Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 167/5 - Mai 2011

 

 

Mit Esel und leichtem Gepäck

François Schneider startete vor Jahren einen Fußmarsch gegen Wirtschaftswachstum. Inzwischen ist daraus eine große Protestbewegung geworden.

Er muss für manche gewirkt haben wie Jesus auf seinem Weg durch das Heilige Land. Auch er ritt auf einem Esel, auch er sprach ständig mit den Menschen. Nur mit einem Esel und etwas Handgepäck begann François Schneider im Juli 2004 eine einjährige Tour durch Frankreich. Von einem kleinen Dorf bei Gap im Südosten wanderte er durch das Zentralmassiv bis nach Bordeaux an der Atlantikküste und zurück über Toulouse nach Lyon. Die Reise hatte ein politisches Ziel: nämlich mit »ganz normalen Zeitgenossen« darüber zu diskutieren, ob Wirtschaftswachstum noch ein sinnvolles Ziel sein könne. Schneider selbst glaubt es nicht. Für ihn liegt die Zukunft »nicht in mehr Atomkraftwerken, mehr Autobahnen oder mehr Supermärkten, sondern in einem genügsameren Leben«.

Mit dieser durchaus unpopulären Forderung zog er überraschend viel Aufmerksamkeit auf sich. Mit 500 Anhängern erreichte er sein Ziel: Magny-Cours. Dort werden jene Formel-1-Rennen ausgetragen, die für Schneider der Inbegriff einer fehlgeleiteten kultischen Verehrung von Technik, Konkurrenz und Geld sind. Er und seine Anhänger setzten viele Fahrräder und einen Esel dagegen - als Symbole für Langsamkeit und Entschleunigung.

Inzwischen ist aus dem »Marsch für Wachstumsrücknahme« (französisch »décroissance«) und anderen Aktionen eine politische Bewegung geworden. So richtig prominent wurde die Initiative im Oktober 2007. Damals veranstaltete Staatspräsident Nicolas Sarkozy in Paris einen »Umweltgipfel«. Seine Forderungen klangen gut und reichten von einer Verringerung des Pestizideinsatzes bis zur Gebäudeisolierung. Milliardeninvestitionen sollten grünes Wirtschaftswachstum beflügeln. Doch Schneider sah darin nur die »Umetikettierung herkömmlicher Wachstumspolitik« in grünes Wachstum. Denn »Sarkozy lobte auf diesem Gipfel auch Schnellbahnstrecken, Autobahnen und die Kernenergie«. Deshalb luden Schneider und seine Mitstreiter vor dem offiziellen Gipfel zu einem Gegengipfel nach Lyon ein. Daran nahmen mehr als 800 Bürger teil - viel mehr als erwartet. Alle Vorträge mussten einmal im überfüllten Saal und einmal auf einem Freigelände gehalten werden. Das Hauptthema: »Alternativen zum Wirtschaftswachstum«.

»Grünes Wirtschaftswachstum« - dieses Wortpaar ist für François Schneider eine Provokation. Der 43-jährige studierte einst Physik und Chemie in Paris, Montreal und Lyon. Danach war er an verschiedenen Forschungsprojekten beteiligt - auch zu Recycling und zu einem nachhaltigen Lebensstil. Als Naturwissenschaftler beeindruckt ihn besonders der »Rebound-Effekt«. Er besagt, dass auch ökologische Innovationen, die zum Beispiel Rohstoffe oder Energie sparen sollen, fast immer negative Effekte haben. Zum Beispiel, wenn mit sparsamen Autos mehr Kilometer zurückgelegt werden oder wenn man Geld, das man durch Wärmedämmung einspart, für einen zusätzlichen Fernurlaub ausgibt. Dadurch führen ökologische Einsparungen leicht zu Umweltbelastungen in einem anderen Bereich. Diese Überlegungen sind für die »Décroissance-Bewegung« von herausragender Bedeutung. Ihre Anhänger glauben nicht, dass mehr Öko-Effizienz irgendwann auch zu einer zukunftsfähigen Welt führt. Statt auf Effizienz setzen sie auf Suffizienz, auf einen genügsameren Lebensstil. Politisch fordern sie ein Ende des rastlosen Wachstumsstrebens: soziale Umverteilung des Reichtums statt ständige Steigerung des Reichtums für wenige, kein Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen, Verringerung der Höchstgeschwindigkeit im Verkehr und Rückbau der Autobahnen, Verbot von Werbung für Kinderprodukte, Förderung von genießerischem Essen (»slow food«) und vieles mehr. Mit diesen Forderungen setzt Schneider auf ganz andere Ziele für das Leben: »Was das Geld angeht, so muss uns allen klar sein, dass es nicht wichtig ist, wie viel wir haben, sondern welchen Wert wir ihm beimessen. Die Wachstumsverweigerer wollen die Wertschätzung für Geld und materiellen Besitz vermindern - und gleichzeitig die Armut in unserem Land und weltweit bekämpfen.«

Für die meisten politisch Engagierten ist dies eine Provokation. Für Konservative und Liberale ist steigendes Wirtschaftswachstum ohne Alternative. Einer der prominentesten Gegner von Schneider ist jedoch Daniel Cohn-Bendit, die Symbolfigur der französischen Grünen. Er bezeichnet die Vertreter der Décroissance als »Spinner« und fürchtet, dass Schrumpfungsprozesse zu sinkenden Einkommen führen und mehr Menschen ins Elend reißen könnten. Diese Befürchtung ist auch François Schneider nicht fremd, doch er setzt stattdessen auf eine gerechtere Verteilung des Bestehenden. Ebenso lehnen große Teile der Gewerkschaftsbewegung die Thesen der Wachstumsverweigerer ab. Wirtschaftswachstum sichere die Arbeitsplätze der Beschäftigten und lasse deren Löhne steigen. Allerdings beschäftigen sich auch bei der CGT, der zweitgrößten französischen Gewerkschaft, Minderheiten mit den Grenzen des Wachstums und den daraus folgenden Krisen.

Derweil wird die Bewegung von Prominenten unterstützt. So wurde François Schneider auf seiner Reise von José Bove begleitet, der durch Aktionen gegen McDonald's und durch die Zerstörung von Genmais-Feldern bekannt wurde und inzwischen Mitglied des Europaparlaments ist. Auch der bekannte Pariser Wirtschaftsprofessor Serge Latouche, seit vielen Jahren ein Kritiker der kapitalistischen Entwicklung, sowie Paul Aries, der schon über zwanzig Bücher zu Problemen der Globalisierung, zu Fast Food und Décroissance geschrieben hat, waren mit auf der Reise.

Und die Bewegung wächst. So verkauft die Zeitschrift mit dem Titel »La Décroissance - Le journal de la joie de vivre« (zu Deutsch etwa »Wachstumsrücknahme - das Journal der Lebensfreude«) inzwischen monatlich 45 000 Exemplare. Mögliche Alternativen zum Wachstum wurden auf zwei großen Kongressen in Paris (2008) und Barcelona (2010) diskutiert. Längst hat die Bewegung auch die Schweiz und Deutschland erreicht. Der nächste wichtige Kongress findet im Mai in Berlin statt.

François Schneider bestreitet nicht, dass die Alternativen zu Wirtschaftswachstum bisher sehr unausgegoren sind. Doch eine Alternative zur Verweigerung des Wachstums gibt es für ihn nicht: »In einer endlichen Welt wird steigende Produktion und steigender Konsum die sozialen Spannungen erhöhen. Deshalb muss ein Rückbau des Wachstums möglichst schnell ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit möglich machen und die Quellen zukünftiger Konflikte reduzieren.«

Harald Klimenta

Aus: »Publik-Forum«, kritisch - christlich - unabhängig, Oberursel, Ausgabe 2/2011, Seite 18

Décroissance: Wachstumsrücknahme

Kommentar zu obigem Bericht über François Schneider

Ich habe den Bericht darüber mit Freude und Zustimmung gelesen. Er entspricht in vielem meinem Empfinden und meiner Sicht der Dinge. Trotzdem blieb ein unterschwelliges Unbehagen - manches scheint eher Wunschdenken zu sein als mögliche Zukunftsperspektive. Dahinter steht, auch wenn Schneider (oder dieser Bericht) das nicht deutlich sagt, ein unleugbarer Widerspruch:

Auf der einen Seite steht die Tatsache, dass so gut wie alle, die öffentlich zu Wort kommen - Parteien von links bis rechts, Gewerkschaften und Unternehmen u.a. - Wachstum, d.h. Wirtschaftswachstum, anstreben und versprechen - und wahrscheinlich denken die meisten von uns ebenso. Denn Wachstum bedeutet Arbeitsplätze und Wohlstand. Wer will schon für Arbeitslosigkeit sein? Ich selbst bin eigentlich gegen mehr Wachstum, erst recht gegen mehr PKW-Verkehr - aber ich nehme erfreut zur Kenntnis, dass Daimler einige Tausend zusätzlicher Mitarbeiter einstellt.

Die andere Seite: Wir alle wissen inzwischen, dass schon das jetzige Ausmaß von Produktion und Konsum durch den CO2-Ausstoß die Erderwärmung auf eine Katastrophe zutreibt. Konkret: die bisherigen Bemühungen, den CO2-Ausstoß zu vermindern, haben zwar dazu geführt, dass der Anstieg sich verlangsamt hat, nicht aber zu einer Reduzierung. Wenn nicht wesentlich mehr geschieht, wird die Erderwärmung bis 2100 näher bei 3° liegen als bei den 2°, die die Weltgemeinschaft sich als Obergrenze gesetzt hat; der Meeresspiegel würde nicht, wie bisher angenommen, um ca. 60 cm steigen, sondern um 1-2 Meter (solche Angaben können naturgemäß nur ungenau sein; sie stammen vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung, einer der renommiertesten Einrichtungen dieser Art. Dafür spricht, dass das Eis an beiden Polen schneller schmilzt als erwartet). Dann würden einige Gebiete (Gangesdelta u.a.) mit einer Millionenbevölkerung unter Wasser stehen. Was das an Flüchtlingselend bedeuten würde, kann man sich nicht vorstellen. Die Konsequenz müsste heißen: nicht Wachstum, sondern Décroissance.

Politiker suchen die gegensätzlichen Ziele auf einen Nenner zu bringen: Wachstum ja, aber nicht einfach Mengenwachstum, sondern "grünes Wachstum" (Merkel): Förderung von alternativen Energien und von Energie-Effizienz, sprich Einsparung von Energie: das würde dem Klima nützen und Arbeitsplätze und Wohlstand zumindest erhalten oder sogar fördern. Und wir glauben ihnen gerne.

Schneider hält das für frommen (oder eher unfrommen) Selbstbetrug, weil die so erzielten Einsparungen fast immer auch negative Effekte haben, manchmal sogar für das Klima, manchmal an anderer Stelle. Er hat an entsprechenden Projekten mitgearbeitet, weiß also, zumindest zum Teil, wovon er spricht. Trotzdem finde ich die im Bericht genannten Beispiele mäßig überzeugend. Ich möchte eines hinzufügen, das Schneiders These sinnfällig macht: den "Bio-Sprit" E10 (Beimischung zum Benzin von mindestens 10% aus Pflanzen gewonnenem Ethanol).

Die Aufregung, die tagelang durch den Blätterwald rauschte, drehte sich um die miserable Kommunikation bei der Einführung des neuen Benzins. Dass kein Autofahrer freiwillig einen Sprit tankt, von dem er nicht weiß, ob sein Auto ihn verträgt, hätte man sich denken können. Aber das ist ein marginales Problem, das sich mit einer Liste an den Tankstellen leicht lösen lässt.

Viel wichtiger ist etwas anderes. Das CO2, das auch bei der Verbrennung von Ethanol entsteht, ist zwar insofern klimaneutral, als die Pflanzen, aus denen es gemacht wird, während ihres Wachstums durch Fotosynthese genau so viel davon verbraucht haben. Aber das ist eine Milchmädchenrechnung. Die Herstellung von Ethanol ist energieintensiv; die Pflanzen, die dafür in großflächigen Monokulturen angebaut werden - vor allem Mais, Raps, Soja, Palmen - brauchen viel Düngung und Pestizide, deren Erzeugung Energie erfordert; insofern ist es umstritten, ob auch nur die Klimarechnung aufgeht.

Die "Nebenwirkungen", die sozialen wie die ökologischen, sind schlimmer. Die sozialen lassen sich im Norden Mexikos ablesen, wo heute schon die Armen hungern, in einer fruchtbaren Landschaft, in der bisher alle oder fast alle ihr Auskommen hatten. Vor einiger Zeit wurde in den USA ein 15%iger Ethanol-Zusatz zum Benzin gesetzlich festgesetzt. Also brauchten die Ölfirmen schnell viel Mais, und da sie mehr bezahlen konnten als die mexikanischen Verbraucher, verkauften die Bauern gern an sie. Mais, die Haupt- wenn nicht einzige Nahrung der Armen, wurde knapp, der Preis für alle stieg auf das Doppelte. Das ist keine finstere Verschwörungsgeschichte, sondern simple ökonomische Logik.

Es heißt, die USA und Mexiko verhandelten zur Zeit darüber, wie man dieses Problem lösen oder lindern könnte. Vielleicht ist das in diesem begrenzten Rahmen möglich. Aber je mehr auf Biosprit gesetzt wird, desto mehr wird sich das Problem weltweit stellen. Je mehr die mögliche Gewinnspanne steigt, desto mehr steigt - z.B. - der Anreiz, Urwald zu roden, um Palmenplantagen anzulegen und damit dem Klima zu schaden, als der Biosprit im besten Fall nutzen kann. Und vor allem: in einer Welt, in der noch gehungert wird, ist es Sünde (ich benutze bewusst das biblische Wort), Nahrungspflanzen als Sprit zu verbrennen.

Natürlich sind nicht alle energiesparenden Produkte und Techniken so fragwürdig, viele sind durchaus nützlich und ohne - oder wenig - schädliche Nebenwirkungen (Windräder, Solaranlagen - bei Stauseen zur Stromgewinnung wird es schon schwieriger, s. Schwarzwald). Aber für viele Produkte dürfte gelten: die kompliziertere Herstellung, Wartung (sie sind störanfälliger und schwieriger zu reparieren) und Entsorgung fressen einen Teil der Vorteile wieder auf. Insofern scheint mir Schneiders These glaubwürdig, dass sich mit Energieeffizienz allein die Erderwärmung nicht grundlegend aufhalten lässt.

Sein Rezept: Rücknahme des Wachstums, konkret: Drosselung des Konsums und damit der Produktion. Theoretisch leuchtet es ein, dass sich dadurch Energieverbrauch und CO2-Ausstoß verringern ließe. Das würde den Verzicht auf einen Teil unseres Wohlstands bedeuten. Und das ist genau das, worauf es Schneider ankommt. Er will die Menschen erziehen zu einer anderen Lebenseinstellung, dazu, weniger Wert auf Geld und materiellen Besitz zu legen. Dem würden natürlich die allermeisten zustimmen. Wenn ich mir ansehe, wie in vielen Haushalten, die weder besonders reich noch besonders materiell eingestellt sind, sich Berge von Dingen häufen, über die man sich zwar im Moment freut, wenn man sie kauft oder geschenkt kriegt oder erbt, die man aber nach kurzer Zeit vergisst oder als Last empfindet, weil man keinen Platz mehr dafür hat; und wenn man dazu bedenkt, dass die Produktion und die Entsorgung all dieser Dinge Energie verbraucht und die Umwelt und das Klima belastet - dann hat man durchaus den Eindruck, dass da etwas falsch läuft.

Nur: wie kann man das ändern? Verordnen kann man eine neue Bescheidenheit nicht. Und die wenigen Ratschläge, die in dem Artikel genannt werden, scheinen mir wenig effektiv, z.T. sogar irrelevant (was hat ein Verbot von gentechnisch veränderten Pflanzen mit der Verringerung des Verbrauchs zu tun?).

Es gäbe eine seit Jahrtausenden erprobte wirksame Methode der Konsumdrosselung: höhere Steuern (bisher meist zu anderen Zwecken eingesetzt, aber die Wirkung bleibt die gleiche). Und wenn man primär alles hoch besteuert, was den CO2-Ausstoß erhöht, also vor allem Kohle und Erdöl, dann würde das zu einer spürbaren Entlastung an der Klimafront führen. Das wurde auch immer wieder einmal von Ökologen gefordert, manchmal auch von einem Politiker - und gedieh nie bis zu dem Punkt, dass es in Parteien, Parlamenten, Regierungen ernsthaft diskutiert worden wäre. Einzige Ausnahme: die Grünen, die in den 90er Jahren einmal einen Benzinpreis von 5 DM (!) forderten und prompt bei der nächsten Wahl mehrere Prozentpunkte einbüßten.

Das erklärt zu einem Teil die Zurückhaltung der Politiker gegenüber radikalen Klimaschutz-Forderungen. Ein anderer Teil wird deutlich, wenn man sich die konkreten Folgen an einem Beispiel deutlich macht. Ein Beispiel für viele: Flugbenzin. Es wird bis heute nicht besteuert, keiner weiß so recht warum. Der in den letzten 20 Jahren enorm gestiegene Flugbetrieb ist extrem klimaschädlich, eine Besteuerung sukzessive bis zur gleichen Höhe wie bei Autobenzin wäre logisch, gerecht und würde uns dem Ziel, die Erderwärmung unter 2° zu halten, ein gutes Stück näher bringen.

Aber: sie müsste global eingeführt werden, zumindest alle großen und mittleren Industriestaaten müssten mitmachen. In demokratischen Staaten müsste das von einer Mehrheit mitgetragen werden. Beides zusammen bedeutet, dass ein solcher Plan derzeit politisch nicht durchzusetzen ist.

Es wäre ein sinnfälliges Beispiel für die von der Décroissance-Bewegung angestrebte Entschleunigung. Praktisch würde es heißen: bei Flugzeugbau, -wartung, -zulieferung, bei Fluglinien und Reiseveranstaltern, bei Flughäfen und ihrer Infrastruktur, in den überseeischen Tourismuszentren käme es zu tiefen Einbrüchen, d.h. zu steigender Arbeitslosigkeit. Bei uns ließe sich das - vielleicht und allmählich - durch Arbeitsplätze in anderen Bereichen (erneuerbare Energien) auffangen. In den meisten Entwicklungsländern nicht. Dort ist oft der Tourismus der einzige florierende Wirtschaftsbereich, die einzige Devisenquelle. Massenelend in ganzen Regionen wäre die Folge. Wollen wir das? Es fällt schwer, zu sagen, dass wir das wollen sollten.

Zugegeben, das ist ein Extrembeispiel, das sich schon dadurch etwas entdramatisieren ließe, dass man mit solchen Steuern moderat beginnt und sie nur allmählich steigert. Ich wollte auf das grundsätzliche Problem hinweisen: fast jede Wirtschaftsumstellung größeren Stils erzeugt zunächst Arbeitslosigkeit, das zeigt z.B. die Industrialisierung oder die Entwicklung der Länder des ehemaligen Ostblock nach der Wende. Allmählich entstehen neue Arbeitsplätze, aber nicht unbedingt für die gleichen Menschen. Das müssen wir wohl in Kauf nehmen. Es ist das kleinere Übel, verglichen mit dem Pandämonium einer (fast) unbegrenzten Erderwärmung. Wir sehen schon in ein paar tausend Flüchtlingen aus Tunesien und Libyen ein fast unlösbares Problem - wie sollen wir mit ein paar Millionen Überflutungsopfern aus Bangladesh umgehen? bzw. realistischer und schlimmer: wie sollen die durchweg armen Nachbarländer damit fertig werden?

Aber trotz aller Probleme sollte - oder besser: darf - man auch sehen, dass es viele Möglichkeiten gibt, beide Gesichtspunkte zu berücksichtigen, und dass die Initiativen dafür laufend mehr werden – bis zu der win-win-Situation, dass man von der CO2-Reduktion auch noch profitieren kann. Aus einem Artikel in der Zeit vom 28. März 2011: bundesweit haben inzwischen über 100 Kommunen und Landkreise sich darauf verpflichtet, bis 2035 ihren gesamten Energiebedarf aus eigenen regenerativen Quellen zu decken; auch einige mittlere Städte sind schon dabei - bei den Städten ist das naturgemäß schwieriger und nur im Verbund mit dem Umland zu meistern. Sie arbeiten mit den üblichen Verfahren: Windräder, Sonnenkollektoren, kleine Blockkraftwerke mit Kraft-Wärmekopplung usw. Aber wenn das vom eigenen Gemeinderat (manchmal einstimmig) beschlossen ist, lassen sich lokale Widerstände viel leichter überwinden. Einer der engagierten Klimaschützer, die dafür werben, berichtet, wie er einen Gemeinderat mit einer Rechnung überzeugte: jährlich fließen aus der Region 750 Millionen Euro an Gas- und Öllieferanten wie Russland und Saudi-Arabien. Wenn man Strom und Wärme selbst produziert, kann man den größten Teil dieses Geldes in die Region investieren. Das gibt Arbeit für Handwerker, mehr Konsum und mehr Gewerbesteuer.

Und wenn die Akzeptanz einmal da ist, entsteht eine eigene Dynamik, es kommen neue originelle Ideen. Vorschlag eines Osnabrücker Beamten: Man könnte doch das Grünzeug an 640 Kreisstraßen auch energetisch nutzen. Büsche, Gras und Wildstauden, die sowieso ein- bis zweimal im Jahr geschnitten werden müssen und bisher wohl verbrannt oder allenfalls kompostiert würden.

So entsteht der Druck von unten, der bewirken könnte, dass die Politiker, die bisher aus Angst vor den Bürgern oft zu wenig unangenehme Entscheidungen treffen, sich in der umgekehrten Position finden: die Bürger fordern, dass sie mehr davon treffen.

Und genau deshalb hat Schneider recht: er setzt ein anschauliches, ansprechendes Beispiel, das viele anspricht und für die Probleme sensibilisiert. Ob das zu der neuen Bescheidenheit führt, wage ich zu bezweifeln. Aber es kann zu mehr und schnellerem Klimaschutz beitragen.

Brigitte Hoffmann

Das sonderbarste Gebet

»Das Vaterunser ist das größte Gebet der Christenheit. Und es ist gleichzeitig das sonderbarste Gebet. Es wird von allen Christen gebetet, aber es handelt überhaupt nicht von Christus. Es wird in allen Kirchen gebetet, aber erwähnt an keiner Stelle die Kirche. Es wird an jedem Sonntag gesprochen, doch der Sonntag kommt in ihm nicht vor. Es wird als das "Gebet des Herrn" bezeichnet, doch es nennt nirgendwo den "Herrn".

Es wird von fundamentalistischen Christen gebetet, aber weist an keiner Stelle auf eine Unfehlbarkeit der Bibel, auf eine Jungfrauengeburt, auf Wunder, Erlösungstod oder Auferstehung hin. Es wird von evangelischen Christen gebetet, aber erwähnt nirgendwo ein Evangelium. Es wird von Pfingstlern gebetet, aber spricht weder von Ekstase noch von Heiligem Geist.

Es wird von Kongregationalisten, Presbyterianern, Episkopalisten und Katholiken gebetet, doch behandelt nicht Gemeinde, Priester, Bischof oder Papst. Es wird von Christen gebetet, die sich in dieser oder jener Lehre voneinander abgespalten haben, aber zählt nicht eine einzige solche Lehre auf. Es wird von Christen gebetet, die sich auf die Erlösung des Menschen durch den stellvertretenden Opfertod Christi berufen, doch von Christus, Stellvertretung, Opfer, Erlösung oder Sünde ist dort nirgendwo die Rede.

Es wird von Christen gebetet, die ihr Augenmerk auf ein ewiges Leben im Himmel oder in der Hölle richten, aber es erwähnt weder ein Leben nach dem Tod noch Himmel und Hölle. Es wird von Christen gebetet, die darauf hinweisen, dass Dinge darin fehlen, und auch von Christen, die Dinge ignorieren, die darin enthalten sind.

Man könnte darauf einwenden, dass das alles nicht sonderbar ist. Es ist, könnte man sagen, ein jüdisches Gebet des Juden Jesus, weshalb nichts spezifisch Christliches oder Judenchristliches darin vorkommt. Doch damit würde sich die Frage nach seiner Merkwürdigkeit erneut stellen. Denn es enthält auch nichts über Bund oder Gesetz, Tempel oder Thora, Beschneidung oder Reinheit.

Vielleicht ist das Vaterunser weder ein jüdisches Gebet für Juden noch ein christliches Gebet für Christen?

Vielleicht ist es ein Gebet aus dem Herzen des Judentums über die Lippen des Christentums an das Gewissen der Welt.

Vielleicht ist es ein Radikalprogramm und ein Hoffnungslied für die ganze Menschheit in der Sprache unseres irdischen Daseins«

John Dominic Crossan in seinem Buch »The Greatest Prayer«, 2010

Zum Abschluss unserer Reihe der Vaterunser-Betrachtungen junger Templer (siehe »Warte« Dez. 2010, Jan., Febr., März, April 2011) möchte ich noch einige zusammenfassende Gedanken wiedergeben, die der irisch-amerikanische Jesus-Forscher John Dominic Crossan in seinem Buch über dieses weltumspannende Gebet niedergeschrieben hat.

Cossan weist zunächst auf die wundervolle poetische Form des Gebets hin. Wir sehen im Wortlaut des Gebets, wie es der Evangelist Matthäus überliefert hat (6,9), eine kurze Anrede und dann zwei Hälften, die sich voneinander unterscheiden, aber in ihrem Innersten miteinander verbunden sind. In der ersten Hälfte wendet sich der Beter in dreifacher Weise an Gott - »dein Name werde geheiligt«, »dein Reich komme«, »dein Wille geschehe« und kommt dann - ebenfalls in einer Dreiteilung - zu seinen eigenen menschlichen Bedürfnissen - den Bitten um das lebenserhaltende Brot, um die Vergebung von Schuld und um die rechte Führung in der Versuchung. Obwohl Gebete eine ganz persönliche Angelegenheit sind, wird hier aber in der Mehrzahl gebetet - »unser Brot«, »unsere Schuld«, »Führe uns recht in der Versuchung«, vielleicht ein Hinweis darauf, dass es trotz unterschiedlicher Einzelbedürfnisse Grundbedürfnisse gibt, die alle Menschen in gleicher Weise haben. Wir können das Vaterunser also als ein Gemeinschaftsgebet betrachten.

Ein Hinweis darauf, dass die Bitten der ersten Hälfte wie auch die der zweiten sowohl »himmlisch« als auch »irdisch« ausgerichtet sind, gibt uns der Zusatz der dritten Bitte »...wie im Himmel, so auf Erden«. Die einen Bitten sind mit den anderen verbunden wie die eine Seite einer Medaille mit der anderen. Beide Seiten sind voneinander unterschieden, gehören aber untrennbar zusammen.

Zu hinterfragen ist für Crossan auch die Anrede im Vaterunser-Gebet. Während altisraelitische Psalmgebete fast durchweg immer mit »Herr!« oder »Gott!« beginnen, wählt Jesus im Gebet für seine Jünger die Anrede »Unser Vater!« (Mt 6,9), im Lukasevangelium (11,2) nur »Vater!« Man ist versucht zu fragen, warum es denn nicht »Unsere Mutter!« heißen könnte, und überhaupt: wird dem Begriff des Vaters hier nicht eine Bedeutung zugemessen, die er in Wirklichkeit nie haben kann? Crossan argumentiert damit, dass wir bei »Vater« vielleicht an die Erfahrungen in unserer Welt denken, wo es mitunter auch verantwortungslose oder untreue Väter geben kann, und meint, dass es sich bei dieser Anrede um eine Metapher handelt, um ein Bild, das im Vergleich zur Metapher »Gott« andere Akzente aufweist. So war in der altbiblischen Zeit mit dem Vater der »Hausherr« oder »Haushalter« gemeint, der einem Wohnhaus mit vielen Wohnräumen, einer Großfamilie mit mehreren Generationen, den Tieren im Stall und den Feldern und Äckern und allen notwendigen Einrichtungen und Gerätschaften vorstand und der dafür sorgte, dass jedem das zukam, was er benötigte und der somit das ganze Zusammenleben und Zusammenwirken ermöglichte und ordnete. Ein solcher »Haushalter« war für Jesus auch Gott in seinem »Weltenhaus«; deshalb weisen die Bitten der zweiten Gebetshälfte auf diejenigen Dinge hin, die in einem solchen Haushalt geregelt werden müssen.

Wenden wir uns zum Schluss noch der ersten Bitte zu: »Dein Name werde geheiligt!« Ist es nicht eine Selbstverständlichkeit, dass alles, was mit Gott zu tun hat, immer den Charakter von Heiligkeit hat? Warum wird Gottes Name als eine Besonderheit herausgegriffen, warum wird um seine Heiligung gebetet? In der alten Sinai-Erzählung gibt es die Szene, wie Moses bei seiner Gottesbegegnung wissen will, mit welchem Namen er seinen Volksgenossen von diesem Gott erzählen solle, und wie er von Gott zur Antwort erhält: »Ich werde sein, der ich sein werde«. Dieser Name soll in dem Sinne verstanden werden: »Ich werde beständig für euch da sein«. Damit wird den Israeliten verheißen, dass Gott sie aus der Bedrückung und Knechtschaft in ein Leben in Freiheit und Gerechtigkeit führen will. Es wird ihnen geoffenbart, wie Gott sich ihnen gegenüber erweisen wird.

Doch der rätselhafte Name sagt gleichzeitig aus, dass Gottes Wesen im Grunde nie in Worte gefasst werden kann. Dieser Name ist unnennbar und wird es immer so bleiben. Seine Heiligkeit ist das Unnennbare, das für uns Menschen Unerkennbare, Unenthüllbare. Jeder Versuch der Beschreibung des göttlichen Wesens wäre schon eine unzulässige Eingrenzung und Entheiligung. Gott ist immer größer als alle unsere Charakterisierungen, die wir Menschen vornehmen. Deshalb ist es die wichtigste Bitte und steht demgemäß im Gebet des Jesus an erster Stelle:

»Dein Name werde geheiligt!«

Peter Lange

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Die Tempelreinigung

(Mk 11, 15-19 und Parallelstellen)

Der Text zeigt bei allen Evangelisten einen zürnenden Jesus, der, im Gegensatz zu seiner sonst eher sanftmütigen Art, in erstaunlich radikaler Weise gegen die Händler im Tempel vorgeht.

Was löst den Unmut von Jesus aus? Was ist die Botschaft der Erzählung, die so wichtig ist, dass alle Evangelisten sie ausdrücklich schildern?

Der Tempelbezirk zur Zeit Jesu in Jerusalem war ein imposantes Bauwerk, wobei der Tempel selbst im Verhältnis klein war. Aber dort hatten ohnehin nur die Priester Zutritt. Um den eigentlichen Tempel herum gab es Vorhöfe, Säulenhallen und Nebengebäude. Hier in diesem Bereich herrschte gewöhnlich ein reges Treiben, eine Art Jahrmarktatmosphäre.

Da jeder, der den Tempelbereich betreten wollte, einen Obulus entrichten musste, dieser aber nur in der örtlichen Währung angenommen wurde, gab es eine Vielzahl von Geldwechslern, die, gegen eine entsprechende Bearbeitungsgebühr, fremdes Geld tauschten. Daneben wurden Opfertiere angeboten.

Hier war also kein Ort der Stille, der Einkehr. Kein Ort des Gebetes. Hier herrschte Feilschen und Geschäftemachen. Der Tempel, das Haus des himmlischen Vaters, war entstellt, er wurde missbraucht. Hinter der Auseinandersetzung zwischen Jesus und den Vertretern des Tempelkultes steckt eine große Befreiungstat.

Denn Jesus öffnet den Tempel, den Zugang zu Gott, für Menschen, die bis dahin draußen bleiben mussten - Lahme und Blinde, die Kranken, die Versehrten; sie galten als unwürdig und durften deshalb nicht in das Innere des Tempels, sie standen am Rand. Dafür stellt Jesus die an den Rand, die sich in die Mitte gedrängt haben: die Händler und Käufer. Der Tempelbetrieb mit den Pilgern, den Opfervorschriften und der Tempelsteuer hatte auch eine ausgeprägte wirtschaftliche Seite. Das ist erst einmal nicht verwerflich, denn die Unterhaltung des Tempels kostete Geld. Aber Jesus greift auf dem Tempelplatz ein, nicht weil der Handel oder das Geld an sich schlecht sind, sondern die Verdrehung der Verhältnisse. Denn offensichtlich diente der Tempelhandel nicht mehr nur dazu, den Tempelbetrieb, das Opfer und die Anbetung an dieser heiligen Stätte zu gewährleisten, sondern es drehte sich wohl nur noch um den Gewinn. Das Wirtschaften war zum Selbstzweck geworden. Jesus schritt ein, um die Relation richtig zu stellen. Der Tempel soll in erster Linie Ort der Anbetung sein und nicht Marktplatz. Und die Tempelgemeinde besteht aus denjenigen, die zu Gott beten.

Dieses Bild ist für mich ein Gleichnis: der Tempel als Bild für den inneren Menschen, als Bild für meine Seele, für mein Herz. Herrscht dort eher Betriebsamkeit oder ist es ein Ort der Anbetung? Muss ich reinigen, mich befreien von oberflächlicher Geschäftigkeit? Weiß ich, was wichtig ist, was im Leben zählt?

Wolfgang Blaich

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