Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 182/10 - Oktober 2026

 

 

Dir sei in Demut unser Dank gebracht - Ulrich von Hasselbach

Von der religiösen Erfahrung als Schlüssel zum Christentum - Dr. Werner Martin

Der Prophet gilt nichts im eigenen Land - Jörg Klingbeil

Abschied nach sechs schwierigen Jahren - Jörg Klingbeil

Reisebeschreibungen aus Palästina - Birgit Arnold

Dir sei in Demut unser Dank gebracht

 

Du bist es, Herr, der alles Werk vermag

Und der im Anbeginn die Sterne lenkte,

Du bist der Gebende an diesem Tag

Wir sind in allen Dingen nur Beschenkte!

 

Was aus der Saat zu Frucht und Ernte reift,

Hat seine Werdekraft von dir empfangen;

Dein ist der Wind, der unsre Felder streift,

Dein ist die Sonne, die uns aufgegangen.

 

Dein ist, was immer uns gelungen ist,

Dein ist, was in den Herzen sich entfaltet,

Und wenn du wirkend auch verborgen bist:

Du hast gesegnet, und du hast gestaltet!

 

Wir neigen uns vor dir und deiner Macht,

Die uns so fühlbar ist in deinen Gaben.

Dir sei in Demut unser Dank gebracht

Für alles was wir sind und was wir haben!

 

Ulrich von Hasselbach

Von der religiösen Erfahrung als Schlüssel zum Christentum

Religiöse Erlebnisse als Widerfahrnis des Heiligen im Lichte der christlichen Tradition

Ausgangspunkt meiner Überlegungen sind zunächst eigene religiöse Erfahrungen. Dabei lege ich eine klassische Religionsbestimmung von Religion zugrunde, die von Gustav Mensching stammt: „Religion ist erlebnishafte Begegnung mit dem Heiligen und antwortendes Handeln des vom Heiligen bestimmten Menschen.“

Vorbemerkungen

Eine allgemein verbindliche Definition von Religion wird heutzutage in den Religionswissen­schaften mehrheitlich nicht mehr geteilt. Gleichwohl müssen wir aber von einem bestimmten Vorverständnis ausgehen, dessen Reichweite und Grenzen sich in weiteren Erörterungen auf­tun. Und hierzu ist obige Bestimmung der Religion durch Mensching hilfreich. (Gustav Men­sching, Die Religion. Erscheinungsformen, Strukturtypen und Lebensgesetze, Stuttgart 1959, S. 18 f.) Die Bestimmung der Religion durch Mensching ist im Präsens gehalten. Es heißt nicht, Religion war, sondern ist (!) die Begegnung mit dem Heiligen.

Eine Heranziehung und Auswertung religiöser Überlieferungen ist sicherlich eine äußerst wichtige und unverzichtbare Tätigkeit, aber zunächst geht es um das eigene Selbstverständnis und die Frage: Wie und wo erleben wir heutzutage das Heilige? Und dazu müssen wir von un­serem Leben und unseren eigenen Erlebnissen ausgehen. Hierzu will ich einen Versuch an­hand von vier Erlebnissen beisteuern. Ausgehend von meinen eigenen religiösen Erfahrungen versuche ich im Anschluss daran, Anknüpfungen zum Christentum zu finden. Ansonsten könn­ten die religiösen Erfahrungen vielleicht auf Zustimmung treffen, aber es bleibt die Frage: Sind diese Erfahrungen auch christlich? Oder inwiefern können die Erfahrungen eine Schlüs­sel­funktion fürs Christentum bieten?

1. Eigene Erlebnisse - religiös gedeutet

Es gibt Situationen im Leben, die einem den Boden unter den Füßen wegziehen: Wunschträu­me zerplatzen wie Seifenblasen. Enttäuschte Liebe, ausgenutztes Vertrauen lösen in uns Ver­lustängste und Gefühle von Verlorenheit aus. Jegliche Hoffnungen sind verflogen. In jungen Jahren weiß man noch nicht, dass das Leben Eigendynamiken enthält, die immer auch einem Wandel unterliegen. In einer solchen Situation befand ich mich. Und obwohl die Stürme des Le[bens mich in Unruhe versetzten, fühlte ich mich plötzlich im Inneren tief geborgen. Eine tiefe friedvolle Stimmung erfasste mich. Ich konnte mir lange Zeit nicht erklären, was da mit mir geschah. Auch änderte sich meine äußere Situation zunächst nicht. Aber ich hatte eine ver­änderte innere Einstellung gewonnen. Erst viel später konnte ich mit Hilfe von religiösen Schriften Deutungen finden, die mir eine Erklärung boten. Die äußeren Umstände hatten sich nicht unmittelbar geändert, aber die innere Einstellung war angereichert worden durch einen Hoffnungsfunken. Solche Situationen gibt es immer wieder - Johannes vom Kreuz spricht hier von der „dunklen Nacht der Seele“. Die Erfahrung einer tiefen Geborgenheit im Inneren gehört zu den religiösen Grunderfahrungen.

Eine weitere Erfahrung ganz anderer Art machte ich beim Freestyle-Tanzen in sogenannten progressiven Diskotheken. In progressiven Diskotheken hat jeder für sich allein getanzt, ohne festgelegte Schrittfolgen, teilweise auch völlig entrückt. Durch die Lautstärke der Musik und die Lichteffekte kann es geschehen, dass man jegliches Gefühl für Raum und Zeit verliert. Man gerät in einen Zustand der Trance. Das innere Erleben entzieht sich der üblichen bewussten Ich-Steuerung. Das Innere wird hingerissen, überwältigt. Der Tänzer ist außer sich, das heißt außer dem eigenen Ich. Die entäußerte Innerlichkeit wird in expressiven und extrovertierten Bewegungen ausgedrückt. Auch diese Erfahrungen konnte ich später mit Hilfe des religiösen Wissenschatzes deuten. Der Tanz galt als ein Mittel, sich in Ekstase zu versetzen. „Die Erfül­lung mit göttlicher Kraft wird in besonderem Maße durch den Tanz erlangt.“ (Friedrich Heiler, Erscheinungsformen und Wesen der Religion, Stuttgart 1961, S. 239.)

Noch wiederum eine weitere Erfahrung konnte ich machen, als ich durch eine Reduktion der Nahrungsmittelaufnahme eine veränderte Wahrnehmung herbeiführte. Ich habe die Wirklich­keit völlig anders wahrgenommen als gewohnt. Sie kam mir fremdartig vor, aber auch geheim­nisvoll aufgeladen. Erst später habe ich auch hierfür eine Erklärung gefunden: Der Schrift­steller Aldous Huxley hat in seinen Abhandlungen seine Erlebnisse mit Meskalin in Beziehung gesetzt mit Erlebnissen aus der Kunst und der religiösen Welt mittelalterlichen Mönchtums. Wenn die Zuckerration des Gehirns herabgesetzt wird, hat dies zur Folge, dass das Reduk­tionsventil nicht mehr einwandfrei „arbeitet“, das heißt: Wir erfahren und entdecken plötzlich eine Welt paradiesischer Schönheit. „Was in der Sprache der Religion ‚diese Welt‘ genannt wird, ist das Universum verminderten Bewusstseins, ausgedrückt und sozusagen versteinert in der Sprache.“ (Aldous Huxley, Die Pforten der Wahrnehmung / Himmel und Hölle, München 1970 (91980), S. 17.) Im Mittelalter bedienten sich Mönche des Fastens, um diese außerge­wöhnlichen Bewusstseinszustände herbeizuführen. „Indem das Fasten die Menge verfügbaren Zuckers verringert, setzt es die biologische Leistungsfähigkeit des Gehirns herab und ermög­licht so das Eindringen von Material, das keinen Überlebenswert besitzt, ins Bewusstsein.“ (a.a.O., S. 61.) Der Verlust des Realitätsbewusstseins bedeutet aber auch, dass man nicht mehr zwischen Wahn und Wirklichkeit unterscheiden kann. Man wird von inneren Bildern und Eindrücken überschwemmt, die man aber nicht mehr als innere Bilder zuordnen kann.

Eine weitere Erfahrung, die ich machen konnte, war die Erfahrung der inneren Stimme. Ich habe die innere Stimme mehr als Impuls wahrgenommen, denn als eine Aufforderung zu einer bestimmten Handlung. Und ich folgte damit weniger dem Verstand, sondern mehr einer Intu­ition. Die innere Stimme wird durch Ablenkung und Zerstreuung in unserer hektischen Zeit oft nicht wahrgenommen. Es ist dafür hilfreich, Orte der Besinnung und der Sammlung aufzusu­chen. Ich finde die Erläuterungen bei Robert Kehl hilfreich: „Wenn ich wissen will, ob das, was ich innerlich zu hören glaube, wirklich die innere Stimme sei, dann frage ich das Herz, das Kontrollorgan, ob es dabei ruhig sei.“ (Robert Kehl, Der Wandel im religiösen Denken, Bd. II: Die Religion des modernen Menschen, Frankfurt a.M. 2001, S. 230.) Die Schriftstellerin Su­sanna Tamaro hat das wohl poetisch zum Ausdruck gebracht: „Atme so tief und vertrauensvoll, wie du an dem Tag geatmet hast, als du auf die Welt kamst, lass dich von nichts ablenken, warte, warte noch. Lausche still und schweigend auf dein Herz. Wenn es dann zu dir spricht, steh auf und geh, wohin es dich trägt.“ (Susanna Tamaro, Geh, wohin dein Herz dich trägt, Zü­rich 1995, S. 190.)

2. Die Dimension des Inneren

Wenn ich jetzt auf diese religiösen Erfahrungen zurückschaue, lassen sich einige strukturelle Gemeinsamkeiten feststellen:

1. Bei allen religiösen Erfahrungen handelt es sich um innere Erfahrungen; deshalb ist es ge­nauer, von „religiösen Erlebnissen“ zu sprechen. Beim Begriff des Erlebens wird mehr der gefühlsmäßige Schwerpunkt betont, nicht der rationale. Das Erleben ereignet sich zunächst ohne Berücksichtigung der Tradition. Traditionelle Vorstellungen können sogar eigene Erleb­nisse erschweren, weil sie die Offenheit hierfür verhindern. Und die Deutung wird erschwert durch traditionelle Sprache, die sich wie ein Nebel über die Erlebnisse legt und nicht zur Auf­klärung beiträgt. Wenn heute vielfach behauptet wird, dass religiöse Erfahrung immer schon traditionsgeleitet ist, dann kann ich dies nicht bestätigen.

2. Das Erleben ist nicht eine ichgesteuerte Handlung, sondern mehr ein Widerfahrnis. Die strukturellen Gemeinsamkeiten treffen auch auf andere religiöse Erfahrungen zu. So werden auch Naturerlebnisse vielfach als religiöse Erlebnisse gedeutet, weil im Medium des Naturge­schehens das Transzendente gespürt wird. Das heißt aber zugleich, dass es im Innern des wahrnehmenden Menschen auf eine Resonanz stößt. Kurt Leese hat den Widerfahrnischarak­ter in Naturerfahrungen herausgearbeitet und betont den Empfängnis-Charakter der Religion. (Kurt Leese, „Vom Sinn des religiösen „Erlebnisses“, in: Kommende Gemeinde 5 (1933), S. 32-54.) Als Medium für religiöse Erfahrungen können auch kulturelle Gegebenheiten (Musik, Kunst u.a.) dienen.

Auch in der Vorrede der Braunschweiger Sätze vom Freien Christentum heißt es: „Wir be­gegnen in unserem Leben dem Wirken einer heiligen Macht, die wir mit Worten und Gedanken nicht zu fassen, deren Berührung wir aber im Innersten zu erfahren vermögen.“ (Braunschwei­ger Sätze vom Freien Christentum (1956), auch abgedruckt in: Freies Christentum 9/1957, S. 111-113.) Diese Hinwendung zum Inneren scheint heutzutage verloren gegangen zu sein, auch in Beiträgen des Freien Christentums. Es scheint geradezu anrüchig zu sein, sich hierzu zu bekennen.

Bei Gustav Mensching lässt sie sich noch finden. Mensching erläutert die erlebnishafte Be­gegnung mit dem Heiligen: „Man darf diesen Begriff, wie es vielfach geschehen ist, nicht auf das Gefühl beschränken. Erlebnis ist in seinem strengen Wortverstand ein Ergreifen eines Ob­jektes mit dem ganzen Leben, mit allen Kräften also, so dass das Ergriffene das eigene Leben erfüllt und existentiell bestimmt.“ (Mensching, Die Religion (s. Anm. 1), S. 237.) Aber in den Religionswissenschaften heutzutage vermeidet man es, vom „Heiligen“ zu sprechen. Analog hierzu hat die heutige Psychologie als weitgehend naturwissenschaftlich bestimmte Disziplin ihre „Seele“ verloren.

Hilfreich erscheint es mir, wenn man auf Grundmuster zurückgreift, die in der Lebensphilo­sophie beheimatet sind. Den verschiedenen Konzepten der Lebensphilosophie ist - bei aller Unterschiedlichkeit - eine Grundannahme gemeinsam. Lebensphilosophische Konzepte wer­den immer auch als Gegenbewegung zu Rationalismus und Rationalisierung verstanden. In Konzepten der Lebensphilosophie spielt die innere Erfahrung eine zentrale Rolle. „Innere Er­fahrung bedeutet nicht ein weltabgewandtes Beschäftigtsein mit der Seele, den subjektiven Vorgängen und Zuständen, sondern sie will durchaus verstanden sein als eine Erfahrung von begegnender Welt, von Erscheinungen, sofern sie sich uns erschließen im Angesprochenwer­den der Innerlichkeit, in einem Prozess, den man sinngemäß ‚Innerung‘ bezeichnen kann.“ (Philipp Lersch, Grundsätzliches zur Lebensphilosophie, in: Blätter für Deutsche Philosophie 10/1936, S. 27.) Hier wird jeder Psychologisierung, die innere Erfahrungen nur als seelische Prozesse aufgreift, eine Absage erteilt. Erleben von Welt ist immer auch ein Vernehmen von Welt, eine Resonanzerfahrung in der Tiefe der eigenen Seele. „Nicht nur über die äußeren Formen - sozusagen äußerlich-innerlich - sondern auch über uns selbst als geformtes Leben - sozusagen innerlich-innerlich - können wir dem Lebensgrund begegnen.“ (Robert Josef Kozlja­nic, Philipp Lersch - Psychologe des ‚Herrenmenschen‘ oder Philosoph der Innerlich­keit?, in: e-Journal Philosophie der Psychologie, März 2011.) Was der Seelen- oder Lebens­grund ist, bleibt unserer Erkenntnis entzogen.

Ich möchte einige Punkte thesenartig hervorheben:

(1) Statt von religiöser Erfahrung zu sprechen, halte ich es für genauer, von religiösem Erleb­nis zu sprechen. Damit wird die seelische, gefühlsmäßige Seite gegenüber dem Rationalen betont. Letztlich bleibt das religiöse Erlebnis eine ganzheitliche Erfahrung, die sowohl die emo­tionale als auch die rationale Seite mit einbezieht.

(2) Das religiöse Erlebnis ist ein Widerfahrnis, nicht vom Ich-Bewusstsein intendiert. Für den Betroffenen ist es bezogen auf eine transzendente Wirklichkeit (das Numinose, Heilige, Gott ...).

(3) Es ist unabdingbar, beim religiösen Erlebnis vom Selbstverständnis des Betroffenen auszu­gehen, mit anderen Worten: Innenperspektive statt Beobachterperspektive.

(4) Das religiöse Erlebnis gilt für den Betroffenen unbedingt, aber nicht absolut. Es ist nicht verallgemeinerbar. Auch die Begriffe „subjektiv“ und „objektiv“ sind keine hilfreichen Begriffe zur Klassifizierung. Das religiöse Erlebnis ist intersubjektiv bestätigungsfähig durch Menschen, die ähnliche Erlebnisse gemacht haben.

Werner Martin in „Freies Christentum“ Nr. 3/2026 - Fortsetzung folgt

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Der Prophet gilt nichts im eigenen Land

(Mk 6,1-5)

Bei seinen Wanderungen durch Galiläa war Jesus mit seinen Jüngern auch in seine Heimatstadt Nazareth gekommen. Als nun der Sabbat kam, begann er - wie er es gewohnt war - in der dortigen Synagoge zu lehren. Die Anwesenden, von denen manche ihn wiederer­kannten, staunten: „Woher hat er das? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist? Und wieso kann er Wundertaten vollbringen? Ist das nicht der Zimmermann Jesus, der Sohn von Maria? Seine Geschwister leben doch hier bei uns.“ Das Markus-Evangelium berichtet auch, dass sich die Zuhörer über ihn ärgerten. Daraufhin hielt ihnen Jesus den sprichwörtlich gewordenen Satz entgegen: „Der Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland“ - hier noch erweitert - „und bei seinen Verwandten und in seinem Hause.“ Es wird dann noch berichtet, dass Jesus sich über den Unglauben der Menschen in Nazareth sehr wunderte und dort keine einzige Wundertat außer ein paar Krankenheilungen vollbringen konnte.

Was hat die Menschen in der Synagoge so an Jesus gestört? Seine „Weisheit“ scheinen sie doch erkannt zu haben. An seiner Schriftauslegung haben sie offenbar keinen Anstoß ge­nommen, wohl aber an seiner Person. Störte es sie, dass und wie er sich verändert hatte? Ärgerten sie sich, dass das Bild, das sie von ihm in der Erinnerung hatten, nicht mehr mit dem Menschen übereinstimmte, den sie nun vor sich hatten? Hier in Nazareth hatten sie Jesus als Kleinkind schreien und (vielleicht) als Teenager mit den Eltern streiten hören. Nun stand er als weithin bekannter Weisheitslehrer vor ihnen. Bisher hatten sie sich vermutlich „Propheten“ anders vorgestellt, nicht so „normal“, nicht so „menschlich“. Vielleicht werden sie sich auch gefragt haben, ob ihr eigenes Gottesbild noch stimmig war. Kein Wunder, dass sie verun­sichert waren oder sogar ablehnend reagiert haben; das eigene Weltbild war ins Wanken geraten. Das kann unangenehme Gefühle auslösen. Wenn ein Mensch sich verändert, oder genauer: Wenn das Bild, das man selbst von einem anderen Menschen im Kopf hat, sich verändert, dann ist das unbequem und lästig. Denn das eigene Weltbild muss dann einem Realitätscheck unterzogen und ggf. wieder angepasst werden.

Auch an uns stellt diese Geschichte kritische Fragen: Wo haben wir uns festgelegt oder sogar festgefahren? Wo haben wir aufgehört, mit Neuem zu rechnen? Wem trauen wir eigentlich noch Veränderungen zu - uns selbst eingeschlossen? Und wen haben wir längst in eine „Schublade“ gesteckt und wem keine Chance gegeben, uns zu überraschen?

Jörg Klingbeil

Abschied nach sechs schwierigen Jahren

Der evangelische Propst von Jerusalem blickt zurück

Nach sechs Jahren kehrt Joachim Lenz nach Deutschland zurück, in einem Interview berichte­te er dem Evangelischen Gemeindeblatt über seine Erfahrungen (Ausgabe 29/2026):

Einerseits werde er froh sein, morgens im Radio nicht Meldungen über nächtliche Raketenan­griffe hören zu müssen. Andererseits werde er aber auch viele Menschen und Aufgaben vermissen. Sein Aufenthalt sei von außergewöhnlichen Begleitumständen geprägt gewesen, mit der Corona-Pandemie zu Beginn und den insgesamt vier Kriegen in den letzten Jahren. Zugleich habe er miterlebt, wie es den Kirchen und den Christinnen und Christen im Nahen Osten immer wieder gelingt, „den Kopf über Wasser zu halten“. So feiere die Gemeinde der Erlöserkirche in Jerusalem weiterhin Gottesdienste, veranstalte Konzerte und Andachten. Ungleich schwieriger sei die Situation in den palästinensischen Gemeinden, die unter großem Druck stünden, gerade im Westjordanland und in der Jerusalemer Altstadt. Die Menschen im Westjordanland seien zum allergrößten Teil ohne Arbeit, so dass der Zwang wachse, das Land zu verlassen. Die Christen machten mittlerweile weniger als zwei Prozent der Bevölkerung aus. Demzufolge hätten die Kirchen vor Ort keine große Stimme.

Joachim Lenz berichtete außerdem von Meldungen aus allen Kirchen, dass die israelische Verwaltung erkennbar weniger Rücksicht nehme. So würden etwa Grundsteuern erhoben, die seit Jahrhunderten nicht erhoben wurden. Weder in der Jerusalemer Stadtverwaltung noch auf Regierungsebene gebe es Ansprechpersonen für die Kirchen. Als vor einigen Wochen eine katholische Ordensfrau am Rande der Altstadt brutal zu Boden gestoßen und getreten wurde, habe es zwar viel Solidarität aus der israelischen Gesellschaft gegeben; Politiker seien aber nicht gekommen (Anmerkung der Redaktion: Der Täter, ein israelischer Siedler, wurde kurz nach der Tat festgenommen. Im August 2026 wurde er von einem Jerusalemer Gericht wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen).

Einladung zum Abschiedsgottesdienst für Propst Joachim Lenz (Quelle: Erlöserkirche Jerusalem)
Quelle: Erlöserkirche Jerusalem

Auf die Frage, welche Rolle die Kirchen im Heili­gen Land überhaupt noch spielen könnten, erwider­te Lenz, dass man versuche, Gesprächskanäle of­fen zu halten und den ökumenischen Partnerkirchen möglichst viel Unterstützung zukommen zu lassen. Man bemühe sich zudem, diejenigen zu stärken, die sich in Israel und Palästina für eine gerechte und friedliche Zukunft einsetzen, zum Beispiel Organisa­tionen wie Rabbis for Human Rights, Women Wage Peace oder den Parents Circle. Unstreitig hätten die Deutschen, aber auch die Kirchen, eine besondere Verantwortung, dem Antisemitismus entgegenzutre­ten. Die Existenz des Staates Israel sei nach An­sicht der evangelischen Kirche ein Zeichen der Treue Gottes. Aber dass die arabischsprachige Schwesterkirche und andere kleine christliche Kirchen trotz allem immer noch da sind, sei ebenfalls ein Zeichen der Treue Gottes, so Lenz. Die Menschen und die Kirchen im Heiligen Land verdienten unsere Unterstützung; viele wür­den in einer sehr gewaltvollen und ungerechten Situation leben. Das offen auszusprechen, sei Aufgabe der Kirchen.

Die Verabschiedung von Joachim Lenz als Propst erfolgte im Rahmen eines Abschieds­gottesdienstes in der Erlöserkirche am 26. Juli 2026, bei dem die Gemeinde sich - wie es in der liebevoll illustrierten Einladung im Gemeindebrief hieß - von einem Propst verabschiedete, der mit ihr durch eine Pandemie und vier Kriege gegangen sei. Lenz wollte seinerseits Danke­schön sagen für alles, was er in einer Zeit im unheilig-Heiligen Land geschenkt bekommen habe: an Vertrauen, Freundschaft, Mitarbeit, Unterstützung, Fragen und Gebeten und Erfah­rungen.

Jörg Klingbeil

Reisebeschreibungen aus Palästina

Paul Fleischmann, Das Heilige Land in Wort und Bild

Prächtig und beinahe 1,5 kg schwer liegt das Buch auf dem Tisch, reich bebildert und mit Ju­gendstilvignetten. 1904 ist es im Verlag Carl Hirsch in Konstanz erschienen und wurde in 10.000 Exemplaren gedruckt.

Angaben zum Anlass seiner Reise, zur Fahrt, zu Mitreisenden macht der Autor Paul Fleischmann, evangelischer Pfarrer, nicht. Kenntnisreich folgt er biblischen Spuren; im Kapitel „Deutsch-evangelische Liebesarbeit“ berichtet er wohl informiert auch über Entwicklungen im 19. Jahrhundert. Die Leser erfahren etwas über die Gründung des evangelischen Bistums in Palästina und Samuel Gobat, die amerikanisch-schwedische Kolonie unter Mrs. Spafford, die Arbeit des Syrischen Waisenhauses und Ludwig Schneller, Talitha Kumi und Schwester Char­lotte Pilz, das Aussätzigenasyl und die Bemühungen seiner Gründerin, der Freifrau von Kef­fenbrinck-Ascheraden. Auch der Jerusalemsverein wird vorgestellt.

Die Sympathien Paul Fleischmanns liegen ganz offensichtlich bei den evangelischen Ge­meinden in Palästina. Von Ägypten kommend, trifft er gleich zu Beginn württembergische Sied­ler in Jaffa.

... der Ausgangspunkt für diese merkwürdige Bewegung, dem diese Kolonien ihren Ur­sprung verdanken, ist in dem gesegneten deutschen Lande zu suchen, in welchem von Alters her das religiöse Leben besonders stark pulsiert, aber auch ein fruchtbarer Boden für allerlei religiöse Übertreibungen und Verirrungen ist, in Württemberg. Dort hatte sich im Jahre 1848 eine Gemeinschaft ernster Christen gebildet, die, abgestoßen von dem weite Kreise der hei­mischen Kirche beherrschenden Unglauben, die Darstellung einer reinen lautern Gemeinde für die ihrer Meinung nach nahe Wiederkunft Christi bezweckten. Sie nannten sich „der Tempel“, weil sowohl der einzelne wie die ganze Gemeinschaft danach trachten sollte, ein Tempel Got­tes zu werden.

Fleischmann schildert die Reise der Templer nach Palästina und ihre ersten Ansiedlungs­versuche. Dann fährt er fort:

[Es kam zu Konflikten] zwischen den beiden Vorstehern Hoffmann und Hardegg; waren die­selben auch zunächst nur in Meinungsverschiedenheiten über äußere praktische Angelegen­heiten begründet, so hatten sie doch zur Folge, daß Hardegg mit einem Teil seiner Anhänger aus der religiösen Gemeinschaft ausschied. Aber nicht lange dauerte es, so traten tiefere und für den Fortbestand der Gemeinde bedeutungsvollere Differenzen zu Tage. Hoffmann, der schon früher rationalistischen Anschauungen gehuldigt hatte, war in seiner religiösen Entwick­lung zur völligen Verwerfung der Lehre von der Dreieinigkeit, von der Gottheit und dem Ver­söhnungstode Christi gelangt und stand nicht an, in einem Sendschreiben vom Jahre 1877 dem offen Ausdruck zu geben. Dies war für manche der im Bibelglauben stehenden Gemein­deglieder ein Anlaß, sich von ihm loszusagen. Von diesen abgesprengten Gliedern haben sich später viele wieder der evangelischen Kirche genähert, um im weiteren Verlauf sich ihr wieder ganz anzuschließen. So sind die evangelischen Gemeinden im heiligen Lande entstanden.

In Jaffa und dem benachbarten Sarona waren es zunächst nur fünf bis sechs Familien, die der evan­gelischen Kirche beitraten und vorläufig durch den Pastor in Jerusalem seelsorgerlich bedient wurden. In dem Maße als diese kleine Gemeinde aber wuchs, stellte sich die Notwendigkeit heraus, einen eigenen Lehrer und Pastor zu haben. Nachdem die Anstellung eines Lehrers schon im Jahre 1890 mög­lich geworden war, konnte 1897 dank der Unterstüt­zung durch den Württembergischen Jerusalemsve­rein und die Stuttgarter Kirchenbehörde auch an die Berufung eines eigenen Pfarrers gedacht werden. Auch der Wunsch der Gemeinde, ein eigenes Haus zu besitzen, in dem Betsaal, Schule und Pfarrwohnung untergebracht werden könnten, ist inzwischen verwirklicht worden, wenn auch in etwas anderer Weise als es ursprünglich ge­dacht war.

Durch Ankauf eines Hauses im Jahre 1899 gelangte die Gemeinde in den Besitz der für Pfarrwohnung, Schule und Lehrerwohnung erforderlichen Räume, während auf einem von dem Wohltäter der Gemeinde, Baron von Ustinov, geschenkten Grundstück sich in Bälde eine kleine Kapelle erheben wird. Das Verdienst, der Gemeinde zu einem würdigen Gotteshaus verholfen zu haben, gebührt dem Oberkonsistorialrat von Braun in Stuttgart, der in hochherzi­ger Weise mit seiner Gemahlin 25.000 Mark zum Kirchenbau schenkte.

Gleich im Anschluss fährt Fleischmann weiter nach Sarona. Über seinen Aufenthalt bei den dort ansässigen Templern berichtet er:

Nach kurzer Rast im Jerusalemhotel ging es auf der Nabulusstraße nach Sarona hinaus, der andern eine halbe Stunde von Jaffa gelegenen Templerkolonie. [.....] Dann erreicht man Sarona. Als ob sie mir noch vor Augen ständen, so haben sich die schmucken Häuser mit den roten Ziegeldächern und den wohlgepflegten freundlichen Gärten mir eingeprägt. Hier grüßte uns deutsche Art mit ihrem holden Zauber. Die Schulkinder hatten gerade Ferien; einzeln und in kleinen Trupps vor der Tür stehend, riefen sie uns ihr herzliches „Grüß Gott“ entgegen. [.....] Ich konnte es doch nicht lassen, trotzdem Ferien waren, ich mußte in die Schule gehen, um zu sehen, wie man hier für die Erziehung der Kinder Sorge trägt. Der Lehrer, ein freundlicher Mann, stand mir willig Rede. Die Zahl der Kinder, die er zusammen mit einem Kollegen zu unterrichten hat, beläuft sich auf ungefähr vierzig. Der Normalplan der württembergischen Volksschulen liegt dem Unterricht zugrunde; auch die Lehrbücher sind dieselben wie in der al­ten Heimat. Außer dem Calwer biblischen Geschichtsbuch, welches für den Religionsunterricht benutzt wird, sah ich noch manches andere bei uns in Deutschland benutzte Hilfsmittel. Neben der deutschen Sprache wird die französische und arabische gelehrt. Auch über das Gemein­deleben der Templer erfuhr ich hier zum erstenmal etwas Genaueres aus dem Munde eines ihrer Mitglieder. Ein Vorsteher und sechs Älteste haben die Gemeinde zu leiten, welche sich an den Sonn- und Festtagen zum Gottesdienst zusammenfindet. In der Verkündigung des Wortes wechseln sich die Ältesten ab; die Ansprache schließt sich an die Losung des Tages an, welche dem auf sieben Jahre berechneten Textplan entnommen ist. Statt der Taufe ist die meist am Erntedankfest stattfindende Darstellung in Übung, ohne daß jene jedoch geradezu verboten wäre. An Stelle des Abendmahls wird eine Art Liebesmahl gefeiert. Die Kinder haben sich einer ähnlichen Handlung zu unterziehen wie unsere Konfirmation. Die etwa drei Monate dauernde Vorbereitung hierauf findet durch einen Ältesten statt. Lehrreich war es mir, zu hö­ren, daß außer den aus der Gemeinde selbst hervorgegangenen Schriften die Bücher von Hahn, Bengel und Ötinger, auch Arndts wahres Christentum, als Erbauungsbücher benutzt werden.

Anschließend kann Fleischmann noch einige Wohnhäuser besichtigen und den guten Wein probieren. Allerdings bleibt er eher ratlos zurück: Aber ein Gefühl wollte uns doch nicht mehr verlassen, als die Pferde jetzt anzogen und wir zum letzten Mal die Hüte schwenkten: „O sprecht, warum zogt ihr von dannen?“

Gegen Ende der Reise macht er noch einen Besuch in Haifa, wo er Gast im evangelischen Pfarrhaus ist. Sein Urteil ist scharf. Er spricht von einer religiösen Verirrung, welche die Kolo­nisten dorthin getrieben hat, und vermutet, dass sie nun, mehr als 30 Jahre später, diesen Schritt nicht noch einmal tun würden. Belege dafür nennt er nicht. Er erkennt an, dass die württembergischen Siedler durch ein aus der anfänglich religiösen Schwärmerei erwachsenes Christentum der Arbeit dem Lande viel Gutes getan haben. Auch nennt er sie Pioniere evan­gelischen Christentums in einem Lande, das von der evangelischen Christenheit als Missions­gebiet so gut wie aufgegeben war. Dabei unterschlägt er jedoch, dass Mission nicht das Ziel der ursprünglichen Ansiedlung war, sondern ein sehr persönliches, individuell zu verstehendes Begehren. Mit Blick auf die herangewachsenen jungen Siedler verspricht er, nach seiner Rück­kehr für die Unterstützung der evangelischen Gemeinde, insbesondere für den Landankauf, zu werben. Bewundernd hält er noch fest: [...] eine Gemeinde, die so vollzählig zum Gottesdienst sich einfindet, daß während desselben eine Hut für die verlassenen Häuser bestellt werden muß - wer wollte sich darüber nicht freuen [...]

Paul Fleischmann als Missionsdirektor (Quelle: Orient im Bild,
 Jahrgang 1931)
Quelle: Orient im Bild, Jahrgang 1931

Fleischmann, hier noch ein junger Mann, setzt ganz auf Evangelisation durch tätige Hilfe im Land und sieht dadurch die evangelischen Gemeinden, einschließlich der Templer, auf der richtigen Spur. Zu überwinden ist für ihn vor allem der Islam: Je mehr wir den Orient mit Liebeswerken der mannig­fachsten Art überziehen, umso mehr schaffen wir ei­ne für die Verkündigung des Evangeliums günstige Atmosphäre. Es gilt durch intensive Liebesarbeit den Beweis zu erbringen, daß das wahre Christen­tum reicher ist als der Islam. Die Juden im Lande und ihre 1903 schon abgeschlossene erste Einwan­derungswelle erwähnt er nicht.

Paul Fleischmann, *1865 in Fürstenwalde, Spree, war zunächst evangelischer Pfarrer in Brandenburg, von 1905 an, also kurz nach dieser Reise, 20 Jahre lang Pfarrer an der Gethsemanekirche in Berlin und anschließend von 1925 bis zu seinem Ruhestand 1933 Superintendent und Pfarrer in Wusterhausen/Dosse.

Seit 1928 bis 1937 wirkte er im Vorstand von „Dr. Lepsius Deutsche Orient-Mission“, von 1928 bis 1941 war er deren Missionsdirektor. Außer diesem Reisebericht schrieb er u.a. Mis­sionshefte für Kinder und ein Heftchen für die Deutsche Sonntagsschul-Buchhandlung über Samuel Gobat. Vermutlich starb er 1941.

Birgit Arnold

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