Glaube
Die Grundlagen unseres Glaubens

Religiöse Stichworte - näher erläutert von Brigitte Hoffmann und Peter Lange anläss­lich eines Seminars in der Tempelgemeinde Stuttgart am 2. Oktober 1993

 

Tempel

Der Name »Tempelgesellschaft« ist für uns schon lange ein Problem, nicht nur, weil sich Außenstehende unter dieser Bezeichnung nichts Genaues vorstellen können, sondern weil auch wir Mitglieder nicht mehr in der religiösen Welt leben, aus der heraus der Begriff »Tempel« geprägt worden ist. Doch wir müssen uns - da wir uns immer noch so nennen - mit diesem Begriff auseinandersetzen. Wie ist dieser Begriff entstanden und was wollten unsere Gründerväter damit ausdrücken?

Die pietistisch erzogene Gründergeneration hat sich - im Gegensatz zu uns - in der Bibel sehr gut ausgekannt. Für sie war die »Heilige Schrift« eine »Fundgrube der Erkenntnis«. Besonders stark war sie von der alttestamentlichen Weissagung geprägt, von den prophetischen Schriften eines Jesaja, Jeremia, Hesekiel, Micha und Sacharja. In diesen Büchern ist viel von Jerusalem und seinem Tempel als dem Ausgangspunkt für eine erneuerte Welt die Rede. »Von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem« ist eine solche Stelle.

Der Tempel von Jerusalem hatte für die jüdische Religion zentrale Bedeutung. Er war ihre Mitte, ihr zentrales Heiligtum. Nirgendwo war man Gott näher als dort. Dort wurde gebetet, dort wurde verkündet, was Gottes Wille sei, dorthin brachte man seine Opfergaben. Als nun das Christentum entstand und sich auf Völker außerhalb des Judentums ausbreitete, wurde der Begriff des Tempels von einzelnen Verfassern neutestamentlicher Schriften als ein Symbol für christliche Gemeinschaft gebraucht. Der Brief an die Epheser und der 1. Petrusbrief waren es vor allem, die das Bild eines solchen geistlichen Tempels entwarfen, eines Tempels nicht aus Stein, sondern aus Menschen, in denen der Geist Gottes lebte.

Auf diese Vorstellung stützte sich nun Christoph Hoffmann, als er durch die Umstände gezwungen war, seine reformerischen Ideen in einer selbständigen Glaubensgemeinschaft zu verwirklichen. »Wir verbinden uns zur Herstellung des deutschen Tempels« heißt es in der Gründungserklärung. Das Bild des Tempels von Jerusalem wurde von ihm auf Menschen angewandt, die von der Gesinnung des Jesus von Nazareth durchdrungen sind und die den Willen Gottes tun. So wie der steinerne Tempel zur Ehre Gottes errichtet wurde, so muss auch der Tempel aus Menschen, das menschliche Zusammenleben also, zu Gottes Ehre gereichen.

Das war Hoffmanns Denken und Wollen, die Schaffung einer neuen Welt, zumindest der Keimzelle dazu, aus dem Geist Jesu, der den Eckstein oder Schlussstein des Gebäudes aus menschlichen Bausteinen bildet. In seiner Schrift aus dem Jahre 1877 »Wegweiser zum dauerhaften Glück« schreibt Christoph Hoffmann, dass die um ihn gescharte Gesellschaft keineswegs mit ihrem Namen behaupten wolle, schon der Tempel Gottes zu sein. Mit diesem Namen wolle sie nur das Ziel ausdrücken, nach dem sie strebe. Da aber das Streben nach einer Sache schon der wirkliche Anfang dieser Sache selbst sei, so sei es sehr wohl angebracht, einen solchen Namen zu verwenden.

Was wir mit dem Namen »Tempel« ausdrücken, ist also etwas, das erst werden soll. Deshalb sprechen wir gern auch vom »Bau des Tempels«.

Wir wollen noch einmal zusammenfassend sagen, was Hoffmann und seine Glaubens­genossen unter dem Begriff »Tempel« verstanden: Gottes Tempel war für sie gleich­bedeutend mit Gottes Volk, Tempel war für sie ein Zielbekenntnis, das Ziel war Gottes Reich auf Erden, ein »geistiges Jerusalem«, oder anders ausgedrückt: die »Gründung eines wahrhaft christlichen Volkslebens«.

Glaube

Das Wort »Glauben« hat eine vielschichtige Bedeutung. Im täglichen Gebrauch drückt es meistens aus, dass wir etwas nicht sicher wissen. Wenn ich nur »glaube«, dass ich den Herd in der Küche beim Verlassen der Wohnung ausgeschaltet habe, dann wäre es besser, ich schaute sicherheitshalber noch einmal nach. Dann kann es aber in einem anderen Zusammenhang genau das Gegenteil heißen, nämlich sicher wissen. Wenn einer eine Geschichte erzählt, die Merkwürdiges enthält, gibt es Zuhörer, die an ihrer Wahrheit zweifeln. Vielleicht ist aber einer dabei, der sagen kann: »Ich glaube, was dieser sagt«. Dann bedeutet dieses »glauben« ein Sicher-Sein, dass der Erzähler nicht lügt.

So erging es den Jüngern des Jesus von Nazareth, die glaubten, was er ihnen sagte, obwohl sie rational nicht begründen konnten, warum. Das älteste Evangelium beginnt mit den Worten: »Ändert euren Sinn und glaubt der guten Nachricht!« Dieses Glauben hat mit »Trauen« zu tun, dem Gegenteil von »Zweifeln«. Von diesem Jesus ging eine Wirkung aus, die man sich nicht erklären konnte, die den Umstehenden damals aber die Gewissheit vermittelte, dass es stimmte, was er sagte.

Und diese Wirkung hält bis in unsere Tage an. Wenn jemand sagt, er glaube an Jesus, dann meint er damit im Allgemeinen, dass er ihm traue, dass er sich auf ihn und seine Botschaft verlassen könne. Etwas anderes wäre wohl gemeint, wenn er noch etwas anfügen würde, zum Beispiel: »Ich glaube an Jesus, den Sohn Gottes« oder: »Ich glaube an Jesus, den Erretter aus allen Sünden«. In diesem Fall hält der Sprecher eine ganz bestimmte Charakterisierung oder Eigenschaft des Jesus für wahr und richtig. Sein Glaube ist dann nicht so sehr bezogen auf das, was Jesus sagte, sondern auf das, was andere Menschen über Jesus sagten und noch sagen. Leider ist in der Geschichte der christlichen Kirche der Glaube über Jesus bestimmender gewesen als der Glaube an Jesus, oder besser: der Glaube des Jesus.

Der Glaube des Jesus war ein unbedingtes Zutrauen zu Gott. Für ihn war Gott eine Realität, sie bestimmte sein Leben. In ihr fühlte er sich geborgen, auf sie verließ er sich. Als bildlicher Vergleich treten mir die kleinen Kinder vor das geistige Auge, wie sie auf kleine Mäuerchen oder auf Leitern und Podeste klettern und dann von dort herunterspringen wollen. Wenn ihnen das Wagnis dann zu groß vorkommt, fängt der Vater oder die Mutter sie in ihren Armen auf. Sie springen dann ganz im Vertrauen darauf, dass sie auch tatsächlich aufgefangen werden und dass ihnen nichts passieren wird. Sie zweifeln nicht daran, dass sie sicher landen. Man kann das als ein Urvertrauen bezeichnen, das in uns allen angelegt ist.

Ein solches »kindliches« Vertrauen spricht auch aus vielen Beschreibungen, die wir von Jesus haben. Das war für ihn »Glaube«. Und er wollte seine Mitmenschen zu einem solchen Glauben hinführen. Wie in den Evangelienberichten zu lesen ist, kann ein solcher Glaube ungeahnte Kräfte mobilisieren. Überall dort, wo es heißt: »Dein Glaube hat dir geholfen«, ist dieses Zutrauen, dieses Sich-Verlassen auf Gott, gemeint. Dort hat der Glaube eine unsagbar befreiende Kraft. Und er fordert zu tätigem Handeln heraus. Im traditionellen kirchlichen Glaubensbekenntnis wird ein solcher Glaube allerdings nicht bezeugt.

Wenn Glaube unbedingtes Zutrauen zu Gott ist, dann kann ein Zustand im Leben eintreten, den wir mit »Gottes Reich« bezeichnen. Darauf haben die Templerväter zugearbeitet, und deshalb ist es so wichtig zu klären, was wir unter Glauben verstehen.

Wer so auf Gott ausgerichtet ist und den Grund allen Seins in das tägliche Denken und Handeln einbezieht, wird oft auch einen Ruf hören. Er wird sich als Geschöpf seinem Schöpfer verantwortlich fühlen und aus dieser Verantwortung eine Lebensaufgabe erkennen, so wie es bei den Tempelgründern der Fall war. Ihre Ausrichtung auf Gott hat sie einen Weg gewiesen, den sie mit allen Konsequenzen gegangen sind. Er hat sie zum Handeln herausgefordert.

Wir könnten uns jetzt fragen, ob wir in diesem Sinne »Templer« bleiben wollen oder ob uns eine andere Bezeichnung lieber wäre. Interessanterweise benutzt die jüngere Generation den Namen viel ungezwungener und sogar sinnentsprechender als wir Älteren. So sagen einige jüngere Mitglieder, sie würden »zum Tempel« oder gar »in den Tempel« gehen, wenn sie damit die Gemeinde meinen. Wenn uns das Ziel des wahrhaft christlichen Volkslebens noch am Herzen liegt, warum sollten wir dann den Namen ändern, auch wenn er erläutert werden muss? Ich könnte mir lediglich denken, dass man das Wort »Tempel« anders zusammensetzt, indem man unsere Gemeinschaft statt »Tempelgesellschaft« »Geistlicher Tempel« oder »Gottes Tempel« nennt. Am meisten würde mir allerdings daran gelegen sein, dass wir uns nur noch »Tempelgemeinde« nennen, weil darin gleichzeitig der Nachdruck, den wir auf die Gemeindebildung legen, sichtbar wird.

Reich Gottes

Der Begriff ist - außer im Johannes-Evangelium, das aber sicher die weniger zuverlässige historische Quelle ist - der zentrale Inhalt von Jesu Verkündigung. Dass er bei Christoph Hoffmann und auch heute in der Tempelgesellschaft eine wichtige Rolle spielt, wissen wir alle. Weniger eindeutig ist - bei Jesus und bei uns -, was damit gemeint ist.

In den synoptischen Evangelien - Markus, Matthäus, Lukas - gibt es zwei ganz verschiedene Versionen, die beide immer wieder auftauchen:

  1. vor allem in den Reden, die Jesu zugeschrieben werden - die apokalyptische: es wird ein Weltgericht Gottes über die Menschheit geben mit einer Bestrafung oder Vernichtung der Bösen, die nicht zur Umkehr bereit sind, und danach für die Guten ein Reich Gottes als einen Zustand ewiger Vollkommenheit,
  2. vor allem in den Gleichnissen (vom Senfkorn, vom Sauerteig, vom Schatz im Acker) - Reich Gottes als ein geistiger Zustand des Vertrauens zu Gott und Liebe zu den Menschen, der allmählich wächst in dem Maße, in dem die Menschen sich einer solchen Haltung öffnen.

Eine wichtige Rolle spielt dabei noch die Frage nach Ort und Zeit der Verwirklichung: es ist ziemlich sicher, dass Jesus sie in einer sehr nahen Zukunft erwartet hat (Naherwartung). Als sich das nach seinem Tod als Irrtum erwies, verschob sich die Erwartung in den Gemeinden auf eine immer fernere, unbestimmte Zukunft, unter dem Einfluss des Johannes-Evangeliums auch auf das Jenseits, das Sein nach dem irdischen Tod.

Der Ort spielt in der apokalyptischen Version keine Rolle: »ein neuer Himmel und eine neue Erde« - mehr oder weniger fällt beides zusammen. Oder die zeitliche Ferne würde auch zur räumlichen: im Jenseits, in einer anderen Welt. In der Version vom allmählichen Wachstum ist der Ort klar: diese Erde, das diesseitige Leben.

Von diesen zwei Versionen vom Reich Gottes haben die Kirchen sich für die erste, die apokalyptische, entschieden - und damit verlor das Reich Gottes seine zentrale Funktion in der christlichen Verkündigung. Wenn dieses Reich vielleicht in einer fernen Zukunft eintreten sollte, dann spielte es für das Leben der Menschen im Hier und Jetzt keine Rolle. Wichtig blieb dann nur noch der Glaube an das Gericht, das ihm vorausgehen sollte, die Angst vor der Strafe.

Christoph Hoffmann hielt sich an die zweite Version, die vom Wachsen des Reiches Gottes, und seine Nachfolger sind ebenfalls dabei geblieben. Ich halte aus mehreren Gründen diese Version für die richtige, diejenige, die der Lehre Jesu und meiner Überzeugung entspricht:

  1. Es gibt in der Literaturgeschichte eine Regel, die auch für die Überlieferung der Bibel gilt: Wenn von einem Text zwei gut bezeugte Versionen bestehen - bei Texten, die, wie die Evangelien, mündlich überliefert wurden, ehe man sie aufschrieb, kommt das häufig vor -, dann gilt diejenige als die echte, die den Überzeugungen der Zeit nicht oder weniger entspricht. Die Vorstellung von einer Apokalypse und einem Reich Gottes danach war im Judentum der Zeitenwende weit verbreitet - es ist sehr leicht denkbar, dass sie beim Weitererzählen in die Evangelien hineingetragen wurde. Die Vorstellung von einem Reich Gottes als geistigem Zustand, der mit der Haltung der Menschen wächst, war revolutionär - sie muss von jemand stammen, der die Dinge auf eine neue Weise sah: von Jesus selbst.
  2. Es ist aus den Berichten der Evangelien offensichtlich, dass die Botschaft vom Reich Gottes für Jesus ungeheuer wichtig war. Und ebenso offensichtlich ist, dass es ihm, in allen Reden und Gleichnissen, um eines ging: um eine Änderung der Haltung der Menschen gegenüber Gott und gegenüber einander. Nimmt man beides zusammen, dann folgt daraus, dass Reich Gottes eng mit dem Zusammenleben der Menschen hier und jetzt, auf der Erde, zusammenhängt.
  3. Mein dritter Grund ist unabhängig von der Überlieferung der Bibel: Die Vorstellung von einem Reich Gottes, das in einer unvorstellbar fernen Zeit von außen hereinbricht, mag richtig oder falsch sein - sie ist auf jeden Fall irrelevant, ohne Einfluss auf unser Leben. Und eine religiöse Idee, die unser Leben nicht beeinflusst, ist Hirngespinst, bestenfalls Spekulation, schlimmstenfalls schädlich.

Reich Gottes ist also - für uns wie für Christoph Hoffmann - Reich Gottes auf Erden. In einem Punkt allerdings sehen wir es anders als er. Er glaubte an eine relativ rasche und geradlinige Entwicklung zu einem solchen Zustand der Vollkommenheit, wenn nur die Menschen - zunächst eine Gruppe Gleichgesinnter, später alle - guten Willens wären und das zu ihrem ersten Ziel machten.

Das können wir, wenn wir ehrlich sind, nicht mehr glauben. Wir haben erlebt, wie der zivilisatorische Fortschritt wieder in Barbarei umgeschlagen ist, wie jeder Fortschritt zwar Probleme löst, aber gleichzeitig neue - oft größere - schafft, wir wissen aus den Erkenntnissen der Psychologie, dass vollkommenes Verständnis unter den Menschen nicht möglich ist, auch bei bestem Willen nicht, weil jeder Einzelne andere Vorstellungen, andere Bedürfnisse hat. Vollkommenheit unter Menschen ist für uns nicht denkbar und nicht erreichbar. Was bleibt dann von der Vorstellung eines Reiches Gottes auf Erden?

Es bleibt das Streben danach, nach einer Ausbildung aller unserer Kräfte, nach mehr Verständnis untereinander, und die Möglichkeit immer neuer punktueller Verwirklichungen in größeren und kleineren Gemeinschaften, die immer unvollkommen und vergänglich sein werden und doch, wie der Sauerteig, weiterwirken auf das Ganze. Reich Gottes wird immer ein Reich im Werden sein.

Das ist etwas deutlich anderes als das, woran die Gründergeneration glaubte. Und doch scheint mir, dass wir zwei wesentliche Punkte festgehalten haben, um die es bei Jesus und bei den Tempelgründern ging: Es geht um eine Vervollkommnung (nicht: Vollkommenheit) hier auf Erden, und es geht um unser Bemühen darum.

Darum haben wir nicht den Glauben an eine vollkommene Verwirklichung des Reiches Gottes, sondern das Bemühen, die Bereitschaft zum Mitwirken daran, zur Bedingung der Mitgliedschaft gemacht.

Gnade

Als Gnade wird im allgemeinen Gottes barmherzige Liebe ohne Ansehen der Leistungen des Menschen gesehen. Es ist das Gefühl, dass uns im Leben etwas zukommt, das wir uns nicht verdient haben. Der Apostel Paulus hatte die Definition der Gnade auf die Spitze getrieben, wenn er in seinem 1. Korinther-Brief fragte: »Was hast du, das du nicht empfangen hast?« Alles ist für ihn also Gnade, ohne Gnade könnten wir nicht leben.

Und Luther hat dieses Thema in seiner Rechtfertigungslehre aufgegriffen und war umgetrieben von dem Gedanken, dass der Mensch sich aus seiner Sündhaftigkeit nicht befreien könne. Seine Suche nach einer Lösung dieser Situation fand er in der Erkenntnis, dass »allein der Glaube« uns vor Gott gerecht mache und nicht etwa unsere Werke und Verdienste.

Luther hat das religiöse Leistungsdenken scharf kritisiert, das Denken also, dass ich etwas vollbringen müsse, um von Gott angenommen zu werden. An einer Stelle heißt es bei ihm: »Mein Gewissen würde, auch wenn ich ewig lebte und wirkte, nie sicher und gewiss werden, wieviel es leisten müsste, um Gott Genüge zu tun. Welches Werk auch immer vollbracht würde, es bliebe der unruhige Zweifel zurück, ob es Gott auch gefiele oder ob er nicht noch mehr verlangte.«

Ich möchte zu dieser Stelle einen Gegentext setzen, den ich in Christoph Hoffmanns »Occident und Orient« gefunden habe. Das Buch ist 1875 geschrieben, in der Zeit, als die ersten Kraftanstrengungen der Jerusalemsfreunde zur Errichtung von Tempelgemeinden im Heiligen Land in vollem Gang waren: »Wir sind auf den Fall gefasst, dass unsere Kräfte und Mittel sich erschöpfen und dass unsere Unternehmung scheitern sollte. Wir würden auch dann unsere Schritte nicht zu bereuen haben, weil sie in Richtung auf das, was Gott will, getan sind und auch das, was wir getan und gelitten haben, nicht wirkungslos und nicht verloren sein wird.«

Luther zweifelte also, ob das menschliche Streben und Wirken das Entscheidende sei, Hoffmann dagegen ruft zur Tat auf: »Der Herr, der die Arbeit im Weinberg vermietet, beruft uns zum Werk« (aus unserem Losungslied). Die Templer sprechen daher vom »tätigen« Christentum und wollen sich eben dadurch von denen absetzen, die alles menschliche Werken als »verlorene Liebesmüh« betrachten.

Das hat vielleicht dazu geführt, dass man sie verdächtigte, alles aus eigener Kraft erringen zu wollen und Dinge zu betreiben, die durch Menschen nicht bewirkt werden können, die sozusagen in Gottes Zuständigkeit eingreifen. Nichts ist verkehrter als das. Auch die Templer wissen um die Begrenztheit ihrer Kraft und Möglichkeiten. Aber sie fragen, wie Gott in die Welt eingreifen sollte, ohne sich der Menschen dabei zu bedienen. Die Menschen und ihr Schaffen ist doch das Mittel, durch das Gott in die Welt hinein wirkt. Wir erkennen, dass es unsere Aufgabe ist, in uns selbst und in der Welt zu wirken, uns und die Welt zu verändern.

Dass wir den Ansprüchen an uns nie ganz genügen und unsere Kräfte im Vergleich zu unseren Wünschen weit zurückbleiben, darf uns dabei nicht entmutigen.

Wir können es auch so sagen: Gott hat sein Schöpfungswerk begonnen, es muss aber noch vollendet werden, und ein Steinchen auf dem Weg zu dieser Vollendung ist der Mensch. Er nimmt teil an der fortschreitenden Schöpfung, und Gott rechnet mit ihm. Er ist nicht ein Verlorener, Abgestürzter, der gerettet werden müsste, sondern einer, der von Gott gewollt ist und der von Gott eine Aufgabe zugewiesen bekommen hat, an der er wachsen kann.

Menschliches Werk ist nach unserer Auffassung also nicht müßig und vergebens, wie es die lutherische Rechtfertigungslehre nahezulegen scheint. Nach Hoffmanns Worten bleibt das, was wir in ernstem Bemühen tun, nicht ohne Wirkung und ist auf keinen Fall verloren.

Schuld und Sühne

Schuld und Sühne sind grundlegende Begriffe im Christentum: auf der einen Seite die grundsätzliche Sündhaftigkeit des Menschen, verdeutlicht im allgemeinen an der Geschichte vom Sündenfall im Alten Testament und dem daraus abgeleiteten Begriff der Erbsünde, auf der anderen die Versöhnung mit Gott, trotz unserer Schuld, geleistet durch Jesus, der dadurch, dass er sich selbst als Unschuldiger opferte, Gott mit der Menschheit versöhnt habe. Das ist die offizielle Lehre der großen Kirchen - dass auch viele evangelische oder katholische Christen anders denken, wissen wir.

Ich denke, mit diesen Vorstellungen kann keiner von uns viel anfangen. Die Vorstellung, dass durch den einen Fehltritt eines Menschen alle seine Nachkommen zur Sündhaftigkeit verdammt sein sollen, erscheint uns ebenso absurd wie die, dass durch das Opfer eines Unschuldigen eine Versöhnung erreicht werden soll, oder dass ein Gott, den Jesus immer wieder als liebenden Vater schildert, ein solches Opfer braucht oder gar fordert und herbeiführt, um vergeben zu können.

Trotzdem bleibt der Tatbestand, dass es Schuld und Böses gibt, - mehr als genug davon. Wie stehen wir dazu? Und was bedeutet uns »Vergebung Gottes«? Darüber macht sich sicher jeder seine eigenen Vorstellungen. Es ist aber Aufgabe einer Religionsgemeinschaft, eine Antwort anzubieten, die den Mitgliedern eine Hilfestellung sein kann.

Ich habe schon öfters darauf hingewiesen, dass man die Geschichte vom Sündenfall auch ganz anders lesen kann: als ein Bild dafür, dass der Mensch im Lauf seiner Geschichte aus der paradiesischen Unschuld, die eine Unschuld des Tieres war, das kein Gut und Böse kennt, herausgetreten ist in ein neues Stadium, das der Erkenntnis von Gut und Böse, und damit der Freiheit, zwischen beiden zu entscheiden. Das macht unsere Würde, unsere Sonderstellung im Vergleich zum Tier aus, aber es bedeutet auch, dass von nun an für immer die Möglichkeit der Entscheidung zum Bösen, die Schuld, gegenwärtig ist.

Wenn wir überhaupt an einen Gott als Schöpfer glauben, müssen wir annehmen, dass er diese Entwicklung in uns angelegt, dass er unsere Freiheit gewollt hat. Das bedeutet, dass der Mensch nicht von Grund auf böse und erst recht nicht deshalb von Gott verdammt ist, sondern dass in jedem von uns beides angelegt ist und dass das von Gott so gewollt ist. Und ich nehme an, dass die meisten von uns sich selbst auch so empfinden. Es bedeutet aber auch, dass, gemessen an den Forderungen Jesu, an dem, wie wir sein wollen oder was wir tun sollten, immer das Gefühl des Ungenügens, der Schuld, bleibt. Und all denen, die darunter leiden, verkündet Jesus die Vergebung Gottes. Was bedeutet das?

Meiner Ansicht nach sicher nicht, dass wir in einem Jenseits, von dem wir uns sowieso keine Vorstellung machen können, in die Hölle verdammt sind. Darüber, was nach unserem Tod geschieht, können wir nichts wissen. Und dass Generationen von Christen mit dieser Drohung geängstigt wurden, sehe ich als einen der Flecken - nicht den einzigen - auf der Geschichte des Christentums.

Für mich bedeutet es, dass Gott mich so, wie ich bin, geschaffen hat, dass er mich also auch annimmt, so wie ich bin, mit allen meinen Schwächen, dass Schuld und Verfehlungen sich nicht zu einer erdrückenden Last anhäufen, nicht - in der Sprache der Bibel - zugerechnet werden, sondern dass ich immer wieder neu anfangen darf, wenn ich nur will und mich bemühe - bemühe allerdings auch wiedergutzumachen, soweit das möglich ist. Es ist dasselbe wie mit dem Reich Gottes: gefordert ist nicht die Vollkommenheit, sondern das Streben nach Besserung.

Dieses Verständnis von Vergebung ist mir auch in anderer Hinsicht wichtig: Jesus gebraucht immer wieder ein Bild der Beziehung zwischen Menschen, um die Beziehung zu Gott zu erklären - am schönsten vielleicht im Gleichnis vom Verlorenen Sohn, aber auch in vielen anderen. Sicher auch deshalb, weil man von Gott nur in Bildern reden kann. Aber wohl auch deshalb, weil das eine vom andern nicht zu trennen ist. »Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern«, das heißt wohl nicht nur: im gleichen Ausmaß oder dass das eine die Bedingung für das andere ist, sondern auch: auf die gleiche Weise. Wenn ein anderer mir unrecht getan hat und mir dann zeigt, dass ihm das leid tut und er sein Verhältnis zu mir wiederherstellen möchte, so soll ich ihm »vergeben« - nicht sagen »Ich verzeihe dir«, was ganz viel Anmaßung ausdrücken kann, sondern ihn wieder annehmen wie zuvor, ihm das Gefühl der Schuld abnehmen.

Wenn wir Vergebung so verstehen, was hat dann Jesus damit zu tun? Wenn Gott uns annimmt, wie wir sind, weil er unsere Freiheit gewollt hat, von Anbeginn an, dann kann Jesus nicht der Erlöser sein, der unsere Schuld auf sich genommen hat.

Erlösen heißt losmachen, frei machen. Jesus wollte die Menschen frei machen, frei von der Angst, indem er ihnen die Vergebung Gottes predigte - richtiger wäre wohl: das Vertrauen zu Gott. Das war nicht ganz neu. Auch in den Psalmen ist immer wieder von der Vergebung Gottes die Rede. Aber dort, und ähnlich bei den Propheten, steht daneben viel von Strafe und Gerechtigkeit Gottes. Niemand hatte bis dahin so umfassend und kompromisslos die Ungerechtigkeit der Liebe Gottes gelehrt, der jeden annimmt, den Sünder wie den Gerechten. Damit hat Jesus uns die Chance gegeben, frei zu sein, frei nicht von Schuld, aber von Angst.

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