Treffpunkt - Gemeinde aktuell

Jahresrückblick 2011

Freitagabendtreff - Facebook, Twitter und Co. (25. Februar)

Das Ende der Privatsphäre?

Wer bisher noch gar nichts oder wenig über Soziale Netzwerke wusste, der bekam beim letzten Freitagabendtreff im Februar einen fundierten Einblick aus erster Hand.

Claudia Mutschlechner, die privat wie beruflich viel in Sozialen Netzwerken unterwegs ist, referierte vor rund 25 Zuhörern nicht nur abstrakt und theoretisch über das Thema, sondern führte mit Hilfe einer Online-Verbindung ins Internet auch live in die Geheimnisse vor allem von Facebook ein, das mit über 600 Mio. Nutzern weltweit das verbreitetste Netzwerk darstellt. Dank deshalb auch an Jörg Struve, der eine provisorische Leitung zwischen Saal und Verwaltungsbüro hergestellt hatte.

Soziale Netzwerke verkörpern die zweite Generation des Internet, die mittlerweile als WEB 2.0 bezeichnet wird. Im Unterschied zur ersten Entwicklungsphase, die den Nutzern vorwiegend als »Einbahnstraße« zur Informationsbeschaffung und zum E-Mail-Versand diente, lebt das Web 2.0 vom Mitmachen und wird durch die Nutzer selbst gestaltet. Typisch hierfür ist die Internet-Enzyklopädie  Wikipedia, die quasi den geballten Sachverstand ihrer zahllosen Redakteure abbildet und mittlerweile - wie Claudia am Artikel über die Tempel­gesellschaft belegte - eine erstaunlich hohe Qualität aufweist.

Typisch für das interaktive Internet sind auch sog. Bewertungsportale oder Empfehlungs­plattformen, auf denen Nutzer ihre Erfahrungen, sei es mit dem Hotel am Urlaubsort (z.B. auf  HolidayCheck), sei es mit den eigenen Lehrern an der Schule (z.B. bei  spickmich), preisgeben und damit zur Meinungsbildung anderer Nutzer beitragen können. Weit verbreitet sind auch Internetplattformen zum Hochladen (und damit Verbreiten) von Fotos (wie  Flickr) oder Filmen (wie  YouTube). Hilfreich sind auch sog. Bookmarks, also Lesezeichen, mit deren Hilfe man sich bestimmte Internetseiten merken kann, denn wie oft passiert es in der Tat, dass man sich an eine interessante Internethomepage nicht mehr erinnert.  Facebook und andere Soziale Netzwerke wie die in Deutschland weit verbreiteten Seiten  Schüler-VZStudi-VZMein-VZ oder  Xing wiederum leben von der Herstellung von Kontakten und von dem Teilhabenlassen am eigenen Leben. Claudia verglich das, was zum Beispiel Facebook dem neuen Nutzer zunächst bietet, mit einem leeren Blatt, das sich in dem Maße füllt, wie man eigene Informationsinhalte einstellt und zulässt, dass andere Nutzer diese einsehen können. Parallel dazu wachsen nämlich auch die Kontakte und Einblicke in die Facebook-Konten anderer (auch der »Freunde« der »Freunde«), was einer gewissen voyeuristischen Neugier entgegenkommt. Claudia machte deutlich, dass man die Nutzereinstellungen daher sehr sorgfältig vornehmen sollte und sich nicht von dem bei Facebook für Kontakte geläufigen Begriff »Freunde« irritieren lassen darf. So sollte man sich vorher genau überlegen (und entsprechende Privatsphäreeinstellungen wählen), ob es um das Offenbaren höchst­persönlicher Erlebnisse (z.B. Fotos einer feucht-fröhlichen Party) für einen engen Kreis »echter« Freunde oder um die bewusste Werbung mit beruflichen Qualifikationen (z.B. in einem »Karrierenetzwerk« wie Xing) gehen soll. Facebook sollte man zum Beispiel auch nicht erlauben, die Kontaktadressen aus dem eigenen elektronischen Adressbuch (z.B. in Outlook) herauszuziehen. Andernfalls kann es nämlich passieren, dass der eigene Chef oder irgendwelche Geschäftspartner (die vermutlich im Outlook-Adressbuch stehen) von Facebook gefragt werden, ob sie dein »Freund« sein wollen.

Ärgerlich ist auch, dass die Grundeinstellungen bei Facebook sehr großzügig sind, so dass andere zunächst grundsätzlich alles sehen können und der Nutzer selbst die gewünschten Einschränkungen vornehmen muss (sog. opt-out-Lösung); besser wäre es, wenn die Grundeinstellungen von vornherein auf Datensparsamkeit angelegt wären und sich der Nutzer bewusst für die Preisgabe von mehr Daten entscheiden muss (sog. opt-in-Lösung). Claudia berichtete auch, dass mehr als die Hälfte der Facebook-Nutzer den Dienst täglich aufsuchen (allein in Deutschland rund 8 Mio. Personen) und viel Zeit dort verbringen (was eher ein generelles Problem des Medienkonsums ist). Da Facebook mittlerweile eine Suchmaschine (Bing von Microsoft), einen E-Mail-Dienst, Bewertungsportale und nicht zuletzt beliebte Online-Spiele wie Farmville integriert hat, hat sich dieses Netzwerk immer mehr zum »Internet im Internet« oder zur »Spinne im Internet« (FAZ vom 8. März 2011) entwickelt und den Kampf mit Google um die Vorherrschaft im Netz aufgenommen. In den USA finden bereits 27 % des Internetverkehrs über Facebook statt. Man mag sich zunächst fragen, warum ein Soziales Netzwerk wie Facebook, das es erst seit wenigen Jahren gibt, nach Meinung von Analysten mehr als 50 Mrd. Dollar wert sein soll. Der Wert steckt in den Daten, mit denen die Nutzer den Dienst füttern: Netzwerke wie Facebook, aber auch Suchmaschinen wie Google, merken sich nämlich die Vorlieben und Suchanfragen der Nutzer und zeigen bei der nächsten Anmeldung dem Nutzer die passende Werbung am Seitenrand. Das vermindert den Streuverlust für den Anbieter und steigert den Wert des Netzwerks oder der Suchmaschine enorm. Wenn man weiß, was bei einem Adresshändler ein einziger Adressensatz mit detaillierten Angaben über einen potentiellen Kunden kostet, kann man sich leicht ausrechnen, warum Facebook und Google ihre Dienste kostenlos anbieten können. Bei Sozialen Netzwerken kommt aber noch etwas anderes hinzu: Auf immer mehr Internetseiten ist der »gefällt-mir«-Button von Facebook zu sehen. Wenn jemand hierauf klickt, dann teilt Facebook nämlich den »Freunden« des Betreffenden mit, was diesem gerade gefällt. Ähnliches ist auch über Bewertungs- oder Shopping-Portale auf der Nutzerseite selbst möglich. Diese »Empfehlungen« durch einen Bekannten (dem man in der Regel vertraut) sind für die Werbeindustrie natürlich allemal zielgenauer und daher wertvoller als Plakate oder Werbespots im Fernsehen. Kein Wunder, dass sich jeden Tag 10.000 neue Internet-Seiten mit Facebook verbinden und dass sich diesem Sogeffekt immer weniger Firmen entziehen können.

Wir dürfen uns bei Claudia für einen hochinteressanten Abend herzlich bedanken; wer die von ihr gezeigten Folien noch einmal anschauen will, kann sie bei der Verwaltung anfordern. Die Live-Demonstration im Internet können wir natürlich nicht nachliefern, aber ich denke, Claudia steht für entsprechende Nachfragen zur Verfügung, zum Beispiel wenn es um die erste eigene Bekanntschaft mit einem Sozialen Netzwerk geht.

Jörg Klingbeil

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