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Rückspiegel

Filmabend mit Dr. Nurit Carmel: »Being a refugee«

Auch für den Filmabend am Mittwoch, 27. September, hätten wir uns, wie so oft schon, mehr Teilnehmende gewünscht. Nurit, die Tochter von Alex Carmel, war aus Anlass der Eröffnung der von ihr und Jakob Eisler kuratierten Fotoausstellung »Die neue Heimat im Heiligen Land - Fotografien württembergischer Templer 1868-1948« im Staatsarchiv Ludwigsburg nach Deutschland gekommen und hatte uns angeboten, bei dieser Gelegenheit ihren Film in der Ge­meinde zu zeigen.

Filmabend mit Dr. Nurit Carmel (Foto: Karin Klingbeil)
Foto: Karin Klingbeil

Knapp 20 Interessierte versammelten sich im Gemeinde­saal, wurden von Nurit herzlich willkommen geheißen und verfolgten interessiert, betroffen und berührt das Schicksal von vier Flüchtlingen, die persönlich von ihren Erlebnissen berich­teten. Eine von ihnen war Brigitte Kneher, die erzählte, wie es dazu gekommen war, dass Templer im Austausch mit Juden aus dem KZ Bergen-Belsen nach Deutschland transportiert worden waren. Brigitte gehörte als 10-Jährige zu dem ersten der insgesamt drei Austauschtransporte und sie betonte in dem Film mehrfach, wie wichtig ihr der Umstand geworden war, dass ihre Person für ein jüdisches Leben ausgetauscht worden ist. Zeitlebens bemühte sie sich um jüdische Familien aus ihrem Wohnort Kirchheim, hielt Vorträge in Schulen, be­gründete die Stolperstein-Initiative in Kirchheim und unterrich­tete jahrzehntelang Flüchtlingskinder.

Exemplarisch erzählte die mit 102 Jahren hochbetagte Jü­din Mirjam Rochlin in beeindruckender Weise, wie sie mit einer Gruppe anderer Juden von Antwerpen, wo sie gelebt hatte, ins KZ Bergen-Belsen transportiert worden war. Sie hatte das Glück, dass sie durch ihren Verlobten, der bereits in Palästina war, einen Palästina-Pass hatte und somit in die Gruppe kam, die ausgetauscht werden sollte. Heu­te lebt sie mit inzwischen 105 Jahren selbstständig in ihrer Wohnung in Jerusalem.

Als ein weiteres Flüchtlingsschicksal wurde ein Lehrer aus der Türkei vorgestellt, der zur Gülen-Bewegung gehört hatte und ebenso, wie seine Lehrerkollegen, nach dem Putschver­such vom Staat entlassen und intensiv verfolgt worden war. Nachdem er inhaftiert und gefoltert und schließlich entlassen worden war, verließ er innerhalb einer Woche mit seiner Frau und zwei kleinen Töchtern das Land. Über Griechenland kam er nach Deutschland, wo er inner­halb von zwei Jahren sehr gut Deutsch gelernt hat, wieder Lehrer und gut integriert ist. Seine Identität wollte er nicht preisgeben, weil seine Familie in der Türkei lebt und die Gefahr auch ihrer Verfolgung besteht. Der Preis für sein sicheres Leben hier ist der Verlust der geliebten Heimat, von Freunden und Familienangehörigen in der Türkei, die keine Chance haben sich wiederzusehen.

Auch eine Frau aus Eritrea gehörte zu den Interviewten. Sie war mit ihrer Tochter aus den Bürgerkriegswirren geflohen, wurde aber als Christin in Israel nicht als verfolgt anerkannt, wie es Juden aus Eritrea gelang. Durch den Kontakt mit Nurit gelang es ihr, die in einem Altenheim in einem Kibbuz arbeitete, ein Visum für die USA zu bekommen und dort als Flüchtling offiziell anerkannt zu werden.

Filmabend mit Dr. Nurit Carmel (Foto: Karin Klingbeil)
Foto: Karin Klingbeil

Durch ihren Film brachte Nurit uns das vielfältige und doch sich gleichende Schicksal von Flüchtlin­gen nahe, zeigte auf, wie vielschichtig das Thema ist und erklärte anschießend, dass sie dazu anre­gen wolle, sich aktiv mit diesem zentralen Thema der Menschheit auseinanderzusetzen. Nach der Vorführung stand sie für Fragen zur Verfügung und erzählte, dass ihr Film vornehmlich in Gemeinden und Schulen gezeigt werde.

Bevor wir in den Klubraum zum gemütlichen Teil des Abends umzogen, verteilte Nurit an alle Tüt­chen mit duftendem Za’tar, der typischen Gewürz­mischung des Nahen Ostens, die auch unsere Templer von Palästina her gut kennen: eine Mischung aus Blättern des Syrischen Ysops und wilden Thymians, die sie frisch von Beduinen erworben hatte.

Im Klubraum saßen wir noch bei Knabbereien gemütlich zusammen, hatten einander zu er­zählen und miteinander viel zu lachen - so dass die Erinnerung an diese unbeschwerte Zeit wie aus einer anderen Welt erscheint.

Karin Klingbeil

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