Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 167/2 - Februar 2011

 

 

»Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit« - Hosea 6,6

Oder: Eine Lanze für die Barmherzigkeit

Im letzten Heft der »Warte« ging es, von verschiedenen Gesichtspunkten her, in zwei Beiträgen um die Barmherzigkeit. Das war zunächst Zufall. Nun kommt in dieser Ausgabe noch einer dazu, und ich möchte das zum Anlass nehmen, etwas Allgemeines dazu zu sagen, das mir wichtig erscheint.

In den Evangelien ist nur bei Matthäus und Lukas von Barmherzigkeit die Rede, nicht oft, aber jeweils mit hohem Stellenwert. Bei Matthäus gilt ihr eine der Seligpreisungen: »Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen« (5,7); in der Anklagerede Jesu gegen die Pharisäer heißt es: »Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel, und lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben« (23,23). Und in der lukanischen Version der Bergpredigt heißt es: »darum seid barmherzig, wie auch ein Vater barmherzig ist.« (6, 36). Wir hören die Parallelstelle bei Matthäus mit »Darum sollt ihr vollkommen sein...«, und dieses »vollkommen« bezieht sich im Zusammenhang eindeutig auf die Feindesliebe. Ganz ähnlich bei der Aussage über das Wichtigste im Gesetz: Recht (gemeint ist Gerechtigkeit), Barmherzigkeit und Glaube. Glaube ist bei Jesus immer Vertrauen, hier: Vertrauen zu Gott; anders ausgedrückt: Liebe zu Gott. Und Barmherzigkeit ist das unabdingbare Pendant: Liebe zum Nächsten. Dieser Satz ist eine etwas andere Formulierung für das Doppelgebot der Liebe. Ich denke, die Beispiele haben deutlich gemacht, dass Barmherzigkeit zum Kern der Lehre Jesu gehört.

Trotzdem ist das Wort heute aus der Mode gekommen, auch unter Christen. Zum Teil liegt es wohl daran, dass wir gewohnt sind, im Zusammenhang mit Jesus und Christentum von Liebe zu sprechen. Das ist natürlich nicht falsch. Aber Liebe ist so umfassend und gleichzeitig so vieldeutig, dass sie leicht zum Abstraktum wird. Barmherzigkeit ist begrenzter und damit konkreter; das Mitleiden mit denen, die leiden - und damit verpflichtet sie direkter auf ein konkretes Handeln. Am Beispiel des Flüchtlingsproblems, das ich in der letzten »Warte« angesprochen habe: da von Liebe zu sprechen, käme uns absurd vor - man kann nicht mehrere Hunderttausend lieben, die man gar nicht kennt. Aber barmherzig könnte man zu ihnen sein; wenigstens ein bisschen barmherziger zu einem Teil von ihnen.

Das ist ein dorniges Problem, weil wir wirklich Barmherzigkeit für alle Flüchtlinge tatsächlich nicht leisten können. Es gibt andere, wo man Leid verringern helfen könnte. Was mich stört, ist, dass der Gesichtspunkt der Barmherzigkeit in den Diskussionen, auch den kirchlichen oder theologischen, gar nicht erst auftaucht - zumindest nicht in der Berichterstattung darüber.

Einige Beispiele zur Verdeutlichung:

  1. Das bekannteste und am meisten beredete ist »natürlich« das Kondom-Verbot der katholischen Kirche, das in katholischen Gebieten die Ausbreitung von Aids erheblich begünstigt. Der Papst beruft sich auf das Kirchenrecht (»Wir können das gar nicht aufheben, selbst wenn wir wollten.«), wahrscheinlich auf eine göttliche Weltordnung seiner Interpretation und darauf, dass damit der sexuellen Verwilderung vorgebeugt werden solle. Das millionenfache Leid, das dadurch verursacht wird - das der Kranken, der Waisen, der Großeltern, die nun, statt von ihren Kindern versorgt zu werden, selbst ihre Enkel versorgen müssen - all das spricht offenbar gar keine Rolle. Zu Ehre nicht der Kirche, aber der katholischen Christenheit muss man hinzufügen, dass Priester und Nonnen vor Ort sich oft nicht an diese Vorschrift halten - ob viele, ob wenige, kann man nicht wissen. Denn davon erfährt man nur durch gelegentliche Reportagen, ohne Namensnennung, denn wenn diese Mutigen laut sagen würden, dass sie die Barmherzigkeit über kirchliche Regeln stellen, würden sie aus ihrem Orden oder ihrem Amt, wenn nicht aus der Kirche, ausgeschlossen.
  2. Auf ihrem letzten Parteitag hat sich die CDU lautstark und publikumswirksam auf ihre christlichen Werte berufen. Dann wurde vier Stunden lang über Präimplantationsdiagnostik (PID) gestritten, und die Delegierten beschlossen mit einer knappen Mehrheit, sie solle verboten werden. Zur Erklärung: es geht um die Untersuchung der durch künstliche Befruchtung erzeugten Embryonen im Hinblick auf Erbkrankheiten, noch vor der Einsetzung in die Gebärmutter. Dadurch könnte bei erblich belasteten Familien verhindert werden, dass ein Embryo mit einem defekten Gen eingesetzt wird statt eines gesunden; in Deutschland bisher verboten, aber immer wieder heftig diskutiert. Gestritten wird hauptsächlich darum, ob menschliches Leben - das geschützt werden soll – schon mit der Befruchtung beginnt oder erst mit der Einnistung in die Gebärmutter. Das eine wie das andere ist eine Theorie, die mit der Realität nichts zu tun hat. Die Realität sind Eltern, die sich ein Kind wünschen und darauf verzichten müssen, wenn sie nicht in Kauf nehmen wollen, dass es mit 50%iger Wahrscheinlichkeit behindert ist, wie schwer, kann man oft nicht vorhersagen. Wenn sie das Risiko eingehen, kann die Realität ein schwerstbehindertes Kind sein, das nicht gehen und sitzen, nicht sprechen und nichts selbständig tun kann, dessen Pflege die Familie allein gar nicht leisten kann. Das bedeutet unendlich viel Leiden, wahrscheinlich für den Betroffenen, sicher für die Familie; Leiden, das sich durch PID vermeiden ließe. Ist das ein unerlaubter Eingriff in ein von Gott oder von der Natur bestimmtes Schicksal? Mit diesem Argument wurde einst gegen Impfungen gekämpft (übrigens auch von einem Teil der frühen Templer). Unsere Meinungen über das, was zulässig sei - vor Gott? vor der Humanität? - ändern sich. Sollte nicht die Barmherzigkeit, das Bemühen, Leiden nach Möglichkeit zu verringern, bleiben - nicht als einziger, aber als ein wichtiger Gesichtspunkt?
  3. Noch größer ist der Gegensatz zwischen dem Streben nach Verminderung des Leidens einerseits und dem, was - zumindest in der öffentlichen Diskussion - im allgemeinen für richtig gehalten wird, bei meinem letzten Beispiel: der Sterbehilfe. Ich meine nicht das Absetzen lebenserhaltender Apparaturen, wenn der Kranke selbst eine Entscheidung nicht mehr treffen oder sie nicht mehr äußern kann. Das ist, zumindest meiner Ansicht nach, durch das jüngste Gesetz dazu einigermaßen befriedigend geregelt. Ich meine den Todeswunsch von Menschen, die im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind.

Im Gegensatz zu früher ist Selbstmord an sich bei uns heute nicht mehr strafbar. Wer einen Selbstmordversuch überlebt, wird nicht anschließend vor Gericht gestellt. Strafbar ist aber die Beihilfe dazu, für den Arzt wie für die Angehörigen. Die wichtigsten Begründungen sind erstens das 6. Gebot »Du sollst nicht töten« und zweitens, dass damit dem Missbrauch, dem Töten aus eigennützigen Motiven, Vorschub geleistet würde.

Dagegen steht: Jedem Lebewesen ist ein Lebenswille angeboren. Wenn jemand trotzdem sterben will, dann gibt es dafür schwerwiegende Gründe; z.B. schwere Depressionen. Eine Frau, die unter solchen Depressionen litt, hat mir einmal gesagt: »Das kann sich kein Gesunder vorstellen, wie das ist, wie dadurch das Leben unerträglich wird«. Es war eine Verwandte, die, mit Unterbrechungen, länger bei uns gewohnt hatte, weil sie ihren Mann zwar liebte, aber nicht mit ihm auskommen konnte. Sie war zuletzt in der Psychiatrie gewesen, aber dort so verzweifelt, dass ihr Mann sie holen durfte. (Heute wäre das wohl gar nicht mehr möglich). Er brachte sie uns, weil er und wir hofften, dass es hier besser gehen würde. Für eine kurze Zeit stimmte das, aber dann kamen die schweren Depressionen wieder. Schließlich sagte sie uns, sie wolle jetzt nach Hause, um sich dort umzubringen - uns wolle sie das nicht antun. Wir haben mehrere Stunden mit ihr gerungen, aber sie ließ sich nicht umstimmen. Nur mit der Polizei, mit Gewalt, hätten wir sie zurückhalten können, und das hätte eine zweite Einlieferung in die Psychiatrie bedeutet. Wir haben sie gehen lassen; und einige Wochen später hat sie ihr Vorhaben ausgeführt. Natürlich hat uns das belastet; aber ich würde wohl, in einer ähnlichen Situation, wieder so handeln.

Oder: unheilbar Kranke, die sich und ihren Angehörigen die letzte quälende Phase ersparen wollen; in diesen Fällen ist z.B. in Holland, unter strengen Auflagen, Sterbehilfe erlaubt.

Ist das nicht barmherziger?

Ein letztes, anders geartetes Beispiel. Ich stieß neulich auf folgenden Bericht: Ein deutsches Ehepaar, beide knapp 90 Jahre alt, beide schwer krank (wie schwer, wurde nicht gesagt, immerhin waren sie noch reisefähig). Sie wollten gemeinsam sterben. Das ist in Deutschland legal nicht möglich und damit auch praktisch sehr schwierig. Sie fuhren in die Schweiz, wo Sterbehilfe erlaubt ist und eine private Organisation gegen Geld alle gewünschte Hilfe anbietet. Die beiden konnten so sterben, wie sie es sich gewünscht hatten: zusammen, und in Würde, ehe sie in hilfloser Abhängigkeit darauf warten mussten, dass andere über ihren Tod entscheiden würden.

Taten sie etwas Unrechtes? Ist eine solche Organisation etwas Verwerfliches, das bei uns verboten bleiben muss? Ich weiß, dass die Entscheidung, wenn man sie in einem Gesetz allgemein setzen will, schwierig ist (und viel komplexer, als ich sie hier schildern kann) und doppelt schwierig bei uns in Deutschland, wo dahinter die Erfahrung steht von dem grauenvollen Missbrauch der »Euthanasie« im 3. Reich. Dagegen sollten möglichst hohe Hürden errichtet werden. Aber der entscheidende Unterschied ist doch: damals wurden die Menschen getötet gegen ihren Willen und den ihrer Angehörigen. Das war Mord. Sollen die Hürden auch gelten gegen Menschen, die selbst sterben wollen? Ihnen ein selbst gewähltes Sterben zu erlauben, kann auch ein Akt der Barmherzigkeit sein.

Beim Propheten Hosea (6,6) spricht der Herr: »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Brandopfer«. Jesus zitiert das (bei Matthäus) mehr als einmal. Auch wenn wir nicht sicher wissen, ob er das genau so gesagt hat, wir wissen, dass er danach gelebt hat. Brandopfer haben wir nicht mehr, aber vielleicht haben wir an ihre Stelle unsere Prinzipien und Gesetze gestellt - Regeln, die wir zwar brauchen, die aber falsch werden können, wenn wir sie höher stellen als die Barmherzigkeit.

Brigitte Hoffmann

Junge Templer und das Vaterunser (Teil 3)

Unser tägliches Brot gib uns heute

Das Erste, was mir dazu einfällt, ist: Brot? Hab’ ich heute schon Brot gegessen? Heute war es mal kein Brot. Es gab vielmehr Müsli zum Frühstück, einen Apfel, und dann hab’ ich mittags Nudeln mit einer Speck-Gemüse-Tomatensoße gegessen. Und heute Nachmittag werde ich mir höchstwahrscheinlich mindestens ein Stück Kuchen genehmigen - aber Brot?

Den meisten von uns, die wir hier leben, geht es so gut, dass wir nicht nur Brot essen. Wir haben die Möglichkeit, so viel mehr zu essen. Und nicht nur einmal am Tag. Bei mir meldet sich der Hunger alle vier Stunden. Und dann kann ich meistens auch etwas zu essen finden. Eigentlich müsste es bei mir heißen: »Gib mir mein Essen alle vier Stunden«.

Und trotzdem heißt es: »Unser tägliches Brot gib uns heute«. Es heißt unser und nicht mein. Wenn ich das Vaterunser bete, dann bete ich nicht nur für mich, sondern auch für die Gemeinschaft. Sonst müsste das Vaterunser ja Vatermein heißen. Heißt es aber nicht. Ich bitte, oder vielmehr fordere, dass alle ihr Brot bekommen.

Alle ihr Brot bekommen? Ja, denn es heißt: unser Brot. Mit dem Vaterunser grenze ich mich nicht ab von anderen - alle gehören dazu. Es gibt nicht mein oder dein - es gibt nur unser. Klingt ein bisschen sozialistisch. Sozial passt vielleicht eher.

Habe ich Hunger und ein anderer auch, habe ich etwas zu essen und der andere nicht - dann kann ich doch auch dem anderen etwas abgeben. So lese ich das aus dem Vaterunser heraus. Denke an dich, aber auch an den anderen. Im nächsten Umfeld geht das ja schon los. Bei mir beim Arbeiten werden mal Kekse, ein Stück Brezel, Süßigkeiten oder tatsächlich ein Stück Wurst- oder Käsebrot mit dem Kollegen geteilt. Und mich macht es froh, wenn ich aus freien Stücken anderen mit Teilen eine Freude machen kann oder mir andere eine Freude machen.

Aber zurück zum Brot. Klar steht »Brot« für uns hier sicherlich zum einen für das Essen allgemein. Dennoch gibt mir der tatsächliche Gedanke an simples Brot zu denken. Das tägliche Essen von Brot allein steht schon in ziemlichem Gegensatz zu meinen eigenen Essgewohnheiten. Jedoch gibt es viel ärmere Menschen als mich, die tatsächlich froh wären, wenn sie überhaupt Brot, bekommen würden. Menschen, denen die Nahrung fehlt. Und meist fehlt diesen Menschen auch noch mehr: sauberes Trinkwasser, ein Dach über dem Kopf.

Fehlendes Brot kann tatsächlich mehr heißen. Nicht umsonst sagt man: ich gehe mein Brot verdienen. Jemand, der seinem Broterwerb nachgeht, der arbeitet, um Geld für den täglichen Bedarf zu verdienen. Brot kann also zum Synonym werden für alles, was man für das tägliche Leben braucht. Aber auch bei uns, bei unseren Nachbarn, Menschen in unserer Umgebung können die Mittel für das Meistern des täglichen Lebens fehlen. Wenn wir also beten »Unser tägliches Brot gib uns heute«, bete ich nicht nur für mich, sondern schließe andere mit ein. Das Wohl anderer liegt mir ebenso am Herzen.

Inga Reck

Neuinterpretation des Vaterunsers

Wenn wir sagen: Unser tägliches Brot, meinen wir alles, was wir brauchen, um in Frieden zu leben.
Brot ist Frieden.

Essen können, statt zu hungern, ist Frieden.
Trinken können, statt zu dürsten, warm haben, statt zu frieren, ist Frieden.
Schutz finden in einem Haus, arbeiten können und seine Kräfte einsetzen dürfen, das alles ist Frieden, ist tägliches Brot.

Unser tägliches Brot, von dem wir leben, ist auch das Wort eines Menschen.
Wir können nicht leben, wenn nicht das Wort zu uns kommt, das ein anderer Mensch zu uns spricht.

Neuinterpretation von Jörg Zink

Gedicht des Monats »Glaubt es nicht!«

Glaubt es nicht!

Wenn sie euch sagen,

dass
alles aus ist,
es sinnlos ist,
das Geld ausgeht,
das Interesse schwindet,
nur noch gelogen wird,
es langsam zu Ende geht,
zu wenig Helfer da sind,
es früher schöner war,
alles schlechter wird,
es sich nicht mehr rentiert,
der Zusammenhalt fehlt,
die Alten vergessen werden,
die Jungen faul sind,

 

so glaubt es ihnen nicht!

 

Steht auf,

geht hin und sagt ihnen,
dass da ist,
was gerade erst anfängt,
was gerade erst seinen Sinn offenbart,
was mit Geld nicht erworben werden kann,
was nie vergeht,
was wahr ist,
was das Ende überdauert,
was genug Helfer schickt,
was heute und morgen seine Schönheit zeigt,
was alles gut macht,
was sich immer lohnt,
was alles zusammenhält,
was alles Alte in Erinnerung ruft,
was Faulheit fruchtbar werden lässt.
Seht zu, dass sie euch das glauben!
Seht zu, dass sie es finden!

 

Und dann glaubt es ihnen!

 

Jutta Schmidt

Bedenkenswerte Verse

Manchmal gerät unversehens ein Gedicht oder ein dichterisches Wort in mein Blickfeld, ohne dass ich danach gesucht hatte. Man kann es Zufall nennen, aber auch Nachricht, die zu mir gelangen möchte. So geschah es mir mit den Versen »Glaubt es nicht!« Wie viel dringt doch unablässig Tag für Tag an mein Ohr oder tritt als Bild oder Wort vor meine Augen! Ständig werden wir doch überströmt mit Feststellungen, Verheißungen, Warnungen, Verführungen, Beurteilungen. Ohne dass wir uns dessen richtig bewusst werden, sammeln sich diese Einströmungen in unserer Seele an und verursachen Druck und Unruhe. Nach was soll ich mich bei all den verschiedenen Feststellungen und Meinungen richten? Wem soll ich glauben? Was soll ich für meinen weiteren Lebensweg beachten? Wo ist ein wirklicher Wegweiser zu finden?

In all der Widersprüchlichkeit der vielen auf uns einströmenden Meinungen, Ratschläge und Gesichtspunkte sieht die Verfasserin dieser Verse in uns selbst einen Fixpunkt, einen ruhenden Pol, der uns Orientierung geben will. Er ist tief in unserem Innern angelegt und will jedem sagen: Lass dich nicht aus der Fassung bringen! Schalt ab! Komm zur Ruhe! Glaub nicht allem und jedem! Sei dir selbst treu! Dann wirst du keine Verwirrung, sondern Klarheit erfahren. Dann gewinnt dein Leben einen neuen Stellenwert. Dann ist nicht alles Lug und Trug in der Welt. Dann erkennst du, was wahr ist und Bestand hat. Dann wirst du Menschen treffen, denen du glauben kannst.

Peter Lange

Noch einmal:

Flüchtlinge und Barmherzigkeit

Beispiel Italien

Italien schafft es inzwischen, Flüchtlinge konsequent auszusperren. Zum einen durch die Hilfe der EU: Frontex überwacht inzwischen das Mittelmeer mit Helikoptern, Aufklärungsflugzeugen und einigen Schiffen der NATO so effektiv, dass kaum noch ein Boot durchkommt. Zum anderen durch ein Abkommen mit Ghaddafi: Libyen hat 6 Kriegsschiffe samt Besatzung erhalten, gegen die Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen. Die Insassen der Fluchtboote werden gleich auf See (wo die Asyl-Vorschriften nicht gelten) auf die libyschen Schiffe verladen, nach Libyen und dort in Lager in der Sahara gebracht, wo es keine Fluchtmöglichkeit, nicht genügend Nahrung und Tagestemperaturen von 40° gibt. Das geht dann die EU nichts mehr an.

Die vielen tausend, die schon oder noch in italienischen Lagern sind, warten Wochen, Monate oder manchmal Jahre auf ihren Asylbescheid. Wenn sie volles Asyl oder Duldung bekommen, dürfen bzw. müssen sie das Lager verlassen, und der Staat kümmert sich nicht mehr um sie. Meist sind sie obdach- und arbeitslos und ernähren sich durch Betteln oder miserabel bezahlte Schwarzarbeit. Die meisten sind Schwarzafrikaner und finden nur selten legale Arbeit.

Das ist die eine Seite. Es gibt auch eine andere; Schauplatz Palermo: Biagio, Sohn einer Unternehmersfamilie, erlebte die Geschichte vom reichen Jüngling im Matthäus-Evangelium als einen Aufruf an sich selbst, pilgerte zu Fuß die anderthalb tausend Kilometer nach Assissi, um Jesus und Franziskus nahe zu sein, kehrte zurück, baute in einem verlassenen Schuppen beim Bahnhof eine kleine Küche ein und bot Obdachlosen Essen und einen sicheren Schlafplatz. Als immer mehr kamen, bat er die Stadt um ein verlassenes Ruinengrundstück, und als die nicht reagierte, trat er in den Hungerstreik. Nach vier Wochen gab die Stadt nach.

Biagio und seine Schützlinge krempelten die Ärmel auf und machten die Ruine wieder bewohnbar. Ein Trupp wandernder Zimmerleute aus Deutschland baute ihnen umsonst einen Dachstuhl. Ein deutscher Obdachloser, der in Palermo gestrandet war, kümmerte sich um die Organisation. Sie legten einen Palmen- und später einen Gemüsegarten an. So entstand das erste Zentrum der Organisation »Pace e Speranza« - Friede und Hoffnung. Heute sind es vier,mit ca. 1300 Bewohnern. Sie nehmen alle auf, Frauen und Männer, legale und illegale Flüchtlinge und sonstige Obdachlose, aus aller Herren Länder und allen Religionen. Bedingung: Einhaltung der Regeln (z.B. Geschlechtertrennung) und Bereitschaft zur Mitarbeit. Dafür gibt es Unterkunft, drei Mahlzeiten am Tag und Taschengeld.

Finanziert wird das ganze ausschließlich aus Spenden. Es gibt eine Zahnarztpraxis, in der Palermitaner Dentisten abwechselnd kostenlos arbeiten; die Jesuiten und einige Rechtsanwälte bieten kostenlose Rechtsberatung und Hilfe im Ämterdschungel an, ebenso bei der Suche nach Schul- und Ausbildungsplätzen für Kinder und Analphabeten. Ein anderer Orden bietet praktische Seelsorge an und Räume für Flüchtlingsgruppen, die sich treffen und etwas organisieren wollen, auch für Hindus und Muslime.

Das alles ist möglich, in einer Stadt wie Palermo, die man - nach den wenigen Medienberichten - primär mit Mafia und Korruption in Verbindung bringt. Es wäre wohl nicht möglich ohne einen Mann wie Biagio, der mit mystischer Glaubensbegeisterung, Charisma und unerschöpflicher Energie immer neue Initiativen startet und andere Menschen mitreißt.

Vor kurzem bekam »Pace e Speranza« einen nagelneuen Brotbackofen geschenkt. Als man ihn angeschlossen hatte, stellte sich heraus, dass in den vier Zentren niemand war, der Brot backen konnte. Ein paar Tage vorher hatten die Helfer einen halb verhungerten illegalen Einwanderer von der Straße aufgelesen. Als er sich einigermaßen erholt hatte, fragten sie ihn, wo er mitarbeiten wolle. Seine Antwort: »Am liebsten beim Backen. Ich bin gelernter Bäcker und liebe meinen Beruf.« Jetzt bäckt er täglich Brot und Hörnchen für 1300 Menschen. Biagios Kommentar: »Sehen Sie, so funktioniert die Providenzia« - die Vorsehung Gottes.

Der Reporter, der über diese Initiative berichtet, fügt einen Kommentar hinzu: »Einen solchen Mann wird man im spirituell relativ abgekühlten Europa nördlich der Alpen kaum noch treffen. Denn im Norden findet die christliche Barmherzigkeit mit den Ausgegrenzten nicht spontan und relativ chaotisch wie in Süditalien statt, sondern in den beamtenähnlich geregelten Dienstformen der kirchlichen Sozialkonzernen wie Diakonie und Caritas« (und z.T. auch des Staates).

Was ist besser? Die nördliche Variante sorgt einigermaßen flächendeckend dafür, dass niemand auf der Straße verhungert oder erfriert. Die südliche erreicht immer nur einen kleinen Kreis von Menschen, aber denen gibt sie nicht nur Überlebenshilfe, sondern ein Gefühl von Wärme und Zugehörigkeit, von Vertrauen und Hoffnung. Und bei einigen oder vielen im Umkreis weckt sie Verantwortung und Hilfsbereitschaft. Ich denke, wir brauchen beides. Und Initiativen wie die Vesperkirche oder die jährliche Weihnachtsaktion der Stuttgarter Zeitung »Hilfe für den Nachbarn« (ähnliches gibt es auch in anderen Städten) zeigen, dass auch bei uns spontane und persönliche Hilfe möglich ist.

Nach einem Bericht in »Publik-Forum« vom 5. November 2010
Brigitte Hoffmann

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

»Lasst euch nicht vom Bösen überwinden, sondern überwindet das Böse mit Gutem (Römer 11,21)«

Die Jahreslosung für das Jahr 2011 ist dem Brief des Paulus an die junge Christengemeinde in Rom entnommen und bildet die Zusammenfassung eines ganzen Verhaltenskatalogs, den Paulus seiner Gemeinde ans Herz legt. Abgesehen von allgemeinen Aufforderungen, sich gegenseitig mit Liebe zu begegnen und den neuen Glauben gemeinsam zu leben, spricht er immer wieder das Verhalten Feinden gegenüber an. Verfolgung war eine akute Bedrohung der Christen, und gerade in dieser Situation verlangt Paulus - gemäß der Forderungen Jesu für das menschliche Miteinander -, diejenigen, die sie verfolgen, nicht zu verfluchen, sondern zu segnen; keine Rache zu üben, sondern dieselbe Gott zu überlassen; Feinde ebenso zu behandeln wie Freunde und überhaupt jedem gegenüber auf Gutes bedacht zu sein.

Wie auf der Seite vorher an dem Mose-Text zu sehen ist, wurde auch in dieser frühen Zeit unter den Israeliten schon zur Feindesliebe aufgerufen - wenn auch für sie der Nächste in erster Linie der war, der zum Volk Israel gehörte. Erst Jesus weitet den Begriff des Nächsten grundsätzlich auf denjenigen aus, dem wir begegnen: das beschreibt uns sehr deutlich das Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Wenn nun "der Feind" mit einbezogen werden soll, wird die Vergebung zu einem zentralen Punkt. Nicht als moral-ethische Forderung, als Regel des Zusammenlebens - sondern als eine Handlung, die viel bewirken kann. Aber - auch wenn wir hier nicht unter Verfolgern leiden müssen, geht uns diese Stelle etwas an. In unserem menschlichen Zusammenleben ereignen sich immer wieder Zwischenfälle, die den Einen zutiefst verletzen und dadurch den Anderen als "persönlichen Feind" erscheinen lassen. Wer schon einmal in eine solche Situation geraten ist und sich tief verletzt gefühlt hat, weiß, dass das, was uns da abverlangt wird, zum Schwierigsten im menschlichen Zusammenleben gehört.

Denn einerlei, ob wir uns nur angegriffen oder beleidigt fühlen oder ob uns echtes Unrecht geschehen ist, empfinden wir emotional und wünschen uns einen Ausgleich für die erlittene seelische Verletzung, haben den Impuls, in derselben Art und Weise zu reagieren. Weil wir selber immer meinen, dass uns viel Schlimmeres geschehen ist, als wir anderen antun - das lässt sich sehr gut bei Streitigkeiten unter Kindern beobachten -, geht ein Streit immer weiter, im besten Fall ähnlich heftig; meistens wird er aber sogar eskalieren und in einer Situation enden, in der keiner mehr einlenken kann oder mag.

In der Aufforderung, das Böse mit Gutem zu überwinden, steckt sehr viel Weisheit - und Psychologie: Geben wir unserer Emotion nach und reagieren in gleicher Weise, ist damit – auch bei uns selber - dennoch die Sache nicht erledigt. Wir erinnern uns, wann immer wir die betreffende Person sehen, von ihr hören, an sie denken, an die durch sie erlittene Verletzung, und "erhalten" uns so dieses ungute Gefühl u.U. für lange Zeit. Damit beeinträchtigen wir unser Befinden ganz erheblich, sind gefangen in negativen Gefühlen.

Wenn wir es aber schaffen, dem anderen zu verzeihen, ihm sein Fehlverhalten zu vergeben, verändert sich vor allem in und für uns selber etwas ganz Wesentliches: durch diesen Akt können wir uns von der emotionalen Bürde befreien, sind nicht mehr im negativen Denken und Empfinden gefangen. Ein großes Beispiel für solches Verhalten ist Nelson Mandela: seine Bereitschaft, die schlimmen Verletzungen der Apartheid zu vergeben, war ein Beispiel für Tausende, das damit zur Versöhnung geführt und alle vor den Grausamkeiten eines Bürgerkriegs bewahrt hat. Später erzählte er einmal: »Als ich am Tag meiner Entlassung zu dem Tor ging, das mich in die Freiheit führen würde, wusste ich, wenn ich meine Bitterkeit und meinen Hass nicht zurückließ, würde ich weiter ein Gefangener bleiben.«

Aber dieser Erkenntnis waren Jahre vorausgegangen, in denen er sich seinem Schmerz hatte stellen müssen, bevor er ihn zu überwinden vermochte. Vergeben ist kein Nachgeben aus Schwachheit - es erfordert enorme Disziplin und innere Stärke.

Aber zu solcher Stärke können wir alle finden, wenn wir über die Zusammenhänge nachdenken, uns von unserem Stolz nicht behindern lassen und - wenn wir es wollen. Dazu noch folgende Geschichte:

Eine alte Indianerin saß mit ihrer Enkelin am Lagerfeuer. Es war schon dunkel geworden, das Feuer knackte, die Flammen züngelten zum Himmel. Die Alte sagt nach einer Weile des Schweigens:

»Weißt du, wie ich mich manchmal fühle? Es ist, als ob zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen würden. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere ist liebevoll, sanft und mitfühlend.« »Welcher der beiden wird den Kampf in deinem Herzen gewinnen?«, fragte das Mädchen. Bedächtig antwortete die Alte: »Der, den ich füttere.«

Diese kleine Geschichte will deutlich machen, dass wir durchaus imstande sind, unsere Haltung zu beeinflussen. Für die Begebenheiten im Alltag mag helfen, dass wir uns erst einmal fragen, ob eine Bemerkung, die uns verletzt hat, wirklich so gemeint war oder auch, ob es sich um ein Missverständnis handeln könnte. Außerdem sollten wir im Blick behalten, dass auch wir selber immer Fehler machen und auch wir wünschen uns, dass uns unsere Fehler nicht dauerhaft vorgehalten werden. Um diese Vergebung, auch für größere Vergehen, bitten wir im Vaterunser - und versprechen schließlich im gleichen Zug, dass auch wir unseren Schuldigern vergeben.

Karin Klingbeil

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