Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 179/7+8 - Juli/August 2023

 

 

Frei werden von Angst - Dr. Andreas Rössler

Wer viel hat, soll noch mehr bekommen - Jörg Klingbeil

»Ich fühle, also bin ich« - Interview mit Prof. Dr. Thomas Fuchs

Eine Orgel aus Wendlingen für Amman - Jörg Klingbeil

Frei werden von Angst

»In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt besiegt« [Luther-Übersetzung: »überwunden«]. Johannes 16,33b

Jeder von uns hat seine eigenen Ängste: Höhenangst, Flugangst, Fahrstuhlangst, Prüfungs­angst, Verlustängste; Peter Handke schrieb einen Roman »Die Angst des Tormanns beim Elf­meter«; meine Mutter hatte Angst vor Katzen. Jeder von uns kann diese Liste weiter fortset­zen.

Manche Ängste können wir, denen es einigermaßen gut geht, gar nicht so richtig nachemp­finden, etwa dass Ärmere Tag für Tag Angst davor haben, ihre Miete und Heizung nicht mehr be­zahlen zu können und dann womöglich auf der Straße zu landen. Oder dass sie ihren Job verlieren, ihre Wohnung verlieren, ihre Familie nicht mehr ernähren können.

Und da sind dann Ängste, die das ganze Leben durchziehen und beeinträchtigen können. Ich denke besonders an die »Lebensangst«, die Angst davor, dem Leben nicht gewachsen zu sein, es einfach nicht packen zu können. Das kann manchmal zum Suizid führen. Und schließ­lich die »Todesangst«, die uns alle betrifft, weil wir ja alle sterblich sind. In der Gewissheit ei­nes Seins bei Gott über den Tod hinaus schreibt der Apostel Paulus: »Ihr sollt nicht traurig sein wie die andern, die keine Hoffnung haben« (1. Thessalonicher 4,13b).

Ganz ohne Ängste geht es nicht. Schon unsere Urahnen vor Hunderttausenden von Jahren hätten ohne Ängste vor wilden Tieren gar nicht überleben können. Das gilt heute genauso. Wer gar keine Angst hat, etwa im Straßenverkehr, verliert jede Vorsicht und wird tollkühn und kopflos. Er gefährdet sich und andere.

Neben den ganz persönlichen gibt es auch kollektive Ängste, an denen die einzelnen Men­schen stärker oder schwächer teilhaben, je nachdem, wie sensibel und empathisch (mitfüh­lend, einfühlend) sie sind. Mögen manche persönlichen Ängste objektiv nicht wirklich begrün­det sein, so liegen doch in manchen kollektiven Ängsten die Gründe massiv vor Augen. Und wehe uns, wenn wir meinen, wir könnten diese Ängste schlicht von uns wegschieben!

Ich denke etwa an den Klimawandel, die drohende Klimakatastrophe. Da darf man auf kei­nen Fall den Kopf in den Sand stecken. Alle Kräfte, im Großen und im Kleinen, müssen gebün­delt werden, um noch im allerletzten Moment eine Wende herbeizuführen. Oder ich denke an die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz. So allmählich dämmert es uns, wie wir uns da immer mehr den Maschinen, den Robotern, den Drohnen preisgeben und ihnen dann wehr­los ausgeliefert sein könnten. Oder ich denke an die Flüchtlingsströme, die da noch auf uns zukommen können, weil Menschen dem Hunger, oder auch wieder der Klimakatastrophe und zudem kriegerischen Auseinandersetzungen entfliehen wollen. Diese Flüchtlinge sind oft so verzweifelt, dass sie ihre Ängste davor überspielen, dass sie bei ihrer Flucht ums Leben kom­men können.

Und da sind noch die Ängste angesichts von Krieg. Gerade jetzt in der Ukraine, in dem bru­talen und zynischen Angriffskrieg Russlands, wo die Menschen aus Angst vor Zerstörung und vor dem Tod ihrer Lieben nicht mehr zur Besinnung kommen. Erstaunlicherweise entwickeln sie da immer wieder ungeahnte Kräfte des Helfens, des Anpackens, der Solidarität. Gesteigert werden die Ängste noch durch die Gefahren eines Atomkriegs, mit dem der Kreml immer wie­der wie mit dem Zaunpfahl winkt.

Manche meinen, wir sollten uns da ganz heraushalten und der Ukraine keine Waffen liefern. Was wir aber jedenfalls bedenken sollten: Irgendwie muss dem Machttrieb von Gewaltherr­schern und der Expansionslust von autoritären Regimen Einhalt geboten werden. Es ist er­schreckend, wie solche Diktaturen wieder in Mode gekommen sind. Da werden Meinungsfrei­heit und Menschenwürde mit Füßen getreten. Wahrheit wird in ihr Gegenteil verkehrt. Lüge wird staatlicherseits als wahr behauptet. Eigenes kritisches Denken wird verboten. Wer wider­spricht, hat Unangenehmes zu befürchten, wie sich das derzeit etwa im Iran zeigt. Die Ge­heimpolizei wütet. Aus Furcht vor Gefängnis, Folter, Mord und Schikanen für die eigene Fami­lie geht man dann notgedrungen in die innere Emigration und hält den Mund, von einzelnen sehr tapferen Leuten abgesehen, bei denen man sich fragt, woher sie die Kraft zu ihrem Mut nehmen..

Wie kann man mit derartigen begründeten Ängsten umgehen? Im Johannesevangelium zeigt der Christus, in den »Abschiedsreden Jesu«, Verständnis für unsere Bedrängnis und unsere Ängste. Wer in seinem Geist zu leben versucht, gerät in einer teilweise gottlosen, gott­fernen Welt vollends in Schwierigkeiten, wie es Jesus am eigenen Leib erfahren musste. Im Garten Gethsemane, kurz bevor er dann gefangen genommen wurde, kam er selbst ins Zittern. Aber er vertraute sich Gott an, der es schließlich und endlich, auch durch tiefstes Leid hindurch, mit ihm und mit uns schon recht machen werde.

Wie es gute Gründe für manche Ängste gibt, so auch gute Gründe dafür, uns von ihnen nicht Bange machen zu lassen, sondern von ihnen frei zu werden. Der entscheidende Grund: Gott hat das letzte Wort. Gott, der sich uns zuwendet, der barmherzig ist, der von uns Güte, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit fordert. Ihm gegenüber werden die Machthaber und Gewalt­herrscher, die Tyrannen und Diktatoren samt ihren Helfershelfern, ohne die sie nichts ausrich­ten könnten, ganz klein. Der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann sagte einmal: »Die Herren dieser Welt gehen. Unser Herr kommt.«

Frieden mit Gott, inneren Frieden und damit zunehmend Freiheit von Ängsten verheißt uns Jesus, sofern wir uns ihm anschließen und Gottes Geist in uns hineinlassen. Jesus selbst hat sich in tiefstem Schmerz an Gott festgeklammert: »Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?«. Die Jünger Jesu erfuhren aber an Ostern, dass Gott gegen allen Augenschein zu Jesus und seiner Friedensbotschaft endgültig Ja gesagt hat. So hat Jesus die Welt besiegt, die sich von Gott abgewendet hat.

Halten wir uns an Jesus als das Vorbild. Zwar sind dann die Ängste nicht einfach wie weg­geblasen. Aber mitten in den Ängsten werden wir auf einmal frei für andere, ihnen beizuste­hen, und nicht wegzuschauen, wenn sie verletzt, unterdrückt, gequält, erniedrigt werden.

Wir dürfen uns das Recht nehmen, uns in Gott geborgen und von ihm gehalten zu wissen. Wie Eltern ihren von Angst heimgesuchten kleinen Kindern zusagen: »Du braucht keine Angst zu haben. Wir sind bei dir. Alles wird gut.« Gegen manche ja durchaus begründete Angst hilft, dass wir erwarten dürfen: Gottes Güte und Barmherzigkeit sind stärker als der Tod. Wir haben, auch wenn jeder neue Tag der erste Tag vom Rest unseres Lebens ist, in Gott eine gute Zukunft auch über Zerstörung und Tod hinaus.

»Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus« (1. Johannes 4,18a). Freilich: Wollten wir durch unser eigenes Zupacken, Helfen und Heilen, also durch unsere Liebe Furcht und Angst austreiben, so wären wir total überfordert. Es geht in erster Linie um Gottes Zuwendung zu uns. Wenn wir uns diese vor Augen halten, dann brau­chen wir nicht mehr wie das Kaninchen auf die Schlange, auf das zu starren, was uns Angst macht. Mit Gott, dem Ursprung und Ziel von allem, sind und bleiben wir gut dran. Wir gewin­nen neuen Mut. Mitten in unseren Ängsten werden wir zugleich von ihnen frei.

Dr. Andreas Rössler

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Wer viel hat, soll noch mehr bekommen

(Lukas 19,11-27)

Ein verstörender Satz, zumal ihn Jesus noch durch einen zweiten ergänzt: Wer aber wenig hat, dem soll auch noch das Letzte weggenommen werden. Diese Sätze stammen aus dem Gleichnis vom anvertrauten Geld, das Jesus seinen Jüngern und anderen Zuhörern erzählt, kurz bevor er in Jerusalem einzieht. Darin geht es um einen Edelmann, der eine Auslandsreise antreten will und seinen Knechten zuvor viel Geld anvertraut; sie sollen damit handeln. Nach seiner Rückkehr berichten drei Knechte, was sie aus dem Geld gemacht haben. Der erste hatte die erhaltene Summe verzehnfacht, der zweite immerhin noch verfünffacht. Beide wer­den nun gelobt und belohnt. Der dritte indes hatte das anvertraute Geld lediglich versteckt und nicht vermehrt, weil er gegenüber dem Herrn kritisch und misstrauisch war. Dieser tadelt ihn dafür heftig und befiehlt, ihm auch noch den Rest wegzunehmen und diesen dem zu geben, der am besten gewirtschaftet hatte.

Das hört sich an wie eine Geschichte aus der Frühzeit des Raubtierkapitalismus: Wer clever spekuliert und dabei andere über den Tisch zieht, wird offenbar belohnt. Wer eher risikoscheu ist, der wird bestraft. Ist das nicht die heutige Realität? Aber geht es in dieser Geschichte wirklich darum? Was wäre denn passiert, wenn die beiden ersten Knechte sich verspekuliert und das Geld verloren hätten. Wäre dann der dritte Knecht gelobt worden, weil er nichts ein­gebüßt hatte?

Es war eine Menge Geld, die der reiche Mann seinen Knechten überlassen hatte. In der Lu­ther-Übersetzung ist von »Pfunden« die Rede; das entspräche jeweils 100 Denar, ein Denar war damals der Tageslohn eines Arbeiters. Teilweise wird auch der griechische Begriff »Talen­te« verwendet, was eine in der Antike gebräuchliche große Gewichtseinheit (in Silber) bezeich­net. Das eröffnet eine andere, für uns einleuchtendere Interpretation. Danach hat Gott den Menschen unterschiedliche Begabungen, eben Talente, verliehen, man könnte auch sagen: anvertraut, mit denen wir in unserem Leben gut wirtschaften und aus denen wir etwas Sinnvol­les machen sollen. Dabei kann es im Verhältnis zu Gott nicht darum gehen, sich ständig mit anderen zu vergleichen oder denen nachzueifern, die mehr Erfolg haben, reicher oder schöner sind. Das kann nur mutlos machen und zu Minderwertigkeitskomplexen führen. Wer seine Talente angstvoll vergräbt, kann sie nicht entfalten. Gott will, so sagt uns dieses Gleichnis, dass du lebst als du selbst. Letztlich wirst du gemessen an dem, was du bist.

Jörg Klingbeil

»Ich fühle, also bin ich«

KI-Robotor Sophia,
 https://commons.wikimedia.org/wiki/File: Sophia_(robot).jpg (Quelle: Wikimedia Commons)
Quelle: Wikimedia Commons

Lebendige Maschine, verdinglichter Mensch - wa­rum unser Geist nicht mit einem Computer ver­gleichbar ist. Ein Gespräch mit dem Psychiater und Philosophen Thomas Fuchs, Karl-Jaspers-Profes­sor für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie an der Universität Heidelberg. Er wurde dieses Jahr mit dem Erich-Fromm-Preis ausgezeichnet.

Publik-Forum:

Sie haben kürzlich bei der Verleihung des Erich-Fromm-Preises gesagt, dass der Mensch metaphy­sisch obdachlos geworden sei. Wie haben Sie das gemeint?

Thomas Fuchs:

Das Gefühl der metaphysischen Obdachlosigkeit finden wir bereits in der Frühen Neuzeit: Das neue Weltbild von Nikolaus Kopernikus und Galileo Galilei löst bei manchen Zeitgenossen ei­ne Atmosphäre des Verlorenseins aus, weil der Mensch aus dem Zentrum der Welt verbannt wird...

Das Gespräch führten Christoph Fleischmann, Michael Schrom

 

Dieser Artikel ist für die Internetausgabe der »Warte« leider nicht freigegeben. Lesen Sie den vollständigen Artikel in der gedruckten Ausgabe der »Warte« oder in »Publik-Forum«, kri­tisch - christlich - unabhängig, Oberursel, Ausgabe 7/2023, Seite 34.

Eine Orgel aus Wendlingen für Amman

Eine Orgel aus Wendlingen für Amman (Foto: Wikimedia Commons)
Foto: Wikimedia Commons

Die Schließung von Kirchengebäuden macht auch vor den da­rin enthaltenen Orgeln nicht Halt. Vielerorts wurden bereits Orgeln abgebrochen und entsorgt, die woanders noch ihren Dienst hätten verrichten können. Seit bekannt wurde, dass vor zwei Jahren in Wendlingen am Neckar eine Orgel demontiert und eingelagert wurde, bemüht sich der Evangelische Verein für Schneller-Schulen darum, die Wendlinger Orgel für die Theodor-Schneller-Schule in Amman zu bekommen. Nach­dem das Syrische Waisenhaus in Jerusalem 1940 geschlos­sen und in Israel nicht wiedereröffnet werden konnte, wurden ab den 1950er Jahren Nachfolgeeinrichtungen im Libanon und in Jordanien geschaffen. Bisher gelang es jedoch nicht, in den Kirchen der beiden neuen Schulen Orgeln zu installieren. Wie dem »Schneller-Magazin« 1/2023 zu entnehmen ist, soll dies nun zumindest für die Schule in Amman endlich erfolgen.

Mehr als fünfzig Jahre erklang die Orgel des Echterdinger Orgelbauers Weigle in der 2020 abgebrochenen Johanneskir­che in Wendlingen. Sie umfasst 17 Register und mehr als 1000 Pfeifen. Die Kirchengemeinde würde sie kostenlos abgeben, aber für den Transport per Container, den Wiederaufbau und für Ergänzungsteile benötigt der Schneller-Förderverein Spenden. Wer mindestens 250 Euro spendet, dessen Name soll auf den Seitenwänden der Orgel verewigt werden. Die Kontover­bindung ist der Internetseite des Evangelischen Vereins zu entnehmen.

Jörg Klingbeil

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