Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 168/2 - Februar 2012

 

 

Organverpflanzung - Pro und Contra

Vor ein paar Monaten - wohl September/Oktober - wurde das Thema in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert, weil durch ein neues Gesetz die juristische Grundlage dafür eventuell neu, auf jeden Fall eindeutig geklärt werden sollte. Inzwischen ist es wieder still darum geworden; wahrscheinlich, weil die Sorge um Euro und EU, die Angst vor einer neuen Weltwirtschaftskrise die Kraft der Politiker und die Aufmerksamkeit der Medien voll in Anspruch nahmen und nehmen.

Aber das Problem bleibt und in absehbarer Zeit wird auch über die Möglichkeiten einer Regelung im Parlament abgestimmt werden. Das könnte und sollte vielleicht ein Anlass sein, dass man sich selbst mit dieser Frage auseinandersetzt. Deshalb hier einige Fakten - und ein paar Stellungnahmen von mir - , die vielleicht dazu helfen können, zu einer Entscheidung zu finden.

Die Sachlage: die Nachfrage nach Spenderorganen ist viel höher als das Angebot, so dass viele Patienten jahrelang auf ein geeignetes Ersatzorgan warten müssen, auch deshalb, weil bestimmte genetisch bedingte Anlagen - z.B. die Blutgruppe, oder auch noch etliche andere - bei Spender und Empfänger gleich oder ähnlich sein müssen, wenn eine Transplantation erfolgreich sein soll. Denn an sich ist unser Körper darauf programmiert, eingedrungene organische Fremdkörper zu attackieren und nach Möglichkeit zu vernichten. Darauf beruht unsere Immunabwehr, die uns bis zu einem gewissen Grad - bei den einen mehr, bei andern weniger - vor Ansteckung und Infektionen schützt.

Diese natürliche Immunabwehr muss nach einer Transplantation weitgehend unterdrückt werden. Dafür gibt es inzwischen recht effektive, auch verträgliche Medikamente. Sie müssen aber lebenslang eingenommen werden und bewirken eine höhere Anfälligkeit für Ansteckung und Infektionen.

Auf der anderen Seite steht: in vielen Fällen ist eine Transplantation die einzige Möglichkeit, einen Patienten am Leben zu erhalten, in anderen ein Weg, ihm eine weit höhere Lebensqualität zu ermöglichen. Beispiel Nierenversagen: ohne Transplantation muss man dreimal wöchentlich für mehrere Stunden ins Krankenhaus zur Dialyse (Blutwäsche), nach einer Transplantation genügt die Einnahme der Medikamente. Ich denke, es ist keine Frage, was für den Patienten weniger belastend ist.

Deshalb soll das geplante Gesetz nicht nur mehr Rechtssicherheit bringen, sondern auch bewirken, dass mehr Menschen sich zu einer Organspende nach dem Tod bereit erklären. Diskutiert werden drei Varianten: 

  1. Es bleibt bei der bisherigen Praxis, die nur besser juristisch abgesichert wird: die Entnahme von Organen ist nur erlaubt, wenn entweder der Verstorbene zu Lebzeiten dem ausdrücklich zugestimmt hat (Organspenderausweis - oder eine eindeutige eigene Erklärung) oder die Angehörigen das tun. Das trifft in Deutschland derzeit auf ca. 20% der Bevölkerung zu - obwohl in anonymen Umfragen zur Organspende allgemein ca. 80% dafür sind. Der Unterschied beruht wahrscheinlich darauf, dass eine Mehrheit sich mit dem Problem nicht so ernsthaft befasst hat, dass sie für sich selbst Konsequenzen daraus gezogen hätte.
    Ein breiteres Angebot an Spenderorganen könnte dann nur durch mehr öffentliche Diskussion, Aufklärung und Werbung erreicht werden, aber ich bezweifle, dass der Effekt sehr groß wäre.
  2. Eine gesetzliche Regelung, wie sie in Österreich (und meines Wissens auch in einigen anderen Ländern) gilt: Organentnahme ist erlaubt, wenn nicht der Verstorbene selbst sich eindeutig dagegen ausgesprochen hat oder seine Angehörigen das tun. Das ist bei etwa 20% der Fall - also können in ca. 80% der Fälle Transplantationen erfolgen. Die Folge: in Österreich wartet man ca. 6 Monate auf eine Nierentransplantation, in Deutschland 6 Jahre. Wie viele Patienten in der Zwischenzeit sterben, wird nicht statistisch erfasst.
    In Österreich hat es offenbar keinen breiten Widerspruch gegen die dortige Regelung gegeben, wahrscheinlich aus dem gleichen Grund, aus dem in Deutschland der Anteil der allgemeinen und der der persönlichen sich so stark unterscheiden. Zum Vergleich eine Studie aus der USA: den Beschäftigten mehrerer Firmen wurde eine Rentenversicherung angeboten, bei der das Preis-/Leistungsverhältnis deutlich günstiger war als bei der bisherigen Regelung. Wenn man dafür einen besonderen Antrag stellen musste, tat das nur eine Minderheit. Wenn die neue Regelung Teil des Arbeitsvertrages war und man einen Antrag stellen musste, um davon ausgenommen zu sein, tat auch das nur eine Minderheit. Offenbar ist bei vielen Menschen - ich schließe mich selbst nicht aus - die geistige Bequemlichkeit größer als die Entschlussfreudigkeit, - selbst wenn es um den eigenen Vorteil geht.
    In Deutschland argumentieren die Gegner der österreichischen Lösung damit, dass sie gegen das Recht auf Selbstbestimmung und damit gegen das Grundgesetz verstoße. Das leuchtet mir nicht ein. Auch bei dieser Regelung kann jeder, der das will, eine Organspende für sich selbst bindend ablehnen - nur muss er es schon bei Lebzeiten deutlich sagen.
  3. Bei uns gibt es inzwischen einen dritten Vorschlag: jeder muss möglichst bald nach der Volljährigkeit - z.B. bei der Ausstellung eines Personalausweises oder eines Führerscheins - verbindlich erklären, ob er einer Organentnahme zustimmt oder nicht. Das ist bindend für alle Beteiligten, auch für die Angehörigen, aber er selbst kann es jederzeit widerrufen, wenn er seine Meinung geändert hat. Es wurde argumentiert, eine solche Entscheidung sei nicht zumutbar, das könne man nicht von jedermann verlangen. Ich sehe das nicht ein. Das Leben besteht daraus, dass wir Entscheidungen treffen und dann mit ihren Folgen leben müssen, z.T. solche, die entscheidende Konsequenzen haben und die wir nicht, wie bei der Einwilligung in eine Organspende, mit einer neuen Unterschrift widerrufen können.

Ich selbst war schon lange für die österreichische Lösung als diejenige, die am einfachsten und schnellsten bewirken würde, dass mehr Spenderorgane zur Verfügung stünden und dadurch mehr Menschen geholfen werden könnte. Ich wollte mir auch einen Spenderausweis besorgen, bekam aber gesagt, dass das bei meinem Alter sowieso nicht mehr in Frage käme. Inzwischen halte ich die dritte Lösung für die beste - und die Gründe für diese Meinungsänderung sind zugleich auch der Grund, warum ich diesen Artikel schreibe.

Beeindruckt hat mich - viel mehr als die Artikel, in denen mit abstrakten Begriffen operiert wurde - eine Fernsehsendung, in der neben einem Neurologen, der sich auf Transplantationen spezialisiert hatte, Betroffene zu Wort kamen; dabei wurde anschaulich, was eine zunächst abstrakte Entscheidung für die Lebenswirklichkeit von Menschen bedeuten kann. Ich schildere die drei Beispiele, die mich am meisten beeindruckt haben.

Da war ein etwa Sechzigjähriger, der seit einigen Jahren mit einem Spenderherzen lebt. Er strahlte eine ansteckende Lebensfreude aus und erzählte in immer neuen Varianten, wie er seit der Transplantation - natürlich nach einer mühsamen Rehabilitation - für jeden neuen Tag dankbar sei, ihn, trotz einiger Einschränkungen, genieße und immer Neues entdecke, das er früher nicht beachtet hatte und an dem er sich jetzt erfreue.

Und da war ein junger Mann, vielleicht Mitte zwanzig, der seit zwei oder drei Jahren mit einem künstlichen Herz lebt. (Ich wusste gar nicht, dass es das gibt; wahrscheinlich nur für das Herz, das trotz seiner unverzichtbaren Funktion ein relativ einfaches Organ ist). Ein solches Kunstherz hält etwa fünf Jahre (und offenbar kann man dann kein zweites mehr einpflanzen). Wenn innerhalb dieser Frist kein geeignetes Spenderherz gefunden wird, wird der Mann sterben. Er klagte nicht, aber das wenige, was er sagte, und seine Körpersprache machten sehr deutlich, wie belastend es sein kann, mit einer solchen Ungewissheit zu leben.

Beide Beispiele bestärkten mich in meiner Auffassung, dass der Gewinn an Lebenszeit und Lebensqualität der Empfänger schwerer wiegt als die ›Zumutung‹ einer vielleicht schwierigen Entscheidung für einen Gesunden.

Aber da war auch eine etwa 50-jährige Frau, deren Sohn vor einigen Jahren tödlich verunglückte. Sie wurde benachrichtigt, kam und wurde dann sofort gefragt, ob sie einer Organtransplantation zustimme. In der Familie war einmal über Transplantation gesprochen wurde, und der Sohn war dafür gewesen. Also sagte sie ja.

Aber heute sagt sie, dass sie das seither jeden Tag bereut habe. Sie hätte das Bedürfnis gehabt, noch einmal neben ihrem Sohn zu sitzen, seine Hand zu halten, vielleicht noch eine Verbindung zu spüren, Abschied zu nehmen. Dass sie das nicht gekonnt habe, belaste sie bis heute. Auch als Zuschauer konnte man diese Belastung spüren.

Das Beispiel hat mir einiges klar gemacht, was ich mir vorher nicht überlegt hatte. Die Frau hat die Situation als unzumutbar bezeichnet, und sie hat im Grunde recht. Nur: manches davon - nicht alles - ist unvermeidbar, wenn man die Transplantation will. Die meisten gespendeten Organe kommen wohl von Unfallopfern - ihre Organe sind gesund, während das bei Opfern von Kranheiten fraglich ist. Das bedeutet, dass der Tod plötzlich und unerwartet kam. Wenn dann nichts vorher geklärt ist, müssen die Angehörigen entscheiden, und für die ist es schwerer, nicht nur, weil sie unter Schock stehen, sondern auch, weil sie wohl immer mehr oder weniger das Gefühl haben werden, damit dem Verstorbenen etwas von der Würde seines Todes zu nehmen. Das wird etwas leichter, wenn man sicher weiß, dass der Verstorbene es so gewollt hat.

Nicht ändern lässt sich das, was die Frau am meisten bedrückt hat: nicht nur die Entscheidung, auch die Organentnahme muss so schnell wie möglich erfolgen; mit jeder Stunde, die das Organ ohne Sauerstoff bleibt, wird es ein wenig geschädigt. Es wird schnell tiefgekühlt und zur Transplantation gebracht. Für ein Abschiednehmen bleibt keine Zeit.

Das ist der Grund, warum mir jetzt die dritte Lösung als die beste erscheint. Wenn jeder zu einem frühen Zeitpunkt erklären muss, ob er gegebenenfalls einer Organspende zustimmt oder nicht, dann wäre zumindest der Entscheidungsdruck von den Angehörigen genommen. Und eine solche Erklärung sollte nicht nur eine Unterschrift unter ein Formular sein, sondern gekoppelt an ein Gespräch mit einem Arzt oder Psychologen; am besten auch mit den Angehörigen, aber das zu regeln ist wohl nicht Sache des Staates. Wenn alle wissen, was gegebenenfalls auf sie zukommen kann, kann das zwar das Leiden an einer solche Situation nicht aufheben, aber es kann vielleicht helfen, sie gefasster zu ertragen.

Und: zu einer solchen besseren Lösung kann jeder selbst beitragen, auch ohne ein verbessertes Gesetz. Er kann eine solche Entscheidung - pro oder contra - treffen und, am besten schriftlich, festhalten und mit seinen Angehörigen darüber sprechen.

Noch ein Punkt, der vielleicht für manche wichtig ist: im Bericht der Mutter spielte immer wieder ihr Misstrauen gegenüber der Todesfeststellung »Hirntod« eine Rolle. War damit der Mensch wirklich tot? War nicht doch noch Leben in ihm? Hätte er nicht doch gerettet werden können? Dazu der Neurologe: der Hirntod ist die sicherste Todesfeststellung, sicherer als der Herzstillstand. Er lässt sich messen anhand der Hirnströme. Wenn die nicht mehr fließen, ist das Gehirn tot und damit der Mensch, da alle Körperreaktionen, auch die unwillkürlichen, vom Gehirn gesteuert werden, auch der Mensch. Er hat dann nicht nur kein Bewusstsein mehr, sondern auch keine Wahrnehmung und kein Empfinden. Auch wenn sie die Hand ihres Sohnes noch eine Weile hätte halten können, hätte er das nicht gespürt. Ihr hätte es wohl trotzdem geholfen. Und wenn es stimmt, was viele Nahtoderlebnisse nahe legen, was die meisten von uns glauben, dass mit dem Tod die Seele sich von Körper löst, dann hätte diese Seele die Geste der Zuwendung wahrgenommen. Aber dann hätte sie sicher die Zuwendung auch ohne die Geste gespürt.

Aber das ist etwas, was wir nicht wissen können. Wir müssen entscheiden nach unserem begrenzten Verstand und Gefühl. Ich denke, die Maßstäbe sollten sein: den Willen eines Verstorbenen zu respektieren und Leiden nicht zu vergrößern, sondern nach Möglichkeit zu verringern.

Brigitte Hoffmann

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Jesus und der Sabbat

Damals ging Jesus an einem Sabbat durch die Felder. Seine Jünger hatten Hunger; darum fingen sie an, Ähren abzureißen und die Körner zu essen. Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu Jesus: „Da sieh dir an, was deine Jünger tun! Das ist nach dem Gesetz am Sabbat verboten!“

Jesus antwortete ihnen: „Habt ihr nicht gelesen, was David tat, als er und seine Männer hungrig waren? Er ging in das Haus Gottes und aß mit ihnen von den geweihten Broten, obwohl das verboten war - denn nur Priester dürfen davon essen. Oder habt ihr nicht im Gesetz gelesen, dass die Priester auch am Sabbat im Tempel arbeiten? Dadurch übertreten sie die Sabbatvorschriften; trotzdem werden sie nicht schuldig. Und ich sage euch: Hier ist mehr als der Tempel!

Jesus ging weiter und kam in ihre Synagoge. Dort war ein Mann mit einer abgestorbenen Hand. Die Pharisäer hätten Jesus gerne angezeigt und fragten ihn deshalb: „Ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen?“ Jesus antwortete: „Stellt euch vor, einer von euch hat nur ein einziges Schaf, und das fällt an einem Sabbat in eine Grube. Packt er dann nicht zu und holt es heraus? Ein Mensch ist doch viel mehr wert als ein Schaf! Also ist es erlaubt, einem Menschen am Sabbat Gutes zu tun.“

Dann sagte er zu dem Mann: „Streck deine Hand aus!“ Er streckte sie aus, und sie wurde so gesund wie die andere. Da gingen die Pharisäer hinaus und beschlossen, dass Jesus sterben müsse. (Matthäus 12,1-14)

In dieser Textstelle wird davon berichtet, wie Jesus kranke Menschen geheilt hat. Jesus glaubte, dass er kranke Menschen heilen müsse. Er spürte, dass er besondere Kräfte besaß, die es ihm ermöglichten, Menschen zu helfen, und er hielt es für wichtig, diese Kräfte in Notfällen einzusetzen.

Auch wir helfen einander, wo es nötig ist, ganz allgemein oder wenn wir eine besondere Befähigung dazu besitzen. Habt ihr es nicht auch schon erlebt, dass ihr einem anderen besondere Hilfe leisten konntet oder dass euch einmal geholfen worden ist? Könnt ihr euch an das gute Gefühl erinnern, das ihr oder der andere dabei hattet? Hilfe leisten zu können und Hilfe anzunehmen, sind gleichermaßen wundervolle Erfahrungen.

Die Heilung durch Jesus geschah an einem Sabbat, dem Tag der Ruhe. Die von den Pharisäern streng beachteten religiösen Gesetze besagten, dass niemand am Sabbat arbeiten sollte. Die Pharisäer waren der Ansicht, dass das, was Jesus tat, Arbeit sei, und folglich nicht am Sabbat geschehen dürfe. Sie waren so sehr darauf bedacht, die Gesetzesvorschriften zu erfüllen, dass sie nicht die Wohltat sahen. Sie konnten sich nicht in die Lage des Kranken versetzen. Alles, was ihnen durch den Kopf ging, war, dass jemand die Gesetzesvorschrift missachtete. Ihr engstirniges Denken konnte nichts anderes tolerieren, auch wenn es eine Hilfe darstellte. Uns erscheint es jedenfalls absurd, dass sie Jesus deswegen kritisierten.

Jesus wusste, dass das, was er tat, richtig war. Mit seiner Erwiderung auf die Vorwürfe drückte er aus, dass es vor allem die liebevolle Zuwendung wäre, die Gott von den Menschen erwartete. »Was dürfen wir am Sabbat tun - helfen oder schädigen? Das Leben eines Menschen retten oder es zerstören? Wir würden doch einem Schaf heraushelfen, wenn es am Sabbat in eine Grube gefallen wäre. Sind Menschen nicht viel mehr wert als sie?« Jesus fühlte, dass es in diesem Fall wichtiger war, sich um den Kranken zu kümmern, als das Gesetz zu befolgen, das dem Geheilten nicht einmal erlaubte, seine Liegematte am Sabbat mit nach Hause zu nehmen.

Wir gehen davon aus, dass Jesus es sich nicht zur Gewohnheit machte, die Vorschriften zu missachten. Wir wissen auch, dass nicht alle Vorschriften unsinnig sind. Wir sind heutzutage in der glücklichen Lage, dass unsere Vorschriften uns nicht daran hindern, zu anderen Menschen nett zu sein und uns um sie zu kümmern - viele erleichtern dies sogar. Die Vorschriften, die es in der Schule, im häuslichen Umfeld, an der Arbeitsstätte oder allgemein in der Gesellschaft gibt, bezwecken die Aufrechterhaltung von Ordnung, unseren Schutz und den unseres Eigentums sowie gegenseitige Rücksichtnahme. Kurz gesagt: dass wir, soweit wir können, alles unternehmen, was diese Welt zu einem lebenswerten Ort macht. Gesetze und Vorschriften, die wir mitunter als eine Einschränkung unseres Lebens oder als eine Begrenzung unserer Entscheidungsmöglichkeiten ansehen, sind gewöhnlich dazu da, dass wir mit unseren Mitmenschen besser auskommen.

Was wir auf jeden Fall im Auge behalten sollten, ist der Beweggrund, weshalb Jesus sich über die Gesetzesvorschriften hinwegsetzte - er wollte anderen helfen, die in wirkliche Not geraten waren. Für ihn gab es keine geeigneten und weniger geeignete Zeiten, um Mitmenschen beizustehen. Warum sollte man anderen nur zu bestimmten Zeiten helfen und nicht immer? Für ihn waren die Mitmenschen und unsere Hinwendung zu ihnen das Wichtigste, weshalb immer die beste Zeit ist, Notleidenden zu helfen. Als Templer sehen wir das ebenso, es ist ausgedrückt in unserem Ziel, das dem Doppelgebot der Liebe entspringt: Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst (Matthäus 22,37-39).

Wir glauben fest daran, dass es Achtung und Liebe ist, wenn wir uns, so gut wie möglich, anderen und der Gemeinschaft zuwenden. Lasst uns dies in Erinnerung behalten, wenn wir unseren täglichen Pflichten und Aufgaben nachgehen. Wir wollen unser Bestes tun, um die Gesetze zu achten und gleichzeitig das Ziel der Tempelgesellschaft zu verfolgen, das auf der Lehre Jesu beruht. Es ist dies nicht immer eine leichte Aufgabe!

Christine Ruff, Boronia Heights - Aus einem Familien-Gottesdienst der TSA im Oktober 2001, veröffentlicht in »Templer Record«, November 2011 - Übersetzung: Peter Lange

Die Sicht der Anderen

Aus Anlass des Papst-Besuches hat die Zeitschrift »Publik-Forum« in ihre Ausgabe vom 9. September ein Dossier integriert, in dem Vertreter verschiedener religiöser Richtungen einen Kommentar geben zu Papst und Kirche, einige in der Form eines Briefes an den Papst: ein Katholik, ein Journalist, eine Protestantin, eine Atheistin. Eine Muslimin, eine Jüdin.

Wir bringen die beiden letztgenannten Beiträge, weil es immer gut ist, die Sicht Anderer auf die eigene Religion zu sehen, und weil mich bei beiden die Offenheit beeindruckt, die Bereitschaft, sich auf die andere Religion einzulassen, zu differenzieren, beinahe könnte man sagen: teilzunehmen.

An dem jüdischen Beitrag ist mir außerdem wichtig, dass er das Reformjudentum in unser Blickfeld rückt; es entspricht etwa dem freien Christentum bei uns. Dass es innerhalb des Gesamtjudentums heute die stärkste Bewegung ist, taucht bei uns in den öffentlichen Diskussionen nicht auf, weil es hier aus historischen Gründen zahlenmäßig (noch?) eine Minderheit ist. Dabei stehen zumindest diejenigen unter den freien Christen, die wie wir Trinität, Gottheit Jesu und Sühnetod ablehnen, dem Reformjudentum in mancher Hinsicht näher als manchen christlichen Gruppierungen.

Brigitte Hoffmann

»Ihre Kirche macht mir Sorgen«

Leider betont Benedikt XVI. das Abgrenzende, nicht das Einende.

Ein Brief der Muslimin Lamya Kaddor an den Papst:

In letzter Zeit schaue ich mit Sorgen auf die katholische Kirche. Aus Kathedralen, Einrichtungen und Verbänden dringen vor allem negative Nachrichten - Skandale hier, Kirchenaustritte dort. Man kommt nicht um die Feststellung herum: Diese Kirche hat ein gewaltiges Imageproblem. Wo sind die freudigen Botschaften geblieben? Von den Kanzeln kommen zu Feiertagen außerhalb der Liturgien fast nur noch ritualisierte Worte. Viele Aussagen sind vorhersehbar, wenige inspirierend.

Selbst ich als Muslimin vermisse unter Katholiken merklich die Glaubensfreude. Das Ja zu Gott um seiner selbst willen tritt zusehends hinter die Ängste um die Institution Kirche zurück. Gleichsam verblasst die Nächstenliebe. Dabei sind beides in meinen Augen doch genau die Dinge, die das Christentum auszeichnen. Doch statt anderen mit Respekt und mit offenen Armen zu begegnen, haben wir es vor allem mit Abgrenzungen zu tun: Muslime werden in der Regensburger Rede des Papstes (2006) mit Ausführungen über vermeintliche Unzulänglichkeiten ihres Propheten vor den Kopf gestoßen; Protestanten werden mit den Worten brüskiert, dass sie »nicht Kirchen im eigentlichen Sinn« seien, und Juden durch die Änderungen der Karfreitagsfürbitte...

Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin und muslimische Religionspädagogin, ist Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes.

 

Dieser Artikel ist für die Internetausgabe der »Warte« leider nicht freigegeben. Lesen Sie den vollständigen Artikel in der gedruckten Ausgabe der »Warte« oder in »Publik-Forum«, kri­tisch - christlich - unabhängig, Oberursel, Ausgabe 17/2011, Seite 43.

 

»Wir sind nicht eingeladen«

Eure Heiligkeit, in diesen Tagen erinnere ich mich zurück an Ihre Wahl zum Papst, im April 2005. Ich lebe seit vielen Jahren in Nähe zum Kölner Dom und konnte so auch als Jüdin hautnah zunächst die große Erschütterung erfahren, die der Tod Ihres Vorgängers in der katholischen Welt auslöste, und dann teilhaben an der Spannung, mit der das Konklave verfolgt wurde. Der »Dicke Pitter«, die größte Glocke des Doms, die regelmäßig nur in der Silvesternacht zu hören ist und deren Schwingungen man lange spürt, bevor sie dann auch hörbar werden, hat alle Ereignisse mit ihrem Geläut begleitet. Sie hat nacheinander der ganzen Stadt Trauer, Spannung und - mit dem längsten Läuten - Freude über Ihre erfolgte Wahl verkündet.

Am Freitag der gleichen Woche wurde ich in meiner Londoner Heimatsynagoge, Westminster Synagogue, vom dortigen Rabbiner mit den Worten begrüßt: »How good to see you, I understand you are Pope now!« Natürlich bezog er sich auf die Schlagzeile der Bild-Zeitung, die am 20. April Ihre Wahl auf der Titelseite mit »Wir sind Papst« in einen nationalen Kontext gestellt hatte.

So britisch-humorig das klang, damit angesprochen war die ganze Reihe von Identifikationsfragen zu Kultur, Sprache und letztlich Glaubensüberzeugung, die seit Ihrer Wahl im Kern immer wieder und mehr als in irgendeiner anderen gesellschaftspolitischen Frage in der leidigen Diskussion um die sogenannte deutsche Leitkultur zutage traten. Seit 2005 haben wir vor allem die politisch motivierte Ausweitung dieses Begriffs erlebt: aus wahltaktischen Gründen wurde das zuvor christliche Abendland zum christlich-jüdischen Abendland...

Sonja Güntner, Vorsitzende der Union progressiver Juden in Deutschland.

 

Dieser Artikel ist für die Internetausgabe der »Warte« leider nicht freigegeben. Lesen Sie den vollständigen Artikel in der gedruckten Ausgabe der »Warte« oder in »Publik-Forum«, kri­tisch - christlich - unabhängig, Oberursel, Ausgabe 17/2011, Seite 44.

Wächst das Reich Gottes?

Oder ist es schon vollkommen präsent?

Einerseits beschreiben Worte wie Lk 17,21 (»mitten unter euch«) oder Lk 14,16 (großes Gastmahl) die vollständige Präsenz des Gottesreiches. Andererseits sprechen aber die sogenannten Wachstumsgleichnisse klar von seinem Wachsen und Umsichgreifen. Dieser scheinbare Widerspruch verweist darauf, dass Jesus offenbar zwei Aspekte im Blick hatte, welche zusammengehören.

Der eine Aspekt befasst sich mit dem Wesen der Welt. Wir müssen nicht auf Erlösung hoffen, es ist schon alles bereit. Jesus hat uns für die stetige Gegenwart des Gottesreiches die Augen geöffnet. Niemand muss erst noch auf Gottes Eingreifen warten. Im Sinne des Charakters der Welt ist das Reich Gottes vollständig und überall präsent.

Der andere Aspekt betrifft den Zustand der Welt. Ungeachtet aller Missstände leben damals wie heute Menschen dem Reich Gottes gemäß und erfahren daran große Freude. Dennoch ist die Welt keineswegs überall im Zustand des Reiches Gottes: noch nicht überall trachten Menschen nach Frieden und Solidarität. Hinsichtlich des Zustandes der Welt muss das Reich Gottes wachsen, indem mehr Menschen als bisher umdenken und ihr Verhalten ändern. Aus heutiger Sicht ist dabei kein rasches oder stetiges Wachstum zu erwarten. Die Ergebnisse solcher Entwicklung werden sich wohl nur unter Rückschlägen einstellen. Zugleich ist aber völlig klar: Je mehr Menschen die Welt als Reich Gottes wahrnehmen und also umdenken, desto mehr wird der Zustand der Welt dem Reich Gottes entsprechen. Fazit: Dem Wesen nach ist die Welt schon jetzt Reich Gottes. Doch damit ihr Zustand diesem Wesen mehr als bisher entsprechen kann, müssen wir Menschen unser Verhalten ändern.

Im Verständnis der Kirchen leben wir in einer »noch nicht erlösten Welt« (Barmer Erklärung These 5). Nach dieser Auffassung kann die Präsenz des Reiches Gottes nur unter Einschränkungen gelten. Kirchliche Theologie bringt dies in der Formulierung »schon - und noch nicht« zum Ausdruck: Das Reich Gottes sei zwar schon anfanghaft nahe gekommen, wirklich begonnen habe es aber noch nicht. Die Anbruchsworte und Wachstumsgleichnisse der Jesus-Überlieferung sprechen dagegen eine völlig andere Sprache: Sie beschreiben das Gottesreich als vollkommen präsent. Es ist herbeigekommen und jetzt da; gerade weil dies schon so ist, wird und kann es sich durchsetzen. Unter Anhalt an der Jesus-Überlieferung lässt sich das Begriffspaar »schon - und noch nicht« also nur in dem Sinne verstehen, dass der Reich-Gottes-Charakter der Welt schon überall präsent ist, ihr Zustand jedoch diesem ihrem Charakter noch nicht überall entspricht. Dem »Schon« kommt somit die entscheidende Bedeutung zu: es betrifft das Wesen der uns umgebenden Welt, und gerade deshalb erweist sich das »Noch nicht« als prinzipiell überwindbar.

Diskussionspapier der »Ökumenischen Initiative Reich Gottes - Jetzt!«

LESEPROBE

Die historisch-kritische Analyse in Werner Zagers Jesus-Buch

Dieser Ausgabe der »Warte des Tempels« ist der Aufsatz »Jesu Botschaft vom Reich Gottes« von Prof. Dr. Werner Zager, dem Präsidenten des Bundes für Freies Christentum, beigelegt.

»Historische Rückfragen nach Jesus und der frühchristlichen Verkündigung« werden von Werner Zager auch in seinem gleichnamigen Buch gestellt, das in der »Warte«-Beilage angezeigt ist. Wir wollen unseren Lesern hier einen Ausschnitt aus dem Schluss des Kapitels »Die Auferstehung Jesu« vorstellen.

Die historisch-kritische Analyse der neutestamentlichen Ostertexte ergab, dass die Geschichten vom leeren Grab und von den Erscheinungen des Auferstandenen späte Gemeindebildungen sind. Da Paulus sein Damaskuserlebnis mit den Erfahrungen der übrigen Osterzeugen auf eine Stufe stellt, müssen sämtliche Erscheinungen Jesu als Visionen beurteilt werden.

Tiefenpsychologische Exegese, Halluzinationsforschung sowie die angeführten religionsgeschichtlichen Parallelen legen es nahe, von subjektiven Visionen zu sprechen.

Albert Schweitzer urteilt daher völlig richtig über David Friedrich Strauß’ Werk »Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet« - gerade im Blick auf Strauß’ Ausführungen zu Tod und Auferstehung Jesu -, wenn Schweitzer in der »Geschichte der Leben-Jesu-Forschung« schreibt: »Diese Abschnitte sind weit entfernt, ihre Bedeutung inzwischen verloren zu haben. Sie haben das Terrain geschaffen, auf dem die heutige Forschung sich bewegt, und enthalten die Totenscheine einer Reihe von Erklärungen, die auf den ersten Augenblick ganz lebensfähig erscheinen und es doch nicht sind. Wenn sie noch heute in der Theologie umgehen, tun sie es als Gespenster, die man durch den bloßen Namen David Friedrich Strauß in die Flucht zu treiben vermag, und die sich überhaupt nicht mehr zeigen könnten, wenn diejenigen Theologen, die auf das Leben-Jesu von 1835 als auf ein überwundenes Buch zurückblicken, sich die Mühe gäben, es zu lesen.« »Strauß ist nicht nur ein Zerstörer unhaltbarer Lösungen, sondern auch der Prophet einer kommenden Wissenschaft.«

Wenn aber Kreuz und Auferstehung nicht mehr das eine große Heilsereignis darstellen, so werden wir ganz auf die geschichtliche Person Jesu geworfen. Ob Jesus für uns lebendig ist oder uns lediglich als eine Größe der Vergangenheit erscheint, entscheidet sich daran, ob uns seine Worte und sein Verhalten überzeugen, uns umtreiben und uns den Weg ins Leben weisen. »Als ein Unbekannter und Namenloser kommt er zu uns, wie er am Gestade des Sees an jene Männer, die nicht wussten, wer er war, herantrat. Er sagt dasselbe Wort: Du aber folge mir nach! Und stellt uns vor die Aufgaben, die er in unserer Zeit lösen muss« (A. Schweitzer, Geschichte der Leben-Jesu-Forschung).

Über das Anfertigen von arabischen Nadelspitzen

Man nehme…

... eine einfache Nähnadel und einen weißen Baumwollfaden und fertige damit arabische Nadelspitzen an, wie sie früher in Nazareth hergestellt worden sind. Ob man sich dort noch darauf versteht, das entzieht sich leider meiner Kenntnis.

Eine ganz besondere Frau, Frieda Grossman geb. Ruff, beherrschte diese Kunst. Sie hat eine selbst geschriebene Anleitung dafür hinterlassen, die uns von ihrer Enkeltochter Ursula Vorster-Leder zur Verfügung gestellt worden ist.

Seitdem ich das Buch in Händen habe, komme ich aus dem Staunen nicht heraus. Frieda Grossmann hat sich die Mühe gemacht, Schritt für Schritt dieser Handarbeit aufzuschreiben. In ihrer klaren und schönen altdeutschen Schrift führt sie durch die vielfältigen Muster, denen sie selbst gearbeitete Beispiele, einfache Borten, komplizierte Spitzen, beigefügt hat.

Ehe Frieda Grossmann mit ihrer Erläuterung beginnt, stellt sie einige technische Begriffe vor: der Knoten ist eine Schlinge und der Stich ist der von einer Schlinge zur nächsten laufende Faden. Dann wird noch das »Rückwärtsarbeiten« vorgestellt, das in gleicher Weise wie der Vorwärtsgang auszuführen sei. Danach folgt die Ausführung:

Bearbeitung der arabischen Nadelspitze

Die arabische Nadelspitze wird mittelst einer Nähnadel und Faden ausgeführt. Die Spitze entsteht aus lauter Knoten (Schlingen). Der einfache Knoten wird wie folgt gemacht: Das Ende des Fadens, welcher in die Nadel eingefädelt ist, wird zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand gehalten, mit der Nadel darunter gestochen, die Fäden von der Nadel ausgehend, unterhalb der Nadel, von rechts nach links um die Nadel geschlungen, mit der linken Hand die Fäden haltend, wird die Nadel herausgezogen. Die somit entstehende Schlinge wird fest angezogen - darauf ist besonders zu achten. Die Übung macht alles bei dieser Arbeit, deren Schönheit erst mit der gleichmäßigen Arbeit zur Geltung kommt.

Arabische Nadelspitze

Als Anfang wird gewöhnlich zuerst auf einem weißen Streifenband gearbeitet, kleine Stichlein in gleichmäßiger Entfernung. Für Kinder ist es am leichtesten zu erlernen, wenn sie zuerst Übungen auf einem Streifen Band machen, die linke Hand kann die Arbeit besser halten.

Der Fuß ohne Band wird wie folgt gemacht: Der Faden wird doppelt oder dreifach gelegt, darauf zuerst ein fester Knoten, dann einen etwas größeren Stich in denselben zurückstechen und dann aber nur einen blinden Knoten machen. (Der blinde Knoten heißt diejenige Schlinge, bei welcher der Faden von der Nadel ausgehend, nicht unterhalb der Nadel herumgeschlungen wird, sondern: der einzelne Faden von der Nadel ausgehend, wird von rechts nach links über die Nadel geworfen, dann die Nadel herausgezogen).Somit entstehen die Viereckchen, welche zu einem schönen Fuß dienen. Bevor das Muster zur Spitze angefangen wird, werden eine Reihe kleiner Stichlein gearbeitet, um den Viereckchen den nötigen Halt zu geben. (Siehe Vergrößerung).«

In dieser Art werden über 20 Spitzenformen beschrieben und vorgestellt. Wer nun Lust bekommen hat, sich in dieser besonderen Kunst zu versuchen, der kann sich im Archiv in Degerloch die Kopie des Buches ausleihen - eine zweite habe ich für die TSA nach Melbourne an Frieda Grossmanns Nichte Karin Ruff geschickt, die gerade dabei ist, das Leben ihrer Tante aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Stützen kann sie sich dabei auch auf ein Tagebuch der fleißigen Tante, das Ursula Vorster-Leder ebenfalls zur Verfügung gestellt hat.

Frieda Grossmann war eine außergewöhnliche Frau, die ich selbst in allerschönster Erinnerung habe. Ihr Leben sei hier jetzt nur in Stichworten nachgezeichnet: Sie wurde am 2.Juni 1884 in Nazareth als Tochter von Paul Gottlieb Ruff und dessen Frau Christine Magdalene geb. Hesselschwerdt geboren. Arabische NadelspitzenMit 18 Jahren fand sie im »Hotel Tiberias« in Tiberias Arbeit, das Richard Julius Grossmann (aus Stuttgart) 1884 zusammen mit Philipp Krafft (aus Haifa) gegründet hatte. Sie avancierte 1904 von der Hausdame zur Dame des Hauses und führte nicht nur das Hotel nach dem frühen Tod ihres Mannes (1916) erfolgreich weiter, sondern musste sich auch allein um ihre drei noch kleinen Kinder kümmern: Dorothea Vorster (1906-2003), Fritz (1908-1938) und Richard-Rix (1914-2007).

Im II. Weltkrieg wurde Frieda Grossmann in Sarona interniert, zusammen mit ihrer seit 1938 verwitweten Schwiegertochter Margret - Ehefrau von Fritz - und deren beiden kleinen Töchtern. Da sich Margret inzwischen mit dem englischen Offizier Shan Hackett verlobt hatte, wurden die vier am 7. April 1941 aus der Internierung entlassen. Die Rückkehr nach Tiberias blieb den Grossmanns verschlossen. Sie ließen sich in der deutschen Kolonie Jerusalem nieder und bezogen das Haus von Theodor Fast. Sie konnten sich frei bewegen, zum Baden nach Jaffa fahren und auf dem Rückweg in Ramallah Kaffee trinken. Dieser Umstand berührt mich heute eigenartig, wenn ich mich an damals erinnere, wir alle hinter dem Stacheldraht - und ein paar von uns waren draußen frei...

Frieda Grossmann starb am 22. Januar 1972 im Haus ihrer Tochter Dorothea Vorster in Alt-Mühlendorf bei Warder in Schleswig-Holstein.

Brigitte Kneher

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