Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 168/5 - Mai 2012

 

 

 

»Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig«

Gedanken zur Jahreslosung 2012

Dieser Satz aus dem 2. Korintherbrief des Paulus (12, 9) ist ein göttlicher Zuspruch, der Paulus durch den erhöhten Christus zugesagt wird. Im Zusammenhang: Paulus hat erfahren, dass in der Gemeinde von Korinth, die er einst gegründet hatte, christliche Verkündiger aufgetreten waren, die gegen ihn intrigierten und ihm unter anderem Schwäche in Auftreten und Rede vorwarfen. Diese Vorwürfe belasteten Paulus schwer und kränkten den Apostel sehr; auf sie geht er hier ausführlich ein. Eigentlich will er sich seiner selbst nicht rühmen, aber er möchte "seinen" Korinthern in seiner persönlichen Betroffenheit schon klar machen, dass er der wahre Apostel ist. So zählt er eine lange Reihe von Gefahren und Bedrohungen auf, in die er auf seinen Missionsreisen geraten ist. Diese Aufzählung soll zeigen, dass er seine Missionstätigkeit ohne Rücksicht auf Verluste so ausgeübt hatte, wie es das wahre Apostelamt nach seiner Auffassung erforderte. Da sich die anderen Apostel mit besonderen Offenbarungen und Ekstasen brüsteten, eröffnet Paulus seiner Gemeinde in diesem Brief, dass auch er solche Erlebnisse gehabt habe. Doch in diesem Zusammenhang erwähnt er auch eine Krankheit, die ihn sehr beeinträchtigte - sie war ihm ein Pfahl im Fleisch - und er begründet auch gleich, warum er mit diesem Leiden behaftet sei: nämlich, damit er wegen der Offenbarungen, die er erlebt hatte, nicht überheblich werde. Paulus rühmt sich also nicht wegen herausragender Taten, sonder eher wegen der Leiden, die er hat durchstehen müssen. Intensiv gebetet hatte er um Erlösung vor allem von jener Krankheit, die ihn immer wieder befiel und ihn schwächte, doch vergeblich. Stattdessen erhielt er die Antwort, die für 2012 die kirchliche Jahreslosung ist.

Über die Krankheit des Paulus ist viel gerätselt worden, etliche Kommentatoren sind der Meinung, dass Paulus ein epileptisches Leiden gehabt habe. Damals gab es natürlich noch keinerlei Mittel gegen derartige Anfälle, und so können wir uns vorstellen, was das für einen Menschen wie Paulus, der zu vielen Menschen sprach, bedeutet haben mag. Ob es sich nun um Epilepsie oder eine andere ähnlich schwerwiegende und vor allem für alle gut sichtbare Krankheit gehandelt hat, ist für uns hier nicht wesentlich. Das, was wichtig und auch für Paulus offenbar lebensbestimmend geworden ist, war die Antwort, die er auf seine flehentlichen Gebete, ihn davon zu erlösen, erhalten hat: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Darum, fährt Paulus fort, will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit. Das stellt die Realität, wie wir sie Tag für Tag erleben, eher auf den Kopf. Von Kind an sucht der Mensch Anerkennung, erkennt sehr schnell, wie er sich verhalten muss, um diese Anerkennung bei den Menschen, die ihm wichtig sind, zu erhalten: als Kleinkind vor allem bei den Eltern, später in der Schule unter Freunden, - und wenn man dann mal Bewerbungs­schreiben verfassen muss und sich bei persönlichen Gesprächen vorstellt, bemüht man sich, alles, was über die eigene Person nur irgendwie als Stärke erscheinen könnte, herauszustreichen. Da versucht man eher, seine Schwachpunkte so gut zu verstecken, wie es eben geht! In unserer heutigen Leistungsgesellschaft, in Politik und Wirtschaft, gilt ein erbarmungsloses Leistungsprinzip - da ist kein Platz für Schwäche.

Wenn wir uns nun einige Begriffe vergegenwärtigen, die unserer Meinung nach für Stärke stehen, könnten wir benennen: Kraft, Gesundheit, Macht, Wissen, Können, Anerkennung, Ansehen, Einfluss, Ruhe, Ausgeglichenheit, Glück, Besitz, Ehrlichkeit.

Ebenso für Schwäche: Krankheit, Ohnmacht, Verlierer sein, schlechte Zensuren haben, Armut, Not, Leiden, Machtlosigkeit, sich minderwertig fühlen, haltlos sein, gefangen sein.

Bei all diesen Begriffen geht es darum, dass wir Menschen uns oder andere als stark oder schwach ansehen - wobei Stärke positiv, Schwäche negativ belegt ist. Das, was stark ist, gilt als erstrebenswert, was schwach ist, sollte möglichst beseitigt, überwunden werden. Das hängt auch damit zusammen, dass Schwäche Abhängigkeit bedeutet - und, wieder am Beispiel der normalen Entwicklung von Kleinkindern: schon bevor es gefahrlos geht (nach unserer Meinung!), wollen die Kinder alles selber machen, ohne die Hilfe der Großen. Dieser Hang nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit steckt also von Anbeginn tief in unserer Natur.

Wenn wir nun darüber nachdenken: wie empfinden wir uns selbst? Zählen wir uns zu den Starken oder eher zu den Schwachen? Kann man das überhaupt so einfach sagen? Immer wird es andere Menschen geben, die schwächer sind als wir - aber auch genügend, die wir als bedeutend stärker empfinden. Was heißt überhaupt stark sein? Schwach sein? Wo liegt der Maßstab: beim Geldbeutel? Bei der körperlichen Verfassung? Der geistigen? Ist der Polizist, der (nicht) auf den Querulanten einprügelt, stark oder schwach? Ist der Chef, der unpopuläre Entscheidungen von seinem Stellvertreter durchsetzen lässt, stark oder schwach? Ist der Behinderte, der sich nicht alleine helfen kann, aber sein Training Tag für Tag durchzieht, stark oder schwach? Ist der Alkoholiker, der an einem Tag das erste Glas stehen lässt, stark oder schwach? Waren Gandhi und Martin Luther King mit ihrer Gewaltfreiheit stark oder schwach?

Wer einmal bei den Paralympics, der Behinderten-Olympiade, zugeschaut hat, weiß auch, was ich meine. Alle, die dort mitmachen, mögen nicht laufen können oder eine andere offensichtliche Schwäche haben - aber alle haben es durch eisernen Willen und viel Training geschafft, auf bestimmten Gebieten stärkere Leistungen zu vollbringen, als viele Gesunde es vermögen. Ein anderes Beispiel, das stark in der Öffentlichkeit verfolgt wurde, ist das der erfolgreichen Fernsehmoderatorin Monica Lierhaus, die durch Komplikationen bei ihrer Hirnoperation starke Einschränkungen ihrer Sprache und Bewegungsfähigkeit erlitten hat. Mit eiserner Disziplin erkämpft sie sich den Weg zurück ins normale Leben. Im Zeit-Magazin schrieb sie vor kurzem: »... Ich träume nicht davon, wieder die Gleiche zu werden, die ich früher war. Ich weiß, dass das unmöglich ist. Aber ich wünsche es mir auch nicht. Die Krankheit hat mich verändert, es ist in Ordnung, eine andere zu sein. ...«

Ich glaube, dass in dieser Haltung eines das Wesentliche ist: sich einzugestehen, dass etwas nicht mehr so ist wie früher - und auch nicht wieder so werden wird. Das gilt im gleichen Maße für das sich selber Eingestehen einer Schwäche, die unter Umständen recht schonungslose Selbsterkenntnis: das packst du nicht, das kannst du nicht - oder auch nicht mehr - leisten, auch wenn du noch so sehr willst.

Paulus hat inständig darum gebetet, von der ihn so stark beeinträchtigenden Krankheit befreit zu werden - und das tun, ganz bestimmt, unzählige andere Menschen auch. Doch für ebenso unzählige gibt es - ebenso wie für Paulus - keine Besserung, keine Heilung. Auch für den, der glaubt, gibt es keine Garantie für ein Leben frei von Krankheit und Leid; auch dem Glaubenden stellen sich unbeantwortete Fragen und Enttäuschungen in seinem Leben. Ent-täuschung aber heißt, eine Täuschung als solche zu erkennen und nicht weiterhin durch sie getäuscht zu werden. Dazu gehört zu erkennen, dass wir nicht durch eigene Kraft und Stärke unser Leben absichern können, dass der Glaube an Gott uns nicht vor Leid bewahrt. Wieder am Beispiel des Paulus: in seinem Ringen, in seinem Wünschen, dass er erlöst werde, hat Paulus eine Antwort erhalten, die ihm die Kraft gab, die Aufgabe, in die er sich gestellt sah, zu erfüllen. Trotz und mit der Krankheit, die ihn so stark beeinträchtigte.

Wie schon bei seiner Vision vor Damaskus ist es Jesus, der in der Vertretung Gottes zu Paulus spricht: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Das ist kein Spruch, der den medizinischen Tatbestand verändert oder aus der körperlichen Schwäche befreit - der Zustand wird derselbe bleiben und auch weiterhin belastend sein. Aber es ist ein ungemein tröstender Zuspruch für den, der glaubt. Er sagt uns die immerwährende Gnade Gottes zu, egal, wie gut oder schlecht wir drauf sind, wie stark oder schwach wir unsere Aufgaben zu erledigen imstande sind: der Gnade Gottes dürfen wir immer und jederzeit gewiss sein - und sie sollte uns genügen. Nicht, was wir meinen, an Leistungsfähigkeit, Kraft und Stärke haben zu wollen, ist wesentlich - es ist sogar gefährlich.

Gefährlich insofern, als wir Menschen sehr schnell meinen, dass alles, was wir aus Stärke heraus fertig bringen - denken wir an die Begriffe, die unter der Überschrift "Stärke" oben aufgeführt wurden - unsere Stärke ist. Aber - was haben wir, das uns nicht geschenkt oder eher "verliehen" (in diesem Wort steckt die Bedeutung von "leihen") worden wäre? Selbst, wenn wir durch eisernes Training, unermüdliches Bemühen eine Stärke entwickelt haben - auch dazu müssen wir befähigt sein - immer ist da auch etwas, das ich letztlich nicht mir, sondern meinem Schöpfer zu verdanken habe.

Gefährlich außerdem, weil wir Gefahr laufen, uns auf unsere Stärken zu verlassen und unser Herz daran zu hängen. Denn je stärker wir in dieser Weise geprägt sind, umso tiefer fallen wir, umso haltloser werden wir, wenn sich an diesem Gefüge, auf das wir uns verlassen, etwas verändert. Schauen wir uns die Begriffe nochmals an: wie viel davon haben wir tatsächlich in unserer Hand?

Was bedeutet dann der zweite Teil jener Zusage, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig? Wenn wir bei der Liste unserer Begriffe die Überschriften tauschen, stehen unter "Schwäche" die Begriffe, die wir vorhin als stark empfunden hatten, und umgekehrt. Damit sind wir bei der Sichtweise des Paulus: es kann sein, dass das, was stark erscheint, nur vordergründig stark ist. Wahre Stärke entwickelt sich da, wo eine Schwäche zugrunde liegt, die überwunden wird. Wie viel Stärke benötigen wir, um mit den Schwächen, die wir haben, zu leben?! Bedeutend mehr als mit unseren Stärken. Solange alles läuft und wir Erfolg haben, flüchten wir uns in die Geschäftigkeiten unseres Alltags. Aber an den Brüchen unseres Lebens und zunehmend dann, wenn wir an einen Punkt gelangen, an dem wir mit unseren Möglichkeiten nicht mehr weiter kommen, uns macht- und kraftlos diesem Leben ausgeliefert fühlen, stellt sich häufig die Sinnfrage unseres Lebens und wir suchen nach entsprechenden Antworten.

»Not lehrt beten« heißt ein Sprichwort - und das heißt nichts anderes, als dass wir uns in der Not unserer Hilflosigkeit und unserer Unfähigkeit bewusst werden und uns an eine stärkere Kraft um Hilfe wenden. Aber es heißt auch, dass der Glaubende eine Adresse hat, an die er sich wenden kann, und auch, wenn eine Antwort, wie Paulus sie erhalten hat, keine konkrete Antwort auf seine Frage ist, so bedeutet sie doch die Zusage Gottes, dass er in jeder Lebenssituation, und besonders in der Schwäche, da ist und uns mit seiner Gnade trägt. Es bleibt uns nur eines zu tun: dieser Zusage zu vertrauen und auch im Hinblick auf unser weiteres Leben das Vertrauen aufzubringen, dass so, wie unser Leben weiter geht, es ein sinnhaftes Leben sein möge. Vielleicht erkennen wir diese Sinnhaftigkeit nicht selber und nicht direkt  - aber auch in dieser Beziehung können wir nur vertrauen.

Oft eröffnen sich dann auch neue Wege, für die wir die notwendige Kraft erhalten. Doch die Selbsterkenntnis, das Eingeständnis unserer Schwäche, ist die Grundvoraussetzung dafür, dass wir uns umorientieren können - und das ist das große Potential, das in jeder Lebenskrise steckt, die Kraft, die aus der Schwäche erwächst, wenn wir aufgehört haben, gegen die Schwäche anzukämpfen oder auch nur, sie immer wieder verbergen zu wollen. Krisen kommen nicht zufällig. Sie machen uns deutlich, dass es mit unserem Leben nicht so weitergehen kann wie bis dahin. In Lebenskrisen haben wir immer zwei Möglichkeiten: wir können an der Krise zerbrechen, dann kapitulieren wir. Oder wir können versuchen, uns mit den veränderten Lebensumständen auseinanderzusetzen, ein neues Verhältnis zu den Begrenzungen unseres Lebens zu finden und damit die Chance ergreifen, dass wir unser neues Leben wieder stimmig leben können.

Das ist, was wir von den mehr oder weniger prominenten Beispielen lernen können: es gibt immer eine Alternative. Und: in uns steckt sehr viel mehr, als wir für möglich halten - die dafür nötige Kraft kommt uns zu. Unser Lebensglück hängt nicht an einer bestimmten Lebensform - wir haben immer eine Wahl und können durch sie unsere Einstellung und damit unsere Lebensqualität bestimmen. Denn damit bestimmen wir über aufgeben oder weitermachen, verzweifeln oder uns herausgefordert fühlen, uns selbst zu bemitleiden oder das Beste aus einer Situation zu machen, unglücklich zu sein oder glücklich, verbittert oder zufrieden. Auch wenn sich alles in unserem Leben grundlegend ändert, können wir zu neuem Glück, zu neuer Freude und Zufriedenheit finden.

Ein anderer, für mich wesentlicher Aspekt der Schwäche ist, dass sie Stärkere dazu herausfordert, zu helfen. Seit das Leid nicht mehr als (berechtigte) Strafe Gottes angesehen wird, hat sich auch der Umgang mit Leidenden gewandelt: Leid zu mildern ist ein christlicher Anspruch, der sich in kirchlichen Einrichtungen wie Caritas oder Diakonie manifestiert. Es gibt unüberschaubar viele staatliche und private Initiativen, die nur für dieses Ziel arbeiten, Menschen des öffentlichen Lebens und Privatleute unterstützen mit Geld und Ehrenamt die Benachteiligten unserer Erde. Unzählige Hilfsprojekte haben das einzige Ziel, Schwächeren zu helfen, bei jeder Katastrophe helfen "Stärkere" jenen, die als Betroffene zu "Schwachen" geworden sind. So gesehen, setzt Schwäche ein enormes Potential der Stärke frei.

Wenn wir nochmals zu Paulus blicken, uns vergegenwärtigen, dass er klein, wenig ansehnlich und im Auftreten und Reden - im Gegensatz zu seinen Briefen - eher schwach gewesen sein soll, dann ist es doch enorm, was er dennoch für eine Wirkung für und auf das wachsende Christentum hatte. Ebenso ergeht es mir mit dem gekreuzigten Jesus - es gibt für mich kaum ein Bild, das mehr Schwäche und Hilflosigkeit ausdrückt. Dennoch zeigen sein Leben und auch sein Tod, welche Kraft und Stärke in ihm wohnte.

Schwäche ist nicht gleich Schwäche, Stärke aber auch nicht gleich Stärke. Schwäche ist auch nicht automatisch Stärke, so wie Stärke auch nicht automatisch Schwäche ist. Aber die Stärke, die aus dem Glauben erwächst, ist wahre Stärke und sie hat die Macht, auch aus Schwäche Stärke werden zu lassen:

Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Karin Klingbeil, Saalansprache vom 4. März 2012, gekürzt

Der atheistische Pfarrer

Klaas Hendrikse glaubt, dass sich Gott ereignet, wenn Menschen aufbrechen und einander begegnen. Seine Gemeinde folgt ihm.

Sonntag für Sonntag steht Klaas Hendrikse auf der Kanzel. In Middelburg im Süden Hollands leitet der 64-Jährige Gottesdienste der dortigen Reformierten Gemeinde. Er predigt, beerdigt, führt Trauungen durch, tauft und macht Hausbesuche. Ein Pfarrer wie jeder andere? Nein. Denn Hendrikse glaubt nicht an die Existenz Gottes. 

Warum wird so einer Pfarrer? »Ich bin das Kind eines atheistischen Vaters«, erzählt der hochgewachsene Mann mit dem markanten Gesicht. »Mein Vater sagte immer, der Glaube an einen Gott sei Unsinn.« Als Student der Wirtschaftswissenschaften begleitete der Sohn seinen Vater, einen Tierarzt, oft auf dessen Touren zu den Bauernfamilien. »So kam ich viel herum und sah, dass die Bauern, vor allem aber die Bäuerinnen, felsenfest an Gott oder etwas Göttliches glaubten. Sie waren derart überzeugt, dass ich mir sagte: Ihr Glaube kann kein Unsinn sein.«

Klaas Hendrikse lässt die Frage nach Gott seitdem nicht mehr los. Nach einigen Jahren als Manager beim Bürotechnologiekonzern Xerox entschließt sich der 28-Jährige, evangelische Theologie zu studieren. Daneben arbeitet der Familienvater weiter als Wirtschaftsberater, um die Seinen durchzubringen. Führte ihn das Theologiestudium zum Glauben an Gott? »Nein, für mich war und blieb immer klar, dass Gott nicht existiert«, sagt der atheistische Pfarrer. »Aber ich begann zu verstehen, warum Menschen an Gott glauben.«

Kein Gottesleugner. Eines Tages - da war Hendrikse 36 Jahre alt - habe ein Bekannter aus der Gemeinde Middelburg zu ihm gesagt: »Wir suchen einen Pastor. Ein Typ wie du könnte zu uns passen.«...

Heidi Kronenberg

 

Dieser Artikel ist für die Internetausgabe der »Warte« leider nicht freigegeben. Lesen Sie den vollständigen Artikel in der gedruckten Ausgabe der »Warte« oder in »Publik-Forum«, kri­tisch - christlich - unabhängig, Oberursel, Ausgabe 4/2012, Seite 38.

 

Vielleicht werden manche unserer Leser Anstoß nehmen an diesem Artikel bzw. an dem Mann, von dem er handelt, dem »atheistischen Pfarrer« Hendrikse, an manchen seiner Aussagen.

Mich hat dieser Bericht sehr berührt, an vielen Stellen, nicht allen, mit dem Gefühl großen Einverständnisses. Deshalb will ich kurz versuchen, manches, was uns auf den ersten Blick fremd oder widersprüchlich erscheint, etwas deutlicher zu machen - aus meiner Sicht, nicht im Namen der Tempelgesellschaft; obwohl ich glaube, dass viele Templer vieles ähnlich sehen können.

Das beginnt mit seiner Definition von Atheist: einer, der nicht an einen theistischen Gott glaubt, an »ein Wesen, das irgendwo ist und bestimmte Eigenschaften hat«. Ich denke, dass die meisten von uns Gott nicht so sehen, schon deshalb, weil es eine Anmaßung ist, Aussagen darüber zu machen, wie Gott ist.

Hendrikse setzt dagegen: »Ich glaube, dass Gott sich in Beziehungen ereignet, wenn Menschen sich bewegen, aufbrechen und einander mitmenschlich und solidarisch begegnen«. Die Autorin des Artikels setzt als »biblische Übersetzung« dahinter das Wort aus dem Johannesevangelium »Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm«.

Mir scheint das eine gute Übersetzung. Mit einem wichtigen Unterschied: das Johanneswort ist wunderschön, aber so abstrakt, dass man lange rätseln kann, was »in der Liebe bleiben« bedeutet. Hendrikse macht es konkret, an einer konkreten Alltagssituation, und er spricht nicht vom Bleiben, sondern vom Aufbrechen, vom Durchbrechen der normalen Routine der Freundlichkeit, »dann kann (nicht: muss) eine neue Nähe ..., eine echte Begegnung entstehen«. Und: »Ich glaube, dass in solchen Momenten Göttliches geschieht«. Göttliches - nicht nur eine Nähe von Mensch zu Mensch, sondern auch eine von Mensch zu Gott. Wenn Hendrikse sagt: »Auch ein Atheist muss nicht notwendig ein Gottesleugner sein«, dann meint er offensichtlich (auch) sich selbst. Er leugnet Gott nicht; er sagt nur: »er ereignet sich« statt »er existiert«. Ich interpretiere das so: alle unsere abstrakten Aussagen über Gott sind Spekulation. Gegenwärtig wird er für uns da, wo wir ihn fühlen: in den - großen oder kleinen - Momenten der Mitmenschlichkeit und, vor allem, in den Momenten des großen oder kleinen Aufbruchs zu etwas, wofür wir im normalen Alltag zu bequem oder zu mutlos sind.

Ganz deutlich wird das in Hendrikses Beispiel aus dem Alten Testament. Die Antwort Gottes auf die Frage Moses nach seinem Namen heißt in der üblichen Übersetzung »Ich bin, der ich bin«. Hendrikse fügt hinzu: Ich bin der »Ich - bin da« (eine übrigens selbst nach dem Kommentar der Stuttgarter Erklärungsbibel durchaus legitime Übersetzung). Und als Mose zweifelt, ob er den Auftrag, das Volk aus Ägypten zu führen, ausführen könne, antwortet Gott: »Ich werde mit dir sein«. Hendrikse interpretiert: »Gott zeigt sich nur, wenn wir uns bewegen«.

Das »nur« ist mir zu eng gefasst. Ich würde z.B. Momente der Not dazu nehmen, in denen nur das Vertrauen auf Gott uns trägt, oder Momente der Freude, die uns spontan zum Dank drängen. Trotzdem finde ich Pastor Hendrikses Ansatz gut. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als beschränke er Gott auf einzelne Momente in unserem Leben. Ich sehe es umgekehrt: er zeigt uns, wie in solchen Momenten Gott konkret erfahrbar werden kann; wenn wir offen dafür sind, »bereit zum Aufbruch«. Hendrikse spricht von seinen eigenen Erfahrungen, - Erfahrungen, die »im Grunde jeder Mensch einmal erleben könne«. Offenbar ist es ihm gelungen, seiner Gemeinde solche Erfahrungen zugänglich zu machen. Sonst hätte sie sich nicht geschlossen hinter ihn gestellt, als die Kirchenleitung ihn absetzen wollte. Noch ein Wort zu dieser Kirche (der niederländischen Reformierten Kirche). Hendrikse wirft ihr vor, »es fehle in der Kirche der Wille und auch die Fähigkeit, auf die kritischen, suchenden und zweifelnden Menschen einzugehen«. Das mag in vielen Fällen stimmen - Kirchen sehen sich im allgemeinen der Bewahrung einer Tradition verpflichtet. Aber dass in seinem Fall die Kirchenleitung dem entschlossenen Willen seiner Gemeinde nachgab, ist eigentlich ein Gegenbeweis, vielleicht ein vereinzelter. Vielleicht haben auch Kirchenleitungen manchmal Momente, in denen Gott sich ereignet.

Im Grunde steht Hendrikse mit seiner Haltung Jesus sehr nahe. Natürlich stand für Jesus die Existenz Gottes nie in Frage. Das war im Judentum seiner Zeit undenkbar, selbst für die, die zweifelten oder sich empörten, wie der Prediger oder Hiob. Aber für Jesus war sicher noch etwas anderes entscheidend. Sein Leben war angefüllt mit Momenten, in denen »Gott sich ereignete«: in jeder Heilung, in jeder Zuwendung zu den Leidenden und Ausgestoßenen, in den Stunden des stillen Gebets und sicher noch in anderen, von denen wir nichts wissen.

Auch Jesus hat keine allgemeinen Aussagen über Gott gemacht - außer der einen, die in dem Bild des Vaters steckt. Er hat Geschichten und Gleichnisse erzählt, die vom Sich-Ereignen Gottes handeln.

Er hat ein Leben im steten Aufbruch geführt, nicht nur äußerlich im Verzicht auf Heim und Familie, sondern auch innerlich im Kampf gegen verkrustete Glaubensvorschriften und Gesetzesnormen.

Und vielleicht am wichtigsten: er hat wieder und wieder betont, was auch bei Hendrikse wesentlich ist: dass unsere Beziehung zu Gott untrennbar verwoben ist in unsere Beziehung zu den Menschen: »Wenn einer seinen Nächsten nicht liebt, den er sieht, wie soll er Gott lieben, den er nicht sieht?«

Mein Fazit: Hendrikses Sicht des (Nicht-)Glaubens ist sicher nicht die einzig mögliche, aber es ist eine sehr bedenkenswerte.

Brigitte Hoffmann

Die Blaichs vom Schwarzwald

Eine außergewöhnliche Familien-Chronik

Ich habe in meiner bisherigen Arbeit als Archivar und Genealoge kaum einen Familienforscher gefunden, der sich über Jahrzehnte hinweg Bibelausgabe von 1650so intensiv mit der Herkunft seiner Familie befasst hat wie Horst Blaich aus Bayswater. Man müsste eigentlich sagen: wie Horst Blaich zusammen mit seiner Ehefrau Irene, die ihrerseits schon vor einigen Jahren eine Chronik über ihre mütterliche Linie geschrieben hat (»The Wennagel Story«).

Nahezu fünf Jahrzehnte hat Horst Blaich an diesem Vermächtnis für seine Nachkommen und Verwandten gearbeitet, ist alle paar Jahre zu einem Besuch in die Heimat seiner Vorfahren nach Neuweiler im Nördlichen Schwarzwald gekommen und hat alte Dokumente und Kirchenbücher ausgewertet. Entstanden ist aus all dieser mühsamen Such- und Sammelarbeit das respektable fünfbändige Werk »Die Blaich Genealogie 1578-2010 - Dreizehn Generationen der Großfamilie Blaich in Deutschland, Amerika, Palästina, Afrika, Ägypten und Australien«, von dem der erste Band vor Kurzem bei einem großen Familientreffen der Blaichs in Neuweiler-Breitenberg, einem der Waldorte im Kreis Calw, der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Neben den zahlreichen genealogischen Stammtafeln macht den Wert des Bandes die reiche Illustrierung der Familiengeschichte aus. Hier kommt die langjährige Erfahrung und das fachliche Können des Autors als Grafiker zum Ausdruck. Die vielen Fotografien von den Herkunftsorten, von den Wohnhäusern der Vorfahren, von den Menschen früherer Zeiten - oftmals seitenfüllend - wechseln sich ab mit Kartenskizzen und Bildern von Zeitereignissen. Zeitungsberichte und Faksimiles von Handschriften sind dazwischen eingestreut. So bleiben die vielen Stammtafeln keine trockene Lektüre, sondern lassen vor dem Leser ein lebendiges Bild vergangener Zeiten entstehen.

Einen größeren Raum nehmen verständlicherweise neben der allgemeinen Familiengeschichte die Schicksale der nach Palästina ausgewanderten Vorfahren des Autors ein, wobei auf den Lebensweg der beiden Brüder Johann Georg (1813-1872) und Sebastian (1822-1874), die mit anderen Templern maßgeblich am Aufbau der deutschen Tempelkolonie bei Haifa beteiligt waren, im zweiten Band ausführlicher eingegangen wird.

Bei einem ihrer Besuche von Horst und Irene im ältesten Blaich-Haus in Hofstett haben die jetzigen Bewohner ihnen eine dort aufgefundene Bibelausgabe von 1650 gezeigt. The Blaich GenealogyDas war ein willkommener Anlass, der Blaich-Genealogie dieses ehrwürdige alte Buch auf der Titelseite zu widmen. Die rückwärtige Umschlagseite zeigt die ersten Templerhäuser von Haifa in der bekannten Lithografie von Jacob Schumacher aus dem Jahr 1877.

Um den vielen Verwandten im Schwarzwald ebenso wie den Blaich-Angehörigen in Australien gerecht zu werden, hat Horst Blaich seine Chronik zweisprachig (englisch / deutsch) abgefasst. Er hat der TGD einige Exemplare seines Buches in Kommission übergeben, die wir unseren Lesern zum Preis von 40 Euro zuzüglich Versandkosten anbieten können (Bestellung über die TGD-Verwaltung).

Der Rezensent möchte diese Ankündigung nicht schließen, ohne dem Ehepaar Horst und Irene Blaich für ihre exzellente Arbeit zu danken, die auch für die Geschichtsschreibung der Tempelgesellschaft einen hohen Stellenwert hat. Lassen wir uns beim Lesen des Buches ein weiteres Mal von der Erkenntnis leiten, dass »die Wurzeln jeder Zukunft in der Vergangenheit liegen«.

Peter Lange, TGD-Archiv Stuttgart

Nachruf für einen besonderen Freund der Templer

Zum Tod von Dr. Naftali Thalmann

Im letzten Jahr hatte er uns noch Glückwünsche übermittelt: »Als einer der ersten Israelis, welche sich mit der Geschichte der Templer in Palästina befassten, wünsche ich der Tempelgesellschaft zum 150. Jubiläum eine hoffnungsvolle Zukunft und verbleibe in Freundschaft - Dr. Naftali Thalmann«. Nun ist dieser langjährige Freund der Templer - wie uns seine Historiker-Kollegin Professor Ruth Kark schreibt - am 29. März in seinem Heim in Hadera (Israel) im Alter von 85 Jahren gestorben.

Wir gedenken seiner offenen und liebenswürdigen Art in der langjährigen Verbindung mit uns Templern. Viele von uns haben ihn auf einer der zahlreichen Israel-Rundreisen persönlich kennen und schätzen gelernt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie mein Vater als erster Archivar der TGD stets mit Hochachtung von ihm sprach. Naftali Thalmann hatte noch in fortgeschrittenem Alter (mit 65 Jahren) sein großes Interesse an der Landes­geschichte mit einer Doktorarbeit bestätigt (Thema: »The Character and Development of the Farm Economy in the Templer Colonies in Palestine 1869-1939«). Die Jerusalemer Professorin Kark würdigt dies mit den Worten. »He was a true historical geographer and one of "Lamed Vav" (the 36 righteous persons).«

Als ich in unserem Archiv nach Publikationen von ihm suchte, fiel mir als erstes ein dünner Hefter in die Finger mit der Überschrift »Zeittafel und Daten zur Geschichte der deutschen Templer bis zum 1. Weltkrieg (nach verschiedenen Quellen)« mit vielen stichhaltigen Einträgen wie z.B. »1871 - Anlage von Weinbergen in Haifa«, »1876 - Einrichtung des Templerfriedhofs in Haifa«, »1885 - Gottlieb Schumacher wird zum Regierungsarchitekten für den Bezirk Akko ernannt«. Eine besondere Bedeutung hatten seine Forschungsarbeiten zum Wandel der Agrartechnologie in Palästina, der durch die Templer angestoßen wurde. Als »Warte«-Beilage haben wir 2003 seinen zusammen mit Ruth Kark verfassten Aufsatz über »Die Hebung des Orients - Der Beitrag der Templer zur Landesentwicklung Palästinas« veröffentlicht. Er hatte fast schon das 80. Lebensjahr erreicht, als er uns noch eine Studie über die Schulen der Templer und der frühen Zionisten im Heiligen Land zukommen ließ. Was wir an ihm besonders schätzten, war seine Bereitschaft, mit uns in der ihm geläufigen deutschen Sprache zu sprechen und zu korrespondieren. Dadurch ersparte er uns auch etliche Übersetzungsarbeit, und wir konnten so manche Aufsätze von ihm bei einer Veröffentlichung im Wortlaut übernehmen.

Die Templer sind Naftali Thalmann für seine Arbeiten zur Dokumentation unserer Pionierleistungen in Palästina im 19. Jahrhundert großen Dank schuldig. Seine offene und herzliche Freundschaft wird uns noch lange in Erinnerung bleiben.

Peter Lange

Leserbrief

Hirntod und Organentnahme...

Gibt es neue Erkenntnisse zum Ende des menschlichen Lebens? Sollte die Praxis der Organentnahme überdacht werden? Dies waren Fragestellungen des deutschen Ethikrates auf einem Symposium im März. Berichte über Reaktionen auf Schmerzreize bei Hirntoten und die Möglichkeit der Fortführung einer Schwangerschaft werfen Fragen auf, inwieweit der Hirntod tatsächlich den Tod des Menschen markiert oder ob er nur einen unumkehrbaren Sterbeprozess einleitet. Was viele Menschen empfinden und veranlasst, sich einem Organspendeausweis zu verweigern, scheint nun auch die Wissenschaft zu bestätigen: "Der Hirntod wird als Entnahmekriterium festgesetzt, nicht ausdrücklich als sicheres Todeszeichen" (Jörg-Dietrich Hoppe, ehemaliger Präsident der Bundesärztekammer). Der Hirntod, vor wenigen Jahrzehnten mit der Entwicklung der Herz-Lungen-Maschine als Modell erdacht, steht dabei einer seit Jahrtausenden währenden Erfahrungswirklichkeit gegenüber, welche das Herz in den Mittelpunkt des Lebens und des Sterbens stellt; das Modell eines Gehirns als zentrale Schaltstelle von Geist und Bewusstsein und der Ausfall desselben als Tod des Menschen steht einer untrennbaren Leib-Seele-Geist-Einheit entgegen, in der kein Teil gesondert betrachtet werden kann. Diese Tatsache wird zunehmend auch von der Schulmedizin erkannt.
Angesichts der Neuregelung durch den Bundestag gibt es jedoch Zweifel, ob die Aufklärung zu dem Thema für eine Entscheidungsfindung ausreichend ist. Wird die Bevölkerung aufgeklärt über das genaue Verfahren einer Hirntod-Diagnose und über den Ablauf einer Organentnahme ? Warum wird eine Organexplantation bei Vollnarkose des Hirntoten ausgeführt ? Welche Folgen ergeben sich für die Seele des Menschen? Ist es richtig, dass die Selbstmordrate von Explantations-Ärzten doppelt so hoch ist wie die ihrer Kollegen? Werden Empfänger lebenswichtiger Organe über die Entwicklung einer möglichen Persönlichkeitsveränderung (Schizophrenie) aufgeklärt ? Wie ist die Lebensqualität von Empfängern lebenswichtiger Organen unter dem Gesichtspunkt von Abstoßreaktionen?
Es könnte durchaus geschehen, dass in Kürze auch die Wissenschaft feststellen muss, dass mit der Organentnahme in einen Sterbeakt eingegriffen wird, bei welchem das Leben abrupt beendet wird. Der Versuch, den Hirntod wissenschaftlich zu fundieren, ist gescheitert (Dr. Stephan Sahm, FAZ). In der Debatte um die Organspende und den Hirntod ging es aber nie allein um Wissenschaft. Der Philosoph Hans Jonas hat schon 1974 dafür plädiert, am klassischen Todeskonzept festzuhalten und davor gewarnt, das Hirntodkonzept zu instrumentalisieren und in den Dienst einer Organbeschaffung zu stellen. Das Abwägen zweier unabhängiger Schicksale folgt hierbei einem aus der Ökonomie entsprungenen Nützlichkeits-Denken. Die entscheidenden Dinge des Lebens müssen jedoch von einem solchen freigehalten werden, um die Menschenwürde zu wahren.

Lutz Krause

Aktuell
Im März keine Veranstaltungen
Katholische Kirche in Degerloch
Ausstellung »Deutsche im Heiligen Land« in Berlin
Aus der TSA
Gruß aus Jerusalem zum Neuen Jahr