Glaube
Die Tempelgesellschaft

Grundanschauungen und Praxis

 

Referat von Dr. Brigitte Hoffmann anlässlich eines Regionaltreffens des Bundes für Freies Christentum am 13. November 1993 im Saal der Tempelgemeinde Stuttgart

 

Ich möchte eine Anmerkung vorausschicken: Es gibt in der Tempelgesellschaft keine verbindliche Lehrmeinung, noch weniger als in der Evangelischen Kirche - dieses »noch weniger« wird im folgenden klar werden. Es gibt über viele Punkte einen Konsens derjenigen, die in den Gemeinden aktiv sind, - sonst wären wir keine religiöse Gemeinschaft. Was im Folgenden ausgeführt wird, spiegelt im großen Ganzen, hoffe ich, diesen Konsens, aber einzelne Gemeindemitglieder - auch »Vortragende Älteste« - können über einzelne Punkte durchaus anderer Ansicht sein.

Wir nennen uns eine christliche Gemeinschaft - obwohl wir fast alles ablehnen, was formal als Kennzeichen des Christseins gilt, die Taufe, den Glauben an Jesus als den eingeborenen Sohn Gottes, an die Erlösung durch Jesu Tod usw. Eines unserer Mitglieder sagte neulich: eigentlich sollten wir uns nicht christlich nennen, sondern jesuanisch. Das werden wir zwar nicht tun, aus den gleichen Gründen, aus denen auch viele freie Christen am Glaubensbekenntnis festhalten wollen: aus Tradition und um uns nicht demonstrativ aus der Gemeinschaft der christlichen Konfessionen auszukoppeln. Aber sachlich wäre eine solche Umfirmierung wohl gerechtfertigt. Ohne dass es darüber je eine Absprache gegeben hätte, sprechen wir alle von Jesus, nicht von Christus.

Für uns steht Jesus im Mittelpunkt, aber auf andere Weise als im allgemeinen Verständnis. »Christlich« kommt von »Christus« (-- der Gesalbte), der Messias, der Sohn Gottes, der Erlöser. Für uns ist Jesus ein Mensch wie wir und gerade deshalb uns nahe; aber ein Mensch, der - um den Gründer der Tempelgesellschaft, Christoph Hoffmann, zu zitieren - »die Bestimmung des Menschen, Ebenbild Gottes zu sein, am reinsten verkörpert hat«, der in einer unmittelbaren Nähe zu Gott gelebt hat wie vielleicht keiner, vielleicht nur wenige, vor oder nach ihm, und der dafür gelebt hat und dafür gestorben ist, seine Botschaft von Gott den Menschen nahe zu bringen.

Erlöser ist Jesus für uns nicht durch seinen Tod, sondern durch das, was er uns gelehrt hat, erlöst hat er uns nicht von der Schuld, sondern von der Angst und Verzweiflung, die Schuld mit sich bringen kann, dadurch, dass er uns gelehrt hat, in Gott den Vater zu sehen, der uns annimmt. Ganz neu war das nicht. Auch in den Psalmen und bei den Propheten ist oft von der Vergebung Gottes die Rede. Aber dort gilt sie eingeschränkt, für das Volk Israel, für die eigentlich Gerechten, und gleichzeitig ist viel von der Gerechtigkeit und der Vergeltung Gottes die Rede. Jesus war der erste, der so kompromisslos die Ungerechtigkeit der Liebe Gottes gepredigt hat, der alle annimmt, Juden und Nichtjuden, Sünder und Gerechte, wenn sie nur umkehren wollen.

Wir wollen uns an dem ausrichten, was Jesus selbst gelehrt und gelebt hat, nicht an dem, was, in bester Absicht, andere dazugetan haben. Darüber berichten in der Bibel nur die drei synoptischen Evangelien. Auch sie geben keine im historischen Sinn zuverlässigen Berichte, und sie enthalten Widersprüche. Es gibt keine authentischen Zeugnisse von Jesus. Können wir überhaupt wissen, was er wirklich gelehrt hat? Ich denke, wenn man sie im Zusammenhang liest, ergibt sich doch ein klares Bild von dem, was Jesus wesentlich war. Ich würde es in drei Punkten zusammenfassen:

ein neues Vertrauensverhältnis der Menschen zu Gott,

ein Verhältnis der Liebe unter den Menschen,

die Verkündigung des Reiches Gottes,

und ich möchte zusätzlich behaupten, dass diese drei in sich untrennbar zusammenhängen.

Was dem widerspricht, kann nicht im Sinne Jesu sein - selbst dann, wenn es als Jesus-Wort überliefert ist. Es kann falsch überliefert sein, aber selbst wenn nicht: auch Jesus kann sich getäuscht haben, auch seine Ansichten waren in manchem zeitgebunden - das tut seiner Größe und seiner Botschaft als ganzer keinen Abbruch.

Von den drei Punkten sind die beiden ersten anerkannte Grundlage allen Christentums, darüber brauche ich nichts zu sagen. Schwieriger ist es mit dem Reich Gottes. Da es für uns Templer ein zentraler Punkt ist, muss ich darauf kurz eingehen. In allen synoptischen Evangelien stehen zwei ganz verschiedene Versionen unverbunden nebeneinander, nämlich

  1. - vor allem in je einer großen Rede Jesu, aber auch an anderen Stellen - die apokalyptische: es wird ein Gericht Gottes über die Menschheit geben mit einer Bestrafung der Unbußfertigen und allgemeiner Bedrängnis, danach für die Guten ein Reich Gottes als Zustand ewiger Vollkommenheit,
  2. - vor allem in den Gleichnissen (vom Senfkorn, vom Sauerteig, vom Schatz im Acker usw.), aber auch in anderen Hinweisen - ein Reich Gottes als geistiger Zustand des Vertrauens zu Gott und der Liebe unter den Menschen, der wächst in dem Maße, wie Menschen sich dieser Haltung öffnen.

Wir Templer halten die zweite für maßgeblich; zum Teil natürlich aus Tradition. Die Tempelgesellschaft ist hervorgegangen aus dem leidenschaftlichen Bestreben der Gründergeneration, hier und jetzt, in ihren Gemeinden, Reich Gottes zu schaffen. Aber das ist für uns nicht der einzige Grund.

  1. Die Vorstellung von einer Apokalypse und einem Reich Gottes danach war im Judentum der Zeitenwende weit verbreitet - es ist sehr leicht denkbar, dass sie beim Weitererzählen in die Evangelien hineingekommen ist, Es ist auch denkbar, dass Jesus selbst von ihr beeinflusst war und dass er auf eine Weise, die uns nicht nachvollziehbar ist, beide Versionen für miteinander vereinbar hielt. Die Vorstellung von einem Reich Gottes als geistiger Zustand, der mit dem Vertrauensverhältnis der Menschen zu Gott und untereinander wächst, war revolutionär - und sie muss von jemand stammen, der die Dinge neu und anders sah: von Jesus selbst.
  2. Die Verkündigung des Reiches Gottes war für Jesus zentral. In allen drei synoptischen Evangelien beginnt er sein öffentliches Wirken mit den Worten: »Tut Buße, denn das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen«. Die Formulierung assoziiert zwar eher die apokalyptische Vorstellung, nimmt man aber dazu, was er dann vorgelebt und gelehrt hat, so wird etwas anderes deutlich: er hat Kranke geheilt, um ihnen hier und jetzt zu helfen - wozu, wenn übermorgen die große Katastrophe und Verhandlung kommt? -, er hat die Menschen gelehrt, hier und jetzt anders zu leben: für ihn muss Reich Gottes mit den Verhältnissen auf der Erde zu tun gehabt haben.

Daran halten auch wir fest. Wir glauben nicht mehr, wie die Gründer, dass wir hier und heute das Reich Gottes schaffen könnten, auch wohl nicht mehr, dass ein Zustand allgemeiner Vollkommenheit oder allgemeiner Harmonie auf Erden überhaupt erreichbar ist, wohl aber, dass wir, alle Menschen, dazu aufgerufen sind, danach zu streben, mit unseren beschränkten Fähigkeiten, in unserem beschränkten Umkreis, ein bisschen davon wirklich werden zu lassen. Und dass jedes solche Bemühen weiter wirkt, auch wenn es äußerlich nicht Bestand hat. Wie und auf welche Weise und ob durch viele solche Versuche eine Annäherung erreicht wird, können wir nicht wissen, - ich denke, es ist, wie auch bei vielen banaleren Dingen, gar nicht so sehr der Endzustand, der zählt, sondern das Bemühen darum.

Vielleicht hat auch Jesus so gedacht. In der Bergpredigt heißt es: »Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist«. Jesus wusste so gut wie wir, dass Menschen nicht vollkommen sein können. Er hat es nicht einmal für sich selbst in Anspruch genommen. »Was nennst du mich gut? Gut ist allein der Vater.« Was er meinte, kann nur sein: Das ist das Ziel, das euch gesetzt ist. Wesentlich ist, dass ihr euch darum bemüht.

Wir glauben, dass das das einzige ist, was wesentlich ist. Deshalb verlangen wir auch von jemand, der Mitglied werden möchte, kein Glaubensbekenntnis irgendwelcher Art, sondern nur die Bereitschaft mitzuwirken an der Verwirklichung des Reiches Gottes. Wir lassen deshalb auch Doppelmitgliedschaften zu und haben auch einige Mitglieder, die gleichzeitig in der evangelischen Kirche sind. Wenn jemand nebenher noch an die Jungfrauengeburt und an die seligmachende Funktion der Taufe glaubt, so halten wir das zwar objektiv für falsch, aber für unwesentlich.

Wir sind schon gefragt worden, und nicht nur theoretisch, ob ein Atheist Templer werden könnte. Unsere Antwort heißt: jemand, der grundsätzlich ein Sein jenseits des uns Sichtbaren ablehnt, nicht. Aber jemand, der um der unbedingten Wahrhaftigkeit willen nicht wagt, sich gläubig zu nennen, weil er keine eigene Gotteserfahrung hat, und der trotzdem, sozusagen auf Risiko, bereit ist, an einem Reich Gottes mitzuarbeiten, auch wenn er es anders nennen würde: ja. Man kann uns vorhalten, das laufe auf bloße Ethik hinaus. Wir sehen das nicht so, weil Liebe Gottes und Liebe zu den Menschen für uns zusammengehört, anders ausgedrückt: das Bewusstsein, von Gott angenommen zu sein, mit all unseren Schwächen und Unzulänglichkeiten, macht es uns möglich, uns selbst anzunehmen und macht uns dadurch frei, auch andere Menschen anzunehmen.

Und auch wenn das nicht für jeden einzelnen gilt: ob jemand das Vertrauen hat, von Gott angenommen zu sein, ist Gnade, ein Geschenk, auf das er keinen Einfluss hat. Wenn er sich trotzdem bemühen will, im Sinne Jesu zu leben, weil diese Lehre ihm einleuchtet, weil er, wie es der Tempelgründer Christoph Hoffmann ausgedrückt hat, zur »Vervollkommnung der Welt und des Menschen« beitragen will, so denke ich, dass auch das von Gott angenommen wird. Ich meine, Jesus selbst hat so gedacht - siehe das Gleichnis von den beiden Söhnen, von denen der eine auf den Auftrag des Vaters hin nein sagt und dann doch hingeht und den Auftrag ausführt und der andere ja sagt und dann doch nichts tut -: Jesus macht klar, dass es der Neinsager ist, der im Sinne des Vaters gehandelt hat.

Und noch etwas: Ich halte das Handeln im Sinne Jesu durchaus für einen Weg, durch den ein Skeptiker zum Glauben finden oder sich des Glaubens vergewissern kann - ich habe konkrete Beispiele dafür: »So jemand will des Willen tun, der mich gesandt hat, der wird inne werden, ob ich aus mir selbst rede« - das steht zwar im Johannes-Evangelium, das bei uns als Quelle minderen Ranges gilt, weil es einen anderen Jesus schildert als die Synoptiker, aber ich halte es für eines der Worte, die im Sinne Jesu sind.

Ich möchte noch einmal auf das oben zitierte Jesus-Wort zurückkommen: »Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist«, weil es unser Menschenbild zum Ausdruck bringt. Wir glauben nicht, dass die Menschheit zur Sündhaftigkeit verdammt und durch einen speziellen Gnadenakt Gottes, womöglich durch den Sühnetod Jesu, erlöst ist. Zum Thema Sühnetod brauche ich wohl nichts mehr zu sagen, das hat Pfarrer Reuß besser getan, als ich es kann.

Gott hat uns die Fähigkeit gegeben, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, und damit die Freiheit, zwischen beiden zu wählen. Das unterscheidet uns vom Tier, macht unsere Würde als Menschen aus, unsere Gott-Ähnlichkeit, um mit den Worten des Alten Testaments zu sprechen. Erst dadurch wurde Entwicklung möglich. Damit machte Gott uns zu Mitgestaltern seiner Schöpfung.

»Darum sollt ihr vollkommen sein ...« Dazu gehört auch die Entwicklung all unserer Fähigkeiten, unseres Verstandes, unserer Begabungen in jeder Form, damit wir mit ihm zum Reichtum, zur Schönheit, zur Vielfalt der Welt beitragen. Wir sollen mit unseren Pfunden wuchern, heißt es im Gleichnis von den anvertrauten Pfunden. Der Knecht, der sein Pfund vergraben hat, sagt, um sich zu rechtfertigen: »Du bist ein strenger und ungerechter Herr.

Du erntest, wo du nicht gesät hast ...« Das ist als Anklage gemeint, und drückt doch etwas Großartiges aus: wir sind aufgerufen zu säen, und Gott wird ernten - er macht uns zu Mitarbeitern in seinem Weinberg, am Reich Gottes.

Das ist die eine Seite - die andere, dass wir vor diesem Auftrag immer wieder versagen. Dass mit unserer Freiheit auch unsere Schuld, das Böse, immer wieder mitgegeben ist, ist christliches Allgemeingut, das brauche ich nicht auszuführen.

Noch einige Einzelpunkte: Dass wir keine Dogmen haben, ergibt sieh aus dem schon Gesagten. Ein verordnetes Führ-Wahr-Halten religiöser Sachverhalte erscheint uns als Verstoß gegen die religiöse Wahrhaftigkeit des Einzelnen. Natürlich braucht jede religiöse Gemeinschaft ein Minimum an Übereinkunft oder, anders ausgedrückt, eine Abgrenzung gegen Meinungen, die sie nicht in ihrem Namen verkündet haben will. Ich habe vorher versucht zu zeigen, dass und warum wir dieses Minimum möglichst klein halten und dass Glaubenssätze nicht dazugehören.

Allerdings bedeutet eine solche Reduzierung eine Gefahr der Verflachung. Es gibt zu wenig, womit man sich auseinandersetzen muss, und das Eindringen fremden, der eigenen Überzeugung widersprechenden Gedankenguts wird erleichtert. Heute sehe ich diese Gefahr weniger gegeben, wohl aber in der Zeit zwischen den Weltkriegen, und die Anfälligkeit zwar nicht der Gesellschaftsleitung, aber eines Teils der in Palästina lebenden Mitglieder für Nationalsozialismus war eine Folge. Höher als hier in Deutschland war der Prozentsatz nicht, aber ein Zeichen für Versagen war es auf jeden Fall.

Wir haben auch keine Sakramente, weil wir die Vorstellung ablehnen, dass eine kultische Handlung etwas an dem Verhältnis zwischen Gott und Mensch ändern könne. Kulthandlungen mit Symbolcharakter akzeptieren wir. So haben wir statt der Taufe die Darstellung, der andere Name wurde gewählt, um eine Assoziierung mit dem Sakramentscharakter zu vermeiden. Sie soll dreierlei zum Ausdruck bringen: den Dank an Gott für das neue Leben, die Bitte um den Segen Gottes für das Kind und die Mitverantwortung der Gemeinde für das Kind.

Dass in dem Verzicht auf Kulthandlungen auch eine Verarmung liegen kann, weil für viele Menschen dabei religiöses Empfinden intensiviert wird, ist uns bewusst. Schon der Gründer forderte einen neuen Kultus, der nicht der Gefahr von Missverständnissen ausgesetzt wäre. Aber weiter als bis zur Darstellung haben wir es damit nicht gebracht. Offenbar ist es schwer bis unmöglich, überzeugende neue Kulthandlungen einzusetzen, wenn sie keine über den Symbolcharakter hinausgehende Bedeutung haben sollen.

Den Absolutheitsanspruch des Christentums lehnen wir ab, im Gegensatz zu den frühen Templern, die selbst den anderen christlichen Konfessionen gegenüber ihren eigenen Weg absolut setzten. Das heißt nicht nur, dass man auch die angehörigen anderer Religionen als gleichberechtigte Menschen ansehen soll, sondern dass wir anerkennen, dass es verschiedene Wege zu Gott gibt, und dass es uns nicht zukommt zu entscheiden, welcher der beste oder gar der einzig richtige sei.

Unser Weg, der christliche und der templerische noch besonders, ist sehr stark vom Verstand und Willen, vom Streben nach richtigem Handeln und von der Individualität bestimmt. Östliche Religionen wie Hinduismus oder Buddhismus stellen die mystische Erfahrung, die Überwindung des Ichs im Aufgehen im All-einen in den Vordergrund. Naturreligionen, die wir geneigt sind als primitive Frühstufe zu betrachten, lehren genau das, dessen Mangel uns heute in die Katastrophe führen kann: Achtung vor allem Geschaffenen.

Und es gibt christliche Sekten, deren Glaubenslehren wir als abstrus abtun, und deren Mitglieder doch ein glückliches Leben in Gottvertrauen, Opferbereitschaft und Liebe führen - sollte ihr Weg sie nicht auch zu Gott führen?

Ich denke, es ist ein Glück, dass es verschiedene Religionen und Konfessionen gibt, die verschiedene Wege aufzeigen und den Bedürfnissen verschiedener Menschen gerecht werden.

Natürlich gibt es auch Irrwege - mir scheint, das einzige Kriterium, über das wir verfügen, ist die Frage, ob eine Lehre dazu beiträgt, das Leben des Einzelnen und das Zusammenleben aller besser, glücklicher, reicher zu machen - allerdings ist das auch schon wieder ein Maßstab, der aus unserem Denken stammt.

Was bedeutet diese Theorie für unsere Praxis, oder, ganz einfach, wie sieht diese Praxis aus? Wir sind keine Volkskirche - von der Zahl her natürlich sowieso nicht, aber auch vom Aufbau her nicht: man wird nicht in die Gesellschaft hineingeboren. Kinder von Mitgliedern nehmen selbstverständlich am Gemeindeleben teil und werden, längstens bis zum 30. Lebensjahr, als so genannte passive Mitglieder geführt, dann müssen sie sich entscheiden, ob sie Mitglieder werden wollen oder nicht.

In der Theorie finde ich das sehr gut, in der Praxis verlieren wir dadurch Mitglieder, auch aus Templerfamilien, teils aus Gleichgültigkeit - dann macht es keinen großen Unterschied -, bei manchen aber auch aus Scheu, sich zu binden; teils auch im Zusammenhang mit einem anderen Problem: nur in und um Stuttgart wohnen so viele Mitglieder - oder interessierte Nichtmitglieder, davon gibt es eine beträchtliche Anzahl -, dass Gemeindeleben möglich ist. Diejenigen, die weit verstreut über ganz Deutschland leben, werden gelegentlich besucht und kommen im Allgemeinen ein- oder zweimal im Jahr, meist zum Dankfest, hier her. Wo wenigstens ein paar in derselben Gegend wohnen, fährt ab und zu einer von uns hin, um Gottesdienst oder einen Vortrag zu halten. Aber bei diesen verstreut Lebenden verlieren zwar weniger die Älteren, aber die Kinder leicht den Kontakt.

Das tut uns vor allem deshalb weh, weil bei uns Gemeinde und Gemeindeleben einen sehr hohen Stellenwert haben, in der Theorie und in der Praxis. Damit hängt auch der komische Name zusammen, bei dem man jedermann zuerst erklären muss, dass man weder mit den Tempelrittern noch mit den Guttemplern etwas zu tun hat. Er geht zurück auf die Stelle im 1. Petrus-Brief 2,4 ff ». . und auch ihr als lebendige Bausteine erbaut euch zum Tempel« das Bild von der Gemeinde als Tempel, in dem Jesus der Eckstein ist und jeder einzelne ein notwendiges Glied in dem gemeinsamen Bau.

In der Theorie: die Gründer glaubten, dass nur solche geschlossenen Gemeinden Keimzellen des Reiches Gottes sein könnten, weil es in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter leichter sei, ein christliches Leben zu führen. Das glauben wir nicht mehr. Abgesehen davon, dass wir geschlossene Gemeinden wie in Palästina gar nicht mehr verwirklichen können, betrachten wir sie auch nicht mehr als Ideal. Natürlich machen sie vieles leichter, aber sie führen auch leicht zu Selbstgerechtigkeit und geistiger Stagnation.

Trotzdem halten wir Gemeinschaft für einen christlichen Wert an sich, wir wollen, dass die Mitglieder sich gegenseitig kennen, sich möglichst oft treffen - das ist die Voraussetzung für viele Liebesdienste: dass man überhaupt merkt, wie es dem anderen geht und ob er vielleicht Hilfe braucht.

In der Praxis: wir erwarten von den Mitgliedern - das ist übrigens eine Verpflichtung, die sie beim Eintritt unterschreiben -, dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten am Gemeindeleben teilnehmen. Natürlich halten sich nicht alle daran - man kann es weder kontrollieren noch einklagen. Und natürlich jammern wir darüber. Trotzdem würde ich sagen, das Engagement vieler ist beachtlich. Das lässt sieh ablesen an den Aktivitäten der Gemeinde: wir haben einen Sozialdienst, der alle Alten und Behinderten, die nicht zu den Veranstaltungen kommen können, regelmäßig besucht, die im Altenheim in Degerloch wöchentlich, die anderen alle paar Wochen. Wir halten einmal im Jahr ein zweiwöchiges Kinderlager und eine Jugendfreizeit, etwa dreimal jährlich Familienfreizeiten über ein langes Wochenende, meist zweimal im Jahr ein Gemeindefest, einmal im Monat Seniorentreffen und ein Abendtreffen mit Programm, im Sommerhalbjahr einmal monatlich gemeinsame Wandertage und im Winterhalbjahr Samstagnachmittagsseminare mit religiösen Themen, einmal im Jahr ein Wochenend-Seminar zu einem religiösen Thema und noch einiges andere. Wenn man bedenkt, dass das alles getragen ist vom ehrenamtlichen Engagement einer Gemeinde von 150 aktiven Mitgliedern in und um Stuttgart, so dürfte das um einiges über dem Durchschnitt liegen.

Wir profitieren dabei natürlich davon, dass wir so klein sind. Nicht nur deshalb, weil tatsächlich fast jeder jeden kennt, was alles leichter macht. Auch deshalb, weil allen, die sich interessieren, bewusst ist, dass der Bestand der Gemeinschaft auch von seinem Engagement abhängt, dass jeder einzelne wichtig ist.

Das hat eine Kehrseite. Jeder einzelne, der ausscheidet, hinterlässt eine empfindliche Lücke. Schon manches Mal, wenn einer der führenden Leute in der Gemeinde starb, hatten wir Angst, dass es nun nicht mehr oder nur noch schlecht weitergeht. Aber jedes Mal fanden sich wieder neue Mitarbeiter mit neuem Engagement und neuen Ideen. Vielleicht ist es anmaßend, aber es fällt schwer, darin nicht Gottes Hilfe zu sehen.

Trotzdem: nach rationalen Maßstäben ist unser Fortbestehen in Deutschland alles andere als gesichert. Es kommen neue Mitglieder, aus dem eigenen Kreis und auch einige von außerhalb. Im Moment hält sich die Mitgliederzahl in etwa, aber das kann sieh bald ändern, da der größere Teil der Mitglieder zu den Senioren gehört. Wir können keinem potentiellen Mitglied versprechen, dass es auch in 40 Jahren noch von uns beerdigt wird.

Aber wir haben in dieser Hinsieht ein gewisses Gottvertrauen entwickelt, auch im Hinblick auf die Überzeugung, von der ich vorher gesprochen habe, dass ein Versuch, der in guter Absicht unternommen wurde, auch dann nicht umsonst war, wenn er nicht auf Dauer Bestand hat. Wir halten zweimal im Monat Gottesdienst, den wir »Saal« nennen - das ist die alte Korntaler Tradition -, einmal vormittags und einmal nachmittags, dann mit anschließendem Kaffeeklatsch, nicht - oder nicht nur - um mehr Leute herzukriegen, sondern ganz bewusst, damit Gelegenheit ist zum Zusammensitzen und Miteinanderreden.

Im Verlauf unterscheiden sich die Gottesdienste nicht wesentlich von den evangelischen, Hauptbestandteile sind Predigt und Musik und Gebet. Wie weit andere Elemente eingebracht werden - Beteiligung der Kinder, Bildbetrachtung, Lesung in verteilten Rollen, Diskussion - hängt vom jeweiligen »Vortragenden Ältesten« ab. Das ist übrigens ein Punkt, wo wir davon profitieren, dass wir einige Mitglieder haben, die bei uns und in der Kirche aktiv sind oder zumindest teilnehmen: wir sind auf diesem Weg zu manchen guten Anregungen gekommen.

Wir haben keine hauptamtlichen, ausgebildeten Pfarrer. Nicht nur, weil wir sie uns nicht leisten können - das auch -, aber hauptsächlich deshalb, weil auch dieser wichtigste Gemeindedienst aus der Gemeinde kommen soll. Zur Zeit sind wir etwa sieben, die sich diese Aufgabe teilen - ab und zu kommt noch ein anderer dazu. Das hat zwei große Vorteile: einmal, dass ein Kreis von Leuten entsteht, der sich mit religiösen Fragen und ihrer Umsetzung intensiv auseinandersetzt und der für das religiöse Leben der Gemeinde Verantwortung trägt; und zum andern, für die Gemeinde, den der Abwechslung, jeder Sprecher hat seinen eigenen Stil, den er nicht ändern kann, der eine spricht eher rational, der andere mehr emotional, der eine einfacher, der andere komplizierter, der eine mehr bibelgebunden, der andere über ein freies Thema - und jeder spricht damit zwangsläufig nur einen Teil der Hörer unmittelbar an. Durch die Abwechslung besteht die Chance, dass jeder von ihnen einmal auf seine Kosten kommt.

Es hat aber auch einen großen Nachteil: keiner von uns hat eine theologische Ausbildung. Wir versuchen mühsam, uns das unumgänglichste Wissen nebenher anzueignen, aber das bleibt notwendig Stückwerk. Wir bieten Interessierten ein Stipendium für wenigstens ein paar Semester Theologie an - aber es hat sich schon lange kein Interessent mehr gefunden (wir derzeitigen Ältesten können es uns zeitlich nicht leisten). Früher hatte es wohl den Grund, dass viele unserer Mitglieder Theologie sowieso für einen überflüssigen Humbug hielten. Ich denke, die Zeiten sind Gott sei Dank vorbei. Heute ist es wohl eher so, dass die Jüngeren, die dafür in Frage kämen, die zwar nicht ausgesprochene, aber moralische Verpflichtung scheuen, die sie damit eingehen würden.

Das Beispiel beleuchtet einen Punkt, auf den ich noch kurz eingehen möchte. einen Grund, warum für uns die Mitgliedschaft im Bund für Freies Christentum so wichtig ist. Wir sind so klein - wenn wir uns nur im eigenen Kreis drehen, führt das unweigerlich zu selbstgerechter Borniertheit. Wir brauchen die Begegnung und den Austausch mit anderen, und wir profitieren von dem Kontakt mit anderen, die Kenntnisse haben, die uns teilweise fehlen. Ich denke, es ist aus dem Vorausgegangenen hervorgegangen, dass ich theologische Kenntnisse nicht für das Wichtigste halte, aber ich habe gelernt, dass sie wichtig sind, um auch nur die Bibel richtig zu verstehen, um Probleme und Zusammenhänge klarer zu sehen.

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