Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 178/11 - November 2022

 

 

Der Tod: eine Tür zum Leben - zum 100. Geburtstag von Jörg Zink - Andreas Rössler

Glaube macht stark - Karin Klingbeil

Ist der Tod wirklich das Ende? - Ingrid Turner

Aufruf zum Friedensgebet - Veit Schäfer

Unterwegs zur »Ökodiktatur«? - Jörg Klingbeil

 

Ich stehe am Ufer, Ich war allein
und die Stille ist voll mitten unter den Menschen.
deiner Gegenwart.

Nun bin ich in dir.

   
Ich warte auf ein Wort Ich war gefangen
aus einer anderen Welt, in mir selbst.
von dir. Nun bin ich frei.
   
Ich weiß, Ich atme den Wind
dass du mich siehst, und die Weite.
und öffne dir mein Herz. Ich atme dich.

 

Jörg Zink, Am Ufer der Stille

Der Tod: eine Tür zum Leben

Jörg Zink zum 100. Geburtstag am 22. November 2022

Der württembergische Theologe, Schriftsteller, Publizist und religiöse Bestseller-Autor Dr. Jörg Zink (22. November 1922 bis 9. September 2016) hat eine Fülle von Büchern publiziert. Sie sind ungewöhnlich aktuell. So einfach, eindringlich und spannend sie auch geschrieben sind, so harren die Grundgedanken insbesondere des späteren Werks noch weitgehend der Aus­wertung. Ein lohnendes Unterfangen, denn Zink ist ein tiefgründiger existenzieller und so­zial­ethischer Denker, Bibeltheologe und Mystiker zugleich. Zink ist Schwiegersohn des Stuttgarter Pfarrers Rudolf Daur (1892-1976), des Präsidenten des Bundes für Freies Christentum von 1960 bis 1970. Ihn würdigt er in seinen Erinnerungen in eindrucksvoller Weise.

Ist mit dem Tod alles aus?

Was erwartet uns nach unserem Tod? Manche Leute sagen: »Das interessiert mich nicht. Mir ist nur das Leben wichtig, in dem ich mich jetzt vorfinde.« Zink dagegen interessiert, was nach dem Tod kommt, gerade weil ihm das jetzige Leben wichtig ist. Ist das, was uns jetzt beglückt und dankbar stimmt, was wir zustande gebracht und womit wir anderen eine Freude gemacht haben, mit unserem Tod einfach aus und vorbei?

Sollte mit dem Tod alles aus sein, dann läuft alles auf das Nichts zu. Unser irdisches Dasein ist dann letztlich umsonst, vergeblich. Zink allerdings rechnet damit, dass unser Leben über den Tod hinaus weitergehen wird, auf eine uns jetzt verborgene, unzugängliche Weise.

Manche Leute sagen: »Bei allem Interesse, ob es vielleicht doch zu einer Vollendung kom­men wird, ist unser Erkennen hier an seine Grenze gekommen. Wir müssen uns mit einem ernsthaften Agnostizismus (Nicht-Wissen) begnügen, sowohl im Blick auf das Sein eines güti­gen göttlichen Urgrundes, als auch hinsichtlich eines wie auch immer gearteten Weiterlebens nach dem Tod.«.

Zink dagegen will doch etwas sagen zu der die Zeit sprengenden Ewigkeit und zu Gott, ohne den wirklich alles im Nichts enden würde. Doch kommt er selbst nicht ohne »Vermutun­gen« aus. Diese speisen sich aus eigenen »Erfahrungen« von Erstaunlichem, Wunderbarem, Geheimnisvollem im irdischen Dasein und im eigenen Leben, und aus der Botschaft von Gott, der Urkraft von allem, und seiner Liebe zu uns, die sich nicht zuletzt in der Auferstehung Jesu offenbart hat. Doch bleiben die Grenzen unseres Begreifens und Bestehens bestehen, und andere Menschen kann meine eigene religiöse Überzeugung als solche noch nicht gewiss machen.

Der Kosmische Christus

Für Zink ist klar: Ohne »jene Urkraft und Urweisheit, die ich "Gott" nenne«, gibt es überhaupt kein irdisches Dasein, und dann schon gar kein Leben nach dem Tod. Aber mit Gott ist alles anders. Er ist als die Bedingung und der Schöpfer aller Dinge und Wesen die Kraft, die in allem anwesend ist, allgegenwärtig, in jedem von uns. Er umgreift und trägt alles.

Das Symbol des »Kosmischen Christus« wird von Zink häufig herangezogen. Hier ist aus­gedrückt: Gott ist mit seiner Liebe in aller Schöpfung anwesend, und damit in den Menschen aller Religionen. Dabei glauben Christen, dass sich der kosmische, universale Christus, das ewige Wort Gottes, auf alle Fälle und in einzigartiger Reinheit in Jesus von Nazareth ausge­drückt hat.

Auch beim Symbol des »Kosmischen Christus« gilt eine Grundregel: Alles Reden und Vor­stellen von Gott bedarf der Bilder, der Gleichnisse, der Geschichten und Symbole. Da gibt es immer nur Annäherungen. Hinter der Fülle der Wahrheit bleiben wir mit unseren Symbolen immer zurück.

Zink redet von Gott nicht »pantheistisch«, sondern »pan-en-theistisch«. Das heißt: Alles ist von Gott durchdrungen und getragen. Aber Gott bleibt immer unendlich größer, als die Welt und als unser Horizont reichen. »Gott wird alles in allem sein« (1. Korinther 15,28), lautet ein biblisches Lieblingswort Zinks. Und was Gott sein wird, das ist er im Prinzip auch jetzt schon, wobei es jetzt noch die Möglichkeit gibt, sich dem in den eigenen Lebensentscheidungen zu widersetzen.

Dass Gott alles in allem ist und sein wird, lässt sich ablesen an all dem Geheimnisvollen, Großartigen, Wunderbaren, wovon unsere Welt voll ist - und all dies lässt sich deuten als das Wirken des Kosmischen Christus. Andererseits ist unsere Welt auch voll von Abgründigem, Bösem, Grausamem. Menschen tun anderen Menschen unendlich viel Leid an, und es ist noch gar nicht ausgemacht, ob Menschen nicht durch Eigennutz, Machtstreben, Größenwahn und Dummheit den Planeten Erde unbewohnbar machen werden. Wieso lässt Gott alles Zer­störerische und Brutale zu? Dazu kommen die Schmerzen und Leiden, die in der Natur selbst liegen und nicht in der bösen Absicht verdorbener Leute. Das alles aber widerspricht der Liebe des allumfassenden Gottes.

Wir finden auf diese »Theodizeefrage« nur zwei Teilantworten: Erstens sind wir selbst ge­fordert, nach Kräften am Guten mitzuwirken. Hier setzen Zinks Engagement für die Bewahrung der Schöpfung und sein sozialethisches Interesse ein. Zweitens leidet Gott mit den Leidenden mit. Das zeigt sich am Kreuz Jesu von Nazareth. Dass er dem Leiden aber auch ein Ende ma­chen wird, dafür steht die den Tod überwindende Auferstehung Jesu.

Die Welt in mehreren "Dimensionen"

Zink findet für das Weiterleben nach dem Tod also einen entscheidenden Anhalt in Jesu Auferstehung, die für ihn freilich beispielhaft und nicht singulär ist. Sie ist unabhängig davon, wie wir sie uns vorstellen können. Einen weiteren Anhalt, wenn auch keineswegs Beweise, bilden mancherlei Fingerzeige wie Nahtoderlebnisse oder paranormale Phänomene. Sie zeigen einerseits, dass »alles mit allem zusammenhängt«, und andererseits, dass unsere Welt sich nicht auf die uns zugänglichen vier Dimensionen von Raum (Länge, Breite und Höhe) und Zeit beschränkt. Die Wirklichkeit ist von weiteren Dimensionen oder Schichten bestimmt. Wir finden uns im irdischen Dasein in den vier Dimensionen des Raum-Zeitlichen vor. Weitere Dimensionen, auch über eine fünfte Dimension hinaus, die bereits uns »verschlossen und unvorstellbar« ist, sind anzunehmen. Hier beruft sich Zink auf Naturwissenschaftler.

So entwirft Zink ein eigenes Weltverständnis, eine bestimmte »Ontologie«. Er sieht die eine Welt in eine unbestimmte Anzahl von Dimensionen gegliedert. Er denkt sich etwa 16 bis 23 Dimensionen, was freilich aus der Luft gegriffen ist. Dabei vermeidet er die alte gnostische Meinung, Gott als die höchste (oder tiefste) aller Dimensionen zu verstehen. Dann wäre Gott ja ein Teil der Welt. Gott fasst vielmehr alle möglichen Dimensionen in sich. Er umgreift sie. Das ist die panentheistische Sicht.

Vielleicht ließe sich diese Ontologie auf eine Oberflächenschicht und eine Tiefenschicht konzentrieren, die zusammen die Welt bilden und beide von Gott getragen sind. Zu unseren Lebzeiten befinden wir uns an der Oberfläche. Nach dem Tod gehen wir in die Tiefenschicht der einen Welt ein. Die Oberfläche, unser derzeitiger Erfahrungshorizont, ist das »Diesseits«. Von unserem jetzigen Vorstellungsvermögen aus bildet die Tiefendimension oder, mit Zink, bilden die weiteren Dimensionen der Welt (also ab der fünften Dimension) das »Jenseits«. Dieses liegt jenseits dessen, was wir jetzt erfassen und begreifen können. Aber »Diesseits« und »Jenseits« sind beides Aspekte der einen einzigen Welt.

Zink kommt von diesem Weltverständnis aus zu einer ungewohnten, ungemein nachden­kenswerten Überlegung: Auch die Verstorbenen, die Toten, haben unsere eine Welt nicht verlassen. Sie bleiben verborgen unter uns, aber in einer anderen Dimension oder in anderen Dimensionen. Von dieser Auffassung aus muss Zink die vor allem im Umkreis der Theologie von Karl Barth vertretene »Ganztod-Theorie« vehement ablehnen.

Aber was geschieht mit den Toten? Sie befinden sich nach Zinks Auffassung an verschiede­nen Orten, und das spricht dann in der Tat dafür, dass Zink von etlichen »Dimensionen« oder Schichten redet. Die Toten »ruhen« nicht bloß, wie man in der traditionellen Totenmesse von einer »ewigen Ruhe« spricht. Sie sind in Bewegung. Sie sind unterwegs, hin zur Vollendung. Aber eben das erfordert eine Wegstrecke - immer bildlich geredet. Auf ihrem Gang zum Ziel bedürfen die Toten der Wandlung, der Läuterung. Das Negative, das Schuldhafte, das Zerstö­rerische, das sie zu Lebzeiten ausgeübt haben, müssen sie schmerzhaft einsehen und abar­beiten. Sie brauchen eine Wandlung, um am vollendeten Reich Gottes teilhaben zu können.

Dass die Toten in anderen Dimensionen unterwegs sind, mag übrigens ein Hilfsgedanke da­für sein, dass vorzeitig beendetes sowie stark eingeschränktes Leben zu einer Weiterentwick­lung und Abrundung im Reich Gottes gelangen kann, ja dass auch pränatal absichtlich oder unabsichtlich abgebrochenes Leben auf diese Weise eine Chance haben kann. Zinks freilich distanziertes gelegentliches Spielen mit dem Gedanken der Reinkarnation mag hier außer Betracht bleiben, zumal sich Reinkarnationen immer noch im Bereich der vier Dimensionen von Raum und Zeit abspielen würden.

Allversöhnung

Zink vertritt eine »Allversöhnungs«-Lehre, die sich für ihn aus der Liebe Gottes zu allen Men­schen ergibt. Alles hängt mit allem zusammen, weil alles in Gott gegründet ist. »Eins sein mit allem. Mit dem lebendigen, umfassenden und alles durchdringenden Geist«.

Diese Allversöhnung oder »Wiederbringung aller« darf nicht als billige Gnade verstanden werden, angesichts des unsäglich Bösen, was Menschen anderen Menschen antun. Eine ewi­ge Verdammnis aber hält Zink für zynisch und sadistisch. Das passt nicht zur Güte des allum­fassenden Gottes. Göttliches Gericht muss aber sein, sollen nicht, wie es der Philosoph Max Horkheimer formuliert hat, schließlich die Täter über die Opfer triumphieren.

Doppelte Lebenshilfe

Zinks Erfolg als Schriftsteller ist nicht nur auf seinen theologischen Tiefgang mit eigenständi­gen Gedanken und auf seine allgemeinverständliche Art sich auszudrücken zurückzuführen, sondern auch auf sein seelsorgerliches Anliegen, zu einem geglückten Leben zu helfen. Es ist eine doppelte Lebenshilfe, die er anbietet.

Hinsichtlich des irdischen Lebens ermutigt Zink zu Dankbarkeit für das, was uns geschenkt ist, und zu Verantwortung für die Schöpfung. Wer aber wegen schwerer Schicksalsschläge und schwierigster Lebensumstände zur Dankbarkeit nicht fähig ist, mag sich immer noch an Gott halten, der uns näher ist, als wir uns selbst sind, und der auch im Leiden bei uns ist, wie wir am gekreuzigten Jesus ablesen können.

Hinsichtlich des ewigen Lebens ermutigt Zink zur Zuversicht und zur gespannten Erwartung dessen, was Gott, der »Liebhaber des Lebens« (Weisheit 11,26), mit uns vorhaben wird: Seine Barmherzigkeit und Zuwendung über das irdische Dasein hinaus werden bleiben, wie wir an der Auferstehung Jesu begreifen können. »Der Tod ist eine Tür durch eine nicht vorhandene, dünne Wand«.

Dr. Andreas Rössler

 

Für diesen Aufsatz wurden folgende Werke Zinks benutzt:

- Wie die Farben im Regenbogen. Sieben Bilder vom Reich Gottes, Stuttgart 1986.

- Sieh nach den Sternen - gib acht auf die Gassen. Erinnerungen, Stuttgart 1992.

- Dornen können Rosen tragen. Mystik - die Zukunft des Christentums, Stuttgart 1997.

- Auferstehung. Und am Ende ein Gehen ins Licht, Stuttgart 1999.

- Die Urkraft des Heiligen. Christlicher Glaube im 21. Jahrhundert, Stuttgart und Zürich 2003.

- Gotteswahrnehmung. Wege religiöser Erfahrung, Gütersloh 2009.

- Die Stille der Zeit. Gedanken zum Älterwerden, Gütersloh (2012) 2014.

 

Der Beitrag erscheint zeitgleich in der Zeitschrift »Freies Christentum«, Nr. 6/2022, dort mit sämtlichen Fußnoten und Belegstellen, die wir hier der besseren Lesbarkeit halber weggelas­sen haben. Der Artikel ist auf Nachfrage auch komplett zu bekommen.

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Glaube macht stark

»In der Welt habt ihr Angst: aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.« (Johannes 16,33)

Diese Bibelstelle ist in unserem Templer-Losungskalender als Zusatzstelle für den November angegeben. Eigentlich stammt sie aus der Abschiedsrede des johanneischen Jesus, in der er den Jüngern verdeutlichen will, dass er bald nicht mehr bei ihnen sein wird, dass sie ihn nach einer kurzen Weile aber wieder sehen werden, er dann aber zum Vater gehen werde. Zu­nächst werde ihre Traurigkeit groß sein, dann aber werde sie sich in Freude wandeln. Es geht um Jesu Tod und seine Auferstehung. Es geht darum, dass die Jünger dann mit dem Verlust seiner Person zurückbleiben werden - und darum, dass er ihnen Mut für ihren Umgang damit zusprechen will.

In der Welt habt ihr Angst, das ist eine Feststellung, die jeder Mensch bestätigen kann. Es gibt so vieles im menschlichen Leben, das uns wie ein Berg vorkommt, bei dem wir Angst haben, ihn nicht bewältigen zu können, und Situationen, die uns Angst machen, weil wir nicht wissen, wie sie ausgehen werden und ob wir sie bestehen können. Paul Tillich hat angesichts der Bedrohung so vieler Menschen in den beiden Weltkriegen das beginnende 20. Jahrhun­dert mit Recht »das Jahrhundert der Angst« genannt. Grausame Kriege überziehen permanent die ganze Welt, aber wir erleben gerade jetzt, nach 77 Jahren Frieden, ganz in unserer Nähe wieder einen furchtbaren Krieg, dazu einen, bei dem der Aggressor ganz bewusst Terror einsetzt, um die Bevölkerung in Angst zu versetzen. Und auch bei uns haben Menschen Angst vor dem bevorstehenden Winter.

Jesus hatte den Tod vor Augen und wusste, dass seine Gefährten ihn allein lassen würden. Jesus ist sich allerdings sicher: Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. Diese Überzeugung ist für ihn eine so starke Unterstützung, dass er sich nicht entmutigen lässt. Entmutigung ist das, was unsere Angst verursacht und was uns schwächt. Aber seid getrost, beruhigt Jesus seine Jünger, ich habe die Welt überwunden. Wie ist das zu verstehen, da Jesus noch gar nicht als Auferstandener spricht?

In allen Evangelien sieht Jesus nicht nur seinen Tod mit aller Deutlichkeit voraus, sondern auch seine Auferstehung - bei den Synoptikern redet er diesbezüglich vom Reich Gottes.

Auch uns allen, die wir im Leben Ängste haben und in Angst an unseren Tod denken, sagt Jesus den Beistand und die Kraft zur Überwindung der Welt und allen Schmerzes zu - diese Stärke kann der Glaube bewirken.

Karin Klingbeil

Ist der Tod wirklich das Ende?

Eine persönliche Reise

In einer Zeit, in der der Tod klinisch geworden ist, dem Leben verborgen und uns fremd, gibt es viele Sprüche über seine Realität:

Hier kommt niemand lebend raus - Jim Morrison

Der Tag, den wir als unseren letzten fürchten, ist nur der Geburtstag der Ewigkeit - Seneca

Der Tod geht uns nichts an, denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da. Und wenn er kommt, existieren wir nicht mehr - Epikur

Ich vermute, dass viele von uns jemanden in ihrer Familie haben, der dafür bekannt ist, dass er eine Art Einsicht, Gabe oder »besondere Verbindung« hat. Wenn wir älter werden, ha­ben mehrere von uns Erfahrungen mit verzerrter Zeit, unwahrscheinlichen Zufällen und viel­leicht Visionen, die das, was wir einst für seltsam oder unmöglich hielten, in Richtung Glaub­würdigkeit verschieben. Die wissenschaftliche Perspektive des Westens hat möglicherweise noch nicht das tiefgreifende, nahezu unendliche und dynamisch komplexe Verständnis dafür erreicht, was das menschliche Bewusstsein zu erfassen vermag. Die Wissenschaft mag zwar in der Lage sein, Dinge zu reduzieren und Gewissheit zu überprüfen, behauptet aber nie, die vollständigen Antworten zu haben.

Derzeit gibt es eine wachsende Zahl von Wissenschaftlern, die sich sehr für die Daten inte­ressieren, die aus der Erforschung von Nahtoderfahrungen (NTE) stammen.

Ich begann meine Einstellung zu ändern, nachdem mir eine Familiengeschichte erzählt wurde. Eine enge weibliche Verwandte erkrankte im Alter von etwa zwölf Jahren an Scharlach. Ihr Fieber stieg so stark, dass sie schwer krank war. Irgendwann fühlte sie, wie sie aus ihrem Körper herausschwebte; ihr Schmerz verschwand und über ihr an der Decke sah sie ihre (verstorbene) Mutter, die sich nach ihr ausstreckte und sie zu sich winkte. Von Sehnsucht und Freude überwältigt, bewegte sie sich zu ihrer Mutter hinauf. Als sie fast da war, betrat ihre (lebende) Großmutter das Zimmer und hinter ihr schlug die Tür zu. Im gleichen Moment kehrte das Mädchen wieder in ihren Körper zurück und das Fieber war weg. Sie erzählte später, dass es eine so schöne, friedliche Erfahrung war, dass sie ihre Angst vor dem Tod verlor. Ihre Erzählung hat mich tief beeindruckt. Ich vertraute ihr, sie teilte mir eines ihrer wichtigsten Er­lebnisse mit, und sie wollte mir helfen, meine Unsicherheit darüber, dass es etwas Unsicht­bares um uns herum gibt, sowie meine Angst vor dem Tod zu lindern.

Viele von uns haben von ähnlichen Geschichten gehört und einige von uns hatten vielleicht selber das, was wir heute eine Nahtoderfahrung nennen. Viele tun es entweder als unwirklich oder als Lüge ab, oder als die Empfindungen, die durch den sterbenden Körper und das Gehirn verursacht werden, denen Sauerstoff und Blutfluss ausgehen. »Moderne Wissenschaft erklärt alles« - aber die Wissenschaft geht eben nur so weit; sie behauptet nie, sich der letzten Realität sicher zu sein.

Auf meiner Suche nach der spirituellen Bedeutung bin ich durch verschiedene Stadien ge­gangen. Ich finde es toll, dass die Temple Society zu ernsthafter und rigoroser persönlicher Er­forschung ermutigt, ohne dass man Angst vor Missbilligung haben müsste, und verschiedene Überzeugungen akzeptiert, die im Einklang mit den Werten der Lehren Jesu stehen.

Ich habe verschiedene Überzeugungen in Bezug auf das Leben nach dem Tod »auspro­biert«, von Himmel und Hölle bis hin zu »Es gibt nichts«. »Wir müssen so leben, als ob wir ewig leben würden, wie könnten wir sonst überhaupt leben?« Dieses Zitat aus Amy Wittings Roman I For Isobel beschreibt die tiefe existenzielle Krise, die ich im Zuge einer atheistischen Weltanschauung durchmachte. Dann ließen mich die tiefempfundene Zusammenfassung der Erfahrung meiner Verwandten und andere Berichte über lebensverändernde Erfahrungen, darunter drei tiefgreifende eigene Erfahrungen, zunehmend nachdenklich zurück: Was wäre, wenn ...?

Nachdem meine Eltern vor zwei, drei Jahren gestorben waren, stolperte ich über ganz nor­male Menschen, die ihre Nahtoderfahrungen auf YouTube beschrieben. Vielleicht hast du sie dir auch angesehen? Ich fand sie überzeugend, da jeder Bericht anders, sehr detailliert und lebensverändernd war. Die Aufrichtigkeit, Gewissheit und Einzigartigkeit jedes Einzelnen be­eindruckte mich zunehmend und ich sah sie mir eifrig, aber immer noch skeptisch an, bisher wahrscheinlich etwa 50 davon.

Einige Menschen berichteten nur über ein geringfügiges Gefühl zu schweben oder sogar außerhalb ihres Körpers zu gehen. Einige hatten intensivere Erfahrungen, in der Nähe der Decke zu schweben, manchmal mit jemand Vertrautem, Fürsorglichem, und zusahen, wie man medizinisch versuchte, ihren Körper wiederzubeleben. Danach erzählten sie den zutiefst er­stauten Ärzten und Pflegern genau, was sie während der Reanimation gesagt und getan hatten. Die Reaktionen des medizinischen Personals reichten dann von Leugnen oder Infrage­stellung der geistigen Gesundheit des Patienten bis hin zu Vorwürfen, vorsätzlich gelogen zu haben. Interessanterweise wurden einige derjenigen, die eine Nahtoderfahrung gemacht hat­ten, Jahrzehnte später von demselben medizinischen Personal kontaktiert, um die Richtigkeit ihrer Aussagen zu bestätigen. Andere Ärzte unterstützen die Patienten und beschäftigen sich mit ihnen, um ihre Geschichten zu überprüfen und zu bestätigen, da sie oft wiederholte Begeg­nungen mit Menschen hatten, die eine NTE gemacht hatten.

Gruppen von Wissenschaftlern haben seit den 1970er Jahren empirische Studien zu NTEs durchgeführt, die bei lebensbedrohlichen Zwischenfällen ausgelöst wurden. Etwa einer von zehn Herzinfarktpatienten, die wiederbelebt werden, hat Nahtoderlebnisse. Da Reanimationen häufiger werden, steigen auch die Anzahl der NTE und die Menge der erhaltenen Daten, wodurch zuverlässigere Studien durchgeführt werden können. In den Tales of the Dying Brain, Juni 2020 im »Scientific American«, wird zusammengefasst, dass NTE keine Einbildung fantasievoller Höhenflüge sind. Sie haben große Gemeinsamkeiten: schmerzfrei werden, ein helles Licht am Ende eines Tunnels und andere visuelle Phänomene sehen, sich vom eigenen Körper lösen und darüber schweben oder sogar in den Weltraum fliegen (außerkörperliche Erfahrung). Zu den Erfahrungen können Begegnungen mit geliebten Menschen gehören, die gestorben sind, oder spirituelle Wesen wie Engel und Wesenheiten mit der höchsten Energie, die als Propheten, Jesus oder eine Form erscheinen können, die manche als Gott erkennen. Viele NTE beinhalten eine Rückschau auf Lebenserinnerungen oder ein verzerrtes Gefühl von Zeit und Raum.

Die meisten NTE sind positiv, von Menschen, die eine überwältigende liebevolle Gegenwart und den Verlust von Schmerz spüren. Jede Kommunikation ist telepathisch, sie haben ein Gefühl der Einheit, des Zuhauseseins, frei zu sein und sie wollen nicht in die Grenzen ihres menschlichen Körpers zurückkehren. Einige Erfahrungen waren negativ, in einer dunklen Lee­re gefangen zu sein, und einige beängstigend, geprägt von intensivem Terror, Angst, Einsam­keit und Verzweiflung. Jedoch wurden sie gerettet, wenn sie Gott oder Jesus anriefen. For­scher fanden heraus, dass NTE je nach religiösem/kulturellem Hintergrund variieren.

Eine Studie von zwei Forschern der University of Virginia aus dem Jahr 2017 ergab, dass Menschen, die über NTEs berichteten, sich Jahrzehnte später mit ungewöhnlicher Intensität, mehr Einzelheiten und Klarheit an ihre Erfahrungen erinnerten - weitaus intensiver, detaillierter und lebhafter als an »echte« Situationen aus der gleichen Zeit.

Der Begriff ‚Nahtoderfahrung‘ wurde in den 1970er Jahren von Raymond Moody und Bruce M. Greyson geprägt. Sie trugen dazu bei, das Stigma rund um NTE zu beseitigen, und vielen Menschen Trost zu spenden, da sie wussten, dass sie nicht allein waren. Es machte mehreren Menschen möglich, öffentlich über ihre NTE in sozialen Medien, auf Konferenzen und in wis­senschaftlichen Studien zu sprechen, sodass das öffentliche Verständnis für NTE gewachsen ist. Aber naturgemäß können NTE nicht ohne Weiteres in einem Labor untersucht werden, und nur sorgfältig überwachte Interviews werden von den Wissenschaftlern, die sie untersuchen, verwendet.

Im Labor werden die meisten Erlebnisse durch elektrische Impulse oder Medikamente sti­muliert. Epileptiker können Gefühle von ekstatischer Freude, Glückseligkeit und erhöhtem Selbstbewusstsein erfahren. Neurochirurgen können diese Gefühle hervorrufen, indem sie die Stelle im Gehirn, an der solche Anfälle ausgelöst werden, elektrisch stimulieren. Die Stimu­lation der grauen Substanz in anderen Teilen des Gehirns kann bei Patienten außerkörperliche Erfahrungen oder visuelle Halluzinationen hervorrufen. Laut dem Autor des Artikels von Scien­tific American spricht dies für einen biologischen Ursprung, nicht für einen spirituellen.

Aber müssen solche Erfahrungen denn entweder biologisch oder spirituell sein? Ich stelle mir vor, dass unser Gehirn die Kapazität hat, viele der Merkmale von Nahtoderlebnissen her­vorzubringen. Ich denke nicht, dass dies Grund genug ist, die spirituelle oder unsichtbare Di­mension, die mit diesen Erfahrungen verbunden ist, abzutun.

Einige Punkte, die ich faszinierend finde, sind, dass den Menschen, die NTE durchmachen, nur die Verstorbenen erscheinen, sogar Menschen, die gestorben sind, ohne dass der Betref­fende es wusste oder die Möglichkeit hatte, es zu wissen. Die NTE sind nicht durcheinander und eine Reihe verschiedener Erfahrungen, sondern eine logische Abfolge.

Obwohl die Berichte der betroffenen Personen unterschiedlich sind, haben alle Mühe, ihre Erfahrungen in Worte zu fassen. Es gibt dennoch einige gemeinsame Elemente in vielen NTE-Berichten:

Menschen mit NTE scheinen sich in verschiedenen Dimensionen zu bewegen, was ihnen ermöglicht durch Wände zu gehen und zu sehen, was die Leute in anderen Räumen tun, was hinterher bestätigt wurde.

Mit extrem hoher Geschwindigkeit sich durch einen »Tunnel« auf ein fast unerklärliches Licht hinzuzubewegen.

Durch eine Landschaft zu gehen, die wie eine Blumenwiese ist, die in so lebendigen Far­ben leuchtet, dass sie unbeschreiblich sind.

Zeit existiert nicht, und diejenigen, denen der Lebensrückblick gewährt wurde, sagten, dass sie gleichzeitig auch fühlten, was jede der an diesem Rückblick beteiligten Personen erlebte.

Es ist auffallend, wie oft unterschiedliche und doch ähnliche spirituelle Botschaften an Men­schen mit NTE gegeben werden; viele wurden vor zukünftigen Ereignissen gewarnt, und das half ihnen, mit diesen Ereignissen fertig zu werden, wenn sie eintraten.

Wiederholt durften Menschen mit NTE nicht mit Informationen zurückkehren, die die Realität unserer Erfahrung hier gefährden würden. Einige erinnern sich, dass sie darum gebeten ha­ben, die Informationen zu behalten, aber ihnen wurde gesagt, dass sie aus ihrem Gedächtnis gelöscht werden müssten. Einige baten darum, einen bestimmten Teil zu behalten, und das wurde ihnen zugestanden, wenn sie versprachen, es zu einem Teil ihrer Aufgabe auf der Erde zu machen, um es zu teilen.

Welche Botschaften wurden denen übermittelt, die mit den höchsten, Liebe ausstrahlenden Wesen kommunizierten? Einige Schlüsselbotschaften, die auf diese Ebene zurückgebracht wurden, waren:

Wir sind auf der Erde, um uns zu entwickeln, an Empathie und Toleranz zu wachsen und aus den unterschiedlichen Erfahrungen, die wir machen, zu lernen.

Materieller Reichtum hat nur eine geringe Bedeutung.

Viele berichteten, von überwältigender Liebe, Licht und Freude umgeben worden zu sein, unermesslicher als alles, was sie je auf der Erde erlebt hatten.

Die Erde ist aufgrund ihrer Negativität einer der schwierigsten Orte zum Lernen. Wir alle sind ein wesentlicher Teil eines Ganzen. Einige Menschen mit NTE sagten, wir seien Splitter oder Funken des Göttlichen, andere, dass wir das Göttliche in uns haben.

Das Bewusstsein, dass nur ein kleiner Teil von ihnen auf der Erde war und dass sie, als sie sich wieder vereinten, plötzlich alles wussten (vergangene Leben und das volle Wissen über das Universum und wie es funktionierte). Dieses wurde wiederhergestellt, bevor sie sich entschieden, auf der Erde geboren zu werden, um zu lernen.

Wir sind alle wertvoll, jeder genauso wertvoll wie alle anderen Lebewesen, und wir müs­sen uns und unsere Mitmenschen gleichermaßen lieben und wertschätzen.

Wir sollten für die Führung des höheren Bewusstseins offen sein und wenn wir uns hier auf der Erde damit verbinden, wird das für uns eine große Hilfe sein.

Je mehr ich darüber erfuhr, desto mehr sah ich, dass dies mit den Lehren des historischen Jesus und einigen anderen Glaubensrichtungen, sowie mit philosophischen/ethischen Lehren übereinstimmt. Ich kann auch sehen, dass es mit den Zielen, Werten und Überzeugungen der Tempelgesellschaft übereinstimmt (was nicht bedeutet, dass jeder glauben muss, was ich glaube).

Durch die Komplexität und Ähnlichkeit der NTE, die ich beobachtet, gelesen und recher­chiert habe, hat mein wissenschaftlicher Verstand festgestellt, dass sie gültig, zuverlässig und präzise genug sind, um vertrauenswürdig zu sein. Natürlich wird es Menschen geben, die lügen und ihre Wahrheit verdrehen; das machen viele Menschen! Aber ich halte es für unklug, die Erfahrungen der zunehmenden Fälle zu verwerfen. Spirituell haben sie meine templerische Auffassung bestärkt und meine Verbindungen zur Natur, zu meinem inneren Selbst und zu denen, die ich glücklicherweise um mich habe, vertieft. Emotional bin ich im Frieden und glaube fest daran, dass meine liebe Mutter und mein lieber Vater nicht unwiderruflich fort sind. Ich habe verstanden, dass sie nur in einer anderen Ebene sind, um mich und meine Familie herum, aber zurückgekehrt zu ihrem besten, gesunden Selbst: Papa repariert Dinge und Mama sitzt auf einem Baum und liest ein Buch.

Hätte ich vor zehn Jahren jemals gedacht, dass ich einen Artikel wie diesen schreiben wür­de? Du willst mich wohl veralbern! Werde ich meine Meinung wieder ändern? Wer weiß ...

Ich bin ein spirituelles Wesen, das eine menschliche Erfahrung macht.

Ingrid Turner in: Templer Reflections, Reality and perceptions of reality, Juli 2022, Über­set­zung Karin Klingbeil

Aufruf zum Friedensgebet

Veit Schäfer schrieb vor kurzem:

Die nachstehende Info erhielt ich dieser Tage von einer Freundin. Ich halte die Initiative für sinnvoll, weil ich an die (welt-) verändernde Kraft unserer Gedanken glaube. Ich glaube an die Möglichkeit, uns gedanklich auf ein Ziel hin zu vernetzen und es »mit vereinten Kräften« zu erreichen.

Gläubige Menschen werden es Gebet nennen, aber wie wir die liebevolle Energie unserer auf die heillose Welt gerichteten Gedanken auch nennen, ist nicht das Entscheidende!

 

Während des Zweiten Weltkriegs organisierte ein Berater des Premierministers Winston Churchill eine Gruppe von Menschen, die jede Nacht zu einer bestimmten Zeit innehielten, was auch immer sie taten, um in der Gemeinschaft für den Frieden, die Sicherheit und die Sicherheit der Menschen in England zu beten. Das taten sie jeden Tag, und es war, als würde die Stadt stillstehen, so groß war die Macht des Gebets.

Das Ergebnis war so überwältigend, dass die Bombardierungen nach kurzer Zeit eingestellt wurden!

Jetzt organisieren wir uns wieder, eine Gruppe von Menschen verschiedener Nationalitäten, um eine Minute lang für die Sicherheit unserer Länder zu beten, für ein Ende der Probleme, die uns unterdrücken und bedrücken, und dafür, dass Gott die Entscheidungen unserer Regie­renden leiten möge.

Wir werden uns zu folgenden Zeiten treffen: Deutschland 16:00 Uhr (in der Folge werden 23 Länder mit der jeweils entsprechenden Uhrzeit aufgelistet, damit das Innehalten überall zeitgleich geschieht).

Bitte unterstützen Sie uns bei dieser Initiative. Wir werden jeden Tag zu den festgesetzten Zeiten eine Minute innehalten, um für den Frieden in der Welt zu beten, für ein Ende der Konflikte und für die Wiederherstellung der Ruhe in allen Völkern der Erde, und dafür, dass die Familien auf Gott für ihre Sicherheit und ihr Heil schauen.

Wenn wir die enorme Macht des Gebets verstehen würden, wären wir erstaunt. Wenn Sie diese Bitte an Ihre Kontakte weiterleiten, können wir mit unserem Gebet ein Wunder bewirken.

Stellen Sie den Wecker auf Ihrem Handy jeden Tag zu der für Ihr Land eingestellten Zeit und beten Sie eine Minute lang für den Frieden.

Unterwegs zur »Ökodiktatur«?

Demokratie und Klimawandel

Die Grenzen des Wachstums (1972)

Im Jahre 1972, also vor 50 Jahren, erschien die Studie »Die Grenzen des Wachstums«; Auf­traggeber war der Club of Rome, ein Kreis von renommierten Wissenschaftlern. Darin wurde prognostiziert, dass die Wachstumsgrenzen der Erde bis zum Jahr 2100 erreicht sein würden, weil das exponentielle Wachstum von Weltbevölkerung und industrieller Produktion Rohstoff- und Nahrungsmittelreserven aufzehren und die Umweltbelastung steigen lassen. Als Ausweg wurde ein weltweites Gleichgewicht durch scharfe Bevölkerungskontrolle und Verzicht auf wirtschaftliches Wachstum angesehen. Die Studie löste eine intensive Debatte über die End­lichkeit der Ressourcen, die ökologischen Folgen industriellen Wachstums sowie globale Um­welt- und Entwicklungsfragen aus. So warnten etwa Vertreter des globalen Südens, dass Wachstumsverzicht (in den Industriestaaten) vor allem zu Lasten der Entwicklungsländer ge­hen werde, und forderten eine gerechtere »neue Weltwirtschaftsordnung«. Die von hiesigen Ökonomen und Politikern vertretene Gegenposition, wonach Wirtschaftswachstum unerläss­lich sei, um Wohlstand und Arbeitsplätze zu sichern, ist im Grunde bis heute ein Grundsatz der Wirtschaftspolitik. Ein autoritär durchgesetzter Wachstumsverzicht war in den 1970er Jahren - trotz der Erfahrungen mit der Erdölkrise und den Sonntagsfahrverboten - jedenfalls nicht mehr­heitsfähig.

Der Brundtland-Bericht (1987)

In den 1980er griffen die Vereinten Nationen die Diskussion wieder auf und beriefen eine Welt­kommission für Umwelt und Entwicklung unter dem Vorsitz der Norwegerin Gro Harlem Brundtland, die den inzwischen aufgekommenen Begriff der »nachhaltigen Entwicklung« (»sustainable development«) mit Leben erfüllen sollte. Die Kommission wies auf die Gefahren des Atomkriegs, von Umweltkonflikten und Ressourcenengpässen hin und entwarf ein ökologisch unterlegtes Konzept von Sicherheit und Friedenssicherung. Zugleich wurde das Thema Gerechtigkeit - sowohl zwischen den Generationen als auch zwischen Nord und Süd - vertieft: Während aber Vertreter des industriellen Nordens Umweltstandards für alle Länder forderten, meinten Länder des Südens, dass Umweltprobleme vielfach durch Armut verursacht würden (z.B. Abholzen). In ihrem Bericht »Our Common Future« von 1987 traute die Kommis­sion der lebenden Generation zu, ihre eigenen Bedürfnisse durch eine nachhaltige Entwick­lung zu befriedigen, ohne die entsprechenden Fähigkeiten künftiger Generationen zu beein­trächtigen. Tendenziell sprach sich die Kommission damit zwar für Wirtschaftswachstum aus, forderte aber auch einen internationalen Fonds zugunsten des globalen Südens. Die meisten deutschen Umweltverbände lehnten den Bericht als »Elitenprojekt« ab und kritisierten die Orientierung an nachhaltigem Wirtschaftswachstum. Wirtschaftsnahe Kreise befürchteten dagegen umweltverbrämte Transferforderungen an die Industrieländer.

Die Konferenz von Rio (1992)

1992 fand in Rio de Janeiro eine UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung statt, die viele Erwartungen nicht erfüllte, jedoch eine nachhaltige Entwicklung - einschließlich der Änderung nicht nachhaltiger Produktionsweisen - programmatisch fixierte. Zugleich verabschiedete der Gipfel eine Biodiversitäts- und eine Klimarahmenkonvention, ohne allerdings die CO2-Einspar­ziele festzulegen. Diese Klimarahmenkonvention ging auf die zwei Jahre zuvor in Genf abge­haltene zweite Weltklimakonferenz zurück und trat 1994 in Kraft; sie wurde inzwischen von nahezu allen Staaten der Welt ratifiziert. Zentrales Ergebnis der Konferenz in Rio war zudem das Aktionsprogramm »Agenda 21«, das die Regierungen dazu aufforderte, Nachhaltigkeits­strategien zu beschließen und Verbände sowie Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in nationale Räte einzubeziehen. In der Folge bildeten sich auch auf lokaler Ebene Agenda-Gruppen. Der Begriff »Nachhaltigkeit« hielt Einzug in Partei- und Regierungsprogramme. Allerdings stieß die zunehmende Verwendung des Begriffs auch auf Kritik und wurde teilweise als »Kitt des neoliberalen Scherbenhaufens« bezeichnet, der nur noch der »ökologischen Modernisierung etablierter Institutionen« diene und »immer weniger auf herrschende gesell­schaftliche und politische Kräfteverhältnisse« bezogen werde. Vereinzelt wurde deshalb eine »Modernisierung der Demokratie« mit einem gesetzlich verankerten Konsultationsrecht von NGOs und sozialen Bewegungen gefordert.

Von Kyoto (1997) nach Paris (2015)

Protestaktion Fridays for Future,
 2019 (Foto: Wikimedia Commons)
Foto: Wikimedia Commons

Die UN-Klimakonvention von 1994 hatte sich zum Ziel gesetzt, eine gefährliche menschengemachte Störung des Klimasystems zu verhindern. Die Treib­hausgaskonzentration sollte so stabilisiert werden, dass natürliche Ökosysteme sich an das veränderte Klima noch anpassen können, Nahrungsmittelpro­duktion sichergestellt ist und nachhaltiges wirt­schaftliches Wachstum möglich ist. Zur Umsetzung waren jährliche Konferenzen vorgesehen. Ein wich­tiger Meilenstein wurde 1997 auf der 3. Vertrags­staatenkonferenz in Kyoto erreicht, denn das dort verabschiedete Protokoll enthielt erstmals rechtsverbindliche Begrenzungs- und Reduzie­rungsverpflichtungen für die Industrieländer. Es trat wegen Differenzen aber erst 2005 in Kraft. Da eine Anschlussregelung zunächst scheiterte, wurde die Laufzeit bis 2020 verlängert. 2015 verpflichteten sich in Paris erstmals alle Staaten der Welt darauf, die Erderwärmung signifikant zu begrenzen auf »deutlich unter 2 Grad, idealerweise auf 1,5 Grad«. Nach einem unge­wöhnlich raschen Ratifizierungsprozess trat das Abkommen 2016 in Kraft. Seitdem haben fast alle Staaten nationale Klimaschutzprogramme entwickelt und bei den Vereinten Nationen eingereicht, die jedoch nach überwiegender Meinung nicht ausreichen. Die 26. Konferenz (COP 26) fand Anfang November 2021 in Glasgow statt, wobei es nicht an dramatischen Appellen fehlte: So forderte etwa der damalige britische Premierminister Boris Johnson, Glasgow müsse der »Anfang vom Ende« des zerstörerischen Klimawandels werden. UN-Generalsekretär Antonio Gueterres warnte: »Wir schaufeln uns unser eigenes Grab« und erklärte, dass die bereits zugesagten Anstrengungen beim Klimaschutz hinten und vorne nicht reichen würden. Die scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel hielt eine »umfassende Transformation unseres Lebens, Arbeitens und Wirtschaftens« für erforderlich. Und US-Präsident Joe Biden bemühte in seinem Appell sogar höhere Mächte: »May God save the Planet!« Viele Kritiker sahen angesichts fehlender konkreter Ausstiegspläne in diesen Bekundungen hingegen eher leeres Gerede oder - um die prominenteste Klimaaktivistin, Greta Thunberg, zu zitieren - »Bla, bla, bla«.

Die letzte Generation

Wenn man auf die Proteste der letzten Jahre gegen die Klimakrise blickt, kommt man an Greta Thunberg nicht vorbei, die mit ihrem Schulstreik - erstmals 2018 - und regelmäßigen Protest­aktionen zuerst in ihrem Heimatland Schweden, dann aber weltweit für Aufsehen und Nachah­mung sorgte. In Auftritten vor dem Davoser Weltwirtschaftsforum, der UN-Klimakonferenz und der UN-Vollversammlung prangerte sie in scharfen Worten die (angebliche) Untätigkeit der Regierungen an und warf ihnen vor, der Jugend ihre Zukunft zu stehlen. Die Schülerproteste, an denen auch viele Erwachsene teilnahmen, fanden oft freitags unter dem Begriff »Fridays for Future« statt.

Damit vielfach verbunden agiert die 2018 in Großbritannien gegründete und heute ebenfalls weltweit vertretene Bewegung »Extinction Rebellion« (wörtlich: Rebellion gegen das Ausster­ben), die sich zum Ziel gesetzt hat, die Klimakatastrophe abzuwenden und das Artensterben zu stoppen. Zu diesem Zweck rief sie im September 2019 gemeinsam mit »Fridays for Future« zum weltweiten Klimastreik auf.

Eine weitere Gruppe, die vor allem mit Aktionen gegen den Braunkohleabbau hervortritt, aber auch mit deutlicher Kapitalismuskritik aufwartet, nennt sich »Ende Gelände«. Sie wird vom Bundesamt für Verfassungsschutz als »linksextremistisch beeinflusst« eingestuft.

In den letzten Jahren ist eine zunehmende Verschärfung der Proteste gegen eine zu zöger­liche Klimaschutzpolitik zu verzeichnen. Dabei werden Grenzüberschreitungen zu gewaltsa­men Protestformen in Form von Straßenblockaden bewusst in Kauf genommen. Immer wieder kam es in den letzten Monaten beispielsweise auf Stadtautobahnen deutscher Großstädte zu Protestaktionen, bei denen Aktivisten der Gruppe »Aufstand der letzten Generation« ihre Hände mit Kontaktkleber auf der Fahrbahn festklebten und hierdurch mehrstündige Fahrzeug­staus verursachten. Die Demonstranten forderten u.a. einen sofortigen Stopp fossiler Energie­träger und einen preiswerten öffentlichen Nahverkehr; sie kündigten eine Fortsetzung der Aktionen an, bis »die Regierung zur Vernunft kommt«. Andere Klimaaktivisten lösten Feuer­alarm im Bundestag und in einem Bundesministerium aus und meinten, dass die schallenden Sirenen nur das Offensichtliche verkündeten: Wir befinden uns in einem Klima-Notfall und die Regierung hat die Pflicht, entsprechend zu handeln.

Der Planet wartet nicht

Die Weltorganisation für Meteorologie prognostiziert mit 50%iger Wahrscheinlichkeit, dass die 2015 vereinbarte 1,5-Grad-Schwelle bereits 2026 erreicht wird. Im sechsten Sachstands­bericht des Weltklimarates war zu lesen: »Jegliche weitere Verzögerung gemeinschaftlichen globalen Handelns und wir verpassen das kleine, sich rasant schließende Zeitfenster, eine lebenswerte Zukunft zu sichern.« Der wachsende Handlungsdruck setzt auch die Demokratie unter Druck, denn demokratische Verfahren brauchen Zeit - aber »der Planet wartet nicht«, wie der Vorsitzende des deutschen Nachhaltigkeitsrates kürzlich betonte. Wie lassen sich also drastische Maßnahmen rechtzeitig beschließen und umsetzen, ohne dadurch demokratische Standards zu vernachlässigen? Wie weit darf Protest für oder gegen mehr Klimaschutz gehen? Manche Skeptiker befürchten eine Art »Ökodiktatur«, wenn dem Oberziel, dem Stoppen der Erderwärmung, alles andere untergeordnet werde. Hinter diesem Vorbehalt steckt zwar oft nur die Absicht, eine strenge Klimapolitik zu diskreditieren. Aber es stellt sich schon die grundsätzliche Frage, ob liberale Demokratien über die politischen Mittel und Instrumente verfügen, um einer Herausforderung wie dem Klimawandel rasch und wirksam zu begegnen, oder ob sie hierfür zu schwerfällig sind. Wenn man hört, wie lange das Genehmigungsverfah­ren für ein neues Windrad dauert, liegt dieser Gedanke nicht allzu fern! Jedenfalls hat das Thema Klimapolitik nach Ansicht mancher Beobachter auf der politischen Ebene eine gewisse Eigenlogik entwickelt, die zum Unbedingten und quasi Religiösen tendiert.

Diese Verabsolutierung wurde auch deutlich, als im November 2021 zwei Klimaaktivistinnen der »Letzten Generation« Bundeskanzler Olaf Scholz mit einem 27-tägigen Hungerstreik zu einem öffentlichen Streitgespräch zwangen. Wer keine radikalen Klimamaßnahmen erlasse, mache sich mitschuldig am Hungertod von Millionen oder gar Milliarden Menschen, erklärten sie und rechtfertigten zivilen Widerstand, mit dem ggf. anfällige Infrastrukturen in diesem Land gestört werden könnten. Die Grenzen zwischen gewaltfreiem und gewaltsamem Widerstand drohen mithin zu verschwimmen.

Den gegenwärtigen Radikalisierungstendenzen kann m.E. nur mit einer entschlossenen Realpolitik unter Wahrung demokratischer Standards begegnet werden. Schon aus Gründen der Akzeptanz muss die Bevölkerung hierbei mitgenommen werden. Hierzu meinte der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer: »Wir können nur ohne Ökodiktatur das Klima retten. Denn Diktatoren können nicht wirklich lernen. Lernen und Innovationen sind aber entscheidend, um die Wende zu einer postfossilen Gesellschaft und Industrie hinzubekommen.«

Dennoch muss sich die Politik sputen, nicht zuletzt im Interesse der nachfolgenden Genera­tionen. Das hat ihr auch das Bundesverfassungsgericht am 29. März 2021 ins Stammbuch ge­schrieben, als es das damalige Klimaschutzgesetz mangels Vorkehrungen für die Zeit nach 2030 für teilweise verfassungswidrig erklärte: »Mit den natürlichen Lebensgrundlagen muss sorgsam umgegangen werden. Sie müssen der Nachwelt in einem Zustand hinterlassen wer­den, dass nachfolgende Generationen diese nicht nur um den Preis radikaler eigener Enthalt­samkeit weiter bewahren könnten«.

Zur Vertiefung des Themas empfehle ich das Heft »Ökologie und Demokratie« der Zeitschrift »Aus Politik und Zeitgeschichte«, Nr. 21-22/2022, der Bundeszentrale für politische Bildung.

Jörg Klingbeil

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