Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 167/6 - Juni 2011

 

 

Die Ziele und Aufgaben des Deutschen Tempels

(aus dem »Aufruf zum Beitritt zum Deutschen Tempel« in der »Süddeutschen Warte« vom 8. August 1861)

»Bei der inneren Zerrüttung und der äußeren Gefahr Deutschlands drängen sich folgende Schritte und Maßregeln Christoph Hoffmann als unerlässlich auf:

1. Der Zerrüttung in den Familien muss gegengesteuert werden. Diese Zerrüttung offenbart sich in den unzähligen Krankheiten der Leiber und Seelen, in der Masse der Fälle des Wahnsinns, der Verzweiflung und des Selbstmords und in der Menge der Verbrechen und hat ihren Ursprung im irdischen Sinn und in der Fleischeslust, in die der Mensch, wenn er nicht durch das Trachten nach der Ausführung der Weissagung in einen Geistesmenschen umgewandelt wird, mit Notwendigkeit verfällt ...

2. Die richtige Verwendung der äußeren Mittel ist kein unwichtiger Teil der Geschäfte des Tempels. Der Apostel sichert die Reichen wie die Armen durch das Gebot, dass jeder mit seinen Händen etwas Nützliches schaffe, und durch das Gebot, dass die Reichen behilflich sein müssen, ihren ärmeren Brüdern auch zu einem Nahrungsstand zu helfen ...

Wer Häuser an Häuser, Äcker an Äcker reiht oder Kapitalien auf Kapitalien häuft, oder wer die Mittel, die er aus dem Inlande zieht, im Auslande anlegt, anstatt seinen Volksgenossen, Aufruf zum Beitritt 1861 denen er doch Leib und Seele anvertraut, zur Erlangung eines Nahrungsstands behilflich zu sein, der kann nicht Mitglied des Deutschen Tempels sein ...

3. Sache des Deutschen Tempels ist es, den Sinn der deutschen Nation auf Unternehmungen zu richten, die den Deutschen nach Leib und Seele helfen können. Zu diesen Unternehmungen gehört namentlich die Besetzung Palästinas und die Aufrichtung des Tempels in Jerusalem, der nach der Weissagung das Zentralheiligtum der Erde werden muss ...

4. Die Erziehung der deutschen Jugend ist eines der wichtigsten Geschäfte des Tempels. Naturgemäß sollte die Jugend an dem Beispiel der Alten ihre Erziehung finden; aber der Umstand, dass dies jetzt nicht der Fall ist, hat nur zur Auffindung immer neuer Methoden und Vorsichtsmaßregeln Veranlassung gegeben, Georg David Hardegg die den vorhandenen Mangel einer naturgemäßen Erziehung nie ersetzen können. Bei diesem Mangel ist es das einzige gründliche Hilfsmittel, der Jugend hohe und richtige Ziele vorzuhalten, welche die Entwicklung der Geistes- und Körperkräfte in Anspruch nehmen.

Der Deutsche Tempel stellt diese Ziele auf und bringt eine Erziehung mit sich, welche nicht nur auf Kenntnisse und Fertigkeiten sieht, sondern vor allem auf Sittlichkeit, und zwar in dem Maß, dass ein junger Mensch wirklich ein Tempel Gottes wird und dass der jetzt so vielfach schon früh zum Laster missbrauchte und geschändete Leib ein vollkommenes Werkzeug des Geistes wird ...

5. Die Aufgaben einer deutschen Zentralgewalt erhellen aus dem Vorstehenden. Es kann sich für die Regierungen und Kirchen Deutschlands nicht mehr darum handeln, in dem einmal gewohnten Gang fortzumachen, sondern sie müssen sich zu dem entschließen, was das Bedürfnis der Menschen fordert. Die Kirche und der Staat haben wohl verschiedene Gebiete der Tätigkeit, aber einerlei Aufgabe; sie müssen in Einem Geist und auf Ein Ziel hin wirken ...«

Kirschenhardthof, den 16. Juli 1861

Der Ausschuss: G.D. Hardegg, Chr. Hoffmann, Chr. Paulus, I.C. Breisch

Unterwegs zur Freiheit im Glauben

Vielleicht haben sich manche, die über die Tempelgesellschaft nur wissen, dass sie aus dem württembergischen Pietismus hervorgegangen ist, über dieses Motto gewundert, das wir für unsere Jubiläumsfeier und unseren Flyer gewählt haben. Denn in der Tat ist es ein weiter Weg, den die Tempelgesellschaft gegangen ist von ihren Anfängen bis zu ihrer heutigen religiösen Position. Ich will versuchen, diesen Weg wenigstens in groben Zügen nachzuzeichnen.

Am Anfang steht Christoph Hoffmanns gut pietistische Bibelgläubigkeit, nicht unbedingt im Sinne einer immer wörtlichen Deutung, aber in dem Sinne, dass die Bibel selbstverständliche und umfassende Grundlage allen christlichen Lebens sei.

Nach einer langen Phase des Suchens findet er zu der Überzeugung, die von da an sein Leben bestimmt: der Kern von Jesu Lehre und Leben liegt im Kommen der Gottesherrschaft, wie sie schon die Propheten des Alten Testaments geweissagt haben, und diese Gottesherrschaft betrifft nicht - oder nicht nur - ein Jenseits oder eine ferne Zukunft, sondern das Hier und Jetzt; das Trachten danach muss deshalb der allein maßgebliche Auftrag für alle Christen sein. Und die wörtliche Auslegung der prophetischen Weissagung schloss ein, dass die Gottesherrschaft von Jerusalem ausgehen müsse und vom Volk Gottes getragen sein werde; daher das Ziel der Auswanderung nach Jerusalem und die Forderung nach der Sammlung eines neuen »Volkes Gottes«, nämlich derer, die diesen Glauben und dieses Ziel teilten.

Das vertrat er kompromisslos. Als die Kirche - wir würden sagen: verständlicherweise - diese Auffassung nicht teilte, sah Hoffmann in ihr »die große Hure Babylon«, die zum Abfall verführte, weil sie den Menschen ein falsches Bewusstsein anerzog. Die Auseinandersetzung wurde gehässig geführt, von Hoffmanns Seite eher mehr als von kirchlicher.

Etwas gemildert wurde dieser Fanatismus durch den gut pietistischen Grundsatz, dass Religion sich nicht in Worten, sondern im Tun erweisen sollte. Mission wurde in den letzten Jahren vor der Auswanderung nicht oder kaum mehr betrieben, nach der Auswanderung gar nicht mehr. Man wollte Mustergemeinden gründen, die durch ihr Beispiel überzeugen sollten; das führte zur Ansiedlung in dem heruntergekommenen Weiler Kirschenhardthof. Vielleicht fehlte zur Mission auch einfach die Kraft. Man hatte mehr als genug damit zu tun, den Lebensunterhalt zu sichern, die Gemeinde in »Reich-Gottes-ähnlichen« Zustand zu führen (was nur mäßig gelang) und die Auswanderung vorzubereiten.

Mit der Auswanderung änderte sich das Klima. Erstens war es ungeheuer schwer, in dem völlig vernachlässigten Land zu überleben und eine Existenz aufzubauen, zweitens weitete die Begegnung mit einer völlig fremden Kultur und Menschen aus aller Herren Länder den Blick und lehrte, Fremdes zumindest als gegeben hinzunehmen. Der Verzicht auf Mission bewirkte, dass das Verhältnis zu den schon im Land ansässigen christlichen Institutionen - Klöster, Missionsschulen usw. - von Anfang an entspannt war. Man begegnete sich freundlich und half sich gegenseitig aus. Kommentar einer katholischen Nonne: »Es ist zwar bedauerlich, dass diese Leute eigentlich keine Christen sind, aber man muss anerkennen, dass sie ein untadeliges christliches Leben führen.«

»Dass diese Leute eigentlich keine Christen sind«: dass Hoffmanns Programm, wenn man es ernst nahm, alles in Frage stellte, was man bisher als die Grundlagen des Christentums angesehen hatte, war bisher niemandem aufgefallen, nicht der Kirche und wohl auch ihm selbst nicht. In der Auseinandersetzung mit der Kirche hatte der theologische Gegensatz keine Rolle gespielt. Hoffmann erschien alles, was nicht mit dem Reich Gottes zu tun hatte, unwesentlich, so dass er sich zunächst nicht damit befasst hatte. Jetzt musste den Gemeinden, in denen schon länger darüber diskutiert wurde, was zum Reich Gottes gehöre und was nicht, eine klarere Glaubensgrundlage gegeben werden, auch eine deutlichere Abgrenzung von der Kirche. Hoffmann tat das in drei Streitschriften über die Sakramente (in der evangelischen Kirche: Taufe und Abendmahl), die Trinität und die Gottheit Christi. Er lehnte sie alle ab, weil sie nicht biblisch begründbar seien, zumindest nicht in dem Sinne, in dem sie in der Kirche verwendet werden; die Sakramente zudem, weil eine Zeremonie nichts an dem Verhältnis des Menschen zu Gott verändert; die Trinität, weil sie eine abstruse Konstruktion sei, die erst auf den Konzilien des 4. Jahrhunderts ausgehandelt wurde. Am wichtigsten war seine christologische Position: für ihn war Christus Mensch, der die Bestimmung des Menschen zur Vollkommenheit am reinsten verkörperte; dass er sein Streben nach dem Reich Gottes mit dem Tod besiegelte, hatte nichts mit Sühne zu tun, sondern sollte den Menschen Ansporn und Vorbild zu gleichem Streben sein.

Inzwischen war eingetreten, was außer den Templern selbst niemand für möglich gehalten hatte: die Kolonien hatten sich aus eigener Kraft erhalten, ab der zweiten Generation gab es einen bescheidenen Wohlstand, noch später wurden die Kolonien blühende wirtschaftliche Zentren. Das »Wunder« dieses Erfolgs stärkte den Glauben der Templer, dass sie »im Sinne dessen, was Gott will« (Christoph Hoffmann) gehandelt hatten. Es stärkte auch ihre Selbstzufriedenheit.

Dabei hätte man schon ab der 2. Generation etwas ganz anderes sehen können. Das ursprüngliche Ziel, Keimzelle eines sich ausbreitenden Reiches Gottes zu sein, war nicht erreicht worden und würde auch nicht erreicht werden. Die Kolonien wuchsen zwar, aber nur durch den eigenen Geburtenüberschuss. Neuen Zuzug gab es schon seit Mitte der 70er Jahre nicht mehr, und in der eigenen Umgebung dachten weder Araber noch Juden noch Christen daran, Templer zu werden. Das war eigentlich ein Scheitern. Aber das schien niemanden zu stören. Die Templer sahen in ihrem eigenen Erfolg einen Erfolg des Gottesreiches. Es gab einen neuen Namen dafür: die »Hebung des Orients«, die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas. Das war nichts Schlechtes, und es war etwas Konkretes, wo man Erfolge messen konnte, das, was wir heute Entwicklungshilfe nennen würden. Und auch Außenstehende erkennen heute an, dass die Templer auf diesem Gebiet im Verhältnis zu ihrer kleinen Zahl Beachtliches geleistet haben.

Man wurde auch toleranter, z.B. gegenüber den wenigen »Kirchlern«, die während des religiösen Streits in den 70er Jahren zur evangelischen Kirche zurückgekehrt waren. Aber es war eine Toleranz nicht aus Respekt vor den anderen, sondern aus Gleichgültigkeit. Es war nicht mehr wichtig, ob man Templer war oder nicht. Das große Ziel der Väter und Großväter war fast unbemerkt verloren gegangen.

So entstand eine geistige Leere, und die füllte sich im 19. Jahrhundert , wie überall in Europa, mit Nationalismus und im 20. - wenigstens zum Teil - mit Nationalsozialismus.

Viele ließen sich von der Propagandafloskel der Volksgemeinschaft blenden »Die machen jetzt das, was wir schon haben«. Manche der Jüngeren stürzten sich auf die neue Heilslehre, die wieder ein großes Ziel bot. Die Älteren wehrten sich gegen die Vereinnahmung durch NS-Institutionen. Dass in Deutschland Andersdenkende eingesperrt und gefoltert wurden, konnte man übersehen, wenn man wollte. Dass die loyale Minderheit der Juden diskriminiert und gedemütigt wurde bis zur Vertreibung, konnte man in Palästina, wo der Flüchtlingsstrom laufend anschwoll, nicht übersehen. Den Einzelnen hat man geholfen, so gut man konnte, mit Geld oder Papieren. Den eigentlich zwingenden Schluss, dass ein Staat, in dem das möglich ist, auch nicht das Mindeste mit dem Reich Gottes gemein haben kann, haben viele nicht gezogen.

Die Folgen für uns sind bekannt. Nach der Gründung des Staates Israel durfte (außer vier Schwerbehinderten) kein Templer mehr in Israel bleiben, geschweige denn dorthin zurückkehren.

Das hätte nach aller Logik das Ende der Tempelgesellschaft sein müssen. Nicht nur das Siedlungswerk war verloren, sondern auch das Ziel, um dessentwillen es errichtet worden war. Aber: wie es gar nicht so selten geschieht: gerade die Katastrophe hat zu einer Neubesinnung geführt. Keiner wollte die Tempelgesellschaft aufgeben. Aber wir mussten erkennen und offen zugeben: dass das Unternehmen gescheitert war, im Grunde schon lange vor der Vertreibung; dass es auf einer Reihe von Irrtümern beruhte: dem Glauben an die Richtigkeit einer wörtlichen Auslegung bestimmter Teile der Bibel, und, darauf fußend, dem Glauben, ein neues Gottesvolk zu sein, den Glauben an einen speziellen göttlichen Auftrag; dass das Ziel von Anfang an unerreichbar war.

Natürlich haben wir auch nach dem gesucht, was bleibt. Es ist der Maßstab Christoph Hoffmanns: »Alles, was zählt - für die Mitgliedschaft in der Tempelgesellschaft, aber damit gemeint ist: vor Gott -, ist die Bereitschaft zur Mitarbeit am Reich Gottes.«

Dazu muss man aber Reich Gottes anders definieren als er oder die Propheten es tun. Nicht als einen Zustand flächendeckender Harmonie und Freude und Fülle. Der ist nicht denkbar und vielleicht nicht einmal wünschenswert. Die Welt - Kosmos, Erde, Natur, Menschenwelt - ist auf Entwicklung angelegt. Nichts bleibt, wie es ist. Und oft macht, s. unser Beispiel, gerade die Katastrophe, die die Harmonie zerbricht, den Weg frei für etwas Neues.

Deshalb halten wir uns an die Definition Jesu: »Wo zwei oder drei zusammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen«. Wo immer eine kleinere oder größere Gruppe von Menschen zusammen lebt oder zusammen arbeitet, um Not zu lindern, Freude zu machen oder etwas Gutes auf den Weg zu bringen, da ist ein kleines Stück Reich Gottes, an einem begrenzten Ort, für eine begrenzte Zeit. Früher oder später wird sie zerfallen. Aber es gibt unendlich vieler solcher Gruppen, und es entstehen immer wieder neue, durch die Reich Gottes wachsen kann. Vielleicht waren, trotz aller Irrtümer, unsere Siedlungen am Anfang für eine kurze Zeit ein solches kleines Stückchen Reich Gottes.

Und damit bin ich zum Schluss wieder bei unserem Thema. Christoph Hoffmanns Maßstab lässt viel Freiheit im Glauben zu. Denn in einer solchen Gruppe kann es viele verschiedene Glaubensansichten geben, über die man sich austauschen, sie annehmen oder ablehnen oder daraus lernen kann. Und solche Gruppen gibt es in allen Konfessionen und Religionen.

In der Praxis heißt das, dass wir hier und in Australien uns mit anderen freichristlichen Gruppen austauschen und dass wir Doppelmitgliedschaften mit anderen Konfessionen (gar nicht so selten) und Religionen (sehr selten) zulassen.

In Australien haben wir immerhin eine sehr aktive Templerin, die zugleich Muslimin ist (sie ist mit einem Moslem verheiratet). Als sie das den Ältesten mitteilte, waren die zuerst etwas konsterniert, stimmten aber zu. Und sie erzählt inzwischen, in ihrer muslimischen Gemeinde gehe es ganz ähnlich zu wie bei uns.

Brigitte Hoffmann

Der Geist von Sarona

40 Jahre vor Entstehung der heutigen Metropole Tel-Aviv sah es um die alte Hafenstadt Jaffa noch ziemlich menschenleer aus. Ein Dünenkamm säumte nördlich und südlich der Stadt die Wellen des Mittelmeeres, im Hinterland lagen in der Küstenebene verstreut kleine Araberdörfer, durch Esels- oder Reitpfade miteinander verbunden. In dieser leeren Einsamkeit hatte die Tempelleitung 1871 Ländereien für eine neu zu errichtende Siedlung erworben. Die Erweiterungsmöglichkeiten der schon seit 1869 bestehenden Tempelkolonie bei Jaffa waren begrenzt und es lagen zahlreiche noch unerledigte Auswanderungsanträge von Templern in Württemberg vor.

Alles verlief verhältnismäßig schnell: zwischen Landerwerb und Grundsteinlegung der ersten Häuser auf dem neuen Land vergingen kaum sechs Monate. Der Architekt und Landvermesser Theodor Sandel war mit dem Entwurf der Siedlung beauftragt worden. Er teilte die Kolonie in 22 Parzellen auf, die durch Losentscheid an die Bewerber vergeben wurden. Viele der Käufer hatten die Reise ins Heilige Land noch gar nicht angetreten. Sie befanden sich noch auf Abruf in ihren Dörfern in Württemberg, seien es die Edelmaiers aus Aldingen, die Lämmles aus Leutenbach, die Stiefels aus Fornsbach oder die Besserers aus Nussdorf.

Der Hausbau begann mit den Wohnhäusern von Johann Martin Wennagel und Wilhelm Friedrich Bernhardt. In einer kleinen Feier im Freien begingen die Siedler von Jaffa am 18. Oktober 1871 die Einweihung der neuen Kolonie, die nur etwa 3-4 km von der alten entfernt lag. Nach einem gemeinsam gesungenen Choral sprachen Architekt Sandel, Ältester Kappus und Tempelmitbegründer Hoffmann zu den Anwesenden. Sie drückten ihre Bitte aus, dass Gott ihnen beistehen möge, ihr Vorhaben, mit dem sie so viele Hoffnungen verbunden hatten, in die Tat umzusetzen. Nach der feierlichen Namensgebung »Sarona« (nach der geografischen Lage in der Saron-Ebene) beschloss ein Dankgebet die kleine Zeremonie.

Der aus Aach bei Freudenstadt ausgewanderte Architekt Wennagel wurde dann mit dem Bau von Gemeindehaus und Schule in der neuen Kolonie beauftragt, einem Bau, der an der »Kreuzstraße«, also in der Mitte der Siedlung, liegen sollte. Es ist bezeichnend für die »Templer der ersten Stunde«, dass der Errichtung eines Gemeindehauses in ihren Siedlungen immer erste Priorität eingeräumt wurde. Wenig später wurde auf dem Dachboden dieses Gebäudes eine Turmuhr der Firma Perrot aus Calw eingebaut. Ich selbst habe noch in meiner Jugendzeit in den Internierungsjahren an diesem Zifferblatt die Tageszeit abgelesen. Für die Schüler war es ein wichtiges Hilfsmittel. Wennagel konnte das Gebäude gerade noch vor seinem unerwarteten Tod im Dezember 1872 fertigstellen.

Im Alter von nur 50 Jahren war er einer Malaria-Epidemie zum Opfer gefallen, die in der neuen Kolonie wütete. Aus der kleinen Schar der Kolonisten raffte die Krankheit in jenem Jahr 26 Personen dahin, oftmals mehrere Angehörige einer Familie. Auch Wennagels Ehefrau konnte diesem Schicksal im darauffolgenden Jahr nicht entgehen. Die Siedler waren noch nicht vertraut mit den Gesundheitsrisiken in ihrer neuen Umgebung, außerdem gab es auch noch keine wirksamen Mittel gegen das »heiße Fieber«. »Machtlos stand man vor diesen heißfiebernden, sich selber innerlich verbrennenden Kranken, die oft auch noch an der Ruhr leiden mussten« - berichtet Tempelvorsteher Nikolai Schmidt 75 Jahre später in einem Rückblick auf diese Anfangszeit von Sarona. »Man sah in der Sommersonne den großen Feind. Man verbot die Arbeit mittags zwischen 10 und 2 Uhr. Eine unsagbare Trauer herrschte. Niemand wusste, ob er den nächsten Tag noch erleben würde.«

Zwischen 1872 und 1874 erlagen 55 Bewohner von Sarona dieser Seuche. Das war mehr als ein Viertel der gesamten Einwohnerschaft. Man erkannte, dass die Krankheit aus den zahlreichen Wasserlachen und Tümpeln der Umgebung herkam, in denen sich im warmen Klima die krankheitsübertragenden Insekten tummelten. Durch Anpflanzung von Eukalyptusbäumen - und auch durch bessere Medikamente und an das Klima angepasste Kleidungsstücke - ging die Zahl der Todesopfer langsam wieder zurück.

Auch wenn wir über diese Anfangszeit heute genaue Berichte lesen können, dürfte es uns sehr schwer fallen, uns in die Lage der damaligen Neusiedler zu versetzen. Neben der ständigen Angst, angesteckt zu werden, gab es auch die große Sorge um die Existenz der Familien. Die Verdienstmöglichkeiten waren verständlicherweise sehr klein, und wenn der Familienvater auch noch durch Krankheit ausfiel, noch viel kleiner. Zumindest konnte man sich, da Sarona eine Ackerbausiedlung war, noch mit selbstangebauten Nahrungsmitteln über Wasser halten.

»Aus Sarona brauchte niemand wegen Brotsorgen abzuwandern«, heißt es in Schmidts Rückschau weiter, »es waren mehr die Unzufriedenen, die in der Abwechslung Vergnügen suchten. Die Beharrlichkeit, die Ausdauer der Verbliebenen hat dann die Fieberjahre überstanden. Als mit vereinten Kräften der Wadi Misrara reguliert war, die Eukalyptusbäume groß wurden und dann die Tiefbohrungen aus der Tiefe das Trinkwasser heraufbrachte, da war alles Leid und aller Schmerz der Anfangsjahre behoben.«

Aus dem krankheitsverseuchten und feuchtwarmen Sarona von 1872 war dann um die Jahrhundertwende »die blühendste Siedlung« von ganz Palästina geworden. Ich habe meine Jugendjahre dort verbracht und kann bestätigen, dass man sich dort wohlfühlen konnte. Der inzwischen groß gewordene Baumbewuchs sorgt im Sommer für erholsamen Schatten, und bei Krankheiten hielt unser jüdischer Apotheker Mamlock stets wirksame Mittel dagegen bereit. Natürlich quälten die Erwachsenen auch dann noch manche Sorgen - viele hinsichtlich der im Zweiten Weltkrieg in der deutschen Wehrmacht dienenden Familienväter -, aber es waren dies keine Existenzängste mehr wie ehemals.

Trotz dieser so segensreichen weiteren Entwicklung Saronas habe ich mir doch die Frage gestellt, ob wir Heutigen unter den damaligen Umständen in der Anfangszeit nicht aufgegeben hätten. Wenn keine Besserung der Verhältnisse in Sicht ist, tendieren wir Menschen doch eher dazu, ein Projekt widerwillig zwar, aber doch als hoffnungslos zu bezeichnen und abzubrechen. Die Saroner Templer haben dies nicht getan, sie haben das zu tragende Leid als zu ihrer Aufgabe gehörend betrachtet. Die Tempelführer hatten ihnen die Überzeugung eingepflanzt, dass sie einer von Gott gestellten Aufgabe auch in schwerster Zeit treu bleiben müssten. Dieses religiöse Lebensverständnis haben wir Heutigen zum größten Teil verloren.

Nikolai Schmidt führt das Durchhalten der Siedler durch die schwere Zeit auch zurück auf ihre Bereitschaft zum Gemeinwesen. »Wie schön ist's, wenn Brüder und Schwestern treu gesinnt in Eintracht und Frieden vertraut beisammen sind. Einem solchen gemeinsamen Leben, zu dem als Erster Jesus die Menschheit aufrüttelte und das Hoffmann unter dem Wust der Überlieferungen wieder neu herausgeholt und aufgestellt hat als das einzig Wertvolle, das Einzige, für das es sich lohnt zu leben, streben wir auch weiterhin zu.«

Ein solcher Geist hat in meinen Augen damals in Sarona geherrscht und ihr Gemeinwesen auf längere Sicht überleben lassen. Nichts wäre schöner, als wenn die durch die Denkmalschützer von Tel-Aviv in jüngster Zeit bewirkte Wiederinstandsetzung der kleinen Templerhäuser von Sarona das Gedenken an diesen Geist unter uns wach halten würde.

Peter Lange

Erziehung und Bildung in der Tempelgesellschaft

Erfahrungen und Bewertungen

Zu den beeindruckenden Erfahrungen meiner Kindheit gehört das Erlebnis und die Erkenntnis, was gute Schulbildung bewirken und vollbringen kann. Das möchte ich an folgendem Beispiel zeigen. Meine Mutter und meine Tanten sangen gerne miteinander. Das ist an sich noch nichts Außergewöhnliches. Aber sie sangen nicht nur einstimmig, sondern dreistimmig, und vor allem sangen sie nicht nur Volksweisen, sondern auch Kunstlieder und Arien. Das beeindruckte mich immer mehr, je älter ich wurde und je mehr Erfahrung ich selbst als Schüler und später als Lehrer machte. Was diese drei Damen aus der Schule in Sarona mitbrachten, war von hohem Niveau und Zeichen einer guten Schulbildung. Dazu wurde noch Goethe, Schiller, Mörike und Uhland wie selbstverständlich rezitiert. Neben Arabisch hatten sie auch Kenntnisse in Französisch und solide Grundkenntnisse in Geschichte und Geographie. Und dabei hatten sie "nur" die Dorfschule in Sarona absolviert. Meine Hochachtung vor der Qualität der templerischen Erziehungsanstalten wurde dort geprägt.

Dieses persönliche Beispiel macht schon deutlich, welche Bedeutung der Erziehung und der Bildung in den Gemeinden der Templer beigemessen wurde. Und das von der ersten Stunde der Entwicklung der Tempelgesellschaft an. Das wird unter anderem daran ersichtlich, dass der Mitbegründer der Tempelgesellschaft Christoph Hoffmann nach Abschluss seines Theologiestudiums nicht eine Pfarrstelle antrat, zu welcher ihn das Studium berechtigt hätte, sondern eine Stelle als Lehrer an der Privatschule der Brüder Paulus auf dem »Salon« in Ludwigsburg. Sein Entschluss dazu mag an den Erfahrungen seiner eigenen Erziehung während seiner Kindheit in Korntal begründet sein, wo man großen Wert auf eine gute christliche Erziehung legte, in einer Gemeinschaft der Nächstenliebe. Seine Erfahrungen und seine Vorstellungen einer verantwortungsvollen Erziehung der Jugend trafen sich offensichtlich mit denen der Gebrüder Paulus. So wurden die Ziele der Erziehung in der Wissenschaftlichen Bildungsanstalt der Paulus von Rudolf F. Paulus in einer Ausgabe der Ludwigsburger Geschichtsblätter folgendermaßen zusammengefasst: »Die sittliche Erziehung der Schule bedeutete, ihre Zöglinge anzuhalten zu einem regelmäßigen Besuch der Kirche, zur Achtung aller ihrer einzelnen Handlungen und zur Aufmerksamkeit auf den Lebensinhalt, welcher sich hier kund gab. Ebenso gehörte es zur Aufgabe der Schule, ihre Zöglinge durch Zuziehung zu dem häuslichen, religiösen Leben, sowie durch speziellen Umgang zu einem inneren und wahrhaften Leben in, mit und für Gott zu veranlassen.«

Auch im nächsten Entwicklungsschritt der Tempelgesellschaft wird der Erziehung und Bildung der Jugend große Bedeutung beigemessen. Als der Gedanke gefasst wird, eine Vorbereitungssiedlung vor einer möglichen Auswanderung nach Palästina zu gründen, und zu dem Zwecke einer Probegemeinde der Weiler Kirschenhardthof 1856 gekauft wird, gehört zu den ersten Einrichtungen dort eine Schule: am 20. April übersiedeln die ersten Jerusalemsfreunde, am 2. Juli wird der Grundstein zum Versammlungssaal gelegt, und bereits im Herbst erfolgt die Gründung zweier Schulen daselbst, eine für Knaben unter der Leitung von Chr. Paulus, die andere für Mädchen, dem Lehrer und Hausvater Fr. Müller zugeteilt. In »Warte«-Artikeln der damaligen Zeit wird die Kritik an den Schulen des Landes, damit auch die Absetzung von den Erziehungsleitlinien derselben verdeutlicht, und die eigenen Grundsätze einer an christlichen Grundwerten orientierten Bildungsanstalt formuliert. Das Bestreben der Schulen der Jerusalemsfreunde ist eine Reform der Schulen: »Es handelt sich bei der Reform der Kirche und Schulen nicht um die Änderung äußerer Einrichtungen, die bei der Kirche und Schule gut genug sind, sondern um den Geist, in welchem diese Anstalten geleitet werden, und um die Ziele, nach welchen sie zu trachten haben«(»Warte« 1856). Und weiter heißt es dort: »Wir werden sie nicht nur auf die in der sichtbaren Welt bestehenden Verhältnisse und Naturgesetze aufmerksam machen, denen sich jeder Mensch fügen muss, der als vernünftig in der Welt gelten will, sondern wir wollen sie namentlich auch zur Erkenntnis der ebenso fest gegründeten und für die Menschen noch viel wichtigeren Verhältnisse der unsichtbaren Welt führen ...Dadurch, dass der Verstand, das Gemüt und alle Seelenkräfte der Kinder für diese Grundverhältnisse in Anspruch genommen werden, wird ein gesundes Wachstum des Körpers und des Geistes, die Grundbedingung für die Entwicklung aller Fähigkeiten und für die Ausbildung in Wissenschaften und Künsten jeder Art, gesichert. Wir unterrichten sie im Lesen, Schreiben, Rechnen, in der Musik, im Zeichnen, im richtigen Gebrauch der deutschen Sprache, in der Geschichte, Geographie, Mathematik und in der Kenntnis der Werke der Schöpfung. Das Erlernen fremder Sprachen wird in der Regel vor dem zwölften Jahr angefangen.«

Hier wird ein Curriculum erstellt, das dem der öffentlichen Schulen weit voraus zu sein scheint, und mir sehr fortschrittlich scheint. Das Prinzip einer ganzheitlichen Erziehung, das erst später in der Reformpädagogik entwickelt wird, ist hier schon Schulprogramm. Die Gleichwertigkeit von naturwissenschaftlichem und musischem Bereich im Bildungsplan ist für viele Schulen bis heute ein Wunsch geblieben. Der fortschrittlichste Grundsatz aber, der seiner Zeit weit voraus ist, in einer Zeit der noch herrschenden Klassengesellschaft, findet sich in folgenden zwei Sätzen: »Ohne Rücksicht auf die Vermögensverhältnisse und Ansehen der Eltern erhalten alle Kinder dieselben Bildungschancen. Jede Begabung wird sinnvoll gefördert, damit sie dem allgemeinen Nutzen zu dienen vermag.«

Aus Dokumenten und Zeugnissen wissen wir, dass die Schule auf dem Kirschenhardthof, wie auch schon vorher die Bildungsanstalt auf dem Salon in Ludwigsburg, einen guten Ruf hatte, welcher sich darin ausdrückte, dass auch Schüler aus ferneren Gegenden sie besuchten.

Auch in Palästina legten die Tempelgemeinden nach wie vor besonderen Wert auf eine gute Schulbildung. Die Errichtung einer Schule gehörte zu den vorrangigen Gemeinschaftsaufgaben bei der Gründung einer Kolonie. Die Leitung der Gesellschaft sorgte für gut ausgebildete Lehrkräfte. Der Lehrplan entsprach dem einer gehobenen deutschen Volksschule. Dass diese Schulen sehr gute Arbeit leisteten, dass ihr Hauptanliegen die Förderung jedes Kindes war, dass diese Förderung nicht nur die Begabung des Kindes zum Ziele hatte, sondern die Vermittlung geistiger und kultureller Güter aus dem großen Schatz des Abendlandes, haben wir Nachkommende, wie ich es schon eingangs erwähnte, durch unsere Eltern und Großeltern erfahren dürfen.

Wir leben in einer anderen Welt und in einer anderen Gesellschaft. Die Situation hat sich gegenüber den früheren Siedlungen in Palästina grundlegend verändert. Wir haben keine eigenen Schulen mehr, wo wir die geschilderten Erziehungs- und Bildungsgrundsätze weiterführen und weiter entwickeln könnten. Trotzdem entdecke ich noch, wenn auch vielleicht nur kleine Zeichen, von dem Gedankengut und dem Anliegen unserer Vorväter. In Australien wird seit den 50er Jahren die »Deutsche Schule« geführt, um den nachwachsenden Templerkindern die Möglichkeit zu geben, die Sprache ihrer Vorfahren zu erhalten oder zu lernen. Das geschieht oft unter schwierigen Bedingungen und hohem Aufwand. Aber das Programm wird weiter durchgeführt. Ein zweites kleines Zeichen sind für mich die Ferienangebote für Kinder und Jugendliche, welche hier und in Australien seit dem Neubeginn der Gemeinden durchgeführt werden. Auch wenn die Zahl der teilnehmenden Kinder immer geringer wird - Anfang der 50er Jahre waren es noch 40 bis 50, die nach Hörlebach oder Münsingen oder Maulbronn mitgingen - der Gedanke, an der templerischen Gemeinschaft über diesen Weg weiter zu arbeiten, steht bewusst oder weniger bewusst im Hintergrund. Grund genug, jedes Bemühen der Verantwortlichen in dieser Arbeit zu unterstützen.

Wolfgang Blaich

Ein persönlicher Beitrag

Wenn ich aus Anlass des bevorstehenden Jubiläums für einen persönlichen Beitrag über meine Mitgliedschaft in der Tempelgesellschaft und meine Tätigkeit in deren Ältestenkreis nachdenke, bedenke ich vor allem den Weg, der mich hierher gebracht hat.

Mein Vater stammte aus einer Templerfamilie, sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits. Meine Mutter war evangelisch (sie ist schon lange ebenfalls Mitglied der Tempelgesellschaft); sie nahm mich mit in den Gottesdienst, der in dem kleinen Kairoer Vorort, in dem wir wohnten, alle 14 Tage in der kleinen Kapelle der Anglikaner stattfand. Die evangelische Gemeinde hatte ihre Kirche in Kairo und durfte hier Gottesdienste für die im Vorort Meadi wohnenden Mitglieder durchführen. In der Schule hatten wir konfessionell getrennten Religionsunterricht, aber wir alle kannten auch den sehr beliebten Franziskanerpater, der katholischen Unterricht erteilte, gut. Überhaupt lernte ich durch den mehrfachen Wechsel der Pfarrer in der Gemeinde unterschiedliche Arten zu predigen kennen. Ganz "normal" wurde ich konfirmiert; während meines Studiums bis zu meiner Hochzeit reizten mich andere als Glaubensthemen mehr. Jörg, mein Mann, war katholisch und wir ließen uns ökumenisch trauen - was mich dabei ziemlich befremdete, war, dass der katholische Priester im Brautgespräch von mir verlangen wollte, dass ich Kinder, wenn welche kämen, selbstverständlich im katholischen Glauben zu erziehen hätte! Unser erstes Kind kam in Villingen zur Welt - und hier gab es einen jungen Pfarrer, der es verstand, mein Interesse an Glaubensdingen wieder zu wecken. Ich erinnere mich noch heute, dass ich mich sehr von seiner offenen Art, die Dinge zu sehen, angesprochen fühlte und nahm gern sein Angebot von "Gesprächsrunden über Glaubensdinge von A-Z" wahr. Hier begann ich erstmals, mich kritisch mit Glaubensfragen auseinanderzusetzen. Dann zogen wir nach Stuttgart, wodurch die Tempelgesellschaft in unsere Reichweite rückte.

Mit dieser war ich bis dahin nur durch meine Ferienlagerbesuche als Jugendliche in Berührung gekommen, von ihren Inhalten hatte ich nur eine vage Ahnung, da mein Vater nie viel über Religion gesprochen hatte. Zunächst nahmen wir an Gemeindeaktivitäten teil, besonders an den Familienfreizeiten, in denen ich viele Teilnehmer aus Ferienlagerzeiten wieder traf - jetzt ebenfalls mit Familie.

In dem Maße, in dem unsere Kinder größer wurden und während der Gemeindenachmittage betreut wurden, konnten wir an den Saalvorträgen teilnehmen. Sie sprachen uns so an, dass wir bald regelmäßig kamen.

1987 wurde ich zum ersten Mal von einer Ältesten, Lilo Thaler, gefragt, ob ich bereit wäre, mit ihr einen Saal zu gestalten und einen Teil des Themas zu übernehmen. Da alle Ältesten der Tempelgesellschaft Laien sind, war diese Tatsache an sich nicht außergewöhnlich, aber es war doch eine Herausforderung für mich. So wuchs ich in das Saalhalten hinein - und beschäftigte mich dadurch immer intensiver mit der Bibel und mit Glaubensfragen. Als ganz entscheidende Erkenntnis stellte sich dadurch bei mir ein, dass es in der Bibel sehr unterschiedliche Auffassungen gibt – und dass die etablierten Kirchen nur eine davon vertreten. So fühlte ich mich bestätigt, was meinen gefühlsmäßigen Widerstand gegen die Vorstellung von Jesu Sühnetod anging, ebenso, Jesus als Gott selbst anzusehen und anzubeten. Auch denke ich, dass die Verkündigung des Reiches Gottes die zentrale Lehre Jesu war; trotzdem liegt das Gewicht im Apostolischen Glaubensbekenntnis mehr auf Jesu Tod und Auferstehung. Außerdem ist mir wichtig, dass wir in der Nachfolge Jesu im »Trachten nach dem Reich Gottes« zum Handeln aufgerufen sind - ein zentrales Thema auch in der Tempelgesellschaft. So fühle ich mich hier religiös ganz und gar zuhause und bin dankbar dafür, auf diese Weise zu einer intensiven religiösen Auseinandersetzung gekommen zu sein - denn ohne die Herausforderung, selber Bibelstellen zu interpretieren und sich damit vor die Gemeinde zu stellen, hätte ich mich wohl kaum so sehr mit Theologie befasst. Diese Freiheit, in der ich mir meinen eigenen Standpunkt im Glauben erarbeiten konnte, ist mir sehr wichtig - eben so wichtig wie die Überzeugung, dass der eigene religiöse Standpunkt eines jeden Menschen ihm zusteht und unbedingt zu respektieren ist.

Karin Klingbeil

Vom Messdiener zum »Tempeldiener«

Das Motto, unter das der Ältestenkreis die Jubiläumsveranstaltungen zum 150-jährigen Bestehen der Tempelgesellschaft gestellt hat, kennzeichnet nicht nur den weiten Weg, den die Tempelgesellschaft geographisch und geschichtlich vom Königreich Württemberg über die Siedlungen in Palästina bis zum Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg in Australien und Deutschland genommen hat. Es steht auch für die geistige Entwicklung dieser Gemeinschaft, von den pietistischen Anfängen in der Mitte des 19. Jahrhunderts bis hin zur korporativen Mitgliedschaft im liberalen Bund für Freies Christentum an der Schwelle zum dritten Jahrtausend. Das Attribut »unterwegs« macht zugleich deutlich, dass der Weg weitergeht. Dabei erscheint das Ziel »Freiheit im Glauben« ebenso offen wie anspruchsvoll.

Für mich beschreibt das Motto »unterwegs zur Freiheit im Glauben« auch einen persönlichen Entwicklungsprozess, für den ich dankbar bin. Nur die wenigsten suchen sich ihre Glaubensgemeinschaft ja selber aus, in der Regel wird man hineingeboren und –getauft, ohne gefragt zu werden. Der Glaubensinhalt wird auch später nur selten hinterfragt, schon mangels Bekanntschaft mit Alternativen. Bei mir war die religiöse Heimat die katholische Kirche, von der Kommunion über den Status als Messdiener (verbunden mit intensivem Auswendiglernen, da der Gottesdienst noch im lateinischen Ritus stattfand - Latein in der Schule kam erst später) bis hin zum langjährigen Religionsunterricht. Als Messdiener empfand ich den Gottesdienst noch als geheimnisvoll, später war er mehr sonntägliche Pflichtübung. Das Bewusstsein von Schuld und Sühne, Sünde und Sündhaftigkeit war tief verankert; die Beichte schüchterte mich ein. Die Abnabelung erfolgte - wie bei den meisten - in der Pubertät, auch beschleunigt durch mehrere Umzüge. Um theologische Fragestellungen habe ich mich seinerzeit nicht gekümmert. Nicht verborgen blieb mir allerdings, dass mein evangelischer Vater unter der Diskriminierung litt, die ihm die katholische Kirche als Ehepartner meiner katholischen Mutter bereitete. Dies wiederholte sich unter umgekehrtem Vorzeichen bei dem Vorbereitungsgespräch mit dem katholischen Pfarrer anlässlich meiner eigenen ökumenischen Hochzeit. Mit der Kirche geriet ich erst wieder in Kontakt nach der Geburt unseres Sohnes durch den Gesprächskreis, den der damalige (evangelische) Pfarrer in Villingen ins Leben rief, Jahre später dann durch einen ähnlichen Predigtvorbereitungskreis eines Pfarrers an unserem heutigen Wohnort. Die dabei vermittelten Erkenntnisse der historisch-kritischen Bibelforschung wirkten auf mich befreiend, auch weil ich mittlerweile in der Tempelgesellschaft eine ähnliche Sichtweise kennengelernt hatte. In Gottesdiensten der katholischen Kirche war ich schon seit Jahren nicht mehr; dafür gelegentlich in der evangelischen Kirche vor Ort, was für ein Mitglied des Kirchenchors nicht ungewöhnlich ist. Dadurch fühle ich mich auch in der Lage, Vergleiche anzustellen. Die Tempelgesellschaft ist heute meine religiöse Heimat geworden. Zwar fiel es mir schwer, mich von den tradierten Glaubensinhalten meiner Kindheit zu lösen, hatte ich viele Jahre doch einfach das geglaubt, was mir Autoritätspersonen als unverrückbare Lehre vermittelt hatten. Nun lernte ich, wie zeitgebunden und wenig zwingend doch vieles hiervon war. Aktiv gefördert wurde dieser weitere Abnabelungsprozess vor allem durch meine Mitwirkung im Sprecherdienst des Ältestenkreises. Nun war ich selbst gefordert, mich mit Bibeltexten auseinanderzusetzen und mir einen eigenen Standpunkt zu erarbeiten. Wie fast immer im Leben, man lernt am meisten weder durch Zuhören und Zusehen, sondern durch Selbermachen. Sehr anregend fand ich zunehmend auch die Teilnahme an den Veranstaltungen des Bundes für Freies Christentum, dessen Glaubensauffassung ich voll und ganz teile. Immer noch kommt es mir gelegentlich so vor, als hätte jemand ein Fenster weit aufgerissen und der kühle Wind der Aufklärung hätte die gewohnte Denkweise fortgeweht. Bildlich gesprochen fröstelt es mich manchmal noch in der kalten Luft der Freiheit, aber ich weiß, dass auch mein Weg weitergehen wird, und ich bin gespannt auf neue Erkenntnisse.

Jörg Klingbeil

Prominente besuchen Tempelkolonien

Jaffa »im Duft der Orangenblüten«
Prominente besuchen Tempelkolonien

Im März-Heft der »Warte« gaben wir den Lesern Eindrücke des schwedischen Forschers und Reiseschriftstellers Sven Hedin wieder, die dieser im Jahr 1916 bei einem Besuch der Tempelkolonie Sarona von den dortigen Bewohnern erhalten hatte. Noch etliche Jahre früher als Hedin war Ferdinand Gregorovius im Heiligen Land unterwegs gewesen und hatte ebenfalls Kontakte mit den Templern gehabt. In seinem Buch »Eine Reise nach Palästina im Jahre 1882« ist sein Zusammentreffen mit den Siedlern lebendig geschildert. Da dies immerhin die schwere Anfangszeit für die ins Land Gekommenen war, sind die folgenden Beschreibungen sehr gut geeignet für eine Veröffentlichung im Jahr des 150. Gründungsjubiläums der Tempelgesellschaft.

Die Rede bei Gregorovius ist von der Tempelkolonie Jaffa, die 1869 von Christoph Hoffmann auf dem Siedlungsplatz einer gescheiterten amerikanischen Einwanderergruppe gegründet worden war. Der Leser, der mit der Ausdehnung der heutigen Metropole Tel-Aviv vertraut ist, zu der Jaffa heutzutage gehört, wird feststellen, wie andersartig diese alte Stadt damals noch ausgesehen hat:

»Wir haben vom Hafen aus zwanzig Minuten weit bis zum Hotel Jerusalem in der deutschen Tempelkolonie nordöstlich von Jaffa. Wir gehen auf einem sandigen Wege neben hohen Kaktushecken und ummauerten Gärten hin, aus denen der Duft der Orangenblüten quillt. Jaffa und sein Kulturland ist eine Oase im Wüstensande Palästinas. Hotel Jerusalem,
 Jaffa Seltsam mutet mich der Gegensatz der Kolonie, in welche wir einziehen, zu Jaffa an: ein württembergisches Dorf, neben der Jahrtausende alten schwarzen Philisterstadt. Schwäbische Kinderlaute, schwäbische Menschen, breitschulterig und schwerfällig in ihren Bewegungen, gekleidet wie ihre Brüder am Neckar, empfangen uns. Nichts ist uns hier fremd als der Name Jerusalem auf dem sauberen Gasthause, in welches uns sein Besitzer führt, Herr [Ernst] Hardegg, der Sohn des Gründers der Tempelkolonie [Haifa]. Ich übersehe aus meinem Zimmer die Oberstadt Jaffa, das phönizische Meer, die in der Sonne leuchtenden weißen Dünen, üppige Orangenhaine, Gärten voll Palmen und Bananen. Dies Land könnte wohl ein Paradies sein unter einer mächtigen Regierung, die den Hafen wieder bauen und Straßen in das Innere ziehen würde. Es ist kaum begreiflich, dass Jaffa, der Hafen Jerusalems, trotz seiner Lage zwischen Alexandria, Beirut, dem Sinai- und Jordanlande noch immer einer der am meisten vernachlässigten Orte Syriens geblieben ist.

Ich lese auf dem Haus eines Sattlers Müller - denn auch in Kanaan entrinnt man diesem Namen nicht mehr - folgenden Spruch: »Dein Wort sei meines Fußes Leuchte und ein Licht auf unserm Weg, Psalm 119«. Dann fällt mir die Gemeindetafel ins Auge mit einem Aufruf der vereinigten deutschen Kolonien Jaffa und Sarona zur Feier des Geburtstages des Kaisers morgen, am 22. März. Auf der Kolonie Jaffa soll um 6 Uhr frühe Tagwehr stattfinden vom Jaffaer Musikchor, sodann Empfang auf dem Konsulat und Festgottesdienst, nachmittags Festversammlung in und vor dem Gemeindesaal; Nationalhymne und Gesangvorträge vom Männerchor Sarona und vom Jaffaer Sängerbund. Um 5 Uhr abends Schluss durch eine Ansprache des Gemeindevorstandes Klenk. Also auch nach Kanaan haben die Schwaben aus der Heimat Uhlands die Lust zum Gesange mit sich gebracht. Wenn nichts anderes mehr diese Träumer zum Heimweh aufregen kann, wird es noch das deutsche Lied vermögen. Auch sie hängen noch immer am fernen Vaterlande. Wenn irgendwo sonst, kann ich mich in Philistäa davon überzeugen, dass wir Deutsche endlich an Kaiser und Reich ein festes Band besitzen und dass keine Zone der Welt so weit vom Vaterlande entfernt liegt, wo dessen nationale Einheit nicht von Deutschen empfunden und gesegnet wird.

Wir haben manches freundliche Haus in der Kolonie besucht und vor allem dem Arzt Dr. Lorch unsern Dank abgestattet. Er bewirtete uns im Kreis seiner jungen Familie mit schwäbischen Brezeln und weißem Wein von Jerusalem. Da der deutsche Konsul in Jaffa, Simeon Murad, ein wohlhabender Armenier, nicht anwesend war, forderte uns der Doktor auf, einen reichen Russen zu besuchen, welcher sich seit Jahren in der Kolonie niedergelassen hat und hier als zugewandter Freund und Gründer eines Hospitals hohe Achtung genießt. Er besitzt ein schönes Haus in der Nähe des Hotels Jerusalem. Herr U. [Baron von Ustinov] gehört nicht zur Tempelgemeinde, aber er scheint sich doch in ihrer religiösen Atmosphäre wohlzufühlen. Ein kräftiger Sohn des Nordens, von Kopf bis zu Fuß wie ein Pflanzer in den Tropen weiß gekleidet, empfing er uns mit großer Liebenswürdigkeit, und wir entdeckten bald in ihm einen gründlichen Kenner Palästinas und Phöniziens, dessen Trümmerstädte er mehrmals besucht hat. Er lud uns zu einer Fahrt nach dem Nahr-el-Audje ein, welcher nächst dem Jordan der wasserreichste Fluss Kanaans ist und sich einige Millien oberhalb Jaffas ins Meer ergießt.

Die deutschen Ansiedler haben eine gute Fahrstraße nach Sarona angelegt, und wir besuchen auch diese Kolonie von Ackerbauern und Viehzüchtern. Sie steht auf einer wohlbebauten Hochfläche, eine Straße von freistehenden Häusern bildend, wie aus der Nürnberger Schachtel. Eine Kirche gibt es hier nicht; die Frommen versammeln sich im Gemeindesaal, und jeder kann predigen, wenn er vom Heiligen Geist ergriffen ist. Herr [Johannes] Dreher aus Mägerkingen ist seit sieben Jahren Vorstand der Kolonie und zugleich ihr Schullehrer. Er zeigte uns den Betsaal, der auch Schulsaal ist; Säulen stützen ihn; dort steht geschrieben: »Von Zion wird das Gesetz ausgehen«, »Selig ist, der da hält die Worte der Weissagung«. Dieselben Sprüche sind in arabischer Schrift wiederholt, denn auch diese schwierige Landessprache wird, wie das Französische, in der Schule gelehrt. Der Sohn des Vorstandes zeigte uns seine sauber geschriebenen arabischen Hefte. Ich habe selten mit so viel Behagen an einem gastlichen Tische gesessen als hier in Palästina bei schwäbischen Bauern. Der Honig, den man uns vorsetzte, erschien mir deshalb köstlich, weil ich mir vorstellte, dass er aus den Blumen Sarons gezogen sei. Wenn Milch und Honig noch der Inbegriff des Reichtums des Gelobten Landes sind, so scheint hier davon genug zu fließen.«

Peter Lange

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