Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 168/1 - Januar 2012

 

 

Der Januar

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Der Weihnachtsmann ging heim in seinen Wald.
Doch riecht es noch nach Krapfen auf der Stiege.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Man steht am Fenster und wird langsam alt.

Die Amseln frieren.
Und die Krähen darben.
Und auch der Mensch hat seine liebe Not.
Die leeren Felder sehnen sich nach Garben.
Die Welt ist schwarz und weiß und ohne Farben.
Und wär so gerne gelb und blau und rot.

Umringt von Kindern wie der Rattenfänger,
tanzt auf dem Eise stolz der Januar.
Der Bussard zieht die Kreise eng und enger.
Es heißt, die Tage würden wieder länger.
Man merkt es nicht. Und es ist trotzdem wahr.

Die Wolken bringen Schnee aus fremden Ländern.
Und niemand hält sie auf und fordert Zoll.
Silvester hörte man's auf allen Sendern,
dass sich auch unterm Himmel manches ändern
und, außer uns, viel besser werden soll.

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und ist doch hunderttausend Jahre alt.
Es träumt von Frieden. Oder träumt's vom Krieg?
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und stirbt in einem Jahr. Und das ist bald.

Erich Kästner

Die Jerusalemer Urgemeinde

In früheren Nummern der Warte haben wir zwei Beiträge zum Thema der Christlichen Gemeinde gebracht, die zwei sehr verschiedene Auffassungen wiedergeben (»Acker, Bauwerk, Tempel«, September 2011 und »Wer ist drinnen, wer draußen?«, Oktober 2011).

Ich möchte das ergänzen durch einen Blick auf die Jerusalemer Urgemeinde, die für Christoph Hoffmann, aber auch für viele andere, als das Urbild christlicher Gemeinschaft galt und gilt: eine Gruppe von Menschen, die Anhänger des Propheten aus Nazareth geworden waren, die »an ihn glaubten« und nun in engster Gemeinschaft lebten, noch ganz ohne Organisation, aber so erfüllt vom Geist Jesu, dass auch ohne Regeln vollkommene Einigkeit herrschte.

Teil I: Die Gemeinde

Fast alles, was wir darüber wissen, stammt aus den Kapiteln 2-7 der Apostelgeschichte des Lukas. Sie ist wohl in den achtziger Jahren des 1. Jahrhunderts n. Chr. geschrieben, also ca. 50 Jahre nach der Entstehung der Urgemeinde und 10 bis 20 Jahre nach ihrem Untergang im jüdisch-römischen Krieg, wahrscheinlich in einer kleinasiatischen Gemeinde. Lukas hat also die Urgemeinde nicht gekannt. Er beruft sich auf die, »die es von Anfang an selbst erlebt haben«, sicher zu Recht. Aber diese Augenzeugen waren keine objektiven Beobachter, so wie auch Lukas kein objektiver Historiker war. Sie waren tief überzeugt von Jesu Botschaft (oder dem, was in 50 Jahren daraus geworden war), wollten deren Wahrheit und Überlegenheit beweisen. Sie sahen das Gute, weil sie es sehen wollten, anderes kam nicht ins Blickfeld.

Und so zeichnet Lukas das Idealbild dieser ersten christlichen Gemeinde: ihre Einmütigkeit, die Wunderheilungen der Apostel und ihren Bekennermut in der Auseinandersetzung mit den Hohepriestern, den Zulauf des Volks, Zitat (Apg. 2, 44-47): » Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie unter alle, je nach dem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel« - sie betrachteten sich also nach wie vor als Juden - »und brachen das Brot hier und da in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlgefallen beim ganzen Volk.«

Für uns ist das beeindruckendste »Alleinstellungsmerkmal« an diesem Bericht die Gütergemeinschaft, der Verzicht auf allen Besitz, quasi das größtmögliche Opfer. Auch für Lukas war das wichtig, er beschreibt es an anderer Stelle noch einmal. Und auch wenn der Verdacht einer frommen Überzeichnung nahe liegt - mir erscheint diese freudige Besitzlosigkeit durchaus glaubwürdig.

Das hatte Jesus immer wieder gepredigt und selbst vorgelebt. Und es war der einfachste, eindeutigste Ausdruck für das »ändert euren Sinn!«, dafür, dass man ein anderes Leben führen, ein anderer Mensch sein wollte. Mindestens ebenso wichtig war ein Zweites: die ersten Christen waren überzeugt, dass in ganz naher Zukunft Jesu wiederkehren und Gottes Reich aufrichten werde: in einer Woche, einem Jahr, spätestens in ein bis zwei Jahrzehnten, siehe das Jesuswort: «Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken...«. Dann war Besitz sowieso irrelevant.

Aber, bei aller Geisterfülltheit: eine solche Gemeinde lebt unproduktiv. Lukas schreibt: Sie litten keinen Mangel. Das stimmte wohl, solange der eingebrachte Besitz reichte - wie lange das dauerte, wissen wir nicht. Aber in den Briefen des Paulus, also in den fünfziger Jahren, ist mehrfach die Rede davon, dass er in seinen Gemeinden Geld für die Jerusalemer Brüder sammelte. Spätestens dann lebte die Jerusalemer Gemeinde auf Kosten anderer.

Und Lukas berichtet aus der Anfangszeit noch ein anderes interessantes Detail. Es gab in der Gemeinde sog. »griechische Juden« - wohl griechischsprachige, die aus der Diaspora zu den Jesusanhängern gestoßen waren und die sich wahrscheinlich nicht nur durch die Sprache, sondern auch durch einen freieren Lebensstil von den Alteingesessenen unterschieden. Diese griechischen Juden murrten, dass ihre Witwen bei der täglichen Versorgung »übersehen«, also nicht oder zu wenig bedacht wurden. Die Apostel, gemeint sind die Führer der Gemeinde, erkannten wohl, dass sie sich darum zu wenig gekümmert hatten, und schlugen vor, sieben Diakone zu wählen, die für die gerechte Verteilung sorgen sollten, so dass sie, die Apostel, frei wären für ihre eigentliche Aufgabe, »das Gebet und den Dienst am Wort«. Das geschah offenbar zur Zufriedenheit aller - diese Arbeitsteilung wurde zum Vorbild auch für andere Gemeinden. Die Gemeinde war also durchaus in der Lage, Probleme einvernehmlich und vernünftig zu lösen, es zeigt sich aber zugleich, dass auch die geisterfüllte Urgemeinde sich mit den banalen Problemen des Alltags - modern gesprochen: der Verteilungsgerechtigkeit - herumschlagen musste.

Das macht zumindest mir die Urgemeinde eher sympathisch. Sie wird dadurch aus einer fremden Heiligenlegende zu etwas Realem, das Vorbildcharakter haben kann.

Teil II: Hananias und Saphira

Das ist eine relativ ausführlich erzählte Episode in dem Bericht von der Urgemeinde, die auf ihre Art bezeichnend ist. Ich erzähle kurz den Hergang: Ein Ehepaar ist in die Gemeinde aufgenommen worden. Der Mann, Hananias, verkauft seinen Acker und legt, wie üblich, den Erlös Petrus zu Füßen - allerdings nicht wie üblich den ganzen Betrag, sondern nur einen Teil. Ob er behauptete, das sei die ganze Summe, erfahren wir nicht - vielleicht erwartete er, dass man das fraglos annehmen würde. Stattdessen sagt ihm Petrus den Betrug auf den Kopf zu, er fällt daraufhin tot zu Boden, und wird sofort begraben. Einige Stunden später kommt seine Frau Saphira. Petrus fragt sie, ob das Geld, das ihr Mann gebracht habe, der ganze Erlös für ihren Acker gewesen sei. Sie bestätigt das - und daraufhin fällt auch sie tot um.

Auf den ersten Blick denkt man: wieder eine von den übertriebenen, ganz und gar unwahrscheinlichen Wundergeschichten. Aber wie und warum kommt diese unerfreuliche Geschichte in den Bericht, der die Heiligmäßigkeit der Urgemeinde anschaulich machen will?

Es könnte sein, dass der erste Teil sich tatsächlich so zugetragen hat. Dafür, dass Petrus den Betrug oder Halbbetrug durchschaute, braucht es kein Wunder. Vielleicht wusste jemand in der Gemeinde, was der Acker des Hananias wert war; vielleicht spürte er das Schuldbewusstsein des andern. Vielleicht hatte Hananias eine schwache Konstitution und Schreck und Scham über die unerwartete Entlarvung lösten einen Schreck aus, an dem er starb. Und das war so spektakulär, dass es weiter erzählt und der spätere Tod der Saphira mit hinein verwoben wurde, als Verstärkung der Pointe.

Über die Motive des Hananias erfahren wir nichts. Er war freiwillig zur Gemeinde gekommen, und er musste eigentlich wissen, dass Besitzlosigkeit ihr ungeschriebenes Gesetz war. Mit dem zurückbehaltenen Teilbetrag hätte er in der Gemeinde gar nichts anfangen können. Die naheliegendste Erklärung: von dem Ertrag des Ackers hatten nicht nur er und seine Frau gelebt, sondern seine ganze Familie: Eltern, Geschwister, Kinder. Wenn der Acker nicht mehr zur Verfügung stand, brauchten sie wenigstens einen Teil des Erlöses, um zu überleben. Das ist zwar nur eine Vermutung. Aber es ist ein Aspekt des Wegschenkens von Besitz, der sicher nicht nur Hananias betraf. Für uns wäre das eine durchaus ehrenwerte Begründung. Aber das getraute Hananias sich nicht zu sagen, weil er befürchtete, dann ausgegrenzt zu werden.

Aber das interessierte niemanden. Petrus fragte zwar danach: »Warum hat Satan dein Herz verführt, dass du ...?« Das ist zwar formal eine Frage, aber inhaltlich ist es die Antwort. Petrus brauchte keine andere, Hananias erhält keine Gelegenheit, eine zu geben. Dem Erzähler Lukas kommt es auf etwas anderes an.

Er legt es Petrus in den Mund: »du hast nicht Menschen, sondern Gott belogen.« Unausgesprochen schwingt mit: das ist unentschuldbar.

Das klingt unheimlich, nach Sakrileg und Gotteslästerung; nach einem archaischen Gott, der beleidigt wird und sich rächt, nicht nach dem Gott Jesu, der dem Sünder verzeiht Für unser Empfinden hat Hananias nicht Gott belogen, sondern die Gemeinde. Und wir würden eher umgekehrt urteilen: wer einen Menschen betrügt, weiß, dass dieser eine darunter leiden wird. Wer eine Gesamtheit betrügt, geht davon aus, dass das niemand besonders weh tun wird. Die gleichen Leute, die nie eine Handtasche stehlen würden, betrachten Steuerhinterziehung als Kavaliersdelikt. Vielleicht hatte Hananias ähnlich gedacht. Jetzt, unter der Drohung des Petrus, bricht er tot zusammen.

Dieser Tod (und der Saphiras) ist der Höhepunkt, um dessentwillen die Geschichte erzählt wird: der Tod, für den es nur eine einzige Erklärung gibt. Gott selbst hat eingegriffen. Lukas sagt das an keiner Stelle direkt, aber er erzählt so, dass sich diese Erklärung fast von selbst ergibt. Gott hat den (die) Sünder bestraft, auf der Stelle, unwiderruflich mit dem Tod, ohne die Chance einer Erklärung oder einer Reue, ohne Gnade für eine Sünde, die uns verständlich erscheint, eine Sünde aus Angst.

Das ist ziemlich genau das Gegenteil dessen, was Jesus gelehrt hat: er hat den Jüngern verwehrt, in Krankheit eine Strafe Gottes zu sehen, er hat sich nie auf ein direktes göttliches Eingreifen berufen - auch bei seinen Heilungen nicht -, er hat Zeichen und Wunder als Mittel der Verkündigung abgelehnt, und er hat uns einen Gott gezeigt, der die Sünder annimmt.

Der das schreibt, ist derselbe Lukas, der uns - als einziger - das Gleichnis vom verlorenen Sohn übermittelt, der, vielleicht besser als irgendein anderer Text, das Gottesbild Jesu spiegelt.

Wie war das möglich? Lukas schrieb zu einer Zeit, als die jungen christlichen Gemeinden es noch schwer hatten, sich gegen Juden einerseits, Heiden andererseits und Richtungskämpfe im Innern zu behaupten. Vielleicht wollte er ihnen Mut machen, indem er ihnen die Urgemeinde als Vorbild darstellte und zugleich zeigte, wie Gott quasi eigenhändig diese Gemeinde beschützte.

Sicher wollte er weitere potenzielle Sünder abschrecken. Der letzte Satz der Erzählung lautet: »Und es kam eine große Furcht über die ganze Gemeinde und über alle, die das hörten«.

Diese Geschichte ist tatsächlich zum Erschrecken, allerdings anders, als es hier gemeint ist. Hätte Gott tatsächlich so gehandelt, wie Lukas es ihm unterstellt, und hätte die Gemeinde »geschützt«, indem er die Sünder darin tötete und dadurch alle andern in Furcht und Schrecken versetzte, so hätte das kaum zum Gedeihen der Gemeinde beigetragen; und vor allem: es wäre eine Perversion dessen gewesen, was Jesus über Gott gelehrt hatte. »Er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte«. Und der Widerspruch war nicht einmal dem Evangelisten Lukas aufgefallen.

Diese Episode ist in verschiedener Hinsicht aufschlussreich. Zum einen zeigt sie - wie viele andere Quellen auch -, wie schnell in der christlichen Verkündigung ganz andere Themen und Gesichtspunkte Raum gewannen als diejenigen, die für Jesus selbst maßgeblich gewesen waren. Sie zeigt auch, dass auch in der Urgemeinde Gutes und Böses ineinander verwoben waren - im Gegensatz zur bewussten Erzählabsicht des Lukas.

Vor allem aber zeigt sie eines: wie gefährlich es sein kann, wenn eine Gemeinschaft überzeugt ist, von Gott auserwählt, mehr als alle anderen vom Geist Gottes erfüllt zu sein. Sie nimmt dann leicht für sich in Anspruch, im Namen Gottes zu sprechen, und verachtet und bekämpft alle diejenigen, die ihr darin nicht folgen und ihre Regeln nicht anerkennen. Das muss nicht so sein, aber Geschichte und Gegenwart sind voll von Beispielen, wie verheerend sich eine solche fromme Selbstüberhebung auswirken kann.

Brigitte Hoffmann

Die Zukunft gestalten

Stimmen junger Templer zum 150er Jubiläum der TG

Im Sonderheft der Temple Society Australia über das 150-jährige Bestehen der Tempelgesellschaft wurden auch junge Mitglieder in Australien um ihre Meinung gebeten zum Leitwort des Jubiläums »Facing the future - Reflecting the past« (»Der Zukunft begegnen - Im Bewusstwerden des Vergangenen«). Es sind ja gerade die jüngeren Mitglieder, denen die Herausforderungen der Zukunft gelten und die die Frage beantworten müssen, wie unsere Zukunft denn aussehen könnte. Im Folgenden geben wir zwei dieser Meinungsbeiträge wieder.

Die Tempelgesellschaft der Zukunft

Als ich die Frage, wie ich der Zukunft begegnen will, zum ersten Mal hörte, beantwortete ich sie zunächst mit einem Achselzucken und einem verständnislosen Blick. Wie sollte ich denn das wissen!? Wenn da nicht eine hellseherische Veranlagung vorhanden ist, wie sollte irgendjemand diese Frage beantworten können. Doch da war etwas, über das man nachdenken konnte, etwas, über das man Vermutungen anstellen konnte. Unweigerlich geht die Frage uns alle an, die Älteren und die Jüngeren. In der gegenwärtigen Zeit umfasst Religion ein sehr weites Spektrum unterschiedlicher Glaubensüberzeugungen. Alles ist wohl in der Zukunft möglich.

Ich habe in letzter Zeit festgestellt, dass in unseren Gottesdiensten und im »Templer Record« der Ausdruck »Gott« nicht mehr so häufig vorkommt wie früher. Was wir früher ganz einfach mit »Gott« bezeichneten, wird hin und wieder mit »höherer Macht« oder »anderem Wesen« ausgedrückt. So finden unterschiedliche Glaubensvorstellungen Eingang auch in unsere Tempelgemeinde. Diese Vorstellungen können ihre Entstehung innerhalb der Gemeinde haben oder auch von außerhalb hereingekommen sein. Oder aus den Medien oder von religiösen Gruppen stammen. Oder ein Ergebnis des eigenen Nachdenkens über Werte und Moral sein.

Aber auch wenn es verschiedene Sichtweisen gibt, so haben wir in unserem Tempelglauben doch etwas Gemeinsames: wir beziehen uns auf die Werte, die in Jesu Lehre enthalten sind. Man könnte sagen, dass wir eine Gemeinschaft gleichen Glaubens sind, weil sich diese Lehre als wahr erweist. Deshalb wird die Tempelgesellschaft weiterleben, auch wenn unterschiedliche Sichtweisen bestehen.

Die templerische Auffassung ist die, dass wir, als Einzelne und als Gemeinschaft, einen geistigen Tempel Gottes darstellen (oder einer »höheren Macht«, wenn man so will). Wir fühlen uns mit all denen verbunden, die für das Wohl der Menschen eintreten und die bereit sind, unterschiedliche Auffassungen von »Gott« zu respektieren. Es ist unser Ziel, Jesu Botschaft der Liebe in die Praxis des täglichen Lebens umzusetzen, ungeachtet der jeweiligen Glaubensvorstellung. Wenn wir darin weitermachen, wird unser Vertrauen in die Zukunft der Gemeinschaft stark bleiben und wir werden an den Werten in Jesu Lehre festhalten. Solange wir im täglichen Leben diese Werte hochhalten, sind wir lebendige Bausteine von Gottes Tempel.

Doch die Zukunft hält immer Unbekanntes bereit. Wird der Aufbau, wie er heute aussieht, auch in den kommenden Jahren Bestand haben? Selbst wenn sich unsere Glaubensvorstellungen nicht verändern sollten: wird die Art und Weise, wie wir sie in die Tat umsetzen, die gleiche bleiben? Und wäre das von Bedeutung?

Vor Kurzem gab es einen Familien-Gottesdienst in Bentleigh. Mir fiel auf, dass die Zahl der teilnehmenden jungen Leute sehr gering war. Ich erinnerte mich, dass in früherer Zeit, als ich ein Kind war, solche Gottesdienste voll waren mit kleinen Kindern, die mit ihren Geschwistern vor ihren Eltern auf dem Boden saßen. Seither bleiben die Sitzreihen weiterhin voll mit Eltern, aber ohne Kinder vor ihnen auf dem Boden.

Es kann dies nicht daran liegen, dass es keine Kinder mehr gibt, es scheint vielmehr, dass das Leben heutzutage umtriebiger geworden ist. Da gibt es Fußball und Schwimmen am Sonntagmorgen und Klavierstunde am Nachmittag. Auch für die Erwachsenen gibt es da Familienausflüge, Schichtdienst bei der Arbeit, Kaffee-Einladungen bei Freunden und das gelegentliche »Ausschlafen«. Anscheinend steht das Alltagsleben dem Gottesdienst im Wege. Bedeutet das, dass unser Glaube verschwunden ist? Dass unsere Überzeugungen weniger wert geworden sind, wenn sie nicht mehr durch unsere gewissenhafte Anwesenheit im Saal sichtbar werden?

Sollte inzwischen keine Kaffeemaschine erfunden worden sein, die nicht nur Kaffee kocht, sondern diesen uns auch ans Bett stellt, wird es in fünfzig Jahren keinen Vormittags-Gottesdienst mehr geben. Wird unser geistiger Tempel also brüchig? Wird der Wert von Jesu Lehre nicht mehr wert sein als ein Becher voll Kartoffelchips? Nein. Es bedeutet, dass wir uns der Lebensweise der Zeit angepasst haben. Wenngleich unser Alltag umtriebiger geworden ist, angefüllt mit Hin- und Herrennen, bedeutet das nicht, dass wir vergessen haben, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst. Es bedeutet nicht, dass unser Glaube und unsere Überzeugungen über Bord geworfen wurden.

Wenn ich gefragt werde, welcher Kirche ich angehöre, versuche ich so gut wie möglich verständlich zu antworten, aber auch, den Fragesteller über die Tempelgesellschaft zu informieren. Ich erhalte dann ein Kopfnicken und einen gelegentlich verständnislosen Blick, aber wenn ich dann davon erzähle, was ich in der Tempelgesellschaft tue, schenkt mir die Person ein freundliches Lächeln und äußert ihre Hochachtung. Wenn wir einmal die verschiedenen Auffassungen von »Gott« beiseite lassen und auch die Feststellung, wie oft unsere Leute den Saal besuchen oder sich fürs Ausschlafen entscheiden, vielleicht auch die Überlegungen, ob wir überhaupt so religiös sind wie wir »sein sollten« - dann kommt es für mich letzten Endes auf unser Gemeinschaftsgefühl an, das mich bewegt, an meinen Wertvorstellungen festzuhalten.

Ich kann dieses Gefühl beschreiben wie in einer anderen Familie zu sein, in einer Familie, die sich von meiner Familie und meinen sonstigen Beziehungen unterscheidet. Es ist eine Familie voll Liebe, voll Angenommensein und voll Menschen, die einen gemeinsamen Glauben haben. Deshalb gehe ich davon aus, dass, so lange wir eine Gemeinschaft dieser Art haben, unser gemeinsamer und individueller Glaube fortbestehen wird.

Jessica Blackwell (24)

Was das Jubiläums-Leitwort mir bedeutet

Ich möchte hier erzählen, was »Der Zukunft begegnen - Im Bewusstwerden des Vergangenen« für mich persönlich bedeutet. »Im Bewusstwerden des Vergangenen« - nun, die Tempelgesellschaft schaut auf eine lange Geschichte zurück, aber diese Geschichte begann bei mir, als ich ein kleines Kind in der Spielgruppe war. Da gab es Laternenumzug, Sommerfest, Kindergottesdienst, wieder Laternenumzug, ein weiteres Sommerfest - und das war alles schön und gut.

Als ich etwas älter wurde, kam ich in den Deutschunterricht und wurde stärker in das Sommerfest und die Laternenumzüge einbezogen. Als ich gestern Abend wieder einmal einen Laternenumzug beobachtete, war ich ganz schön aufgeregt. Ich erinnerte mich an die Zeit als Kind, als ich meine kleine Laterne aus einer leeren Milo-Dose hergestellt hatte. All diese Dinge hatten mir ein Bild der Tempelgesellschaft vermittelt.

Mit der Zeit formten sich in mir eigene Glaubensvorstellungen. Ich erhielt Hilfestellung durch Kindergottesdienst und Konfirmandenunterricht, aber auch durch meine Mutter, die ein langjähriges Mitglied in der Tempelgesellschaft ist, und von meinem Vater, der ebenfalls der Tempelgesellschaft angehört, aber auch ein Moslem ist. Heute habe ich meine eigenen Überzeugungen und bin dabei, die Zukunft mitzugestalten.

Aber wie begegnen wir dieser Zukunft? Begegnen wir einem Sturm? Einem Sturm, der sich zusammenbraut und gegen den wir uns schützen müssen? Ich glaube nicht. Ich glaube, dass wir die Zukunft sind. Indem ich mich hier auszudrücken versuche, baue ich an der Zukunft mit jedem meiner Worte, und wenn ich damit aufgehört habe, gehören diese Worte schon wieder der Vergangenheit an. Doch Zukunft ist, was wir aus ihnen machen. Ich denke, dass wir statt »Der Zukunft begegnen« sagen sollten »Die Zukunft gestalten«. Was jeder von uns morgen tun wird, zur Arbeit gehen oder zuhause bleiben, wird ein Teil dieser Zukunft sein, die wir gestalten wollen. Zusammen sind wir eine Gemeinschaft, wir leben in Deutschland, in Sydney und hier in Melbourne, und ich glaube, dass diese Gemeinschaft mit den Worten »Vertrauen«, »Anerkennung« und »Achtung« die Zukunft gestalten kann - und ich weiß, dass ich sehr gern dabei sein möchte!

Jevan Bouzo (24)

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Die Überwindung des Bösen

Die Feindesliebe und der Verzicht auf Rache

Das Böse ist keine überweltliche, unheimliche Macht. Es ist das, was wir Menschen uns gegenseitig antun. Es ist das, was uns das Leben schwer oder sogar manchmal unmöglich macht. Im Großen und im Kleinen. Und diejenigen, die uns das antun, das sind die »Feinde«. Es sind also primär nicht Fremde oder fremde Völker. Es sind meist die Leute, mit denen wir Umgang haben, solche, in denen wir Bekannte, Kollegen oder gar Freunde und Verwandte sehen. Es sind »Nächste«.

Das Alte Testament kennt dieses Problem genau. In der Weisheitsliteratur, und zwar in den Sprüchen Salomos, lesen wir: Freue dich nicht über den Fall deines Feindes, und dein Herz sei nicht froh über sein Unglück (Sprüche 24, 17).

Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brot, dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser, denn du wirst feurige Kohlen auf sein Haupt häufen, und der HERR wird dir's vergelten (Sprüche 25, 20-21).

Deshalb steht im Alten Testament das Racheverbot in enger Beziehung zum Gebot der Nächstenliebe: Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR (3. Mose 19,18).

Die Schritte zur Überwindung des Bösen sind also: Erstens der Verzicht auf Vergeltung des Bösen, das uns angetan wurde, durch eine andere böse Tat. Das Zweite ist, dass man den, der uns Böses angetan hat, trotz allem als Mitmenschen sieht, der ebenso unzulänglich und schwach ist, wie wir selbst. Das bedeutet, dass wir ihm so begegnen, wie wir wünschen, dass uns die Leute entgegentreten sollen.

Der Verzicht auf Rache und Vergeltung, die mitmenschliche Behandlung des »Feindes«, sind für das Alte Testament die Voraussetzung für ein Leben förderndes Zusammenleben der Menschen, also die Gerechtigkeit.

5. Mose 32,35 besagt: » Die Rache ist mein«. Das Böse zu vergelten und auszugleichen ist die »Sache Gottes« und nicht der Menschen.

Der Racheverzicht wird damit zur religiösen und ethischen Forderung. Rache schafft nie Gerechtigkeit, sondern nur neues Unrecht, das zu weiterem Unrecht führt. Schiller sagt in seinem Wallenstein: »das aber ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend Böses muss gebären«.

Wenn wir in Frieden leben wollen, ist es nötig, diese Fluchreihe zu unterbrechen, und »niemandem Böses mit Bösem zu vergelten«.

Das ist nicht leicht. Wir sind von der Natur darauf programmiert, Feinde abzuwehren und notfalls zu vertreiben. Den Frieden müssen wir erst lernen im Vertrauen auf das Leben und auf die Kraft, die das Leben sichert.

Es ist schwer, dem »Feind« positiv entgegenzutreten. Feindesliebe bedeutet aber nicht, dass man den Übeltäter in emotionaler Zuneigung und Sympathie umarmt. Das hat sie mit der Nächstenliebe gemeinsam. Es heißt, man soll ihn so behandeln, wie es ein Mitmensch, ein Nächster, von uns erwarten kann. Dieses mitmenschliche Verhalten gegenüber dem »Feind« rechnet damit, dass dieses Tun die Feindschaft überwinden wird und Friede das Leben erleichtert und schöner macht. Die Feindesliebe ist also ein auf die Zukunft ausgerichtetes Tun und orientiert sich nicht an der Vergangenheit. Sie ist insofern eine Frage der Vernunft und nicht der Emotion.

Das Neue Testament hat dieses Gedankengut des Alten Testaments vom Verzicht auf Rache und von der Feindesliebe voll übernommen. Jesus und die Urgemeinde, auch Paulus, sehen darin den ersten Schritt zu einem friedlichen Zusammenleben der Menschen dieser Erde, auf dem Weg zum »Königreich Gottes«.

Im Matthäusevangelium ist die Feindesliebe das Kernstück der Bergpredigt:

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte (Matthäus 5, 43-45).

Abgesehen davon, dass es im Alten Testament keinen Text gibt, der besagt, dass man seine persönlichen Feinde hassen solle, unterstreichen diese Worte die Regeln des Alten Testaments, der »Heiligen Schrift« Jesu und der Urgemeinde.

Paulus belegt in seinem Römerbrief seine Forderung an die Gemeinde, keine Rache auszuüben und Mitbrüdern, die sich verfehlt haben, hilfreich zur Seite zu stehen, mit Worten aus dem Alten Testament:

Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr. Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln«. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Römer 12, 19-21).

Wir sehen, das Neue Testament folgt auch bei diesem Thema voll, und zum Teil sogar wörtlich, dem Alten Testament. Die alten Texte, die vor zweieinhalb Jahrtausenden geschrieben wurden, waren zur Zeit Jesu hochaktuell, und sind es auch heute noch.

Otto Hammer

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