Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 174/6 - Juni 2018

 

 

Gott neu denken - Michael Schrom

Wer Ohren hat zu hören, der höre! - Jörg Klingbeil

Hingabe an die beseelte Welt - Otto Betz

Wir hätten Strauß gewählt - Brigitte Hoffmann

Christoph Hoffmanns letzter Besuch von Korntal 1868 - Peter Lange

Gott neu denken

Kann sich der Glaube mit den Naturwissenschaften aussöhnen? Wie neue philosophische An­sätze das gegenseitige Misstrauen durchbrechen könnten.

Als Niko in die fünfte Klasse ging, sollte er im Religionsunterricht eine Bildergeschichte malen, wie er sich den Ursprung der Welt vorstelle. Niko malte einen hellen Kreis inmitten einer dunk­len Fläche, er zeichnete den Mond in der Nacht und die Sonne am Tag, malte Meer und Him­mel und schließlich Engelszwerge, die auf der Erde Bäume pflanzten. Ganz ähnlich wie es im biblischen Schöpfungsmythos beschrieben wird.

In der siebten Klasse wurde ihm dieselbe Aufgabe noch einmal gestellt. Nun gibt es auf seiner Zeichnung keine Gliederung nach Tagen mehr, sondern nach Jahrmillionen. Es tauchen Dinosaurier auf und irgendwann ein nackter Mensch. Im Religionsunterricht hat Niko mittler­weile gelernt, dass die Bibel nicht wörtlich zu nehmen ist. Er versucht daher, den Glauben an den Schöpfergott irgendwie mit der Evolutionslehre zu verbinden und kommentiert seine Zeichnung mit dem Satz: »Vielleicht hat Gott ja den Urknall erschaffen.« Wieder zwei Jahre später - Niko ist mittlerweile in der neunten Klasse - zeigt sich eine noch deutlichere Verschiebung hin zu einem naturalistischen Weltbild, das ohne Gott auskommt...

Michael Schrom, Theologe und Leiter des Ressorts Religion und Kirchen, Publik-Forum

 

Dieser Artikel ist für die Internetausgabe der »Warte« leider nicht freigegeben. Lesen Sie den vollständigen Artikel in der gedruckten Ausgabe der »Warte« oder in »Publik-Forum«, kri­tisch - christlich - unabhängig, Oberursel, Ausgabe 1/2018, Seite 26.

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Das Gleichnis vom Sämann (Mk 4, 1-20)

Jesus ist kein Theologe und kein Dogmatiker, der seinen Zuhörern in sich schlüssige, aber komplizierte theoretische Gedankengebäude vorsetzt. Nein, er ist ein begnadeter Lehrer für die einfachen Leute, auch für die, die in der Gesellschaft seiner Zeit eher am Rande stehen, die Tagelöhner, die Entrechteten und Ausgegrenzten. Und er wendet sich seinen Zuhörern immer wieder auf eine Weise und in einer Sprache zu, die sie verstehen können, mit handfesten Geschichten, die sie auf ihre eigene Lebenswirklichkeit beziehen und bei denen sie unmittelbar spüren können: Das geht mich an, damit bin ich gemeint.

Das erreicht er häufig durch Gleichnisse, durch anschauliche Geschichten. Kein Ereignis des Alltags erscheint ihm zu gering, als dass er es nicht mit seiner bildhaften Sprache für seine Botschaft gebrauchen kann, so auch das Gleichnis vom Sämann, dem die Überschrift entnommen ist. Darin geht es bekanntlich darum, dass nur ein Teil des ausgestreuten Saatguts auf fruchtbaren Boden fällt und reichlich Frucht bringt; ein Großteil verdirbt dagegen, weil es auf unfruchtbares Terrain fällt oder von den Vögeln gefressen wird. Für seine bäuerliche Zuhörerschaft am See Genezareth eigentlich eine vertraute Situation. Aber offenbar sind seine Zuhörer doch nicht in der Lage, die verklausulierte Botschaft der Geschichte zu verstehen, denn die in seiner unmittelbaren Nähe Stehenden - auch seine ständigen Begleiter - fragen Jesus nach der Bedeutung des Gesagten. Daraufhin erwidert er: »Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben; denen draußen aber widerfährt es alles in Gleichnissen, auf dass sie mit sehenden Augen sehen und doch nicht erkennen und mit hörenden Ohren hören und doch nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.«

Und er erklärt ihnen das Gleichnis, erläutert, dass mit dem Saatgut das Wort Gottes gemeint sei, das von den Zuhörern eben unterschiedlich aufgenommen werde. Gehört werde es von allen, aber nur von wenigen verinnerlicht; einige ließen sich ablenken von den Sorgen dieser Welt oder von trügerischem Reichtum, andere nähmen es zwar mit Freude auf, gäben ihm aber keine Chance Wurzeln zu schlagen. Auch in Bezug auf seine Zuhörer scheint Jesus also zu differenzieren: Da gibt es diejenigen, die seine zentrale Botschaft vom Reich Gottes begriffen haben. Und da gibt es die anderen, die die Gleichnisse genauso hören, aber ihre Bedeutung nicht verstehen.

Insofern reicht eben nicht nur »hören«, sondern »genau hinhören« oder noch besser »ver­stehen«.

Jörg Klingbeil

Hingabe an die beseelte Welt

Pierre Teilhard de Chardin dachte Evolutionstheorie und christliche Heilslehre zusammen. Erinnerung an einen, der seiner Zeit voraus war.

Als der Jesuit Pierre Teilhard de Chardin 1921 am Institut catholique in Paris eine Professur für Geologie übernahm, war ihm klar, wie gefährdet er war. Zwar lehrte er Geologie, doch musste er immer wieder auch zu theologischen Fragen Stellung nehmen. Und die traditionellen Begriffe von Schöpfung, Wunder, Erbsünde, Auferstehung konnte er als Naturwissenschaftler nur mit Mühe akzeptieren. »Es ist an der Zeit, dass wir erkennen, dass jegliche zufrieden­stellende Interpretation des Universums ... sowohl die Innen- als auch die Außenseite der Dinge umfassen muss - sowohl Geist als auch Materie.« Weil er nicht hinnehmen wollte, dass die Kirche die Masse der Gläubigen dem Aberglauben überließ, rang er um neue Begriffe, um eine Alternative zum anthropomorphen Bild eines Schöpfergottes, der den Menschen und alle Dinge formt wie an der Töpferscheibe. Stattdessen stellte Teilhard die These auf, dass »Gott die Dinge weniger ›schafft‹, als dass er sie sich schaffen lässt«. Ihm war klar, dass ihm dies den Ruf eines Häretikers und Pantheisten einbringen würden. Und so geschah es. Seine Professur konnte er nicht lange ausüben. Er verließ Frankreich, um an geologischen und bota­nischen Expeditionen teilzunehmen.

Während seiner 23-jährigen Forschungen in China reifte in ihm die Zusammenschau einer neuen christlichen Weltsicht, einer Verbindung von Evolutionstheorie und Heilsgeschichte. Seine Manuskripte häuften sich in Rom, aber an ihre Publikation war nicht zu denken. Diese »Häresie oder Faselei« sei »den Gläubigen nicht zumutbar«, urteilten seine Ordensoberen...

Otto Betz

 

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Wir hätten Strauß gewählt

Im Frühjahr 1848 wurde Christoph Hoffmann in die Nationalversammlung gewählt. Zur Erinne­rung an dieses Ereignis vor 170 Jahren drucken wir nochmals die Auseinandersetzung von Brigitte Hoffmann mit der Grundidee der Tempelgesellschaft damals und heute ab:

Wir erinnern uns in diesem Jahr an die Gemeinde auf dem Kirschenhardthof, wo im April 1856 die ersten Templerfamilien einzogen. Es ist das innere Gründungsdatum der neuen Bewe­gung, das äußere 1861 war nur die Reaktion auf den Ausschluss aus der evangelischen Kirche.

Jubiläumsfeiern dienen der Vergewisserung der eigenen Identität, der Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln, und insofern haben sie ihren guten Sinn, denn jede Gemeinschaft lebt auch aus ihrer Tradition. Trotzdem sind sie mir immer ein wenig suspekt, denn die Tatsache, dass man diese Tradition feiert, gibt eine Richtung vor: man erinnert an ihre guten Seiten oder an das, was man heute dafür hält, und das aus heutiger Sicht weniger Gute oder Unpassende bleibt außen vor. Ich möchte diese Feier-Tradition heute ein wenig gegen den Strich bürsten.

Die Auseinandersetzung zwischen Pietisten und Liberalen

Der Anstoß dafür war für mich das Thema unseres Wochenendseminars (2006): Christoph Hoffmann und David Friedrich Strauß. Die Beiden kandidierten im Wahlkreis Ludwigsburg gegeneinander bei der Wahl von 1848 für eine deutsche Nationalversammlung in Frankfurt, die für den neu zu schaffenden deutschen Nationalstaat eine Verfassung erarbeiten sollte. Beide waren, ohne eigenes Zutun, zu Kandidaten und Galionsfiguren einer »Partei« erhoben worden, Hoffmann für die Pietisten, Strauß für die - politisch und religiös - Liberalen. Die Ludwigsburger Bürger - Kaufleute, Beamte - wählten Strauß, die Dörfer des Umlandes - die Überzahl des Wahlvolks - Hoffmann, der damit die Wahl gewann. Bei der Beschäftigung mit der Materie bestätigte sich mein »Verdacht«, dass wir heutigen Templer Strauß gewählt hätten und nicht Hoffmann, gleich in mehrfacher Hinsicht:

Strauß war, seit dem Erscheinen seines Buches »Das Leben Jesu, kritisch betrachtet« 1835, der führende Vertreter einer wissenschaftlich fundierten kritischen Betrachtung der biblischen Texte und war zu dem Schluss gekommen, dass die Evangelien keine zuverlässigen historischen Berichte seien. Paulskirche 1848,
 Quelle: WikipediaHoffmann hinge­gen geht davon aus, dass die gesamte Heilige Schrift vom Geist Gottes inspiriert und göttliche Wahrheit sei.

Strauß sieht klar und sagt deutlich, dass religiöser Streit irre­levant ist bei der Wahl in ein Gremium, das politische Proble­me lösen soll, und er legt ein klares politisches Programm vor, was Hoffmann nicht getan hat.

Hoffmann trennt nicht zwischen Politik und Religion. Für ihn ist der Staat christliche Obrigkeit, die dafür verantwortlich ist und dafür sorgt, dass die gesamte Gesellschaft christlich denkt beziehungsweise glaubt und nach christlichen Grund­sätzen handelt. Beispiel: er hält es für untragbar, dass Theo­logen und andere, die mit Hilfe der Steuergelder von Chris­ten ausgebildet werden, nachher für unchristliche Positionen eintreten, beziehungsweise für solche, die er für unchristlich hält. Strauß hingegen plädiert für einen religiös neutralen Staat, in dem Kirchenmitglieder und Sektenanhänger, Chris­ten und Juden und Atheisten in jeder Hinsicht die gleichen Rechte haben. Die historische wie die theologische Entwicklung haben in den meisten Punkten Strauß recht gegeben.

Nun wissen wir, dass Hoffmann später seine Haltung in manchen Punkten geändert hat, keineswegs in allen. Schon in der Nationalversammlung in Frankfurt trat er für eine Trennung von Kirche und Staat ein - nachdem er erkannt hatte, dass der Staat, der hier geschaffen werden sollte, kein christlicher in seinem Sinne sein würde - keiner, dessen erste Priorität eine neue Christianisierung der Gesellschaft war.

Hoffmanns neue Zielsetzung

Daraus resultiert seine neue Zielsetzung: die Schaffung neuer, im wahren Sinne christlicher Gemeinden, in denen das verwirklicht würde, was seiner Ansicht nach der Hauptinhalt der Botschaft Jesu war und was Kirche und Staat nicht verwirklichen konnten oder wollten: Gottesherrschaft auf Erden. Und das nicht in kleinen, mehr oder weniger sich selbst genü­genden Enklaven wie Korntal, sondern in Jerusalem, weil die Propheten des Alten Testaments geweissagt hatten, dass Gott von dort seine Herrschaft aufrichten werde.

Ich denke, es war letztlich dieser vermessene Anspruch, der zum Bruch führte mit dem allgemeinen Pietismus, mit der Kirche, mit vielen von Hoffmanns engsten Freunden - ein Bruch, der umso schmerzlicher war, als er oft mitten durch die Familien ging.

Und gleichzeitig war es wohl gerade dieser vermessene Glaube, der der Bewegung der Jerusalemsfreunde - der für uns befremdliche Name war Programm - in dem Jahrzehnt bis zur Auswanderung gegen 10 000 Mitglieder einbrachte. Hier war für diejenigen, die ihren Glauben ernst nahmen, eine Möglichkeit, ihn nicht nur zu hören und zu verinnerlichen, sondern ihn zu leben, nicht nur in einem Alltag, der sich von dem der Nachbarn nur wenig unterschied, sondern in einer großen Tat, an die man seine ganze Existenz setzte, einer Tat für das höchste aller Ziele: dem großen Heilsplan Gottes für die Menschheit zum Durchbruch zu verhelfen.

Darum war die Gemeinde auf dem Kirschenhardthof so wichtig. Sie sollte der Anstoß sein für die Sammlung der Mitstreiter und die Basis für die Organisation der Auswanderung, aber sie war mehr als das: das Symbol und das konkrete Beispiel für die Unbedingtheit der eigenen Überzeugung und der eigenen Einsatzbereitschaft für diese Überzeugung. Einer der Siedler sagte damals: »Ich danke meinem Gott, dass er mich hierher geführt hat, in eine Gemeinde, in der die höchsten und schönsten Ziele der Menschheit angestrebt werden.«

Eine Kette von Irrtümern

Die Geschichte des Siedlungswerks in Palästina wird im Allgemeinen betrachtet als eine Geschichte der Glaubensgewissheit, die Berge versetzt. Das ist sie auch. Aber sie ist auch eine Geschichte der Unduldsamkeit, wie sie sich leicht mit der Glaubensgewissheit verbindet. Und sie ist die Geschichte einer Kette von Irrtümern.

Ein Irrtum war schon die Grundlage der Unternehmung: Hoffmanns unbeirrbarer Glaube an die direkte göttliche Inspiration der Bibel, vor allem des Neuen Testaments und der Reich-Gottes-Visionen der Propheten, die er wörtlich und als Handlungsanweisung verstand: als einen Aufruf zur Sammlung des Volkes Gottes und zur Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden. Das war seine Wahrheit, und alle, die sie nicht akzeptierten, waren für ihn Feinde Christi, Diener des Bösen, die es zu bekämpfen galt.

Irrtümer waren die neuen - auf der Johannes-Offenbarung fußenden - Interpretationen des Weltgeschehens als Zeichen des nahenden Weltendes (»die siebte Posaune«, »das Tier aus dem Abgrund«, »die Hure Babylon«). Die Welt bestand weiter und war nicht wesentlich besser oder schlechter als zuvor. Wichtiger war etwas anderes. Grundlegend für das Unternehmen war Hoffmanns Annahme, dass, wenn man diejenigen, die an das Reich Gottes glaubten, das Volk Gottes, zusammenbrächte, damit wahre christliche Gemeinden entstehen würden, Keim­zellen für ein wachsendes Reich Gottes. Die Gemeinde auf dem Kirschenhardthof sollte das konkrete Beispiel dafür sein.

Nüchtern betrachtet, erwies sie sich eher als Gegenbeispiel. Nicht wegen der harten Lebensbedingungen - die wurden als notwendige göttliche Prüfung willig getragen -, sondern weil die sechziger Jahre erfüllt waren von Spannungen und Auseinandersetzungen, die zum Teil mit unschönen Mitteln ausgetragen wurden. Die schwerwiegendste war der Streit um die Geistesgaben - Prophetie, Geistheilung, Dämonenaustreibung.

Hardegg hielt sie quasi für das Eintrittsbillett in das Reich Gottes und wollte alle Mittel auf ihren Erwerb konzentrieren. Mitglieder, die sich dem widersetzten, wurden angegriffen und herabgewürdigt. Als Hoffmann einen Betrug auf diesem Gebiet aufdeckte, war das Thema für den Moment erledigt. Der Grund war wohl, dass gleichzeitig der Beginn der Auswanderung anstand und man sich einen Streit unter den Führern nicht leisten konnte, sondern alle Kräfte auf das große Ziel konzentrieren wollte. Dass beide Seiten die Selbstüberwindung, die dazu gehörte, aufgebracht haben, zeigt, wie ernst sie ihr großes Ziel nahmen.

Ich weiß, dass ich ein zu negatives Bild gezeichnet habe, indem ich Irrtümer und negative Aspekte herausgestellt habe. Man müsste daneben die großartigen Leistungen stellen, die die gleichen Menschen auf dem Kirschenhardthof und später in Palästina vollbracht haben. Aber das haben wir schon oft getan, und wir verfälschen das Bild, wenn wir immer nur das Positive herausstellen. Wenn wir auch die Schattenseiten sehen, wird es lebendiger und sagt uns mehr.

Richtungsänderungen

Auch wenn die Gruppe der ersten Templer von teilweise falschen Voraussetzungen ausge­gangen ist: sie haben etwas Gutes geschaffen, etwas, das außer ihnen niemand für möglich gehalten hatte. Dass es möglich wurde, hat viel mit ihrer Glaubensgewissheit zu tun, die ihnen den Mut gab zum Einsatz ihrer ganzen Existenz und die Kraft, alle Schwierigkeiten zu überwinden, aber auch damit, dass sie und ihre Nachfolger immer wieder die Nüchternheit aufbrachten, Haltungen, die sich als falsch erwiesen, aufzugeben - manchmal stillschweigend, manchmal in offener Wende.

Das war so, als die Hardegg’sche Konzeption der Verfolgung der Geistesgaben verworfen wurde, was - neben anderem - zum Austritt Hardeggs und eines Drittels der Haifaner Templer führte; ebenso, als Hoffmann 1877 fast das ganze kirchliche Dogma verwarf (das er in der Gründungszeit noch voll akzeptiert hatte), weil es nicht biblisch sei, dem gesunden Menschen­verstand und dem Gottesverständnis Jesu widerspreche und dem Trachten nach dem Reich Gottes eher hinderlich sei, was den Austritt weiterer Mitglieder zur Folge hatte; oder als 1893 Christoph Hoffmann II aus seiner Erkenntnis, dass die bisherige Finanzierung nur aus freiwil­ligen Spenden nicht ausreichte und eine vernünftige Finanzplanung unmöglich machte, die Konsequenz zog, eine Tempelsteuer zu erheben. Das trug ihm den Vorwurf mangelnden Gottvertrauens ein, und eine weitere Gruppe spaltete sich ab - machte allerdings diesen Schritt einige Jahre später wieder rückgängig.

Schon der Gründer selbst war von der selbstherrlichen Gewissheit seiner Anfangsjahre abgerückt, dass er den Heilsplan Gottes mit der Menschheit richtig deuten und in Ausführung bringen könne. In »Okzident und Orient« 1875 heißt es deutlich bescheidener: »Da wir nicht in die Ratschlüsse des Allmächtigen zu blicken vermögen, so sind wir auf den Fall gefasst, dass unsere Kräfte und Mittel sich erschöpfen und dass also unsere Unternehmung scheitern sollte. Wir würden auch dann unsere Schritte nicht zu bereuen haben, weil sie in Richtung auf das, was Gott will, getan sind und dass alsdann auch das, was wir getan und gelitten haben, wie klein es auch im Verhältnis zu den Geschicken der ganzen Menschheit sein mag, dennoch nicht wirkungslos und nicht verloren sein wird.«

Das können wir auch heute noch unterschreiben - auch wenn wir heute vieles anders sehen als die Gründer. Ihre Unternehmung war nicht die große Heilstat, als die sie selbst sie sahen. Ihre Geschichte ist eine durchwachsene, in der Gutes und - aus unserer Sicht - Negatives eng ineinander verwoben sind. Trotzdem, oder gerade deshalb, können sie uns auch heute noch Vorbild sein. Nicht in ihrer Glaubensgewissheit. Die haben wir nicht mehr, die kann man nicht lernen, und es ist fraglich, ob man danach streben sollte. Aber in ihrer unbedingten Einsatz­bereitschaft und in ihrer Bereitschaft, Irrtümer zu erkennen, zuzugeben und zu korrigieren und dabei doch festzuhalten an dem einen großen Ziel: dem Trachten nach dem Reich Gottes.

Das war die Grundidee der Tempelgesellschaft, und sie ist es geblieben, auch wenn wir sie heute anders interpretieren als die Gründer. Wir glauben nicht mehr wie sie, dass Reich Gottes sich weltweit verwirklichen lässt als ein Zustand ewiger Harmonie, und erst recht nicht, dass wir einen Weg dorthin wüssten. Wir können das Wirken Gottes in der Geschichte nicht deuten. Aber wir geben noch immer Christoph Hoffmann recht, wenn er im Streben danach einen immer neuen göttlichen Auftrag an uns und an alle Menschen sieht: das Bemühen, mit unseren begrenzten Kräften, an unserem begrenzten Platz, beizutragen zu dem, was er als Vervollkommnung der Welt und des Menschen bezeichnete.

Brigitte Hoffmann bei der Tempelgründungsfeier in Stuttgart am 25. Juni 2006

WISSENSWERTES ÜBER DEN TEMPELGRÜNDER - ENDGÜLTIGER ABSCHIED VOR 150 JAHREN

Christoph Hoffmanns letzter Besuch von Korntal 1868

Im Alter von vier Jahren war Christoph Hoffmann 1819 mit seinen Eltern und Geschwistern in die neugegründete Brüdergemeinde nach Korntal gekommen, hatte seine Knabenjahre in der dortigen Schule verbracht, war vertraut gemacht worden mit den religiösen Idealen dieser Gemeinschaft und erlebte im Gasthaus des Vaters ein praktisch gelebtes Christentum, das er später als seine Vorstellung von »Reich Gottes« bezeichnete.

Dann folgten die Jahre seines Gymnasium-Besuchs in Stuttgart und das Studium der Theo­logie in Tübingen, später seine praktische Tätigkeit in Stetten und die Lehrertätigkeit im Tübinger Stift und in der Salon-Schule der Gebrüder Paulus. Dazwischen wirkte er als Abge­ordneter in der Frankfurter Nationalversammlung und als Missions-Redner des Evangelischen Vereins, zuletzt als Inspektor an der Pilgermission Sankt Chrischona in Riehen bei Basel. Dann begann seine Begeisterung für die Idee einer »Gesellschaft zur Sammlung des Volkes Gottes in Jerusalem« und die Sammlung der Gesinnungsfreunde in der Probegemeinde Kir­schenhardthof.

Ehe er dann mit seiner Familie und der Familie seines Freundes Georg David Hardegg den Entschluss fasste, 1868 als Vorhut weiterer Jerusalemsfreunde nach Palästina zu ziehen, erinnerte er sich seines Aufwachsens und Erlebens in Korntal und wollte auch dort einen letzten Besuch abstatten. Wie dieser Besuch verlaufen ist, schildert die »Süddeutsche Warte« in lebendiger Weise im Jahrgang 1868 auf Seite 135 mit den folgenden Worten:

»Wem gilt wohl dieser Besuch, wird der Leser fragen? Lebt etwa noch einer jener Alten, welche mit dem Vater Hoffmann auf die Verheißung warteten? Nein! Sie sind alle gestorben, und unter den Jungen des nachwachsenden Geschlechts ist keiner zu finden, der an die Weissagung glaubt; Christoph Hoffmann weiß keinen Menschen in Korntal, der mit ihm seine Hoffnung teilte. Sie haben ja dem würdigen Sohn des weissagungsgläubigen Vaters, des Gründers der Gemeinde Korntal, vor 12 Jahren durch einen Gemeinderatsbeschluss den Aufenthaltsort in seiner Vaterstadt verweigert, als er aus der Schweiz zurückkehrte, um das Werk weiterzuführen, das sein Vater in Korntal angefangen hatte.

So will er denn vielleicht das Haus noch einmal betreten, wo er als Knabe jahrelang aus- und eingegangen und sein Vater, ungebrochen in seinem Glauben, gestorben ist? Nein, er geht vorüber. Oder will er die Räume des Schulgebäudes noch einmal sehen, wo er seinen Homer mit jugendlicher Begeisterung gelesen? Auch nicht, er geht vorüber; statt eines Kullens wohnt jetzt ein Völter darin. In der Richtung nach dem Friedhof durchwandelt er mit seiner Familie die Gassen des Ortes, ohne sich umzuschauen, bis er am anderen Ende wieder hinaustritt, denn er will die Gräber besuchen. Siehe, hier hält er stille, am Grab des Vaters, seiner Mutter, seiner Geschwister, an den Gräbern der Alten, an den Gräbern des Pfarrers Friederich, Kullens, Adam Straubs hält er. Mit diesem älteren Geschlecht fühlt er sich noch verbunden, von ihren Gebeinen nimmt er Abschied, verborgen, ohne dass die Lebenden es bemerken.

Doch nein, es ist noch ein Alter übrig; er kommt auf verdecktem Wege an den friedlichen Ort, denn öffentlich wäre es nicht ratsam gewesen der Nachreden halber. Der Alte mit silber­weißem Haar tritt freundlich herzu und drückt dem Sohn des verehrten Vaters die Hand und widmet dem Scheidenden eine Träne der Freundschaft. Weiter hat Christoph Hoffmann in Korntal nichts zu tun, und, nachdem er noch im Haus eines Verwandten eingesprochen und einige Erfrischung genossen, verlässt er seine Vaterstadt wieder. Keiner der alten Bekannten, die vormals mit ihm in die Schule gewandert waren, lässt sich sehen, und auch er sieht sich nach keinem um.

Nach einem Aufenthalt von nicht mal zwei Stunden eilt er mit seiner Familie wieder der Eisenbahn zu. So ist Hoffmann von Korntal geschieden, von dem Ort, der von seinem Vater im Geist der Weissagung gegründet wurde, nun aber, nachdem die Väter entschlafen sind, wieder zu der nüchternen Anschauung des Herrn Prälaten Kapff zurückgekehrt ist.«

Peter Lange, TGD-Archiv

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