Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 174/3 - März 2018

 

 

Neue Bilder des Glaubens - Peter Lange

Interview mit Klaus-Peter Jörns - Karin Klingbeil

Vierzig Tage in der Wüste - Peter Lange

Aus einem anderen Blickwinkel - Karin Klingbeil

Ein Bild-Fund von 1925 - Peter Lange

Der stumme Frühling - Karin Klingbeil

Daten- und Stromfresser Internet? - Jörg Klingbeil

Jerusalem in Berlin - Jörg Klingbeil

Neue Bilder des Glaubens

Es muss wohl etwa 50 Jahre her sein, dass der Tempel-Älteste Erich Bergmann in der Stuttgarter Tempelgemeinde eine Reihe von Vorträgen über den Theologen und Philosophen Rudolf Bultmann und dessen »Entmythologisierungs-These« gehalten hat. Die Vehemenz, mit der Bergmann die damalige öffentliche Diskussion über Bultmanns Bibel-Kritik vortrug, ist mir noch heute in guter und lebendiger Erinnerung. Und nun richtet ein anderer Denker, Prof. Klaus Bohne, in unseren Tagen (in »Freies Christentum«, 2018/Nr. 1) seinen Blick auf Wesen und Bedeutung des christlichen Mythos.

Klaus Bohne weist in seinem Aufsatz darauf hin, dass mythologische Bilder und Rituale gleichnishafte Hinweise auf eine unbenennbare größere Wirklichkeit seien und dass sie »Bestandteil der Verkündigung in den christlichen Kirchen sein könnten, ja müssten«. Bei aller heutigen Kritik an kirchlicher Verkündigung komme es aus der Sicht des Predigthörers aber nicht auf eine Entmythologisierung, sondern eher auf einen rechten Gebrauch des Mythos an. Der Gemeinde könne besser geholfen werden, wenn neue, in heutiger Zeit weniger fremd­artige Bilder als Symbole verwendet würden, Bilder, die mehr mit dem jetzigen Leben in Verbindung gebracht werden könnten.

Auch in anderen kirchenkritischen Veröffentlichungen wird dieser Punkt angesprochen. So schreibt der katholische Theologe und Pädagoge Norbert Scholl (in »Wozu noch Christentum? Was nicht verloren gehen darf. Worauf verzichtet werden sollte«, Publik-Forum Edition, 2014): »Ein drängendes Problem des gegenwärtigen Christentums ist das (Wieder-)Gewinnen einer Sprache, in der das Evangelium so verstanden wird, dass es Menschen von heute aufrüttelt und ihnen Perspektiven für die Zukunft eröffnet.«

Der Mythos besteht im Wesentlichen aus Bildern, hinter denen sich Glaubensaussagen ver­bergen. Denken wir zum Beispiel an Aussagen, die bei Trauerfällen auf Todesanzeigen zu lesen sind. Solche Bilder weisen auf einen Glaubenshintergrund hin, der mit Leben und Sterben des Angehörigen in Verbindung gebracht wird. Diese Verbindung gelingt aber nur, wenn dieser Hintergrund von uns erkannt und gedeutet werden kann. Ich bekenne von mir selbst, dass ich zu Beginn meines Gemeindedienstes oft Probleme hatte mit so manchem religiösen Begriff, der später durch häufige Wiederholung dann in meinen Wortschatz aufge­nommen wurde, nicht aber wirklich verstanden worden war.

Nehmen wir als Beispiele nur einmal solche Schlüsselwörter wie Auferweckung, Ewiges Leben, Sünde, Gottesfurcht oder Gottvertrauen. Sie sind in ihrem Verständnis unserer Großel­tern-Generation noch völlig vertraut gewesen und wurden deshalb immer wieder verwendet. Doch sie sind inzwischen keine gebräuchlichen Benennungen mehr. Wir können nicht mehr den Hintergrund wahrnehmen, der diesen Begriffen einmal zugrunde gelegen hat. Sie eröffnen sich uns nicht mehr von selbst, sondern müssen gedeutet, abgeleitet, erklärt werden. Damit erfüllen sie ihren eigentlichen Sinn im Grunde nicht mehr.

Oft nehmen wir sie auch deshalb nicht mehr in unseren Gebrauch, weil die hinter ihnen verborgene Aussage für uns nicht mehr stimmt. Wir wollen Gott nicht deshalb fürchten, weil er uns - wie vielleicht in der Hiobs-Geschichte - Krankheit, Tod und Hungersnot bringen kann. Und warum sollten wir Gott vertrauen? Steht nicht in den Evangelien, dass er es regnen lässt über Gute und Böse und seine Sonne scheinen lässt über Gerechte und Ungerechte? Wir sollten uns im Gegenteil davor fürchten, dass wir Menschen es nicht fertig bringen, Kriege, Unterdrückung, Erderwärmung, Hunger in der Welt zu beseitigen. Und wir sollten vor allem einander vertrauen. Damit wäre schon viel »Reich Gottes auf Erden« erreicht.

Ich denke, dass es allgemein zu viele Benennungen gibt, die wir mit Gott in Verbindung bringen. Gott ist doch das »Unsagbare«, deshalb ist alles Reden über ihn »Stückwerk« und jegliche Beschreibung eine Überheblichkeit unsererseits. Vor dem Heiligen und Unsagbaren wäre ein Schweigen, Staunen und Wundern eher angebracht.

Das Urteil stimmt sicher nicht, dass die Menschen der Gegenwart mehrheitlich keinen religiösen Gedanken mehr nachgehen würden. Sie drücken ihre Gedanken und Gefühle zum innersten Wesen der Welt oft nur anders aus, als frühere Generationen es getan hatten. Insofern gebe ich Norbert Scholl Recht, dass unsere Gegenwart mit den vielen mythologi­schen Bildern der Vergangenheit nichts mehr anzufangen wisse und dass es darauf ankomme, neuen Bildern in Zukunft Raum zu geben. Bildern, in denen das Geheimnis unseres Lebens verborgen liegt.

Peter Lange

Interview mit Klaus-Peter Jörns

Gott und das schöne, schreckliche Leben

Bereits in Publik Forum Nr. 17 des vergangenen Jahres erschien unter o.g. Titel ein Interview mit Klaus-Peter Jörns, dem Gründer und Vorsitzenden der »Gesellschaft für eine Glaubensre­form«. Über diese vor gut fünf Jahren gegründete Initiative hatten wir schon berichtet; wir glauben, dass die Inhalte dieser Initiative, mit denen es bei uns viel Übereinstimmung gibt, auch interessant für unsere Leser sind.

Klaus-Peter Jörns war evangelischer Gemeindepfarrer und lehrte seit 1981 praktische Theolo­gie und Religionssoziologie in Berlin. Er ist zwar der Ansicht, dass die Kirchen etliche Struktur­reformen durchgeführt hätten, aber was die Glaubensinhalte angehe, so meint er, dass die Kirche diese Reform verweigere, weil die Bibel als "Gottes Wort" sie daran hindere. Dieser einzige Bezug auf eine Lebenswelt, die längst vergangen ist, entspreche vielen Gläubigen nicht mehr. Ohne Denkverbote nach einem heute glaubwürdigen Christentum zu suchen, dazu will die Gesellschaft helfen. Die Menschen sollen Gott in eigenen Erfahrungen wahrnehmen, uns selbst, Erde und Kosmos als Teile eines großen Ganzen begreifen. Weil die kulturelle Evolution weitergehe, müsse sich auch die Religion mitverändern. Außerdem mache die Bibel selbst Mut zu Neuansätzen, sei sie doch selber »das literarische Endprodukt jahrhunderte­langer theologischer Umarbeitungen von älteren Erfahrungen - und zwar auch aus anderen Religionen.«

Wichtige Themen sieht Jörns u.a. in Evolution und Menschenbild, den Überlegungen, ob Gott Person oder Kraft sei, Beten heute und der Korrektur des Jesus-Bildes. Am Anfang habe die Ablehnung der Erlösungstheologie gestanden, nach der Jesus stellvertretend als Sühn­opfer für unsere Sünden gestorben sei: »Wir glauben nicht, dass unser unvollkommenes Menschsein todeswürdig wäre.« Aber durch die von Jesus propagierte Nächstenliebe würde es uns gelingen, unsere tierisch-wilde Herkunft, durch die wir die Neigung hätten, unsere Interessen mittels Gewalt durchzusetzen, in Schach zu halten.

Im Gegensatz zur kirchlichen Auffassung (»für uns gestorben«) sieht auch Jörns »das Christliche wesentlich geprägt durch Jesu Leben und seine Botschaft der unbedingten und unbegrenzten Liebe Gottes zum Leben. Aus ihr allein und nicht aus einem Blutvergießen nehmen Gottes und unsere Vergebung ihre Kraft.« Außerdem sollten Christen auf den Begriff "Sünde" verzichten, weil dieser primär mit dem Verständnis von Paulus zusammenhänge, der Schuld immer als "Feindschaft gegen Gott" sieht. Dass aber die meisten Menschen ihr Leben rechtschaffen führen wollten, müsse man würdigen und bestärken.

Auf die Frage danach, wofür wir überhaupt Gott bräuchten, lautete Jörns Antwort: »Ich bin fasziniert von dem unglaublichen Zusammenspiel aller Elemente des Lebens und dankbar, daran teilzuhaben. Es ist ein glückliches, aber auch erschrecktes Staunen. Denn alles Leben wird auf Kosten anderen Lebens gelebt. Selbst die Erkenntnis, dass das Leben ein großer Transformationsprozess ist, in dem auch das zum Essen getötete Leben nicht verloren geht, sondern zu neuer Lebensenergie wird, tröstet mich nicht über das Töten hinweg. Aber dass es Leben überhaupt gibt, ist das größte Geheimnis. Albert Schweitzer hat das Dilemma, das sich damit verbindet, treffend formuliert: »Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das leben will.« Und: Es gehe darum, »dass man von sich selbst als gefühltem Zentrum der Welt wegkommt. Es geht darum, die Empathie mit dem Leben zu lernen. Das Leben ist ein Ganzes und Gott entfaltet sich in der Evolution. Unbegreiflich bleibt, dass das Leben so schön und schrecklich ist, wie es ist. ... Für mich hat der Gottesglaube etwas Einleuchtendes: Das Leben ist aus einer unglaublichen Verdichtung von Quanteninformation entstanden und hat sich entfaltet in einem immer differenzierter werdenden Beziehungssystem. Dass dies alles Zufall gewesen sein soll, mag ich nicht denken. Diese Vorstellung ist mir zu kalt. Denn ich weiß aus Erfahrung: Geist hellt das Gemüt auf, und Liebe wärmt das Herz. Das ist und hat Sinn.«

Nach der Personalität Gottes und dem "Letzten Gericht", nach dessen Hoffnungsbild die Gerechtigkeit Gottes zum Zuge komme, damit Mörder nicht schlussendlich über die Opfer triumphierten, befragt, antwortete Jörns, dass das ein Produkt unserer Wahrnehmungsmuster sei, die sich an unserem Selbstbild orientierten; es gebe nach seiner Auffassung kein Weiter­leben von Personalität, weil die mit der irdischen Existenz und ihrer Leiblichkeit zusammen­gehöre. »Alles, was in einem Leben gedacht, geglaubt, gehofft und geliebt wird, ist Energie, und Energie geht im Kosmos nicht verloren. Jeder Mensch wirkt durch diese geistigen Kräfte evolutiv-schöpferisch, über seinen Tod hinaus. Ich glaube, dass sich alle Potenzen von Geist und Liebe, die wir in dieses Leben hineingeben, nach allen Toden miteinander verbinden und neue Lebensgestalten schaffen. Aber es gibt keine Hoffnung auf eine wie auch immer gedachte Gerechtigkeit bei Gott, die etwas Furchtbares "wieder gut" machte. Die einzige Kraft, die mit erlittenem Unrecht leben lässt, ist die Vergebung. Sie kann selbst IS-Terroristen, die zum Morden radikalisiert worden sind, zugestehen, was Jesus seinen Kreuzigern zugestanden hat: "Vater, vergib ihnen. Denn sie wissen nicht, was sie tun (Lukas 23, 34)"«. Denn kein Trost (der für die Opfer in der Gerechtigkeit eines Letzten Gerichts liegen könnte) und keine Todesstrafe könne rückgängig machen, was geschehen sei und so könne es auch keine Gerechtigkeit in diesem Sinne bei Gott geben. »Aber den Schrei der Verlassenheit und den Schrei, der die Gottesbilder verflucht, die uns vorgaukeln, Gott werde das Böse nicht zulassen, kann und muss es geben. Nur wenn das herausgeschrien werden kann, wird es irgendwann in der Seele Frieden geben, der uns vor einem lebenslangen Trauma bewahrt.«

Dann sei für ihn Theologie letztlich eine Wissenschaft vom Menschen? »Theologie ist eine Wissenschaft, die menschliche Wahrnehmungen vom Leben mithilfe der Arbeitshypothese "Gott" (Bonhoeffer) deutet und einlädt zu glauben, dass unser individuelles Leben im Lebens­ganzen auf-, aber nicht verloren geht.« Das Ziel von Gottes Selbstentfaltung liege darin, dass sich Lebensgestalten bilden, die zum Frieden fähig seien; dabei seien Jesus und andere Friedens­stifter Wegweiser.

Die letzte Frage des Interviews zielte darauf ab, ob die Veröffentlichungen der "Gesellschaft für eine Glaubensreform" in der akademischen Theologie und den Kirchen zur Kenntnis ge­nommen würden. Aber, meinte Jörns, da die akademische Theologie durch Bekenntnisbin­dung und Prüfungsordnungen mit der kirchlichen Theologie verschränkt sei, würden von ihr nur selten glaubensreformerische Impulse ausgehen. Immerhin reagierten die Kirchen gelegentlich direkt oder indirekt auf Reformschriften von ihm oder anderen Theologen der Gesellschaft.

Karin Klingbeil

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Vierzig Tage in der Wüste

Es müssen wohl tiefinnere Gefühlsregungen in dem jungen Johannes-Schüler aus Nazareth entstanden sein, als er den Taufritus seines Lehrers über sich erlebt hatte. Fragen tauchten auf, die er bisher nicht gekannt hatte und auf die er keine Antwort wusste. Fragen, die sein weiteres Leben betrafen und für ihn vielleicht eine totale Wende bedeuten würden. Die Fragen waren so drängend, dass er eine Lösung für sie finden musste. Es waren zwar Freunde um ihn, die ihn hätten beraten können, doch er wagte nicht, sein Inneres vor ihnen auszubreiten. Er wusste: es gab jetzt keinen anderen Weg für ihn, als sich von dem Lehrer und der Gruppe zu trennen und in der Abgeschiedenheit eine neue Lebenssicht zu gewinnen.

Das Markus-Evangelium beschreibt (Mk 1,12-13) seine Suche nach dem Ort der Selbst­findung in mythologischer Sprache: "Der Geist trieb ihn in die Wüste, und er war dort vierzig Tage." Das sind zweifellos Bezeichnungen für das, was man nicht genau beschreiben kann und was keiner genaueren Beschreibung bedarf. Und auch auf das kommt es nicht an, dass er "unter den Tieren lebte" und "die Engel ihn versorgten". Das bedeutet, dass er eine entbehrungsreiche Zeit in der Abgeschiedenheit erlebte und trotzdem eine sorgende Hand über ihm waltete. Jeder Rückzug solcher Art bedeutet für den Betroffenen doch einen Abbruch seines bisherigen Lebensstils und wird ohne eine geplante Absicherung verlaufen.

Ist diese knappe Beschreibung des Markus es wert, von uns weiter überdacht und hinter­fragt zu werden? Für den Evangelisten ist der Wüstenaufenthalt zweifellos der Beginn des Wirkens Jesu. Nur knapp fügt Markus noch hinzu: "Er wurde vom Satan versucht." Die anderen Evangelien-Schreiber werden da genauer, wie denn eine solche Versuchung ausge­sehen haben mag, obwohl sie ja keinesfalls Ohren- oder Augenzeugen hätten sein können. Wird mit "Versuchung" vielleicht das umschrieben, was bei einer psychologischen Abwägung des Für und Wider der neuen Lebensphase als eine mögliche "Alternative" denkbar gewesen wäre?

Mir kommt es hier auf die "Vierzig Tage in der Wüste" an, was ganz und gar menschlich verstanden werden kann, wenn man an irgendeinem Punkt im Leben zum Überdenken seines Daseins kommt, sich von der alltäglichen Routine zurückzieht, eine Pause des Gewohnten einlegt und zu neuen Entschlüssen aufbricht. Ich bin sicher, dass fast jeder sich in diesen jungen Mann aus Nazareth hineindenken kann, der als Handwerker bis dahin ein unauffälliges Dasein verbracht hatte, aber in der Einsamkeit zu einer für ihn neuen inneren Einsicht gelangt war.

Peter Lange

Aus einem anderen Blickwinkel

Im monatlichen Gemeindeblatt der TSA (Templer Talk) veröffentlichte Mark Herrmann in der Ausgabe von Dezember/Januar ein Gedicht von Brian Bliston mit dem Titel Flüchtlinge, das wir hier versuchen, auf Deutsch wiederzugeben:

 

Sie brauchen unsere Hilfe nicht

Deshalb sag mir nicht:

Könnten diese verhärmten Gesichter auch zu dir oder mir gehören

Wenn das Leben sich anders ergeben hätte

Wir müssen sie so sehen, wie sie wirklich sind

Risikomenschen und Schnorrer

Faulpelze und Faulenzer

Mit Bomben in ihren Ärmeln

Halsabschneider und Diebe

Sie sind nicht

Willkommen hier!

Wir sollten sie heißen:

Dahin zurückgehen, wo sie hergekommen sind.

Sie können nicht

An unserem Essen teilhaben

An unseren Wohnstätten teilhaben

An unserem Land teilhaben

Stattdessen (sollen sie)

Sollen sie doch durch eine Mauer draußen bleiben

Es ist nicht in Ordnung zu sagen

Das sind Leute wie du und ich

Ein Platz solle nur denen gehören, die da geboren sind

Seid nicht so dumm zu denken

Die Welt kann auch in einer anderen Weise betrachtet werden

 

Die andere Weise, dieses Gedicht zu lesen, ist in diesem Fall von unten nach oben. Leider liest es sich im Deutschen nicht so glatt wie im Englischen!

Karin Klingbeil

 

I stumbled across the following online verse entitled Refugees by Brian Bilston. It makes inte­resting reading, one way or the other.

 

They have no need of our help

So do not tell me

These haggard faces could belong to you or me

Should life have dealt a different hand

We need to see them for who they really are

Chancers and scroungers

Layabouts and loungers

With bombs up their sleeves

Cut-throats and thieves

They are not

Welcome here

We should make them

Go back to where they came from

They cannot

Share our food

Share our homes

Share our countries

Instead let us

Build a wall to keep them out

It is not okay to say

These are people just like us

A place should only belong to those who are born there

Do not be so stupid to think that

The world can be looked at another way

Ein Bild-Fund von 1925

In unserer Buch-Darstellung der Geschichte der Stuttgarter Tempelgemeinde in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten wir ursprünglich auf mehr Bilderfunde gehofft, um die damalige Zeit anschaulicher darstellen zu können. Leider war unsere Suche aber über­wiegend vergebens. Erst nach Druckbeginn des Buches fand sich unerwartet ein Foto, das die Bemühungen des damaligen Gebietsleiters Dietrich Lange um Verbindungen unter jungen Erwachsenen zeigt und das gut zu unserem historischen Bericht gepasst hätte. Es zeigt eine Zusammenkunft von 11 jungen Männern in einem Raum, dessen Adresse uns leider nicht bekannt ist (vielleicht ist es ja ein Zimmer in der Wohnung des Gebietsleiters gewesen).

Ein Bild-Fund von 1925Glücklicherweise hat sich jedoch jemand die Mühe gemacht, die Namen der abgebildeten Perso­nen auf die Rückseite des Bildes zu schreiben. Es sind dies: ganz links Dietrich Lange; hintere Reihe von links: Oskar Lange, Bruno Eppinger, Otto Krüg­ler, Otto Beilharz, Albert Günthner, Roland Frank; Mitte: Erich Weller, Ludwig Beilharz, Rudolf Dreher; vorne: Robert Ohrnberger, Wolfgang Lange. Es ist gut möglich, dass der eine oder andere aus unse­rem Leserkreis diese Angaben überprüfen kann. Bitte Hinweise an Jörg Klingbeil vom TGD-Archiv richten.

Bedauerlicherweise ist kein Datum der Aufnahme angegeben. Aufgrund uns vorliegender Geburtsdaten der Abgebildeten kann jedoch geschlossen werden, dass es sich um das Jahr 1925 handelt. Jedenfalls sind wir sehr froh, aus jener Zeit doch noch ein qualitativ gutes Foto von Templern der »alten Ära« für unsere Bilder-Sammlung gefunden zu haben.

In Heft 14 des Jahrgangs 1925 ist in der »Warte des Tempels« ein Bericht zu lesen, der möglicherweise einen Hinweis auf die dargestellte Szene geben kann:

»In Stuttgart ist in den letzten Monaten ein erfreuliches Erstarken des Zusammenhaltes zu konstatieren. Äußerlich zeigt sich das schon am guten Besuch der Sonntagsversammlungen. Die Jugend, die ja noch ein stärkeres Bedürfnis nach einem geselligen Leben hat, trifft sich teils zu regelmäßigen sportlichen Spielen, teils zu gemeinsamen Ausflügen. Dass gemeinsa­me Ausflüge auch den Erwachsenen gut tun, hat der Osterausflug nach Lorch und der Pfingst­ausflug nach Teinach gezeigt. Manche Tempelmitglieder, die sich bis dahin noch nicht kannten, haben dabei Fühlung miteinander nehmen können.«

Peter Lange

Der stumme Frühling

»Silent Spring« lautete der Titel des 1962 erschienenen Sachbuchs der Biologin Rachel Car­son, in dem sie die verheerende Wirkung des Insektizids DDT darlegte. Den Anstoß zu dem Buch erhielt sie durch einen Brief der Journalistin Olga Owens Huckings, der die schlimmen Auswirkungen der Sprühflüge in ihrem Vogelschutzgebiet thematisierte. Die Biologin führte in ihrem Buch aus, dass das Pestizid DDT Wasser und Böden kontaminierte, was zu unüber­schaubaren Folgen nicht nur für Tiere führte, sondern auch für den am Ende der Nahrungs­kette stehenden Menschen. Das Buch löste in den USA eine heftige politische Debatte aus und führte 1972 schließlich zum DDT-Verbot.

Wieder stehen wir an einem Punkt, an dem solch "stummer Frühling" droht. Was manch einer möglicherweise schon nach längerer Autofahrt bemerkt haben mag, nämlich, dass sich auf Front und Windschutzscheibe des Fahrzeugs im Vergleich zu früher sehr viel weniger tote Insekten befinden, ist im Oktober 2017 durch eine Studie belegt worden. In dieser Studie, vom renommierten Wissenschaftsjournal PLOS ONE veröffentlicht, haben deutsche, holländische und englische Wissenschaftler über 27 Jahre lang einen Rückgang von 75 Prozent der Flugin­sekten nachgewiesen. Obwohl die entsprechenden Versuche in Schutzgebieten durchgeführt wurden, wo man genügend Raum für Rückzugsmöglichkeiten für die Tiere hätte annehmen können, wurde in dem Rückgang ein Trend über alle untersuchten Standorte (über 60 an der Zahl) hinweg erkannt.

Zwar ist eindeutig, dass es um einen dramatischen Einbruch vieler Insektenbestände geht, aber bei einer Zahl von über 30.000 Insektenarten in Europa, wie Käfer, Schmetterlinge, Zweiflügler, Hautflügler, Wanzen, Netzflügler oder Heuschrecken, ist schwer zu beurteilen, welche Arten besonders bedroht sind. Allerdings wurde die Entwicklung bei Wildbienen, zu denen beispielsweise auch die Hummel gehört, genauer erforscht und dabei festgestellt, dass selbst früher häufig vorkommende Arten im Bestand extrem abgenommen haben und teilweise sogar vollständig verschwunden waren. Mittlerweile gilt die Hälfte der Wildbienenarten in ihrem Bestand als gefährdet.

Dabei wissen wir heute, dass gerade die Artenvielfalt für unsere Existenz äußerst wichtig ist - nicht umsonst haben die Vereinten Nationen 1992 in Rio die »Konvention zum Schutz der Biologischen Vielfalt« (CBD) beschlossen. Blüten werden nämlich von einer enormen Vielfalt von Insekten besucht und bestäubt; ein Rückgang dieser Artenvielfalt hätte daher weitreichen­de Konsequenzen für uns: weltweit entspricht die durch Insekten durchgeführte Pflanzen­bestäubung einem ökonomischen Wert von rund 153 Milliarden Euro - für Kulturpflanzen in Deutschland beträgt er nach Schätzungen des Landesamtes für Bienenkunde der Universität Hohenheim pro Jahr noch 2,5 Milliarden Euro. Diese Kosten würden entstehen, wenn der Mensch die Bestäubung anstelle der Insekten selber durchführen müsste.

Ein anderes Beispiel für die ungeheure Wichtigkeit der biologischen Vielfalt ist die Regene­ration der Böden und die Reinigung der Gewässer, denn sie werden von Organismen über­nommen, die wir kaum im Blick haben: Pilze, Bakterien, Einzeller. Hier liegen die geschätzten Kosten bei etwa vier Billionen Euro pro Jahr.

Zurück zu der Vielfalt der Insekten: das Funktionieren fast aller Ökosysteme hängt von ih­nen ab, denn

- als Nahrungsquelle stellen sie die Ernährungsgrundlage für viele andere Tierklassen dar. Vögel - von denen die meisten Brutvogelarten ihre Jungen mit Insekten füttern -, Säugetiere, Amphibien und Reptilien;

- weil sie Nektar und Pollen sammeln, sorgen sie für die Bestäubung und dadurch auch für den Fortbestand von etwa 90% aller Pflanzenarten weltweit und sichern dadurch einen Groß­teil der menschlichen und tierischen Ernährung;

- sie fungieren in der Forst- und Landwirtschaft als unersetzliche Regulatoren, durch die die Ausbreitung von Schädlingen eingedämmt wird;

- sie sorgen für die Remineralisierung organischer Stoffe wie Pflanzenreste und Tierleichen im Boden und sind Verwerter in Bodenstreu und Totholz.

Damit sind sie für Mensch und Natur unersetzlich - gemessen an der Gesamtartenzahl weisen Vogelarten, die während der Brutzeit überwiegend auf Insekten angewiesen sind, im 25-Jahre-Trend Bestandsrückgänge von 20% auf. Auch Fledermäuse und Kleinsäuger gehen zurück, denn weniger Nahrung bedeutet weniger Nachwuchs. Ganz zu schweigen von der traurigen Vorstellung, dass künftige Generationen in der Natur nicht mehr Grillenzirpen, Vogel­gezwitscher oder den Flug eines Schmetterlings werden erleben können.

Fragt man nun nach den Ursachen für den extremen Rückgang der Insektenzahlen, so sind diese in erster Linie in der industriellen Landwirtschaft zu suchen. Es werden viel zu viele Gifte ausgebracht, um die Anbauflächen unkrautfrei zu halten und dem Befall von unerwünschten Insekten vorzubeugen. Dabei gehört Deutschland zu den vier EU-Mitgliedstaaten, die am meisten Pestizide verbrauchen: im Durchschnitt der letzten zehn Jahre wurden etwa 15.000 Tonnen Herbizide jährlich eingesetzt - Totalherbizide wie Glyphosat z.B. vernichten sämtliche Ackerbeikräuter, was zum Verschwinden der entscheidenden Nahrungs-, Nist- und Überwinte­rungsquellen für Insekten führt. Hinzu kamen 1.000 Tonnen Insektizide, darunter 300 Tonnen Neonicotinoide, die viele Insekten direkt töten oder, wie z.B. bei Bienen, zur Orientierungs- und Fortpflanzungsunfähigkeit führen. Hinzu kommt die Fernwirkung der Gifte und Düngemittel selbst bis in weit entfernte Naturschutzgebiete.

Zudem verursacht die Überdüngung in der intensiven Landwirtschaft und der industriellen Tierhaltung einen erhöhten Stickstoffgehalt des Bodens und dadurch Biotopverluste bei Pflan­zen. So wurden aus artenreichen Wiesen mit etlichen Blühpflanzen, die zweimal gemäht wur­den, stark gedüngte, artenarme Produktionsflächen für Biogasanlagen und Hochleistungs­kühe.

Großflächige Monokulturen wie Mais-, Raps- oder Getreidefelder, bei denen selbst die Rand­flächen intensiv genutzt werden, reduzieren das Angebot an Blühpflanzen drastisch - und damit das Nahrungsangebot für Insekten und Bienen. Letztere finden in den intensiv genutzten Agrar-Landschaften nur zu bestimmten Zeiten Nahrung, nämlich nur dann, wenn die Kultur­pflanze blüht - aber sie sind darauf angewiesen, dass ihnen ein kontinuierliches Pollen- und Nektarangebot von Frühjahr bis Spätsommer als Nahrungsquelle, für die Paarung, als Nest­baumaterial und für die Versorgung ihrer Brut zur Verfügung steht. Eine aktuelle Untersuchung des Instituts für Bienenkunde zeigt, dass Honigbienen in Hamburg mehr als doppelt so viel Honig produzieren wie Vergleichsvölker, die in stark landwirtschaftlich genutzten Flächen auf­gestellt wurden!

Dabei bestäuben Wildbienen die Blüten deutlich effizienter als Honigbienen und können auch noch bei kühlerem Wetter Bestäubungsleistungen erbringen, wenn Honigbienen nicht mehr fliegen.

Als weitere mögliche Ursachen des Insektensterbens gelten Klimawandel, Flächenver­brauch und Bebauung - jedes Jahr werden 24.000 Hektar neu versiegelt, das sind etwa 70 Hektar pro Tag - , der zunehmende Verkehr, Lichtverschmutzung und das massenhafte Ster­ben von Insekten an Lichtquellen.

Solange allerdings keine genauen Daten vorliegen, ist eine Beurteilung schwierig. Daher ist ein bundesweites »Biodiversitätsmonitoring« - im Bereich der Insekten ein bundesweites Insektenmonitoring - überfällig, außerdem ein kontinuierlich fortgeschriebenes Wissen um die biologische Vielfalt und andere Ursachenforschung. Wir wissen heute, dass wir einen gesun­den Bestand aller Insekten brauchen, um gute Erträge zu sichern.

Die schon jetzt bekannten Probleme sollten allerdings zu entsprechenden politischen Schritten führen. Dabei wäre eine Minimierung des Pestizideinsatzes, die Förderung der ökologischen Landwirtschaft und die Verbesserung unabhängiger Beratung - nicht durch die am Verkauf ihrer Produkte interessierten Industrie - schon sehr hilfreich. Frankreich hat beispielsweise den Einsatz von Neonicotinoiden ab 2018 unter strengste Kontrolle gesetzt. Ihr Einsatz ist dann nur noch möglich, wenn ein massiver Schädlingsbefall nachgewiesen ist. Ein vorbeugender Einsatz ist dann immer verboten. Darüber hinaus haben französische Wissenschaftler ermittelt, dass der um 80 Prozent reduzierte Einsatz von Neonicotinoiden bei 80 Prozent der Betreiber zu keinen negativen ökonomischen Auswirkungen geführt hat.

Eine Neugestaltung der Pestizid-Zulassungsprüfungen wäre erforderlich und sollte daran geknüpft werden, dass ihre Unschädlichkeit für nicht schädliche Insekten nachgewiesen ist.

Es gibt noch viele weitere Vorschläge; in jedem Fall ist ein Umdenken notwendig - und die Artenvielfalt, eine nachhaltige Landwirtschaft und damit die Rettung unserer Lebensgrundlage sollte uns etwas Wert sein!

Dieser Beitrag setzt sich aus Veröffentlichungen von NABU, BUND und der Deutschen Um­welthilfe zusammen.

Karin Klingbeil

Daten- und Stromfresser Internet?

Dass sich das Datenvolumen, das weltweit digital verarbeitet wird, egal ob von Sensoren, Smartphones oder Digitalkameras, ob durch Online-Überweisungen, Apps, E-Mails und Chatprogramme, ob in PCs oder auf Servern, alle zwei Jahre verdoppelt, ist weitgehend bekannt. Mehr als eine Milliarde Menschen googeln täglich etwas, laden auf Facebook etwas hoch und hinterlassen dort 5,8 Milliarden Like-Rückmeldungen. Nach Schätzungen von Experten soll sich die weltweite Datenmenge von 16,1 (2016) bis 2025 auf 163 Zettabytes verzehnfachen. Ein Zettabyte, eine Zahl mit 21 Nullen, entspricht einer Billion Gigabytes, und würde nach Meinung von Forschern sogar die Zahl der Sandkörner an sämtlichen Stränden der Erde übertreffen, es handelt sich also um eine unvorstellbar große Datenmenge. Was angesichts der scheinbar immateriellen Datenverarbeitung dagegen leicht aus dem Blick gerät, ist der damit einhergehende Energieverbrauch. Nach einer Faustformel verbraucht ein Rechenzentrum so viel Strom wie eine Stadt mit 30.000 Einwohnern - mit zunehmender Tendenz. Der Trend wird sich auch nicht so schnell umkehren, denn neuartige Techniken und Anwendungen verlangen erhöhte Speicher- und Rechenkapazitäten. So war vor kurzem zu lesen, dass die Rechenzentren in der Stadt Frankfurt am Main mittlerweile den Rhein-Main-Airport als größten Stromverbraucher der Stadt abgelöst haben. Ohnehin mausert sich Frankfurt derzeit zum bevorzugten Standort für Rechenzentren in Deutschland, mit wachsen­dem Strom- und Flächenbedarf. Im Netzgebiet des dortigen Energieversorgers Mainova entfallen zum Beispiel bereits knapp 20 Prozent des jährlichen Stromverbrauchs auf die angeschlossenen Rechenzentren. Über das Jahr verteilt fällt die Hauptlast dabei im Sommer an, denn die Rechner laufen im Betrieb warm und müssen daher in dieser Jahreszeit besonders gekühlt werden, falls die erzeugte Abluft nicht ins Fernwärmenetz abgegeben oder anderorts gespeichert werden kann. Diese Kühlung kostet die Betreiber der Rechenzentren viel zusätzliche Energie - und natürlich auch Geld. Etwa 40 Prozent der Bruttowertschöpfung eines solchen Unternehmens entfallen auf die Stromkosten; zum Vergleich: bei einem Stahlwerk sind es »nur« rund 15 Prozent. Auch der Flächenbedarf ist gewaltig: Bundesweit nehmen Rechenzentren bereits 1,9 Mio. Quadratmeter in Anspruch, von denen etwa ein Viertel am Main liegt. Dort wird ein Zuwachs auf 600.000 qm in den nächsten 2-3 Jahren prognostiziert.

Getrieben wird das Wachstum - des Flächen- wie des Stromverbrauchs - derzeit von der Tendenz, dass große und mittelständische Unternehmen, aber auch Privatleute, immer mehr Daten nicht auf den eigenen Rechnern in den eigenen Geschäfts- oder Privaträumen, sondern in Hochleistungsrechenzentren darauf spezialisierter Betreiber speichern und verarbeiten lassen (sog. cloud computing). So luftig und wenig greifbar sich dieser Begriff auch anhören mag, so sind es doch ernsthafte und konkrete Umweltbelastungen, die mit dem Betrieb der turnhallengroßen Serverfarmen vor den Toren unserer Städte verbunden sind. Foto: Fichtenspargel - Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=53174421Und es ist nicht nur der immense Stromverbrauch, der zu denken gibt: Wegen der jederzeit zu gewährleistenden Betriebssicherheit brauchen die Rechenzentren gewaltige Notstromaggregate (mit Tanks, die Hunderttausende Liter Diesel fassen), die bei Ausfall der zentralen Stromversorgung einspringen. Weil diese regelmä­ßig zu Probeläufen starten, riecht es an den Knotenpunkten unserer scheinbar sauberen Internetkultur wie auf einem Auto­bahnparkplatz, wo Trucks mit laufenden Motoren parken.

Das Internet wächst damit fast unbemerkt zu einem der größten Energiefresser der Welt heran. Diese Entwicklung dürfte durch aktuelle Trends wie die Verbreitung virtueller Kryptozahlungsmittel wie Bitcoin noch verstärkt werden. Dabei handelt es sich (vereinfacht ausgedrückt) um kryptografisch, d.h. durch hochkomplexe Verschlüsselungstechniken abgesi­cherte Zuordnungen von virtuellen Zahlungsmitteln bzw. Transaktionen zu Rechteinhabern, die ohne eine zentrale Abrechnungsstelle funktionieren. Das Bitcoin-Netzwerk basiert vielmehr auf einer von den Teilnehmern gemeinsam mit Hilfe einer speziellen Software verwalteten dezentralen Datenbank (sog. Blockchain), in der alle Transaktionen verzeichnet sind. Hierdurch soll sichergestellt werden, dass alle Transaktionen mit Bitcoins nur vom jewei­ligen Eigentümer vorgenommen werden und die Geldeinheiten nicht mehrfach ausgegeben werden können. Aus Sicherheitsgründen muss dabei jede dieser Überweisungen über Tausende von Computern gleichzeitig mit Verschlüsselungsalgorithmen abgesichert werden, was enorme Rechenleistungen und damit einen gigantischen Stromverbrauch mit sich bringt.

Neulich war zu lesen, dass eine einzige Überweisung eines virtuellen Bitcoins so viel Strom in Anspruch nimmt, wie ein Amerikaner in einer Woche verbraucht. Die Verwaltung der Block­chain braucht täglich 78 Mio. Kilowattstunden, die hierfür erforderlichen Datencenter erreichen zusammengenommen die Größe einer Stadt. Viele von ihnen stehen mittlerweile in Südchina oder der Mongolei, wo sie von konventionellen Kohlekraftwerken mit billigem Strom versorgt werden. So ist die paradoxe Situation entstanden, dass das virtuelle Schürfen nach der virtuellen "Kohle" (Bitcoins) ganz real zum Abbau und zum Verbrennen fossiler Brennstoffe samt der damit einhergehenden Umweltbelastung geführt hat. Nach aktuellen Meldungen will nun die chinesische Regierung, der nebenbei der unkontrollierte digitale Zahlungsverkehr ein Dorn im Auge ist, auch unter Umweltgesichtspunkten verstärkt gegen die virtuellen Zahlungs­mittel vorgehen. Aber wenn der bisherige Hype rund um die stark schwankenden Kryptowährungen anhält, könnte Bitcoin nach Schätzungen bereits in zwei Jahren mit dem Stromverbrauch der Vereinigten Staaten gleichziehen, eine apokalyptische Vorstellung. Indessen wächst die Kritik an der Kryptowährung; mehrere Notenbankchefs warnen bereits vor diesen "hochspekulativen Anlageformen".

Thailand hat vor kurzem den Geldhäusern des Landes den Handel damit verboten. China und Südkorea verfolgen ähnliche Pläne. Auch in der frisch ausgehandelten deutschen Koali­tionsvereinbarung von Union und SPD taucht das Thema auf: Danach soll sich die Bundes­regierung »für einen angemessenen Rechtsrahmen für den Handel mit Kryptowährungen ... auf europäischer und internationaler Ebene einsetzen« (was dieses »angemessen« auch immer heißen mag). Allerdings soll nach den Vorstellungen der Koalitionäre dabei weiterhin das »Potenzial der Blockchain-Technologie« erschlossen werden, das vor allem von internationalen Großbanken - auch jenseits von Bitcoin - hervorgehoben wird, zum Beispiel im Zusammenhang mit der vereinfachten Hinterlegung bzw. dem Ankauf von Forderungen (sog. Factoring), weil es auch hierbei um die eindeutige Zuordnung von verschlüsselten Daten­blöcken gehen soll. Man hat den Eindruck, dass in der hiesigen Diskussion derzeit noch die Sorge vor Steuerflucht, Geldwäsche und Hackerangriffen, andererseits aber auch vor der Behinderung von technischen Innovationen im Vordergrund steht. Das Bewusstsein für die mit der wuchernden Internetkultur verbundene Umweltbelastung scheint sich erst allmählich zu entwickeln.

Jörg Klingbeil

Jerusalem in Berlin

Im Jüdischen Museum Berlin ist derzeit die Sonderausstellung »Welcome to Jerusalem« zu sehen. Darin wird der religiöse und politische Brennpunkt Jerusalem aus vielen Facetten anschaulich vorgestellt, u.a. mit Hilfe von zahlreichen Videoinstallationen. Ich habe die Ausstellung am 16. Februar besucht und dabei in dem Raum »Diesseits und jenseits der Stadtmauer« auch einige Informationen zur Tempelgesellschaft entdeckt, darunter Bildmate­rial, das die Ausstellungsmacher nach Rücksprache mit unserem Archiv verwendet haben. Auf der Internetseite des Museums kann man viel Wissenswertes zur Struktur und zu Inhalten der Ausstellung und zu den bis Ende April 2019 noch vorgesehenen Begleitveranstaltungen nachlesen. Der umfangreiche Ausstellungskatalog kann in unserem Archiv eingesehen wer­den. Ein Tipp noch: In der Ausstellung läuft auf verschiedenen Leinwänden permanent die von mehreren Fernsehsendern (darunter Arte) produzierte Dokumentation »24h Jerusalem« , die den Alltag von 90 Bewohnern Jerusalems zeigt, die an einem einzigen Tag 24 Stunden fil­misch begleitet wurden. Mit 70 Kamerateams, israelischen und palästinensischen Filmema­chern sowie Dokumentar- und Spielfilmregisseuren aus Deutschland entstand ein umfang­reiches Werk, das die gesellschaftliche Vielfalt der Stadt eindrucksvoll spiegelt. Das beeindruckende filmische Kaleidoskop ist auf youtube zu finden.

Jörg Klingbeil

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