst dann geschah das Undenkbare«. Von welchen Völkermorden, Kriegen und anderen schlimmen Ereignissen könnte man nicht dasselbe nachweisen?

Bregman räumt überdies auf mit mancherlei wissenschaftlichen Analysen, Versuchen und Thesen, die immer wieder das grundsätzlich Bestialische des Menschen beweisen sollen. Er kann zeigen, unter welchen gedanklichen und praktischen Voraussetzungen solche Annahmen zustande kamen und von den Medien verbreitet wurden.

Sobald wir glauben, dass die meisten Menschen gut sind, ändert sich nämlich alles.

Gefragt von einem Freund, ob er durch das Schreiben des Buches anders auf sein Leben schauen würde, antwortet Bregman mit einem klaren Ja. »Ein realistisches Menschenbild hat weitreichende Auswirkungen auf die Art und Weise, wie man miteinander umgeht«. Um das zu erproben, beendet er sein Buch mit zehn persönlichen Lebensregeln, »was immer man auch davon halten mag«:

1. Geh im Zweifelsfall vom Guten aus

2. Denke in Win-win-Szenarien (bei den besten Deals gewinnen alle)

3. Verbessere die Welt, stell eine Frage

4. Zügle deine Empathie, trainiere dein Mitgefühl

5. Versuch den anderen zu verstehen, auch wenn du kein Verständnis aufbringen kannst

6. Liebe deinen Nächsten, so wie auch andere ihre Nächsten lieben

7. Meide die Nachrichten

8. Prügle dich nicht mit Nazis (oder strecke deinem größten Feind die Hand hin)

9. Oute dich, schäme dich nicht für das Gute

10. Sei realistisch

Eine überraschende Begründung hat er seiner 9. Lebensregel mitgegeben: »Ihr seid das Licht der Welt, eine Stadt, die auf dem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf einen Leuchter. Dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen ...« (Mt 5,14).

Der Platz reicht nicht aus, um Bregmans Begründungen für diese Regeln hier abzudrucken. Auch um sie kennenzulernen, ist der Kauf des spannenden Buches empfehlenswert.

Veit Schäfer

So wahr mir Gott helfe

Eine Eidesformel im Fokus

Als am 8. Dezember 2021 die neue Bundesregierung vor dem Bundestag vereidigt wurde, rück­te eine Frage in den Mittelpunkt des medialen Interesses, der sich schon Goethes Faust gegenübersah: Wie hältst Du es mit der Religion? Anhaltspunkt für die persönliche Einstellung der neuen Ministerinnen und Minister zu Religion und Kirche bildete dabei für viele Medien wieder einmal die religiöse Beteuerung am Ende des Amtseids: Wer - wie Olaf Scholz und sieben weitere Kabinettsmitglieder - auf den Zusatz »So wahr mir Gott helfe« verzichtete, geriet rasch unter den Verdacht der mangelnden religiösen Bindung.

Bei Olaf Scholz war der Verzicht auf die religiöse Beteuerung immerhin folgerichtig, ist er doch bereits vor Jahren aus der evangelischen Kirche ausgetreten und mithin der erste kon­fessionslose Bundeskanzler in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Die fehlende Kirchenmitgliedschaft war bei anderen Mitgliedern der Bundesregierung dagegen offenbar kein Grund, sich der Hilfe Gottes zu vergewissern: So fügte der neue Finanzminister Christian Lind­ner, der mit 18 Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten war, die religiöse Beteuerungs­formel ebenso hinzu wie seine anderen Parteifreunde im Kabinett, während die Kabinettsmit­glieder der Grünen durch die Bank darauf verzichteten.

Der erste Kanzler, der den Zusatz beim Amtseid wegließ, war übrigens Gerhard Schröder 1998, der sich damals mit dem Argument rechtfertigte, Religion sei nun einmal Privatsache. Die damalige Vereidigung der rot-grünen Bundesregierung war auch die erste mit einer größe­ren Zahl nicht religiöser Amtseide. Der erste Politiker, der bei der Vereidigung einer neuen Bundesregierung auf die religiöse Beteuerung verzichtete, war 1969 Arbeitsminister Walter Arendt (SPD).

Der Verzicht war aber nicht immer Zeichen eines distanzierten Verhältnisses zu den Kirchen oder generell zur Religion. Vielmehr gab es gegen die religiöse Beteuerungsformel sogar theo­logische Bedenken, zumeist von evangelischer Seite. So wandte sich 1998 der damalige EKD-Ratsvorsitzende Manfred Kock unter Bezugnahme auf Mt 5,33-37 gegen die Unterstellung, der Verzicht auf die religiöse Eidesformel sei der Beleg für eine fehlende Gottesbeziehung. Der prominenteste Fall eines Verzichts aus theologischen Gründen war der langjährige Präses der EKD-Synode Jürgen Schmude, seines Zeichens mehrfach Minister unter Helmut Schmidt. Auch er bezog sich dabei auf das »Schwurverbot« Jesu in der Bergpredigt; dort heißt es: »Ihr habt weiter gehört, dass zu den Alten gesagt ist: ‚Du sollst keinen falschen Eid schwören und sollst dem Herrn deine Eide halten.‘ Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße, noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs. ... Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen.« Schmudes Interpreta­tion wird allerdings von theologischer Seite heute nur teilweise geteilt. Viele Theologen schwä­chen die vermeintlich eindeutige Aussage Jesu in der Weise ab, dass Jesus in erster Linie eine vollkommene Wahrhaftigkeit im Umgang miteinander gefordert habe, die dann alle Schwüre entbehrlich mache.

Mit der altertümlich wirkenden Formulierung »So wahr mir Gott helfe« war ursprünglich ge­meint, dass sich der den Eid Leistende damit selbst verfluchen sollte für den Fall, dass er sich nicht an das Beschworene hält. Heute herrschen andere Auslegungen vor: So etwa die, dass damit die Begrenztheit allen menschlichen Tuns und die Angewiesenheit auf Gottes Hilfe zum Ausdruck gebracht werden solle.

Der Gottesbezug im Amtseid stand immer wieder in der Diskussion; 1970 stellte der damali­ge Bundespräsident Gustav Heinemann sogar den Amtseid überhaupt in Frage und rechnete ihn zu den überholten obrigkeitsstaatlichen Strukturen; der Staat könne - so Heinemann - zu­dem nicht nach Belieben den Eid in seiner Bindung an Gott für sich in Anspruch nehmen. Auch der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts und spätere Bundespräsident Ro­man Herzog fand in seinem Grundgesetzkommentar kritische Worte: Es entbehre nicht einer gewissen Pikanterie, meinte er, dass sich ein weltanschaulich neutraler Staat der Gläubigkeit seiner wichtigsten Amtsträger bediene, damit sie sich weit über die Rechts- und Verfassungs­ordnung hinaus binden ließen; gleichwohl hielt er die Regelung für »vertretbar«.

Historisch gesehen war die Einführung des Gottesbezugs sogar ein Schritt zu einer Säkula­risierung des Eides gewesen. Im Paulskirchenparlament kam 1848 ein Kompromiss zustande, durch den der Gottesbezug erhalten blieb, aber die christlichen und konfessionellen Bezüge entfielen. So kam es zur Formel »so wahr mir Gott helfe«, die später in den deutschen Staaten übernommen wurde.

Erst die Weimarer Reichsverfassung von 1919 führte die Möglichkeit ein, auf die religiöse Beteuerung zu verzichten. Davon wurde in der Weimarer Republik auch von vielen Amtsträ­gern Gebrauch gemacht, anders als in der Bundesrepublik - jedenfalls bisher.

Jörg Klingbeil

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