Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 167/7+8 - Juli/August 2011

 

 

Gedanken zum Reich-Gottes-Verständnis

»Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.« (Lukas 17,21)

Zur Herkunft des Reich-Gottes-Begriffs

Der Begriff Reich Gottes (andere Übersetzung: Gottesherrschaft oder Königsherrschaft Gottes) war im Judentum zur Zeit Jesu mit der Erwartung einer Welt verbunden, in der Gewaltfreiheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Frieden herrschen - und Gottes Wille somit durch die Menschen Beachtung fände. Diese Hoffnung erfuhr durch die Apokalyptik konkrete Ausformung: man erwartete eine kosmische Zeitenwende, den Beginn des letzten Äons, in welchem Gott nun sein Reich der Gerechtigkeit aufrichten würde.

Reich Gottes in der Jesus-Überlieferung

Vor seinem öffentlichen Auftreten hatte sich Jesus zunächst der Gemeinschaft Johannes des Täufers angeschlossen, die von einer brennenden Naherwartung des Kommens Gottes geprägt war. Dann aber findet er zu einer völlig neuen Sicht. Das Markus-Evangelium bringt sie auf den Punkt: »Die Zeit ist voll, das Reich Gottes ist da! Kehrt um [wörtlich: denkt um] und glaubt an das Evangelium [wörtlich: vertraut auf die frohe Botschaft]«. Diese Zusammenfassung entspricht voll und ganz der Intention der wahrscheinlich echten Jesusworte (vgl. dazu das Diskussionspapier »Exegetische Grundlagen«):

Jesus muss die Erfahrung gemacht haben, dass die entscheidende Wende bereits eingetreten ist (Satanssturz). Der alte Äon ist definitiv an sein Ende gekommen (»bis Johannes«). Von nun an setzt sich das Reich Gottes machtvoll durch. Es ist schon hier (»mitten unter euch«), es ist »schon bereit« (großes Gastmahl).

Jesus verbindet mit der Gegenwart des Gottesreiches eine demgemäße Lebensweise: Denen, die "einfach" leben, spricht er das Reich Gottes unmittelbar zu (»selig ihr Armen«). Reichtum und Reich Gottes sind absolut unvereinbar (Kamel und Nadelöhr), ebenso Machtausübung (»wer unter euch groß sein will«) oder Gewaltanwendung (auch die andere Wange hinhalten). Es geht um ein ganz neues Gerechtigkeitsverständnis (Arbeiter im Weinberg). Doch nicht erzwungene Verhaltensregeln sollen das bewirken. Vielmehr ist das Entdecken des Gottesreiches Quelle großer Freude (Schatz im Acker).

Deshalb zeigt sich Jesus überzeugt, dass die neue Welt Gottes ungeachtet aller Misserfolge um sich greift (Gleichnis vom Ackerfeld). Regelrecht automatisch (selbstwachsende Saat) wird das Reich Gottes alles durchdringen (wie Sauerteig das Brot).

Während viele damals glaubten, Gott müsse die Welt erst durch einen kosmischen Eingriff erlösen, ist Jesus zutiefst davon überzeugt, dass das Reich Gottes jetzt da ist. Es kommt nun alles darauf an, dass die Menschen dies erkennen und dementsprechend leben.

Das Reich-Gottes-Verständnis Jesu ging von der Annahme aus, dass der vorletzte Äon unwiderruflich an sein Ende gekommen ist und der letzte Äon begonnen habe. Insbesondere glaubte Jesus deshalb offenbar, dass sich Gottes Reich nun unaufhaltsam und automatisch ausbreiten würde. Beide Auffassungen können wir heute nicht mehr teilen, denn ihnen liegt das antike (nach Äonen gegliederte) Weltbild zugrunde. Trotzdem markiert die Einsicht Jesu eine epochale Wende: Er hat als erster erkannt, dass Gottes Reich nicht noch bevorsteht, sondern die neue Zeit des Heils schon begonnen hat (D. Flusser). Das ist ein Grund zur Freude.

Reich Gottes aus heutiger Sicht

Der Begriff "Reich Gottes" kommt in unserer Umgangssprache nicht mehr vor und klingt antiquiert. Worte wie "Reich" oder "Herrschaft" sind zudem geschichtlich belastet. Trotzdem möchten wir am Terminus "Reich Gottes" als dem Zentralbegriff der Jesusbotschaft festhalten. Im Anschluss an Jesus verstehen wir unter "Reich Gottes" eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens zwischen den Menschen - und darüber hinaus in der gesamten Mitwelt.

Die Schönheit unserer Erde ist sichtbarer Ausdruck der Gegenwart des Gottesreiches. Sie offenbart den Reich-Gottes-Charakter dieser Welt: ihr eigentliches Wesen. Wo Menschen dem Reich Gottes gemäß leben (Ehrfurcht vor allem Leben, einfacher Lebensstil, Solidarität, ...), wird der Zustand der Welt ihrem Wesen mehr und mehr entsprechen. Wo aber der Zustand der Welt diesem Wesen nicht entspricht, ist es notwendig umzudenken und umzukehren. Diese Umkehr schließt verständnisvolles Mitgefühl ebenso ein wie gewaltfreien Widerstand gegen alles, was dem Reich Gottes widerspricht. Genau das lesen wir in den Jesusworten. Es geht um Gottes Welt in unseren Händen - und überall dort, wo der Welt-Zustand ihrem Reich-Gottes-Wesen noch nicht entspricht, ist das aktive Handeln der Menschen gefragt.

Reich Gottes und die Kirchen

In nachjesuanischer Zeit rückte - aufs Ganze gesehen - die Botschaft von Kreuz und Auferstehung ins Zentrum kirchlicher Verkündigung. In der paulinischen Theologie spielt die Jesusbotschaft von der Präsenz des Reiches Gottes keinerlei Rolle, im Gegenteil: Paulus und so gut wie die gesamte frühe Kirche erwarteten erneut (wie in der Zeit vor Jesus) den apokalyptischen Einbruch einer erlösten Welt; zunächst noch ganz nahe, später ferne. Das ist mit den klaren Anbruchsworten Jesu nicht nur unvereinbar, sondern es verkehrt ausgerechnet den entscheidenden Neuansatz der Jesus-Botschaft ins Gegenteil. Jesu Einladung, in dieser Welt wie im Reich Gottes zu leben, verwandelt sich dabei leicht in die Annahme, in dieser Welt könne noch gar nicht wie im Reich Gottes gelebt werden.

Unsere Kritik an der Vermischung der Anbruchsworte mit jenseitigen Erwartungen wird von einer Reihe bekannter Exegeten geteilt. Markus 1,15 beschreibt das Herbeikommen des Gottesreiches nicht als nahe bevorstehend, sondern als bereits abgeschlossenen Vorgang (M. Limbeck, G. Theißen). Insofern gleicht die frühchristliche Rezeption der Reich-Gottes-Botschaft einer Verlagerung ins Jenseits, und zwischen den Gegenwarts- und Zukunftsaussagen ist dabei ein eklatantes Missverhältnis entstanden (B. Heininger). Die ursprüngliche Jesus-Überlieferung schildert kein jenseitiges Gottesreich, sondern eines, das bereits gegenwärtig ist im Hier und Jetzt (J.M. Robinson). Apokalyptische Worte mit ihren zukünftigen Erwartungen kamen erst in späteren Textschichten hinzu (H. Köster).

»Ist nicht die individualistische Frage nach dem persönlichen Seelenheil uns fast völlig entschwunden?... Ist nicht die Gerechtigkeit und das Reich Gottes auf Erden der Mittelpunkt von allem?... Nicht um das Jenseits, sondern um diese Welt...geht es doch.« (D. Bonhoeffer)

Basistext der Ökumenischen Initiative »Reich Gottes - Jetzt!«

Der obige Text ist ein Diskussionspaier der »Ökumenischen Initiative Reich Gottes - Jetzt!«, mit der wir schon gemeinsame Diskussionen und gegenseitige Besuche veranstaltet haben. Der Text ist im Februar 2010, in Vorbereitung einer Tagung im letzten Jahr, entstanden. Diese Initiative besteht aus Geistlichen und Laien beider großen Konfessionen und strebt vor allem an, Lehre und Liturgie der Kirchen im Sinne ihrer Auffassung von der Lehre Jesu zu verändern. Der Text zeigt, dass ihre Reich-Gottes-Auffassung der unsrigen sehr nahe steht, ohne in allen Punkten mit ihr identisch zu sein. Trotzdem oder gerade deshalb kann er auch für unsere Leser eine Anregung sein - über Rückmeldungen der Zustimmung oder auch der Kritik an einzelnen Aussagen würden wir uns freuen.

Brigitte Hoffmann

Prominente besuchen Tempelkolonien

Karl Mays Besuch bei seinen sächsischen Landsleuten

Wer von uns hat nicht schon von Karl May gehört oder in seinen spannenden Abenteuerbüchern gelesen. Für manche ist die Karl-May-Literatur sogar zum Sammel- und Wissensgebiet geworden. Vorwiegend wird der Schriftsteller mit dem amerikanischen Kontinentund den Indianern in Verbindung gebracht, wo zahlreiche seiner Romane spielen. Karl May Kritiker haben ihm vorgeworfen, dass er Deutschland nie verlassen habe und alle geschilderten Begebenheiten seiner Fantasie entstammten. Diese Kritik bezog sich auch auf seine Bücher über orientalische Gegenden. Doch durch den Nahen Osten ist er tatsächlich einmal gereist (1899-1900) und hat dabei sogar Templer getroffen.

Das Karl-May-Archiv hat diese Reise anhand von Briefen und Tagebuch-Aufzeichnungen nachverfolgt, weshalb wir heute wissen, dass der Schriftsteller um den 2. Mai des Jahres 1900 die »deutsche Ackerbaukolonie Sarona« besucht hat und vom damaligen Bürgermeister Fritz Lämmle begrüßt worden ist. Sein Besuch hatte einen besonderen Anlass: er sollte der Familie Lippmann von ihren Verwandten in Radebeul bei Dresden, dem Wohnort Karl Mays, Grüße überbringen. Dazu muss man wissen, dass der sächsische Landwirt Karl Samuel Lippmann aus Burkersdorf bei Frauenstein 1875 seinen Austritt aus der dortigen Landeskirche erklärt hatte und Gründer einer kleinen Tempelgemeinde in Sachsen geworden war. Die Zusammenkünfte dieser Templer fanden im Wohnhaus seines Gutshofs statt. 1877 ist Lippmann nach Sarona bei Jaffa ausgewandert und hat im Jahr darauf seine Ehefrau und seine Kinder nachkommen lassen. Er hat anfänglich eine Mühle zur Mehlherstellung betrieben.

Es mag für unsere Leser noch von Interesse sein, auf welche Weise er und andere Einwohner Sachsens Templer geworden sind, also in einer Gegend, die ein ganzes Stück weit weg von Württemberg lag. Die Werbung für den Tempel in Sachsen war damals Aufgabe des in Kirschenhardthof zum »Evangelisten« ausgebildeten und aus Hütten bei Mainhardt stammenden Konrad Weiss gewesen. Familie Lippmann mit Karl May Weiss muss eine gute Überzeugungsgabe gehabt haben, die nicht nur zahlreiche Personen zum Beitritt veranlasste, sondern die auch zu einer engen Freundschaft mit der Familie Lippmann führte. Er ist mit Lippmanns nach Sarona ausgewandert und hat dort im Oktober 1881 die Ehe mit Wilhelmine, der Tochter von Karl Samuel Lippmann, geschlossen.

Mit seinem Schwiegervater Lippmann hat Konrad Weiss später eine »Bijare« (Orangenplantage) in Sarona angelegt. An diese am Rand der Kolonie gelegene Zitrus-Pflanzung kann ich mich als Sarona-Kind noch gut erinnern. Während des Krieges, als uns der Zugang zum Südstrand bei Jaffa durch den Stacheldrahtzaun um Sarona verwehrt war, genoss die Jugend in den heißen Sommermonaten die schöne Abkühlung in dem mit Wasser gefüllten Speicherbecken der Lippmann'schen Bewässerungsanlage.

Doch zurück zu Karl Mays Besuch. Wie aus der Fotografie des Karl-May-Archivs hier zu entnehmen ist, wollten alle Angehörigen der Familien Lippmann und Weiss den im weißen Tropenanzug erschienenen berühmten Mann sehen und mit ihm sprechen. Von ihm selber sind keine Äußerungen bei der Begegnung mit den sächsischen Landsleuten erhalten geblieben, jedoch hat seine zweite Ehefrau Klara in einem späteren Brief vermerkt: »Sarona ist ein rein deutscher Ort. Hotel Fast in Jerusalem Die fleißigen Württemberger haben herrliche Orangenanlagen, und ringsum haben es ihnen die Araber nachgemacht. Die Kindersterblichkeit hatte aufgehört. Keines der hinübergekommenen Kinder wäre am Leben geblieben, hatte man uns berichtet, nur die dort geborenen hielten durch.«

Wie aus den Aufzeichnungen im Karl-May-Archiv hervorgeht, reisten die Mays von Jaffa aus mit der Bahn nach Ramleh weiter und verbrachten die nächste Nacht in Reinhardts Hotel dort. Nach diesem Zwischenstopp erreichten sie dann am 7. Mai Jerusalem, wo sie in Abraham Fasts »Lloyd Hotel« am Jaffa-Tor abstiegen. Wie ein anderer Hotelgast später herausfand, hatte Karl May bei seiner Abreise zwei Gedichte ins Gästebuch des Hotels geschrieben. Das eine sei als Beispiel hier wiedergegeben. Ob darin wohl noch sein Empfang in Sarona nachgewirkt hat?

Es ist ein Tempel jedes fromme Haus,

In dem der Vater Priester ist der Seinen,

Viel lichte Engel geh'n da ein und aus,

In Liebe sich mit ihnen zu vereinen.

Sie schweben auf und nieder allezeit;

Das Glück des Himmels strahlt von ihren Schwingen,

Und wenn es mangelt, sind sie gern bereit,

Es in das Haus und in das Herz zu bringen.

Und jeder Gast, der froh ein Haus betritt,

Fühlt ihren Hauch, empfindet ihren Segen

Und nimmt ihn froh als Himmelsgabe mit,

Davon zu zehren auf den fernern Wegen.

Du liebes Haus, ich scheide zwar von hier,

Doch wirst du mir wohl unvergessen bleiben.

Vielleicht wird die Erinn'rung auch in dir

Ein klein' Vergissmeinnicht dem Gaste treiben.

Auf der Weiterfahrt von Jerusalem nach Norden nutzte der Schriftsteller noch weitere deutsche Unterkunftsmöglichkeiten. So in Nazareth das Hotel Germania des Schwarzwälders Friedrich Heselschwerdt und in Tiberias das Großmann'sche Hotel.

In Nazareth hatte Karl May der 19-jährigen Hotelierstochter Martha ein Gedicht in ihr Poesiealbum geschrieben, das er vorher schon einem anderen jungen Fräulein gewidmet hatte. Wahrscheinlich gab es zu viele Gelegenheiten, sich jungen Damen galant zu zeigen, und zu wenige Gedankeneinfälle beim Dichter. Natürlich wurde auch das Hotel Jerusalem in Jaffa nicht ausgelassen, wo May die Hotelierstochter Friederike Hardegg mit einem Gedicht beehrte.

Die Reisewege waren zu jener Zeit noch ziemlich strapaziös, was Karl May beim Ritt durch die Saron-Ebene in Richtung Jaffa zu folgender Bemerkung veranlasste: »Am Tage gute Pferde, aber Sonnenbrand, untrinkbare Quellen unterwegs und so armseliger Steinweg, dass man jeden Schritt des Pferdes in den Knochen fühlte.«

Peter Lange

Kleine Geschichten aus der Geschichte

Das Glockentürmchen

oder: Wie in Haifa die Zeit gemessen wurde

Wer heutzutage vor dem inzwischen restaurierten und jetzt als Stadtmuseum genutzten alten Gemeindehaus in Haifa steht (dem allerersten Bauwerk der Templer in Palästina, erbaut 1869), der ist sich normalerweise nicht bewusst, dass dieses Gebäude in der allerersten Zeit ein anderes Aussehen hatte. Ursprünglich war das Haus nämlich mit einem Flachdach und einem ringsum verlaufenden Zinnenkranz versehen gewesen. Und in der Mitte des Daches befand sich ein kleiner Glockenstuhl, von dem Anna Bulach, Gemeindehaus Haifa,
 erbaut 1869 die als Tochter des Lehrers und Gemeindevorstehers Friedrich Lange in diesem Haus aufwuchs, erzählte, dass er zwei Glocken enthielt: eine größere für den Gottesdienst im »Saal« und eine kleinere für die im Erdgeschoss befindliche Kolonieschule. Außer sonntags wurde die große Glocke auch an Wochentagen um 12 Uhr geläutet, damit die Leute auf den Feldern wussten, wann Mittag war.

Wie nun in diesem von Zivilisation und Technik damals weit entfernt liegenden Winkel der Welt die genaue Mittagszeit berechnet wurde, beschreibt der jüngste Sohn des Lehrer-Ehepaares, Dietrich Lange, folgendermaßen: »Im Hof des in der Nähe liegenden Anwesens von Jakob Schumacher stand eine von diesem konstruierte Sonnenuhr. Auf einem durch eine Umzäunung geschützten Sockel ruhte in Nord-Süd-Ausrichtung eine kreisrunde Marmorscheibe. Sie trug in etwas schräger Lage ein quadratisches Metallstück, dessen obere und untere Ränder dachartige Vorsprünge aufwiesen. Der obere Vorsprung hatte ein winzig kleines Loch, Gemeindehaus Haifa,
 Montage der Glocke durch das die Sonnenstrahlen als kleiner heller Punkt auf den unteren Vorsprung trafen. Eine dort eingeritzte Tabelle zeigte die Zeiten des Jahres an, an denen die Sonne jeweils ihren höchsten Punkt erreicht. Ein halbes Jahr lang konnte man auf der einen Seite, im zweiten Halbjahr auf der anderen Seite den höchsten Sonnenstand ablesen.

Das Mittagsläuten ging nun nach einem feststehenden Ritual vor sich. Um dreiviertel zwölf Uhr war die Schule aus. Bis Vater aus der Schulstube kam, verstrichen weitere fünf bis zehn Minuten. Nachdem er noch einen Blick in die Küche oder in sein Arbeitszimmer getan hatte, hieß es bei ihm: Ich gehe jetzt zur Sonnenuhr. Dort beobachtete er das Wandern des Sonnenstrahls auf dem Metallstreifen. War er auf der für die Jahreszeit angegebenen eingeritzten Linie angekommen, griff er in seine Westentasche, zog eine Trillerpfeife heraus und gab mit ihr ein Signal. Im Gemeindehaus hörte man dieses Signal und Mutter oder sonst jemand eilte schnell ans Glockenseil und begann zu läuten. Ins Haus zurückgekommen, verglich Vater dann seine an der Sonnenuhr eingestellte Taschenuhr mit der großen Wanduhr und korrigierte vorhandene Abweichungen. Ich war immer davon beeindruckt, wie genau mein Vater es mit solchen unwesentlichen Pflichten genommen hat.«

Dietrich Lange fügt noch hinzu: »Das Läuten der Glocke war übrigens eine gewisse Kunst. Neulinge haben sich dabei oft recht ungeschickt angestellt und nicht gleichförmig geläutet, sondern "gestottert". Man musste mit Gefühl läuten und in Gedanken die Schwingungen des Glockenhebels begleiten Glockenturm am Gemeindehaus Haifa und das Seil erst dann wieder herunter ziehen, wenn er seinen höchsten Punkt erreicht hatte.«

Weil das Flachdach sich nach einiger Zeit als undicht erwies und bei Regengüssen auf dem im Stockwerk darunter befindlichen Esstisch mitunter Wassertropfen in die Suppe fielen, kam später ein Giebeldach mit roten Ziegeln darüber. Das hölzerne Glockentürmchen wurde entfernt und dafür ein Fassadenaufsatz zur Straßenseite hin gebaut. Bei der Restaurierung in der Neuzeit wurde die Bauform des zweiten Bauabschnitts mit dem steinernen Türmchen übernommen, wobei den alten Haifa-Templern sofort auffiel, dass keine Glocke mehr darin vorhanden war. Auf Befragen der mit der Restaurierung beauftragten Fachleute stellte sich heraus, dass die »Mittagsglocke« nicht mehr auffindbar war. Wir Templer waren der Ansicht, dass man das Türmchen nicht leer lassen könnte, auch wenn für den neuen Nutzungszweck des Gemeindehauses kein Läuten mehr erforderlich war. So beschlossen TGD und TSA, der Stadt Haifa für ihr Museumsgebäude eine neue Glocke zu stiften, die dann bei einer Glockengießerei in Heilbronn in Auftrag gegeben wurde. 2001 wurde sie nach Haifa auf den Weg gebracht und wenig später fachmännisch montiert. Sie ist dem Gedenken der Bewohner der damaligen Tempelgemeinde gewidmet und trägt die eingegossene Inschrift: »Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes - 1869 * 2000«.

(Siehe auch »Warte des Tempels« - »Altes Gemeindehaus restauriert« Januar 2001 sowie »Gedächtnisglocke für Haifa« Juni 2001)

Peter Lange

Von UNESCO-Direktorin Irina Bokova eröffnet

»Toleranz- und Friedensplatz« in Haifa

Wie wir einer Meldung der Internationalen Bahá'í-Gemeinschaft vom 30. Mai entnehmen, ist in der israelischen Stadt Haifa - 10 Jahre nach Neugestaltung des Karmel-Hangs - vor Kurzem dem Verkehrs-Verteiler zwischen der Deutschen Kolonie und den Bahá'í-Terrassen von UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova die Bezeichnung »UNESCO for Tolerance and Peace Square« (»Toleranz-und-Friedens-Platz«) verliehen worden. Mit diesem Namen soll für eine Vertiefung von Toleranz und Frieden in dieser Region und auf der ganzen Welt geworben werden. Frau Bokova äußerte sich bei der Namensverleihung überzeugt, dass der Weg zu einer friedlicheren Welt über Bildung und Dialog gehen wird, über die Bereitschaft zu besserer Verständigung und gegenseitiger Achtung.

»Die Menschheit auf unserer Erde ist bei aller Unterschiedlichkeit eine einzige Familie«, sagte anschließend der Generalsekretär der Internationalen Bahá'í-Gemeinschaft Dr. Albert Lincoln, »doch auch in der Stadt des Friedens kann Normalität nicht von vornherein vorausgesetzt werden. Sie erfordert Pflege und Schutz.« Die Gärten um den Schrein des Bab in Haifa und die Begräbnisstätte des Religionsführers Baha'u'llah bei Akko sind inzwischen von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt worden.

Das Verkehrsrondell wird in seiner Mitte noch mit dekorativer Bemalung ausgestaltet werden und soll damit eine Brücke schlagen zwischen der von Israelis bewohnten alten Tempelkolonie und den Bahá'í-Gärten und so auf eine Verständigung zwischen religiösen, ethnischen und kulturellen Gruppierungen in der Stadt hinweisen. Wir freuen uns, dass mit dieser verkehrstechnischen Gestaltung der vor 142 Jahren gegründeten Tempelsiedlung neue Aufmerksamkeit gewidmet wird.

Peter Lange

Glücklich im Hier und Jetzt

Als Missionar bei den Piraha-Indianern im Amazonas-Gebiet

Der amerikanische Linguist und Missionar Daniel Everett lebte insgesamt sieben Jahre bei den Piraha-Indianern im tiefsten brasilianischen Urwald. Ursprünglich wollte er ihnen das Christentum nahebringen, schlussendlich kehrte er als Atheist in die USA zurück. Vereinfacht könnte man sagen, dass die Indianer ihn bekehrt haben. Seine Erlebnisse hat Everett in einem lesenswerten Buch mit dem etwas reißerischen Titel »Das glücklichste Volk« verarbeitet, das im letzten Jahr in deutscher Übersetzung erschien. Darin beschreibt er die Gründe, die zum Zerbrechen seiner eigenen Ehe und zu seinem Sinneswandel führten. Sie lassen erahnen, von welchen äußeren Bedingungen bis hin zur Sprache der Glauben abhängen kann.

Doch der Reihe nach: Die Piraha-Indianer, ein Stamm von rund 400 Personen, leben an einem Nebenfluss des Amazonas vom Jagen, Fischen und Sammeln, weitgehend unberührt von der Zivilisation westlicher Prägung, ohne Strom, Telefon und Arzt. Sie begnügen sich mit einem Minimum an politischer, sozialer und ökonomischer Organisation und haben eines der einfachsten Verwandtschaftssysteme der Welt. Sie kennen keine politischen Führer, sie legen keine Vorräte an, sondern essen, wenn sie zu essen haben, und sie hungern tagelang, wenn der Jagderfolg einmal ausbleibt. Gleichwohl oder gerade deshalb leben sie meistens vergnügt und unbekümmert in ihrer kleinen abgeschiedenen Welt. Daniel Everett wurde von einer amerikanischen Missionsgesellschaft erstmals Mitte der siebziger Jahre zu ihnen geschickt, um einerseits ihre Sprache und Gebräuche zu erforschen, andererseits aber auch, um ihnen die Botschaft von Jesus Christus nahezubringen. Er begnügte sich nicht mit einer kurzen Stippvisite, sondern blieb - mit einigen Unterbrechungen - insgesamt sieben Jahre bei ihnen. Er wohnte in ihren Dörfern, nahm an ihren alltäglichen Verrichtungen teil und studierte ihre Sprache. Die Schilderung der Entbehrungen, Missverständnisse und Gefahren, die er zusammen mit seiner Frau, einer Missionarstochter, und seinen Kindern auf sich nahm, liest sich wie ein spannender Abenteuerroman; sehr aufschlussreich sind aber auch seine wissenschaftlichen Erkenntnisse über die eigenständige Sprache des isoliert lebenden Indianerstamms. Denn die Piraha leben so sehr im Hier und Jetzt und sind so sehr auf die alltäglichen Bedürfnisse der Gegenwart ausgerichtet, dass sie in ihrer Sprache keine Begriffe für Vergangenes und Zukünftiges und für abstrakte Dinge entwickelt haben. Ihre Sprache ist nicht nur in der Lautbildung völlig anders als die meisten anderen Sprachen - sie wird gesungen, gepfiffen und gesummt - , sie weicht auch strukturell von anderen Sprachen ab und kennt viele Elemente nicht, die wir für selbstverständlich halten. Dass sie nur drei Vokale und acht Konsonanten hat, mag man noch verstehen, weil die Bedeutung des Gesagten durch die Lautbildung variiert werden kann. Sie kennt aber auch keine Wörter für Farben und Zahlen sowie keine Nebensätze, sodass niemals zwei Aussagen in einer logischen Abhängigkeit miteinander verbunden werden können. Aus den Aussagen »der Mann fällt einen Baum« und »der Mann hat ein Kanu« kann so niemals der Satz »der Mann, der ein Kanu hat, fällt einen Baum« werden, erklärt Everett. Statt spezielle Farbbezeichnungen werden Umschreibungen gewählt (»wie Blut« für rot, »wie Kohle« für schwarz usw.). Everett gelingt es trotz heftiger Bemühungen auch nicht, den Indianern das Zählen beizubringen; sie kennen nur Begriffe für »wenige« und »viele«. Fremde erhalten den Namen des ihnen am ähnlichsten Sippenmitglieds und sie wechseln den Namen mehrfach im Leben.

Everetts Forschungen haben unter den Linguisten in aller Welt heftige Debatten ausgelöst, weil er die These vertritt, dass die Sprache von der jeweiligen Kultur abhängt und sich Sprachen je nach Lebensraum und den Wertmaßstäben einer Gemeinschaft unterscheiden. Die herrschende Lehrmeinung war jedoch bisher, basierend auf den Forschungen des großen Ethnologen und Linguisten Claude Lévi-Strauss, von einer universalen sprachlichen Grundstruktur und Grammatik des Menschen überzeugt, gewissermaßen als kleinstem gemeinsamen Nenner der rund 6500 lebenden Sprachen auf der Welt. Sie ging davon aus, dass die Fähigkeit, komplexe Satzstrukturen zu bilden, in unseren Hirnen genetisch angelegt ist. Everett glaubt mit seinen Forschungen über die Piraha den Beweis für eine weitaus größere Flexibilität der Sprache angetreten zu haben.

Die Sprachkultur der Indianer ist aber auch der Grund dafür, dass Everett mit seinem Vorhaben, die Piraha zum christlichen Glauben zu bekehren, grandios scheitert: Als er ihnen von Jesus erzählen will, ist ihre erste Frage, ob er ihn, diesen Jesus, persönlich kenne. Als er das verneint, fragen die Indianer ihn, ob er jemanden kenne, der Jesus gekannt habe. Als er auch das verneint, ebbt das Interesse der Piraha an seinen Geschichten augenblicklich ab. Es macht für die Indianer keinen Sinn, an etwas oder an jemanden zu glauben, den niemanden kennt und der von niemandem gesehen wurde. Der Missionar erkennt, dass Schöpfungsmythen nicht zur Forderung der Piraha nach unmittelbaren Belegen passen. Für das, was er den Indianern über seinen Glauben sagen will, kann er letztlich nur subjektive Begründungen aufführen, nämlich seine eigenen Gefühle. Am Ende des Buches bekennt Everett, wie er durch die Beschäftigung mit den Piraha, die er anfangs bekehren sollte, das Wesen seiner eigenen Religion, den Akt des Glaubens an etwas, das man nicht sehen kann, ernsthaft in Frage zu stellen begann. Die ganz im Hier und Jetzt lebenden unbekümmerten Piraha hatten ihn zu ihrer eigenen Weltsicht bekehrt. Obwohl seine Ehe darüber zerbrach, wurden seine eigenen Zweifel so groß, dass er seine missionarische Tätigkeit aufgab und sich fortan nur noch der Forschung widmete.

Jörg Klingbeil

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Jesus und das Johari-Fenster

(Mk 11, 15-19 und Parallelstellen)

Was siehst du aber einen Splitter in deines Bruders Auge, und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und siehe dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst! (Lukas 6, 41-42)

Mit diesem bildhaften Beispiel spricht Jesus eine Erfahrung an, die wohl jeder von uns schon einmal gemacht hat. Auch unsere Sicht auf Fehler und auf Schuld hängt häufig davon ab, ob es um das Fehlverhalten eines anderen Menschen oder um unser eigenes geht. Wie schnell sind wir bei anderen mit einer fest gefügten Meinung bei der Hand; das Vorurteil fällt eben leichter als das Urteil.

Dabei meint Jesus bei genauerem Hinsehen nicht die Kritik an anderen als solche, denn er sagt ja nicht, dass man den Splitter im Auge eines anderen nicht ansprechen darf. Er wendet sich aber gegen jede Einseitigkeit und letztlich gegen eine mangelnde Ehrlichkeit gegenüber unseren eigenen Fehlern.

In der Psychologie bezeichnet man dieses menschliche Phänomen als »blinden Fleck«; damit sind die Teile der eigenen Persönlichkeit gemeint, die vom Selbst - in der Regel unbewusst - nicht wahrgenommen werden, weil eigene Fehler bagatellisiert, schlichtweg geleugnet oder verdrängt werden sollen. Der Mensch neigt eben von Natur aus dazu, Situationen zu vermeiden, die ihm unangenehm sind. Die Kommunikationspsychologie veranschaulicht den blinden Fleck mit Hilfe des Johari-Fensters (siehe Grafik) und vier unterschiedlichen Perspektiven:

Johari-Fenster1. Im ersten Feld ist das, was wir sagen und tun, uns selbst und unserem Gegenüber bekannt. Das ist der Bereich, in dem unser Handeln im Allgemeinen frei von Ängsten und Vorbehalten ist. Hier zeigen wir uns den andern so, wie wir uns selbst sehen und sein wollen, gewissermaßen als »öffentliche Person«.

2. In der zweiten Zone (»Blinder Fleck«) sehen andere mehr von uns als wir, nämlich unsere unbedachten und unbewussten Verhaltensweisen, aber auch Vorurteile und Neigungen.

3. Die dritte Zone ist uns bekannt, den anderen aber nicht; diesen Bereich halten wir bewusst verborgen, hier haben wir unsere kleinen Geheimnisse und Schwächen.

4. Die vierte Zone ist der Bereich des wirklich »Ungewussten«, also von etwas, das weder uns noch den andern zugänglich ist; das ist eher ein Fall für die Tiefenpsychologie.

Die Grenzen zwischen den einzelnen Zonen sind fließend. Dabei ist die erste Zone die wichtigste, weil wir dort offen sind und ohne Verstellung handeln. Das Geheimnis jeder gelingenden Kommunikation besteht nun darin, diese Zone auszudehnen. Das kann nur durch Offenheit und Transparenz geschehen, durch die Bereitschaft zur Selbstreflexion und Selbstkritik. Wichtig ist es, Rückmeldungen zum eigenen Verhalten einzuforden und Feedback zum Verhalten der anderen zu geben, natürlich stets in einer nicht verletzenden Art und Weise, also möglichst ohne offene oder versteckte Vorwürfe. Das ist sicher mit das Schwerste, was es im zwischenmenschlichen Umgang gibt.

Jesus hat noch nichts vom Johari-Fenster gewusst, es wurde ja auch erst 1955 von zwei amerikanischen Psychologen entwickelt. Er hat gleichwohl die wesentlichen Prinzipien einer gelingenden zwischenmenschlichen Beziehung immer wieder deutlich gemacht:

Ändert euren Sinn, seid nicht hochmütig, seid barmherzig, seid empfindsam, seid offen, sucht die Fehler nicht bei anderen, schaut auf eure eigenen Verfehlungen, bevor ihr euch über andere erhebt. Seid ehrlich zu euch selbst und zu anderen. Wer von euch ohne Fehler ist, der werfe den ersten Stein - die Beispiele lassen sich beliebig verlängern. Seine ethischen Botschaften sind heute noch unverändert modern, egal ob es um Einzelpersonen oder um Gruppen und ganze Gesellschaftsordnungen geht.

Der moralische Zeigefinger ist nicht zuletzt auf dem weiten Feld der Religionen sehr beliebt. Wir Templer können zwar dankbar sein, dass uns keine engen dogmatischen Mauern gezogen sind. Das sollte es uns leicht machen, aufgeschlossen und tolerant gegenüber anderen zu sein. Aber auch wir sind vor Selbstgerechtigkeit nicht gefeit, auch wir sollten uns wegen der Freiheit im Glauben nicht als etwas Besseres fühlen. Der Blick auf den Balken im eigenen Auge kann der erste Schritt auf dem Weg zur Selbsterkenntnis sein.

Jörg Klingbeil

Das 150er Jubiläum in Bildern

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