Treffpunkt - Gemeinde aktuell

Jahresrückblick 2009

Freitagabendtreff »Zärtlichkeit mit zweifacher Zensur« (27. Februar)

Es war eine besondere Mischung aus Vortrag, Lesung und musikalischer Umrahmung, die knapp 25 Zuhörerinnen und Zuhörer beim letzten Freitagabendtreff im Gemeindesaal erleben durften. Magdalene Sing und ihre Brüder Paul und Dr. Frieder Stöckle aus Schorndorf stellten dabei den Briefwechsel ihrer Eltern Adolf und Rosa Stöckle aus den Jahren 1941 bis 1944 vor.

Adolf Stöckle war an der Ostfront, als gelernter Schreiner und Klavierbauer zumeist im handwerklichen Dauereinsatz in der Etappe. Rosa Stöckle kümmerte sich derweil daheim um Haus, Garten und die vierköpfige Kinderschar (die zweite Tochter Ursula starb vor acht Jahren).

Erst vor wenigen Jahren entdeckten ihre Kinder den Schatz von rund 1.800 Feldpostbriefen in einem alten Karton, der einem Enkel als Buchstütze gedient hatte. Magdalene konnte die Sütterlin-Schrift entziffern und diktierte die Briefe ihrem Bruder Frieder in den Computer. So wurde ein gedrucktes Buch für die Familie daraus, während die Originale mittlerweile im Schorndorfer Stadtarchiv lagern.

Die Besonderheit: Da Adolf Stöckle auch die Briefe seiner Frau regelmäßig wieder nach Hause geschickt hatte, liegt heute der Briefwechsel in einer seltenen Vollständigkeit vor und so konnten in der Lesung beide Seiten zu Wort kommen.

Adolf und Rosa Stöckle waren fromme Pietisten; aus ihren Briefen spricht ein unerschütterliches, geradezu kindliches Gottvertrauen, das den Krieg in erster Linie als göttliche Prüfung und das Überleben als Gottes (gute) Führung verstand. Dem Regime stand das Ehepaar ebenso fern wie dem Gedanken an Widerstand, meinte der jüngste Sohn, der promovierte Historiker Frieder Stöckle.

Kein einziges Mal seien in den Briefen die Begriffe "Führer" oder "Partei" aufgetaucht. Natürlich hätten die Eltern gemerkt, dass alle Briefe von der Zensur mitgelesen wurden. So habe etwa ein Brief gefehlt, in dem Rosa Stöckle ihrem Mann über einen verheerenden Luftangriff auf Stuttgart berichtete: Vom Elend in der Heimat sollten die Frontsoldaten nichts erfahren. Daneben habe es aber noch einen zweiten Grund für die "geschönte Wirklichkeit" gegeben: Man wollte sich gegenseitig beistehen und vor allem nicht beunruhigen. In den Briefen dominieren daher auch eher anrührend zärtliche Grüße und harmlose Schilderungen. Manchmal durften die Kinder selbst geschriebene Kärtchen und Zeichnungen beifügen. So fragen sich die Kinder bis heute, was ihr Vater wirklich gesehen und erlebt hat. Vielleicht hat er es seiner Frau erzählt, wenn er im Heimaturlaub zu Hause war - sie hat bis zu ihrem Tod in den siebziger Jahren jedoch nie darüber gesprochen. Und der Vater konnte es nicht mehr berichten, denn er kam aus dem Krieg nicht mehr zurück.

Wie aus einem Bericht eines Kriegsheimkehrers hervorging, geriet er vermutlich im Spätherbst 1944 bei der chaotischen Auflösung der Ostfront in Gefangenschaft und starb in den ersten Wochen des Jahres 1945 in einem Bergwerkslager im Uralgebirge. Schon vor diesem Zeitpunkt hatte Rosa Stöckle ihre Erlebnisse nur noch in Tagebuchform festgehalten, da die Feldpost nicht mehr funktionierte. Noch jahrelang wartete die Familie vergeblich auf die Heimkehr des Vaters, bis sie schließlich mit der traurigen Wahrheit konfrontiert wurde.

Es mag ein gewisser Trost sein, dass die Kinder von Adolf und Rosa Stöckle mit der Herausgabe der Feldpostbriefe ihren Eltern ein unvergängliches Denkmal gesetzt haben. Einige der sichtlich bewegten Zuhörer berichteten in der anschließenden Diskussion und später im Clubraum von teilweise ganz ähnlichen Erfahrungen und Dokumenten. Die erzählte Geschichte Einzelner wurde so zur erlebten gemeinsamen Erinnerung vieler. Wir danken neben den Geschwistern Stöckle vor allem Rumi Hornung, die uns den Kontakt vermittelt hatte und zusammen mit Dr. Frieder Stöckle für die musikalische Umrahmung sorgte.

Jörg Klingbeil

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