Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 168/3 - März 2012

 

 

Was ist Wahrheit?

Eine ewig aktuelle Frage

Wenn wir einen Apfel in die Hand nehmen, wissen wir eigentlich nur aus Erfahrung, dass es sich um einen Apfel handelt. Vater oder Mutter haben uns das Wort vorgesagt, als wir noch nicht sprechen konnten, und dabei auf einen Apfel gezeigt. Später haben wir gelernt, wie er schmeckt, dass es verschiedene Sorten gibt und was man daraus machen kann. Wenn jemand einen Apfel als Birne bezeichnen würde, würden wir misstrauisch werden, und wenn jemand den Apfel als Banane ausgeben wollte, würden wir ihn für einen Scherzbold oder Lügner halten. Für uns ist der Apfel, so wie er ist, wirklich und wahr. Diese Wahrheit ist eben wesentlich durch unsere Erfahrung bestimmt und es liegt der Schluss nahe, dass es eigentlich keine Erkenntnis der Wirklichkeit jenseits unserer Erfahrung gibt. Allerdings zählen wir üblicherweise nicht nur das, was wir mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen können, zu unserer Erfahrung, sondern auch unser Wissen, von dem wir aber das meiste nicht selbst unmittelbar erlebt haben, sondern es für wahr halten, weil wir es so gelernt haben und weil es einem breiten gesellschaftlichen Konsens entspricht. Die Behauptung, ein Apfel sei gesund, trifft vermutlich vor allem deshalb auf Zustimmung, weil es entsprechende Untersuchungen gibt; die Aussage ist damit nach allgemeinem Verständnis wahr, zumindest bis die nächste Studie zu einem anderen Ergebnis käme. Noch einen Schritt weiter würde die Behauptung gehen, ein Apfel sei Gottes Schöpfung. Damit wird ein weltanschaulicher Überbau mitgeliefert, der keinem Wahrheitsbeweis im empirischen Sinne zugänglich ist. Schon wenn ich sage: »Ein Apfel ist gesund«, dann kann ich das glauben oder auch nicht. Je nach Erfahrung oder Wissen werde ich vermuten oder hoffen, dass das stimmt, ganz sicher kann ich mir aber nicht sein. Um wie viel weniger kann ich wissen, ob ein Apfel Gottes Schöpfung ist. Ich möchte es vielleicht glauben, weil dies eine schöne Vorstellung ist und weil ich mich dadurch selbst als Teil der Schöpfung fühlen kann. Es mag auch Menschen geben, die das in bestimmten Momenten innerlich spüren. Ist dieses Gefühl deshalb für sie weniger »wahr«?

Wir merken schon, dass die Frage nach der Wahrheit viele Facetten hat. Nicht von ungefähr gab es in der Geschichte der Philosophie verschiedene »Wahrheitstheorien«. Überwiegend wird »Wahrheit« als eine (mögliche) Eigenschaft von bestimmten Aussagen oder Überzeugungen betrachtet, die sich auf jeden möglichen Wissensbereich beziehen können. Weit verbreitet ist die traditionelle Auslegung, die nach Thomas von Aquin bereits auf Aristoteles zurückgeht: Wahrheit ist danach die Übereinstimmung zwischen Sein und Denken. Umgangssprachlich könnte man auch sagen: Wir bezeichnen etwas als wahr, wenn es sich so verhält (oder auch nicht verhält), wie wir es verstehen. Die beiden Ebenen des »Bezeichnens« und des »Bezeichneten« müssen sich demnach entsprechen (Korrespondenztheorie). Damit wird aus philosophischer Sicht zugleich klargestellt, dass für die Kategorie des »Wahren« nur solche »Zeichen« in Betracht kommen, die einen »Sachverhalt« bezeichnen, also einen Aspekt der Wirklichkeit. Pragmatischere Erklärungs­ansätze begnügen sich damit, den Erfolg von Aussagen und Annahmen im Zusammenhang mit einer bestimmten Lebenspraxis als Kriterium ihrer Wahrheit zu bestimmen; die Methode des Experiments könne etwa als Beispiel dafür genommen werden, wie Forschende eines bestimmten Gebiets zu der gemeinsamen Feststellung von Wahrheit kommen können. Menschliches Erkennen ist aber nicht nur objektiv, sondern besteht auch aus einer subjektiven Komponente.

Wir haben eine Vorstellung von den Dingen, die den Sachverhalt ergänzen, und die einen ganzen Strauß von Einstellungen und Wertungen mit sich bringen. Wenn man als Kriterium für Wahrheit ansieht, dass der als wahr bezeichnete Umstand ein klar zu beschreibender Sachverhalt ist, dann passt die Kategorie der Wahrheit eben nicht für diejenigen Dimensionen, die sich nicht als Sachverhalt ausdrücken lassen. Der deutsche Soziologe Niklas Luhmann hat einmal gesagt: Nach der Wahrheit zu fragen ist nicht Sache der Religion, sondern der Wissenschaft. Diese habe die Aufgabe, Theorien und überhaupt alle Aussagen mit Geltungsanspruch letztlich auf ihre Wahrheit hin zu überprüfen. Wahrheit - so Luhmann - sei das Kommunikationsmedium der Wissenschaft; die Religion stelle demgegenüber ein anderes gesellschaftliches Teilsystem dar, dessen Kommunikations­medium der Glaube ist. Theologie sei dementsprechend nur die Reflexion, also das Nachdenken über Religion. Von diesem soziologischen Ansatz her ist es problematisch, mit der Religion den Begriff Wahrheit zu verbinden. Jedenfalls kann man es nicht in der gleichen Weise tun wie in der Begriffswelt einer (Natur-)Wissenschaft.  

Was bedeutet die systemtheoretische Einordnung Luhmanns aber für den Wahrheits­anspruch des Christentums? Begleitet nicht die schillernde Frage nach der Wahrheit das Christentum seit seinen Anfängen? In der Bibel, insbesondere im Johannes-Evangelium, wird der Begriff geradezu inflationär verwendet und in erster Linie auf Jesus bezogen. Im 8. Kapitel sagt er den Juden, wenn sie an seiner Lehre festhielten, würden sie die Wahrheit erkennen und die Wahrheit werde sie frei machen. Im 18. Kapitel bestätigt er die Frage des Pilatus, ob er ein König sei, und ergänzt: Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Worauf Pontius Pilatus lakonisch meint: Was ist Wahrheit? Die Frage des Pilatus kann man einerseits als Beweis seines Unglaubens ansehen; so wird es Johannes wohl gemeint haben. Man kann sie aber auch im modernen Sinn verstehen als Frage nach dem Wahrheitsverständnis von Jesus. Aber die ewig aktuelle Frage nach der Wahrheit der religiösen Aussage und nach dem Wahrheitsverständnis richtet sich auch an uns. Schließlich pochen Theologen und die Amtskirchen darauf, dass der christliche Glaube aus sich heraus einen Wahrheitsanspruch erhebt. Und in der Kirchengeschichte war für das Christentum ein hoher, wenn nicht sogar absoluter Wahrheitsanspruch prägend. Es ist geradezu die Verknüpfung der Sendung Jesu mit dem Zeugnis der Wahrheit und die Verbindung des Glaubens mit der Wahrheit gewesen, die in der Geschichte des Christentums zum permanenten Streit um die Wahrheit, nach innen und außen, im Verhältnis der Christen untereinander und im Verhältnis zu den Nichtchristen, geführt hat. Dabei kann man sich selbst unter Zuhilfenahme des Johannes-Evangeliums nicht auf Jesus berufen. Hat doch das hebräische Wort, das hier mit »Wahrheit« übersetzt wurde, auch oder sogar eher die Bedeutung von »Festigkeit«, »Beständigkeit« oder »unverbrüchliche Treue«.

Auch Jesus verwendet hier also den Begriff »Wahrheit« nicht in dem Sinn, wie man etwas messen und wiegen kann, sondern als Beschreibung von Eigenschaften Gottes. Wenn wir statt Wahrheit das Wort »Wirklichkeit« verwenden, dann klingen die Worte Jesu viel versöhnlicher: Wenn wir an seiner Lehre festhalten, dann erfahren wir, wie Gott wirklich ist. Der Wahrheitsanspruch wird auf diese Weise zu einer Einladung, Erkenntnis zu gewinnen. Mehr kann, mehr darf er meines Erachtens auch nicht sein, wenn er nicht zum Fundamentalismus erstarren will. Wir sagen zwar als Umschreibung für »glauben« auch »für wahr halten«. Darin steckt aber stets die subjektive eigene Einschätzung. Für wahr halten ist etwas anderes als »wahr sein«. Wer in diesem Sinne glaubt und seinen Glauben bezeugt, weist von sich weg auf Gott als Urheber, Sinn und Ziel des Glaubens hin. Aus unserer Sicht ist es selbstverständlich, dass die Glaubensgewissheit des Einzelnen nicht verpflichtend gemacht werden darf für die Glaubensgewissheit anderer. Das Bewusstsein, dass nur Gott allein Glauben schaffen kann, definiert zugleich den Grund und die Grenze dieser Glaubensgewissheit. Alle Versuche, den Glauben anderer herzustellen, dokumentieren im Grunde mangelndes Gottvertrauen.

Ein weiterer Aspekt des christlichen Wahrheitsanspruchs ist der für Templer vielleicht naheliegendste. Ob der christliche Glaube in einem gewissen Sinne »wahr« ist, muss sich in der Lebenspraxis zeigen. Was das Christentum auch aus Sicht anderer Religionen ausmacht, kann eigentlich nicht das theoretische Gedankengebäude des christlichen Glaubens sein, dazu steckt darin zu viel Kirchengeschichte und Ideologie. Was eher zählt, ist die Übereinstimmung von Denken und Handeln, von Wort und Tat, von Glaubenszeugnis und Wirklichkeit. Wer den Begriff »Wahrheit« mit »Erkenntnis der Wirklichkeit Gottes im Glauben« übersetzt, der spürt, dass andere Bindungen vor dieser Erfahrung verblassen und verschwinden. In diesem Sinne wird die Erfahrung des Göttlichen vermutlich die größte Befreiung bedeuten, die man sich vorstellen kann. Das, was geschrieben steht, sei es in der Bibel, sei es in theologischen Abhandlungen, kann diese Erfahrung nicht ersetzen oder herbeiführen, weil jeder den Weg zur Erkenntnis selber gehen muss. Der Kirchenvater Augustinus hat einmal als seine Glaubensüberzeugung formuliert, dass Gott der Ort der Einheit der Wahrheit ist, nicht der christliche Glaube, nicht das Bekenntnis oder gar eine bestimmte theologische Theorie, und dass das Ziel aller Wege Gottes im Erscheinen der Einheit der Wahrheit in der Vision des Reiches Gottes liege. So besehen, sind die Templer mit ihrem Trachten nach dem Reich Gottes auf dem richtigen Weg, um die Wirklichkeit oder  - wenn man so will - die Wahrheit Gottes zu erfahren. Dabei kann es nicht um das formelhafte Beharren auf einer dogmatischen Wahrheit gehen. Richtschnur muss das Bemühen um Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit anderen und uns selber gegenüber sein. Dann wird sich auch unsere Glaubwürdigkeit einstellen, im Reden und im Handeln. Die skeptische Frage des Pilatus »Was ist Wahrheit?« brauchen wir uns dann nicht mehr zu stellen.

Jörg Klingbeil

(aus der Saalansprache vom 23.10.2011)

Liberale Traditionen im Islam

In der Zeitschrift »Publik-Forum« erschien im November (Ausgabe 22/2011, Seite 40) unter der Überschrift »Da weht ein liberaler Geist« ein Interview mit Angelika Neuwirth. Sie ist renommierte Arabistin und Islamwissenschaftlerin, die in Amman, Beirut und Istanbul geforscht und gelehrt hat und heute an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ein Projekt leitet, das den Koran historisch-kritisch kommentieren will - ein erster Band ist bereits erschienen.

Die Kürze des Beitrags und die Form des Interviews bringen es mit sich, dass nur einige wenige Einzelpunkte angesprochen werden können. Ich fasse diese Punkte kurz zusammen - sie können dazu helfen, unser immer noch einseitiges Bild des Islam etwas zu differenzieren.

An einigen Stellen füge ich ergänzende Kommentare an, die kursiv gesetzt sind. Sie ergänzen Punkte, die Frau Neuwirth wohl voraussetzt, die aber einem Teil unserer Leser möglicherweise nicht bekannt sind.

1. Die historische Situation bei der Enstehung des Islam

Neuwirth betont, dass es in Arabien im 7. Jahrhundert neben einem diffusen Polytheismus von Göttern, Geistern und verschiedenen Ritualen in den Städten an der großen Karawanenroute (Weihrauchstraße) - dazu zählten Mekka und Medina - eine reiche und religiös gebildete Kaufmannsschicht gegeben habe, meist Juden und Christen, und dass diese zunächst die Hauptansprechpartner Mohammeds gewesen seien; anders wären die theologischen Aussagen des Korans nicht möglich und nicht sinnvoll gewesen.

Ergänzung: Mohammed wollte also wohl zunächst (vgl. Jesus), nicht eine neue Religion gründen, sondern die alte(n) reformieren, d.h. von ihren späteren, seiner Ansicht nach verfälschenden Theorien befreien (im Falle der Christen: die Gottheit Jesu, die Trinität, der Sühnetod Jesu - die Dogmen, die sich erst nach dem Tod Jesu bildeten und in den Konzilien des 4. Jahrhunderts festgeschrieben wurden). Erst als beide, Juden wie Christen, sich gegen die neue Auslegung wandten, wandte sich Mohammed auch gegen sie - die früheren Suren des Korans im Vergleich mit den späteren spiegeln den Wandel. Das erklärt die vielen parallelen Überlieferungen im Alten Testament einerseits und im Koran anderseits (Abraham, Mose). Es erklärt auch die wichtige Rolle Jesu im Islam: er ist der größte Prophet außer Mohammed. Ein Detail aus der islamischen Apokalypse: zuerst erscheint »ad Daggai«(eine Verkörperung des Bösen), der alle Menschen irreleitet, dann steigt Jesus (!) herab und tötet den ad Daggai, dann folgt, je zu einem Trompetenstoß, erst die Tötung alles, alles Lebendigen, dann die Auferweckung aller und das Warten auf das Gericht - auch hier gewisse Parallelen zur christlichen Apokalypse.

2. Die Tradition der »Liberalität«

Dazu zwei Vormerkungen:

Der Koran als direktes göttliches Wort gilt im ganzen Islam (mit nur ganz wenigen Ausnahmen) als ewig und unabänderlich, z.T. sogar als präexistent (schon vor der Erschaffung der Welt vorhanden - wie auch, nach dem Johannesevangelium, der Logos Christus). Zugleich ist er aber extrem auslegungsbedürftig - mehr als die Bibel, vor allem aus (schrift-) sprachlichen Gründen. Die arabische Schrift hat Buchstabenzeichen nur für Konsonanten, und selbst die lagen damals noch nicht eindeutig fest. Vokale werden heute durch kleine Zeichen (ähnlich wie accents im Französischen) über und unter den Buchstaben angegeben; die gab es damals noch nicht, so dass oft die gleiche Buchstabenfolge zwei oder mehr ganz verschiedene Wörter bedeuten konnte. Im Ergebnis bedeutete das, dass bald zu vielen Koranstellen ganz verschiedene Auslegungen im Umlauf waren (manche Stellen sind bis heute selbst für Islamwissenschaftler unverständlich).

Gleichzeitig war eine genaue Auslegung dringender als im Neuen Testament, weil der Koran - ebenso wie die Thora - nicht nur Glaubensdokument war, sondern - in Gesellschaften, in denen es noch kaum staatliche Gesetze für das Privatleben gab - zugleich auch Bürgerliches Gesetzbuch.

Frau Neuwirth betont nun, dass sich unter diesen Umständen schon im 3. Jahrhundert nach Mohammed eine Auslegungstradition herausbildete, die einerseits die verschieden Auslegungen nebeneinander als gültig bestehen ließ, anderseits für den jeweiligen Einzelfall prüfte, in welches historische Umfeld eine Koranweisung gehört und wie sie ausgelegt werden soll, um in spätere, andere soziale Umstände zu passen. Sie nennt in diesem kurzen Interview keine Belege, verweist aber darauf, dass genau diese Entwicklung derzeit in einem großen Forschungsprojekt in Tunesien untersucht werde.

Noch bis ins 19. Jahrhundert sei es üblich und erwünscht gewesen, in religiösen Disputen vielfältige Koranauslegungen heranzuziehen und nebeneinander stehen zu lassen. Erst durch den Einfluss der Europäer/Christen mit ihrem Anspruch, die alleinige höhere Wahrheit zu vertreten und in der Abwehr dagegen habe sich auch in weiten Teilen des Islam das Ausschließlichkeitsdenken durchgesetzt.

Ergänzung: Die - nicht direkt ausgesprochene  These, dass es im Islam eine größere Affinität zu einem »Denken in Vielfalt« gebe als im christlichen/europäischen Denken, lässt sich natürlich nicht generalisieren, auch wenn ein flüchtiger Überblick über die Geschichte sie zu bestätigen scheint. So viele und verheerende Ketzerverfolgungen und Glaubenskriege wie im Christentum hat es meines Wissens in der islamischen Geschichte nicht gegeben. Dafür sprechen könnte auch die Tatsache, dass es im Islam bis heute keine Instanz gibt, die Glaubensfragen verbindlich entscheiden könnte. Ob eine Fetwa (islamisches Rechts­gutachten) anerkannt wird, hängt von der Autorität dessen ob, der sie ausspricht, und davon, ob dieser zugleich politische Macht hat.

Das war übrigens auch der Hauptgrund dafür, dass die jahrelangen Bemühungen von Bund und Ländern, islamischen Religionsunterricht an den Schulen einzuführen, erst jetzt zu zaghaften Erfolgen geführt haben. Die verschiedenen muslimischen Gruppierungen konnten sich nicht einigen, weder über den Inhalt von Schulbüchern noch darüber, wer in dem zu schaffenden zuständigen Gremium wie stark vertreten sein sollte.

Allerdings, zum Vergleich: man stelle sich vor, es müssten sich Gruppen von Katholiken, Protestanten, Mennoniten, Evangelikalen und Freien Christen usw. auf einen gemeinsamen christlichen Religionsunterricht einigen - dann würde das wohl noch viel länger dauern.

3. Die Frauenfrage 

Frau Neuwirth weist darauf hin, dass im Koran durchweg Frauen und Männer als gleich vor Gott gesehen sind. Frauen haben zwar andere Aufgaben, sind aber gleichwertig. Dass die Praxis schon sehr früh anders war, führt sie z. T. auf frühchristliche Einflüsse zurück, z. B. auf einige der Kirchenväter und damit wohl auf die Praxis in vielen der christlichen Gemeinden, die Mohammed vorfand.

Ergänzung: Eine solche Tendenz der Minderstellung der Frau findet sich - neben gegenteiligen Aussagen - auch schon in den Apostelbriefen, z. B. »Der Mann ist nicht um des Weibes willen gemacht, sondern das Weib um des Mannes willen« (1. Kor. 11, 9), oder »Lasset eure Weiber schweigen in der Gemeinde« (1. Kor. 11,3 4). »Einem Weib gestatte ich nicht, dass sie lehre« (1. Tim. 2,12) u.a. Wichtiger dürften vorislamische Traditionen sein, in denen vielfach die Frau als Eigentum des Mannes galt. Wie veränderungsresistent solche »traditionsgeheiligten« gesellschaftlichen Normen sein können, lässt sich auch an christlichen Kirchen und Konfessionen beobachten.

4. Heutige Situation 

Das war das letzte Gesprächsthema. Die konkrete Frage lautete: »Heute dominieren konservative bis intolerante Strömungen den religiösen Islam. Kann der Arabische Frühling daran etwas ändern?«.

Da darauf im Moment niemand eine Antwort geben kann, beschränkte sich Frau Neuwirth sinnvollerweise auf ihre persönlichen Erfahrungen bei mehreren Vorträgen und Diskussionen in Kairo im Sommer des letzten Jahres. Sie stellte fest, dass man - im Gegensatz zu früher - auch über Tabu-Themen wie z.B. Homosexualität offen sprechen konnte und dass auch (an Kleidung und Bart erkenntliche) Muslime sich offen und interessiert gezeigt hätten. Einer von ihnen (!) habe nach einem Vortrag über den Koran sogar beschlossen, nach Berlin zu kommen, um mehr (über den Koran!) zu erfahren.

Ergänzung: Das klingt und ist positiv. Aber meine eigene Erfahrung mit einigen solchen Diskussionen hier ist, dass dazu meist nur die kommen, die sowieso offen und liberal sind. Eine Diskussion, die ich besuchte über die Rolle der Frau, mit je einer Christin, Muslimin, Jüdin, Buddhistin war schlicht langweilig, weil alle sich über alle Punkte einig waren. Das war in Kairo sicher anders, weil die meisten Teilnehmer offenbar Informationen suchten, trotzdem bleibt, dass eine solche Runde zwar gut und sicher ein hoffnungsvolles Zeichen ist, dass sie aber im Zweifelsfall nur eine kleine Minderheit repräsentiert.

Immerhin gibt es inzwischen an der Universität in Ankara und, glaube ich, in Kairo zwei islamische Fakultäten, an denen historisch-kritische Forschung zum Koran betrieben wird.

In diesem Zusammmenhang kam noch einmal die Rede auf Frauen, und Frau Neuwirth berichtete, dass bei ihnen das Interesse an moderner Theologie größer ist als bei Männern. Am Frankfurter »Zentrum für islamische Theologie« arbeite bereits eine ganze Reihe von Theologinnen. In Münster, wo es inzwischen eine Vollausbildung in islamischer Theologie gibt, werden bevorzugt Frauen aufgenommen, und offenbar gibt es genügend Bewerberinnen und demnächst in Deutschland eine ganze Anzahl weibliche Imame und Religionslehrerinnen.

Für uns interessantes Detail am Rande: »In der Dormitio-Abtei in Jerusalem, wo katholische und evangelische Studierende zusammen ein Jahr lang studieren, werden jetzt mehr und mehr muslimische Studierende und Dozenten dazugebeten«. Frau Neuwirth dazu: »Wir wollen und müssen auf diese Weise interreligiös zu einer pluralen Theologie durchdringen. Unter den jüngeren Muslimen gibt es dafür genügend Interessenten«.

Brigitte Hoffmann

Neues aus dem Archiv

Weitere Auswanderer-Tafeln fertig

Eine der Aufgaben, die wir uns im Templer-Archiv gestellt haben, ist die Erstellung von Tafeln, auf denen jeweils für einen Ort in Württemberg die dort geborenen und später nach Palästina ausgewanderten Einwohner aufgeführt werden. Die Grundlage für diese Arbeit bildet unsere große Familiendaten-Sammlung, in der genealogische Daten sowie biografische Notizen von nahezu 20.000 Personen gespeichert sind. Die Tafeln können für heimatkundliche Schriften, Aufsätze und Vorträge verwendet werden. Sie geben einen Hinweis auf die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Württemberg bestehenden pietistischen Gemeinschaften und ihre zum Teil heftigen Auseinandersetzungen mit der Kirche sowie auf die Vorstellungen der Jerusalemsfreunde vom Kirschenhardthof, die unter der Leitung von Hoffmann, Hardegg und Paulus später zu Templern wurden. In den Tafeln aufgeführt sind nur diejenigen der Reform-Anhänger, die die Auswanderung gewagt hatten, zahlreiche andere unter den Jerusalemsfreunden hatten diesen Mut nicht oder wurden, damit Notsituationen im Aufbau der Siedlungen vermieden würden, von der Tempelleitung zur Auswanderung zunächst nicht zugelassen.

Die schon fertig gestellten Tafeln beziehen sich auf die Orte Neuweiler, Zwerenberg, Oberkollwangen, Agenbach, Möglingen, Winnenden, Bernhausen, Oberaichen, Echter­dingen, Möhringen, Degerloch. Für die nächste Zeit vorgesehene Orte sind Neuffen, Mägerkingen und Murrhardt, wobei dicht benachbarte Ortschaften jeweils mitberücksichtigt werden. Schwerpunktmäßig werde ich diejenigen Orte vorziehen, aus denen mehrere Familien den Zug ins Heilige Land angetreten haben.

Ausdrucke der Tafeln können gern bei mir angefordert werden. Für entsprechende Korrekturen und Ergänzungen meiner Erhebungen bin ich natürlich sehr dankbar, denn nicht immer bin ich über Einzelheiten der Auswanderung, wie z.B. Jahr und Zielort in Palästina gut und richtig informiert.

Historische Flugzeugaufnahmen von Palästina

Vor einiger Zeit hatten wir in der »Warte« berichtet, dass das Bayrische Staatsarchiv in München eine Vielzahl von historischen Flugzeugfotos von Palästina in seine Internet-Seite gestellt habe. Mit einfachen Mitteln konnte man diese Aufnahmen aus einem Ortsverzeichnis auswählen und in vergrößerter Darstellung betrachten. Die Aufnahmen waren von einer bayrischen Flugzeugstaffel gegen Ende des Ersten Weltkriegs mit den ersten hochauflösenden Kameras gemacht worden. Luftaufnahme Jaffa 1917 Es ist interessant, die vielen von uns geläufigen Orte und Landschaften Palästina/Israels in ihrer früheren Form und Gestalt mit dem heutigen Aussehen zu vergleichen.

Inzwischen ist uns ein Bildband aus dem Jahr 1925 des Bertelsmann-Verlags zugegangen (TGD-Archiv-Nr. T-B11) mit dem Titel »Hundert deutsche Fliegerbilder aus Palästina - ausgewählt und erläutert von Dr. Gustav Dalman, Prof. in Greifswald aus dem Bildbestand des Bayr. Kriegsarchivs, mit genauem Kartenblatt«. Dr. Dalman war ein sehr bekannter Theologe und ein bedeutender Orientalist. Die in seinem Bildband gezeigten Fliegerbilder sind fachmännisch bearbeitet worden, sodass sie dem Betrachter mehr Genauigkeit und detaillierte Strukturen zeigen als die Internet-Fotos. Manche davon sind 1999 von Professor Benjamin Kedar in seinen Bildband »Between the Jordan and the Sea« (TGD-Archiv-Nr. T-496) übernommen worden, in dem im Vergleich dazu heutige Aufnahmen derselben Gebiete zu sehen sind.

Deutsche in Jerusalem

Was vor 20 Jahren noch nicht denkbar schien, wurde im März 2007 wahr: Der israelische Historiker Prof. Dr. Haim Goren veranstaltete im Jerusalemer Konrad-Adenauer-Konferenz-Zentrum Mishkenot Sha’ananim (unweit der Deutschen Kolonie) eine Vortragstagung zum Thema »Deutschland und Deutsche in Jerusalem«. Über diese Konferenz hat dieser Tage Professor Goren, in Zusammenarbeit mit Dr. Jakob Eisler, einen deutschsprachigen Band mit sämtlichen Vortragstexten sowie mit zahlreicher Bebilderung herausgebracht.

An der Tagung vor fünf Jahren hatten eine ganze Reihe prominenter Geschichtskenner aus Deutschland, jedoch auch mehrere israelische Historiker und Fachleute mitgewirkt. Ihre Referate sollten die spezifischen Facetten der Geschichte Jerusalems Deutsche in Jerusalem und den Beitrag der deutschen christlichen Institutionen zur Entwicklung, Modernisierung und Erforschung der Heiligen Stadt vom 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg darstellen. Deren Aktivitäten in den Bereichen von Erziehung, Landwirtschaft, Sozialfürsorge, Gesundheitswesen und Tourismus werden in dem neuen Band ebenso beleuchtet wie die religiös motivierte Besiedlung und Bautätigkeit dieser Gruppen. Obwohl es sich zumeist um private Initiativen in Jerusalem wirkender Deutscher handelte, entstanden auch unter der Protektion des deutschen Kaisers bedeutende Bauten, darunter die Erlöserkirche, die Auguste-Victoria-Stiftung oder die Dormitio.

Der Band geht auch auf Probleme des Denkmalschutzes ein und beschreibt die Auseinandersetzungen, die im Zuge der Stadtentwicklung um den Charakter Jerusalems geführt wurden. Es ist ein an Wissenswertem überreiches Buch, das aus der Initiative Prof. Gorens heraus entstanden ist. Es kann ihm nicht hoch genug angerechnet werden, dass er - sicherlich gegen manchen Widerstand im Land - 2007 die perfekt vorbereitete und organisierte Vortragstagung initiiert und geleitet hat und dass er der Veranstaltung mit der in deutscher Sprache verfassten Buchveröffentlichung jetzt die nötige Langzeit- und Tiefenwirkung verleihen konnte.

Ich sehe es als eine Würdigung der Verdienste der Tempelpioniere an, dass er mich vor fünf Jahren als Vortragsredner zum Thema »Die Handwerker unter den ersten Templern, die im 19. Jahrhundert nach Jerusalem kamen« einlud. Dass die deutsche Tempelsiedlung Rephaim nahe des ehemaligen Bahnhofs heute eine bedeutende Rolle im Leben der Stadt spielt, macht mich glücklich und dankbar.

Sarona lebt weiter

Es ist zwar nicht die ehemalige Tempelsiedlung Sarona, die weiterlebt, aber immerhin sind es 33 Wohnhäuser von ihr, die in restaurierter Gestalt ein neues Leben entfalten sollen, wenn es nach den Plänen der Denkmalschützer und Restauratoren der Stadt Tel-Aviv geht. Zwei Ereignisse haben dieses neue Leben vor kurzem signalisiert.

Es begann mit einem längeren Bericht der angesehenen israelischen Zeitung Ha‘aretz vom 12. Dezember, der sachlich und unpolemisch die Bemühungen der Stadt aufzeigt, ihren Bürgern hier etwas Besonderes zu bieten, nämlich ihr erstes »Life-style Center«. Von den 33 unter Denkmalschutz stehenden und inzwischen größtenteils schon restaurierten Gebäuden sollen 27 kleine Läden, Boutiquen, Cafés, Restaurants werden. In den restlichen sechs werden zwei Museen, das Besucherzentrum und eine Abteilung des Technion-Instituts untergebracht.

Um die Gebäude sollen einheimische Blütenpflanzen, Sträucher und Bäume, die größtenteils noch aus der Templerzeit vorhanden sind, sowie Rasenflächen den gewünschten parkartigen Charakter erzeugen. Die Besucher sollen eine Oase der Ruhe und Entspannung inmitten des Gewühls der Großstadt vorfinden, sich bei einer Erfrischung im Schatten der Bäume vom Stress des Alltags und der Berufsarbeit erholen und dabei Angebote des »Lebensstils« in Augenschein nehmen können, wie das in USA als Gegenmodell zu den großen Einkaufsmärkten wohl schon in der Erprobung ist. In Israel sei man »tired of the malls«, die alle gleich aussehen würden und keinen besonderen Charakter hätten. In Sarona dagegen würde fast jedes Haus eine besondere architektonische Besonderheit aufweisen.

Es wird für Sarona - und das ist das zweite angesprochene Ereignis - jetzt schon um die ersten Pächter und Mieter für die renovierten Templerhäuser geworben. Ein Werbeband zeigt den zukünftigen Besitzern, welche Geschichte hinter diesen Bauten steht. Im Templerarchiv erhalten wir schon seit einiger Zeit Anfragen nach Bildern aus der Templerzeit in Sarona, die in dekorativer Weise auf diese Geschichte aufmerksam machen sollen.

Der historische Park soll vollkommen autofrei sein. Tiefgaragen sollen den Autoverkehr aufnehmen, eine naheliegende Bahnstation die Fußgänger zum Ziel bringen. Alles in allem ein großartiger Entwurf. Ob er gelingen wird, muss abgewartet werden. Im Spätsommer soll Eröffnung sein. Wir Templer, besonders diejenigen, die in Sarona geboren oder aufgewachsen sind oder deren Eltern und Voreltern von dort stammen, freuen uns darüber, dass auf diese Weise Sarona »weiterleben« wird.

Was zog die Templer nach Jerusalem?

Wieder, wie schon einige Male zuvor, hat sich ein Studierender an die Ausarbeitung eines Templer-Themas gemacht. Dieses Mal war es eine Studierende, Kerstin Pachur aus Übach-Palenberg, die im Fach Neuere Geschichte an der Ruprecht-Karl-Universität Heidelberg eine Seminar-Arbeit ablieferte über das Thema »Rezeption Jerusalems bei den württembergischen Templern - Warum der Auszug nach Jerusalem stattfand«.

Die Autorin hat in ihrer Arbeit zunächst die Bedeutung Jerusalems im Alten und Neuen Testament dargelegt, dann die starke Hinwendung zu chiliastischen Vorstellungen im württembergischen Pietismus aufgezeigt. In diesem Zusammenhang kam sie auf die bedeutenden Vertreter dieser Frömmigkeitsrichtung - auf Andreae, Spener, Bengel, Oetinger, Philipp Matthäus und Michael Hahn, um dann einzelne, wie Johann Jakob Friedrich und Christoph Hoffmann in ihren Glaubensäußerungen besonders hervorzuheben.

Frau Pachur hat meines Erachtens das Wesentliche im Streben Christoph Hoffmanns, nämlich den »Schritt hinauf nach Jerusalem«, sicher richtig erkannt, wenn sie ihre Zusammenfassung beendet mit dem Satz: »Die Sammlung des Volkes Gottes in Jerusalem ist eine Erfüllung der biblischen Prophezeiungen und soll als Vorbild für all diejenigen dienen, die das Reich Gottes bauen wollen.«

NEUE BÜCHER

Gott »nicht-theistisch« denken?

John Shelby Spong: Jenseits von Himmel und Hölle. Eine neue Vision vom ewigen Leben, Patmos-Verlag, Ostfildern 2011 (ISBN 978-3-8436-0028-6).

Der anglikanische Theologe John Shelby Spong (geboren 1931), der über 20 Jahre lang als Bischof von Newark im US-Bundesstaat New Jersey amtierte, versichert, diese 2009 in den USA erschienene Abhandlung »Eternal Life. A New Vision. Beyond Religion. Beyond Theism. Beyond Heaven and Hell« sei sein letztes Buch gewesen. Jenseits von Himmel und Hölle Das autobiografisch durchsetzte Vermächtnis ist spannend. Spong gehört in eine Reihe progressiver anglikanischer Bischöfe wie John A.T. Robinson, die das herkömmliche »theistische« Gottesverständnis zu sprengen suchen, ohne damit in einen Atheismus abzugleiten. Faszinierend ist, dass ein solcher »post-religiöser« und »post-theistischer« Theologe ausdrücklich ein Leben nach dem Tod glaubt.

Die große Kehre in Spongs Buch ist der Durchbruch zu einem »universalen Bewusstsein«. Dieses ist sich im mystischen Sinn des Zusammenhangs von allem mit allem bewusst, damit also unserer Vernetzung mit allen Lebewesen und mit allen Menschen, und findet zugleich Gott in uns. Das göttliche Sein ist die Liebe, die sich auf alles Dasein richtet. Spongs neues Gottesverständnis ist pantheistisch (allenfalls panentheistisch): Wir selbst sind ein Teil Gottes und Gott ist ein Teil von uns.

Gottesverständnis und Verständnis des ewigen Lebens hängen zusammen. Nach dem Tod gehen wir in das allumfassende Sein ein, aus dem wir entstammen. Die Liebe, der wir uns verdanken, wird uns in sich bergen. Der Gedanke eines göttlichen Gerichts fehlt. Macht es denn denn keinen Unterschied, ob jemand wie Adolf Hitler oder wie Albert Schweitzer gelebt hat? Gehen die Täter und die Opfer gleichermaßen in das große Ganze ein? Hier sind Klärungen nötig, um Spongs eindrucksvolle Vision vom ewigen Leben nachvollziehen zu können.

Auszug aus der Rezension von Dr. Andreas Rössler, veröffentlicht in »Freies Christentum«, Heft 1/2012

Peter Lange, Archivleiter

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Die neue Welt

»Nachdem Johannes gefangen gesetzt war, kam Jesus nach Galiläa und verkündigte das Evangelium Gottes: ›Die Zeit ist gekommen, Gottes Herrschaft ist nahe. Macht in eurem Leben einen neuen Anfang, und glaubt an das Evangelium!‹« (Markus 1,14-15, nach Fritz Maass 1993)

Was hier mit »Herrschaft Gottes« (hebr. malkut ha-elohim) übersetzt ist, müsste eigentlich »Königsherrschaft« heißen. Es ist der in alttestamentlicher Zeit entstandene israelitische Glaube, dass Gott der alleinige und unumschränkte Herr der Welt ist, dass er sich den Menschen einmal als der zeigen wird, der er ist, und dass er seine Macht auf der Erde und in der Geschichte der Welt durchsetzen wird. Wir sind gewohnt, diesen Begriff als »Reich Gottes« aufzufassen. Wir suchen dabei zu interpretieren, was Jesu Aussage und Ankündigung für unser heutiges Leben bedeuten könnte.

Mir würde noch besser als »Reich Gottes« die Bezeichnung »neue Welt Gottes« gefallen, da wir bei »Herrschaft« vielfach negative Gedankenverbindungen haben. Wir sind aufgerufen, aus den damaligen zeitbedingten Vorstellungen dasjenige herauszulösen, was als dauerhafter Wertmaßstab dahinter steht. Das Zeitlose darin ist dann erkannt, wenn uns Menschen - wie der Bibelkenner Fritz Maass in seinem Markuskommentar schreibt - »die Augen für die Realität Gottes und die Wahrheit des Weges Jesu aufgehen«.

»Gottes Herrschaft ist nahe« - das Wort »nahe« kann unterschiedlich aufgefasst werden, zeitlich: demnächst eintretend, oder örtlich: in der Nähe schon vorhanden, oder verborgen: immer schon da, aber unseren Augen nicht sichtbar. Dass wir das Gottesreich in der Welt nicht wahrnehmen, führt dazu, dass wir es als nicht real, sondern als Utopie oder Fantasterei auffassen. Die Erwartung seines Eintretens hat sich in der Menschheitsgeschichte eben nicht bestätigt.

Doch »Nahe« kann auch bedeuten, dass das Reich, oder die neue Welt Gottes, schon in der Schöpfung angelegt ist. Wir müssen nicht darauf warten oder ein Weltgericht als die Voraussetzung dafür ansehen, sondern dem Sinn des Lukas-Wortes nachgehen: »Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.« Dementsprechend kann eine neue Welt dann entstehen, wenn wir den Hass und die Rachsucht, das Macht- und Geltungsstreben, die Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit in uns bekämpfen und überwinden und die Friedensliebe, das Vertrauen und die Mitmenschlichkeit in unser Leben einkehren lassen.

Das gelingt nicht auf Anhieb, es ist dies ein Prozess, der Geduld, Beharrlichkeit und Zuversicht verlangt, um zu einem guten Ergebnis zu kommen. Und es wird oft nur vorübergehend gelingen und nicht von Dauer sein. Doch wir dürfen angesichts von Enttäuschungen und Misserfolgen nicht daran zweifeln, dass eine neue Welt unter uns möglich ist, eben weil sie in dieser Welt angelegt ist.

Peter Lange

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