Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 176/9 - September 2020

 

 

Vom Beten - unsere Verbindung zum Göttlichen - Herta Uhlherr

Moral ohne Gott? - Jörg Klingbeil

Seenotrettung im Mittelmeer - Karin Klingbeil

Das Reich Gottes ist wie ein Sauerteig - Jörg Klingbeil

Richard von Weizsäcker - ein »politischer« Bundespräsident - Peter Lange

Der Brunnen von Rishon LeZion - Jörg Klingbeil

Vom Beten - unsere Verbindung zum Göttlichen

In schweren Zeiten wenden sich mehr Menschen dem Beten zu. Kürzlich sagte ein Feuer­wehrkommandant im Fernsehen leise, dass viele der entsetzten Anwohner, die in seiner Feuerwehrstation Schutz gesucht hatten, beteten, als ihr Wohnort im Busch von einem Feuer­sturm umringt wurde. Es scheint zum menschlichen Überlebensinstinkt zu gehören, Hilfe und Beruhigung bei einer höheren Macht zu suchen.

Allerdings wird in der Gesellschaft über das Beten, ebenso wie über Gott und Himmel nicht viel gesprochen, außer vielleicht in geringschätziger Weise. Es ist "uncool" geworden, daran zu glauben. Zynismus und intellektuelle Arroganz liegen mehr im Trend. Aber - sind "coole" Trends nicht nur Modeerscheinungen, die bald genug überholt sein werden?

Beten setzt ein göttliches Wesen voraus, zu dem man betet. Wem die Entwicklung des Denkens unserer Templer-Ältesten gegenwärtig ist, wird wissen, dass wir neue Wege auspro­bieren, uns "Gott" (G.O.D.) zu vergegenwärtigen. Die Vorstellung von dem alten Patriarchen im Himmel ist im Wesentlichen verschwunden.

Während wir aber Ideen erkunden, schreiben wir nicht vor, was Mitglieder glauben müssen. Wir hoffen, Ihr geht zusammen mit uns auf Erkundung.

Die menschlichen Auffassungen von Gott haben sich in dem Maß verändert, in dem sich das Wissen über die kosmischen Zusammenhänge erweitert hat. Und die historische For­schung hat aufgezeigt, dass die geistlichen Führer bei der Zusammenstellung des Neuen Testaments nur einige aus der Vielfalt der frühen christlichen Niederschriften auswählten, um ihre Vorstellungen und ihre Macht zu befördern.

Es gibt andere zulässige spirituelle Richtlinien und Praktiken als die vorherrschenden Dog­men, die unser Intellekt wenig einladend finden mag. Habt Ihr ein wenig Zeit auf den Beitrag über »Spirituelle Übungen zur Coronavirus-Pandemie« in der Mai-Ausgabe des Templer Connect verwendet?

Wie Menschen beten hängt von ihrer Auffassung ab, wer oder was "Gott" für sie ist: der Herr des Universums; die kreative Lebenskraft, die in allem präsent ist, uns Menschen einge­schlossen (der »göttliche Geist in unserem Tempel«); das kosmische Ordnungsprinzip; das transzendente »Mehr«; das Große Geheimnis, das durch jeden Namen, den wir ihm geben, reduziert wird ... Wenn wir "Gott" schreiben, erinnert uns das daran, dass wir uns keine festge­legte Vorstellung machen wollen, weil diese zwangsläufig das unnennbare Geheimnis verklei­nert.

Im Wesentlichen ist Beten Kommunikation mit "Gott" in Worten oder Gedanken. Es ist eine Form, unser Innerstes auf ein höheres Bewusstsein oder auf das Göttliche in uns einzustellen. Michael Leunig (australischer Karikaturist und Dichter) bezeichnet das, was wir als "Gebet" bezeichnen, als »kleines, uraltes, wunderbares, formloses, selbst gestaltetes Ritual der Verbindung, Liebe und Verwandlung«.

Beten hat viele Formen: den Lobpreis; das vorgegebene Gebet in kirchlichen Gottesdiens­ten; das öffentlich zur Schau gestellte Beten oder ganz persönliche Anrufung aus tiefstem Herzen ...

Viele Gebete sind ein ganz spontanes Dankeschön: für Freundlichkeit oder Schönheit, für nahrhaftes Essen, für Musik, das gemeinsame Singen in Harmonie. Für die Freude am Herun­terrasen eines Ski-Hangs oder am mühelosen Dahingleiten beim Surfen auf einer großen Welle, sich eins-fühlend mit der Umgebung und angefüllt mit der Energie der Lebenskraft in und um einen herum. Für die Ehrfurcht, wenn wir von der sprühenden Göttlichkeit eines klei­nen Kindes berührt sind. Das alles kann eine Art Beten sein, als freudige Verbindung.

Indem wir ein Mantra oder eine Affirmation wie »alles ist gut« wiederholen, bejahen wir Vertrauen in "Gott" oder das Universum oder unser höchstes Selbst. Beten durch Tanz und Bewegungen des Körpers - man denke an den verzückten Ausdruck mancher Insulaner oder das Trommeln von Südamerikanern oder die Pfingstler. Das mag nicht jedermanns Sache sein, aber für sie wirkt es.

Vielleicht ist das, was Ihr ganz selbstverständlich tut, ein Beten mit oder auch ohne Worte. Ich kenne Großeltern, die ihre über alles geliebten Enkelkinder mit der Energie der bedingungslosen Liebe und dem Schutz eines "Schutzengels" umgeben und damit der elterlichen Fürsorge eine weitere Schicht hinzufügen. Wenn ich zurückschaue, wird mir klar, dass ich häufig hätte Kummer haben können. War es die Kraft der Gebete der älteren Gene­ration, die mich bewahrt hat?

Isoliert lebende Freunde und Verwandte schicken einander und Alleinstehenden Gedanken von Licht, Wohlwollen und Heilung. Da im Universum keine Energie verloren geht, bleibt kein Gedanke ohne Auswirkung, jetzt oder später, gesehen oder ungesehen. Wäge die Konse­quenzen ab (und achte auf das, womit Du Deine Gedanken füllst).

Schau Dir nochmal das Gebet von Leunig am Ende der Mai-Ausgabe von Templer Connect (s.o.) an. Ganz sicher ist es ein Gebet für ein inneres Wachsen, für das Reifen des Geistes und dafür, eher ein Segen für die Welt zu sein, als ein Verschmutzer der natürlichen und geistigen Umwelt. Bleibt behütet!

Herta Uhlherr, Juli-Ausgabe 2020 des Templer Talk, Übersetzung Karin Klingbeil

 

Dear God,

We give thanks for places of simplicity and peace.

Let us find such a place within ourselves.

We give thanks for places of refuge and beauty.

Let us find such a place within ourselves.

We give thanks for places of nature’s truth and freedom,

of joy, inspiration and renewal,

places where all creatures may find acceptance and belonging.

Let us search for these places: in the world,

in ourselves and in others.

Let us restore them. Let us strengthen and protect

them and let us create them.

May we mend this outer world according to the

truth of our inner life and may our souls be shaped

and nourished by nature’s eternal wisdom.

Amen.

 

From M. Leunig, When I talk to you, HarperCollins 2004

 

Lieber Gott,

wir danken für Orte von Schlichtheit und Frieden.

Lass uns einen solchen Ort in uns selbst finden.

Wir danken für Orte der Zuflucht und Schönheit.

Lass uns einen solchen Ort in uns selbst finden.

Wir danken für Orte von Wahrheit und Freiheit in der Natur,

von Freude, Inspiration und Erneuerung,

Orte, an denen alle Geschöpfe sich angenommen und zugehörig fühlen.

Lass uns nach diesen Orten suchen: in der Welt,

in uns selbst und in anderen.

Lass sie durch uns wieder hergestellt werden. Lass sie durch uns

gestärkt und geschützt werden, und lass uns solche hervorbringen.

Mögen wir diese äußere Welt heilen nach der Wahrheit

unseres inneren Lebens und mögen unsere Seelen

durch die ewige Weisheit der Natur geformt und genährt werden.

Amen

Moral ohne Gott?

Ergebnisse einer globalen Umfrage

Braucht man Religion oder eine Vorstellung von Gott, um ein moralischer Mensch zu sein? Das Meinungsforschungsinstitut Pew Research Center aus den USA ist dieser Frage 2019 in einer Umfrage mit mehr als 35000 Interviews in 34 Ländern nachgegangen, deren detaillierte Ergebnisse kürzlich im Deutschlandfunk vorgestellt wurden. Rund 45 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass Religiosität und der Glaube an Gott notwendig sind, um ein moralischer, ein »guter« Mensch zu sein. Für fast die Hälfte schien demnach eine Moral ohne Gott nicht denkbar zu sein. Das galt international übergreifend. Umgekehrt glaubten ca. 55 Prozent, dass auch nicht-religiöse Menschen moralisch gut sein können. Aus Vereinfachungsgründen wurden bei der Umfrage übrigens die Begriffe Moralität, »ein guter Mensch sein« oder »gute Werte haben« synonym benutzt und nicht weiter inhaltlich bestimmt; deshalb konnte jeder darunter verstehen, was er wollte.

Je nach Kulturkreis ergaben sich durchaus unterschiedliche Ergebnisse: In Ländern wie den Philippinen, Kenia und Nigeria fanden mehr als 99 Prozent, dass es notwendig ist, an Gott zu glauben, um gut zu sein. Im liberalen Schweden glaubten das gerade einmal 9 Prozent. Die Meinungsforscher wollten außerdem herausbekommen, wie wichtig der Glaube an Gott und das Gebet als Symbol eines praktizierten Glaubens im Leben des Einzelnen ist. Für 62 Prozent der Befragten war der Glaube an Gott persönlich wichtig; für rund 53 Prozent spielte das Gebet eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Auch hier gab es Unterschiede je nach Höhe des Bruttosozialprodukts. Das ist grundsätzlich nichts Neues: Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern mit weniger Zugang zu Bildungseinrichtungen sind tendenziell mehr in ihrer Religion und in traditionellen Moralvorstellungen verwurzelt, Ältere mehr als Jüngere.

Fazit: Der Einfluss religiöser Vorstellungen von Gut und Böse ist dort stark, wo Wirtschaft und Bildungswesen schwach sind. Länder mit einem höheren Bruttosozialprodukt sind tendenziell weniger religiös. Grundsätzlich lässt sich aufgrund der Umfrage folgender Schluss ziehen: Je liberaler und reicher eine Gesellschaft ist, desto weniger spielen Gott und Gebet eine Rolle, wenn es darum geht, moralisches Handeln zu begründen. Signifikante Ausnahme: USA.

Jörg Klingbeil

Seenotrettung im Mittelmeer

Begonnen hatte alles auf dem 37. Kirchentag 2019 in Dortmund mit einer Resolution. Seit 50 Jahren gab es da die Möglichkeit, als Mittel bürgerlichen Engagements Resolutionen einzu­bringen und so gegen gesellschaftliche Missstände zu protestieren. Für die Verabschiedung einer Resolution sind mindestens 500 Teilnehmer bei einer Veranstaltung notwendig; wenn die Mehrheit dieser Teilnehmer für die Resolution ist, gilt diese als verabschiedet. Von den 15 auf diesem Kirchentag eingebrachten Resolutionen wurden 10 verabschiedet, thematisch reichten diese von der Umsetzung der Ziele des Pariser Klima-Abkommens über Sicherheit und Vertrauen in die digitale Gesellschaft, bezahlbaren Wohnraum für alle und Schritte für mehr Tierschutz bis eben zu der Forderung: »Schicken wir ein Schiff«. Da keine Rettungsschiffe mehr durch das Mittelmeer fuhren, um Flüchtlinge aus ihrer brisanten Situation zu retten, und mehr und mehr Flüchtlinge ertranken, lautete die Forderung der Resolutionsinitiatoren unter der Federführung des Europaabgeordneten Sven Giegold: »Daher fordern wir die EKD und ihre Gliedkirchen auf, selbst mutig zu handeln: Schickt selbst ein Schiff in das tödlichste Gewässer der Welt. Ein Schiff der Gemeinschaft, der Solidarität und Nächstenliebe. Ein Schiff von uns, von euch, von allen.«

Tatsächlich ergriff die Evangelische Kirche die Initiative und gründete Anfang Dezember 2019 das Bündnis »United4Rescue«, das sich inzwischen aus mehr als 550 Institutionen, Vereinen, Firmen und Organisationen zusammensetzt, u.a. auch Sea-Watch, Ärzte ohne Grenzen, der Deutsche Gewerkschaftsbund und viele - oft jüngere - Einzelpersonen aus dem kirchlichen Umfeld. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, zivile Seenotrettungsorganisationen zu unterstützen. Auch 2019 sind wieder mehr als 1000 Menschen im Mittelmeer ertrunken. Hauptanliegen des Bündnisses sei es, Flüchtlinge im Mittelmeer nicht ertrinken zu lassen, Seenotrettung zu entkriminalisieren und ein faires Asylverfahren zu ermöglichen. »Wir lösen nicht das Migrationsproblem oder die politischen Fragen. Sondern wir wollen einfach ganz konzentriert sagen, das geht nicht an, dass wir Menschen ertrinken lassen, um sozusagen einen Pull-Effekt zu vermeiden oder denen deutlich zu zeigen, dass es keinen Sinn hat, nach Europa zu kommen, das ist zynisch.« (Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD).

Als das deutsche Forschungsschiff Poseidon nach 43 "Dienstjahren" und 539 Expeditionen außer Dienst gestellt und zur Versteigerung ausgeschrieben wurde, machte das Gebot des Bündnisses von sich reden - es war das Höchstgebot. Mithilfe vieler Organisationen und Einzelpersonen, die das Bündnisprojekt #WirSchickenEinSchiff unterstützen und für den Erwerb des Schiffes gespendet hatten, konnte so Ende Januar 2020 die Poseidon ersteigert werden, die am 20.02.2020 auf den Namen Sea-Watch 4 umgetauft wurde. Das Schiff wird wegen verschiedener Eigenschaften, z.B. der Freiflächen, der niedrigen Bordwände (um gut Menschen bergen zu können) und der Möglichkeit, Krankenstation, Isolierstation, Frauen und Kinder, aber auch die Mannschaft unterzubringen, als für den geplanten Zweck gut geeignet angesehen. Zügig wurde an den Umbau gegangen, denn die Sea-Watch 4 sollte bereits im Frühjahr 2020 zur ersten Fahrt ihrer neuen Bestimmung auslaufen. Als umgebautes Rettungs­schiff hat es eine Besatzung von 26 Personen, kann bis zu 300 Flüchtlinge aufnehmen, im extremen Notfall kurzzeitig bis zu 900.

Wegen der Corona-Pandemie verzögerten sich die Umbauarbeiten erheblich, so dass das Schiff nicht wie geplant im April auslaufen konnte, sondern erst Monate später. Aber jetzt, am 15. August, war es endlich so weit: die Sea-Watch 4 ist auf dem Weg in die Such- und Rettungszone vor der libyschen Küste - als derzeit einziges Rettungsschiff auf dem Mittelmeer.

Wegen seines Engagements um die Seenotrettung und den Kauf des Schiffes erhielt der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm Morddrohungen. Zum Auslaufen der Sea-Watch 4 sagte er: »Ich bin dankbar, dass es endlich ausläuft. Es sterben täglich Menschen im Mittelmeer, und kein Rettungsschiff ist da, das sie rettet. Es ist auch ein Gefühl der Dankbarkeit für all die Menschen, die in unglaublicher Geschwindigkeit mitgeholfen haben, dass das jetzt möglich wurde. Auch für alle, die gespendet haben. Das Schiff hat eine ungeheuer breite Basis. Alle wollen nur eines: dass Menschenleben gerettet werden. ... Was wir nicht kannten, ist die riesige Bewegung von Menschen, die sagen: Endlich orientiert sich die Kirche am Doppelgebot der Liebe. Die sagen, sie waren noch nie so stolz auf die Kirche.«

Karin Klingbeil

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Das Reich Gottes ist wie ein Sauerteig

Und wiederum sprach er: Womit soll ich das Reich Gottes vergleichen? Es gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war. (Lukas 13,20-21)

Wie das Gleichnis vom Senfkorn in den vorangehenden Zeilen ist auch die Parabel vom Sauerteig eine Variante desselben Gedankens, den Jesus vor seinen Zuhörern mit einfachen Beispielen aus ihrer alltäglichen Erfahrungswelt entfaltet. Hier wie dort geht es um das entste­hende Gottesreich, das er nicht konkret als machtvolle äußerliche Manifestation eines gött­lichen Willens beschreibt, sondern als etwas, das zunächst unscheinbar entsteht. Jesus macht dabei deutlich, dass es in beiden Fällen nicht ohne das Zutun des Menschen geht - hier setzt ein Mann ein Senfkorn in die Erde, dort mischt eine Frau den Sauerteig unter eine große Menge Mehl. In beiden Gleichnissen wächst aber etwas Großes und Umfassendes heran, das Menschen allein nicht bewirken können.

An anderer Stelle umschreibt Jesus das Gottesreich in scheinbarem Gegensatz dazu als etwas, dessen Kommen man nicht beobachten könne (Lk 17,20). Einmal geht es um etwas bereits Vorhandenes, aber Verborgenes (Schatz im Acker, kostbare Perle), ein anderes Mal um etwas, das erst in der Zukunft hereinbricht. Wie passt das zusammen? Ich denke, man muss sich immer wieder klar machen, dass Jesus - nach dem, was uns von ihm im Neuen Testament überliefert ist - zu den Menschen seiner Zeit nicht in Lehrsätzen und Theorien, sondern vor allem in Bildern und Gleichnissen geredet hat, oft genug bruchstückhaft und teilweise widersprüchlich. Er hat uns kein geschlossenes Weltbild und keine festgefügte Ideo­logie hinterlassen, auch wenn die Kirche im Laufe der Zeit versucht hat, Jesus in einer dogma­tischen Festung einzumauern. Für Jesus war das Reich Gottes schon angebrochen und mitten unter uns (Lk 17,21). Unser Auftrag ist es, es zu entdecken, es gewissermaßen freizulegen und ihm zur Wirksamkeit zu verhelfen, sowohl in uns selbst als auch in unserem Umfeld.

Auch die ersten Templer waren von dem Gedanken beseelt, ihr Umfeld durch ihr beispiel­gebendes Siedlungswerk nachhaltig zu verändern. Zwar waren ihre Ziele zu hoch gesteckt, aber die Grundaussage, dass Menschen guten Willens damals wie heute ihre Umgebung und ihre Mitmenschen positiv verändern können, bleibt unverändert richtig. Insofern sollten wir das Gleichnis vom Sauerteig als Mutmacher verstehen. Auch ins uns kann die Botschaft vom Reich Gottes ihre Kraft entfalten und uns in die Lage versetzen, andere damit anzustecken.

Jörg Klingbeil

Richard von Weizsäcker - ein »politischer« Bundespräsident

Richard von Weizsäcker,
 1984,
 Quelle: BundesarchivEs entspricht wohl einer allgemeinen Erfahrung, dass in unse­rem Leben hin und wieder Gestalten aus der Vergangenheit vor unserem geistigen Auge auftauchen. Ist es nicht höchst merk­würdig, wie unser Gehirn solche lebendigen Bilder noch nach langer Zeit in unserer Vorstellung entstehen lässt, auch wenn die jeweilige Person gar nicht mehr am Leben ist? Meist wissen wir gar nicht, welchem Umstand wir es zu verdanken haben, dass es zu diesem »Erinnern« kommt.

So erging es mir vor kurzem mit der Gestalt des früheren deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Die Er­innerung an ihn erfolgte bei mir vermutlich durch die Lektüre seiner Autobiografie »Vier Zeiten« von 1997. Ich hatte das Buch von Verwandten geschenkt bekommen, ohne es vorher gekannt zu haben. Höchstwahrscheinlich spiegelte sich in ihm meine eigene Erinnerung an den Staatsmann von Weizsäcker wider, den ich damals mit großem Interesse in Funk und Pres­se miterlebt hatte. Für mich war Richard von Weizsäcker immer ein Mensch von großer Ausstrahlungskraft gewesen. Ich empfand ihn in seinem Führungsstil als eine völlig überzeugende und integre Persönlichkeit.

Wenn ich hier in der »Warte« auf seine Persönlichkeit zurückschaue, ist dies vor allem dem Umstand zu verdanken, dass am 15. April dieses Jahres in den Medien seiner Geburt vor 100 Jahren gedacht worden ist. Dass diese Geburt seinerzeit »in einer Mansarde des Neuen Schlosses von Stuttgart« geschah (so seine eigene Formulierung), gab dem Gedenken noch einen besonderen »heimatlichen« Charakter. Ich muss zwar gestehen, dass sein acht Jahre älterer Bruder, der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker, wegen seiner kosmologischen Erkenntnisse zunächst mein größeres Interesse gefunden hatte.

Beide Eltern von Richard von Weizsäcker sowie drei seiner Großeltern waren ebenfalls in Stuttgart zur Welt gekommen. Die Vorfahren väterlicherseits stammten aus dem fränkisch-hohenlohischen Land. Sie betrieben dort das Müllerhandwerk, wie es denn auch aus ihrem Namen deutlich wird. Doch es entwickelte sich daraus später der Berufsstand von Pfarrern und Wissenschaftlern, von Beamten und Politikern.

Richards Ururgroßvater war der erste in der Familie, der Theologie studierte und später Stiftsprediger in Öhringen wurde. Der Urgroßvater Carl Weizsäcker war ebenfalls Theologe, er wurde Kirchenhistoriker (sein Hauptwerk: »Das apostolische Zeitalter der christlichen Kirche«) und war weithin bekannt durch seine Übersetzung des Neuen Testaments aus dem grie­chischen Urtext. Er wurde Rektor der Universität Tübingen, später ihr Kanzler und damit Mit­glied des Württembergischen Landtags. Er wurde bekannt als Vorkämpfer für den konfessio­nellen Frieden im Land.

Sein Sohn, ebenfalls Karl, Richard von Weizsäckers Großvater, wurde Politiker, nahm als 17-jähriger Freiwilliger am Krieg 1870/71 teil, wurde Richter am Justizministerium, war beteiligt an der Einführung des Jahrhundertwerks im Zivilrecht, dem Bürgerlichen Gesetzbuch, war später Kultminister Württembergs und wurde 1906 zum Württembergischen Ministerpräsiden­ten berufen, ist aber sein Leben lang königstreu geblieben. Er hatte 1914 inmitten der vaterlän­dischen Begeisterung der Bevölkerung seinen Vertrauten gegenüber geäußert: »Dieser Krieg wird mit einer Revolution enden«. Dieser letzte königliche Ministerpräsident wurde 1916 vom König in den erblichen Freiherrenstand erhoben.

Richard von Weizsäcker studierte in Oxford und Grenoble und leistete 1945 Militärdienst. In der Folgezeit studierte er Rechtswissenschaft und Geschichte und promovierte zum Dr. jur. Noch als Student assistierte er 1948 dem Rechtsanwalt, der von Weizsäckers Vater bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen verteidigte.

1954 trat er der CDU bei. Danach folgten Stellungen in verschiedenen wirtschaftlichen Unternehmungen. 1962 trat er dem Präsidium des Evangelischen Kirchentags bei, dessen Präsident er bis 1970 war. Um diese Zeit wurde er (im Alter von knapp 50 Jahren) in den Deutschen Bundestag gewählt, dem er bis 1981 angehörte. 1978 war er nach Berlin übersie­delt, um dort Oppositionsführer zu werden, bis er 1981 zum Regierenden Bürgermeister ge­wählt wurde.

Während Richard von Weizsäckers Zugehörigkeit zum Deutschen Bundestag veränderte sich die Geschichte der Bundesrepublik nachhaltig. Das Thema »Ostpolitik« der Regierung Brandt/Scheel wurde ohne Übersetzung in den Sprachschatz anderer Staaten übernommen. Willy Brandt brach mit dem Tabu, die DDR in der politischen Sprache einfach zu ignorieren. Er hatte den berühmtesten Nebensatz aller bisherigen Regierungserklärungen geschaffen: »Auch wenn zwei Staaten in Deutschland existieren, so sind sie doch füreinander nicht Ausland«. Mit Egon Bahr, dem engsten Berater Brandts, kam es zum »Wandel durch Annäherung«.

Im Warschauer Vertrag vom 7. Dezember 1970 wurde die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze Deutschlands unterschrieben. Richard von Weizsäcker schrieb in seiner Biografie, es sei dies der schmerzhafteste, die Gefühle der Menschen am tiefsten erregende Gang der Bundesregierung gewesen. Willy Brandt erklärte: »Meine Regierung nimmt die Ergebnisse der Geschichte an«. Es kam zum Kniefall Brandts am Denkmal für die Getöteten des Warschauer Ghettos. Von Weizsäcker im Rückblick: »Die Gefühle der Völker, die Kraft der humanen Moral, das Herz der Nachbarn standen auf dem Spiel. Es war ein unerhörter Vorgang, ein unvorstell­barer Augenblick.«

Schon 1974 hatte Richard von Weizsäcker gegen Walter Scheel für das Amt des Bundes­präsidenten kandidiert. 1984 stellte er sich erneut zur Wahl und wurde mit einer überwältigen­den Stimmenmehrheit gewählt (mit 832 von 1040 Stimmen).

Die bekannteste Rede seiner Amtszeit hielt er 1985 zum 40. Jahrestag des Kriegsendes im Deutschen Bundestag. Darin wies er darauf hin, dass der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung war, thematisierte das Leid der Betroffenen, die Verantwortung nachfolgender Generationen und die Rolle der aus den Erfahrungen des Dritten Reiches entstandenen Bundesrepublik Deutschland. Diese Rede gilt als ein Meilenstein in der öffentlichen Aufarbeitung der NS-Zeit in Deutschland. Es war das erste Mal, dass ein Bundespräsident den 8. Mai einen »Tag der Befreiung« genannt hatte.

Interessant für uns heute Lebende ist von Weizsäckers Einstellung zum Amt des Bundes­präsidenten. In seiner Biografie beschreibt er, wie im Verfassungskonvent von Herrenchiem­see 1948 lebhaft darüber gestritten worden war, auf welche Art und Weise die Aufgaben eines Staatsoberhauptes gestaltet sein sollten. Einige Konventteilnehmer hatten damals für ein Drei­erkollegium gestimmt, andere dafür plädiert, das Amt für überflüssig zu erklären. Schließlich hatte man sich darauf geeinigt, das Amt mit eindeutig geringeren Kompetenzen auszustatten als in der Weimarer Republik, jedoch mit der zentralen Aufgabe, für Integration in der Gesellschaft zu sorgen und das Land nach außen völkerrechtlich zu vertreten. Es wurde eine Aufwertung vom Tageskampf von Gruppen und Interessen zu einer überparteilichen konstan­ten Mitte hin.

Es wurde ein von den Parteien lebhaft begehrtes Amt. Zu keinem Zeitpunkt hatten Außen­seiter eine reelle Chance. Auch unterlegene Gegenkandidaten waren erfahrene und prominen­te Politiker. Von Weizsäcker fasst zusammen, dass zwar das Bild des Präsidenten von der Verfassung her unscharf bleibt, sich aber doch eine klare Vorstellung für die Praxis ergeben hat. Der Amtsinhaber soll unabhängig und überparteilich bleiben, aber durchaus nicht meinungslos fungieren. Er ist dem Parlament keine Rechenschaft schuldig, erst recht nicht der Regierung. Nur das Bundesverfassungsgericht kann seine Handlungen korrigieren, ihn im äußersten Fall des Amtes entheben.

Richard von Weizsäckers Amtsführung konzentrierte sich vor allem auf die deutsche Außen­politik. Hier handelte er in weitgehender Übereinstimmung mit Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Dieser aus Halle in den Westen gekommene Politiker hatte nie aufgehört, mit jenen im Osten zu fühlen, die nicht heraus konnten. Ein deutliches Zeichen dafür war sein Eintreten für die Freilassung der in die deutsche Botschaft von Prag geflüchteten DDR-Bürger im Sep­tember 1989.

In der Folgezeit kam es zu den weitgehend friedlich verlaufenden Demonstrationen von Bürgern in der DDR und zu ihrem nie enden wollenden Ruf »Wir sind das Volk«, im Westen zu den Staatsbesuchen von George Bush und Gorbatschow in Bonn und zu Gorbatschows neuem politischen Leitmotiv: »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben«. Man kann es sicherlich als den Höhepunkt in von Weizsäckers Amtszeit ansehen, was dann mit dem »Fall der Mauer« im November 1989 zwischen Ost- und Westdeutschland Wirklichkeit wurde: die diplomatisch mit so viel Zielstrebigkeit jahrelang verfolgte Wiedervereinigung.

In den Worten von Weizsäckers heißt es in seiner Autobiografie: »Die Freudenkundgebun­gen nahmen kein Ende. Niemals davor und nie wieder danach habe ich es erlebt, dass sich über ein Ereignis auf deutschem Boden buchstäblich die ganze Welt von Herzen mit uns Deutschen freute.« Er mahnte zur „Behutsamkeit beim Zusammenwachsen von DDR und Bundesrepublik und setzte sich für Berlin als Hauptstadt des vereinigten Deutschlands ein.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Amt bestätigte er seinen Ruf als »politischer« Bundes­präsident, indem er eine Reihe von Vorsitzen in verschiedenen Gremien innehatte, Vorlesun­gen hielt und weiterhin Stellung zu aktuellen politischen Debatten in der Öffentlichkeit nahm. Er starb am 31. Januar 2015 in Berlin.

Peter Lange (unter Verwendung von Weizsäckers »Vier Zeiten« sowie Berichten von Wikipedia)

NEUES AUS DEM TEMPLERARCHIV

Der Brunnen von Rishon LeZion

Das südlich von Tel Aviv gelegene Rishon LeZion ist heute eine moderne Großstadt mit vielen Hochhäusern und einem pulsierenden Geschäftsleben. In der Stadtmitte laden Cafés und Fuß­gängerzonen zum Verweilen ein. Mittendrin steht ein kleiner viereckiger Turm und daneben ein flaches Gebäude, das ein Museum beherbergt, in dem an ein für die Stadt sehr wichtiges Ereignis erinnert wird: Den erfolgreichen Bau eines Brunnens im Jahre 1883. Im Jahr zuvor war hier eine der ersten jüdischen landwirtschaftlichen Siedlungen in Palästina gegründet worden. Die Suche nach Wasser gestaltete sich zunächst aber schwierig und die Erleichterung über die erfolgreiche Brunnenbohrung im Jahr 1883 war so groß, dass die damals ausgerufe­nen Worte »Wir haben Wasser gefunden!« (vgl. auch Gen 26,32) bis heute das Stadtwappen zieren.

Der uns freundschaftlich verbundene israelische Architekt Gil Gordon hat kürzlich in der Zeitschrift ET-MOL, die sich der Geschichte Israels und des Judentums widmet, Zusammen­hänge zwischen dem Brunnenbau in Rishon LeZion und den Templern aufgezeigt. In Israel gab es nämlich das Gerücht, dass das Scheitern einer ersten Brunnenbohrung im Jahr 1882 auf eine absichtlich schlechte Beratung durch Templer aus Sarona zurückzuführen war. Auf deren Anraten sei zunächst oben auf einem Hügel gegraben worden; zudem wurde der Brunnenschacht nicht gleich ausgemauert. Nachdem man eine Tiefe von 18 Metern erreicht hatte, stürzte der Brunnenschacht plötzlich ein, zum Glück erst nachdem die Arbeiter die Baustelle verlassen hatten. Der »Dorfbrunnen« von Rishon LeZion,
 Quelle: Wikimedia CommonsDaraufhin sei erfolgreich - unter Beratung von Mitarbeitern von Baron Roth­schild - ein Brunnen am Fuß des Hügels gegraben und sogleich mit Steinen ausgemauert worden. Schließlich wurde in einer Tiefe von 45 Metern Was­ser gefunden.

Die Recherchen von Gil Gordon, u.a. in unserem Archiv und in jüdischen Quellen, haben nun die frü­heren Vorwürfe entkräftet. Er fand heraus, dass über den gescheiterten ersten Grabungsversuch zu­erst in zwei Lokalzeitungen im Jahre 1898 berichtet wurde, ohne den Einsturz des Brunnens näher zu erklären und die Templer zu erwähnen. Erst in ei­nem Buch von 1941 war die Rede davon, der Brunnen sei auf Anraten der Deutschen auf der Spitze des Hügels gegraben worden. Der zionistische Anführer der Siedlung, Zalman Levontin, erklärte, die Pioniere seien den Ratschlägen der Deutschen und einiger einheimischer Araber gefolgt, wonach bei der Grabung auf der Hügelspitze in einer Tiefe von 20-25 Metern Wasser anzutreffen sei; der Einsturz des Brunnenschachts wurde von ihm allerdings nicht erwähnt. Ein anderer Autor vermutete die Absicht, durch den Brunnen oben auf dem Hügel das Wasser leichter auf die Felder leiten zu können. Eliahu Scheid, ein Mitarbeiter Rothschilds schrieb in seinen Lebenserinnerungen, den Siedlern habe es an guten Ratgebern gefehlt und die erfahrenen deutschen Kolonisten von Sarona hätten die Anstrengungen der jüdischen Siedler sabotieren wollen. Sie hätten die Zionisten überzeugt, dass man Wasser finden würde, wenn an der höchsten Stelle der Siedlung gegraben würde. Diese seien diesem Ratschlag blindlings gefolgt.

Gil Gordon ist der Auffassung, dass sich die anfangs kritische Haltung der Templer gegen­über den ortsansässigen orthodoxen Juden durch die Entstehung der jungen hebräischen Siedlungen ab 1870 positiv verändert habe. Die ähnlich erlebten Schwierigkeiten des rauen Pionierlebens hätten religiöse Unterschiede in den Hintergrund treten lassen. So habe z.B. ein Gemeindeältester aus Jaffa im Jahre 1882 einen Nachruf bei der Beerdigung von Carl Netter verlesen, einem der Gründer der berühmten Landwirtschaftsschule von Mikveh Israel. Später seien die wirtschaftlichen Beziehungen zu jüdischen Gemeinden noch enger geworden; so hätten sich etwa deutsche Architekten und Bauunternehmer auch an Planung und Bau zionis­tischer Siedlungen beteiligt. Erst im 20. Jahrhundert sei es wegen der zunehmenden jüdischen Einwanderung und der Anstrengungen der Templer, neue Siedlungen für die nachfolgende Generation zu gründen, zu einer Konkurrenzsituation gekommen.

Gil Gordon hat auch Belege gefunden, die eine positive Einstellung der Templer gegenüber der neuen jüdischen Kolonie Rishon Le Zion erkennen lassen. Er beruft sich dabei insbeson­dere auf einen Bericht eines Jaffaner Templers, der in der »Warte des Tempels« vom 12. April 1883 geradezu euphorisch über einen Besuch in Rishon LeZion berichtete, kurz nachdem man dort auf Wasser gestoßen war. Der bislang unbekannte Verfasser (Initiale »F. K ...k.«) schildert zunächst, dass er bis dato den Besuch der Schwesterkolonie Sarona für den einzigen Licht­blick in dieser fremden Umgebung gehalten habe. Nun aber seien aufgrund der Judenprogro­me in Russland viele jüdische Flüchtlinge, darunter auch in Deutschland gebildete Juden, ins Land gekommen, deren Gesellschaft auf einer Anhöhe in der Saronebene ungefähr 373 Hektar Land erworben und die neue Kolonie Rishon LeZion gegründet habe. Wörtlich heißt es in dem Bericht: »Wir entschlossen uns, an einem angenehmen Februarsonntag einen Ausflug dorthin zu machen; auf der Höhe von Jaffur, eine Stunde von Jaffa angekommen, erblickten wir schon das neuerstandene Rishon LeZion (die Ersten von Zion) mit seinen nach europä­ischer Art mit Ziegeldächern erbauten sieben Häuschen. Wie wohltuend ein solcher Anblick, ein solcher Fortschritt in diesem zerfallenen, der Hilfe harrenden Land auf den Geist eines Menschen macht, welcher an der Hebung dieses Landes gemäß der Weissagung mitzuwirken sich zur Aufgabe gestellt hat, kann denen, welche bis heute noch kein Interesse für die He­bung dieses Landes haben, nicht klar gemacht werden. ( ...) Auf Rishon LeZion angekommen, begrüßten uns mut- und hoffnungsvolle Gesichter, aus welchen zum Teil Freudentränen flos­sen, weil auch die deutschen Gäste so viel Interesse an ihrem Unternehmen bekunden; dieser Tag war für diese Leute ein besonderer Glückstag.« Der Verfasser geht sodann auf die erfolgreiche Brunnenbohrung ein: »Es wurde mit der Anlage der Kolonie an diesem Abhang auch ein Brunnen gegraben; da derselbe nach 30 Meter Tiefe noch keine Aussicht für Wasser hat, so schwand auch der Mut allgemein; durch Bohrversuche entdeckten sie tags zuvor auf zehn Meter Tiefe frisches, lebendiges Wasser.« Eine zuvor gescheiterte Brunnenbohrung unter Beteiligung von Templern wird hier nicht erwähnt. Insgesamt rechnet der Verfasser mit einer positiven Entwicklung der Kolonie, auch dank der finanziellen Unterstützung der Alliance Israelite und von Baron Edmond de Rothschild. Beim Abschied habe man den jüdischen Siedlern Glück und Gottes Segen gewünscht und bei der Heimfahrt die Hoffnung geäußert, dass auch das Kolonisationswerk der Templer weitere Fortschritte machen möge. Von einer feindlichen Einstellung ist in diesem Warte-Artikel von 1883 nichts zu spüren.

Gil Gordon geht abschließend noch auf die spannende Frage ein, was die Templer tatsäch­lich über Brunnenbau wussten. Als sie 1904 die Wasserversorgung in Sarona erneuerten, ver­tieften sie den Hauptbrunnen und installierten eine motorbetriebene Pumpe, um das Wasser hochzupumpen und in das Leitungsnetz zu verteilen. In der »Warte« vom 9. Februar 1905 ist zu lesen, dass der alte Brunnen am höchsten Punkt der Kolonie lag und eine Tiefe von ca. 20 Metern hatte; bei der neuen Bohrung sei man erst in einer Gesamttiefe von 52 Metern auf gutes Trinkwasser gestoßen. Gil Gordon zieht daraus den Schluss, dass die Templer von Sarona den Siedlern von Rishon LeZion zwar tatsächlich den Rat gegeben hatten, einen Brun­nen auf einem Hügel zu graben, um das Wasser mittels der Schwerkraft in das Bewässerungs­netz zu verteilen. Dieser u.U. falsche Rat sei aber nicht in böser Absicht, sondern aufgrund der eigenen Erfahrungen in Sarona gegeben worden. Nach Ansicht von Gil Gordon wurden die Gerüchte über eine Sabotage durch Eliahu Scheid, den Angestellten von Baron Rothschild, in die Welt gesetzt, um möglicherweise eigene Verdienste beim erfolgreichen Bau des zweiten Brunnens positiv hervorzuheben. Der Anführer der jüdischen Siedlung, Zalman Levontin, fühlte sich jedenfalls durch den Bericht der Templer über den Besuch in seiner Kolonie ermutigt, denn er schrieb später, die jüdischen Pioniere sollten von den Deutschen lernen, wie man oh­ne Unterstützung von außen, nur durch Zusammenarbeit und durch eine feste Glaubensüber­zeugung viel erreichen kann. Wir danken Gil Gordon für seinen aufschlussreichen Artikel, der zu einer späten Rehabilitation der Saroner Templer beigetragen hat.

Jörg Klingbeil

Aktuell
Einladung zu unseren Veranstaltungen im September
Winterfreizeit in Saas-Almagell vom 2. - 9. Januar 2021
Jahrestagung des Bundes für Freies Christentum
Ein Doppel-Carport für das Wohnhaus der Gemeinde
Gemeindenachmittag in Corona-Zeiten