Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 176/7+8 - Juli/August 2020

 

 

Gottesbilder und Gotteserfahrungen - Jürgen Linnewedel

Gottdurchdrungen, aber nicht »Gott« - Peter Lange

Zuversicht trotz Krise? - Karin Klingbeil

Die TSA und Corona - Mark Herrmann

»Das Virus weggesungen« - Veit Schäfer

Werden die Staatsleistungen an die Kirchen endlich abgelöst? - Jörg Klingbeil

Gottesbilder und Gotteserfahrungen

Im Spannungsfeld zwischen altem und neuem Weltbild

Wie lassen sich Gotteserfahrungen, speziell auch mystische Erfahrungen, im Zusammenhang mit unserem heutigen Weltbild und angesichts der Unermesslichkeit des Universums deuten? Wo ist das »Göttliche« oder das »Heilige«, von dem die Erfahrungen vergangener Gottsucher künden, heute noch zu finden? Und wie ist dieses Göttliche oder Heilige heute zu verstehen? Lässt sich darauf eine Antwort finden?

Drei Erkenntnisse

Unser heutiges Weltbild zeigt ein riesiges, unermessliches Universum. Wir wissen von Milliar­den von Galaxien, von »Schwarzen Löchern«, »Dunkler Materie« usw. Unser Sonnensystem und unsere Erde sind nur ein winziger Teil des großen Ganzen des Universums. Das Univer­sum ist ein großer »materieller Zusammenhang«. Von Zusammenhang ist hier zu reden, weil das Ganze des Universums unauflöslich mit allen seinen Teilen zusammenhängt.

Parallel zu diesem materiellen Zusammenhang existiert offenbar noch so etwas wie ein um­fassender geistiger Zusammenhang. Denn so lautet mein Argument: Nur wenn im Ganzen Geist vorhanden ist, kann sich Geist auch in den Teilen des Ganzen zeigen. Nur dann kann sich Geist in dem »Teil« Mensch manifestieren und sich zu staunenswerter Blüte entfalten.

Aber vielleicht ist die Unterscheidung von Materie und Geist auch nur eine künstliche, von uns menschlichen Beobachtern getroffene Unterscheidung, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Diese Vermutung wird von einigen Quantenphysikern in ihrer Deutung quantenphysikalischer Befunde bestätigt. In einem Interview sagte der Physik-Professor Hans Peter Dürr:

»Im Grunde gibt es Materie gar nicht, jedenfalls nicht im geläufigen Sinne. Es gibt nur ein Beziehungsgefüge, ständigen Wandel, Lebendigkeit. ... Wir können es auch Geist nennen.«

»Materie und Energie treten erst sekundär in Erscheinung - gewissermaßen als geronnener, erstarrter Geist...«

»Die Quantenphysik sagt uns ..., dass die Welt ein großer geistiger Zusammenhang ist ...«

Diese materiell-geistige Wirklichkeit, von der hier die Rede ist, stellt uns zugleich dar als ei­ne Wirklichkeit mit höchster Schöpfungskraft, mit sozusagen allmächtiger Schöpfungskraft. Dafür ist kein Beleg nötig; denn es genügt ein Blick ins Universum und ein Blick auf unsere Erde mit ihren Wundern der Pflanzenwelt und der Tierwelt und mit dem besonderen Wunder Leben, eben auch dem Leben des Menschen.

Drei Aspekte, Sichtweisen, Wahrnehmungen oder Erkenntnisse lassen sich also gewinnen: der materielle und der geistige Zusammenhang sowie jene unerschöpfliche Schöpfungskraft.

Die allumfassende Wirklichkeit

Damit ist einiges an Klärung gewonnen. Doch ist dies nur eine begrenzte Erkenntnis. Denn un­ergründbar weit reicht jene große Wirklichkeit darüber hinaus, überschreitet diese allumfas­sende Wirklichkeit alle menschlichen Wahrnehmungen, Erkenntnisse, Theorien und Welt­formeln.

Auf eben diese höchste, größte, allmächtige und allgegenwärtige Wirklichkeit trifft nun der su­chende religiöse Mensch, die er zumeist als »göttlich« empfindet oder als »Gotteswirklich­keit« begreift, sind doch allmächtig und göttlich im religiösen Empfinden und Verständnis nahezu gleichbedeutend. Zwar erfasst er diese Wirklichkeit nur in menschenmöglicher, menschlich-begrenzter Weise; dennoch spürt er seinen Zusammenhang und seine Verbun­denheit mit ihr. Er erfährt sich in diese Wirklichkeit eingebettet und zu ihr gehörend. Er erlebt in ihr »ganze Fülle«, »Geborgenheit«, »Glückseligkeit«. Er verspürt sie als »Kraft« und »tragen­den Grund«.

Alte Bilder und Gefäße

Wenn gesagt wurde, dass der Mensch diese große Wirklichkeit nur auf menschenmögliche, menschentypische Weise erfahren kann, so gilt auch, dass er von ihr nur in Bildern sprechen kann. Der Mensch braucht Bilder, gerade auch im religiösen Bereich. Dem tragen die Reli­gionen Rechnung und bieten ihm, von alters her, Bilder in großer Fülle an: seien es die vielen Götter und Göttinnen, sei es - in Kontrast dazu - der Eine Gott (Jahweh bei den Juden oder Allah bei den Muslimen), oder sei es der Dreieinige Gott bei uns Christen (Vater - Sohn - Heiliger Geist). Dabei fällt auf: Auch der »Eine Gott« erscheint durchaus bildlich, nämlich als menschenähnlich (»im Bilde Gottes schuf er ihn«). Gott wird in den heiligen Texten menschenähnlich gedacht und beschrieben, und - wo der Glaube es nicht verbietet - auch in Bildern dargestellt.

Schaut man näher hin, so zeigt sich, dass der Mensch mit diesen Gottesbildern auch seine religiöse Erfahrung verknüpft. Diese Bilder prägen sein religiöses Erleben - je nach Religion und Kultur und Weltsicht. Sie schaffen sozusagen eine »Voreinstellung« für die jeweilige religiöse Erfahrung. Solche »Voreinstellungen« formen sich innerlich gleichsam zu »Gefäßen«, in denen die Menschen das aufzufangen und zu empfangen versuchen, was ihnen vom Göttlichen und Heiligen her zukommt und zufließt. Diese Gefäße sind natürlich begrenzt und irdisch (irden), wie Paulus sagt: »Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.« (2Kor 4,7)

Gleichwohl: die überkommenen Gottesvorstellungen und Gotteslehren erscheinen ange­sichts der Unermesslichkeiten und Unfasslichkeiten des Universums als zersprengt und unzu­reichend. Was bleibt? Was ist vonnöten: brauchen wir neue Gottesbilder, neue Gefäße?

Neue Bilder und Gefäße?

Gibt es überhaupt etwas, das an die Stelle des Zersprengten, des Althergebrachten treten könnte? - Eine Gottessicht, eine Gotteslehre, die den Unermesslichkeiten und Unergründlich­keiten des Universums standzuhalten und sie einzubeziehen vermag und zugleich einen Weg für die religiöse Suche weist? Wie können wir offen bleiben für einen Weg hin zu religiöser Erfahrung?

Mir kommt da spontan und machtvoll Meister Eckhart in den Sinn. Er lebte und lehrte um 1300.

Für ihn ist der Begriff »Das EINE« zentral. »Das EINE« bildet bei ihm die Leitvorstellung für seine Ausrichtung auf das letztlich unfassliche Göttlich-Ganze: für seine Hinwendung, für das Gebet und die mystische Versenkung. »Das EINE« ist für ihn kein philosophisch-abstrakter Begriff. Vielmehr schwingt stets mit: »Was ist dies EINE? Es ist GOTT.« So erläutert er es in seiner Predigt Nr. 28. Gilt diese Sicht auch noch für unsere Zeit? Durchaus, wie mir scheint. Denn der Begriff »Das EINE« schafft mühelos den Sprung in die Moderne. Das EINE umfasst alles, das Größte wie das Kleinste, alles ist einbezogen und nichts ist ausgenommen - es ist eben das Universum, und mehr.

Doch ist dieses EINE auch erfahrbar für religiös Suchende? Und wenn ja: welche Erfahrung gewinnen sie? Die Antwort lautet schlicht: Die unendlich-allumfassende Wirklichkeit (mit dem Namen »Das EINE«) ist stets dieselbe Wirklichkeit, damals wie heute. Auch der Mensch ist im Wesentlichen unverändert. Und so sind auch seine Erfahrungsmöglichkeiten: das EINE wird - damals wie heute - von suchenden Menschen als unendlich-allmächtige Wirklichkeit erlebt, als Wirklichkeit, die sie als heilig und göttlich empfinden, als große Gotteswirklichkeit.

Wem der Begriff »Das EINE« nicht zusagt, könnte freilich ein anderes Bild wählen und »Das EINE« ersetzen etwa durch die »Große Wirklichkeit«. Folgt man Meister Eckhart, ist diese »Große Wirklichkeit« für uns Christen nichts anderes als die Gotteswirklichkeit, die unendlich-mächtige Gotteswirklichkeit.

Manche Christen wandeln allerdings lieber auf einem vertrauteren Weg und bleiben gerne bei den überkommenen Bildern und heiligen Namen. Sie reden vielleicht lieber vom »Reich Gottes« oder vom »Himmelreich« Auch diese Bilder lassen sich als unendlich-umfassend verstehen. Sie beziehen das Universum mühelos mit ein. Auch unsere kleine Erde ist inbe­griffen. Unendlich und allgegenwärtig ist dieses »Reich« - allgegenwärtig in den Weiten der Welt und ebenso »mitten unter uns und auch inwendig in uns.« (Vgl. Lk 17,20-21.) Da gilt: Was ich auch tue und wo ich auch bin - ich bin verbunden mit dem Reich. Im Reich lebe, wirke und bin ich. Ich bin ringsum vom Reich umgeben.« (Vgl. Apg 17,28 u. Ps 139.) In einem Gedicht der Schweizer Ordensfrau Silja Walter finden sich die Worte:

»Auch in Anemonen und Nelken ist das Reich und die Herrlichkeit, Herr, für den, der es sieht, der durch alles hindurchsieht.«

Warum sollte man dies nicht auch auf das Universum anwenden? Warum nicht auch im Universum »die Kraft und die Herrlichkeit« sehen, die dem Reich zugesprochen wurde (Mt 6,13b)?

Jürgen Linnewedel in der Zeitschrift des Bundes für Freies Christentum Nr. 1/2020

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Gottdurchdrungen, aber nicht »Gott«

(Mk 10,18)

Die im Markus-Evangelium berichtete Frage des »reichen Jünglings« und der Hinweis Jesu, er solle ihn nicht als »guten Meister« ansprechen, ist eine beispielhafte Textstelle, der wir Wichtiges über Jesu Leben und Lehren verdanken. Wichtig ist aber auch, dass in diesem Bericht noch keinerlei Hinweise auf spätere Übermalungen und Erhöhungen der christlichen Glaubenslehre bezüglich einer Gottessohnschaft oder Göttlichkeit Jesu zu entdecken sind.

Der Theologe Ulrich von Hasselbach hat die Stelle in seinem Buch »Der Mensch Jesus« deshalb mit »Gottdurchdrungen, aber nicht Gott« überschrieben. In der Luther-Bibel 2017 lautet die Überschrift jedoch nur einfach und sachlich: »Reichtum und Nachfolge«. Es geht in dem Text ja tatsächlich um die Einstufung des weltlichen Besitzes des Menschen in seinem Leben und Verhalten, allerdings in einer konsequenten und sicherlich überspitzten Ausdrucks­weise.

Für unser freies und geschichtlich orientiertes Glaubensverständnis ist aus der Episode je­doch klar zu entnehmen, dass Jesus hier als Mensch zu einem anderen Menschen spricht und diesem die gültigen Verhaltensregeln des Lebens nahelegt. Nach allem, was wir über Jesus wissen, war er ein einfacher Handwerker aus Nazareth, der sich auf einen eigenen Weg zur geistigen Vertiefung begeben hatte. Ein tiefes Empfinden für eine höhere Wirklichkeit veran­lasste ihn, auch anderen Menschen davon zu erzählen und sie zu einem Leben anzuhalten, das auf diese höhere Wirklichkeit ausgerichtet ist. Er wurde für sie zu einem Rabbi, einem Mei­ster und Lehrer.

In seinen zahlreichen Gleichnisreden empfahl er seinen Jüngern und Schülern klar und überzeugend, diese Wirklichkeit zu erkennen und zu ihrem Lebensinhalt zu machen. Für dieses Lehren kann er uns heute noch Beispiel und Vorbild sein, ein »Leitbild«, wie Ulrich von Hasselbach ihn in seinem Buch bezeichnet hat. Mit einiger Wahrscheinlichkeit hat sich Jesus wirklich als »Gottessohn« verstanden, aber nur in der Weise, wie alle Menschen für ihn »Got­tessöhne« oder »Gotteskinder« waren. »Dass Gott in ihm war und durch ihn wirkte, darf wohl gesagt werden«, schreibt von Hasselbach, »doch er blieb auch ein Mensch, ein Mensch seiner Zeit, ein Mensch in seinen Grenzen, ein Mensch, der auch nicht frei war von Allzumenschli­chem.«

Vieles hat sich im Lauf der Zeit am Bild des Nazareners verändert und neue Vorstellungen und Interpretationen hervorgebracht. Es war dies eine Folge der Ausbreitung des christlichen Glaubens aus dem ursprünglich engen Umfeld einer Religionsgruppe im Judentum zur spä­teren weltumspannenden christlichen Amtskirche. Die Vorsicht des Historikers mahnt jedoch, das »Urbild«, um das es geht, nie aus den Augen zu verlieren.

Peter Lange

Zuversicht trotz Krise?

Es ist ein Phänomen dieser für uns alle neuen Krise: je länger sie andauert, je länger wir uns mit ihr auseinandersetzen müssen und erleben, was sie mit uns Menschen macht, wie sie Politik und Wirtschaft beeinflusst - umso mehr werden wir uns einen Standpunkt zu eigen machen müssen, nach dem wir in unserem Alltag handeln und uns bewegen können. Dabei gibt es die beiden Extrempositionen: einerseits die der Epidemiologen, denen es mit den Lockerungen viel zu schnell geht und die am Liebsten noch viel mehr bremsen würden, und andererseits die all jener, die durch die Auswirkungen des Lockdowns schwer belastet waren und denen es mit den Lockerungen gar nicht schnell genug gehen kann.

Und selbst, wer nicht existentiell bedroht war oder ist, hat in den vielen Wochen, in denen die sozialen Kontakte nur noch über Telefon oder digitale Kommunikationsmittel gelaufen sind, sehr deutlich empfunden, dass für uns Menschen all diese technischen Möglichkeiten, die wir heute haben, nicht genügen, weil wir das Bedürfnis nach Nähe, Beisammensein und Berührung haben. Es ist einfach unnatürlich, wenn man sich nur mit einem Abstand von 1,5 Metern begegnet, wo man sich früher in den Arm genommen - oder sich wenigstens die Hand gegeben - hat, wenn die Besuche der engsten Familie eingestellt worden sind, Kinder nicht mehr mit anderen Kindern spielen durften und kein älterer Mensch im Pflegeheim mehr besucht werden durfte. Sicher, auch unter den Menschen sind diese Bedürfnisse unterschiedlich ausgeprägt, aber es stellt sich doch die Frage: wollen wir wirklich auf diese Weise mit all den Einschränkungen weiter leben?

Wenn wir diese Frage stellen, dann ist das im Grunde die Frage nach den Prioritäten. Wir haben eine sehr extreme Reaktion auf die rasante Ausbreitung des noch unbekannten, aggressiven Corona-Virus hinter uns, mit der zunächst ziemlich alle einverstanden waren. Im Rückblick zu urteilen, ob die Maßnahmen gerechtfertigt oder überzogen waren, ist leicht, nachdem wir wissen, in welche Richtung sich die Pandemie - bei uns - entwickelt hat. Einerseits ist diese Entwicklung möglicherweise gerade wegen dieser ergriffenen Maßnahmen erreicht worden, andererseits sollten wir nicht vergessen, dass wir alle, Bürger, Politiker und Wissenschaftler, einer nie dagewesenen Bedrohung gegenüberstanden, für deren Umgang es noch kein Rezept gab, und dass die Entwicklung in Italien und Spanien die tiefen Ängste nährte, Deutschland könne es ebenso ergehen. Damit sind wir beim eigentlichen Thema: der Angst.

Unsere Zivilisation, Forschung und Wissenschaft haben den Menschen in der westlichen Welt den Anschein eines gesicherten Lebens gegeben - und dementsprechend hat die Gesellschaft mehr und mehr Wert auf Sicherheit, Gefahrenabwehr und Risikoverminderung gelegt. Das führte zu einem Wertesystem, das dem Überleben die höchste Priorität einräumt; diesem werden alle anderen Werte nachgeordnet. Für die Medizin ist der Tod eines Patienten der schlimmste Fall, deshalb tun Ärzte alles, um das reine Leben der Patienten zu retten - es ist noch gar nicht so lange her, dass Patientenverfügungen eingeführt worden sind, wenn jemand das nicht will. Und das Recht, sich Hilfe zu holen, wenn jemand sein Leben beenden will, ist bei uns sogar erst im Februar dieses Jahres durch das Bundesverfassungsgericht für rechtmäßig erklärt worden. Der Tod wird in unserer Gesellschaft verdrängt, Menschen sterben eher im Krankenhaus als zu Hause, werden nicht mehr zum Abschiednehmen zu Hause aufgebahrt.

Diese Priorität wurde auch im Umgang mit der Corona-Krise sichtbar - die Angst vor der Überlastung des Gesundheitssystems durch schwere, todgeweihte Krankheitsfälle führte zum Lockdown und den aufgebrachten Diskussionen, als es dann um die Lockerungen ging. Aber Wolfgang Schäuble wies völlig korrekt darauf hin, dass es nicht Sache des Staates sei, das Leben eines jeden Bürgers zu schützen, im Grundgesetz geht es um die Würde des Men­schen, die unantastbar ist. Und zum Leben eines Menschen gehört eben auch das Sterben in Würde dazu. Eine Ärztin, die eine Zeit lang bei einem Naturvolk in Peru verbracht hatte, wurde gefragt, ob es denkbar wäre, einen Kranken zu intubieren und zu beatmen, um sein Leben zu verlängern. Nein, antwortete sie, das sei unvorstellbar - aber man würde den Schamanen rufen, damit er der Person helfe, gut zu sterben.

Bei meiner letzten Trauerfeier beeindruckte mich, dass der Verstorbene, der zuvor eine Krebsdiagnose erhalten hatte, jede Therapie abgelehnt und als einzigen Wunsch vor seinem - nun absehbaren - Tod geäußert hatte, sich noch von allen ihm lieb Gewordenen verabschie­den zu können. Er wollte den Tagen mehr Leben, nicht dem Leben mehr Tage geben. Die gan­ze Familie erfüllte mit Dankbarkeit, dass dieser Wunsch ihm noch erfüllt wurde. Das ist eine ganz andere Einstellung als die, die sich in den Hamsterkäufen zu Beginn der Pandemie zeigte: die Angst, zu kurz zu kommen, zu wenig vom und für das Leben zu haben, ließ manche vergessen, dass es allen gut gehen kann, wenn man teilt.

Der dänische Philosoph und Theologe Søren Kierkegaard (1813-1855) hat versucht zu zeigen, dass es diese Angst ist, die den Menschen verzweifelt vor seinen eigenen Möglich­keiten fliehen lässt. Dabei machte er drei zentrale Aussagen über die Angst, nämlich, dass Angst unfrei macht (s. Hamsterkäufe), aber auch, dass Angst die Möglichkeit der Freiheit bietet, wenn man sich mit ihr auseinandersetzt (erfasst, dass Welt und Leben endlich sind) - und wenn man gelernt hat, sich zu ängstigen, hat man das Höchste gelernt. Für Kierkegaard kann letztlich nur der »Sprung in den Glauben« die Angst besiegen. Für ihn ist entscheidend, dass jeder seinen eigenen Zugang zum Glauben findet, denn der Glaube bleibe ein Wunder, dessen Vorgang unerklärlich sei. Aber im Glauben kann der Mensch wahrhaft frei und verantwortlich sein - und im Glauben löst sich der Widerstreit, in dem wir Menschen („Wo Leben ist, ist Widerspruch“) existieren.

Vielleicht hilft schon ein Glaube, der sich von der Überzeugung nährt, dass das Dasein einen guten Grund hat (den wir "Gott" nennen) und dass es kein sinnloser Kampf ist, sondern seinen Wert in der Hinwendung zum Nächsten hat, kurz gesagt: geliebt zu werden und lieben zu können. Und wenn wir in der Corona-Krise die Erfahrung gemacht haben, dass wir das Getrenntsein in unserem Leben nicht wollen, könnten wir uns in einem Neuanfang wieder auf diese Werte besinnen. Wir haben in einer zuvor nie dagewesenen Kulturleistung einen gesellschaftlichen Lockdown geschafft, weil wir uns einig waren - warum sollten wir uns nicht auch auf andere Maßnahmen einigen, die unserem Leben dienen, und vielleicht nicht nur unserem, sondern auch dem anderer, die sehr viel bedürftiger sind als wir.

Karin Klingbeil

Die TSA und Corona

Gedanken unseres Tempelvorstehers

Für Menschen meiner Generation, die hier in Australien geboren sind und die weder die Schrecken des Krieges erlitten noch die Folgen der Wirtschaftskrise erlebt haben, ist die aktuelle COVID-19 Pandemie eine neue Erfahrung. Wie viele von uns hätten wohl bei einer Befragung ein mikroskopisch kleines und hoch ansteckendes Virus als größte Bedrohung unserer Existenz benannt? Atomkriege, der Zusammenstoß mit einem Asteroiden, Naturkata­strophen (Buschfeuer und Überschwemmungen), Klimawandel, Armut ... das alles hätten wir wohl als gefährlicher eingeschätzt.

Doch jetzt sind wir an diesem Punkt, wirksam zu Hause isoliert, versuchen uns mit anderen auf neuen Wegen der Technik zu verbinden und lernen neue Fertigkeiten oder neue Hobbys. Um ehrlich zu sein, ich habe nichts dazugelernt. Meine Entschuldigung ist, dass sich mein Leben - auch wenn es ein wenig anders ist als zuvor - nicht drastisch verändert hat. Ich habe das Glück, dass ich mit meiner Arbeit fortfahren kann, das Leben zu Hause ist im Großen und Ganzen wie vorher und ich vermisse draußen nicht allzu viel.

Könnte ich einige handwerkliche Aufgaben in und ums Haus herum bewerkstelligen, eine neue Sprache lernen oder versuchen, kulinarische Meisterwerke zu kreieren? Hmmm, wahr­scheinlich nicht! Also strample ich weiterhin per Fahrrad jeden Morgen zum Büro, kehre abends zurück, nachdem ich - hoffentlich - etwas Sinnvolles für die Temple Society Australia (TSA) beigetragen habe und, in erweitertem Sinne, allgemein für die Tempelgesellschaft.

Unsere Gemeinschaft und ihre Mitglieder waren bemerkenswert: innovativ, erfinderisch, praktisch und widerstandsfähig. Die Gottesdienste wanderten auf eine live ausgestrahlte Ebe­ne, die allen (auch den älteren im Heim und denen, die weiter entfernt wohnen - sogar so weit entfernt wie Deutschland!) erlaubte, daran teilzunehmen, im gleichen Maß wie alle jene, die sonst immer persönlich anwesend waren. Auch die Publikationen wurden weiterentwickelt und häufiger herausgegeben.

CHAMPION - unsere Notunterstützung - wurde als wichtiger Dienst wahrgenommen und so angepasst, dass die bedürftigen Kunden sicher mit Lebensmitteln versorgt werden konnten. Diese wiederum sind zutiefst dankbar.

Das Projekt »Adopt a Community Member« (Nimm dich eines Gemeindemitglieds an) wurde begonnen. Damit wurde jeweils jemand für die Menschen ausgewählt, die ohne Besucher, ohne irgendwelche Aktivitäten und durch den reduzierten Kontakt mit den sonstigen Mithelfern völlig isoliert waren. Diese Person schrieb ihnen Briefe oder erkundigte sich telefonisch nach ihnen. So wurden neue Verbindungen geschaffen, die die Kluft zwischen den Generationen überbrückten. Jüngere Kinder beschäftigten sich mit »unseren Oldies«, die oft mehrmals so alt sind wie sie selber. Es ist herzerwärmend.

Viele von uns sind souverän bei Sitzungen geworden - hier ein Treffen auf Zoom, da mit Microsoft Teams - und kommunizierten und arbeiteten auch am Arbeitsplatz zusammen mit anderen über Chat und Video. Das musste nicht arbeitsbezogen sein. Wir hatten Zusammen­schaltungen mit Familie und Freunden und genossen selbstgemachte, sehr ausgelassene Quiz-Konferenzen. Bei unserem Quiz-Abend vor kurzem wurde eine ganz neues Ausmaß erreicht: es waren 16 Teams und fast 100 Teilnehmer, die allesamt virtuell von zu Hause aus mitspielten.

Soziale Isolation kann Depressionen, Furchtsamkeit und Einsamkeit verstärken. Aber Phan­tasie und Einfallsreichtum haben zu anderen Möglichkeiten geführt, um zusammenzukommen und unsere sozialen Verbindungen aufrecht zu erhalten - etwas, wonach sich die meisten von uns sehnen.

Aber so gut die virtuelle Verbundenheit auch gewesen sein mag - so kann doch nichts eine herzliche Umarmung und den engen Kontakt zu denjenigen, die wir lieben, ersetzen. Deshalb sehnen sich viele nach weniger Restriktionen für Zusammentreffen und Versammlungen.

Eine große Frage ist, wie Gemeinschaft aussehen wird, wenn wir an diesen Punkt gelangen. Wie werden wir als Individuen bei der Arbeit, bei Erholung oder Spiel miteinander umgehen und was wird eine Gemeinschaft wie die Tempelgesellschaft nach der Pandemie brauchen? Auch wenn das schwer vorauszusagen ist, könnte das äußerst wichtig sein.

Fast über das gesamte Jahr 2019 befasste sich eine kleine Gruppe, das »Community Spaces Concept Team«, mit einer Analyse der Möglichkeiten, der Aktivitäten und der Menschen der TSA. Unsere Gemeinde-Immobilien altern, und mit einem Blick auf die Zukunft versuchte das Team sich unsere gemeinschaftlichen Spielräume vorzustellen. Jetzt, im Rahmen der COVID-19-Restriktionen, sieht das Bild ganz anders aus, etwas undeutlich vielleicht, und zu einem gewissen Grad könnte es auch so bleiben. Wie gehen wir damit um?

Ganz sicher ist da Kraft in der Gemeinschaft: wir können sie sehen, fühlen und miterleben. Aber die eigentliche Natur von Gesellschaft kann sich - wie es aussieht - verändern, muss sich vielleicht auch verändern. Wenn das eine liebenswürdigere Gesellschaft bedeutet, in der wir uns mehr Zeit für andere nehmen und unsere Beziehungen und eine sauberere Umwelt pflegen, dann werden uns das die Blumen, Bäume und Gewässer danken - und jeder gewinnt dabei.

Und - ob wohl der Glaube im Leben der Menschen eine größere Rolle spielen wird?

Mark Herrmann

»Das Virus weggesungen«

Abendlicher Straßengesang auf der Sophienstraße ging zu Ende

»Das Virus weggesungen« - Bild: Veit SchäferEin geschlagenes Vierteljahr lang, seit Beginn der Corona-Quarantäne am 15. März, haben Anwohner der Häuser in der Sophienstraße gegenüber der St. Bonifatiuskirche jeden Abend auf der Straße mit und für die Nachbarn zwei, drei Lieder gesungen. Sie folgten damit einem Impuls der Evangelischen Landeskirche Baden, ähnlich wie in Italien und Spa­nien, die Mitmenschen in der bedrängenden Situ­a­tion mit Gesang zu erfreuen.

Den Anfang machte ein Ehepaar mit dem Abendlied »Der Mond ist aufgegangen«, gesungen auf seinem rückwärtigen Balkon. Spontan öffneten sich Fenster, die Nachbarn hörten zu, klatschten, riefen Bravo. Am darauffolgenden Abend stimmte bereits eine Nachbarfamilie ein, deren Töchterlein das Abendlied mit dem Horn begleitete, am dritten Abend trat ein Nachbar auf seinen Balkon - untermalte den Gesang mit der Geige.

Nachdem der Abendgesang »hinter dem Haus« ein solch schönes Echo gefunden hatte, kam die Idee auf, die Lieder vor den Wohnhäusern auf der Sophienstraße ertönen zu lassen. Der Mittelstreifen zwischen den beiden Fahrbahnen bot dem kleinen Chor von etwa sechs bis acht Frauen und Männern, der sich allabendlich um 19 Uhr versammelte, für seinen Auftritt einen hervorragenden Platz, auf dem sich der vorgeschriebene Abstand halten ließ. Das steigerte das Interesse und die Beteiligung der Nachbarschaft deutlich. Immer mehr Menschen zwischen Schillerstraße und Gutenbergplatz kamen zum Zuhören oder Mitsingen ans Fenster oder auf den Balkon, winkten oder klatschten dem kleinen »Corona-Chor« Beifall. Außer der jungen Hornistin begleitete eine Nachbarin eine Zeitlang mit ihrem Bandoneon die Lieder und gelegentlich ließ sich eine Klarinette vernehmen. Ein über 80jähriger, ebenfalls aus einer benachbarten Straße, fand sich ein und begleitete auf seiner Gitarre wochenlang den Gesang. Bald sangen einige alleinstehende Damen von ihren Balkonen aus mit. Großmamas und junge Eltern kamen mit ihren Kleinen auf die Balkone, um ihnen vor der Heia ein Schlaflied singen zu lassen. Sonntagabends war stets Beethovens »Ode an die Freude« fester Programmpunkt. Insgesamt erreichten die unverdrossenen Sängerinnen und Sänger in den drei Monaten ein Repertoire von an die 30 Titeln an Volks-, Abend- und Kinderliedern. Waren hinreichend viele Stimmen anwesend, erklangen sogar Kanons.

Je länger desto öfter kamen Menschen aus anderen Straßen, sogar aus anderen Stadttei­len, Gehbehinderte, Kranke mit ihrer Begleitperson und Menschen im Rollstuhl einmal oder mehrmals vorbei, um von den Gehwegen aus zuzuhören oder mitzusingen. Irgendwie hatten sie von dem Straßengesang erfahren. Passanten, Radfahrerinnen und Radfahrer hielten oft an und stimmten spontan ein, erkundigten sich nach den Gründen für das Abendsingen und ermutigten die Sängerinnen und Sänger zum Weitermachen. Eine Frau, die in einem Alten­heim arbeitet und gegen 19 Uhr Feierabend hat, versuchte oft, per Fahrrad rechtzeitig zum Singen an Ort und Stelle zu sein.

Nicht ohne Wehmut ließ das Spontanchörlein am Sonntag, 14. Juni, seinen Abendgesang nun ausklingen. Auch im Publikum zeigte sich Bedauern darüber. »Die Lage entspannt und normalisiert sich immer mehr. Wir haben vorerst unser Ziel erreicht: den Mitmenschen in dieser völlig ungewohnten Situation auf eine ebenfalls ungewohnte Weise ein wenig Freude, Mut und Zuversicht zu vermitteln. Das war unser Beitrag, das Virus unschädlich zu machen, indem wir es sozusagen wegsangen«, zog einer der beteiligten Sänger ein Fazit.

Doch schon gibt es erste Pläne, den Abendgesang künftig mindestens einmal in der Woche erklingen zu lassen. Er war einfach zu fröhlich, zu anheimelnd, um ihn ganz aufzugeben. Und Corona ist nicht nötig, um sich auf der Straße zum Singen zu treffen!

Veit Schäfer

Werden die Staatsleistungen an die Kirchen endlich abgelöst?

In der Artikelreihe über Staat und Religion hatte ich die 1803 begründete Verpflichtung der Landesherren erwähnt, die Kirchen für Enteignungen zu entschädigen (Warte, Juli-August 2019, S. 103). Dies geschah durch Einmalzahlungen, aber auch durch fortwährende Staatsleistungen, d.h. insbesondere durch Zuschüsse für Personal, daneben auch durch Mittel für den Gebäudeunterhalt. Den Kirchen gelang es in der Folgezeit, ihre materiellen Ansprüche durch zahlreiche Verträge und Konkordate als Dauerrecht festzuschreiben, obwohl 1803 von staatlichen Leistungen bis in alle Ewigkeit nicht die Rede war. Die Verfasser der Weimarer Reichsverfassung (WRV) von 1919 wollten daher mit diesem Dauerrecht aufräumen und stellten in Art. 138 klar: »Die ( ...) Staatsleistungen an die Religionsgesellschaften werden durch die Landesgesetzgebung abgelöst. Die Grundsätze hierfür stellt das Reich auf.« Diese Regelung wurde 1949 durch Art. 140 GG in das Grundgesetz übernommen. Dennoch blieb der Gesetzgeber bis heute untätig. Mit Ausnahme von Bremen und Hamburg fließen weiterhin jährlich pauschale Staatsleistungen an die Kirchen; im Jahr 2020 werden es über 500 Mio. Euro aus Steuereinnahmen - somit auch von Nicht-Kirchenmitgliedern - sein. Als weitere Leistungen sind die vom Staat eingetriebene Kirchensteuer und Zuschüsse für die karitative Arbeit der Kirchen zu berücksichtigen.

Nun kommt Bewegung in die Sache: FDP, Linke und Grüne im Deutschen Bundestag legten im März den Entwurf eines Grundsätzegesetzes vor, das die Bundesländer zu Ablösegesetzen verpflichtet (vgl. BT-Drs. 19/19273). Die Staatsleistungen sollen durch eine einmalige »Ablöse­summe« von rund 10 Mrd. Euro abgelöst werden. Dieser Betrag ergibt sich durch Rückgriff auf das Bewertungsgesetz, das für »wiederkehrende Nutzungen und Leistungen« das 18,6-fache von jährlichen Zahlungen angibt. 2012 hatte die Linke nur das Zehnfache vorgeschlagen; von Kirchenrechtlern war aber auch schon der Faktor 25 gefordert worden. Kirchenvertreter zeigten sich nun aufgeschlossen; allerdings wollen sie am Äquivalenzprinzip festhalten, d.h. die Ablösesumme soll so hoch sein, dass die Kirchen daraus Erträge in Höhe der bisherigen Staatsleistungen erwirtschaften können. Eine »wertgleiche Entschädigung«, wie sie nun im Prinzip vorgesehen ist, wäre jedoch nicht zwingend; der Bundesgesetzgeber könnte auch eine günstigere Abwägung vornehmen, denn in der WRV von 1919 ging es nicht um eine Entschä­digung für historisches Unrecht, sondern um eine vollständige Entflechtung von Staat und Kirche. So überfällig die Ablösung auch wäre, die politische Unterstützung dafür hält sich in Grenzen. Man habe jetzt Wichtigeres zu tun, hieß es bereits aus der großen Koalition - und das war, bevor es für die Politik nur noch Corona gab.

Jörg Klingbeil

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