Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 176/6 - Juni 2020

 

 

Ihr seid die Mitarbeiter Gottes - Jörg Klingbeil

Singet dem Herrn - Wolfgang Blaich

Einfach weltverbunden leben - Christian Schäfer-Neth u.a.

Freude schöner Götterfunken - Wolfgang Blaich

Wie geht es mit Corona weiter? - Karin Klingbeil

Eine Postkarte aus Wilhelma - Jörg Klingbeil

Künstlerische Lebensstationen - Jörg Klingbeil

Ihr seid die Mitarbeiter Gottes

Gedanken zum Tempelgründungstag

Nicht nur am Tempelgründungstag, sondern immer wieder stellt sich für uns das Thema der »Gemeinde« und der Mitwirkung jedes Einzelnen an deren Gelingen. Dies betont auch der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief in einem Abschnitt, der die Überschrift »Mitarbeiter Gottes« trägt. Er weist hier darauf hin, dass ungeachtet unterschiedlicher Aufgaben und Begabungen die Mitwirkenden in einer Gemeinde »einer wie der andere« seien. Alle seien »Gottes Mitar­beiter«, »Gottes Ackerfeld« und »Gottes Bau«. Er selbst habe durch die Gründung der Ge­mein­de zwar eine gewisse Grundlage gelegt, aber andere könnten nach ihrer Weise darauf aufbauen. Und Paulus schließt mit einem Wort, auf das auch der Name unserer Gemeinschaft verweist: »Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?« Anlass für den Brief waren Unstimmigkeiten zwischen einigen Gemeindemitgliedern, die ihren eigenen Beitrag wohl für wertvoller erachteten als den anderer. Ihnen schärft Paulus nun ein, zusammenzuhalten und sich auf die Grundlage ihres Christseins, nämlich auf Jesus Christus, zu besinnen. Dabei benennt er klar die Rollenverteilung der Beteiligten und verwischt auch ihre Unterschiede nicht. Der eine habe gepflanzt und der andere gegossen, aber das Entscheidende, das Wachstum, sei von Gott gekommen.

Die Zuweisung der Rolle als Mitarbeiter Gottes an die Gemeindemitglieder erinnert mich an ein Wort von Dorothee Sölle; »Gott hat keine anderen Hände als unsere«, hat die streitbare Theologin einmal formuliert. Und das Bild vom Menschen als Ackerfeld, das von Gott bestellt wird, entspricht es nicht dem Gleichnis vom Sämann, dessen Samen auf fruchtbaren wie un­fruchtbaren Boden fällt? Jesus meint damit Gottes Wort, das bei den Menschen auf unter­schiedliche Resonanz stoße. Dauerhaft wirke es nur bei denen, die es nicht nur hören, sondern auch in ihrem Herzen behalten und es dort fruchtbar werden lassen. Dabei ist der menschliche Resonanzboden nicht statisch; der Mensch hat jederzeit die Chance, sich zu verändern und vom Wort Gottes anstecken zu lassen, also gewissermaßen die Wahl, ob er steiniger Fels oder fruchtbarer Acker sein will. Übrigens beginnt das Kapitel, in dem bei Lukas das Gleichnis vom Sämann steht, damit, dass Jesus mit seinen Anhängern durch das Land zog und dabei »das Evangelium vom Reich Gottes predigte und verkündigte«.

Als drittes schließlich das Bild von dem Bau und den einzelnen »Mitarbeitern Gottes« als le­bendige Bausteine eines Tempels, in dem Gottes Geist wohnen soll. Diese Vorstellung kommt im Neuen Testament mehrfach vor (Eph 2,21-22; 1. Petr 2,5) und war auch für den Namen der Tempelgesellschaft prägend. Der Tempel einerseits als Bild für den Einzelnen, in dem Gottes Geist wie in einem Gefäß wohnen soll, und zugleich als Bild für die Gemeinschaft, deren Mitglieder zusammen das Bauwerk bilden sollen, in dem Gottes Geist sich zu Hause fühlen kann.

Am Tempelgründungstag spricht uns dieser Abschnitt des Korintherbriefes vielleicht nicht nur wegen der Bezugnahme auf das Bild des Tempels an. Wenn Paulus seiner Gemeinde in Korinth deutlich macht, dass es das arbeitsteilige Zusammenwirken verschiedener Personen war, das diese Gemeinde entstehen ließ, so dass hier einer auf den Leistungen des anderen aufbauen konnte, so trifft diese Entwicklung doch auch auf unsere Gemeinschaft zu, denn sie wäre nicht entstanden und konnte nicht bestehen ohne die vielfältigen Leistungen und Bega­bungen der Gründer und Vorfahren, die das Siedlungswerk in Palästina zum Erfolg geführt ha­ben. Selbst dieses Gemeindezentrum wäre nicht entstanden ohne die israelischen Entschädi­gungszahlungen für das verlorengegangene Gemeindeeigentum in Palästina. Letztlich stehen auch wir also - wie die Gemeindemitglieder in Korinth - auf den Schultern derjenigen, die gepflanzt und gegossen und für das Gedeihen des Siedlungswerks in Palästina gesorgt haben. Bei der Gründung der Tempelgesellschaft im Jahre 1861 erkennt man durchaus einige Parallelen zu der Situation in Korinth. Wie bei Paulus wurde die Verantwortung für den Aufbau und den Fortbestand einer Gemeinde auf alle Mitarbeiter ausgedehnt und am Bild des Baues illustriert. Und hier wie dort sollte Jesus Christus im Mittelpunkt stehen: So heißt es in der »Süddeutschen Warte« über die Beratungsergebnisse der Gründungsversammlung am 19./20. Juni 1861: »Die Versammlung war sich einig darüber, dass es zwar einzig die Sache des Herrn Jesus Christi selbst ist, seinen Tempel zu bauen und sein Reich aufzurichten, dass er es aber nicht tut, wenn nicht Menschen sich zur Ausführung seiner Pläne entschließen.« Auch bei den Templern der Gründungszeit gab es also das Bild von Jesus Christus als dem Fundament eines geistigen Bauwerks und der Menschen, seiner Anhänger, als Mitarbeiter, man könnte fast sagen als »Bauarbeiter« zur Umsetzung der göttlichen Pläne.

Die ausgeprägte Bibelgläubigkeit der damaligen Templer und ihre einseitige Ausrichtung an den alttestamentarischen Weissagungen vermögen wir heute nicht mehr nachzuvollziehen. Dennoch kann ihr tiefes Gottvertrauen auch für uns immer noch inspirierend sein. Die Orientie­rung an Jesus als dem Fundament unseres Glaubens interpretieren wir heute anders. Es geht für uns nicht mehr vorrangig um den Jesus mit dem christologischen Überbau des Paulus, sondern um »das, was Jesus gewollt«, wie es in einer Strophe des Templerlosungsliedes heißt, also um den Kern der frohen Botschaft, die uns Jesus vermittelt hat, um die Botschaft vom Reich Gottes.

Was ist nun aus dem »Bauwerk«, aus dem »Tempel«, den die Templer errichten wollten, ge­worden? Die Siedlungen der Templer in Palästina sind Vergangenheit, viele der damals unter unendlichen Mühen und Opfern errichteten Bauwerke stehen nicht mehr, manche sind bau­fällig, die übrigen dienen heute anderen Zwecken. Aber immerhin: das, was davon heute noch in Israel zu sehen ist und was - vor allem dank des israelischen Denkmalschutzes - wieder wertgeschätzt wird, legt doch ein beredtes Zeugnis ab von den Aufbauleistungen der Templer im Heiligen Land.

Nun können Bauwerke aber nicht der Maßstab für den Erfolg oder Misserfolg unserer Ge­meinschaft sein. Die Gründer haben bereits vor ihrer Abreise nach Haifa im Jahr 1868 öffent­lich und unmissverständlich klargestellt, dass es bei der Kolonisation des Heiligen Landes nicht um die Errichtung eines Tempels in Jerusalem als Bauwerk aus Stein oder Holz, sondern um die Schaffung eines »geistigen Tempels« ging, also um Mustergemeinden für eine Samm­lung von Menschen guten Willens, anders ausgedrückt, von Menschen, die - wie es damals wörtlich hieß - »den Willen Gottes auszuführen bestrebt sind«.

Wir wissen, wie die Geschichte weiter gegangen ist: Schon wenige Jahre nach der Einwanderung musste Christoph Hoffmann erkennen, dass er die Einwirkungsmöglichkeiten der von ihm mitgegründeten Bewegung überschätzt hatte. Die Bewältigung der alltäglichen Probleme in einem fremden und klimatisch für eine Ansiedlung nicht besonders gut geeigneten Land überlagerte zunehmend die geplante »Sammlung des Volkes Gottes«. Ein nennenswer­ter Zulauf von Menschen anderer Konfessionen war jedenfalls nicht festzustellen. Der Blick richtete sich unter dem Schlagwort der »Hebung des Orients« zunehmend auf die wirt­schaftliche Betätigung der Kolonien, die durchaus positiv verlief und auch nach dem Ersten Weltkrieg erfolgreich fortgesetzt wurde, trotz des Rückschlags durch die Deportation vieler Kolonisten nach Ägypten. Und selbst nach dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung des Staates Israel, als das Siedlungswerk im Heiligen Land endgültig an sein Ende kam, gab es kein endgültiges Aus, sondern faktisch eine Wiedergeburt der Tempelgesellschaft und ihrer Gemeinden, sowohl in Australien als auch in Deutschland.

In beiden Gebieten ist unsere Gemeinschaft aber nicht mehr dieselbe wie zur Zeit ihrer Gründung. Wir haben uns mittlerweile nicht unerheblich von den theologischen Vorstellungen der Gründer entfernt. Aus den pietistisch geprägten Anfängen der einstigen Jerusalemsfreun­de ist heute eine liberale christliche Gemeinschaft geworden, die die Methode der historisch-kritischen Bibelauslegung hochhält, die für Christoph Hoffmann noch der Anlass war, 1848 in Gegnerschaft zu den fortschrittlichen Theologen seiner Zeit für das Paulskirchen-Parlament zu kandidieren. Und die Opposition der Tempelgesellschaft zur Landeskirche im 19. Jahrhundert hat sich inzwischen in zahlreiche freundschaftliche Kontakte zu evangelischen Theologen und in eine korporative Mitgliedschaft der TGD im »Bund für Freies Christentum« verwandelt.

Das »Wegreißen« von »pietistischen Leitplanken« links und rechts unseres Weges zur »Freiheit im Glauben« - wie wir ihn bei unserem Jubiläum 2011 bezeichnet haben - hat nun aber leider nicht dazu geführt, dass uns die von den Volkskirchen frustrierten Kirchenangehö­rigen in Massen zuströmen, auch wenn uns insbesondere protestantische Christen sympa­thisch finden mögen. Uns ergeht es in dieser Hinsicht nicht besser als generell anderen Orga­nisationen, bei denen man sich einbringen und mitmachen muss und die derzeit einen Ero­sionsprozess erleben, seien es Feuerwehren, Gesangvereine, Gewerkschaften oder eben die Kirchen. Viele Menschen scheuen es offensichtlich, sich zu binden und Verpflichtungen einzu­gehen, Zeit zu opfern - nicht so sehr Geld. Hinzu kommt die demographische Entwicklung. Von diesem Schwund bzw. Nicht-Nachwachsen von Mitgliedern bleiben natürlich auch wir nicht verschont.

Interessanterweise nimmt bei den beiden großen Volkskirchen das Nachdenken darüber zu, wie Laien stärker auch in die Seelsorge, also in die Durchführung der Gottesdienste und die Betreuung der Gemeindemitglieder, eingebunden werden können. Dem stehen bekanntlich al­lerhand dogmatische Hürden im Wege, die es bei uns seit jeher nicht gibt. Unsere Hierarchien sind denkbar flach und durchlässig. Jeder kann und darf sich einbringen, seinen Talenten und Möglichkeiten entsprechend. Jeder darf »dienen«, wie es Paulus nennt. Jeder darf pflanzen, jeder darf gießen, wie damals in der Gemeinde in Korinth. Jeder darf ein lebendiger Baustein eines Tempels sein, in dem Gottes Geist wohnt.

Programmatisch sollte es uns dabei in erster Linie darum gehen, unsere liberale Ausrich­tung in theologischen Fragen hochzuhalten, nicht um in Beliebigkeit zu verfallen, sondern um die befreiende Wirkung der frohen Botschaft Jesu vom Reich Gottes zu vermitteln und um die dogmatischen Verkrustungen aus 2000 Jahren Kirchengeschichte lösen zu helfen. Übrigens hält nach Meinungsumfragen nur noch eine Minderheit der Deutschen Jesus für den Sohn Gottes und nur ein Fünftel glaubt an seine leibhaftige Auferstehung. Insofern empfinde ich es als befreiend, dass die Templer theologische Kernwahrheiten aus früherer Zeit kritisch hinter­fragt haben wie etwa die Trinität oder die Vorstellung vom Sühnetod, also dass Jesus für unsere Sünden gestorben sei. Stattdessen sollten einfache, zentrale Glaubensaussagen wie etwa das Doppelgebot der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten in den Vordergrund rücken. Damit könnte man auch den vielfach nicht mehr nachvollziehbaren dogmatischen Überbau drastisch reduzieren und die Schnittmenge zwischen den christlichen Konfessionen entscheidend vergrößern. Schon deswegen machen selbständige, selbstbestimmte und selbstverwaltete Gemeinden wie die unsrige Sinn und haben eine Daseinsberechtigung - auch in Zukunft.

Jörg Klingbeil in der Ansprache zum Tempelgründungstag 2019

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Singet dem Herrn

Psalm 96 und Psalm 98

Die Bibel kennt viele Stellen, wo es um die Bedeutung von Musik im persönlichen Leben und insbesondere im Ritual religiöser Andacht und Anbetung geht. Das gilt ganz besonders für die Aufforderung, zum Lobe Gottes und seiner Wohltaten zu singen, wie wir das in den genannten Psalmen erfahren. Nach den identischen Eingangsworten beider Psalmen gehen sie dann doch in ihrer Aussage in etwas verschiedene Richtungen: Psalm 96, 1 und 2: »Singet dem Herrn ein neues Lied; singet dem Herrn alle Welt! ... lobet seinen Namen; verkündiget von Tag zu Tag sein Heil.« Psalm 98, 1 und 2: »Singet dem Herrn ein neues Lied; denn er tut Wunder. ... Der Herr lässt sein Heil verkündigen; ...« Im ersten Psalm geht es um die Verkündigung des Reiches Gottes unter den Heiden, im zweiten stehen die Siege des Herrn in aller Welt im Zen­trum.

So wurden die Menschen des Alten Testaments aufgefordert zu singen, und diese Aufforde­rung gilt auch heute noch, wenngleich die Intention nicht unbedingt den Anliegen der damali­gen Psalmisten entspricht.

Warum singen? Zunächst gilt es festzustellen, dass Musik die Ursprache in allen Zivilisa­tionen ist und zugleich die verständlichste unter den Kulturen. Denn, bin ich fröhlich, traurig, verliebt, besorgt oder einsam, kann ich das durch Singen ausdrücken. Musik verstärkt meine Gefühle und drückt sie oft besser aus als Worte. Lieder können gesungene Gebete und Bekenntnisse sein. Sie können unser Innerstes berühren. Wenn mir beim Beten die Worte fehlen, kann ein Lied eine Brücke zu Gott bilden. Singen ist aber nicht nur etwas Persönliches zwischen Gott und mir. So wie Menschen Loblieder auf ihre Helden und Könige gedichtet haben, um von deren Taten zu berichten, so haben die Psalmisten auf den allmächtigen Schöpfer aller Dinge gedichtet - »verkündet sein Heil von Tag zu Tag.«

»Singet« - das steht in der Mehrzahl. Gemeinsam singen schafft Verständigung, schafft Ein­klang und Harmonie und verstärkt und beflügelt die im Lied vertonte Botschaft von den Wohl­taten des Schöpfers. Das ist es, was wir z.B. am Sonntag Kantate erleben können, wenn eine Kantorei Bachs geistliche Musik gestaltet.

Und ein Kurzkommentar zu zwei Schlüsselwörtern: » ...ein neues Lied« - nicht mehr die al­ten Lieder - die Klagelieder ...früher war alles besser ... sondern Lieder der Dankbarkeit über die Liebe und Treue Gottes, der uns auch jetzt zu CoronaZeiten bewahrt. » ... sein Heil ...« unversehrt sein an Leib und Seele. Unsere Hoffnung nach einer Schöpfung, die von Gottes Heil erfüllt sein wird.

Wolfgang Blaich

 

Wie in der letzten Ausgabe der »Warte« angekündigt, drucken wir hier den Punkt 10 aus dem dort beschriebenen Positionspapier ab:

Einfach weltverbunden leben

Können wir heute wie Jesus an das Reich Gottes glauben? Nein, das können wir nicht mehr. Denn Jesus hat der Überlieferung nach apokalyptisch an das Reich Gottes geglaubt: Die Zeit ist voll, das Neue würde sich nun unaufhaltsam durchsetzen, geradezu automatisch. Wir dage­gen wissen: Die Weltgeschichte kennt keinen letzten Äon und das Neue hat sich nicht einfach automatisch durchgesetzt.

Von dieser apokalyptischen Einschränkung abgesehen aber kann man die epochale Bedeu­tung der Jesus-Botschaft gar nicht genug betonen. »Jesus hat so deutlich daran geglaubt, dass das, was Gott will, die Vermenschlichung des Menschen, die Universalisierung einer Menschlichkeit ohne Grenzen, ab sofort und unbedingt jetzt zu leben sei und dass es keinen Aufschub dulde«.1 Es ging ihm darum, die anderen Menschen als Teil des Ganzen und damit als Teil von uns selbst wahrzunehmen. Alles Lebendige auf Erden atmet die gleiche Luft, wir sind auf das engste mit allem um uns herum verbunden. Heute ist weit deutlicher noch als damals zu sehen, wie dringlich wir der Anforderung solidarischen Zusammenlebens unterstellt sind. Denn längst wirkt unser Handeln global, und Nachteile, die wir in altgewohnter Weise »den anderen« zumessen, betreffen uns auf einmal selbst. Es sind doch gar nicht mehr überwiegend Krankheiten und Naturkatastrophen, die uns zu schaffen machen (die Natur, die uns umfängt, ist im Grunde eine derart freundliche Heimat, dass wir auf über sieben Milliarden Menschen anwachsen konnten!). Nein, es sind die Folgen unseres eigenen Tuns, die uns das Leben schwer machen.

Nun werden wir Menschen nicht auf einmal »gut« sein können, werden uns immer im Span­nungsfeld zwischen Eigensucht und Fürsorge, Ignoranz und Offenheit bewegen. Das ist weder vermeidbar noch ist es ein Problem. Wir müssen nicht auf Selbstentfaltung verzichten und auch nicht darauf, unsere Konflikte zu lösen statt sie gewaltsam auszutragen oder zu verdrän­gen.2 Nein, um all das geht es nicht, sondern um das unreflektierte Mitvollziehen einer herz- und gefühllosen Normalität, die ständig die alten auf Hass und Feindschaft beruhenden Hand­lungsmuster reproduziert. Hier müssen wir umdenken, müssen lernen, dass das nicht mehr länger möglich ist. Kriege, Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Hunger, Leistungsdruck, Ausgren­zung: Dagegen wendet sich Jesus, und im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg 3 entwirft er nichts Geringeres als die Umrisse einer neuen, nicht mehr leistungsabhängigen Gerechtig­keit; ein gesellschaftlicher Entwurf, mit dem wir uns bis heute schwertun.

Es geht hier also um eine ganz andere Art von Erlösung. Eine Erlösung nicht durch Jesu Tod am Kreuz und hinausgeschoben auf den Jüngsten Tag, sondern ganz im Gegenteil durch den von Jesus gezeigten Weg ins Leben - und zwar jetzt sofort! Eine Erlösung: nicht für im Grunde sündige Menschen, die eines göttlichen Erlösungsaktes bedürfen, sondern für Men­schen, die im Grunde »in Ordnung« sind und in ihrem Leben nun aber bisherige Irrtümer hinter sich lassen wollen. Die von Jesus »verkündete Gottesherrschaft war weder eine nur jenseitige noch eine nur innerlich-spirituelle Größe, sondern wurde im höchsten Maße konkret: als Freu­de für die Trauernden, Hoffnung für die Verzweifelten, Annahme der Verachteten, Integration der Ausgeschlossenen, ...«.4 Es ging Jesus um nichts Geringeres als eine menschlichere Gesellschaft, die auf umfassender Weltwahrnehmung beruht und damit insbesondere auf der Wahrnehmung der Mitmenschen. Claus Petersen schreibt dazu: »Alles käme also darauf an, dass uns Menschen aufgeht: Wahrhaftig, das "Reich Gottes" ist mitten unter uns - ich lebe darin und habe Anteil an ihm. Der Terminus "Reich Gottes" muss sich demnach auf die Welt beziehen, in der wir leben. Offensichtlich ist es eine ganz bestimmte Art und Weise, die Welt wahrzunehmen, sie zu empfinden, die es nahelegt, zu dem Terminus "Reich Gottes" zu greifen. Alles scheint darauf anzukommen, sich ihr zugehörig zu fühlen, sich immer neu als in sie eingebunden zu erleben und die eigene Existenz eben aus dieser Zugehörigkeit heraus zu realisieren und zu gestalten. Leben hieße Weltverbundenheit, ein Leben im Einklang mit der Welt würde zur Selbstverständlichkeit. Alles Glück läge darin beschlossen«.5 Was hier unter dem Begriff Weltverbundenheit zusammengefasst ist, schließt die Verbundenheit mit unseren Mitwesen ebenso ein wie die Verbundenheit mit dem Weltganzen in seiner kosmischen Erha­benheit.

In christlicher Auffassung ginge es also darum, die Welt als Gottes Welt wahrzunehmen, sich ihr zugehörig zu fühlen und deshalb dem Reich Gottes gemäß zu leben. Die damit ver­bundene Erlösung (von alten Zwängen und Ängsten) ist es, die ein nun verändertes Handeln ermöglicht. Doch so, wie man ganz ohne Religion religiös sein kann, kann man auch ohne Gottesvorstellungen die Darlegungen des Mannes aus Nazaret für einleuchtend halten. Wenn es stimmt, dass es darum geht, die Welt mit allen Sinnen zu empfinden und mit ihr verbunden zu leben - dann kann man dies auf Basis jeder weltanschaulichen Position tun. Unter athe­istischem Verständnis wird man das, was Jesus und seine Zeitgenossen für Gottes Herrschaft hielten, einfach als die reale Welt auffassen mitsamt ihrem Drängen nach evolutionärer Fort­entwicklung. Und das Gelingen unseres Lebens hängt dann in der Tat von der Wahrnehmung jener Grundsätze ab, die schon Jesus in seiner Botschaft im Blick hatte. In jedem Falle geht es dabei um Lebensumstände. Nicht solche, die Gott erst noch ermöglichen müsste, sondern solche, die längst gegenwärtig sind - und wir aber müssten nun darauf eingehen. Die ange­sichts schlimmer Krisen immer wieder zu hörende Frage »Na wo ist es denn nun: euer Reich Gottes?!« geht damit an uns selbst zurück.

Die Reich-Gottes-Botschaft kann ein gemeinsamer Nenner für Menschen unterschiedlichen Glaubens sein, eine alle Auffassungen verbindende Mitte quer durch die Schichten der Gesell­schaft. Was für eine Chance! Doch wo wäre der Sachwalter, der diese Chance wahrzunehmen wüsste? Die Kirchen jedenfalls haben anderes im Sinn und verweilen in ihrer festen Burg von Kreuz und Auferstehung.

Was von Jesus überliefert ist, das lässt sich verblüffender Weise ohne den geringsten Zu­satz auch auf heutige Probleme beziehen, die er noch gar nicht kennen konnte: etwa die Schädigung des Ökosystems oder die Bedrohung unserer Existenz durch den Irrsinn atomarer Waffen. Auch das alles ist ja nur eine Folge mangelnder Weltverbundenheit, eine Folge unserer alten, auf Hass und Feindschaft beruhenden Handlungsmuster. Was uns dabei droht - nicht weniger als die Aussonderung der Gattung Mensch - , heißt in der Sprache der Evolution "Selektion". Wir können dieser Selektion entgehen, wenn uns die Wahrnehmung unseres Verwobenseins mit dem Weltganzen besser gelingt: dies ist der nächste (und überfällige!) Schritt der kulturellen Evolution. Jesu Verkündigung lässt sich deuten als »Protest gegen den Selektionsdruck - und damit als Bruch mit der biologischen Evolution«. Damit ist gemeint, dass wir vermöge Solidarität über die Stufe der biologischen Evolution hinauswachsen und drohender Selektion entgehen können. Christlicher Glaube in solchem Verständnis wäre dann nicht mehr »nur als Nachklang einer archaischen Vorgeschichte einzuordnen, sondern als Vorwegnahme zukünftiger Evolutionsmöglichkeiten« der menschlichen Gesellschaft.6

Das wenige wahrscheinlich Authentische, was von Jesus überliefert ist, zeigt schlüssig, wie er die Welt verstanden hat: Sie ist in ihrer einzigartigen Schönheit so angelegt, dass alle genug haben und ein gutes Leben führen können. Wir brauchen nicht auf irgendeine Vollendung in ferner Zukunft zu warten. Das Gute dieser Welt beruht auf der Verbundenheit allen Lebens. Wir sind Teil davon: mitten drin. Wir stehen nicht über anderen Lebewesen, sondern auf glei­cher Ebene mit ihnen. Was wir nicht erleiden wollen, wollen auch unsere Mit-Wesen nicht erlei­den. Wenn wir ihnen schaden, schaden wir mittelbar auch uns. Diese Binsenweisheit haben wir Menschen fortgesetzt missachtet und tun es noch immer. In unserer global vernetzten Welt mit ihrer hoch entwickelten Wissenschaft ist das offensichtlicher und bedrohlicher als je zuvor. So sind die damaligen Auffassungen des Jesus von Nazaret, die er in seinen Worten vom Reich Gottes beschrieben hat, heute im Grunde aktueller denn je.

Es geht um eine neue Sicht auf die Welt. Dazu müssen wir in den Gesamtzusammenhang hinein finden und von dort her handeln, anstatt uns über die Welt zu erheben. So können wir das Welt-Ganze staunend und voller Achtung wahrnehmen, unser Leben und das, was uns leben lässt, dankbar genießen und uns daran freuen. Wir können der Gewalt gegen Men­schen, Tiere, Pflanzen und die Erde insgesamt widerstehen, ohne selbst gewalttätig zu wer­den, können strukturelle Gewalt überwinden, die durch die Herrschaft von Menschen über Menschen aufgerichtet wird. Wir können einander zugewandt und solidarisch zusammen­arbeiten, können uns der Vorstellung verweigern, dass allein Geld die Welt regiert. Wir können prüfen, ob wir tatsächlich brauchen, was wir besitzen oder haben wollen, alles weiterreichen, was wir nicht mehr brauchen. Wir können sorgsam und verantwortlich mit unserer Zeit umgehen, unseren materiellen Möglichkeiten, unserer Kraft und allem anderen, was uns zur Verfügung steht. Solche Leitlinien ergeben sich wie von selbst, sobald wir unsere Verbunden­heit mit der Welt in uns spüren: Nicht mehr und nicht weniger kann uns die Jesus-Botschaft heute sagen, ganz gleich in welcher Weise wir darüber hinaus Vorstellungen von Gott entwi­ckeln wollen oder nicht.

Christian Schäfer-Neth u.a.

 

1 Hubertus Halbfas auf der Jahrestagung der Ökumenischen Initiative "Reich Gottes - jetzt!" am 13.7.2013.

2 Vgl. z.B. Marshall Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation, Paderborn 2016.

3 Matthäus 20, 1 bis 14.

4 Sabine Pemsel-Mayer: Erlösung, Febr. 2016; [www.bibelwissenschaft.de; 21.10.2018].

5 Claus Petersen: WeltReligion, Hamburg 2016, S. 121.

6 Gerd Theißen: Biblischer Glaube in evolutionärer Sicht, München 1984, S. 114, 35.

Freude schöner Götterfunken

Sonntag 18 Uhr - da sind sie wieder, die Laien- und Berufsmusiker, die sich im Musizieren ver­einigen. Deutschlandweit. Musiker aller Alter, aller Genre, die sich im ganzen Lande im Klang von Beethovens »Ode an die Freude« finden und verbinden. Dort, mitten auf der Straße eine Trompete, aus jener Richtung kommt ein Posaunenklang dazu, zwei Häuser weiter steht ein Ehepaar auf der Terrasse mit Querflöte und Fagott, hier eine Geige bei offenem Fenster. Eine ganze Familie auf einem Balkon, welche mit verschiedenen Instrumenten mit in den gemein­samen, verbindenden Klang einstimmen. Deutschland findet sich, vereinigt sich in einem landesweiten Klangteppich - harmonisch und aussagekräftig: »Freude schöner Götterfunken ...« Corona macht es möglich - Corona zum Trotz! Wenn eine physische Verbindung nicht möglich ist, aber eine gemeinsame Musik schafft stärkende und tröstende Atmosphäre, schafft Zuversicht in einer nicht auszumachenden Krise. Die Musiker kennen sich nicht, sehen sich nicht, hören sich eventuell und finden doch zueinander. Und finden darüber hinaus lauschende Zuhörer. Ein Zeichen in einer schwierigen Zeit, wie wir sie nicht kennen, aber jetzt erfahren. Ein Zeichen wie das landesweite Glockenläuten um 19.30 Uhr. Die Botschaft - innerer und äußerer Friede, Zuversicht in der Überwindung ungekannter Schwierigkeiten.

Warum aber Beethovens »Ode an die Freude«?

»Freude schöner Götterfunken« ist eines der berühmtesten Gedichte Friedrich Schillers, welches 1785 entstand und welches von Ludwig van Beethoven im 4. Satz seiner 9. Sinfonie ver­tont wurde. Dieses Werk ist traditionell Bestandteil vieler Silvester- oder Neujahrskonzerte, welche den Zuhörern die Möglichkeit gibt, das vergangene Jahr nochmals rückblickend zu erleben und zu reflektieren, und gleichzeitig eine hoffnungsfrohe, zuversichtliche Eröffnung des neuen anstehenden Jahres bildet.

Das liegt an der Aussage der Ode, welche das Ideal einer Gesellschaft gleichberechtigter Menschen beschreibt, die durch das Band der Freude und Freundschaft verbunden sind. Der Freude wird eine menschenverbindende Eigenschaft zugesprochen. Zwischenmenschlichkeit gilt als wichtigste Kraft und Motivation für einen Bund aller Menschen.

Die Französische Revolution hatte die Welt verändert. Der Ruf nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit erfasste nicht nur Frankreich, sondern fand auch in Deutschland offene Ohren und Herzen. Dass Ludwig van Beethoven (letztendlich 1824) Schillers Ode an die Freude für den Schlusssatz seiner 9. Sinfonie verwendet, lässt sich so verstehen: »Nach all dem poli­tischen Wirrwarr und den Schrecknissen der Zeit, die auch Beethoven selbst erlebt hat, ist dieses Werk am Ende ein Appell, eine Sehnsucht nach Verbrüderung, nach Freude und Jubel, nach der Utopie eines Weltfriedens, nach einer Welt ohne Kriege und Zerstörung.« (A. Rei­mann)

1955 wurde Beethovens Vertonung als neue europäische Hymne vorgeschlagen. Seit 1972 ist die Melodie offizielle Hymne des Europarats. Auf Bitte des Europarates arrangierte Herbert von Karajan drei Instrumentalversionen. Die Fassung für Orchester ist seit 1985 die offizielle Hymne der Europäischen Union. So bleibt die Vision des Bonner Musikers aktuell in einem Eu­ropa, das sich »Einheit in Vielfalt« auf die Fahnen geschrieben hat.

Die sonntägliche Aktion ist ein Zeichen für Solidarität und Lebensfreude und ein Danke­schön an alle Menschen, die derzeit unverzichtbare Arbeit leisten. So sollten unsere positiven Gedanken die Aktion sonntags 18 Uhr begleiten.

Wolfgang Blaich

 

Es gibt auch andere musikalische Initiativen - "Wir werden das Virus wegsingen!" erklären Veit und Uta Schäfer aus Karlsruhe ihre Gemeinschaft stiftende Aktion:

Seit 15. März singen wir auf Anregung der evangelischen Landeskirche jeden Abend auf der Straße ein, zwei Lieder. Mittlerweile singen Nachbarn mit und immer mehr Passanten und Radfahrer stoppen, um zuzuhören oder spontan mitzusingen. An den Fenstern und auf Bal­konen singen die Leute mit, hören zu, klatschen, winken oder rufen »Bravo«! Seit drei Wochen begleitet uns stets ein 82jähriger auf der Gitarre.

Wie geht es mit Corona weiter?

Schade: die Zeit der Einigkeit, sowohl unter den Politikern, als auch der Bürger mit ihren Politikern ist vorbei. Nach dem beispiellosen wochenlangen Einklang begannen Politiker sich aus der Einmütigkeit, die unter allen Parteien geherrscht hatte, wieder zu profilieren, der Wahl­kampf kam stellenweise wieder durch. Bürger erkennen die Warnungen der Virologen nicht mehr an, empören sich über die Beschneidung ihrer Rechte und formieren sich unter den abstrusesten Verschwörungstheorien.

Der Physiker, Wissenschaftsjournalist und Moderator Ranga Yogeshwar hat in einem Artikel in der FAZ unter dem Titel »Phase zwei« seine Auffassung dargelegt und angemahnt, weiter­hin auf die Wissenschaft zu hören. Dabei stellt er wiederkehrende Muster bei Epidemien fest. Im Pestjahr 1665 wurde in London akribisch Buch über die Todesfälle und ihre Ursachen geführt, auch Daniel Defoe (Autor von Robinson Crusoe) berichtete anonym über die Verord­nungen und Erlasse: Kontaktverbote und Masken waren auch vor fast 400 Jahren eindeutig angeordnet. Nicht nur die Pestdoktoren schützten sich mit schnabelförmigen Masken, die dann zum typischen Element des venezianischen Karnevals wurden.

Auch bei vergangenen Pandemien wurde die sich ausbreitende Gefahr zunächst ignoriert - bereits 1663 gab es Gerüchte über einen Pestausbruch in Holland, aber erst, als es die ersten Toten gab, wurde die Bedrohung ernst genommen. Auch bei uns lösten die Nachrichten aus Wuhan, Italien und Spanien zunächst keine konkreten Maßnahmen aus.

Die Mobilitätsdaten von Apple und Google zeigen, dass bereits Anfang März der Rückzug der Menschen begann - und so spiegelte sich die vorherrschende Meinung in der Bevölkerung dann im »umfassenden Kontaktverbot«, auf das sich Bund und Länder am 23. März einigten. Das schnelle Handeln und das Vorpreschen manches Ministerpräsidenten brachten steigende Beliebtheitswerte. Die nun folgende Phase war durch bemerkenswerte Einmütigkeit geprägt, da sich Politik und weite Teile der Gesellschaft einig waren; die Wissenschaft belegte die verkannte Dimension der Pandemie, in Talkshows wurden Virologen und Epidemiologen, die schnell einen hohen Bekanntheitsgrad erreichen, eingeladen, es wurde erklärt und informiert.

Doch inzwischen ist es mit der Harmonie, dem einmütigen Kampf gegen Corona, vorbei. Der Shutdown ist eine Belastung für alle, Dissonanz zwischen Bevölkerung, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zeigt sich vermehrt, die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen wird immer mehr hinterfragt. Anstatt den Erfolg zu feiern - die Zahlen gehen zurück, Krankenhäuser ste­hen leer - beginnen manche, die Pandemie zu bagatellisieren oder anzuzweifeln. Die Kritik an den Experten wächst - Ranga Yogeshwar: »Ein Irrsinn: Würden wir die Feuerwehr abschaffen, nur weil es im vergangenen Jahr nicht gebrannt hat?«

Auch diese Phase des Widerstands, der Wut und Anschuldigung ist nichts Neues, hat es in Zeiten der Pest auch gegeben. Nur, dass sich da der Volkszorn gegen Ketzer, Juden oder Frauen richtete. Heute können wir eine Wende der Politik im Verhältnis zur Wissenschaft beobachten - engagierte Wissenschaftler, die noch vor Wochen als »aufklärende Lotsen in einem Meer der Ungewissheit« gefeiert wurden, erhalten Morddrohungen. Der von ihnen vorgeschlagene Kurs passt nicht mehr zum Fahrplan der Politiker, die sich am Volk orientieren, an Umfragewerten und Beliebtheitsskalen. Ranga Yogeshwar bedauert, dass es der Politik an »true leadership« (echter Führung) mangelt, einer aufgeklärten und aufklärenden politischen Klasse, imstande, die Notwendigkeit des unbequemen Lockdown zu vermitteln und trotz verständlichen Widerstands dafür einzustehen, weil der Preis für Fehlentscheidungen so hoch ist. Doch angesichts der Lobbyisten, Hotelbesitzer, Sportclubs und genervten Eltern setzt die Politik auf Lockerung und ignoriert die berechtigte Warnung der Wissenschaft vor einer zweiten Welle - wie 1918, nach Aufhebung der Kontaktverbote bei der »Spanischen Grippe«, die gegen Ende des Ersten Weltkriegs grassierte, bis 1920 in drei Wellen um die 50 Millionen Todesopfer forderte, möglicherweise auch mehr.

Doch die Bevölkerung sehnt sich nach Normalität, will keine Analytiker mehr, die schlechte Nachrichten verkünden, sondern wünscht sich »Erlöser, die von der ansteckenden Last dieser Geisel befreien«. Daher kommt es zu aberwitzigen Erklärungen, die von Behauptungen, dass es eine Pandemie gar nicht gebe, reichen bis zu der, dass das Virus weit weniger gefährlich sei als behauptet; der Umgang mit den Meldungen verschiebt sich vom Rationalen ins Emotio­nale.

Ranga Yogeshwar befürchtet ein drittes Kapitel, wenn Wut und Schuldzuweisungen in eine kollektive Verdrängung münden. Diesen Prozess konnte er nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima beobachten: Wegen der Radioaktivität größerer Regionen hatten viele ihre Woh­nun­gen verlassen müssen, was zu einem Trauma wegen der Auflösung des Sozialgefüges führte. Die Sehnsucht der Menschen nach ihrem Heimatort ließ sie alle Befürchtungen verdrängen, für den Staat war die Öffnung eine große Entlastung, die Wirtschaft drängte und so wurden Straßen und Orte gereinigt und wieder freigegeben, obwohl die Erde noch strahlte. Jeder wusste es, doch niemand sprach mehr darüber. Ähnliches befürchtet er auch bei uns - dass wir wieder versuchen, zur früheren Normalität zurückzukehren, und dabei verdrängen, dass diese Freiheit einen Preis hat. Verdrängen können wir gut, meint er: »Wir fliegen und verdrängen das Klima, wir kaufen billige T-Shirts und verdrängen, wo und wie sie hergestellt werden. Wir wollen nicht wahrnehmen, dass jedes Jahr etwa 400 000 Kinder an Malaria sterben. Wir wissen von der menschenverachtenden Armut ganzer Kontinente, von den heimatlosen Flüchtlingen, doch wir schauen weg. Wir alle sind Meister in diesem kollektiven Verdrängungsprozess, denn nur so lässt sich erklären, dass wir in einem Jahrhundert gleich zwei Weltkriege führten und inzwischen wieder zu Exportmeistern der Rüstungsindustrie aufgestiegen sind. Bald werden wir im Sonnenschein durch Fußgängerzonen schlendern und in den Schaufenstern nach Sonderangeboten suchen. Auf einem Ausverkaufstisch stapeln sich Restbestände: Masken zum Schnäppchenpreis, doch niemand greift zu.«

Soweit Ranga Yogeshwar - hoffen wir, dass sein Artikel vom 2. Mai Unrecht behält, nach­dem sich durch die Maskenpflicht und die kontrollierten Lockerungen die Infektionszahlen bislang nicht dramatisch erhöht haben. Aber dass wir für einen deutlich längeren Zeitraum Vorsicht walten lassen und in mancher Hinsicht neue Wege werden gehen müssen, damit das nicht geschieht, ist auch klar geworden.

Karin Klingbeil

NEUES AUS DEM ARCHIV

Eine Postkarte aus Wilhelma

Heimatforscher haben sich in den württembergischen Herkunftsorten der Templer immer wie­der mit der deren Geschichte und dem Schicksal der Ausgewanderten beschäftigt; in unserem Archiv finden sich entsprechende Veröffentlichungen, so auch aus dem Jahr 2009 in der Schriftenreihe des Vereins für Heimatgeschichte Sachsenheim. Zu dieser Gemeinde gehört heute nämlich auch der Teilort Hohenhaslach, aus dem Templerfamilien wie Grözinger, Jung, Löbert, Orth und Scheerle stammen.

Nun hat uns die Familienforscherin Birgit Arnold auf eine spätere Ergänzung dieses Beitrags aufmerksam gemacht. Der Heimatforscher Karl Heidinger schreibt darin, dass er bereits vor Jahren bei einer Postkartenmesse - wegen der Briefmarke! - eine Postkarte aus Palästina Eine Postkarte aus Wilhelmagekauft habe. Durch die o.g. Veröffentlichung habe er sich wieder an die Postkarte erinnert und zu seiner Überraschung entdeckt, dass sich darauf ehemalige Hohenhaslacher verewigt haben. Auf der Vorderseite ist eine kolorierte Ansicht von Jaffa »von den Gärten aus« zu sehen, außerdem einige Unterschriften. Auf der Rückseite trägt die Postkarte, die an eine »Julie Heindel« in Leipzig adressiert war, den Stempel »Tempel-Kolonie Jaffa« mit dem Zusatz »Hamidije-Wilhelma«. Die Postkarte wurde offenbar bei einem Ausflug beim Deutschen Post­amt Jaffa am 13. Juni 1905 eingeworfen und kam am 24. Juni 1905 vormittags in Leipzig an (unter Angabe der Zustellzeit!). Karl Heidinger vermutet, dass es sich bei der Empfängerin um eine Freundin von Gottliebin Scheerle gehandelt hat, denn die Lehrerfamilie Heindel hatte einige Jahre in Hohenhaslach gewohnt und Gottliebin Scheerle hatte auf der Postkarte als erste unterschrieben und einige Grußworte hinzugefügt. Insgesamt sind die Unterschriften von 19 Personen zu entziffern, vor allem von mehreren Angehörigen der Hohenhaslacher Familien Löbert und Scheerle; aber auch andere bekannte Namen aus Wilhelma tauchen auf, wie Richter, Hornung, Steller oder Sawatzky. Insgesamt eine nette Erinnerung an einen vermutlich unbeschwerten Ausflug von Wilhelma nach Jaffa im Jahre 1905.

Jörg Klingbeil (TGD-Archiv)

Künstlerische Lebensstationen

Horts Blaich - Selbstbildnis (1951)Schon seit langer Zeit kennen wir Horst Blaich als überaus en­gagierten Familienforscher, der sich zusammen mit seiner Ehe­frau Irene geb. Eppinger bereits des Öfteren auf die Spuren seiner Blaich-Vorfahren begeben hat. Ihr umfangreiches Fami­lienarchiv in der australischen Wahlheimat konnte nach einem Brand 2013 zum Glück weitgehend wieder hergestellt werden. Die zahlreichen familienkundlichen und historischen Abhandlun­gen, die er allein oder zusammen mit anderen verfasst hat, wa­ren stets ein wertvoller Beitrag für unsere Archivarbeit. Zuletzt ist sein inhaltsreiches Buch über die »Gerber- und Schuh­macher-Familie Katz« aus Altensteig (die Familie seiner Mutter) in der Warte (Heft Juni 2019) eingehend gewürdigt worden.

Horst Blaich - Mutter und Kind (Kohle 1952)Horst Blaich hat uns aber auch einen Einblick in sein künstlerisches Schaffen gewährt und uns sein stattliches Buch mit dem Titel »Creative Works« zugelei­tet. Es zeigt auf über 360 Seiten zahlrei­che Bilder in unterschiedlichen Mal- und Zeichentechniken. Daneben bietet es einen eindrucksvollen Überblick über wichtige Lebensstatio­nen des Autors; seine berufliche Entwicklung wird ebenso dargestellt wie seine Mitwirkung in der TSA, zunächst vor allem in der Jugend­gruppe, später in der Heritage Group. Horst wurde 1932 in Haifa gebo­ren und nach Kriegsausbruch in Waldheim interniert. 1942 gelangte er mit einem Austauschtransport nach Deutschland, wo er die Jugendjah­re in Malmsheim verbrachte. Früh begann er zu zeichnen und zu ma­len. Horst Blaich - Künstlerische LebensstationenAuch sein beruflicher Werdegang wies in eine künstlerische Richtung; in Stuttgart ab­solvierte er nach dem Krieg eine Lehre zum Lithographen bei einer renommierten Kunst­druckanstalt. 1951 reiste die Familie - zusammen mit anderen Temp­lerfamilien - nach Australien aus, wo Horst dank seiner soliden Aus­bildung alsbald eine Stelle bei einer Melbourner Druckerei antreten konnte, bei der er später - auch aufgrund seiner im Abendstudium erworbenen Zusatzqualifikationen - leitende Positionen einnahm und neuen Druckverfahren zum Durchbruch verhalf. 1956 wurde er einge­bürgert. Anfang der 1980er Jahre machte er sich als Unternehmens­berater mit dem Schwerpunkt Qualitätsmanagement selbständig. Zeit zum Malen und Zeichnen blieb nun offenbar weniger; dafür widmete er sich mit zunehmender Leidenschaft der Familienforschung und gab u.a. eine umfangreiche Genealogie der Familie Blaich für den Zeitraum 1578 - 2010 heraus. Die Auflistung seiner Werke würde den Rahmen dieser Würdigung sprengen; statt vieler Worte zeigen wir hier lieber ein paar eindrucksvolle Kostproben seines in dem Buch verewigten Könnens, wobei wir uns auf Schwarzweißbilder beschränkt haben. Wir sind Horst dankbar, dass er auch uns immer wieder mit seinen Publikationen bedenkt, und wünschen ihm weiterhin eine ungebro­chene Schaffenskraft.

Jörg Klingbeil (TGD-Archiv)

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