Glaube
Credo - Brauchen wir ein Glaubensbekenntnis?

In den meisten evangelischen Gottesdiensten scheint es Brauch, wenn nicht sogar vorge­schriebene Gottesdienstordnung zu sein, dass in jedem Gottesdienst das Glaubensbe­kenntnis von allen gemeinsam gesprochen wird. Das wird wohl nicht allgemein praktiziert, aber da ich selten in einen evangelischen Gottesdienst gehe, kann ich das nicht beurteilen.

Laut einer vor einigen Monaten durchgeführten Befragung von über tausend evan­gelischen Kirchgängern lehnen 70 Prozent von ihnen diese Praxis ab. Nach ihren Gründen dafür wurde offenbar nicht gefragt oder nicht darüber berichtet. Das ist schade, denn diese Gründe können sehr unterschiedlich sein. Ich nenne die wichtigsten:

1. Ablehnung des gemeinsamen öffentlichen Bekennens,
2. Ablehnung eines Glaubensbekenntnisses überhaupt,
3. Ablehnung dieses Glaubensbekenntnisses.

Zunächst schien mir das kein Thema für unsere Zeitschrift "Die Warte des Tempels" zu sein. Denn wir Templer haben kein verbindliches Glaubensbekenntnis. Der Gründer (Gründung 1861) war der Ansicht, dass wesentlich an der Religion nicht etwas sei, was man wissen und für wahr halten müsse, sondern dass und wie man seinen Glauben im praktischen Leben umsetze. Insofern bin ich in dieser Frage Partei. Ich habe zwar das für alle oder fast alle christlichen Konfessionen gültige so genannte Apostolische Glaubensbekenntnis im evangelischen Religionsunterricht in der Schule gelernt, aber es nie als etwas angesehen, was mich essentiell betrifft. Und als ich später anfing, darüber nachzudenken, wurde aus dem Nichtbetroffensein Ablehnung. Das war, vom ersten Abschnitt und einigen wenigen Zeilen abgesehen, nicht mein Glaubensbekenntnis. Es bestätigte meine templerische Auffassung, dass es besser sei, keines zu haben.

Dann erschien in diesem Jahr in der Zeitschrift "Publik-Forum" eine ausführliche Dis­kussion zum Thema, ausgelöst durch zwei Artikel, einer pro, einer contra in Heft 1 dieses Jahres, gefolgt in den Heften 3 und 5 von weiteren Artikeln mit zusätzlichen Informationen und Meinungen und einer Auswahl aus der nach Angaben der Redaktion unerwartet großen Flut von Leserbriefen. Offenbar treibt das Problem viele evangelische Christen um. Die Diskussion hat mir deutlich gemacht, dass das Problem vielschichtig ist und durchaus Aspekte hat, die auch uns bekenntnislose Templer betreffen. Ich will versuchen, einige davon kurz zu umreißen.

Der erste der erwähnten Ausgangstexte stammt von einem Ehepaar, er emeritierter Professor der Physik, sie Architektin und Krankenhausseelsorgerin. Sie lehnen das gemein­same Sprechen des Glaubensbekenntnisses ab, weil die meisten Aussagen darin für heutige Gläubige irrelevant oder inakzeptabel seien und weil bei der heutigen Individualisierung der Glaubensvorstellungen ein ehrliches gemeinsames Bekenntnis aller Christen nicht mehr möglich sei. Sie sehen einen engen Zusammenhang zwischen diesem Problem und einem anderen, größeren: der Frage nach der Gültigkeit des kirchlich-dogmatischen Lehr­gebäudes, die ihrer Ansicht nach in den Kirchen viel zu wenig gestellt werde. Als rühmliche Ausnahme - und wohl auch als Beispiel ihrer eigenen Einstellung - zitieren sie den Präsidenten des Evangelischen Kirchentages 2001: "Wie komme ich dazu, ausgerechnet im Gottesdienst beim Sprechen des Glaubensbekenntnisses vor allen Leuten regelmäßig zu lügen? Ich kann doch nicht glauben, dass Jesus vom Heiligen Geist gezeugt wurde, ... dass Maria ihn als Jungfrau zur Welt gebracht hat, ... dass er nach drei Tagen körperlich auferstanden ist." ("körperlich" steht zwar nicht im Apostolikum, aber indirekt im Nicänum, dem ältesten kirchenoffiziellen Glaubensbekenntnis). Das dürfte dem Empfinden vieler Christen entsprechen.

Der zweite Ausgangstext stammt von Fulbert Steffensky, emeritierter Professor für Religionspädagogik, vielen wohl ein Begriff durch sein engagiertes Eintreten für ein stärker mystisch orientiertes Christentum. Er setzt zu Beginn einen interessanten Akzent: Bekennen bedeutet ein Einstehen für etwas gegen Widerstand und unter Risiko. Bezeichnenderweise wurde das gemeinsame Sprechen des Glaubensbekenntnisses im Dritten Reich von der Bekennenden Kirche eingeführt; bis dahin war es nur vom Pfarrer gesprochen worden. Aber unter Hitler in der Situation der beständigen Gefahr wurde dieses gemeinsame Sprechen zu einem echten Bekenntnis, das die Gemeinschaft, den Glauben, die Kraft zum Widerstand stärkte.

Heute gilt das nicht mehr. In unserer permissiven, religiös gleichgültigen Gesellschaft, in einem Staat, der Religionsfreiheit garantiert, geht niemand, der sich zu diesem oder einem anderen Glauben bekennt, ein Risiko ein. Das Sprechen des Glaubensbekenntnisses kostet nichts - damit ist es kein Bekenntnis mehr, sondern ein Ritual. Das ist nicht abwertend gemeint. Religion braucht Rituale. Aber: braucht das Christentum dieses Ritual?

Steffensky tritt für die Beibehaltung der bisherigen Praxis ein. Sein Hauptargument: "Alle Glaubensaussagen sind poetische Annäherungen an die Wahrheit." Sie sind geprägt durch Umfeld und Persönlichkeit ihrer "Verfasser", auch wenn diese sich als Verkünder einer göttlichen Botschaft verstehen, und sie sind deshalb nie uneingeschränkte zeitlose Wahrheit. Wir müssen sie ebenso nach unseren Zeitumständen und unseren persönlichen Empfin­dungen immer neu interpretieren, und wir tun das unwillkürlich, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind.

Das ist, für mich, eine sehr sympathische Aussage. Aber ich kann sie nicht auf das Apostolikum beziehen. Ich empfinde es nicht als poetisch - das kann an meinem persön­lichen Stilempfinden liegen. Wichtig ist etwas anderes. Das Credo wurde 325 n.Chr. beschlossen auf dem so genannten Ersten Ökumenischen Konzil in Nicäa (daher der Name Nicänum für die älteste Fassung; sie unterscheidet sich fast nur sprachlich von dem späteren Apostolikum). Das war eine vom Kaiser (!) einberufene und gelenkte Bischofs­synode mit dem Zweck, einen erbitterten theologischen Streit beizulegen und so die Einheit der Kirche zu sichern und die des Reichs zu fördern und damit auch die Macht des Kaisers. Dem diente das Credo. Es war eine politische und kirchenpolitische Waffe. Es sollte nicht eine "Annäherung an die Wahrheit" sein, sondern die alleinige, absolute, alleinseligmachende Wahrheit verkörpern. Der Beweis wurde mitgeliefert: auf dem gleichen Konzil wurden alle Anhänger der unterlegenen Partei (die Arianer, im Ostteil des Reichs die Mehrheit), die das Credo nicht akzeptierten, verdammt und aus der Kirche ausgeschlossen, anschließend mit Hilfe der staatlichen Macht verfolgt und unterdrückt.

Damit bildet das Glaubensbekenntnis den Ausgangspunkt einer jahrhundertelangen unheilvollen Entwicklung: der des Absolutheitsanspruchs auf die Wahrheit, gepaart mit dem Bündnis zwischen Kirche und Staat, das der Kirche die Macht gab, ihre Wahrheit durch Gewalt zu erzwingen. Beides zusammen führte über die Jahrhunderte zu immer neuen Abspaltungen, Kämpfen, Vertreibung und grausamer Verfolgung. Über die Jahrhunderte dürfte die Zahl der Opfer in die Millionen gehen.

Das steht im krassen Gegensatz zu dem, was Jesus selbst gelehrt und gelebt hat. Das ist zwar für uns im Einzelnen nur ungenau zu erfassen, weil die Überlieferung von Anfang an andere Akzente gesetzt hat. Aber wenn man die synoptischen Evangelien im Zusam­menhang liest, dann wird trotzdem sehr deutlich, was für ihn der Kern seiner Botschaft und allein wichtig war: das Kommen des Gottesreichs, die Liebe Gottes (ich sage lieber: das Angenommensein von Gott), das Vertrauen zu Gott und die Liebe der Menschen untereinander. Von all dem steht nichts im Credo. Jesus hat von niemand ein Glaubens­bekenntnis verlangt, und wenn er von Glauben spricht, dann meint er immer: Vertrauen.

Aus allen diesen Gründen scheint mir das Credo ungeeignet nicht nur als Glaubensaussage, sondern auch als Symbol für eine Religion, die sich auf Jesus beruft. Allerdings: Die Leserbriefe haben mir deutlich gemacht, dass das Problem noch einen anderen Aspekt hat. Einige lehnen das Credo total ab, andere setzen sich differenziert damit auseinander, aber ein Teil der Schreiber sagt eben auch, dass ihnen das Credo viel bedeute. Die Gründe lassen sich - in etwa - in zwei Punkten zusammenfassen:

Der erste: das Alter. Zitat: "Wunderbar finde ich es, mit diesem Glaubensbekenntnis in der großen Schar der Christen zu stehen, die es in der Vergangenheit gebetet haben und in Zukunft beten werden." Das ist, rational gesehen, kein Argument, weil es den Inhalt völlig außer Betracht lässt. Der eifernde Gott des Alten Testaments, der die Sünden der Väter rächt bis ins dritte und vierte Glied, war für damalige Juden auch eine altersgeheiligte Aussage. Aber dass viele Menschen so empfinden, ist eine Tatsache.

Der zweite Punkt: Einige der Schreiber sagen, dass ihnen das Credo Geborgenheit gebe und Trost; einige beziehen das speziell auf die Erlösung durch Jesu Sühnetod, andere auf das Credo als ganzes. Auch wenn ich für mich selbst beides ablehne - ich denke, niemand hat das Recht, denen, die so empfinden, diesen Halt und Trost abzusprechen. Aber es hindert sie ja auch niemand daran, für sich das Credo zu beten. Die Frage ist nur, ob man daraus eine verpflichtende Übung für alle machen sollte.

Damit bin ich bei meiner eingangs gestellten Frage: Braucht man, braucht eine Religion ein Glaubensbekenntnis? Meines Wissens haben das nur die drei monotheistischen Religionen - es ist ein Aspekt des Anspruchs auf die absolute Wahrheit und von daher suspekt. Andererseits trägt ein Glaubensbekenntnis vielleicht zur Identitätsstiftung bei, zu Gemeinschaftsgefühl, es könnte Halt und eine gewisse Richtung vorgeben. Es müsste dann aber so formuliert sein, dass die Mehrheit der Gläubigen es ohne Skrupel akzeptieren könnte. In einem der Artikel zum Thema werden die Bekenntnisse der beiden anderen abrahamitischen Religionen zitiert; das jüdische: "Höre, Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige allein" und das muslimische: "Es ist kein Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet." Beides ist so einfach und klar, und so umfassend, dass wohl jeder gläubige Jude bzw. Moslem es akzeptieren wird. Und deshalb ist es auch jedem geläufig und eine Art Erkennungsmerkmal - was man vom christlichen Credo sicher nicht sagen kann.

1999 brachte Publik-Forum einen Aufruf an die Leser, persönliche Glaubensbekenntnisse einzusenden, und es kamen über 2000 Zuschriften. Einer der jetzt erschienenen Artikel zitiert sieben davon, und ich fand sie alle ansprechend, obwohl ich mit keinem davon ganz einverstanden bin. Ich zitiere drei davon:

a) Ich glaube an einen Gott, von dem ich mich geliebt fühle, der mich lenkt und leitet, der mir nahe ist.

b) Ich glaube an Gott, das Urprinzip, von dem Leben und Liebe kommt. Er ist in mir und außer mir.

Am meisten beeindruckt hat mich eines, das der Autor "Paradoxes Credo" nennt:

c) Ich glaube an Gott. Auch für den Fall, dass es ihn nicht gibt, will ich an ihn glauben, den Schöpfer des Himmels und der Erde, und mich einsetzen für die Bewahrung der Schöpfung. Ich glaube nicht an den Teufel. Auch für den Fall, dass es ihn gibt - ich will nicht an ihn glauben, den Zerstörer und Entzweier, und mich einsetzen gegen die Machenschaften des Bösen. (leicht gekürzt).

Es geht nicht um eine Aussage über Gott, es geht darum, wie ich mein Leben führen will. Gleich in zweien dieser wenigen Zitate zeigen die Autoren, dass und wie sich ihr Bekenntnis im Lauf ihres Lebens gewandelt hat und wie wichtig es ihnen ist, dass für eine solche Entwicklung Raum sein muss.

Stellt man neben diese in sich schon so unterschiedlichen Beispiele noch die vielen, die das herkömmliche Credo ganz oder teilweise beibehalten wollen, dann wird deutlich, dass nicht möglich sein wird, heute ein neues Credo für die ganze Christenheit zu formulieren.

Dazu noch ein praktisches Beispiel: in den reformierten Schweizer Landeskirchen wurde schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts der Streit darüber, ob das Apostolikum noch zeitgemäß sei, so erbittert geführt, dass es in einigen Landeskirchen zur Spaltung kam. Um das zu verhindern, wurde 1848 in Zürich die "Bekenntnisfreiheit" beschlossen. Konkret bedeutete das, dass jede Gemeinde selbst entscheiden konnte, ob sie das Apostolikum beibehalten, ein eigenes Glaubensbekenntnis formulieren oder gar keines mehr haben wolle, und dass sie ihre Entscheidung auch bei Bedarf selbst revidieren konnte. Diese Lösung wurde alsbald von allen Landeskirchen übernommen und hat bis heute Bestand. In den letzten Jahren fanden einige Theologen, dass man angesichts der Bedrohungen - durch den Islam, den Papst ("evangelische Kirche sind nicht Kirche im eigentlichen Sinn"), das heutige pluralistische Religionsangebot, die allgemeine Säkularisierung - doch wieder ein gemeinsames Bekenntnis brauche. Es erging ein Aufruf an alle Pfarrer und Gemeinden, Vorschläge dafür einzureichen. Aber das Echo war so gering, dass der Versuch wieder aufgegeben wurde. Es bleibt also bei der bisherigen Lösung. Und die scheint mir gar nicht so schlecht zu sein. Es geht also auch ohne ein verpflichtendes Glaubensbekenntnis - mir scheint es besser, keines zu haben.

Dr. Brigitte Hoffmann, Ältestensprecherin der Tempelgemeinde Stuttgart im Juni-Heft 2012 der "Warte des Tempels"

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