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Neues aus dem Archiv

Der Maler des arbeitenden Menschen

Der Templer Friedrich Keller

Es war an einem klaren und sonnigen Sommertag, als ich auf einem Stadtspaziergang durch die Hanglagen des Stuttgarter Nordens plötzlich ans Ende der kleinen Straße kam und schon umkehren wollte, als ich eine aufwärts führende Treppe erblickte. Über ihr war das Straßen­schild »Friedrich-Keller-Staffel« angebracht mit der näheren Namenserklärung: »Friedrich von Keller, Maler und Professor an der Stuttgarter Kunstakademie«. Friedrich-Keller-StaffelDer Name war mir aus meiner Archivzeit im Gedächtnis geblieben. Wer war denn dieser Keller? Ich ging sofort daran, die Staffel hinaufzugehen. Wo wird sie mich wohl hinführen? Sie endete nach etlichen Höhenmetern an der Friedrich-Ebert-Straße, und im Anblick der weißen würfelförmigen Gebäude gegenüber war mir sofort klar: ich stand vor dem kürzlich zum UNESCO-Welt­kulturerbe erhobenen Häuser-Ensemble der Wei­ßenhofsiedlung, dem sich dahinter die »Staatliche Akademie der bildenden Künste« mit ihren künstlerischen Fassadentafeln anschloss. In dieser Akademie nun war der aus Neckarweihingen bei Ludwigsburg stammende Friedrich Keller vor 135 Jahren zum Professor ernannt und später mit dem Adelstitel ausgezeichnet worden.

Nun muss man wissen, dass die Kellers in unserer Templer-Geschichte in zwei Linien zu unterteilen sind: einerseits in die aus dem nördlichen Schwarzwald (Neuweiler) nach Palästina gekommene und durch den Vizekonsul Keller in Haifa bekannt gewordene und andererseits in die durch den Maler Friedrich Keller und seine beiden in der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim mit Diplom-Abschluss ausgebildeten Söhne Fritz und Hermann Keller vertretene Linie. Zu diesen beiden sei auf den Beitrag über die heutige Universität Hohenheim in dieser Ausgabe verwiesen.

Ihr Vater Friedrich war nur einmal besuchsweise in Palästina gewesen, hatte jedoch in der Stuttgarter Tempel-Gebietsleitung wertvolle Arbeit geleistet. In einem Nachruf der »Warte« vom 5. Oktober 1914 stand, dass er »als eines der Hauptmitglieder der hiesigen Tempelge­meinde eine wichtige Stütze« gewesen sei. Das bezog sich wohl auf die Jahre 1893-1895, als der ebenfalls aus Neckarweihingen stammende Gebietsleiter Adolf Gräter ihn zum Eintritt in die Tempelarbeit bewogen hatte.

Manche unserer Mitglieder werden sich an das großformatige Ölgemälde von Professor Keller mit dem Titel »Grablegung Christi« erinnern, das viele Jahre in unserem Degerlocher Gemeindesaal hing und später als Leihgabe der Gemeinde Abtsgmünd übergeben wurde, wo sich auch die Grabstätte des Malers befindet. Vielleicht erinnert sich manch ein Templer noch an den Besuch einer Ausstellung des Städtischen Museums Ludwigsburg, in der Gemälde Kellers gezeigt wurden. Dort lernten wir die besondere Genre-Malerei Kellers näher kennen. Mit seinen großformatigen Bildern von Steinbrechern und Hammerschmieden zählt er bis heute zur Avantgarde der süddeutschen Maler des späten 19. Jahrhunderts. Der Katalog zu dieser Ausstellung mit vielen Wiedergaben seiner Gemälde kann in unserem TGD-Archiv unter der Nr. T-165 eingesehen werden.

Schon in jungen Jahren wurde das Maler-Talent Friedrich Kellers von der Familie und den Erziehern wahrgenommen. Man hoffte wohl zunächst, dass der Bub so wie sein Vater das Weingärtner-Handwerk erlernen würde. Doch als Fritz immer mehr seiner Neigung zum Zeichnen und Malen nachging, hieß es von den Eltern: »Wir Weingärtner und Bauern müssen im Schweiß des Angesichts unser Brot essen, das ist Gottes Ordnung. Zeichnen und Malen ist für die Herrensöhne!« Familie Friedrich Keller,
 von links: Tine,
 Ernstine (Mutter),
 Fritz,
 Anne,
 Hermann,
 Friedrich (Vater)Und sein älterer Bruder mein­te zu ihm: »Kerle, di kam ma oifach zu nex brau­cha.« Der so von seiner Umgebung Beschriebene setzte sich trotz aller Vorurteile im Laufe der Jahre mit seinen persönlichen Neigungen durch und wurde zum »ersten deutschen Maler, der sich für die Erscheinung des Arbeiters interessierte«. Nicht nur mit seinen Bildern der Steinbrecher und Schmiede errang er Aufmerksamkeit, auch mit Steinschleifern, Mühlen- und Wehrarbeitern verschrieb er sich wirklichkeitsnahen, unge­schönten Alltagsthemen. Sein Förderer in den Jahren seiner Ausbildung in der Kunstakademie war übrigens ein anderer Jerusalemsfreund, und zwar der aus Neuffen stammende Sekretär der Königlichen Münzanstalt in Stuttgart, Heinrich Aberle.

1871, nach Beendigung seines Studiums, das er mit Auszeichnung bestand, siedelte Keller nach München über, in die Kunststadt des 19. Jahrhunderts. 1877 verließ er München, arbeitete als freier Kunstmaler und unternahm Studienreisen nach Venedig, Mailand und Rom. 1883 wurde er als Professor an die Stuttgarter Kunstschule berufen. Das bedingte einen Umzug in die Hohenheimer Straße der Landeshauptstadt. Von 1898 bis 1900 war er Direktor dieser Kunstschule, was ihm zahlreiche öffentliche Aufträge für großformatige Gemälde einbrachte. 1909 wurde er mit der Verleihung des Großkreuzes des Ordens der Württem­bergischen Krone in den Adelsstand erhoben.

Wir als Religionsgemeinschaft sollten nicht versäumen, die zahlreichen Bilder biblischer Themen zu erwähnen, die aus seinem Schaffen hervorgegangen sind, wie »Der Sturm auf dem See Genezareth«, »Kreuzabnahme«, »Grablegung«, »Segnung der Kinder«, »Anbetung der Könige«, Die Salbung in Bethanien«, »Christus heilt einen Aussätzigen«, Jesus und die Sünderin«, »Ecce Homo«, »Salome vor Herodes«, »Auferstehung«, »Bergpredigt«, »Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid«.

Eine Urenkelin von Friedrich Keller, Ursel Bader, hat die Lebensgeschichte des berühmten Malers nach mündlicher Überlieferung der Familie, aus Briefen, Dokumenten und Biografien in einem Heft nachgezeichnet, das sich zusammen mit anderen Aktenstücken als Nr. T-873 im TGD-Archiv befindet. Friedrich Keller ist am 18. Februar 1840 in Neckarweihingen bei Lud­wigsburg geboren und am 26. August 1914 in Abtsgmünd bei Aalen gestorben.

Peter Lange

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