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Nachrufe Brigitte Kneher

Brigitte KneherAm 9. April verstarb Brigitte Kneher geb. Rohrer im Kranken­haus in Nürtingen - acht Tage nach ihrem 88. Geburtstag. Da hatte sie noch die Hoffnung auf eine Reha, die ihr nach ver­schiedenen monatelangen Krankenhausaufenthalten wieder 'auf die Beine' helfen sollte. Leider ist wegen der augenblick­lichen Situation ein Abschied, wie ihn Brigitte verdient hätte, nicht möglich. Eine Trauerfeier nach Monaten ist ebenfalls schwer vorstellbar und so haben wir uns dafür entschieden, an dieser Stelle verschiedene Stimmen zu ihrer Person zu Wort kommen zu lassen.

Als Tochter von Herbert (Herri) Rohrer und Margarete geb. Mäding wurde Brigitte am 1. April 1932 in Heidelberg geboren - die Mutter war extra zur Entbindung von Palästina nach Hei­delberg gereist. Zusammen mit ihrem älteren Bruder Hellmut wuchs sie zunächst glücklich in Jerusalem auf, bis die Familie ab Mai/Juni 1940 in die Internierung nach Sarona musste. Zusammen mit Mutter und Bruder kam sie mit dem Austausch 1941 nach Deutschland und wohnte bis zu ihrer Eheschließung mit Martin Kneher 1956 in Göppingen, dann zog das Paar nach Kirchheim/Teck, wo sich Brigitte bald ehrenamtlich betätigte. Beide wurden Mitglied in der Gesellschaft für christlich-jüdischen Zusammenarbeit, und in der Ausstellung "Jüdische Gemeinden in Württemberg - einst und jetzt" erfuhr Brigitte erstmalig, dass auch Kirchheim einst Siedlungsort von Juden gewesen war. Daraufhin begann sie, im Stadtarchiv und im Landesarchiv die Namen und die dahinter stehenden Familien ausfindig zu machen und zu erforschen. 1985 veröffentlichte sie ihre Erkenntnisse unter dem Titel "Chronik der jüdischen Bürger Kirchheims seit 1896" (samt einer Skizze der Häuser von Martin) in der Schriftenreihe Nr. 3 des Stadtarchivs und erhielt dafür 1987 den Geschichtspreis ihrer Heimatstadt. Doch nicht nur das, sie machte auch zwölf aktuelle Adressen ausfindig und begann, brieflichen Kontakt mit diesen jüdischen Familien aufzunehmen, und erreichte beim Oberbürgermeister, dass die früheren Kirchheimer offiziell in die alte Heimat eingeladen wurden. Den Briefkontakt hielt sie auch noch mit Kindern und Enkeln der Familien und durch die Besuche sind weitere Freundschaften entstanden. Beide, Brigitte und Martin, boten 'Stadt­führungen durch das jüdische Kirchheim' an; Brigitte wurde häufig auch von Schulen dafür angefragt. Dass dieses Thema vor allem bei der jüngeren Generation nicht in Vergessenheit gerät, war ihr ein besonderes Anliegen, wie sie sich überhaupt für junge Menschen einsetzte.

1995 veröffentlichte sie nach weiteren Untersuchungen "Das Schicksal einer Kirchheimer Zigeunerfamilie im Dritten Reich", ebenfalls in der Schriftenreihe des Stadtarchivs (Nr. 19).

Als 2006 eine Stadträtin die Initiative "Stolpersteine für Kirchheim" startete, wurde sie von Brigitte wesentlich unterstützt - laut Stadtarchiv wäre die Stolpersteininitiative ohne ihre Mitar­beit undenkbar gewesen. Bis heute sind 14 Stolpersteine in Kirchheim verlegt worden. 

2007 wurde ihr in Berlin das Bundesverdienstkreuz durch den Bundespräsidenten verliehen; in der Laudatio hieß es: »Für die Integration von Ausländerkindern, Kindern von Flüchtlingen, Asylbewerbern und Spätaussiedlern setzt sie sich seit mehr als dreißig Jahren ein. Sie unter­richtete auch selbst, konnte eine Vielzahl von Mitstreiterinnen gewinnen und stand ihren Schützlingen stets unterstützend als 'Patin' zur Seite, oftmals bis zum Erwachsenwerden. Da­mit zählt sie zu den Pionieren der heute vermehrt praktizierten Mentoren- und Patenschafts­modelle…«

Ihre Heimatstadt ehrte sie im Dezember 2016 nochmals, indem sie ihr die 'Kirchheimer Bür­germedaille' verlieh, ein Ehrenamtspreis, mit dem Bürger, die sich über die Maßen für das Gemeinwohl einsetzen, geehrt werden.

Aber auch bei uns in der Tempelgesellschaft war Brigitte aktiv - Peter Lange beschreibt ihre langjährige Tätigkeit für das Archiv, sie verfasste Beiträge für die 'Warte' und hielt Vorträge zu Templerthemen bei Tempelgründungsfeiern oder Dankfesten. Aufgrund der Entfernung zwi­schen Kirchheim und Degerloch konnte sie nicht an allen TG-Veranstaltungen teilnehmen, aber die großen Feste besuchte sie mit Martin regelmäßig. Die Agape- und die Weih­nachtsfeier bedeuteten beiden viel; sie waren auch regelmäßige Teilnehmer bei den Wochen­endseminaren und bei den Mitgliederversammlungen. Hier wurde immer deutlich, wie sehr Brigitte die Tempelgesellschaft am Herzen lag, und ebenso gehörte sie hier zu denjenigen, die sich bei allen, die sich für die Gemeinschaft einsetzten, im Namen aller Anwesenden be­dank­te. Gefragt, warum es die Templer heute noch gebe, nachdem doch die ursprüngliche Idee, das Volk Gottes zu sammeln, mit der Gründung des Staates Israel zu Ende gegangen sei, antwortete sie einmal in einem Interview: "Früher und heute geht es um die Schaffung und Ausbreitung christlicher Gesinnung und Gemeinschaft. Es geht darum, das Reich Gottes im Hier und Jetzt durch aktives Tun sichtbar zu machen." Nach dieser Maxime hat Brigitte ihr Leben ausgerichtet und die Welt um sich herum ein wenig besser gemacht. Wir werden Brigittes zurückhaltende, bescheidene Art, ihre Zugewandtheit und ihr menschliches Interesse vermissen und empfinden den Verlust zusammen mit ihren Kindern Markus mit Ehefrau Daniela und Susanne Kneher mit Enkeltochter Lenya, sowie dem Bruder Hellmut Rohrer und seiner Familie. Ihnen allen drücken wir unsere tief empfundene Anteilnahme aus.

Karin Klingbeil

Brigitte Kneher: Dreizehn Jahre Tätigkeit im Archiv der Tempelgesellschaft

Die Verdienste, die sich Brigitte Kneher für unsere Gemeinschaft durch ihre Tätigkeit im Tem­plerarchiv erworben hat, können kaum angemessen gewürdigt werden. Von 1995 bis 2008 ist sie wöchentlich von ihrem Heimatort Kirchheim/Teck nach Degerloch gependelt. Sie hatte als ihr Vorbild immer Hans Lange gesehen, der bis zu seinem 90. Lebensjahr neben seinem Amt als Gemeinde-Ältester auch unser Templerarchiv aufgebaut und verwaltet hatte.  Doch für Bri­gitte gab es Herausforderungen neuer Art: Das Archivgut war nach verschiedenen Gesichts­punkten zu registrieren und in einer elektronischen Datenbank zu erfassen. Die  bestehenden guten Beziehungen zu Historikern wie Alex Carmel, Yossi Ben-Artzi, Paul Sauer und Jakob Eisler hat sie weiter ausgebaut und deren reichhaltiges Wissen der Templergeschichte in geeigneter Weise zugänglich gemacht. Gleichzeitig war die zunehmende Flut von Anfragen von Interessenten aus aller Welt ebenso zu bewältigen wie die  Unterbringung des wachsen­den Archivguts. Und das alles unter sehr beengten räumlichen Verhältnissen, die im Unterge­schoss des Gemeinde-Wohnhauses alles andere als großzügig zu bezeichnen sind.

Brigitte ist mit all diesen vielfältigen Anforderungen souverän fertig geworden. Sie hat ihrer­seits wichtige Veranstaltungen zur Templergeschichte besucht und in der "Warte" selbst ge­schichtliche Berichte und Darstellungen verfasst. Von ihr und Otto Hammer stammen die Kurz­beschreibungen der früheren Templersiedlungen in Palästina, die uns bis heute als Wegweiser für die inzwischen zahlreichen Templer-Gruppenreisen durch Israel dienen. Brigittes Herkunft als Enkelin des früheren Tempelvorstehers Christian Rohrer war für sie eine hilfreiche Voraus­setzung, jederzeit Auskunft über das Leben früherer Templer-Generationen geben zu können. Ihre liebenswürdige und zurückhaltende Art half oft, Ressentiments und Vorurteile, die früher gegenüber den heutigen Templern geäußert wurden, abzubauen oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Sie hat die ersten Quellen für historische Fotografien aus unserer Geschichte er­schlossen und so den Grundstein für eine Fotothek gelegt.

Alles in allem: Wer künftig etwas zur Templergeschichte erfahren oder daraus einen Teilas­pekt bearbeiten und publizieren möchte, wird immer wieder in unserem Archivgut auf den Na­men Brigitte Kneher stoßen. Wir sind ihr für ihre selbstlose Arbeit im Archiv zu bleibender Dankbarkeit verpflichtet. Mögen in Zukunft andere die von ihr hinterlassenen Spuren lebendig erhalten!

Peter Lange, Archivleiter 2008-2017

Einige persönliche Worte zum Tod von Brigitte Kneher

Brigitte lernte ich 1993, also vor 27 Jahren, als junger Assistent von Alex Carmel kennen. Die­se erste Begegnung blieb mir auch deshalb so gut im Gedächtnis, weil Brigitte damals die von Friedrich Lange 1899 verfasste Chronik der Tempelgesellschaft "Geschichte des Tempels" dem neuen, im Keller-Haus untergebrachten Gottlieb-Schumacher-Institut übergab. Diese überaus wichtige Quelle hatte ich bislang nur im Lesesaal der hebräischen Universität im Zuge meiner Magisterarbeit einsehen können. Nun brachte Brigitte im Namen der TG diesen "Schatz" ins Keller-Haus… Wir tauschten unsere Adressen. Was ich damals noch nicht ahnen konnte, waren die Veränderungen, die diese Begegnung für mein weiteres Leben mit sich bringen sollte. Als ich dann ein Stipendium des Landes Baden-Württemberg bekam, für ein halbes Jahr in Tübingen lebte und begann, meine Doktorarbeit zu schreiben, war ich zum ersten Mal Gast im Hause Kneher in Kirchheim unter Teck. Zu dieser Zeit pendelte ich immer wieder zwischen Haifa und Württemberg. Dabei wurde ein Besuch in Kirchheim unter Teck schließlich zum festen Bestandteil meiner Reiseroute. Das Haus von Brigitte und Martin stand vielen offen, doch im Laufe der Zeit hatte ich die Ehre, mich quasi zu einem Teil der Familie zählen zu dürfen.

Als Brigitte im März 1995 von Hans Lange das Archiv der TG übernahm, intensivierten sich unsere Verbindungen. Martin bot sich an, die Druckfahnen meiner Promotion Korrektur zu le­sen. Hierfür werde ich ihm und Brigitte mein Leben lang dankbar sein. Sie halfen und unter­stützen mich, wo sie nur konnten.

1998 zog ich nach Württemberg. Brigitte und Martin hatten immer ein offenes Ohr, wenn ich im Zusammenhang mit meinen Forschungen Entdeckungen in Archiven machte, und halfen mir auch mit großen Herzen und menschlicher Wärme über Rückschläge hinweg, die ich gele­gentlich hinnehmen musste.

Brigitte selbst war immer ausgesprochen bescheiden, was ihre eigenen Beiträge anbelang­te. So war sie die Erste, die sich durchgehend um die Erforschung des Schicksals der Kirch­heimer Juden während der NS-Zeit bemühte. Getrieben von großem Wissensdurst recher­chierte sie akribisch das Schicksal jeder einzelnen Familie im Landesarchiv in Ludwigsburg. Zu vielen dieser Familien pflegte sie enge Kontakte, so z.B. zu den Bernsteins, die es nach Tivon in Israel verschlug, und zu den Familien Reutlinger, Goldschmidt und Salmon, die hier nur beispielhaft genannt sein sollen.

Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichte sie in mehreren Beiträgen, da es ihr überaus wichtig war, ihr Wissen auch an die Jugend weiterzugeben und somit vor dem Vergessen zu bewahren. Aus diesem Grund hielt sie auch unzählige Vorträge in Schulen und bot viele Führungen zur Geschichte der Juden in Kirchheim an. So geht auf sie auch die Gründung der Stolperstein-Initiative in Kirchheim zurück. Ein weiteres Forschungsfeld stellte das Schicksal der Sinti und Roma dar. Brigitte und Martin konnten schließlich dazu beitragen, dass die Gräber der Sinti und Roma nicht nur in Kirchheim, sondern auch in Württemberg bzw. der gesamten Bundesrepublik unter besonderen Schutz gestellt werden konnten. Ein Kampf, den sie viele Jahre führten.

Brigitte engagierte sich zudem in der Flüchtlingsarbeit, indem sie viele Jahrzehnte lang Flüchtlingskinder unterrichtete. Noch in der letzten großen Welle im Jahr 2015 bewies sie ihr großes Herz für die Schwachen und Bedürftigen.

Eine besondere und enge Beziehung verband sie mit den Borromäerinnen in Jerusalem - ihrer Heimat, wie sie immer sagte. Daher unterstützten Brigitte und Martin auch Schwester Xaveria bei der Herausgabe der Festschrift zur 100-Jahr-Feier des Hauses im Jahr 1993 und sammelten Spenden für die dortige Schule und den Kindergarten der Schwestern.

Ohne Martin, mit dem sie seit 1956 verheiratet war, und ihre Kinder Susanne und Markus, sagte sie oft, hätte sie vieles nicht erreicht. Letztes Jahr starb Martin. Brigitte plante noch, mit mir gemeinsam eine Reise in die „Heilige Stadt“ Jerusalem zu unternehmen. Leider sollte es dazu nicht mehr kommen, da sie im November 2019 schwer erkrankte. Brigitte schenkte mir bei meinem letzten Besuch im März 2020 ein Gläschen selbstgemachte Orangen-Marmelade mit den Worten: „Genieße es. Es ist ein Rezept aus Jerusalem von Großmutter Anna Rohrer, die ich das letzte Mal vor meiner Abreise nach Deutschland sehen konnte.“ Vielleicht ahnte Brigitte, dass dies unser letztes Treffen sein würde, und wollte mir damit etwas sagen. Es war ein Abschied. Brigitte, viele werden Dich vermissen, doch ich werde Dich und Martin immer in liebevoller und dankbarer Erinnerung behalten.

Jakob Eisler

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