Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 166/3 - März 2010

 

 

Kinder und Spiritualität

Ein neues Projekt regt immer mehr Kindergärten zur Teilnahme an: das Projekt Spielzeugfreier Kindergarten. Gemeint ist damit eine Zeit von drei Monaten, in denen sämtliche Spielsachen aus den Regalen der Kindergärten verschwinden; zum Spielen stehen den Kindern Tische und Stühle, Decken und Klammern, im Außenbereich Sand, Stöcke und Steine zur Verfügung. In Zeiten, in denen unsere Kinder mit Spielzeug überhäuft werden, empfinden diese selber die spielzeugfreie Zeit durchaus als etwas Besonderes.

Die Erzieherinnen stellen fest, dass durch das eingeschränkte Spielmaterial die Phantasie der Kinder bedeutend mehr angeregt wird und dass es zu sehr viel mehr Gesprächen unter den Kindern kommt. Nicht nur, weil man sich austauschen und einigen muss, ob der Tisch nun ein Schiff, ein Auto oder ganz etwas anderes darstellen soll, sondern auch, weil die Kinder mehr Zeit haben, in der sie nicht zu einem bestimmten Spiel oder einer Beschäftigung angeleitet werden und sich darauf konzentrieren. Häufig kommt es zu Gesprächen über Leben und Tod, ausgelöst durch triviale, oft gar nicht nachvollziehbare Anlässe.

Sinn dieses Projektes ist es, die Kinder zu stärken. Bei einer wissenschaftlichen Untersuchung kam heraus, dass die Kinder dadurch mehr Raum als sonst haben, Dinge zu entdecken, Probleme miteinander zu lösen, und überhaupt feststellen, dass es schön ist, miteinander zu spielen. Gleichzeitig gilt das Projekt als erster Baustein der Suchtprävention: Suchtverhalten entsteht bei Kindern aus einer tiefen Verunsicherung; wenn ihnen langweilig ist, sie frustriert sind oder einen Konflikt haben, suchen sie die einfachste Lösungsstrategie. Sie legen eine Hörspielkassette ein, schauen fern, später spielen sie Computerspiele. In der spielzeugfreien Zeit lernen sie, mit unbefriedigenden Situationen umzugehen - entweder indem ihnen eine neue Spiel-Idee einfällt oder indem sie eben aushalten, dass man mal frustriert oder gelangweilt ist. Eine weitere wichtige Erfahrung ist, dass sie erleben, dass nicht immer alles so klappt, wie sie es sich vorstellen - und das ist eine wichtige Lebenskompetenz.

Dabei ist der große Reiz, den Computerspiele auf ältere Kinder ausüben - und der von Erwachsenen meist mit mehr als unguten Gefühlen betrachtet wird -, eigentlich ganz leicht zu erklären. Er ist auch nicht nur negativ: sie befinden sich im Kampf gegen das Böse, werden von allen möglichen Ungeheuern bedroht, gegen die sie sich mit den verschiedensten Mitteln zur Wehr setzen - und es ist keineswegs gesagt, wie dieser Kampf ausgehen wird; Computerspiele sind also spannend.

Nur extremer Medienkonsum ist bedenklich: der Pädagoge und Familientherapeut Wolfgang Bergmann hat diesen untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass die Kinder sich bei diesen Spielen die Erfahrungen verschaffen, die ihnen die Realität nicht mehr bietet. So gesehen, bedeutet das, dass Kinder hier suchen, was ihnen unsere heutige Wohlstandsgesellschaft vorenthält: Rätsel und Abenteuer, aber auch Mystik und Transzendenz.

Auch der Theologe Fulbert Steffensky stellt bei Kindern einen "tiefen Erfahrungshunger" fest. Alle natürlichen, existenziellen Erfahrungen wie Hunger und Durst, große Kälte, Stille und Dunkelheit erfahren die Kinder der heutigen Zivilisation nur noch gedämpft: an Essen und Trinken sind die Kinder von einem Überangebot umgeben, unsere Wohnungen und Häuser sind gut geheizt und für die kurzen Zeiten, die Kinder draußen zubringen, gibt es entsprechende Winterkleidung; meist aber werden die Kinder ohnehin zu all ihren Terminen hintransportiert, Bus oder Auto stehen bereit - kaum ein Kind muss weitere Fußwege zurücklegen. Auch Stille sind unsere Kinder kaum mehr gewohnt - ein großer Teil macht selbst Hausaufgaben nur noch mit musikalischer Untermalung, vielfach läuft nebenher und oft permanent der Fernseher.

So haben Elektrizität und Mobilität das Leben sehr viel bequemer, aber auch bedeutend leerer gemacht. Weitere Leere entsteht dadurch, dass die Strukturen fehlen: die Sonntage werden verschlafen, besondere Feiertage oder Jahresfeste nicht mehr gestaltet. Dadurch gehen Traditionen und Riten verloren, die sehr wesentlich seelisches Erleben nähren. Kindern religiöse Geschichten zu erzählen oder mit ihnen zu beten, gibt ihnen - zunächst noch unbewusst - die Möglichkeit, mit der religiösen Erfahrung, die andere vor ihnen gemacht haben, in Verbindung zu kommen. Das ist zunächst ein Sich-Bergen in, später ein Sich-Auseinandersetzen mit religiösen Inhalten. Und, sehr wesentlich: es bedeutet, dass auch die Eltern eine Position beziehen müssen, um ihren Kindern glaubhaft machen zu können, was sie selber glauben, was ihnen am Glauben wichtig ist. Das heißt nicht, dass Kinder dann die Religion ihrer Eltern übernehmen müssen, aber sie erfahren, dass Glaube etwas bedeuten, dass Religion im Leben tragen kann.

Die ehemalige Leiterin der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, Enja Riegel, vertritt zum Beispiel vehement die Überzeugung, dass Schule nicht nur Wissen vermitteln dürfe, sondern auch Raum für "letzte Fragen" bieten müsse und Kinder "ein Recht auf Religion" hätten. Kinder sind auf der Suche, und daher ist es wichtig, ihre Fragen aufzugreifen: wer bin ich, warum gibt es Leid und Tod, was ist der Sinn des Lebens? Übungen der Achtsamkeit gehörten bei ihr zum Schulalltag und sie empfand es als wichtig für die Schüler zu erfahren, was Stille ist. Deswegen hatte sie an der Schule einen "Raum der Stille" eingerichtet. Weil immer mehr deutsche Kinder kaum Erfahrung mit dem Beten haben, war der Beginn damit schwierig. Ein islamisches Kind, das seinen Gebetsteppich mitbrachte und zeigte, wie es betete, wurde von den anderen Kindern direkt beneidet. Dieses Erlebnis ermutigte die Reformpädagogin dazu, den Kindern das Vaterunser beizubringen und es regelmäßig mit ihnen zusammen zu beten. Als der Irakkrieg ausbrach, zogen alle Schüler mit einer Friedensfahne durch Wiesbaden, legten sie vor einer Kirche nieder, beteten und sangen »We shall overcome«. Die Tatsache, dass diese Schule einen Spitzenplatz bei der Pisa-Studie eingenommen hat, spricht wohl für sich.

Auch die Erlebnisse, über die Inger Hermann in ihrem Buch »Miss, wie buchstabiert man Zukunft?« - sie war zu einer Lesung bei einem Freitagabendtreff in unserem Gemeindehaus - berichtet hat, gehören in diese Richtung. Sie unterrichtete Religion an Stuttgarter »Sonderschulen für Lernschwache«. Kinder, die in unvorstellbaren Verhältnissen leben müssen - geschlagen, missbraucht, auf den Strich geschickt -, identifizierten sich bei den biblischen Geschichten mit dem ausgesetzten Moses, mit Josef, der in den Brunnen geworfen und in die Sklaverei verkauft wird. Sie ist der Meinung, dass Kinder nicht nur Religion brauchen, sondern, dass sie Religion haben und sich danach sehnen, dass sie gepflegt wird. So betete sie mit diesen Kindern, die aufgrund ihrer Herkunft äußerst grob miteinander umgingen, vor jeder Stunde einen Psalm und am Ende der Stunde den Segen: »Der Herr segne und behüte uns. Er lasse sein Angesicht über uns leuchten und sei uns nahe.« Wie wichtig das den Kindern geworden ist, zeigte einmal die Reaktion eines Kindes zu einem Mitschüler in der Stunde: »Halt's Maul, jetzt kommt der Segen!« und eine Begegnung viele Jahre nach der Schulzeit mit einem ehemaligen Schüler. Er erkannte seine ehemalige Religionslehrerin, sprach sie an und meinte: »Wissen Sie, was? Den Segen kann ich immer noch.«

Nach ihrer Wahrnehmung versorgen nicht die Erwachsenen die Kinder mit Spiritualität, sondern umgekehrt: »Es sind doch die Kinder, die geistigen Nachschub auf die Erde bringen. Wären wir denn noch religiös ohne die Kinder?«

Karin Klingbeil

Ethische Geldanlagen - eine Antwort auf die Finanzkrise?

Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise hat einen erheblichen Vertrauensverlust in die Seriosität der Akteure mit sich gebracht. Am Platzen der Spekulationsblase waren zwar in erster Linie gerissene Anlageberater und Börsenspekulanten schuld, so dass den meisten Mitbürgern die staatlichen Rettungsaktionen zugunsten einiger Banken mächtig gegen den Strich gehen. Aber auch die vielen Kleinanleger, die - in der Hoffnung auf ein paar Zehntelprozente mehr an Zinsgewinn - ohne ausreichende Sachkenntnis in unseriöse Finanzprodukte investiert haben, tragen ihr gerüttelt Maß an Mitschuld. Selbst die Kirchen haben riskante Geldgeschäfte getätigt und viel Geld verloren. Mitursächlich waren aber auch die unübersichtlichen Finanzprodukte, die selbst viele Kundenberater in den Banken und Sparkassen ihren Kunden nicht mehr erklären konnten. Kein Wunder, dass zu den ständigen politischen Versprechungen seit Ausbruch der Krise eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte gehörte, wie sie dann auch zuletzt auf dem G 20-Gipfel in Pittsburgh im September 2009 in Angriff genommen wurde. Mittlerweile sind erste Ansätze in strengeren Eigenkapitalregeln für Banken, in einer Stärkung der Finanzaufsicht, in der Auslagerung "toxischer" Wertpapiere in "Bad Banks" und in der unmittelbaren staatlichen Beteiligung an Banken zu erkennen. Auf der anderen Seite vertreten viele Beobachter die Auffassung, dass auf dem Finanzsektor bereits wieder die gleiche Zockermentalität herrscht wie vor Ausbruch der Krise. Die Bonusforderungen von bzw. -zahlungen an Investmentbanker, die auf ihren vertraglichen Ansprüchen ungeachtet hoher Spekulationsverluste ihrer Geldinstitute und staatlicher Unterstützungsleistungen für ihren Arbeitgeber bestehen, sind hierfür ein beredtes Beispiel. Hier ist dringend gegenzusteuern: Wenn "schnelle" Investmentbankgeschäfte besser behandelt werden als das "klassische" Bankgeschäft, wenn die Kreditaufnahme gegenüber dem Sparen bevorzugt wird, wenn Manager den Lohn ihrer Spekulation einfahren, wenn es gutgeht, die Allgemeinheit aber die Lasten trägt, wenn es misslingt, dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir eine Wirtschaftsordnung erhalten, in der die Spekulation blüht und gedeiht.

Ethische Kapitalanlagen - ein Ausweg?

Nicht zuletzt die weltweite Finanzkrise hat seit geraumer Zeit das Interesse an Finanzdienstleistungen, insbesondere Geldanlagen geweckt, die nicht dem Gewinnmaximierungsprinzip, sondern ethischen Anforderungen verpflichtet sind. Während nachhaltige Bio-Produkte die Supermärkte und Discounterketten erobern, wächst die Zahl der Banken, die sich ethisch und ökologisch korrekte Geldanlagen auf die Fahnen geschrieben haben. Wirtschaftsberater haben bereits ein Potenzial von etlichen Millionen Kunden in Deutschland, dem am härtesten umkämpften Bankenmarkt Europas, errechnet. Dazu zählen nach Meinung von Experten vor allem Verbraucher, die »ihr Geld nicht nur anlegen, weil es Zinsen, sondern auch weil es Sinn machen soll«. Ähnlich wie neuerdings beim Autokauf auf den Verbrauch und den Schadstoffausstoß - und nicht mehr nur auf die PS-Zahl oder den Preis - werde zunehmend auch bei Geldanlagen auf die Nachhaltigkeit und Sinnhaftigkeit der damit unterstützten Investitionen geachtet. Hierzu trägt bei den Öko-Banken bei, dass diese nicht nur über die Verzinsung des eingesetzten Kapitals Auskunft geben, sondern ihre Kunden möglichst transparent auch darüber informieren, welche Unternehmen von ihnen Kredite erhalten. So erfährt zum Beispiel der Bankkunde der Bochumer GLS-Bank, dass ein Öko-Bauernhof in Mecklenburg-Vorpommern 300.000 Euro für den Neubau einer Küche oder eine neue Milchabfüllanlage oder eine Waldorfschule in Erfurt 400.000 Euro für die Sanierung des Schulgebäudes erhalten haben. Andere Öko-Banken, wie etwa die UmweltBank, geben bereits durch ihren Namen zu erkennen, dass sie das ihnen anvertraute Geld ihrer Kunden in Projekte wie Solaranlagen oder Windenergieparks – und nicht etwa in Rüstungskonzerne und Chemiefabriken - stecken wollen. Typischerweise garantieren die Banken dieses rasch wachsenden alternativen Bankensektors ihren Sparern auch, dass sie mit deren Geld keinerlei Spekulation - sei es auf Rohstoffpreise, sei es auf die Zinsentwicklung - betreiben. Selbst der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann, räumte angesichts der Finanzmarktkrise ein: »Wir haben unser Tun in der Vergangenheit nicht ausreichend ethisch-moralisch begründet«, um in diesem Zusammenhang aber auch anzukündigen, künftig genauer zu erklären, »warum gerade auch Investmentbanken einen wesentlichen Beitrag zu Wachstum und Wohlstand leisten«. Doch Ackermann zieht aus der Skepsis gegenüber der Branche einen anderen Schluss als die alternativen Bankmanager: Während er weiterhin die Gewinnerzielung als Ziel jedes wirtschaftlichen Handelns - auch im Interesse der Kunden, der Eigentümer, der Mitarbeiter und der Gesellschaft - ansieht, setzen die Öko-Banken andere Schwerpunkte und verfolgen das ehrgeizige Ziel, »Mensch, Umwelt und Profit besser in Einklang zu bringen«, wie es der deutsche Niederlassungsleiter des Marktführers, der europaweit agierenden niederländischen Triodos-Bank (200.000 Kunden) umschrieb, der früher selbst bei der Deutschen Bank tätig war.

Sicher werden die Öko-Banken bei realistischer Einschätzung den traditionellen Geldinstituten nur relativ wenige Kunden abjagen können, da die meisten Bankkunden den Wechsel gewohnheitsmäßig scheuen und in der Regel wohl eher auf die Verzinsung des eingebrachten Kapitals achten als auf das, was mit ihrem Geld passiert. Die Zweckbindung der Kapitalanlage und die Transparenz der Mittelverwendung ist aber ein begrüßenswerter Weg, um die Mündigkeit und die ethische Mitverantwortung der Bankkunden zu stärken bzw. zu ermöglichen.

Ist eine neue Ökonomie erforderlich?

Die Diskussion darüber, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um eine Wiederholung der Finanz- und Wirtschaftskrise zu vermeiden, ist in vollem Gange. Dabei dürfte klar sein, dass in der globalen Wirtschaft unserer Tage ein Umgang mit Finanz- und Wirtschaftskrisen nicht (mehr) durch nationale Lösungen zu bewältigen ist, sondern durch internationale Zusammenarbeit zu geschehen hat, wenngleich die Krise protektionistischen Lösungsversuchen (vorübergehend?) Auftrieb verliehen hat. Der oft gescholtene, aber als internationale Finanzfeuerwehr durchaus geschätzte Internationale Währungsfonds (IWF), der durch strenge Vorgaben bei der Kreditvergabe insbesondere in die nationalen Politiken vieler Entwicklungsländer eingreift, wird seine Entscheidungsstrukturen - bislang sind die Kreditnehmer deutlich unterrepräsentiert - verändern und seine Unabhängigkeit von der Hegemonialmacht USA stärker unter Beweis stellen müssen. Ebenso wird die Welthandelsorganisation (WTO) mit inzwischen 153 Mitgliedsstaaten nur dann zu gerechteren Handelsbeziehugnen zwischen armen und reichen Ländern beitragen, wenn sie einen fairen Marktzugang der Entwicklungsländer zu den abgeschotteten Märkten der reichen Staaten erreicht. Auch die viel diskutierten Lösungen zur Eindämmung von Spekulationen - etwa mittels der von vielen Nichtregierungsorganisationen, aber auch der Bundeskanzlerin befürworteten Besteuerung von Finanztransaktionen (sog. Tobin-Tax) - werden in Anbetracht der weltweiten wirtschaftlichen Verflechtung nur im internationalen Konsens greifen können. So sinnvoll dies alles sein mag, so schwierig dürfte die Realisierung angesichts der nationalen Egoismen sein.

Vielleicht muss man noch grundsätzlicher ansetzen und die Wachstumsideologie hinterfragen, die wie ein ewiges Mantra unserer Volkswirtschaft anmutet. So schlägt der Dortmunder Theologe Thomas Ruster etwa vor, die Kirchen sollten mit gutem Beispiel vorangehen und das ursprüngliche christliche Zinsverbot wiederbeleben, indem sie einen Teil ihres Vermögens aus den Finanzmärkten heraushalten und einen zinsfreien Geldverkehr fördern. Auf diese Weise würde ein unnötiger Wachstumsdruck zur Finanzierung der Zinszuwächse herausgenommen. Gerade Christen sollten nach Meinung Rusters bereit sein, auf einen ungerechtfertigten Vorteil zu verzichten, weil sie für Gerechtigkeit und damit für den Willen Gottes und nicht für Profitinteressen eintreten sollten. Und der frühere Stuttgarter Bundestagsabgeordnete, Ernst-Ulrich von Weizsäcker, hat bereits in seinem Bericht an den Club of Rome aus dem Jahr 1995 (»Faktor Vier«) Wege aufgezeigt, wie sich durch eine verbesserte Ressourcenproduktivität ein doppelter Wohlstand bei halbiertem Naturverbrauch erreichen lässt. Hierzu gehört dann allerdings konsequenterweise auch eine andere Berechnung des volkswirtschaftlichen Bruttosozialprodukts.

Jörg Klingbeil

Aus dem Tagebuch des TGD-Archivs

Die Wichtigkeit und Bedeutung unserer Familiendaten-Sammlung geht unter anderem daraus hervor, dass wir einem in San Francisco ansässigen Templer-Nachkommen kürzlich dazu verhelfen konnten, seine erweiterte Verwandtschaft kennen zu lernen. Sein Großvater Julius Beck, aus der Tempelkolonie Jaffa gebürtig, betrieb nach seiner Übersiedlung nach Deutschland in Heidenheim (Brenz) eine Zementfabrik. Seine Tochter heiratete einen Amerikaner, sodass dieser Familienzweig der Becks heute in den Vereinigten Staaten zu finden ist. Durch unseren Hinweis auf die Familienforscherin der Becks, Martha Strasser in Bayswater, und ihre Tochter Monika (die seit Längerem in der Archivarbeit der TSA tätig ist) kam es zu einem Kennenlernen von Vetter und Base 3. Grades zwischen Melbourne und San Francisco. Martha Strasser kann sich sogar noch an die Schwestern von Julius Beck erinnern und hat mit ihren Erinnerungen, zusammen mit Monika, einen weiteren Beitrag zur Geschichte der Templer-Becks geliefert, die in den turbulenten Zeiten der Jerusalemsfreunde vor 150 Jahren in dem Bauerndorf Kohlstetten auf der Schwäbischen Alb begonnen hatte.

Ein Student der Universität Osnabrück schreibt im Rahmen seiner Master-Arbeit an einer Biografie des Heimat- und Volkstumsforschers Karl Götz, der Anfang der dreißiger Jahre eine Zeit lang als Lehrer an der Templerschule in Betlehem (Galiläa) gewirkt hat und vor allem dadurch bekannt geworden ist, dass er damals eine Schulklasse auf eine Schiffsreise nach Deutschland mitnahm und sie in Städte und Landschaften führte, die die Schüler bis dahin nur vom Hörensagen her kannten. Die Erlebnisse der Schülergruppe sind von Karl Götz in seinem Buch »Das Kinderschiff« beschrieben.

Ein Angehöriger des Vereins für Geschichte und Heimatpflege in Kornwestheim erkundigte sich bei uns nach den aus Kornwestheim stammenden Templern. Wir konnten ihm entsprechende Auskünfte über die Familien Eppinger und Messerle geben. Außerdem war Kornwestheim für die Geschichte der Templer insofern von Bedeutung, als die »Salon-Schule« der Gebrüder Paulus früher auf Konrwestheimer Gemarkung lag und sich dort auch der Freundeskreis gebildet hatte, der zur Keimzelle der Jerusalemsfreunde wurde. Roland Schuldt, der erwähnte Geschichtsforscher, hat alle diese Fakten in einem Heft (Nr. 19) der »Kornwestheimer Geschichtsblätter« unter der Überschrift »Schwäbische Spurensuche im Staate Israel« dargestellt und mit historischen Bildern veranschaulicht. Der Aufsatz kann auf Wunsch bei uns angefordert werden. Ein Hinweis auf unsere heute noch bestehenden Gemeinden war erfreulicherweise in dem Beitrag angebracht, obwohl die Zahlenangaben zu unserer Anhängerschaft sehr optimistisch angegeben sind.

Peter Lange

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Die Heilung des Gelähmten (Markus 2, 1-12)

Diese Bibelstelle gehört wohl zu den bekanntesten und auch den eindrücklichsten Heilungswundern, die alle drei Synoptiker von Jesus erzählen. Es ist der sogenannte "Gichtbrüchige", der von seinen Freunden durch das Dach des Hauses zu Jesus hinuntergelassen wird, weil durch die Menschenmenge, die Jesus erleben will, kein Durchkommen ist mit der Trage und dem Kranken darauf.

Der eine Aspekt ist die Heilung des Gelähmten, der andere Jesu Satz: »Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben«, der die Schriftgelehrten gegen ihn aufbringt, weil sie der Meinung sind, es sei ausschließlich die Sache Gottes, Sünden zu vergeben.

Jesus heilt den Kranken, indem er schlicht zu ihm sagt: Deine Sünden sind dir vergeben. Wir können diese Heilung als Wunder ansehen, mit dem Jesus die rein körperliche Unversehrtheit eines Kranken wiederhergestellt hat, ohne weitere Fragen zu stellen. Wir können auch versuchen, den Vorgang rational zu erklären: Seit Sigmund Freud ist es kein Geheimnis mehr, dass viele Krankheiten seelische Ursachen haben; Umstände, die seelisch einengen, wirken sich auch körperlich aus. Menschen, die unter großem psychischen Druck stehen - sei es, dass sie sich selbst unter den Druck beispielsweise von Schuldgefühlen setzen oder aber, dass dieser Druck von außen kommt -, entwickeln oft körperliche Blockaden. Dadurch verschafft sich der Körper den Schutz vor weiteren Anforderungen, denen er nicht mehr nachkommen kann, er verweigert sich. Wenn wir die Geschichte so verstehen, hat der Gelähmte durch Jesu Zuspruch eine Befreiung erfahren, die die Ursache seiner seelischen und damit auch körperlichen Lähmung auflöste.

Die wesentliche Aussage in unserer Bibelstelle erscheint mir allerdings diejenige zu sein, die Jesus dazu bringt, dem Gelähmten die Vergebung seiner Sünden zuzusagen - das ist es ja auch, woran die Schriftgelehrten Anstoß nehmen, weil sie in anderen Kategorien denken. Aber das zeigt, dass Jesus aus tiefstem Herzen davon überzeugt ist, dass der Gott, den er uns verkündet hat und an den wir glauben, ein liebender Gott ist, der seine Geschöpfe ohne Vorbehalte annimmt.

Abgesehen davon, dass Jesus die Vorstellung ablehnt, dass Krankheit die Folge von Schuld sei, spricht er uns Gottes vorbehaltlose Gegenwart zu. Dieser Zuspruch nimmt uns die Angst davor, dass wir permanent etwas falsch machen könnten und dass uns für solches Fehlverhalten einmal Höllenstrafen drohen - und dieses angstfreie Vertrauen macht uns frei, gibt uns die Kraft für unser Leben.

Karin Klingbeil

Zeichen des Tempels

Die Tempelgesellschaft in Deutschland und die Temple Society in Australien stellen sich in zwei Symbolzeichen dar. Zum einen ist es das althergebrachte wuchtige Tempelkreuz, ein "T" mit aufgesetztem "INRI". Zum anderen ist es das jüngere zierliche Kreuzeszeichen, ein vierarmiges lateinisches Kreuz.

Das neuere Zeichen, das lateinische Kreuz

Das neuere Zeichen wird seit etwa 2000 in den Schriften des Tempels fast ausschließlich verwendet. Es ist ein mit feinem Strich gezeichnetes vierarmiges Kreuz in einer offenen Ummantelung. Neues TGD-Logo Diese sogenannte lateinische Kreuzesform war im vierten und fünften nachchristlichen Jahrhundert aufgekommen, speziell im Gebiet des Bischofs von Rom. Das Kreuz symbolisiert den Kreuzestod Christi und gilt in den Kirchen als Symbol der Selbstaufopferung Christi zur Erlösung der Menschen und zur Versöhnung mit Gott.

Das althergebrachte Zeichen, das Tempelkreuz

Das althergebrachte Tempelkreuz taucht in den 50er Jahre in den Tempelschriften auf. Es ist in bleibender Form an der Fassade des Gemeindehauses in Degerloch als Relief angebracht. Die australische Tempelgesellschaft hat das alte Tempelkreuz in den aus der Gemeinde heraus entstandenen dreiteiligen Wandteppich mit den Höhepunkten der Tempelgeschichte eingearbeitet. Dieser ziert seit August 2009 die "Chapel" in Bayswater.

Jon Hoffmann, der ehemalige Leiter der Tempelgesellschaft in Deutschland, hat in der »Warte« vom September 1966 das Zeichen beschrieben und "Tempelkreuz" genannt: Es ist zunächst einmal der Anfangsbuchstabe des Wortes Tempel bzw. Tempelgesellschaft. Altes TGD-Logo Aber dieses "T" ist nicht nur ein Initial, sondern auch eine alte Form des christlichen Kreuzes - das Antoniuskreuz. Es wurde nach Antonius dem Großen benannt. Dieser lebte im 3. nachchristlichen Jahrhundert in Ägypten und gilt als der Vater des christlichen Mönchtums.

Das Antoniuskreuz oder Taukreuz ist die älteste bekannte Form des christlichen Kreuzes und älter als das lateinische Kreuz. Sterzinger Altar Die Urgemeinde verwendete übrigens als Glaubenszeichen in erster Linie den Fisch und das Christusmonogramm (Chi + Rho, die Anfangsbuchstaben vom griechischen Christos). Den Stuttgartern ist das Antoniuskreuz durch einige Gemälde im der Staatsgalerie aus der Zeit der Gotik vertraut. Als Beispiel wird nebenstehend ein Flügel des Sterzinger Altars gezeigt. Wir kennen es auch von Besuchen im Kloster Bebenhausen. Dort ist es als Segenszeichen über den Eingangstüren zu den Schlafzellen aufgemalt.

Das Tempelkreuz ergänzt das Antoniuskreuz durch einen aufgesetzten kleineren Querbalken mit der Messiasformel "INRI". Die Jüngergemeinde hatte in Jesus den Messias gesehen, der das Gottesreich verkündete und mit der Liebesethik seiner Bergpredigt den Weg dahin aufzeigte. Er war für sie »das Haupt einer neuen Menschheit, der es nicht mehr um egoistische, persönliche oder nationale Ziele geht, sondern die gelenkt wird vom Evangelium der Liebe und seiner Verwirklichung im Gottesreich«.

Die alttestamentliche Bedeutung: das Zeichen des Gottesvolkes

Aber die Symbolik des dreiarmigen Taukreuzes reicht viel weiter zurück. Es ist nicht erst aus der christlichen Tradition heraus entstanden. Der Buchstabe "T" war ein altorientalisches Königszeichen. Die in diesen Raum eingewanderten hebräischen Stämme hatten das Zeichen übernommen und auf ihren Gott übertragen, der Herr des Landes Israel war. Es ist deshalb auch das Zeichen derer, die zu ihm gehören, die sich seinem Recht unterstellen und zu ihm halten. Es ist das Zeichen Gottes und des Gottesvolkes.

Beim Propheten Hesekiel findet sich der Schlüssel dazu. Dieser lebte im 6. Jahrhundert vor Christi und beschreibt die Zeit vor der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier. Das Haus Juda hielt sich zum Großteil nicht an die Gebote seines Gottes und nahm fremde Kulte auf. In einer Vision des Propheten Hesekiel verfallen Jerusalem und seine Bewohner dem Strafgericht.

»Und er sprach zu ihm [der das Schreibzeug an der Seite hängen hatte]: Geh durch die Stadt Jerusalem und zeichne das Taw auf die Stirn der Männer, die da seufzen und jammern über die Gräuel, die darin geschehen. Zu den anderen Männern aber sprach er, so dass ich es hörte: Geht ihm nach durch die Stadt und schlagt drein; eure Augen sollen ohne Mitleid blicken und keinen verschonen. [...].Aber die das Taw tragen, von denen sollt ihr keinen anrühren.« (Hes 9,4 ff)

Das "Taw" ist der letzte Buchstabe im hebräischen Aphabet. Es ist das lateinische T beziehungsweise das griechische Tau und wird auch so gesprochen. Im hebräischen Text der ziterten Hesekiel-Passage ist es ausgeschrieben aufgeführt. Luther übersetzt Taw mit "das Zeichen". Damit geht die Symbolik des Hesekieltextes verloren. Taw ist das Zeichen Gottes, der sein wahres Volk durch sein Siegel kennzeichnet. Das wahre Volk wird für Hesekiel nicht durch Geburt und Abstammung definiert, Buchstabe "Taw" sondern durch den Glauben und durch die Bindung an den Willen Gottes. Der Wille Gottes aber ist für Hesekiel weniger die Teilnahme am Kult und die Einhaltung der Reinheitsgebote, sondern die gelebte Mitmenschlichkeit, die Zuwendung zum Nächsten, zum Schwachen und Bedürftigen.

Aus dieser alttestamentlichen Sicht hat auch Jesus den Begriff des Gottesvolkes und des Gottesreiches verstanden. Das Gottesvolk versteht sich aus seinen ethischen Zielen und seinem Trachten. Maßstab ist das Verhalten zum Mitmenschen. Das Reich Gottes aber entsteht unter denen, die den Willen Gottes zu tun versuchen. Das Trachten nach dem Reich Gottes ist identisch mit dem Streben, sich dem Nebenmenschen so zuzuwenden, wie man es sich für sich selber wünscht. Der Weg zum Reich Gottes ist das Bemühen, die Ethik der Bergpredigt zu verwirklichen. Das Jesuswort »Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch« wird so verständlich.

Die Reich-Gottes-Auffassung Christoph Hoffmanns ist von der Botschaft Jesu geprägt. Am Anfang seiner Ziele steht "die Sammlung des Volkes Gottes", das sich bemüht, nach der Bergpredigt zusammenzuleben. Die daraus resultierende charakterliche und geistige Entwicklung jedes Einzelnen und der Gemeinschaft kann eine Gesellschaft hervorbringen, die sich der Idealvorstellung vom Königtum Gottes unter den Menschen nähert. Das Reich Gottes ist für Christoph Hoffmann ein jenseitiger Zustand, in jedem Falle aber ein diesseitiger Prozess und eine diesseitige Aufgabe. Und deshalb verpflichtet sich auch heute noch jeder, der dem Tempel beitritt, »sich um eine christliche Lebensführung im Sinne Jesu zu bemühen«.

Das althergebrachte Tempelkreuz ist somit ein Symbol für die grundlegenden Gedanken und Ziele Christoph Hoffmanns und des Tempels.

Otto Hammer

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