Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 167/12 - Dezember 2011

 

 

Unser täglich Brot

Gedanken zum Umgang mit Lebensmitteln

Zu Weihnachten sind wir einen reichen Gabentisch gewohnt. Und wir verwöhnen uns gerne mit einem Festmahl über die Feiertage im Kreise der Familie. Das ist gut so und wir dürfen Essen und Zusammensein in Freude und Dankbarkeit genießen. Ich denke auch, dass diese Dankbarkeit zu Weihnachten und zum Jahreswechsel bei vielen Menschen präsent ist. Aber sonst, das Jahr über? Sind wir uns bewusst, was wir täglich ohne Mühe und reichlich bekommen? Sind wir uns bewusst, welche hervorragende Qualität das ist, was bei uns auf dem Tisch landet? Vielleicht ist vieles für uns zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Und gerade zur Weihnachtszeit, wo der Überfluss uns noch mehr vor Augen steht als sonst, meine ich, dass es wichtig ist, uns die Kehrseite des Dauerüberflusses anzuschauen.

Beginnen wir mit einigen erschreckenden Fakten: Nach einer Schätzung von UN-Behörden wandert etwa die Hälfte aller Nahrungsmittel weltweit in den Abfall. Allein die Deutschen werfen jedes Jahr bis zu 20 Millionen Tonnen Lebensmittel weg - das sind 240 Kilo pro Kopf pro Jahr. Bildlich veranschaulicht sind das 500 000 Lastwagen voll, in einer Reihe würden sie von Berlin bis Peking reichen.

Ein Bild der Kehrseite unserer Wohlstandsgesellschaft, das einen krassen Gegensatz zur armen Welt darstellt:

Jeder Siebte auf der Erde hungert. Es werden jeden Tag so viele Lebensmittel weggeworfen, wie im gesamten Afrika südlich der Sahara produziert werden. Schätzungen ergeben, dass das Essen, welches wir in Europa wegwerfen, zwei Mal reichen würde, um alle Hungernden der Welt zu ernähren.

Unser Wegwerfverhalten führt dazu, dass z.B. die Nachfrage an den Getreidebörsen der Welt erhöht wird, was zur Folge hat, dass die Preise für Lebensmittel steigen. Das Nachsehen haben die Armen der Welt, sie können sich diese nicht mehr leisten.

Die Vergeudung in Deutschland kostet jeden Bundesbürger im Jahresdurchschnitt 330 Euro. Doch nicht nur Deutschland hat ein Wegwerfproblem. Alle Industriestaaten und sogar auch arme Länder leiden darunter. In diesen verdirbt Nahrung, weil Lager und geeignete Verpackungen fehlen. Die Folgen: Die Welt verliert ohne Not wertvolle Ressourcen - Wasser, Energie, Waldflächen und Arbeitskraft. Das Klima wird belastet. Verpackungsmüll bleibt unentsorgt.

Diese Fakten nüchtern besehen sagen uns, dass die Situation moralisch untragbar ist. Denn der Mülleimer ist auch ein Spiegel der Gesellschaft, in ihm ist alles drin. Er spiegelt unser Verhalten und unsere Wertschätzung der Lebensmittel. Es wird nicht x-beliebiger Müll vernichtet, sondern Lebensmittel - all die nicht leer gegessenen Teller aus unzähligen Restaurants, all das auf Vorrat Gekochte aus Mensen und Kantinen, all die nur halb leer gegessenen kalten und warmen Buffets. Das ist die Kehrseite unseres Dauerüberflusses, die verderbenden Lebensmittel in den Containern hinter Hotels und Supermarktketten.

Brot galt einmal als heilig. Heute wird ohne viel Aufhebens etwa jedes fünfte Brot weggeworfen.

Warum tun wir das? Welche Gründe gibt es für unser Wegwerfverhalten? Was geht zu Lasten des Verbrauchers, was zu Lasten von Erzeugern, Handel und Politik? Wer ist der Hauptverursacher und wer kann was verändern?

Fangen wir beim Verbraucher an. Er scheint, aus mehrerlei Sicht, der wichtigste Ansatzpunkt für eine Analyse der Situation zu sein. Und gleichzeitig derjenige, der am schnellsten Veränderungen herbeiführen kann.

Die Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises Ludwigsburg (AVL) hat eine Studie zu den weggeworfenen Lebensmitteln zusammengestellt: von 100 kg Lebensmittelabfall sind 27% Gemüse, 19% Obst, 16% Backwaren,13% Speisereste, 9% Milchprodukte, 7% Fleisch und Fisch, 6% Teigwaren. Noch wichtiger erscheinen mir die Gründe, die genannt werden, warum weggeworfen wird. Auch darüber gibt die Erhebung der AVL Auskunft. Als größte Anteile werden falsche Lagerung, zu viel gekocht, keine Lust auf das gekaufte Produkt und die Mindesthaltbarkeit genannt. So landen ca. 10% der Produkte original verpackt im Müll. Das Fazit daraus: der Verbraucher wirft weg, weil er zu viel und unüberlegt einkauft. Er lässt sich im Supermarkt verführen. So berichtet eine der Befragten: »Ich gehe manchmal hungrig zum Einkaufen. Daheim stelle ich dann fest, dass ich zu viel eingekauft habe. Ich lege die Ware in den Kühlschrank. Doch wenn ich in den nächsten Tagen keinen Hunger auf Käse, Joghurt oder Speck habe, wandern diese im Kühlschrank nach hinten. Irgendwann miste ich den Kühlschrank aus und bin dann überrascht, was alles verschimmelt zum Vorschein kommt.«

Ohne Einkaufsliste, ohne Planung, was am Wochenende wirklich gebraucht und verwertet wird, einkaufen zu gehen, führt zum übervollen Kühlschrank. Und wer dann am Wochenende doch spontan ins Restaurant geht, läuft Gefahr, die Übersicht zu verlieren.

Aber auch der (bestehende oder vermeintliche) Anspruch des Verbrauchers führt zu gravierenden Verlusten auf jeder Stufe der Wertschöpfungskette von der Produktion bis zum Endverbraucher. Tomaten, die nicht rot genug sind, Gurken, die nicht gerade genug gewachsen sind für die Transportkiste, Kartoffeln, die nicht der »Normgröße« entsprechen, landen erst gar nicht beim Verkauf, sondern werden entsorgt. Wer aber bestimmt die »Normgröße«, das reife Aussehen? Wer meint, dass der leicht angeschorfte Apfel nicht genießbar ist, also auch nicht verkaufbar? Wie weit bestimme ich mein Kaufverhalten selbst, wie weit werde ich beeinflusst? Stört mich etwa die krumme Gurke, der schorfige Apfel aus dem eigenen Anbau auch?

Tatsache ist, dass wesentlich mehr produziert als benötigt wird. Wer für diese Situation verantwortlich ist, das ist schwer zu beantworten. Werbung, Warengüte, Verbrauchergunst und -anspruch spielen hier zusammen und bilden ein schwer zu analysierendes Geflecht. Aus Sicht des Handels ist es der Verbraucher, der immer das volle Sortiment verlangt, der keine Regallücken dulden will, der auch noch kurz vor Ladenschluss volle Brotregale finden möchte. Nach Ansicht des Filmemachers Stefan Kreutzberger (»Taste the Waste«) müsse der Kunde auch lernen, kleinere Brötchen zu backen: »Wer fünf Minuten vor Ladenschluss in die Bäckerei geht und volle Regale erwartet, hält ein Verhalten am Leben, durch das der Bäcker die restliche Ware wegwerfen muss.«

Die Konsequenzen aus dem geschilderten Verbraucherverhalten führen zur Vernichtung wertvoller Nahrungsmittel. Dazu kommen noch EU-Regelungen zu Haltbarkeit und Weiterverwertung. Dabei bleibt die Frage offen, wer wirklich Druck ausübt - die EU-Vorgaben auf den Erzeuger oder Handel, oder ist es der Handel, welcher EU-Vorschriften erzwingt? Diese Frage zeigt sich z.B. am Thema der Mindesthaltbarkeit. Denn Lebensmittelexperten betonen, dass Produkte weitaus länger gut sind, als die Angaben zur Mindesthaltbarkeit glauben machen wollen. Befürchtete Haftungsklagen würden aber den Handel dazu bringen, die Frist zu verkürzen.

Aber selbst Waren, bei denen das Verfallsdatum noch nicht überschritten ist, landen im Müll, weil vielleicht auf dem Transportweg die Kühlkette gerissen ist, z.B. durch Ausfall eines Kühlaggregats beim LKW. Ein solcher Laster wird dann oft, ohne Überprüfung, zur Entsorgung umgeleitet. Dazu kommen Fehlchargen aus der Lebensmittelindustrie, sogenannte Transportverluste, oder überlagerte Lebensmittel aus den Supermärkten, wobei "überlagert" nicht unbedingt heißen muss, dass die betreffenden Waren nicht mehr verzehrt werden könnten. Sie dürfen nur nicht mehr, wie es das Gesetz bestimmt, »in Verkehr gebracht« werden. Und ein weiteres Gesetz bestimmt seit 2006, dass Speisereste und Lebensmittelabfälle mit tierischen Anteilen aus seuchenrechtlichen Gründen nicht mehr an den Schweinemastbetrieb weiter gegeben werden dürfen.

Was ist es letztendlich, was uns zum verschwenderischen Wegwerfverhalten bringt? Ist es in erster Linie Manipulation, Verführung oder Druck durch die Konzerne oder ein beim Verbraucher unbewusst entstandener Frische-, Gesundheits- und Qualitäts-Wahn? Egal wie, sicher ist, dass der Verbraucher sein Verhalten prüfen muss.

Ich bin überzeugt, dass Verschwendung vermeidbar ist. Und der Weg dahin geht über die Bewusstseinsveränderung. Wir müssen wieder dahin kommen, dass wir unsere Nahrungsmittel mehr schätzen. Mein Konsumverhalten, meine Essensgewohnheiten liegen in meiner Entscheidung und Verantwortung. Ich entscheide, ob ich mich verführen lasse. Und als Erwachsene, besonders als Eltern oder Großeltern, haben wir eine Vorbildfunktion. Ein respektvoller und dankbarer Umgang mit Essen prägt das Verhalten von Kindern und Jugendlichen. Welche Auseinandersetzungen musste ich als Lehrer bei Schullandheimaufenthalten durchstehen, um den Jugendlichen bewusst zu machen, dass man sich nur so viel auf den Teller nimmt, wie man auch wirklich essen möchte. Und dass man bei einem nicht bekannten Gericht erst einmal ein »Versucherle« nimmt, um dann über die Größe der Portion zu entscheiden, damit der volle Teller nicht im Abfall landet. Das ist oft eine mühevolle Arbeit, aber ich meine, dass es meine Aufgabe ist. Vor allem geht es darum, die größeren Zusammenhänge zu erkennen, um Einsicht zu erreichen. Es geht letztendlich nicht um den einzelnen Teller, um das verdorbene Pausenbrot, sondern um die Erkenntnis, welche Folgen mein Verhalten auslöst.

Ansätze für einen weniger verschwenderischen Umgang mit Lebensmitteln gibt es. Bürgerbewegungen aus Kreisen Gleichgesinnter zeigen Wege, dass nicht in der Tonne landen muss, was vom Handel ausgeschieden wird. Die große und anwachsende Zahl der Tafeln in Deutschland (inzwischen 800) haben nicht nur die Bedürftigen im Blick, sondern retten auch Lebensmittel vor der Vernichtung. Initiativen wie »Teller statt Tonne« speisen mit leckeren Gerichten aus aussortierten Waren Hunderte von Menschen. Studenten tun sich zusammen zum »Containern«. Sie informieren sich gegenseitig, bei welchem Supermarkt Ware ausgeschieden wird, und zeigen mit ihrer Aktion, dass man sich von diesen Lebensmitteln gut und gesund ernähren kann. Das sind größere Aktionen. Aber auch die kleinen im Haushalt sind ein erster, aber wichtiger Schritt, weil die Hausfrau, die Mutter, durch ihr umsichtiges und verwertendes Wirtschaften Zeichen für die ganze Familie setzt. Kreatives Resteverwerten z.B. ist eine Kunst, die man sehr wohl lernen kann.

Weihnachten steht vor der Tür. Eine gute Gelegenheit, sich in der Familie gegen Verschwendung zu wenden. Und ich meine das nicht nur im Bezug auf unser Festessen. Denn auch bei anderen Gütern unterliegen wir oft dem Wegwerfwahn. Kennen wir nicht den Gedanken »Was soll ich denn meinem Kind, meinem Enkel schenken?« Das heißt eigentlich, dass sie überreich versorgt sind mit Spielzeug und anderen Dingen des Alltags, dass es eigentlich keine Lücke, keinen echten Bedarf gibt, den ich durch ein Geschenk schließen müsste. Haben wir doch alle schon erfahren, dass nicht der Überfluss glücklich macht, sondern die einzelnen kleinen Dinge, die in liebevoller Überlegung ausgesucht und geschenkt wurden. Die größten und wichtigsten Geschenke aber bleiben Zeit und Zuwendung füreinander. Und diese darf man unbegrenzt schenken, denn hier gibt es keine Verschwendung!

Wolfgang Blaich

AUS FRÜHERER ZEIT NACHGELESEN

Saal oder Sonntagsvergnügen?

Uns allen ist das Einsiedlertum in Robinson Crusoe und vielen anderen dichterischen Werken als extremes Dasein wohlbekannt.

Alleinsein hat eine Zeitlang abenteuerliche Reize, aber auf die Dauer wird es jedem über, selbst einem Robinson Crusoe.

Wenn nur eine einzige weitere Person hinzukommt, werden die Umstände ganz anders: »Alleinsein zu zweit« ist wesentlich befriedigender und unvergleichlich länger auszuhalten.

Jedoch selbst das »Alleinsein zu zweit« genügt dem Menschen auf die Dauer nicht. Es ist eine alte Erfahrungstatsache, dass wir Menschen Umgang mit anderen Menschen brauchen, um unser wahres Menschsein zu voller und größter Entfaltung kommen zu lassen. Dazu zählen wir die Erziehung in der Schule; dazu gehört die Ertüchtigung im Handwerk und Beruf; dazu gehören Unterhaltung und Vergnügen, dazu gehört weiter die Ausbildung der Persönlichkeit: das Lernen und Üben der Tugenden des Benehmens, der Hilfsbereitschaft, der Höflichkeit, der Freundschaft und Treue, der Pflicht und Verantwortung, der persönlichen Sauberkeit und Sittsamkeit; dazu gehört aber auch – für uns - nicht zuletzt die Erkenntnis und Pflege der Lehre Jesu und dadurch unsere Beziehung zu Gott, dem Schöpfer. Selbst bei denen, die nicht an einen Schöpfer glauben, gehört zur vollen Entfaltung des Menschseins die Erkenntnis, dass dem Menschendenken und Menschenhandeln immer eine obere Grenze gesetzt ist. Handeln sie solcher Erkenntnis zuwider, dann werden sie unausstehliche, gemiedene Gefährten, die meist sogar nicht mit sich selbst zufrieden und daher vom »vollen Menschsein« weit entfernt sind.

Es ist also der Umgang mit anderen Menschen, der für uns so wichtig ist. Umgang schließt Begegnung und Gedankenaustausch ein. Man kann zum Beispiel sehr wohl Umgang haben, ohne dabei etwas beabsichtigt und deshalb nichts erreicht zu haben. In solchen Fällen hat der Umgang lediglich den Zeitvertreib zum Zweck. Damit der Umgang für uns und unsere Nebenmenschen von Nutzen und Vorteil sei, müssen wir jeweils planen, willentlich handeln: das Fördernde wollen und erstreben sowie das Schadende und Erniedrigende nicht wollen und meiden - ja nicht nur das, sondern immer das Schädliche zu verhindern trachten.

Im Grunde genommen wissen wir das alle. Auch kennen wir die Kurzform dieser Verhaltensmaßregel: das Gute tun und das Böse meiden. Meiden hat in diesem Zusammenhang nicht die Bedeutung »ausweichen«, sondern hat den Sinn, »nicht er- bzw. anstreben«. Ebenso genau wissen wir, dass dazu ein Wollen und Tun gehört; es wünschen und nicht tun, genügt nicht.

Das Erstaunliche ist nun, dass wir oft beim Umgang mit Andern Anregungen für unser eigenes Wollen und Ermutigung für unser Tun bekommen. Der Umgang mit Andern ist somit sowohl die Quelle als auch das Ziel unseres Lebens.

Aus diesem Grund gibt es z.B. in den verschiedenen Religionslehren religiöse Zusammenkünfte, die meistens als Gottesdienste bezeichnet werden. Wir ziehen es vor, solche Zusammenkünfte als »Saal« zu bezeichnen. Der »Saal« soll für uns eine Anregung sein oder geben, für irgendeinen oder viele der möglichen guten oder tugendhaften Gedanken. Gleichzeitig sollen wir Stärkung und Unterstützung in unserem Willen erfahren, damit wir auch willens sind, gute Gedanken zu verwirklichen. Weil der Alltag verflachend und abstumpfend wirkt, brauchen wir immer wieder Anregung und Ermutigung. Davon ist kein Mensch ausgenommen.

Begegnung erzeugt Kontakte, durch sie entstehen Zusammenhalt und Zugehörigkeitsgefühl; daraus wiederum entstehen Verantwortung und Pflichten. Es kommt also letzten Endes auf zwei Dinge an: erstens, dass wir »mitmachen« und zweitens, dass wir bei jeder Gelegenheit bewusst und gewollt das Fördernde suchen und das Hindernde unterdrücken.

Bei allseitiger Beteiligung von Jung und Alt wird dadurch ein aktives, aber auch allgemein befriedigendes Gemeindeleben zustande kommen. Je kleiner die Gemeinde, umso wichtiger wird der Beitrag des Einzelnen. Das eine ist dann aber sicher: Je mehr man sich einsetzt, desto mehr Befriedigung und Freude wird man dadurch erleben!

Otto Loebert, in der Jugendbeilage des Rundschreibens der TSA im März 1966

Buchempfehlungen

Im Juni-Heft 2010 der »Warte« haben wir unsere Leser mit Gedanken von Hubertus Halbfas bekannt gemacht (»Zurück zum Ursprung«).

Der 1932 geborene ehemalige Professor für Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen und Verfasser zahlreicher kritischer Bücher (»Die Bibel« 2001, »Das Christentum« 2004, »Der Glaube« 2010) hat sich in die Reihe derjenigen Zeitgenossen eingereiht, die eine Reform kirchlicher Verkündigung fordern. In diesem Jahr erschien nun ein kleines, 125 Seiten starkes Bändchen zu aktuellen Glaubensfragen mit dem Titel

Glaubensverlust

Warum sich das Christentum neu erfinden muss (Patmos-Verlag)

Schon im Vorwort zeigt Halbfas die »Glaubenskrise« auf, »die sämtliche Mängel und Missstände des Katholizismus übersteigt, denn diese Krise durchzieht auch die reformatorischen Kirchen und Gemeinschaften. Überall schmilzt die Substanz der Tradition dahin. In beiden Konfessionen leeren sich die Kirchen, erscheinen überflüssig, werden umgenutzt und sogar verkauft.« Er möchte etwas tun gegen das »Verdunsten des christlichen Glaubens« und meint, dass eine Neuinterpretation des Glaubens nicht mehr umgangen werden könne. Er ruft zu einer umfassenden Neubesinnung auf.

In den 12 Kapiteln seines neuen Bändchens spricht er die »wunden Punkte« an, die nach seiner Ansicht das Glaubensleben in der Gegenwart charakterisieren: dass die Glaubenssprache weithin unverständlich geworden und die religiöse Erziehung über 3-4 Generationen hinweg schlichtweg ausgefallen sei; dass das Apostolische Glaubensbekenntnis wegen seiner Ausklammerung des Lebens Jesu Ratlosigkeit bewirke; dass Jesu Gottesbotschaft egalitär sei, also allen Menschen gleichermaßen gelte und dass von seinem Gedächtnismahl deshalb niemand ausgeschlossen werden dürfe.

Überhaupt geht es Halbfas um ein besseres Verständnis der Gestalt des Jesus von Nazareth: Der Inhalt von Jesu Verkündigung war nicht die jenseitige Welt, sondern die Lebensweise in der Welt der Menschen. Sein Reich-Gottes-Evangelium war etwas anderes als das Evangelium des Apostels Paulus von Kreuz und Auferstehung. Die Wahrheit eines Reich-Gottes-Christentums ist aus sich heraus überzeugend, sie muss nicht erst geglaubt, bewiesen oder verteidigt werden.

Wie ein roter Faden zieht sich die Feststellung des Verfassers durch das Buch, dass Jesus gelehrt habe, mitmenschlich zu leben, dass aber die Christen eine Lehre über ihn entwickelt hätten. Die historisch-kritische Bibelforschung habe einen Weg gewiesen, wie wir einen Zugang zu Jesu Leben und Lehre gewinnen könnten. In diesem Bestreben fühlen wir Templer uns mit Hubertus Halbfas auf einer Linie und ich möchte deshalb unseren Lesern seine kritisch analysierenden und gut verständlichen Ausführungen ganz besonders empfehlen.

Peter Lange

Zwerenberger Jubiläen

Ein gewichtiges Heimatbuch

»Jubiläen 2011« heißt es auf dem farbenfrohen Einband dieses Heimatbuches, weil darin nicht nur der urkundlichen Erwähnung der Zwerenberger Höfe vor 500 Jahren gedacht wird, sondern gleichzeitig auch der 150 Jahre Templer, die in Zwerenberg und anderen Waldorten im Nördlichen Schwarzwald eine bewegte Geschichte gespielt haben. »Gewichtig« in zweierlei Hinsicht - ein mit Berichten und Bildern reich bepacktes und weit in die Vergangenheit eintauchendes Buch, Zwerenberger Jubiläen 2011 das damit zugleich das handliche Taschenbuch-Format bei weitem übersteigt. Stabiler Einband, hohe Papierqualität, hervorragende Druckfarben und natürlich eine vielseitig bewanderte und erzählerisch begabte Verfasserschaft - das sind so die herausragenden Merkmale, die dem Leser beim Aufschlagen der Seiten sogleich in die Augen fallen.

Das Heimatbuch ist von der »Dorfgemeinschaft Zwerenberg e.V.« von langer Hand geplant, vorbereitet, zusammengestellt und herausgegeben worden, unter Leitung von Martin Seeger, einem der vielen in der Gegend ansässigen Seegers, zu denen vor rund 150 Jahren auch der Gemeinderat Johann Georg Seeger gehörte, der nach einem Bericht des Pfarrers »sich zur Partey des Christoph Hoffmann hinneigt«. Noch stärker zu den Templern hingeneigt hat sich allerdings der Sohn des Zwerenberger Schultheißen, Martin Blaich, der als Prediger der Kirschenhardthof-Freunde durch die Lande zog und in den Waldorten ein gehöriges Aufsehen erregte. Sein »Schüler« und Mitarbeiter wurde bald der aus dem benachbarten Neuweiler stammende Johannes Seitz.

Lange Zeit war im Haus der Blaichs, dem »Altschulzenhof« (siehe Foto), die regelmäßige pietistische »Stunde« gehalten worden, was Anlass dafür gab, dass beim diesjährigen Jubiläumsfest im September auf dem angrenzenden Wiesengrundstück durch viele bebilderte »Haltstationen« eine »Reise nach Jerusalem« nachgebildet worden war. So konnte die heutige Bewohnerschaft des Dorfes auch visuell etwas mehr über den Lebensweg der aus Zwerenberg ausgewanderten Templer erfahren. Reichlich Gelegenheit zum Nachlesen der bewegten »Umtriebe« der Jerusalemsfreunde im Schwarzwald gibt in reichem Maß das Jubiläumsbuch, in dem ein 38 Seiten umfassendes Kapitel über die Templer eingefügt wurde.

Plakat am Altschulzenhof Orient in Zwerenberg Altschulzenhof Zwerenberg

Für unsere Leser ist diese Neuerscheinung eine Gelegenheit, die Lebensumstände der Menschen im Schwarzwald in damaliger Zeit näher kennen zu lernen und ihre Auseinandersetzung mit den neuen religiösen Ideen zu verfolgen. Vielfach kam es zu Trennungen auch innerhalb der Familien. Der Glaube an die Notwendigkeit einer Erneuerung christlichen Lebens muss bei vielen Hoffmann-Anhängern so stark gewesen sein, dass sie bei ihrer Auswanderung die Trennung von Haus und Hof, von Verwandtschaft und Freunden willig auf sich nahmen. Eine Garantie für ein Gelingen des geplanten Siedlungswerks gab es für sie nicht. Ich bin Martin Seeger und seinen Freunden in der »Dorfgemeinschaft Zwerenberg« dankbar, dass sie diesen Menschen in dem neuen Werk ein Denkmal gesetzt haben. Ich wünsche dem Buch viele begeisterte Leser.

Das Buch »Zwerenberger Jubiläen 2011« ist unter der ISBN 978-3-00-035531-8 im Buchhandel oder Online zum Preis von 35 Euro zu erhalten.

Peter Lange, Archiv der TGD

Festschrift zum 150. Jubiläum

Schon kurz nach den Jubiläumsfeiern des 18./19. Juni begann die Arbeit an der Festschrift. Festschrift zum 150. Jubiläum Hatten wir doch zwei professionelle Fotografen dabei, und jede Menge Grußworte, Ansprachen und Kommentare, die nachzulesen sich lohnt. Hinzu kamen noch Beiträge wie der Rückblick auf 150 Jahre Tempelgesellschaft in vielen Bildern - historischen und auch aus dem vielfältigen Gemeindeleben der Tempelgesellschaft in Deutschland.

So ist eine umfassende, 64-seitige, durchgehend vierfarbige Dokumentation entstanden, die vor allem Peter Lange (Zusammenstellung von Archivbildern) und Wolfgang Struve (Grafikentwurf und Layout) viel Arbeit und Freude -wie sie versichern- gemacht hat. Wir hoffen das Druckwerk bis zur Weihnachtsfeier vorlegen zu können. Es soll 5 Euro kosten. Wer sich ein Exemplar sichern möchte, kann gern eines in der Verwaltung (vor)bestellen. Wenn wir es zuschicken sollen, kommt zum Kaufpreis noch das Porto hinzu.

Karin Klingbeil

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Das wichtigste Gebot

Markus 12, 28 - 34

Dieser Text schildert ein außergewöhnliches und bemerkenswertes Gespräch zwischen Jesus und einem Schriftgelehrten. Bemerkenswert ist dieses Gespräch nicht nur wegen seiner klaren Aussage, sondern auch, weil sich die Gesprächspartner nicht wie sonst streiten, sondern sich ausnahmsweise einig sind. Es gibt zwei Gebote, die am allerwichtigsten sind: »Du sollst Gott lieben« und »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« In dieser Glaubensfrage sind sich Jesus und der Schriftgelehrte einig und es scheint, dass zwischen ihnen hier eine gegenseitige Wertschätzung in der Erkenntnis der Übereinstimmung besteht.

Gibt es in unserer heutigen Gesellschaft auch ein solches oberstes Gebot? Ein Gebot, welches unser Denken und Handeln maßgeblich bestimmt? Ja, wir haben das Grundgesetz, dessen erster Artikel - im Wortlaut »Die Würde des Menschen ist unantastbar«- in allen Demokratien gilt und anerkannt wird. An dieses Grundrecht sollen alle anderen Gesetze gebunden sein und dazu dienen, unser menschliches Zusammenleben zu regeln und zu ordnen. Sie geben Schutz und sind gleichzeitig mit Recht und Pflichten verbunden. Jedoch sind diese Gesetze von uns Menschen verfasst und wir sind es auch, die sie mit entsprechenden Maßnahmen durchzusetzen versuchen. Unser Zusammenleben und unser Wirtschaftsleben orientieren sich an diesen Gesetzen.

Die Worte Jesu aber sind keine menschlichen Grundsätze. Diese Worte sind anders, weil es die Gebote Gottes sind. Er hat sie uns als seinen Geschöpfen, als Menschen gegeben. Wir haben sie uns nicht selbst gegeben und deswegen unterscheiden sie sich von den Inhalten eines Bürgerlichen Gesetzbuches. Sie sind nicht auf uns angewiesen. Sie sind nicht darauf angewiesen, dass wir sie durchsetzen. Das gilt für die menschlichen Gesetze.

Die von Jesus gesprochenen Gebote aber sind uns - wie unser Leben - von Gott geschenkt. Das Geschenk macht es uns möglich, gut miteinander umzugehen. Das Geschenk gibt uns die Fähigkeit, füreinander da zu sein. Auf diesem Hintergrund wird aus dem unbequemen »Du sollst ...« ein »Du kannst ...«, weil ich die Fähigkeit und die Freiheit dazu geschenkt bekommen habe.

Jesus sagt aber noch mehr: jeder, der diese beiden Gebote erkennt und beherzigt, kann sich dem Reich Gottes nähern. Jesus zeigt uns auf, dass das Reich Gottes nicht etwas Abstraktes weit über uns ist, sondern dass wir durch das Bemühen um die Umsetzung der Gebote dem Reich Gottes hier und jetzt Gestalt geben können. Durch gegenseitiges Helfen und Unterstützen, durch Anteilnahme und Mitgefühl, durch Respekt und Rücksicht gegenüber dem anderen in der Erkenntnis, beide Geschöpfe Gottes in seiner Weltschöpfung zu sein, bleibt das Reich Gottes nicht unerreichbar, sondern es wird in diesen liebenden Taten sichtbar.

Hermann Hesse gibt uns mit den folgenden Worten einen neuen Zugang zum Jesuswort von der Liebe:

»Man kann den Nächsten weniger lieben als sich selbst. Dann ist man der Egoist, der Raffer, der Kapitalist. Oder man kann den Nächsten mehr lieben als sich selbst. Dann ist man ein armer Teufel, voll von Minderwertigkeitsgefühlen, voll Verlangen, alles zu lieben und doch voll Ranküne und Plagerei gegen sich selbst, man lebt in einer Hölle, die man täglich selber heizt.

Dagegen ist das Gleichgewicht der Liebe, das Lieben-können, ohne hier und dort schuldig zu bleiben, diese Liebe zu sich selbst, die doch niemandem gestohlen ist, diese Liebe zum anderen, die das eigene Ich doch nicht verkürzt oder vergewaltigt - das Geheimnis des Glücks, aller Seligkeit ist in diesem Wort enthalten.«

Wolfgang Blaich

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