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Forschungsarbeit aus und über Waldheim

Bei der letztjährigen Israelreise haben wir auch die frühere Siedlung Waldheim in Galiläa (heute: Alonei Abba) besucht und dabei Ayelet Drach getroffen, die ebenso wie wir wenige Tage zuvor an der Tagung in Haifa teilgenommen hatte und schon früher mit unserem Archiv in Kontakt getreten war (vgl. »Warte«, Juli/August 2017). Ayelet ist in Alonei Abba aufge­wachsen; ihre Familie bewohnt ein Haus auf dem Gelände der früheren Sus-Farm. Sie hat am College für das westliche Galiläa »Conservation Studies« studiert und 2016 bei Prof. Amir Freundlich ihre Abschlussarbeit über die Milchproduktion im Ort und auf der Sus-Farm ge­schrieben, die uns in einer englischen und in einer deutschen Übersetzung vorliegt. Darin wird zunächst die Entstehung der Siedlung geschildert, die von wieder zur Evangelischen Kirche zurückgekehrten ehemaligen Templern (»Kirchlern«) 1907 gegründet wurde. Wie bei der be­nachbarten Templersiedlung Betlehem lag hier der Schwerpunkt auf der Landwirtschaft. Der Planung gingen eingehende Untersuchungen der örtlichen Verhältnisse unter Berücksichti­gung der Erfahrungen in den älteren Siedlungen voraus. Forschungsarbeit aus und über WaldheimBei der Standortwahl spielte zum Bei­spiel eine wesentliche Rolle, dass die neuen Sied­lungen nicht weit von dem fruchtbaren Schwemm­land der Jesreel-Ebene, aber trotzdem weit genug davon entfernt liegen sollten, um nicht vom Sumpf­fieber betroffen zu werden, das dort 1867 zum Scheitern des ersten Siedlungsversuchs geführt hatte. Dennoch blieb auch Waldheim von Malaria nicht verschont.

Hier wie in den anderen landwirtschaftlichen Ko­lonien stand die Milchwirtschaft im Mittelpunkt; durch den ertragreichen Getreide- und Grünfutter­anbau war eine unabhängige Futtermittelproduktion für das Nutzvieh gesichert, so dass das Vieh überwiegend im Stall gehalten wurde. Bis zum Ersten Weltkrieg entwickelten sich die beiden Landwirtschaftskolonien in Galiläa nur schlep­pend; erst nach Kriegsende und der Rückkehr der Männer vom Kriegseinsatz ging es ab etwa 1920 mit den Landwirtschaftsbetrieben spürbar aufwärts.

Die Familie Sus kam nach Waldheim erst 1922, konnte aber für ihre Milchwirtschaft auf den bis dahin erreichten Errungenschaften aufbauen. Einerseits war jeder Hof eine eigenständige landwirtschaftliche Einheit, andererseits wurden die Landwirte in ihrer Arbeit durch Gemein­schaftseinrichtungen unterstützt, die sich um öffentliche Belange und die Organisation küm­merten. So hatten die Kolonisten auch eine Genossenschaft gegründet, die einen Laden und die Molkerei betrieb. Hauptabsatzorte waren Nazareth und Haifa. Während ab 1923 die Marktpreise für Weizen verfielen, steigerten die Farmen ihre Milch- und Fleischproduktion, wobei sie sich vor allem durch eine erfolgreiche Mischwirtschaft, also auch eine ertragreiche Futtermittelproduktion auszeichneten. Forschungsarbeit aus und über Waldheim1935 betrug die bewirtschaftete Fläche der Kolonie Waldheim umgerechnet knapp 500 Hektar, wobei der angren­zende Eichenwald im Frühjahr ebenfalls einen guten Weidegrund abgab. In den Ställen standen zu dieser Zeit 153 Milchkühe.

In ihrer Arbeit beschreibt Ayelet Drach viele Einzelheiten über die Struktur und die Bauweise der landwirtschaftlichen Betriebe in den beiden galiläi­schen Kolonien: So habe eine typische Templer­farm eine Fläche von 20-30 Hektar gehabt, von der zwei Drittel für den Futtermittelanbau genutzt worden sei. In den arbeitsreichsten Monaten seien auf jeder Farm im Schnitt fünf arabische Mitarbeiter beschäftigt worden, die vorwiegend zusammen in einem zentralen, selbst errichteten Gebäu­de, dem sog. Khan, gewohnt hätten. Ungeachtet wachsender Konkurrenz durch einen zionis­tischen Landwirtschaftsverband aus der Jesreel-Ebene konnten die Milchmengen erheblich gesteigert werden, in Waldheim von 179.456 Liter im Jahr 1930 auf 325.849 Liter im Jahr 1934. Zum Vergleich: 1934 betrug die Milchproduktion in Betlehem 318.438 Liter, in Sarona 651.768 Liter und in Wilhelma stolze 871.410 Liter. Ursächlich für die Steigerung war neben der regelmäßigen Futterversorgung vor allem die Kreuzung einheimischer Rassen mit ertragreicheren Arten aus Europa. So wurden jährliche Milcherträge pro Kuh von 3.000-4.000 Litern erzielt, während bei den einheimischen Kühen nur etwa 500-600 Liter pro Kuh und Jahr üblich waren. 1935 geriet die Milchwirtschaft in den Nordkolonien aufgrund jüdischer Boykottaufrufe in eine Krise. Um die überschüssigen Mengen zu vermarkten, mussten teure Kühlanlagen erworben werden, um Butter und Käse zu erzeugen, die aber schwerer zu ver­markten waren. Bereits 1913 hatten die Kolonien Waldheim und Betlehem eine gemeinsame Vermarktung ihrer Milchprodukte organisiert und dafür einen Milchwagen angeschafft. 1933 wurde in Waldheim gemeinsam mit der Kolonie Betlehem eine Molkerei und ein Gemein­schaftskühlraum erbaut, wobei die Kühlung durch einem Dieselgenerator erzeugt wurde, der auch einige Gebäude in der Nähe mit Strom versorgte. Die Kühlanlage produzierte auch Eisblöcke. Der Fahrer des Milchwagens war die Verbindung zum Leben außerhalb der Kolonie; er lieferte nicht nur die Produkte in Haifa ab, sondern hatte auch Einkaufslisten der Kolonisten dabei.

Forschungsarbeit aus und über WaldheimHeute besteht die landwirtschaftliche Kooperative (Moshav) Alonei Abba aus rund 50 Haushalten; ca. 180 Häuser befinden sich in einem Neubaugebiet am Rande der alten Siedlung. Nur noch wenige Bewohner betätigen sich in der Landwirtschaft; die meisten befinden sich im Ruhestand oder pendeln zu auswärtigen Arbeitsplätzen.

Bei unserem kurzen Besuch in Waldheim hatten wir auch Gelegenheit, die frühere evangelische Kirche von innen zu besichtigen, die etwa bis zum Jahr 2000 als Gemeinschaftshaus des Moshav diente. Danach durfte das Gebäude wegen Baufäl­ligkeit nicht mehr genutzt werden. Nun soll es wieder zu einem kulturellen Zentrum werden. Zwar ist das Dach bereits saniert; die Außenwände weisen jedoch Setzrisse auf, so dass weitere Arbeiten erforderlich sind. Deutschland hat finanzielle Hilfe zugesagt. Übrigens: Architekt der 1917 eingeweihten Kirche war Otto Lutz aus Haifa, der Vater des kürzlich ver­storbenen Dr. Wolfgang Lutz.

Jörg Klingbeil

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