Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 167/9 - September 2011

 

 

Was bedeutet für uns Glück?

Leserbrief zu »Glücklich im Hier und Jetzt«, »Warte« 7/8 2011

Ich habe den Bericht über die Piraha-Indianer mit großem Interesse gelesen. Selbst in der knappen Form einer Buchbesprechung macht er eine Lebensweise anschaulich, die der unsrigen in jeder Hinsicht diametral entgegengesetzt ist: ohne ein Gefühl für Vergangenheit und Zukunft, ohne Vorsorge und ohne ein Streben nach irgendwas, ein Leben in der Gegenwart, fröhlich, wenn es etwas zu essen gibt - die Piraha leben von Jagd und Fischfang - und gelassen gegenüber Hunger, Krankheit und Tod.

Das Buch, auf dem der Bericht beruht, trägt in der deutschen Übersetzung den Titel »Das glücklichste Volk«. Selbst wenn das nicht dem englischen Original entsprechen sollte, wenn es ganz oder teilweise ironisch oder als Herausforderung gemeint sein sollte - mir erscheint er passend, denn er nennt die Frage, die sich mir sofort beim Lesen des Berichts gestellt hat: leben diese Piraha-Indianer nicht glücklicher als wir mit unseren Verpflichtungen und Terminen, unseren Selbstzweifeln und Ängsten, unserem Wünschen und Streben? Und leben sie nicht wenigstens in einer Hinsicht besser: im Einklang mit der Natur?

Dem Autor Daniel Everett stellte sich diese Frage offensichtlich auch. Er war gekommen, um die Piraha zu Christen zu machen. Das scheiterte von allem Anfang an daran, dass diese weder Worte noch Sinn noch Interesse für Abstraktes hatten. Umgekehrt war aber er so fasziniert von dieser fremden Lebensweise, dass er sich zum Atheismus »bekehrte« und trotz aller Widrigkeiten 7 Jahre blieb, um Sprache, Sitte, Denkweise der Piraha zu erforschen. Aber als er das vollbracht hatte, kehrte er in seine eigene Kultur zurück.

Das Beispiel suggeriert eine einfache Antwort auf die gestellte Frage: wir heutigen Menschen, nach Jahrzehntausenden kultureller Entwicklung, können so nicht mehr leben: vielleicht zur Not noch unter so primitiven Bedingungen, aber nicht ohne Aufgabe und ohne Ziel - auch wenn das Ziel oft nur darin besteht, solchen Bedingungen zu entkommen.

Es gibt eine zweite »einfache« Antwort. So kann man nur unter ganz bestimmten Bedingungen leben: in einem Klima ohne ausgeprägte Jahreszeiten wie kalte Winter oder dürre Sommer, für die man Vorsorge treffen muss; in einer Umgebung, wo das natürliche Nahrungsangebot - Jagdtiere, Fische, Früchte, Kräuter - so groß ist, dass eine kleine Population davon auf Dauer überleben kann. Als die Erde noch dünn bevölkert war, gab es weite Gebiete, für die das zutraf. Heute müsste die konkrete Antwort wohl heißen: in einigen entlegenen Winkeln des tropischen Regenwaldes ohne Kontakt zur Außenwelt; und sonst nirgends.

Das ist die rationale Antwort: man kann so nicht mehr leben - auch die Piraha werden es wohl bald nicht mehr können. Und der Grund dafür ist, dass wir, die Menschheit, mit unserer überproportionalen Vermehrung einerseits und unserem Streben nach »Verbesserung« andrerseits die Erde und uns selbst unwiderruflich verändert haben.

Aber die Frage hat noch eine andere Dimension. Ist Glück der Sinn unseres Lebens? Und wenn ja, worauf beruht es? Eine allgemein gültige Antwort darauf kann es nicht geben. Ich will nur auf zwei Aspekte hinweisen, die sich mir beim Lesen spontan aufgedrängt haben.

Der eine: von allen Kulturen, von denen wir überhaupt etwas wissen, scheinen mir die Pirahas den Tieren am nächsten zu stehen. Von den frühesten - Steinzeitjäger, Neandertaler - wissen wir nur durch ihre Grabbeigaben und durch ihre Kunst. Grabbeigaben beweisen, dass sie an irgendeine Art von Jenseits glaubten, und dass dieses Jenseits ihnen wichtig war, - viele dieser Beigaben wie Geräte, Gefäße mussten in mühsamer Arbeit gefertigt worden sein. Höhlenmalerei und Kleinskulpturen beweisen zwar nichts, weil wir ihre Zweckbestimmung nicht sicher kennen; aber es liegt nahe, dass sie mit Magie zusammenhingen, also dem Glauben an geistige Kräfte, die man beeinflussen konnte und wollte, etwa den Jagderfolg durch die Jagdzeichnungen an den Felswänden oder die Fruchtbarkeit der Frauen durch eine Figur wie die »Venus« von der Alb mit ihren überdimensionalen Geschlechtsmerkmalen.

Diese Menschen dachten bereits, wie wir, ein Stück Zukunft voraus und suchten sie zu beeinflussen. Schon sie konnten das nicht mehr, was offenbar die Pirahas noch konnten oder können: ausschließlich in der Gegenwart leben. Und ich denke, dass sie genau deshalb besser als wir unbeschwert in der Gegenwart glücklich sein können. Ob sie damit insgesamt glücklicher sind, lässt sich nicht entscheiden, denn es gibt viele verschiedene Arten von Glück.

Damit bin ich bei meinem zweiten Aspekt: einem Ausspruch Christoph Hoffmanns (aus dem Gedächtnis zitiert): »Natürlich hätte Gott uns so erschaffen können, dass wir unfähig zur Schuld wären. Dann wären wir heute noch im Paradies, unschuldig und glücklich. Aber dann wären wir auch dumm und faul geblieben.« Aber das wollte er nicht. Hoffmann sagt sogar etwas später »Das konnte Gott nicht.« Denn er hatte den Menschen ein Ziel gesetzt: »Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist« (Matth. 5, 48). Und zu diesem Ziel der Vollkommenheit gehört die Freiheit der Entscheidung zwischen Gut und Böse, die Erfahrung von Schuld und Scheitern, die Bewährung im Kampf gegen das Böse in einem selbst und in der Welt.

Von Glück ist nicht die Rede, das war für Hoffmann kein Gesichtspunkt. Trotzdem spielte es eine Rolle - aber in einem anderen Sinn. Es gibt Aussagen einfacher Templer vom Kirschenhardthof und dem Beginn der Siedlung in Palästina, die - mitten im Überlebenskampf - von dem großen Glück sprechen, an einem solchen Streben teilzuhaben. Das kann unbewusste Anpassungsrhetorik sein. Aber ich denke, wenn die frühen Templer nicht etwas von diesem Glück empfunden hätten, hätten sie die Leiden der Anfangszeit nicht durchgestanden.

Außerdem gehörte für Hoffmann zum Streben nach Vervollkommnung, nach dem Reich Gottes, die Ausbildung aller in einem Menschen angelegten Fähigkeiten: die Ausbildung von Verstand und Gefühl, das Streben nach Erkenntnis, die Pflege von Wissenschaft, Kunst und Musik, die Freude am Schönen. Wer zu irgendeinem dieser Gebiete Neigung und Begabung hat, weiß, wie viel Glück sie vermitteln können. Hoffmann, der sein Leben lang Dichtung liebte und auch selbst verfasste, wusste es. Er schrieb nicht nur Gedichte, sondern auch Dramen, die aber alle in den Ansätzen stecken blieben; vielleicht aus einem Mangel an Inspiration, sicher, weil er mit dem Beginn der Kolonisation dafür keine Zeit mehr hatte. Und das ist bezeichnend. Die anderen Beschäftigungen waren gut, aber im Zweifelsfall hatten sie zurückzutreten gegenüber dem direkten Streben nach dem Reich Gottes. Sie sollten der Vervollkommnung dienen, nicht etwa nur der Unterhaltung und dem Genuss.

Dieser Rigorismus mutet uns fremd an, schon deshalb, weil die Grenze zwischen dem, was »nur« dem Genuss und dem, was der Vervollkommnung dient, schwer zu ziehen ist. Sie hat sich deshalb auch, innerhalb von nur drei Generationen, stark verschoben. Z.B. kämpfte schon die zweite Generation, schließlich mit Erfolg, um die Zulassung von Tanzstunden. Gehören Tanzstunden zum Reich Gottes?

Die Frage erscheint uns lächerlich. Aber dahinter steht, auch wenn das so nicht gesagt wurde, die Frage, die auch uns angeht: sind Glück und Freude in sich selbst ein Kriterium für das Reich Gottes, bzw. für das Streben danach? Auch dann, wenn sie keinem erkennbaren edlen Zweck dienen? Hoffmann hätte wohl nein gesagt. Er gebraucht in seinem Jugendunterricht das Bild vom Erwachsenwerden. Für Kinder ist es legitim, nur das zu tun, was ihnen Freude macht. Der Erwachsene muss prüfen, ob das, woran er seine Zeit und Kraft setzt, dem Ganzen, der Gemeinde, dem Streben nach dem Reich Gottes dient. Das ist mir, und wahrscheinlich den meisten von uns, zu eng. Glück und Freude tragen dazu bei, die Welt heller, fröhlicher, ein kleines bisschen Reich-Gottes-ähnlicher zu machen. Wenn jemand sich für etwas begeistert, auch für etwas, was mich eigentlich nicht interessiert, dann strahlt doch etwas von seiner Freude auf mich ab. Wir dürfen und sollen uns freuen. Natürlich stehen wir trotzdem immer wieder vor der Frage, welche von den vielen Dingen, die wir tun sollten und tun wollten, Vorrang haben müssten. Die eigene Freude dabei ist vielleicht nicht das wichtigste, aber ein legitimes Kriterium.

Brigitte Hoffmann

Neutestamentliche Bilder von Gemeinde

Acker, Bauwerk, Tempel

Es gibt Dinge, über die man nur in Bildern sprechen kann. Das gilt besonders für all das, was uns wirklich etwas bedeutet. Wenn es um Leben, Liebe, Tod und den, der all das umfängt, geht, stößt unsere Sprache schnell an die Grenze dessen, was man sagen kann. Genau an diesem Punkt beginnt das Reich der Kunst. In Gestalt von Bildern, Musik, Dichtung und anderem mehr vermag sie dem Ausdruck zu verleihen, was sich eigentlicher Rede entzieht. Darum ist die Bibel voll von bildhafter Sprache - und in Bildern redet sie auch, um zu beschreiben, was es mit der Gemeindeauf sich hat. Allein schon das weist auf einen Charakterzug hin, der aller Rede von der Gemeinde im Neuen Testament wesentlich ist: Gemeinde ist nie nur von dieser Welt.

Natürlich setzt Gemeinde sich aus ihren Gliedern zusammen, Gemeinde lässt sich soziologisch als ein Milieu unter anderen beschreiben - und wären nicht Menschen da, die ganz real Geld und Zeit in sie investierten, gäbe es wohl nichts zu beschreiben. Aber Gemeinde ist mehr als die Summe ihrer Glieder - nicht umsonst sprechen wir nicht von »Mitgliedern«, sondern von »Gliedern« der Gemeinde, denn eine Gemeinde ist etwas anderes als ein Verein.

Aus der Fülle neutestamentlicher Bilder von Gemeinde wähle ich drei aus, die Paulus im Ersten Korintherbrief selbst nebeneinander stellt, um seinen Adressaten deutlich zu machen, was Gemeinde ist und welche Verantwortung ihren Gliedern zukommt.

Das Bild, das Paulus in 1 Kor 3,5-9 verwendet, um Gemeinde zu beschreiben, ist das von einemAcker oder einem Garten. Um einen Acker zu bebauen und dazu zu bringen, dass dort etwas wächst, braucht es Menschen, die sich kümmern, von alleine tut sich nichts. Aber irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem es nichts mehr zu tun gibt. Da kann man nur noch darauf warten, dass die Saat aufgeht, und das ist trotz aller Bemühungen nicht selbstverständlich. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wenn dann etwas wächst, liegt es - so sagt es Paulus - an Gott, der das Gedeihen gibt. Übersetzt man das Bild, dann bedeutet das: Es ist Gott, der Gemeinden wachsen lässt - und alles, was Menschen im Raum der Gemeinde tun, ist Mitarbeit an Gottes Werk. Das wertet menschliches Engagement auf der einen Seite ungeheuer auf: Derjenige, der die Tassen nach dem Kirchenkaffee spült, ist nichts weniger als ein Mitarbeiter Gottes. Auf der anderen Seite weist es menschliche Geltungssucht auch in ihre Schranken, denn der, der in der Gemeinde besondere Verantwortung wahrnimmt, ist auch nichts anderes und nicht mehr als ein Mitarbeiter Gottes. Zum dritten weist es darauf hin: Gemeinde ist letztlich Gottes Werk - und sie ist Gottes Eigentum, das zeigen die Genitive im letzten Vers: »Gottes Ackerfeld, Gottes Bau«.

Damit wechselt Paulus zum nächsten Bild und vergleicht die Gemeinde mit einem Gebäude: »Ich, nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus« (1 Kor 3,10-15). Die Rolle des Apostels ist die des Gemeindegründers. Mit seiner Verkündigung hat er sozusagen das Fundament gesetzt. Aber das Fundament ist ein anderer als er selbst. Das Fundament ist Christus. Das ist ein weiteres Element, das allen neutestamentlichen Gemeindebildern gemeinsam ist. Alles hat einen Bezug zu Christus - das bedeutet, es hat einen Bezug zu der Geschichte Gottes, der sich in Jesus, seinem Repräsentanten, Menschen zugewandt hat, die zuvor nichts mit ihm zu tun hatten. Auf dem Fundament dieser Geschichte bauen Menschen nun Gemeinde auf. Das tut nun jeder so, wie er es für richtig hält. Darüber kann man auch trefflich streiten. Was tut einer Gemeinde gut? Was schadet ihr? Das sind Fragen, die uns vertraut sind.

Was als Acker begann, sodann zum Gebäude wurde, wird nun zu einem Bauwerk besonderer Art, zu einem Tempel: »Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben, denn der Tempel Gottes ist heilig; der seid ihr.« (1 Kor 3,16). Äcker und Häuser kennen wir - und darum können wir mit diesen Bildern höchst wahrscheinlich auch unmittelbar etwas anfangen. Die ersten Adressatinnen und Adressaten der paulinischen Briefe waren anders als wir auch mit Tempeln sehr vertraut. Tempel gab es im ganzen römischen Reich in fast jeder Stadt. Tempel waren Orte der Präsenz des Heiligen. Gottheiten vergegenwärtigten sich dort in Gestalt von Statuen oder außergewöhnlichen Naturphänomenen. Tempel waren Orte, an denen man den Göttern in geordneter und lebensdienlicher Weise begegnen konnte.

Bis in unsere Zeit hat sich noch etwas von der damals geltenden Sprachregelung erhalten. Wir können von etwas »Profanem« sprechen. In diesem Fremdwort verbirgt sich Unterscheidung zwischen dem »fanum«, einem für die Gottheiten ausgesonderten Bereich, und dem »pro-fanum«, dem Bereich »vor« dem Heiligtum.

So war die Welt strukturiert, in der die Menschen, an die Paulus sich wandte, lebten: Es gibt Bereiche, die heilig sind, also den Göttern gehören. In ihnen gelten besondere Regeln, die menschliches Tun und Lassen normieren. Darum herum gibt es Bereiche, die profan sind, in denen die Menschen ihr alltägliches Leben leben - mit allem, was dazu gehört.

Wenn Paulus das Bild von einem Tempel auf die Gemeinde anwendet, hebt er die Gemeinde gleichsam aus dieser Welt des Alltäglichen heraus. Gemeinde ist nicht einfach ein Zusammenschluss von Gleichgesinnten. Gemeinde wird Gemeinde, weil dort Gott anwesend ist, weil Gott sich diesen Bereich zu eigen gemacht hat. Nach antiker Sprachregelung wird sie dadurch zum fanum, das vom profanum, von der sie umgebenden »profanen« Welt unterschieden ist. Gemeinde ist anders, und ihre Glieder sollen sich darum auch anders verhalten. Anders als es den meisten Menschen in der Antike vertraut war, handelt es sich bei der Gemeinde aber nicht um einen heiligen Raum, sondern um eine heilige Gruppe. Gemeinde ist als Versammlung von Menschen Ort der Gegenwart Gottes und Gottes Eigentum.

Aus diesem Bild ergibt sich wiederum ein besonderes Verantwortungsverhältnis gegenüber dem Eigentümer der Gemeinde, gegenüber Gott. Wer der Gemeinde schadet, wird sich dafür vor ihrem Eigentümer verantworten müssen.

Acker, Gebäude, Tempel - drei Bilder von dem, was Gemeinde ist. Jedes betont einen anderen Aspekt: Das eine stellt menschliches Handeln in den Kontext des Wirkens Gottes, wertet das, was Menschen in der Gemeinde tun, auf und zeigt ihm seine Grenzen: alle sind Mitarbeiter Gottes, und mehr als das kann man nicht werden. Vor allem betont es: Gott ist es, der wachsen lässt. Das zweite Bild richtet unseren Blick auf die Verantwortung derer, die an der Gemeinde bauen - vor allem aber darauf, dass es uns nicht gegeben ist, über Wert und Unwert dessen, was wir oder andere im Raum der oder für die Gemeinde tun, letztgültige Aussagen zu treffen. Das steht uns nicht zu. Das dritte Bild mutet uns zu, Gemeinde als Eigentum Gottes zu sehen, als Ort, an dem er selbst sich vergegenwärtigt - das unterscheidet Gemeinde von einem Verein, das macht sie zu einem Ort, an dem andere Regeln gelten als anderswo. Sich ab und zu daran erinnern zu lassen, was Gemeinde sein soll, was sie alles noch sein kann - und auch, was sie sicherlich nicht ist - steht einer Kirche, die sich als Kirche des Wortes versteht, gut an.

Martin Vahrenhorst in: Gemeindebrief der Deutschen Evangelischen Gemeinde in Jerusalem, Juni-August 2011 (leicht gekürzt von Peter Lange)

Auf dem letzten Wochenendseminar haben wir uns mit keinem der angebotenen Themen so ausführlich beschäftigt wie mit dem der Gemeinde (Gemeinschaft). Dieser Artikel bietet eine sehr schöne Interpretation. Finden wir uns darin wieder? Ganz, teilweise?

Es wäre schön, wenn manche der Teilnehmer dazu etwas sagen (= schreiben) könnten.

Brigitte Hoffmann

Brauchen Kinder Erziehung?

Kommentar zu einer »neuen« Erziehungstheorie

In einem Beitrag im »Publik-Forum«-Heft vom Februar dieses Jahres stellt der Familientherapeut Jesper Juul die These auf, dass Kinder neunzig Prozent von dem, was wir normalerweise Erziehung nennen, nicht brauchen. Man müsse aus Kindern nichts machen, da Kinder fertige Menschen seien. Jesper Juul geht noch weiter in seiner These, dass nämlich alle Kinder durch Erziehung Schaden nähmen und man es deshalb lieber sein lasse. Niemand, der längere Zeit in einer Familie und einer bestimmten Gesellschaft gelebt habe, käme ungeschoren davon.

Wer ist Jesper Juul und worauf gründet seine gewagte These?

Der Däne Juul war ursprünglich Lehrer, später wurde er Sozialarbeiter. Seine Erfahrungen aus der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern führten ihn zu dem Schluss, dass die Ursache der Probleme bei diesen Kindern nicht diese selbst seien, sondern die Eltern. Diese, so stellte er fest, seien in Erziehungsfragen oft hilflos und unsicher, was bei ihnen zu Schuldgefühlen führe. Das mache Erziehung und überhaupt den Umgang mit Kindern schwieriger, als es eigentlich sein könne. Er beschäftigt sich seit 30 Jahren mit der Frage, wie es eine Familie miteinander aushalten und dabei womöglich auch noch glücklich sein kann. Seltsamerweise sei diese Frage ein Thema, so Juul, das in der Öffentlichkeit weniger Aufmerksamkeit erfahre, als etwa der Klimawandel. Obwohl die Familie das Leben des Menschen so nachhaltig präge wie wenig sonst, obwohl es kaum etwas anderes gäbe, von dem die Zukunft der Welt so entscheidend abhängt wie von der Frage, wie wir heute mit unseren Kindern umgehen.

Was den letztgenannten Aspekt von Juul angeht, kann ich nur voll zustimmen. Kinder sind das wertvollste Gut jeder Gesellschaft, und deswegen muss unser Blick - der der Familie, der Erziehungseinrichtungen, der Politik - voll auf diesen Aspekt ausgerichtet sein. Was wir unseren Kindern und Enkeln heute nicht an Aufmerksamkeit, an Zuwendung und Orientierung und an Förderung geben, fehlt der Welt von morgen.

Hat nun Juul mit seiner These einen Ansatz zur Besserung der Situation gefunden? Ich möchte nochmals seine These verdeutlichen: Man muss aus Kindern nichts machen und schon gar nicht das, was die Eltern am liebsten in ihnen sehen würden. Kinder sind fertige Menschen - von Geburt an. An der Erziehung nehmen Kinder nur Schaden. So weit Juul.

Wahr ist für mich, dass Kinder sehr viel mitbringen in ihr Leben. Mehr wahrscheinlich, als wir als Erwachsene erkennen, weil wir uns selbst daran natürlich nicht erinnern. Sie sind im Kleinkindalter zwar abhängig von den Erwachsenen, aber ihre Möglichkeiten und Fähigkeiten zeigen sich früh und deutlich. Die Lernfähigkeit ist enorm, und diese hängt von den unmittelbaren Erfahrungen ab, welche ein Kind machen muss. Wie oft muss ein Kind fallen, bis es gelernt hat, sein Gleichgewicht zu halten und Schritte zu tun. Das muss das Kind selbst erfahren, das kann ich ihm durch Worte nicht beibringen. Insofern ist der zweite Aspekt von Juul berechtigt, wenn er sagt, dass die Entwicklungsmöglichkeiten Gefahr laufen, durch Erziehung überdeckt zu werden. Das zeigt sich z.B. deutlich darin, dass die Experimentierfreudigkeit und Kreativität eines Kindes oft eingeschränkt wird durch »du darfst nicht«, »das macht man nicht«, »du musst« und ähnliche Zurechtweisungen. Man kann an den Veränderungen im Verhalten eines Kindes im Laufe der Erziehung viel ablesen – ein Kleinkind hat keine Hemmschwelle mit kranken, alten oder behinderten Menschen einen innigen Kontakt aufzunehmen, es hat auch von sich aus keinen Ekel vor bestimmten Tieren. Es ist die Vorstellung der Großen, nicht nur in der Familie, wie Juul erwähnt, es sind die Erziehungseinrichtungen und die Gesellschaft, in welchen es aufwächst, welche diese Grenzen im Kopf des Kindes erzeugen. Die Kinder aber haben einen anderen, tieferen und wertfreien Blick, den wir ihnen erhalten sollten.

Wo Juul meiner Ansicht nach falsch liegt, ist die Frage, ob Kinder erzogen werden müssen oder das nicht brauchen. Im Laufe des Artikels widerspricht er darüber hinaus seiner eigenen These, wenn er von »begleiten« oder »führen« in der Entfaltung des Kindes spricht. Damit geht es ja nicht um die Frage, ob überhaupt, sondern um die Frage wie.

Wenn wir nur ins Tierreich schauen, erkennen wir sofort, wie selbstverständlich und nötig Erziehung ist. Der Umgang von Tiereltern mit ihrer Brut ist klar und konsequent - und zwar aus einem Verhalten der Fürsorge in liebender Strenge. Ich habe z.B. vor kurzem an einem Seeufer dieses Verhalten bei einer Entenfamilie erlebt. Die Eltern waren ständig beschäftigt, das Verhalten der Kleinen zu korrigieren - nicht zu nahe ans Ufer zu gehen, weil man ja nicht abschätzen kann, was diese Menschengestalten im Sinne haben oder wie jagdprogrammiert der Hund da ist. Die Enteneltern haben den nicht so einsichtigen, kecken Küken ganz unmissverständlich die Grenzen gezeigt, welche sie einzuhalten haben. Das brauchen sie zum eigenen Schutz und Lernen, und das brauchen Menschenkinder ebenso.

Neben seiner gewagten These zur Erziehung, besser gesagt Nicht-Erziehung, findet Juul dann aber doch verbindlichere Ideen, indem er feststellt, dass es in der Erziehung nicht den einen richtigen Weg gibt, besser: geben kann. Und hier finden wir teilweise bekannte Erziehungsratschläge, die allen Eltern eine Hilfe sein können. Im Folgenden möchte ich einige, die Juul besonders hervorhebt, kurz erwähnen:

So stellt er fest, das, was erzieht, ist, wie wir mit unseren Kindern leben und umgehen, wie wir mit ihnen reden, wie wir gemeinsame Wege suchen um Konflikte zu lösen. Und wie wir mit der Verkäuferin in der Bäckerei oder Metzgerei reden, wie wir mit unseren Nachbarn umgehen. Für Juul sind die prägendsten Elemente einer gesunden Erziehung das elterliche Vorbild und deren Wahrhaftigkeit. Eltern müssen authentisch sein, d.h. das leben, was sie sagen, was sie für wichtig halten. Verhaltensgrundsätze gelten somit für beide Parteien - für die Eltern wie für die Kinder, das schafft Respekt und Achtung, weil sich dann die Partner auf Augenhöhe begegnen, unabhängig vom Alter. Das schafft Beziehung und Vertrauen, wodurch ein Boden für den Austausch von Erfahrung sich bildet.

Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Sie wollen ihrem Kind zu einem guten Leben verhelfen. Aber können wir Eltern wirklich wissen, was für unser Kind das Beste ist? Unterliegt das nicht vielen Faktoren von heute, vor allem aber der Zukunft, welche wir gar nicht abschätzen können? Und so mahnt Juul - wie ich finde, sehr wohl berechtigt -, dass Eltern sich einmal ernsthaft fragen, was sie tun. Tun sie es, weil sie ernsthaft glauben, das sei gut für das Kind, oder machen sie es aus Sorge um ihr eigenes Image als Vater und Mutter? Wie weit sind ausgesprochene oder nicht ausgesprochene eigene Wunschvorstellungen in die Erziehung projiziert.

Erziehung ist und bleibt keine einfache Sache, und wir Eltern haben schon immer Fehler gemacht und werden weiterhin welche machen. Das Entscheidende dabei ist es, diese zu erkennen und kein zweites Mal zu machen, und auch mit dem Kind darüber offen zu reden. Denn Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern solche, die jederzeit bereit sind, zu lernen und zu verstehen, was ihr Kind jetzt im Moment am dringendsten braucht.

Wolfgang Blaich

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Ein Demuts-Psalm (Ps 8,2-10)

»Herr; unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel! Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: ...«

Wie könnte man es besser und schöner ausdrücken, was wir beim Anblick der aufquellenden Wolken, der unendlichen Weite des Ozeans, der Majestät der Bergriesen oder der Vielfalt der Pflanzen und Tiere empfinden! Unwillkürlich regt sich in uns die Frage, wie all das, was unsere Sinne erfassen, entstehen konnte. Es muss doch einen Initiator, einen Schöpfer dafür geben!

»... was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. ...«

Ich zögere, im Menschen die »Krone der Schöpfung« zu sehen. Gibt es nicht im Tierreich viele Arten, die uns mit ihren Fähigkeiten bei weitem übertreffen? Doch so vieles an Körper und Geist im Menschen versetzt uns in Ehrfurcht und in Staunen. Andererseits wissen wir auch um das Böse, das Zerstörerische in uns und um die dauernde Gefährdung dieses Menschenlebens. »Selbst über den Engeln ist unsere Stelle, doch unter den Tieren der jetzige Stand« (Christoph Hoffmann im Losungslied).

»... Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan: Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die wilden Tiere, die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht. ...«

Was heißt das: »ihn zum Herrn gemacht«? Ist es die Erlaubnis zur Massentierhaltung, zur Einrichtung von Schlachthöfen, zur Degradierung von Naturgeschöpfen zu »Nutztieren« und zur Vernichtung von Lebensraum der Tierwelt?

Oder ist es nicht eher eine Aufforderung, die Tier- und Pflanzenwelt zu pflegen, zu erhalten und sie als Begleiter der menschlichen Welt zu erfahren?

»... Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!«

Ist er es wirklich? Haben sich nicht viele Menschen verabschiedet von einem Gott und sich und ihr Wissen zum alleinigen Maßstab gesetzt? Und merken sie nicht, dass es einen größeren Maßstab gibt als den Ihren? Sie meinen, die Energiekräfte der Welt beherrschen oder die Abfälle ihrer Zivilisation ins Meer werfen oder in die Luft blasen zu können, ohne die Ordnung der Welt zu stören, und werden doch durch Katastrophen belehrt, dass man nicht ungestraft diese Ordnung aus dem Lot bringen darf. Sie sind dabei, Demut zu verlernen.

Peter Lange

Leserbrief zum Beitrag

»Karl Mays Besuch bei seinen sächsischen Landsleuten«

Diesen "Leserbrief" erhielten wir als telefonischen Beitrag von Frau Gisela Doh aus Schwäbisch Gmünd. Sie erinnerte sich daran, dass in der Familie ihres Mannes, Wilhelm Gottlieb Doh, immer folgende Begebenheit erzählt wurde: Zur Familie Keller, die in Deutschland wohnte, war jemand vom Hotel Fast in Jerusalem zu Besuch gekommen. Die Tochter des Hauses, Mariele Keller (Maria Kunigunde - später die Schwiegermutter von Frau Doh), gefiel ihm so gut, dass er sie und die Familie fragte, ob sie nicht für eine Zeit im Hotel Fast in Jerusalem arbeiten wolle. Sie stimmten zu und so befand sich Mariele Keller gerade zu der Zeit, als Karl May die Templerkolonien besuchte und offenbar auch im Hotel Fast in Jerusalem abgestiegen war, an Ort und Stelle. Die Mädchen hätten sich unter dem Fenster des Gastes verabredet und gemeinsam das Lied »Der Mai ist gekommen« angestimmt. Die Reaktion Karl Mays zeugte von wenig Humor: er leerte seinen Nachttopf aus dem Fenster - habe ihn aber immerhin zuvor nur mit Wasser gefüllt...

Karin Klingbeil
 

Leserbrief zum Beitrag

»Gedanken zum Reich-Gottes-Verständnis«

Ich war sehr erfreut, als ich den Titel der »Warte« Juli/August las, denn das Thema Reich Gottes ist ein zentrales Thema in meinem Leben. Aber gleich die Unterzeile des Titels »Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch« (Lukas 17,21) hat mich erahnen lassen, dass der Beitrag nicht konform gehen würde mit meinem Reich-Gottes-Verständnis.

Die aus dem Judentum entlehnte Definition des Reiches Gottes: »Eine Welt, in der Gewaltfreiheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Frieden herrschen« erklärt das Reich Gottes, meiner Meinung nach, sehr präzise; um sagen zu können, dass das Reich Gottes errichtet sei, müsste Gottes Wille herrschen in der Welt!

Und das ist momentan nicht der Fall, wenn man sich die Welt anguckt. Der Wille Gottes mag in einigen kleineren und größeren Gemeinden oder Gesellschaften vorherrschen, mehr aber nicht.

Zu behaupten, das Reich Gottes ist schon unter uns, kann implizieren, dass man sich ja nicht mehr »so sehr anstrengen muss«, ein Leben nach Gottes Willen zu führen. »Es ist doch schon da! Also kann ich mich ruhig zurücklehnen. Gott macht das schon.« Diese Aussage finde ich recht gefährlich.

Ich denke aber, dass man nach Gottes Willen leben soll, damit das Reich Gottes (wie in der jüdischen Definition) dann auch anbricht. »Gott will Frieden unter den Völkern.«

Pedro Lourenzo

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