Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 174/11 - November 2018

 

 

Fragen praktischer Gemeindearbeit - Dr. Richard O. Hoffmann

Ein jegliches hat seine Zeit ... - Karin Klingbeil

Haben Tiere Rechte? - Teil 2 - Karin Klingbeil

200 Jahre Universität Hohenheim - Jörg Klingbeil

Der Maler des arbeitenden Menschen - Peter Lange

Fragen praktischer Gemeindearbeit

Vor rund 40 Jahren, am 28.10.1978, hielt der damalige Tempelvorsteher Dr. Richard Hoffmann im Rahmen eines Seminars der TSA den hier leicht gekürzten Vortrag. Grundlage war das vierte Sendschreiben von Christoph Hoffmann.

Dr. Richard HoffmannDas Besondere an der Tempelgesellschaft ist nicht, dass sie kein fixiertes Bekenntnis, keinen fixierten Kultus und keine Dogmen und sakramentale Handlungen besitzt, sondern die Betonung der christlichen Gemeinde, in welcher sich - wie in der Urgemeinde unter der Leitung der Apostel und der ihnen nachfolgenden Ältesten - der Geist (Gesinnung) Jesu (und damit der Geist Gottes) lebendig erhält und fortpflanzt, was die Aufgabe aller Gemeindemitglieder und speziell der Gemeinde­ältesten ist.

Diese Einsicht hatte Christoph Hoffmann als Abgeordneter des Reichsparlaments von 1848 in Frankfurt (Paulskirche) ge­wonnen und in daran anschließenden Studien biblisch begrün­det ausgesprochen.

M.E. hätte er sich mit der Veröffentlichung dieser Einsicht begnügt, weil er Theologe war und dachte, dass es die Aufga­be der Kirchen und der Staaten sei, hieraus die praktischen Konsequenzen zu ziehen; er selber traute sich die hierzu not­wendigen Kenntnisse (aus Mangel an Erfahrung) nicht zu.

Die Staatsregierungen hielten die Idee, die sich alsbald auf die Gründung solcher kleiner, übersichtlich geordneter, urgemeinde-ähnlicher Gemeinden im Heiligen Land richtete, für reli­giöse Schwärmerei, mit der sie sich nicht befassen wollten, und die Kirchenleitungen hielten die Idee außerdem auch noch für falsch und bekämpften sie aus Überzeugung.

G. D. Hardegg jedoch wies Christoph Hoffmann eindringlich darauf hin, dass es nicht genüge, eine Wahrheit nur auszusprechen, sondern dass es Gewissenspflicht sei, sich für diese Wahrheit einzusetzen, nachdem offenbar weder Regierungen noch Kirchen diese Wahr­heit weiterverfolgen wollten. Er bot ihm an, sich für die praktische Verwirklichung einzusetzen.

Damit mussten Hoffmann und Paulus den Vorschlag Hardeggs annehmen. Das nötigte sie, sich auf ein Gebiet zu begeben, dem sie zunächst einmal nach Ausbildung und praktischer Erfahrung nicht gewachsen waren. Diese Nötigung erzeugte m.E. bei Hoffmann und Paulus ein gewisses Ressentiment, aber anfänglich funktionierte die Aufgabenteilung befriedigend. Damit war Hardegg der Leiter der Tempelgesellschaft in allen weltlich-praktischen Fragen, während Hoffmann und Paulus den ideologischen Bereich zu versehen hatten.

Mit der Zeit gewann Hardegg in diesem Bereich so viel Erfahrung, dass er sich kompetent fühlte, auch darin die führende Rolle zu übernehmen, während Hoffmann und Paulus auf weltlich-organisatorischen Bereichen so viel hinzulernten, dass sie in diesen Dingen meinten, kompetent mitreden zu können. Das war eine normale Folge, aber sie stellte die ursprüngliche Zuständigkeitsabgrenzung in Frage. Sie wurde akut, weil diese bedeutenden Männer nicht nur gutherzig, sondern auch autoritär eingestellt waren. So kann man sich den Konflikt erklären, der über einer ideologischen Frage (Hardegg war Enthusiast, während Hoffmann und Paulus bezüglich der biblischen »Geistausgießung« und der »Gaben des Geistes« als Beweis für die Existenz des »Volkes Gottes« nüchterner dachten) begann und über praktischen Fragen der Gemeindeleitung in Palästina zum Bruch geführt hat.

Damit setzte sich die Ansicht von Hoffmann und Paulus über das Wesen der christlichen Gemeinde in der Tempelgesellschaft durch, wie sie im vierten Sendschreiben des Tempelvor­stehers eindringlich dargestellt wurde, obwohl gerade dieses kleine Werk selbst im Templer­kreis nur wenig gelesen worden ist.

Ich denke, dass sich die Masse der Mitglieder mit den praktischen Aufgaben des Gemeinde­lebens so viel befassen musste, dass sie keine Veranlassung sahen, sich mit der ideologi­schen Fundierung noch besonders zu beschäftigen.

Der Verlust unseres Werkes in Palästina nach dem zweiten Weltkrieg nötigte uns dazu, alle unsere Kraft auf die praktische Frage der Reorganisation der Tempelgesellschaft zu verwen­den. Das drohte uns schon nach dem ersten Weltkrieg, wurde aber durch die Rückkehr­erlaubnis 1920 sozusagen vertagt.

Inzwischen sind die praktischen Fragen durch den Wiederaufbau der Tempelgesellschaft in Deutschland und Australien einigermaßen bereinigt worden, aber die ideelle Bereinigung steht nun als Aufgabe vor uns. Daran laborieren wir z.Z. herum. Dieses Seminar ist einer der Versuche, hier zu einer gewissen einverständlichen Klärung zu kommen.

Meine eigene Meinung zu diesem Fragenkomplex ist etwa folgende:

1. Die Tempelgesellschaft will eine christliche Gemeinde sein und zwar in dem im vierten Sendschreiben umrissenen Sinn. Nach templerischer Ansicht ist eine Gemeinde eine Einheit im Geist, die sich aber auch im täglichen Leben ausdrückt.

2. Die Tempelgesellschaft und ihre Tempelgemeinden sind also Gemeinschaften auf gemein­schaftlicher geistiger Basis, die sich im praktischen Zusammenschluss von beieinander wohnenden Mitgliedern sichtbar ausdrückt (Gemeindezentren).

Wenn sich dieser Idealfall nicht durchweg verwirklichen lässt, so schadet das nicht viel, so­lange der Zusammenhalt - wie auch immer - sich aufrechterhalten lässt.

3. Die geistige Basis ist christlich, d.h. sie fußt auf dem Muster des im Neuen Testament beschriebenen Jesus von Nazareth (...) und auf den urchristlichen Gemeinden, welche die Apostel ins Leben gerufen hatten. (...)

4. Was Jesus Christus verkündete, ist bekannt (...). Die Pflege seiner Gesinnung innerhalb der Tempelgemeinde ist die oberste Aufgabe ihrer Mitglieder und ihrer Leitung (...).

5. Älteste sind Männer und Frauen, die nach Gesinnung und Fähigkeiten besonders geeignet sind, diese Gemeindeleitung auszuüben. Vortragende Älteste sind Männer und Frauen, die befähigt und bereit sind, zu der Gemeinde zu sprechen.

6. Die Vorträge sollten sich möglichst an den sog. Losungstext halten, der (...) in einem Zyklus von sieben Jahren (Anm. d. Red.: heute drei) durch den wesentlichen Inhalt des Neuen Testaments führt. (...) Der Vortrag wird durch Musik, möglichst mit Gemeindegesang, umrahmt.

Er sollte m.E. mit einem Gebet enden. Dafür sollte das Vaterunser die für die Öffentlichkeit bestimmte Form des Gebets bilden (...). Dass dadurch das Vaterunser zu einer bloßen Formel wird, ist eine Gefahr, die ich persönlich nicht fürchte. (...)

7. Neben dem Saal (Gottesdienst) stehen sonstige Feiern und Feste, deren Gestaltung die Gemeindeleitung nach Maßgabe der Umstände und Bedürfnisse im Einverständnis mit den vortragenden Ältesten ordnet.

8. Alle sonstigen Zusammenkünfte, welcher Art auch immer, sollen ebenfalls Ausdruck der in einer christlichen Gemeinde maßgebenden Frömmigkeit sein. Alles, was man mit Dank zu Gott genießt, ist dadurch geweiht - Freude bis zur Ausgelassenheit, Gemeinsamkeit, Brüder­lichkeit u.a.m.

9. Alle Probleme, die im Gemeindeleben auftreten, sollen nach Möglichkeit mit Hilfe der Älte­sten behandelt und gelöst werden.

10. Die Tätigkeit der Gemeindeältesten ist schwierig. Das wissen alle verständigen Mitglieder und werden ihnen dabei helfen, soweit sie es können.

Dazu gehört u.a. auch, dass die Mitglieder am Gemeindeleben teilnehmen, die Zusammen­künfte besuchen und die Ihren zu der Teilnahme am Gemeindeleben anhalten. Das mag manchmal lästig sein, aber es hat unbestreitbare Vorteile für das Gemeindeleben und häufig auch einen Nutzen für den »Belästigten«. Er kann sich schließlich sagen, dass die Ältesten die nicht geringe Last der Vorbereitung tragen, während er selber nur hinzukommen braucht und, wenn ihm z.B. der Vortrag nicht gefällt, sich überlegen könnte, wie er die Sache gegebenenfalls gehandhabt hätte. Jeder Älteste wird für eine positive Kritik, auch wenn sie ihn zunächst einmal verdrießt, letztlich nur dankbar sein. (...)

Dr. Richard O. Hoffmann

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Ein jegliches hat seine Zeit ...

(Prediger 3, 1-8)

... und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde...

Ein Jahrhundertsommer ist zu Ende gegangen, ein goldener Oktober hat sich angeschlos­sen. Nun steht uns wieder die dunkle Jahreszeit bevor - der Wechsel kann kaum krasser sein. Eben hingen die Apfelbäume noch voller Früchte, kaum sind sie abgeerntet, verfärben sich die Blätter und fallen ab, hinterlassen den Baum, der eben noch ein Sinnbild des Erntesegens und des prallen Lebens war, als kahles Gerippe, das seine starren Zweige in den kalten, fahlen Himmel reckt.

Es ist weise Erkenntnis, die der „Prediger“, eines der spätesten Bücher des Alten Testa­ments, in 14 Gegensatzpaare kleidet - in ihnen spielt sich unser Leben ab. Nicht im Gleichmaß verläuft es, sondern in sich wechselnden Zeiten, die gekennzeichnet sind vom Geboren-Werden über das Pflanzen, das Töten, Bauen, Weinen, Klagen, Sammeln, Herzen, Suchen, Behalten, Zerreißen, Schweigen, Lieben und Streiten samt den entsprechenden Gegensätzen. Pessimistisch hört es sich an, wenn der Prediger meint, dass - einerlei, wie sehr er sich abmüht - der Mensch daran nichts ändern kann. Aber er konstatiert auch: dass Gott alles schön gemacht hat zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.

Wenn wir nun, im November, uns wieder mit unserer Vergänglichkeit auseinandersetzen, der Toten gedenken, die ihr Leben freiwillig oder gewaltsam gelassen haben und besonders auch derer, die zu unserem Leben eng dazugehört haben, kann diese weise Einsicht des Predigers hilfreich sein. Wir sind alle eingebunden in ein großes Ganzes, in einen Strom des Lebens, das von Werden und Vergehen gekennzeichnet ist. Aber, auch wenn wir über unser Leben und darüber hinaus nichts wissen können, ist Gott die letzte Instanz - und in unser Herz ist Ewigkeit eingepflanzt. So ist das Beste, was wir tun können, uns auf das einzulassen, was uns widerfährt und damit umgehen zu lernen. Dazu gehören ganz besonders auch das Älterwerden und das Bewusstsein, in der letzten Phase seines eigenen Lebens zu stehen. Ob uns das niederdrückt oder wir eine Gelassenheit finden können, hängt wesentlich davon ab, was wir erwarten, ob wir noch an Möglichkeiten glauben, die vor uns liegen. Wer noch Pläne macht, möchte diese auch verwirklichen - wer keine Möglichkeiten mehr für sich sieht, wird starr und mutlos.

Auch die Natur zeigt uns: nach der Zeit der Starre kommt das Leben zurück, die Knospen des Frühlings bergen wieder alle Möglichkeiten in sich. Wir können das Werk Gottes nicht er­gründen, aber darauf vertrauen.

Karin Klingbeil

Haben Tiere Rechte? - Teil 2

Der englische Philosoph und Sozialreformer Jeremy Bentham (1748-1832) formulierte Ende des 18. Jahrhunderts auf der Grundlage der entscheidenden Gemeinsamkeit von Mensch und Tier, dem Schmerzempfinden, seine Auffassung: für ihn ist die Leidensfähigkeit der Tiere, nicht der Besitz von Vernunft oder die Fähigkeit zu denken maßgeblich, denn ein ausgewachsenes Pferd oder ein Hund seien weit vernünftigere und mitteilsamere Wesen als ein Säugling von einigen Tagen oder etwa geistig behinderte Menschen. »Die Frage ist nicht "Können sie denken?"oder "Können sie reden?", sondern "Können sie leiden?"« So gehörte er zu den ersten Befürwortern von Tierrechten. Zudem legte die Evolutionstheorie von Charles Darwin (1808-1882) eine natürliche Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier nahe. Leonard Nelson (1882-1927) vertrat den Grundsatz der persönlichen Würde und damit auch einen Anspruch auf die Achtung der Interessen der Betroffenen. Für ihn gehörten auch Tiere zu den Lebewesen, denen gegenüber der Mensch direkte Pflichten hat; er forderte deshalb Tierrechte und Vegetarismus. Albert Schweitzer (1875-1965) erkannte: »Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will« und entwickelte seine Ethik von der Ehrfurcht vor dem Leben, und zwar allem Leben. Damit gibt es für ihn keine objektiv geltenden Wertunterschiede im Leben; solche würden aus subjektiver Notwendigkeit gemacht. Schweitzers Ehrfurchtsethik bringt uns immer wieder in Konfliktsituationen, weil wir oft in Situationen kommen, in denen wir anderes Leben schädigen oder vernichten müssen, um das eigene zu erhalten. Sein Grund­prinzip ist die aktive Verantwortung, grundsätzlich Leben zu erhalten und zu fördern.

In den 1970er Jahren etabliert sich die Tierethik als wissenschaftliche Disziplin und ist inzwischen zu einem festen Bestandteil der philosophischen Ethik geworden. Der Australier Peter Singer (Utilitarismus), der US-Amerikaner Tom Regan, Helmut F. Kaplan aus Österreich, Richard David Precht und Ursula Wolf sind u.a. Philosophen und Ethiker der Gegenwart, die zwar unterschiedliche Ansätze vertreten und zu mehr oder weniger intensiv vertretenen Forderungen gelangen (Vegetarismus, Veganismus). Aber aufgrund der Tatsache, dass Tiere nicht nur Schmerz empfinden, sondern auch Angst, Freude, sogar Eifersucht, Neid und Trauer fühlen, auch Statusbewusstsein und Fähigkeit zur Empathie haben können, haben sie moralisch um ihrer selbst willen einen Status, völlig unabhängig vom Nutzen, den sie für den Menschen haben. In Deutschland und in der Schweiz ist der Tierschutz daher in der Verfassung verankert; auf religiöser Seite hat Papst Franziskus in seiner Enzyklika »Laudato si« festgestellt, dass Tiere nicht für den Menschen da sind, sondern dass Gott selbst in jedem Geschöpf wohnt und sich durch dieses in der Welt offenbart - doch irgendeine spürbare Wirkung erzielte er damit nicht.

Wenn wir dem Tier um seiner selbst willen Rechte zusprechen, wird unser augenblicklicher Umgang mit ihm als unserm Mitgeschöpf nicht nur fragwürdig, sondern unvertretbar (zumal unser Verhalten gespalten ist: viele, die sich Haustiere halten und diese abgöttisch lieben, essen ganz selbstverständlich Fleisch). Wenn wir die zweite Position beziehen und als Menschen eine Sonderstellung unter den Lebewesen einfordern, die eine "Nutzung" von Tieren erlaubt, dann sollte gleichwohl der Schutz des Tieres - artgemäßes Leben und Wohlbefinden - einen hohen Stellenwert einnehmen. Wir sind den Tieren mindestens so viel Respekt schuldig, dass wir - kompromisslos - ein System entwickeln, das ihren Bedürfnissen angepasst ist und nicht umgekehrt.

Problematisch ist die Nutzung von Tieren nicht nur zu Nahrungszwecken, sondern auch für Tierversuche (zumal viele Tierversuche gar nicht auf den Menschen übertragen werden kön­nen), die Zulässigkeit der Jagd, des Stierkampfs, von Zirkus- und Zoohaltung, der Pelztier­zucht und einiges andere mehr.

Exkurs: Was allerdings den Fleischkonsum angeht, so ist hier die moralische nur eine der Seiten, zu der wir Stellung beziehen müssen. Aufgrund von Tradition und der Tatsache, dass Fleisch durch die unwürdigen "Tierfabriken" so billig geworden ist, stieg der Fleischkonsum unserer Gesellschaft in nicht gekannte Höhen. Ganz abgesehen von den moralischen Fragen, die der Fleischkonsum an sich aufwirft, sollte er auch wegen folgender Zusammenhänge unbedingt radikal eingedämmt werden: um das Futter für die Massentierhaltung herzustellen, wird zunehmend Regenwald abgeholzt; die dafür verwendeten Ackerflächen stehen der Versorgung des Menschen nicht zur Verfügung. Neben dem Futter wird die Hälfte der verfüg­baren Trinkwassermenge verbraucht (zur Erzeugung von 1 kg Fleisch werden zwischen 3.000 - bei Geflügel - und 16.000 l Wasser - bei Schweinen und Rindern - benötigt!) und die CO2-Belastung hat einen erheblichen Anteil am Treibhauseffekt und am Klimawandel (mittlerweile ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Fleischproduktion das Klima weit mehr schädigt als das Autofahren!). Die Entsorgung der Gülle belastet Böden, Grundwasser und Flüsse massiv mit Nitrat und wirft zunehmend Probleme auf, weil dieses auch ins Meer gespült wird und dort das Algenwachstum fördert, das wiederum nach dem Absterben zu großflächigen Fäulnisprozes­sen führt und das Leben im Meer vergiftet. Damit sind nur kurz einige Zusammenhänge ange­rissen.

Nach diesem Ausflug abseits der Frage nach dem Recht der Tiere noch einmal zurück zum religiösen Aspekt des Themas: Wenn wir unsere Welt als Gottes Schöpfung verstehen, dann ist sie eine beseelte Einheit, die untereinander verbunden ist - und nicht ‚nur für den Menschen geschaffen‘. Jesus hat sich der Welt in Liebe, Barmherzigkeit und Empathie zugewandt, nicht mit Herrschaftsansprüchen. Überall, wo vom Reich Gottes die Rede ist, sind auch die Tiere einbezogen (Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur, Markus 16,15).

Karin Klingbeil

 

»Nicht Erbarmen, sondern Gerechtigkeit sind wir den Tieren schuldig!«

(Arthur Schopenhauer)

200 Jahre Universität Hohenheim

- auch eine bekannte Ausbildungsstätte für Templer

Was haben die Universität Hohenheim und die Tempelgesellschaft miteinander zu tun? Auf den ersten Blick nichts, doch bei näherer Betrachtung ergeben sich durchaus interessante Bezüge. Anfang April 1815 brach in Indonesien der Vulkan Tambora mit einer geschätzten Sprengkraft von 175.000 Hiroshima-Bomben aus - es war der schlimmste Vulkanausbruch der Neuzeit. 140 Milliarden Tonnen Asche- und Staubpartikel schossen in die Atmosphäre empor. Riesige Aschewolken verdunkelten den Himmel und zogen rund um die Erde. Im folgenden Jahr 1816, in dem König Wilhelm I. von Württemberg und seine Frau Katharina Pawlowna den Thron bestiegen, fiel der Sommer praktisch aus; es gab riesige Ernteausfälle. 1817 folgte eine verheerende Hungersnot in ganz Europa. Aus Verzweiflung wurde das Grundnahrungsmittel Brot mit Blättern, Wurzeln, Gras oder sogar Sägespänen gestreckt. Viele Menschen wanderten aus. In dieser Situation wandte sich der Leonberger Bürgermeister und Notar Gottlieb Wilhelm Hoffmann, der Vater des 1815 geborenen Gründers der Tempelgesellschaft, Christoph Hoff­mann, an den württembergischen König, er möge die Auswanderungswelle durch die Zulas­sung unabhängiger religiöser Gemeinden im Lande eindämmen. So entstand im Jahre 1819 schließlich die selbständige Brüdergemeinde Korntal, in der Christoph Hoffmann aufwuchs und die ihn wesentlich prägte.

Um wieder eine nachhaltige landwirtschaftliche Produktionssteigerung zu erreichen, musste jedoch neues Wissen geschaffen und verbreitet werden. Deshalb gründeten König Wilhelm I. von Württemberg und seine Frau am 20. November 1818 die »landwirtschaftliche Unterrichts-, Versuchs- und Musteranstalt Hohenheim«, die in der ehemaligen Sommerresidenz von Herzog Carl Eugen untergebracht wurde. Universität Hohenheim - Fotograf: Wolfram ScheibleIm ersten Jahr wurden gerade einmal 16 Schüler in Landwirtschaft, Mathematik, Physik, Chemie, Mineralogie und Bota­nik unterrichtet. Von Anfang an war die Ausbildung sehr praxisorientiert. Maßgeblich hierzu trug auch die im Verlauf des 19. Jahrhunderts angegliederte Hohenheimer Ackergerätefabrik bei, in der neue Ackergeräte konstruiert und gebaut wurden. Da da­mals viele Wagenbauer und Schmiede mit gezeichneten Plänen nichts anfangen konnten, entwickelten die Konstrukteure funktionsfähige Modelle, die weltweit versandt und einfach nachgebaut werden konnten. Bis heute bezeichnet sich die Universität Hohenheim gerne als das »Silicon Valley des 19. Jahrhunderts«. Die 1825 hinzugekommene akademische Forst­ausbildung harmonierte mit der Ausbildung für den Ackerbau allerdings nicht gut, da für das Forststudium zwingend das Abitur erforderlich war, für das Landwirtschaftsstudium jedoch nicht. 1880 ging man im Streit auseinander; die Forstleute wechselten zur Universität Tübin­gen. 1847 wurde auch eine Gartenbauschule, 1854 das Fach Agrikulturchemie in die inzwi­schen zur Landwirtschaftlichen Akademie aufgewertete Anstalt einbezogen. Von Anfang an eingegliedert waren die Gutswirtschaft von Hohenheim und eine Waisenanstalt (die spätere Ackerbauschule) mit einer Elementarschule, aus der sich im Laufe des 19. Jahrhunderts eine Grundschule und eine Reallateinschule entwickelten. Diese war die Vorläuferin des heutigen Gymnasiums Hohenheim, das nach dem berühmtesten »Hohenheimer« benannt wurde, nach dem Arzt, Naturforscher und Laientheologen Theophrast Bombast von Hohenheim, der sich ab 1529 Paracelsus nannte, jedoch nie in Hohenheim war. Schon 1820 wurde auch eine Mensa für die Schüler eingerichtet: die »Speisemeisterei«, die ihren Namen bis heute behalten hat und - nachdem eine neue Mensa für die Studenten errichtet wurde - seit 1993 ein hochdeko­riertes Edelrestaurant beherbergt.

1875 wurde das Fächerangebot um die Volkswirtschaftslehre erweitert, aus der sich allmäh­lich die Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften entwickelte. 1904 wurde die Akademie in Landwirtschaftliche Hochschule Hohenheim umbenannt und erhielt 1918/19 auch das Pro­motions- und Habilitationsrecht. Mit der Agrikulturchemikerin Margarete Baronesse von Wran­gell konnte sie im Jahre 1923 sogar die erste ordentliche Professorin einer deutschen Hoch­schule aufweisen. Der (offenbar ausgeprägte) nationalsozialistische Einfluss auf den Hoch­schulbetrieb wird derzeit wissenschaftlich durchleuchtet. 1968 wurde die Landwirtschaftliche Hochschule schließlich in »Universität Hohenheim« umbenannt. Statt einer Handvoll Schüler wie zu Beginn tummeln sich auf dem Campus heute knapp 10.000 (überwiegend weibliche) Studierende, die unter 40 Studiengängen auswählen können; mehr als die Hälfte studieren ein Fach aus dem Bereich der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, nur noch ein gutes Viertel Agrarwissenschaften. In der Agrarforschung und in »Food Science« belegt die kleine Universi­tät auf den Fildern in entsprechenden Vergleichen Platz 1 in Deutschland, Platz 5 in Europa und Platz 15 weltweit.

Da sich viele Siedler in den neuen Templersiedlungen in Palästina in der Landwirtschaft betätigten, blieb es nicht aus, dass auch einige Templer die Landwirtschaftliche Hochschule Hohenheim besuchten und ihre dort gewonnenen Erfahrungen nutzbringend für die Landwirtschaft in Palästina anwenden und ihr Wissen weitergeben konnten. So entstand im November 1909 eine Landwirtschaftsschule in der 1903 gegründeten Templersiedlung Wilhelma. Ackerbauschule Wilhelma - Archiv der TSAErster Leiter wurde der 1877 in München geborene und in Hohenheim zum Diplomlandwirt ausgebildete Friedrich Gustav (»Fritz«) Keller, der älteste Sohn des Kunstmalers Friedrich Keller (siehe dazu den Beitrag von Peter Lange in dieser Ausgabe), der nach seinem Studium zunächst Landwirtschaftslehrer in Poppelau (Oberschlesien) war. Er pachtete in Wilhelma ein landwirtschaft­liches Anwesen und errichtete dort eine Ackerbau­schule, anfänglich mit 14 Schülern, von denen zehn Templer waren. Der Lehrplan umfasste landwirt­schaftliches Rechnen, anorganische Chemie, Phy­sik, Pflanzenbaulehre einschließlich Bodenkunde, Dunglehre, Methoden der Bodenbearbei­tung, Tierzucht und Tierheilkunde, Maschinen- und Gerätekunde, Volkswirtschaftslehre, Buch­führung, Betriebslehre sowie praktische Unterweisungen. Das Deutsche Reich gewährte der Landwirtschaftsschule eine jährliche Beihilfe von 400 Reichsmark. 1913 musste Fritz Keller wegen der ihm sonst übertragenen landwirtschaftlichen Aufgaben den Lehrplan einschränken. Der deutsche Konsul in Jaffa bescheinigte ihm, dass er noch mehr durch praktische Anweisungen als durch theoretischen Unterricht wirke und dass nicht nur die (wenigen) Schüler, sondern auch die Alten von seiner Arbeit Vorteile hätten. Seine wissenschaftlichen Versuche im Zucht- und Düngewesen, die ihm nicht unerhebliche Opfer kosteten, kämen allen Kolonisten zugute. Durch seine gelegentlichen Vorträge mache er auch eine wirksame Propaganda für deutsche Exporterzeugnisse (s. Sauer, S. 111). Damit war vermutlich auch der Einsatz von Kunstdünger gemeint, den Fritz Keller ab 1909 mit großem Erfolg testete und fortan propagierte. Seine kleine Broschüre »Düngungsversuche in Palästina 1912« (Archiv T-928) legt hiervon beredtes Zeugnis ab. Im gleichen Jahr schilderte er in der »Illustrierten Landwirtschaftlichen Zeitung« die deutschen Kolonien in Palästina und deren Landwirtschaft; der Aufsatz wurde auch in der »Jerusalemer Warte« (1912, S. 131 f., 140 f.) veröffentlicht. Fritz Keller starb im Mai 1950 in Hamburg.

An der Ackerbauschule von Wilhelma wurde Fritz Keller von seinem jüngsten Bruder Her­mann unterstützt, der 1886 in Stuttgart zur Welt kam und ebenfalls an der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim zum Diplomlandwirt ausgebildet wurde. Wohl dem Beispiel seines Bruders folgend wanderte Hermann Keller 1910 nach Palästina aus und heiratete 1912 in Haifa Maria Magdalena Dyck. 1934 kehrte er mit seiner Familie nach Deutschland zurück und kaufte 1937 ein landwirtschaftliches Gut in der Nähe von Hamburg, wo er 1969 starb.

Jörg Klingbeil

Aus dem Archiv

Der Maler des arbeitenden Menschen

Der Templer Friedrich Keller

Es war an einem klaren und sonnigen Sommertag, als ich auf einem Stadtspaziergang durch die Hanglagen des Stuttgarter Nordens plötzlich ans Ende der kleinen Straße kam und schon umkehren wollte, als ich eine aufwärts führende Treppe erblickte. Über ihr war das Straßen­schild »Friedrich-Keller-Staffel« angebracht mit der näheren Namenserklärung: »Friedrich von Keller, Maler und Professor an der Stuttgarter Kunstakademie«. Friedrich-Keller-StaffelDer Name war mir aus meiner Archivzeit im Gedächtnis geblieben. Wer war denn dieser Keller? Ich ging sofort daran, die Staffel hinaufzugehen. Wo wird sie mich wohl hinführen? Sie endete nach etlichen Höhenmetern an der Friedrich-Ebert-Straße, und im Anblick der weißen würfelförmigen Gebäude gegenüber war mir sofort klar: ich stand vor dem kürzlich zum UNESCO-Welt­kulturerbe erhobenen Häuser-Ensemble der Wei­ßenhofsiedlung, dem sich dahinter die »Staatliche Akademie der bildenden Künste« mit ihren künstlerischen Fassadentafeln anschloss. In dieser Akademie nun war der aus Neckarweihingen bei Ludwigsburg stammende Friedrich Keller vor 135 Jahren zum Professor ernannt und später mit dem Adelstitel ausgezeichnet worden.

Nun muss man wissen, dass die Kellers in unserer Templer-Geschichte in zwei Linien zu unterteilen sind: einerseits in die aus dem nördlichen Schwarzwald (Neuweiler) nach Palästina gekommene und durch den Vizekonsul Keller in Haifa bekannt gewordene und andererseits in die durch den Maler Friedrich Keller und seine beiden in der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim mit Diplom-Abschluss ausgebildeten Söhne Fritz und Hermann Keller vertretene Linie. Zu diesen beiden sei auf den Beitrag über die heutige Universität Hohenheim in dieser Ausgabe verwiesen.

Ihr Vater Friedrich war nur einmal besuchsweise in Palästina gewesen, hatte jedoch in der Stuttgarter Tempel-Gebietsleitung wertvolle Arbeit geleistet. In einem Nachruf der »Warte« vom 5. Oktober 1914 stand, dass er »als eines der Hauptmitglieder der hiesigen Tempelge­meinde eine wichtige Stütze« gewesen sei. Das bezog sich wohl auf die Jahre 1893-1895, als der ebenfalls aus Neckarweihingen stammende Gebietsleiter Adolf Gräter ihn zum Eintritt in die Tempelarbeit bewogen hatte.

Manche unserer Mitglieder werden sich an das großformatige Ölgemälde von Professor Keller mit dem Titel »Grablegung Christi« erinnern, das viele Jahre in unserem Degerlocher Gemeindesaal hing und später als Leihgabe der Gemeinde Abtsgmünd übergeben wurde, wo sich auch die Grabstätte des Malers befindet. Vielleicht erinnert sich manch ein Templer noch an den Besuch einer Ausstellung des Städtischen Museums Ludwigsburg, in der Gemälde Kellers gezeigt wurden. Dort lernten wir die besondere Genre-Malerei Kellers näher kennen. Mit seinen großformatigen Bildern von Steinbrechern und Hammerschmieden zählt er bis heute zur Avantgarde der süddeutschen Maler des späten 19. Jahrhunderts. Der Katalog zu dieser Ausstellung mit vielen Wiedergaben seiner Gemälde kann in unserem TGD-Archiv unter der Nr. T-165 eingesehen werden.

Schon in jungen Jahren wurde das Maler-Talent Friedrich Kellers von der Familie und den Erziehern wahrgenommen. Man hoffte wohl zunächst, dass der Bub so wie sein Vater das Weingärtner-Handwerk erlernen würde. Doch als Fritz immer mehr seiner Neigung zum Zeichnen und Malen nachging, hieß es von den Eltern: »Wir Weingärtner und Bauern müssen im Schweiß des Angesichts unser Brot essen, das ist Gottes Ordnung. Zeichnen und Malen ist für die Herrensöhne!« Familie Friedrich Keller, von links: Tine, Ernstine (Mutter), Fritz, Anne, Hermann, Friedrich (Vater)Und sein älterer Bruder mein­te zu ihm: »Kerle, di kam ma oifach zu nex brau­cha.« Der so von seiner Umgebung Beschriebene setzte sich trotz aller Vorurteile im Laufe der Jahre mit seinen persönlichen Neigungen durch und wurde zum »ersten deutschen Maler, der sich für die Erscheinung des Arbeiters interessierte«. Nicht nur mit seinen Bildern der Steinbrecher und Schmiede errang er Aufmerksamkeit, auch mit Steinschleifern, Mühlen- und Wehrarbeitern verschrieb er sich wirklichkeitsnahen, unge­schönten Alltagsthemen. Sein Förderer in den Jahren seiner Ausbildung in der Kunstakademie war übrigens ein anderer Jerusalemsfreund, und zwar der aus Neuffen stammende Sekretär der Königlichen Münzanstalt in Stuttgart, Heinrich Aberle.

1871, nach Beendigung seines Studiums, das er mit Auszeichnung bestand, siedelte Keller nach München über, in die Kunststadt des 19. Jahrhunderts. 1877 verließ er München, arbeitete als freier Kunstmaler und unternahm Studienreisen nach Venedig, Mailand und Rom. 1883 wurde er als Professor an die Stuttgarter Kunstschule berufen. Das bedingte einen Umzug in die Hohenheimer Straße der Landeshauptstadt. Von 1898 bis 1900 war er Direktor dieser Kunstschule, was ihm zahlreiche öffentliche Aufträge für großformatige Gemälde einbrachte. 1909 wurde er mit der Verleihung des Großkreuzes des Ordens der Württem­bergischen Krone in den Adelsstand erhoben.

Wir als Religionsgemeinschaft sollten nicht versäumen, die zahlreichen Bilder biblischer Themen zu erwähnen, die aus seinem Schaffen hervorgegangen sind, wie »Der Sturm auf dem See Genezareth«, »Kreuzabnahme«, »Grablegung«, »Segnung der Kinder«, »Anbetung der Könige«, Die Salbung in Bethanien«, »Christus heilt einen Aussätzigen«, Jesus und die Sünderin«, »Ecce Homo«, »Salome vor Herodes«, »Auferstehung«, »Bergpredigt«, »Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid«.

Eine Urenkelin von Friedrich Keller, Ursel Bader, hat die Lebensgeschichte des berühmten Malers nach mündlicher Überlieferung der Familie, aus Briefen, Dokumenten und Biografien in einem Heft nachgezeichnet, das sich zusammen mit anderen Aktenstücken als Nr. T-873 im TGD-Archiv befindet. Friedrich Keller ist am 18. Februar 1840 in Neckarweihingen bei Lud­wigsburg geboren und am 26. August 1914 in Abtsgmünd bei Aalen gestorben.

Peter Lange

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