Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 182/4 - April 2026

 

 

Auferstehung - Brigitte Hoffmann

... und nahm ihn mit Freude auf. - Karin Klingbeil

Bibelworte, die in unseren Sprachschatz eingingen - Dr. Kurt Bangert

Wenn Ideologie über Bildung siegt - Katja Dorothea Buck

Growing4Respect - Karin Klingbeil

Digitale Ablenkung hat messbare Folgen - Jörg Klingbeil

Auferstehung

Für Millionen von Christen war fast 2000 Jahre lang keine Frage, was Jesu Auferstehung be­deutet, es war die Grundlage ihres Glaubens: Jesu ist von den Toten auferstanden, er verbürgt damit unsere Auferstehung und Erlösung und letztlich die der Welt - für viele gilt das noch heute. Das ist im Choral „Christ ist erstanden“ spürbar. Er stammt aus dem 13. Jahrhundert, ist der erste deutsche Choral überhaupt, und er drückt in Text und Melodie sehr gut diese kompromisslose Glaubensüberzeugung aus: „Wär er nicht erstanden‚ wär die Welt verloren“ heißt es in der ursprünglichen Fassung; die Dr. Hasselbach dem heutigen Denken gemäßer gemacht hat.

Paulus, der älteste Zeuge, sagt es im Korintherbrief mit aller Deutlichkeit: „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.“ Aus diesem Glauben ist das Christentum erwachsen.

Aber genau das glauben wir nicht mehr. Für uns ist Jesus ein Mensch, der ganz aus Gott gelebt hat, der uns eine wunderbare Botschaft gebracht hat, aber doch ein Mensch war wie wir. Und sein Tod ist dann im Prinzip derselbe, wie der vieler anderer, die für ihren Glauben gestorben sind.

Warum feiern wir dann überhaupt Ostern? Oder anders gefragt: was glauben wir, was in je­nen drei Tagen vor fast 2000 Jahren geschehen ist? Und was bedeutet es uns?

Was können wir wissen über das, was geschehen ist? Über Jesu Tod und Auferstehung haben wir die Berichte der vier Evangelien, die sich in vielen Details unterscheiden, aber in einigen wesentlichen Punkten auch übereinstimmen; über die Auferstehung zusätzlich den des Paulus.

Ich greife die Punkte heraus, die mit wichtig sind.

Der erste ist die Szene in Gethsemane, die bei allen Synoptikern sinngemäß gleich geschil­dert wird; Johannes erwähnt sie nur knapp. Jesus geht mit den Jüngern hinaus, bittet sie, zu wachen und zu beten - das gibt es nur an dieser Stelle -‚ geht dann aber noch ein kleines Stück weiter, um allein zu sein, und betet: „Abba, Vater, alles ist dir möglich; willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ Dieses kurze Gebet ist zutiefst anrührend. Es ist zugleich aber auch aufschlussreich. Jesus war nicht nach Jerusalem gekommen, um dort nach dem Willen Gottes zu sterben. Er sah seine Berufung darin, das Kommen des Gottesreichs zu verkünden und dazu beizutragen. Wenn er aber mit dieser Bot­schaft nicht nur die Menschen in den Dörfern und Kleinstädten Galiläas erreichen wollte, sondern das ganze jüdische Volk oder wenigstens einen großen Teil davon, dann musste er nach Jerusalem gehen, in das Zentrum der erstarrten Gesetzesfrömmigkeit, die er bekämpfte.

Dass das ein Risiko bedeutete, musste er wissen. Die Priesterhierarchie dort lebte von dem Opferkult, den er (wahrscheinlich) abschaffen wollte. Und für Priester und Schriftgelehrte, die religiöse Elite, war das ein Anschlag auf das gottgegebene Gesetz Moses. Jesus wusste das.

Aber er vertraute auf den Beistand Gottes. Vielleicht glaubte oder hoffte er, dass dieser ent­schei­dende Schritt zum Anstoß werden könnte für die endgültige Ankunft des Gottesreichs, mit der er sicher rechnete, für eine nahe Zukunft. Nun war aber in der kurzen Zeit, die er in Jerusalem gewesen war (wie lange genau, wissen wir nicht), die Spannung eskaliert. Spätestens seit der Tempelreinigung - für seine Gegner der offene Aufruhr - war klar, dass es zu einem Zusammenstoß kommen musste, in dem die Gegner alle Macht auf ihrer Seite hatten.

Vielleicht spürte Jesus die Gefahr und die Todesnähe - solche Vorahnungen gibt es. Viel­leicht sah er jetzt zum ersten Mal die Gefahr realistisch - die Gefahr des Scheiterns und des Todes. Nun hatte er Angst, und er trug diese Todesangst im Gebet vor Gott: „Alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir“. Er hätte dem Kelch leicht ausweichen können, indem er nach Galiläa zurückgegangen wäre (allerdings früher, jetzt war es dafür zu spät). Dort wäre er in den Augen der Gegner ein relativ unwichtiger Wanderprediger in der Provinz gewesen. Für Jesus wäre es der Verrat an seiner Berufung gewesen, den er nie in Betracht zog.

Bei Lukas heißt es: „Ein Engel kam und stärkte ihn“. Das ist ein frommes Bild dafür, dass Jesus die Kraft fand, die Todesangst zu überwinden. Wir können sagen: Gott stärkte ihn. Wir können auch sagen: sein Gottvertrauen trug ihn auch in dieser schweren Stunde: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Das ist das demütige Eingeständnis, dass Gott etwas anderes im Sinn haben könne als das, was er, Jesus, geglaubt hatte. Es ist nicht mehr das Vertrauen, dass Gott ihm helfen werde, sondern dass, wenn Gott ein Scheitern zulasse, auch dieses Scheitern Gottes Wille sei.

Das ist die größte und wichtigste Form des Gottvertrauens. Das Vertrauen, dass Gott uns immer „helfen“ werde, uns das geben, was wir uns sehnlichst wünschen, kann und muss immer wieder enttäuscht werden. Das andere Vertrauen kann dauern: dass alles, was uns geschieht, gerade auch das Schwere, ein Angebot Gottes an uns ist, aus dem wir lernen, an dem wir wachsen können.

Trotzdem ist unter den wenigen überlieferten Worten Jesu am Kreuz auch das erschrecken­de „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Es steht bei Markus und Matthäus als einziges und damit auch als letztes Wort Jesu, unmittelbar vor seinem Tod. Das ist mir erst jetzt klar geworden, obwohl ich die Passionsgeschichte mehrmals gelesen und, in Form der Matthäus-Passion von Bach, schon oft gehört habe. Das ist, zumindest für mich, so erschreckend, dass ich es offenbar bis jetzt nicht wahrhaben wollte. Wenn dieser Bericht stimmt, bedeutet das, dass Jesus, der so viel Trost und Hilfe im Namen Gottes gespendet und verheißen hatte, in den letzten Minuten seines Lebens diesen Trost und diese Hilfe nicht erfahren hat. Und das musste für ihn bedeuten, dass er mit seiner Mission gescheitert war.

Man kann darüber leicht hinweglesen. Unmittelbar darauf folgt das Bekenntnis des Haupt­manns „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen“ und eine mit Sicherheit unhistorische Schil­derung übernatürlicher Ereignisse: das Zerreißen des Vorhangs im Tempel, Erdbeben, Son­nenfinsternis. Damit ist die Heilsbedeutung in den Vordergrund gerückt, das reale menschliche Erleben spielt keine Rolle mehr. So ist Jesu Tod in die christliche Überlieferung eingegangen.

Lukas bringt das Verzweiflungswort gar nicht. Bei ihm heißen die letzten Worte Jesu: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Das passt besser in unser Jesusbild.

Welche Überlieferung richtig ist, können wir nicht wissen. Alle Evangelisten berichten vom Hörensagen. Und: keiner der Jünger war dabei. Allerdings heißt es bei allen Synoptikern: die Frauen, die Jesus von Galiläa nachgefolgt waren, standen von ferne. Vielleicht hat eine das eine gehört oder gesagt bekommen und eine andere etwas anderes. Übrigens: nirgends sonst ist davon die Rede, dass Anhängerinnen Jesu ihn im wörtlichen Sinne nachgefolgt seien.

Warum waren sie diesmal mitgegangen? Vielleicht erwarteten sie - und mit ihnen viele An­hänger Jesu, und wohl auch er selbst, von diesem Zug nach Jerusalem die Ankunft der Got­tesherrschaft, und sie wollten dabei sein.

Ich halte das Verzweiflungswort für authentisch. Es steht quer zu dem quasi-göttlichen Bild, das sich die Christengemeinden nach seinem Tod von ihm machten. Ich kann mir nicht vor­stellen, wie ein solches Wort nachträglich in die Überlieferung gekommen sein könnte. Trotz­dem und gleichzeitig kann auch das Lukas-Wort authentisch sein. Beide zusammen entspre­chen dem Bild von Gethsemane: Jesus akzeptiert, dass Gott ihn - in seiner Sicht - hat schei­tern lassen - und hat sich trotzdem sein Gottvertrauen bewahrt. Das macht ihn, zumindest für mich, viel näher und lebendiger als jede Verherrlichung.

Deshalb habe ich heute, in einem Ostergottesdienst, so ausführlich über Jesu Tod gespro­chen. Und auch, weil von diesem Tod und seiner Bedeutung unser Verständnis des Osterge­schehens abhängt.

Was ist damals geschehen? Die äußeren Fakten sind im Wesentlichen unumstritten: Der Leichnam Jesu wird noch am frühen Freitagabend, vor Beginn des Sabbats, von Anhängern (von den Jüngern ist nicht die Rede) vom Kreuz abgenommen und provisorisch in einem lee­ren Grab beigesetzt; am Sonntagmorgen kommen die Frauen mit Salben und Tüchern, um das Begräbnisritual zu vollziehen. Und dann sehen sie Jesus (oder: nur Maria sieht ihn). Es folgen die Berichte über verschiedene Erscheinungen, die in vielen Details voneinander abwei­chen, in etwa gemeinsam ist ihnen eine Erscheinung, einmal vor den Frauen, ein bis dreimal vor den einzelnen Jüngern (Petrus, Jakobus) zu verschiedenen Zeiten, ein- oder zweimal vor allen Aposteln. Schon die Abweichungen machen deutlich, dass das keine historischen Zeugnisse sind. Die Evangelien entstanden zwischen 70 und 100 nach Christus, also eine bis zwei Generationen nach Jesu Tod. Damit ist das gewichtigste Zeugnis der Bericht des Paulus im Korintherbrief (Kap. 15), denn der ist schon Anfang der 50er Jahre geschrieben. Aber auch Paulus ist kein Augenzeuge, sondern berichtet, was ihm andere erzählt haben. Offenbar haben die Korinther an der Möglichkeit einer Auferstehung gezweifelt und er sucht sie zu überzeugen mit einer Aufzählung der Erscheinungen, zuletzt einer vor 500 Brüdern (von der sonst nirgends die Rede ist), mit dem Zusatz „von denen viele noch leben“ - soll heißen: ihr könnt sie befragen.

Von einem leeren Grab, das einen schlagenden Beweis hätte abgeben können, ist keine Rede. Denn ein zweiter Punkt ist für Paulus ebenso wichtig: dass es sich um eine geistige Auferstehung - und damit um geistige Erscheinungen handelt. Nicht nur stellt er seine eigene Vision vor Damaskus nahtlos in eine Reihe mit den Erscheinungen vor den Jüngern; er erklärt den Korinthern, dass Irdisches vergehen müsse und daraus Geistiges auferstehe. „Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib.“ Damit ist die Frage des leeren Grabes, die bei den Synoptikern so wichtig ist, irrelevant. Entweder es ist eine fromme Legende, oder es gibt einen banalen Grund dafür - mit der Auferstehung hat das nichts zu tun.

Auch die Evangelienberichte spiegeln eher eine geistige Erscheinung, nur nicht so eindeutig wie bei Paulus: die Gestalt erscheint plötzlich aus dem Nichts und verschwindet ebenso wie­der, wird oft nicht gleich erkannt, geht durch verschlossene Türen. An zwei Stellen sind Details eingebaut, die eine leibliche Gegenwart belegen sollen: Jesus isst mit den Jüngern, lässt den ungläubigen Thomas seine Finger in die Seitenwunde legen - ziemlich sicher zu eben diesem Zweck später eingefügte Zusätze; wahrscheinlich nicht bewusster Betrug, sondern Ausdruck des Glaubens des Erzählers.

Was aber sind geistige Erscheinungen, was haben die Jünger erfahren? Eine eindeutige si­chere Antwort gibt es nicht. Die möglichen Antworten reichen von krankhaften Halluzinationen bis zu einem einmaligen Wunder, das nur Gott bewirkt haben konnte. Diese beiden Extreme scheiden für mich aus. Halluzinationen erklären nicht das Auftreten der fast gleichen Visionen bei verschiedenen Personen an verschiedenen Orten innerhalb weniger Tage. Und sie erklä­ren nicht die Folgen.

Was gottgewirkte Wunder betrifft: so haben es die Jünger verstanden und so ist es in die offizielle christliche Lehre eingegangen. Die meisten von uns glauben das wohl nicht mehr. Wir glauben nicht, dass Gott direkt in irdisches Geschehen eingreift, womöglich unter Ausschal­tung der Naturgesetze. Wir glauben, dass Gott auch in der irdischen Welt wirkt, aber im Allge­meinen - oder immer - durch Menschen, dadurch, dass sie sich verändern und damit ein biss­chen auch die Welt. Wir - oder doch viele von uns - empfinden es als Anmaßung, ein bestimm­tes Ereignis dem direkten Eingreifen Gottes zuzuschreiben. Zu oft in Geschichte und Gegen­wart haben sich solche Zuschreibungen als Fehldeutungen erwiesen. Ob das auch für das Ostergeschehen gilt; kann wohl jeder nur für sich selbst entscheiden.

Was bleibt dann? Zunächst einmal: das Erlebnis der Jünger. Dabei war der Glaube an eine Auferstehung der Toten, an ein geistiges Weiterleben nach dem Tod nichts grundsätzlich Neu­es. Die meisten damaligen Juden glaubten daran, auch die Jünger. Sie glaubten es, weil Jesus es sie gelehrt hatte, weil sie es gerne glauben wollten, - und im Übrigen war es nicht so be­sonders wichtig. Aber was sie nun erlebten, war etwas ganz anderes: sie hatten ihn gesehen, seine Stimme gehört, seine Nähe gespürt - sie hatten ihn wahrgenommen als einen Lebenden. Und diese Erfahrung hat ihr Leben von Grund auf verändert.

Die Jünger machen in der Passionsgeschichte keine gute Figur. Kurz vorher, vielleicht schon auf dem Weg nach Gethsemane, haben sie versichert: „Und wenn wir mit dir sterben müssten, wir werden dich niemals verleugnen“. Und ich denke, es war ihnen ernst damit. Hätte er sie zum Kampf geführt, gegen die Römer oder gegen die Hohepriester, sie wären ihm bedingungslos gefolgt. Und wenig später, nach Jesu Gefangennahme, lassen sie ihn im Stich, laufen weg und tauchen unter. Sie sind nicht dabei, als er nach Golgatha geführt wird - ein Fremder musste ihm helfen, das Kreuz zu tragen -‚ sie sind nicht dabei, als er gekreuzigt wird. Nur die Frauen kommen zum Grab, um ihm die Totenehre zu erweisen. Sicher war ein Grund die Furcht. Viel wichtiger war etwas anderes: eine existentielle Verzweiflung. Für sie war alles zerbrochen, wofür sie jahrelang in radikaler Ausschließlichkeit gelebt hatten: ihr Glaube an Jesus als den Messias oder einen Propheten Gottes, der Israel erlösen und das Gottesreich heraufführen würde, vielleicht jetzt hier in Jerusalem. Stattdessen Gefangennahme Jesu, De­mütigung, Verurteilung zum Tod am Kreuz, dem Tod der Schande. Für die Jünger war das ein Zeichen, dass Gott nicht mit Jesus gewesen war. Sie hatten keine Hoffnung mehr und keinen Halt. Sie waren so demoralisiert, das sie ihrem geliebten und verehrten Meister nicht einmal das Wenige an Beistand leisteten, das sie hätten geben können, indem sie in seiner Nähe blie­ben.

In dieser Verfassung trafen sie die Erscheinungen. Jetzt waren sie so aufgewühlt, so losge­löst von allen Bindungen des Alltäglichen, dass sie, für kurze Momente, fähig wurden, die Schranken zu überwinden, die uns normalerweise trennen von einer geistigen Welt, in der es Erfahrungen des Göttlichen gibt, Verbindungen zu Toten, zu entfernt lebenden Menschen.

Solche Erfahrungen gibt es, auch heute. Und die der Jünger müssen von einer ganz beson­deren Intensität gewesen sein. Sie führten sie aus der tiefsten Verzweiflung zu jubelnder Freu­de: Jesus lebt! Gott war und ist also auch mit ihm, er hat ihn vom Tod erweckt, und mit ihm und durch ihn werden auch wir und alle, die an ihn glauben, in das ewige geistige Leben eingehen.

Das ist ihre Deutung des Erlebten. Objektiv fassbar ist, wie diese Erfahrung sie verändert hat. Die gleichen Männer, die sich deprimiert versteckt hatten, gingen vom nächsten Tag an furchtlos durch die Straßen Jerusalems und verkündeten, was sie erlebt hatten; und das mit einer solchen Überzeugungskraft, dass viele bereit waren, dieses eigentlich Unmögliche zu glauben - an Pfingsten sollen es 3000 gewesen sein, die sich taufen ließen. Die Zahl ist sicher übertrieben wie fast alle biblischen Zahlen, aber der Fortgang zeigt ja, dass es immer mehr wurden.

Das ist eine ganz außerordentliche Geschichte - ich kenne keine ähnliche. Was bedeutet sie uns? Vielleicht ist das für jeden etwas anders.

Erich Bergmann, begeistertes und engagiertes Tempelmitglied, das nach dem Krieg zu uns stieß, verfasste den Text eines Osterliedes: Ostern verkündet... Erich Bergmann sieht die Be­deutung des Ostergeschehens in der Hoffnung auf ewiges Leben für uns alle. Für die Jünger und die frühen Christen stimmt das sicher, - ich denke aber, dass zumindest für die Jünger das Gefühl der Gegenwart Jesu ebenso wichtig war. Beides fiel in eins zusammen.

Für uns, oder zumindest für mich, stimmt das nur bedingt. Ich habe diese Hoffnung, aber sie hat nur ein wenig mit Ostern zu tun. Wenn der Tod kein Ende ist, sondern ein Übergang in ein geistiges Sein, dann war das auch schon vor Jesu Tod so, und es wird auch weiter so sein. Ich glaube daran, aber vielleicht so ähnlich, wie die Jünger vor Ostern es glaubten: weil ich es so gehört und gelesen habe, weil ich es mir sehnlich wünsche, weil es ein wunderbarer Trost sein kann für die, die ein schweres Schicksal zu tragen haben, weil es uns hilft, zurechtzukommen mit dem Vielen in der Welt, was wir nicht verstehen. Es ist ein Glaube auf Hoffnung. Dass die Jünger einmal dieses geistige Sein so konkret und beglückend erlebt haben, kann unsere Hoffnung stärken und lebendiger machen.

Für mich gehört zum Ostergeschehen auch das Schwere, was man im Allgemeinen nicht dazurechnet: Jesu Haltung im Tod. Er hat sich wohl am Ende tatsächlich als gescheitert gese­hen. Sich das vorzustellen, tut weh. Aber er hat trotzdem sein Vertrauen zu dem Gott, der ihn scheitern ließ, nicht verloren.

Andererseits ist unbestreitbar, dass gerade sein Tod wesentlich dazu beigetragen hat, dass seine Gestalt und seine Lehre über zwei Jahrtausende hinweg lebendig geblieben sind - wenn auch z.T. ganz anders, als er es wohl geglaubt und gehofft hat. Ob Gott das so gewollt und gewirkt hat, können wir nicht wissen. Wir können uns nur, wie in so vielem, an das Vorbild Je­su halten: vertrauen, auch wo wir nicht verstehen.

Daneben ist für mich wichtig am Ostergeschehen das, was ich die Auferstehung der Jünger nennen möchte. Die war real und sie geht uns an. Sie bedeutet, dass das möglich ist: aus der tiefsten Verzweiflung heraus aufzustehen und zu einer neuen Sicherheit und einer neuen Kraft zu finden. Das muss nicht immer dramatisch und plötzlich sein wie bei den Jüngern, und es muss nicht immer zu einer völlig neuen Erkenntnis und einem völlig neuen Aufbruch führen.

Aber im kleinen Maßstab kann das auch uns geschehen: dass wir herausfinden aus einer Phase der Mutlosigkeit oder aus einer Verstrickung in Missverständnissen, dass wir wieder einen Weg sehen, wo wir glaubten, dass es keinen gebe. Es kann sein, dass es uns ge­schenkt wird, wie damals den Jüngern; es kann sein, dass wir den Weg selber finden, aber das „selber“ heißt wohl auch: mit der Hilfe einer Kraft von Gott. Und vielleicht können wir das oft auch gar nicht deutlich unterscheiden. Wichtig ist, dass wir offen bleiben für einen solchen Anruf, dass wir nicht das Vertrauen aufgeben, dass es einen Weg gibt, den Gott uns führt.

Brigitte Hoffmann in der Ostermorgenfeier am 5. April 2010

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

... und nahm ihn mit Freude auf.

(Lukas 19,1-10)

Hinter der o.g. Bibelstelle verbirgt sich die Geschichte von Jesus und Zachäus, die nur Lukas berichtet. Dennoch kennen wir sie alle, diese Geschichte vom Oberzöllner, der wegen seines kleinen Wuchses auf einen Maulbeerbaum stieg, damit er auch einen Blick auf Jesus erha­schen konnte, wenn der durch Jericho zog.

Wir können uns verschiedene Szenarien vorstellen, wie es zu dieser Geschichte kam, auf jeden Fall aber ist Zachäus neugierig und will Jesus unbedingt sehen. Die Tatsache, dass er Oberzöllner war, macht sofort klar, dass er - aus welchen Gründen auch immer - mit der Besat­zungsmacht, den Römern, kooperierte, und schon deshalb in der Bevölkerung unbeliebt war. Sicherlich hatte er sich auch im Dienst als Zöllner bereichert, ein weiterer Punkt, warum Zöllner als Sünder galten und in der Gesellschaft nicht gelitten waren.

Als Jesus nun mit seinem Gefolge durch Jericho kam und viele Menschen die Straßen säumten, schaute Jesus in den Baum und sprach Zachäus an, dass er als Gast bei ihm ein­kehren wolle. Während ‚das Volk‘ murrte, weil Jesus sich ausgerechnet bei einem Sünder ein­geladen hatte, konnte Zachäus gar nicht schnell genug vom Baum steigen und ‚ihn mit Freude aufnehmen‘. Das Nächste, das wir erfahren, ist, dass Zachäus - ganz von sich aus - die Hälfte seines Vermögens den Armen geben und unrecht Erworbenes vierfach zurückzahlen wollte. Daraufhin sagt Jesus: „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren, weil auch er Sohn Abrahams ist; denn der Menschensohn ist gekommen, dass er das Verlorene suche und rette.

Die reine Tatsache, dass Jesus Zachäus sieht und ihn nicht wie seine Mitmenschen ab­schätzig behandelt, sondern ihn mit seinem Besuch sogar ehrt, bewirkt eine enorme Verände­rung in Zachäus. Weder ist davon die Rede, dass Jesus ihm ins Gewissen redete, um einen Sinnes- und Lebenswandel bei Zachäus zu bewirken, noch davon, dass Jesus ihm Heil ver­sprochen hätte, wenn er sich änderte. Wir können nur ahnen, wie sehr Zachäus sich in seinem Innersten nach einer Behandlung in Respekt und Würde gesehnt hat, ohne die Missbilligung, Misstrauen oder Spott über sein Äußeres; Wert und Würde, zeigt Jesus Zachäus, nehmen wir uns nicht - sie gehören von Anfang an zu uns: auch er ist ein Sohn Abrahams und damit ein Kind Gottes, dem das Heil ohne eigenes Zutun zugesprochen ist - wie seinen Mitmenschen. Dieses neue Bewusstsein bewirkt bei Zachäus die Umkehr, seinerseits seinen Mitmenschen anders zu begegnen und zugefügtes Unrecht mehr als wieder gutzumachen.

Karin Klingbeil

BUCHBESPRECHUNG

Bibelworte, die in unseren Sprachschatz eingingen

Wir Deutschen verwenden im Alltag immer wieder uns geläufige Wörter und Redewendungen, von denen wir oft nicht ahnen, dass sie der Bibel bzw. Luthers Bibelübersetzung entlehnt wur­den. Der Theologe Rainer Metzner erschließt in diesem Buch 280 Wörter und Wendungen, die zu geflügelten Worten geworden sind und die zeigen, wie sehr biblische Redensarten unsere Alltagssprache geprägt haben. Es ist ein kurzweiliges Kompendium für alle, die sich mit „Her­zenslust“ für die deutsche Sprache interessieren. Hier sind einige Beispiele aus dem Buch:

 

A und O: Diese Formel entstammt Offb 1,8; 21,6 u. 22,13 und bezieht sich auf Gott bzw. Christus.

Abschaum der Menschheit: geht auf 1Kor 4,13 zurück: „Wir sind geworden wie der Ab­schaum der Menschheit.“

Alt und grau werden: geht auf einen Ausspruch Samuels zurück: „Ich bin alt und grau ge­worden“ (1Sam 12,2).

Altweibergeschichten: in Anlehnung an 1Tim 4,7: „Die ungeistlichen Altweiberfabeln wei­se zurück.“

Angst und bange: bezieht sich auf das jüdische Volk, das sich von einem Angriff bedroht sah (1Makk 13,2).

ein Auge auf jemanden werfen: bezieht sich in Gen 39,7 auf Potifars Frau, die „ihre Au­gen auf Josef“ hob.

einem gehen die Augen über: wird von Jesus gesagt, der am Grab seines Freundes La­zarus in Tränen ausbrach (Joh 11,35).

etwas ausposaunen: „Wenn du Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen“, sagte Jesus (Mt 6,2).

ein blinder Blindenführer: so bezeichnete Jesus die Pharisäer und Schriftgelehrten (Mt 15,14).

wie ein Blinder im Dunkeln tappen: geht wortwörtlich auf eine Warnung an das Volk Israel zurück (Deut 28,29).

für jemanden in die Bresche springen: wird Mose zugeschrieben, der für sein Volk „in die Bresche trat“ (Ps 106,23).

ein ellenlanger Brief: Der Prophet Sacharja sah eine „Schriftrolle, zwanzig Ellen lang und zehn Ellen breit“ (Sach 5,2).

ein Buch mit sieben Siegeln: bezieht sich auf Offb 5,1.

wie ein Dieb in der Nacht: kommt mehrfach im NT vor und bezieht sich auf das Kommen des Herrn, dessen genaue Ankunft man nicht wissen kann (Mt 24,43; 1Thess 5,2).

jemadem ein Dorn im Auge sein: Wenn Israel die Bewohner Palästinas nicht gänzlich vertreibe, „werden die, die ihr übrig lasst, zu Dornen in euren Augen werden“ (Num 33,55).

ein Ende mit Schrecken: der Psalmist meint, die Frevler werden „plötzlich zunichtewerden und ein Ende mit Schrecken nehmen“ (Ps 73,19).

mit Engelszungen reden: geht auf das Hohelied der Liebe von Paulus zurück: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle“ (1Kor 13,1).

Feigenblatt: Adam und Eva flochten sich Feigenblätter, um ihre Nacktheit zu bedecken (Gen 3,7).

Feuerprobe: Petrus schrieb: „Lasst euch durch das Feuer nicht befremden, das euch wi­derfährt zu eurer Erprobung“ (1Petr 4,12).

Feuertaufe: geht auf Johannes den Täufer zurück, der von Jesus sagte, dieser werde „euch mit Feuer taufen“ (Mt 3,11).

keinen Finger rühren: ein Ausspruch Jesu über die Schriftgelehrten und Pharisäer, die dem Volk große Bürden aufladen, „aber selbst keinen Finger rühren wollen“ (Mt 23,4).

jemanden unter seine Fittiche nehmen: in Anlehnung an Psalm 91,4: Gott wird uns „mit seinen Fittichen (Flügeln) decken“.

mit Furcht und Zittern: kommt mehrfach in der Bibel vor, darunter auch bei Paulus: „Ich war bei euch in Furcht und mit großem Zittern“ (1Kor 2,3).

in jemandens Fußtapfen treten: Petrus ermuntert die Gläubigen, in Jesu Fußtapfen zu treten (1Petr 2,21).

gang und gäbe: kommt zweimal im AT vor (Gen 23,16 u. 2Kön 12,5).

zum Gespött der Leute werden: Der Psalmist klagt, er sei „ein Spott der Leute“ geworden „und verachtet vom Volk“ (Ps 22,7).

Gewissensbisse: geht auf Hiob zurück, der seine Unschuld beteuert: „Mein Gewissen beißt mich nicht wegen eines meiner Tage“ (Hiob 27,6).

Gewogen und zu leicht befunden: geht auf das Menetekel von König Belsazar zurück, das so viel heißt wie „gewogen und zu leicht befunden“ (Dan 5,25-27).

 

Rainer Metzner, Mit Feuereifer und Engelszungen. Kleines Lexikon deutscher Wörter bibli­scher Herkunft, C.H. Beck: München 2026, 220 S. (ISBN 978-3-4068-4305-1), broschiert, 16 Euro.

Kurt Bangert in „Freies Christentum“ Nr. 2/2026

Wenn Ideologie über Bildung siegt

Ein differenzierter Blick auf die Entwicklungen in Syrien

Pfarrer Jacoub Sabbagh hat vor 13 Jahren ganz eigene Erfahrungen mit den heutigen Macht­habern machen müssen. Islamistische Rebellen hatten ihn in Idlib entführt. Dass sein Blick auf Syriens Zukunft heute so differenziert ist, hängt mit dieser Geschichte zusammen.

Jacoub Sabbagh besitzt eine seltene Gabe. Er kann persönlich Erlebtes rationalisieren und dahinter die größeren Entwicklungen in einer Gesellschaft entdecken. Spricht er von seinem Kidnapping im September 2012, dramatisiert er nichts. Dabei hatte es ihn das Leben kosten können, was damals in einem Landhaus irgendwo bei Idlib passierte. Er war auf dem Rückweg in das Dorf gewesen, in das er erst wenige Monate vorher versetzt worden war. Zu seinem Sprengel gehörte auch die kleine evangelische Gemeinde, die damals noch in Idlib existierte. Sabbagh war dort zu einem Mann im Sterben gerufen worden und wollte nun so schnell wie möglich wieder zurück. Er wusste, dass die syrische Armee gerade dabei war, sich aus der Gegend um Idlib zurückzuziehen und den islamistischen Rebellen das Feld überlassen wurde.

Ursprünglich stammt Jacoub Sabbagh aus al-Hasaka im Nordosten des Landes. Idlib liegt im Nordwesten, wo sich der junge Pfarrer schlicht nicht auskannte. „Ich hatte mich verfahren, wusste nicht, wie ich zur Autobahn Richtung Süden komme“, erzählt er. Irgendwann habe er einen Checkpoint erreicht, der allerdings bereits von den Rebellen kontrolliert wurde. Drei Männer seien zu ihm ins Auto gestiegen und hätten ihm befohlen, ins nächste Dorf zu fahren.

Vor einem Landhaus angekommen, fesselten sie ihn, verbanden ihm die Augen und führten ihn in das fensterlose Bad des Hauses. Dort blieb er mehrere Stunden und musste mit anhö­ren, wie im Nebenraum ein anderer Mann unter schlimmsten Vorwürfen verhört wurde. Sein Asthma-Leiden machte ihm zu schaffen. Er drohte bewusstlos zu werden und bat seine Ent­führer, in einen anderen Raum gebracht zu werden.

Beim Verhör saß er Männern mit langen Bärten gegenüber, offenbar religiöse Fanatiker. Beim Durchsuchen seines Laptops waren sie auf Dokumente gestoßen, in denen es um radi­kal-islamische Gruppen und ihre Ideologie ging. Ihn interessierte, was solche Menschen wirk­lich glauben. Doch seine Entführer vermuteten, dass er Christen gegen die Rebellen aufhetzen wollte. Dass er nur Pfarrer war, wollten sie ihm nicht glauben. Sabbagh wusste, dass sein Leben in Gefahr war. Doch anstatt um Gnade zu bitten, wurde er wütend.

„Ich fragte einen der Männer, was er vor der Revolution eigentlich gemacht habe. Er war Busfahrer, hatte die Schule nach der achten Klasse verlassen. Und ich habe zwei Universitäts­abschlüsse! Ich war so wütend, dass da plötzlich so jemand über mein Leben bestimmen durf­te, der ohne Bildung entscheidet, was falsch und was richtig ist“, erzählt er.

Dass Sabbagh die Unbildung seines Entführers so wütend machte, darf als typischer Cha­rakterzug eines evangelischen Pfarrers im Nahen Osten bezeichnet werden. Der Bildungsge­danke gehört zur DNA der Presbyterianischen Synodenkirche. Zwanzig allgemeinbildende Schulen unterhält sie in Syrien und im Libanon. Jeweils viele hundert christliche und muslimi­sche Kinder und Jugendliche werden dort auf hohem Niveau und ideologiefrei unterrichtet. Da­mit leisten die rund 4.000 Evangelischen, die in der Region eine Minderheit in der Minderheit sind, einen wichtigen Beitrag zum friedlichen Miteinander in der Gesellschaft.

Wenn aber Ideologie über Bildung siegt und dann noch die Machtfrage gestellt wird, kommt es schnell zu Gewalt und zu Situationen, wie sie Jacoub Sabbagh 2012 erleben musste. Er hatte Glück. Seine Entführer konnten nichts anderes über ihn in Erfahrung bringen, als dass er tatsächlich nur einen Mann im Sterben besucht hatte. Sie gaben ihm seine Sachen wieder und schickten ihn fort.

Doch was hilft die Freiheit, wenn man sich nicht auskennt? Sabbagh kam mit seinem Auto an einen Checkpoint der syrischen Streitkräfte. Anstatt ihm zu helfen, schossen sie auf ihn. Sie vermuteten einen Selbstmordattentäter in ihm. Eine Kugel verfehlte ihn um Haaresbreite. Ir­gendwann fand er doch noch die Autobahnauffahrt Richtung Homs.

Dass Syrien so schnell und so massiv im Chaos versinken konnte, ist für Jacoub Sabbagh nichts, was einfach vom Himmel gefallen oder aus der Hölle gekommen ist, sondern hat ver­schiedene Gründe. Bildung ist ein Thema. Wenn die fehlt, fällt Ideologie auf guten Boden. Bis in die 1960er Jahre habe es unter den sunnitischen Muslimen, die etwa zwei Drittel der syri­schen Bevölkerung ausmachen, keine Extremisten gegeben. Erst ab dem Militärputsch 1970, mit dem sich der aus der schiitischen Minderheit der Alawiten stammende Hafis al-Assad die Alleinherrschaft sicherte und die Bevölkerung immer mehr unter seine Knute brachte, sei die Frage der Religionszugehörigkeit gestellt worden, sagt Sabbagh. „Zeitgleich wurden die Mus­limbrüder in Ägypten immer radikaler und nahmen Einfluss auf die sunnitischen Muslime in Syrien. Um Assad zu schwächen, wurde immer wieder betont, dass er eigentlich kein richtiger Muslim sei.“

Wenn aber zwei Fraktionen innerhalb der gleichen Religion sich um die Rechtgläubigkeit streiten, werden irgendwann auch die anderen Religionsgemeinschaften in Mitleidenschaft ge­zogen. Die Christen in Syrien gerieten zwischen die Fronten.

„Alle Religionen haben ein gemeinsames Problem: Sie wollen immer definieren, was Richtig oder Falsch ist, was in den Himmel oder die Hölle führt“, sagt Sabbagh. „Man kann mit ande­ren Religionen gut auskommen, wenn man ihnen zugesteht, dass sie auch Gott suchen und ihm dienen wollen. Sobald es aber um Wahrheit oder die richtige Lehre geht, grenzt man sich ab und will Recht behalten. Und irgendwann kämpft man gegeneinander.“

In Syrien sei im Laufe der Zeit die Frage nach der religiösen Identität immer wichtiger ge­worden. Und wenn Identität auf der Abgrenzung vom anderen begründet wird, habe Toleranz keine Chance mehr.

„Im Nahen Osten ist wichtig, zu welcher Familie man gehört, zu welchem Clan und zu wel­cher Religionsgemeinschaft. In Europa dagegen spielt die Frage, ob jemand katholisch oder evangelisch ist, keine Rolle. Man kann gemeinsam nach vorne schauen. Bei uns zählt dage­gen, woher jemand kommt. Der Blick ist in die Vergangenheit gerichtet.“

Katja Dorothea Buck in „Schneller Magazin“ Nr. 2/2025

Growing4Respect

Unter diesem Titel engagieren sich zwei mittlerweile langjährige beste Freunde für ein gemein­sames interreligiöses Bildungsprojekt an Schulen. Akin Aslan, Muslim, und Benjamin Chaim, Jude, vermitteln in einem jüdisch-muslimischen Dialog, dass - ob Koran, Bibel oder Thora - „uns mehr eint, als uns trennt“.

Akin Aslan ist Lehrbeauftragter an der Universität Saarbrücken für Evangelische Theologie und Realschullehrer an einer saarländischen Gemeinschaftsschule, Islamreferent in der Er­wachsenenbildung und Religionslehrer im Rahmen des saarländischen Modellprojekts Islami­scher Religionsunterricht (u.a.).

Benjamin Chaim arbeitet in der Synagogengemeinde Saar als Chasan (Kantor), Seelsorger und auch als Fachlehrer für jüdische Religion und bietet interreligiöse Führungen an. Parallel zu seiner Arbeit in der Synagogengemeinde Saar absolvierte er ein Gesangsstudium und gibt Konzerte.

Die beiden wollen Brücken bauen zwischen den Kulturen und Religionen, „weil Respekt kei­ne Meinung ist und Frieden kein Zufall“. Es geht ihnen darum, Vorurteile abzubauen, aufzu­klären und miteinander anstatt übereinander zu reden.

Ihr Projekt verfolgt fünf zentrale Ziele:

Förderung des interreligiösen Dialogs,

Abbau von Vorurteilen gegenüber Jüdinnen, Juden und Muslim*innen,

Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit entgegenwirken,

Vermittlung gemeinsamer Werte und Traditionen von Judentum und Islam und

Förderung eines respektvollen Miteinanders.

Sie besuchen Schulen, um Schüler*innen für interreligiösen Dialog, Respekt und Toleranz zu sensibilisieren. Im Rahmen interaktiver Workshops treten die Schüler*innen direkt mit den beiden Religionslehrern in den Austausch. Sie erfahren, welche Gemeinsamkeiten Judentum und Islam verbinden, stellen Fragen und erweitern ihre Perspektiven.

So agieren beide als Vorbilder in politisch und gesellschaftlich turbulenten Zeiten. Growing4­Respect wird von der Ministerin für Bildung und Kultur des Saarlandes, Christine Streichert-Clivot, unterstützt und setzt damit ein starkes Zeichen für interreligiösen Austausch und gesell­schaftlichen Zusammenhalt. Das Engagement der beiden Freunde wurde bereits mehrfach ausgezeichnet.

Karin Klingbeil

Digitale Ablenkung hat messbare Folgen

In den letzten Monaten gab es einen Riesenwirbel um ein Handyverbot bzw. eine Altersbe­schränkung der Smartphone-Nutzung für Kinder und Jugendliche. Anlass war das weltweit erste Verbot sozialer Netzwerke in Australien für unter 16-Jährige (siehe auch Warte vom Februar 2026, S. 28 f.). Inzwischen werden auch in Deutschland und in anderen europäischen Staaten entsprechende Maßnahmen lebhaft diskutiert. Die Gegner verweisen auf die schwie­rige Altersfeststellung der Nutzer und die einfachen Umgehungsmöglichkeiten. Die Befürworter sehen weiterhin eine Suchtgefahr bei Jugendlichen sowie Konzentrations- und Lernprobleme.

Was bei der Diskussion gelegentlich aus dem Blick zu geraten scheint, ist die Situation der Erwachsenen selbst im Umgang mit ihren Kindern. Wer kennt diese Szenen nicht? Da kom­men einem auf dem Gehweg junge Mütter entgegen, die zwar einen Kinderwagen schieben, dabei aber nur auf das Handy in ihrer Hand achten und sich durch aktuelle Nachrichten scrol­len, während das Baby verzweifelt den Blickkontakt mit seiner Mutter sucht.

Auch junge Väter, die mit ihrem Kind auf den Spielplatz gehen, widmen dort oft ihrem Smartphone mehr Aufmerksamkeit als ihrem Sprössling, der vergeblich versucht, mit einer tol­len Sandburg oder Kletterkunststücken auf sich aufmerksam zu machen.

Was die ansonsten sicher fürsorglichen Eltern vermutlich nicht wissen: Für die Entwicklung der Kinder kann es schwerwiegende Folgen haben, wenn sie mehr die Rückseite von Smartphones oder Tablets zu sehen bekommen als das Gesicht von Mama oder Papa. So kann etwa die Denk- und Aufnahmefähigkeit des Kindes darunter leiden. Das ist inzwischen durch eine große Metastudie hinreichend belegt, über die die US-Fachzeitschrift „Jama Pediatrics“ im Mai 2025 berichtete. Dabei wurden 21 Einzelstudien mit insgesamt fast 15.000 Familien in zehn Ländern ausgewertet. Demzufolge stellt die Technologienutzung von Eltern in Gegenwart der Kinder (von bis zu fünf Jahren) ein zunehmendes Problem mit gesundheitli­chen Auswirkungen dar. Wenn Eltern auf die Bemühungen ihrer Kinder um Beachtung und Interaktion nicht sofort und mit voller Aufmerksamkeit reagieren, so könne das die Chancen für geistig anregende Aktivitäten reduzieren und die kindliche Entwicklung hemmen. Die Forscher haben die Ablenkung durch Smartphones und Tablets „Technoferenz“ genannt; sie kommen zu dem Schluss, dass eine ausgeprägte Nutzung digitaler Medien durch die Eltern in Anwesen­heit der Kinder zu deutlich schlechterer Informationsverarbeitung im kindlichen Gehirn führe. Darunter leide das soziale Verhalten und die emotionale Bindung, was psychische Probleme zur Folge haben könne.

Schon Neugeborene würden mit Stress reagieren, fanden die Forscher heraus, wenn ihre Mütter permanent am Smartphone hingen. Sie verweisen auf das sogenannte Still-Face-Expe­riment: Dabei müssten enge Bezugspersonen plötzlich mit versteinertem Gesicht bei ihrem Baby sitzen und jegliche Reaktion unterlassen. In der Folge würden die Babys erkennbar in großen Stress geraten und versuchen, durch Strampeln und schließlich Weinen und Schreien die Aufmerksamkeit der Bezugsperson wiederzugewinnen. Ähnliche Protestreaktionen würde der ständige Blick der Eltern auf das Smartphone auslösen. Die Kleinkinder würden schließlich resignieren, wenn die Mimik nicht lebendig wird und die Aufmerksamkeit nur dem digitalen End­gerät in der Hand zugewandt ist.

Eine Studie der Universität Salzburg kam sogar zu dem Ergebnis, dass langfristig die kindli­che Sprachentwicklung leiden könne; manche der untersuchten Kinder hätten ein bis zu 20 Prozent geringeres Vokabular und eine langsamere sprachliche Entwicklung aufgewiesen. Das sei kein Wunder, denn Sprache werde in den ersten Lebensjahren durch permanentes Wieder­holen von Wörtern in der routinemäßigen Interaktion mit den Bezugspersonen, also in erster Linie den Eltern, erlernt. Wenn das ausbleibe, also die Bezugspersonen ihre Aufmerksamkeit anderen Dingen zuwenden, sei der Lerneffekt geringer. Verhängnisvolle Auswirkungen könn­ten sich auch in Bezug auf die emotionale Intelligenz ergeben, wie eine amerikanische Studie von Forschern der University of California herausgefunden hat. Denn Kinder, deren Eltern in ihrer Gegenwart regelmäßig am Bildschirm hängen, zeigten eine niedrigere emotionale Intelligenz als solche, deren Eltern „handy-abstinent“ blieben. Menschen mit einer höheren emotionalen Intelligenz seien insgesamt glücklicher und zufriedener in ihrem Leben und in ihren Beziehungen - und nicht zuletzt auch beruflich erfolgreicher.

Für die meisten Forscher sind die Konsequenzen eindeutig: Medienkompetenz fängt bei den Erwachsenen an. Sie sollten Selbstdisziplin üben und ihre digitalen Endgeräte seltener in Gegenwart ihrer Kinder nutzen. Schließlich gehe dabei Zeit und Aufmerksamkeit verloren, die ansonsten für die Kinder hätte verwendet werden können. Probleme zwischen Eltern und Kin­dern würden schlicht und einfach zunehmen, wenn direkter Kontakt und persönlicher Aus­tausch zu kurz kommen.

Jörg Klingbeil

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