Treffpunkt - Gemeinde aktuell

Jahresrückblick 2007

Auswirkungen der demogr. Entw. auf unsere Gesellschaft (26. Jan.)

Die Lokalausgabe der beiden Stuttgarter Tageszeitungen, der »Blick vom Fernsehturm«, sprach in ihrer Ausgabe vom 31. Januar wohlwollend von rund 20 Zuhörern, die sich zum Freitagabendtreff im Saal einfanden. Tatsächlich war es leider rund ein Viertel weniger, obwohl - wie auch die Zeitung meinte - eigentlich ein topaktuelles Thema von einem ausgewiesenen Experten präsentiert wurde. Der Referent, Ivar Cornelius, ist Leiter des Referats »Bevölkerungsentwicklung, Bevölkerungsstand« beim Statistischen Landesamt Baden-Württemberg (StaLa). Der studierte Volkswirt beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit der demographischen Entwicklung und bot den Zuhörern ein differenziertes Bild zu einem Thema, das durchaus dazu angetan ist, Katastrophenstimmung zu verbreiten.

Tatsache ist trotz mancher Unschärfen: Die Bevölkerung des Landes ist zwar seit 1990 bis 2006 um ca. 9,4 % (und damit am meisten unter den Bundesländern) gewachsen, dies liegt aber in erster Linie an der Binnenwanderung von Ost nach West nach der Wiedervereinigung und am Zuzug von Einwanderern. Am anderen Ende der Tabelle liegt Sachsen-Anhalt, das im gleichen Zeitraum einen Bevölkerungsverlust von 14,8 % hinnehmen musste (Durchschnitt Deutschland insgesamt: + 3,3 %). Gravierender ist indessen, dass die Kinderzahl je Frau in den letzten Jahrzehnten auf niedrigem Niveau stagniert und derzeit bei 1,35 liegt (zum Vergleich: Frankreich > 1,9; Deutsches Reich um 1900: ca. 5,0!). Seit dem Ende des Babybooms Ende der sechziger Jahre überstieg unter der deutschen Bevölkerung die Anzahl der Todesfälle die Zahl der Geburten. Dies fiel wegen der hohen Zuzüge aus dem Ausland (Asylbewerber und Aussiedler) und deren höheren Kinderzahlen zunächst nicht weiter auf. Inzwischen haben sich die Einwanderer in der Geburtenrate angepasst, so dass auch die Gesamtbevölkerung sinkt (in BW seit letztem Jahr). Mit größeren Einwandererzahlen rechnet das StaLa nicht mehr: Das Potenzial an Aussiedlern aus Osteuropa erscheint weitgehend ausgeschöpft und die schwierige Integration der Zuwanderer lässt eine Öffnung der Grenzen politisch unwahrscheinlich werden. Das Amt geht für die nächsten Jahre je nach Szenario (nur) von ca. 17.000 bis 24.000 Personen pro Jahr aus, nicht genug, um den Bevölkerungsschwund wettzumachen. Ivar Cornelius wies darauf hin, dass selbst eine kurzfristige Steigerung der Geburtenhäufigkeit erst nach vielen Jahren greifen wird; die »Bevölkerungspolitik« sei insofern einem schwerfälligen Supertanker vergleichbar, der erst nach mehreren Kilometern »Bremsweg« in die Kurve gehen könne. Immerhin habe die Politik das Problem mittlerweile in ganzer Schärfe erkannt und bemühe sich um ein kinderfreundliches Klima. Dennoch: Der Bevölkerungsrückgang werde unweigerlich eintreten, zunächst nur unmerklich, später immer schneller (BW: 2005: 10,736 Mio., im Jahr, 2020: 10,710 Mio., 2030: 10,511 Mio., im Jahr 2050: 9.692 Mio.). Gleichzeitig ist zu konstatieren, dass die Menschen immer älter werden und demzufolge der Altersdurchschnitt der Bevölkerung ständig steigt (1950: 34,3 Jahre, 2005: 41,4 Jahre, 2030: 46,8 Jahre, 2050: 49,8 Jahre). Der Anteil der jungen Menschen an der Gesamtbevölkerung nimmt kontinuierlich ab (in der Sprache der Statistiker sind das die Menschen unter 20 Jahre), von 31% im Jahre 1950 über 21 % im Jahre 2005 auf 17 % im Jahre 2030 und nur 15 % im Jahr 2050. Im Vergleich dazu nimmt der Anteil der alten Menschen (für die Statistik alle über 60 Jahre) erheblich zu, von 14 % im Jahre 1950 über 24 % im Jahr 2005 auf 35 % im Jahr 2030 und gar 39 % im Jahr 2050. Nimmt man beide Bevölkerungsgruppen zusammen, dann standen im Jahr 1950 den Menschen im erwerbsfähigen Alter (zwischen 20 und 60 Jahren), die damals 55 % der Gesamtbevölkerung ausmachten, 45 % der von ihnen zu »versorgenden« Jungen und Alten gegenüber. Im Jahr 2005 war dieses Verhältnis noch gleich (Zuwachs des Anteils der Alten bei Rückgang des Anteils der Jungen), im Jahr 2030 wird das erwerbstätige »Mittelalter« schon in der Minderheit sein (48/52), im Jahr 2050 beträgt das Verhältnis voraussichtlich 46 zu 54. Die Folgen für alle umlagefinanzierten Systeme kann man sich unschwer ausmalen, wobei andere Aspekte wie kapitalgedeckte Finanzierungen und der Produktivitätsfortschritt nicht ausgeblendet werden dürfen. Über eine weitere - eigentlich erfreuliche - Entwicklung konnte der Referent auch berichten: Da die Menschen dank des medizinischen Fortschritts immer älter werden, steigt der Anteil der sog. Hochbetagten (Menschen über 85 Jahre) überdurchschnittlich stark an. Im Jahr 1950 zählten in Baden-Württemberg (nur) 14.600 Menschen zu dieser Bevölkerungsgruppe, im Jahr 1990 waren es schon knapp 100.000, bis zum Jahr 2010 werden es fast 250.000 sein, im Jahr 2030 schon mehr als 400.000. Auch die Zahl der pflegebedürftigen Menschen wird in den nächsten Jahrzehnten erheblich zunehmen, wobei die Statistiker in ihren Hochrechnungen davon ausgehen, dass immer weniger alte Menschen zuhause bzw. von ihren Angehörigen gepflegt werden. Müssen jetzt wegen abnehmender Kinderzahlen die Erzieherinnen zu Pflegekräften umgeschult werden, lautete eine der kritischen Fragen, die im Anschluss an den Vortrag gestellt wurden. Der Referent hielt nichts von Schwarzmalerei. Noch bestehe Gelegenheit zu reagieren, meinte Ivar Cornelius, je früher, desto besser.

Jörg Klingbeil

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