Zusammenleben von Menschen und Tieren in der einen Schöpfung - A. Echternkamp
"Lasset die Kinder zu mir kommen" - Jörg Klingbeil
Disput um die liberale Theologie
Theologischer Dialog statt Häresie-Gericht - Prof. Dr. Werner Zager
Richtungen im Christentum - Dr. Andreas Rössler
Reisebeschreibungen aus Palästina - Birgit Arnold
Vor fast sieben Jahren, genauer im September 2019, veröffentlichte die Evangelische Kirche in Deutschland ein ausführliches Papier zur Tierethik: „Nutztier und Mitgeschöpf?“ (EKD-Papier 133). Nach dem damaligen Präses der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, ging es hier um nicht weniger als einen „umfassenden zivilisatorischen Lernprozess, der dem Prozess der Dekarbonisierung unserer Weltwirtschaft in nichts nachsteht“ (S.7). Ziel war (und ist) also eine grundlegende Veränderung unserer Lebensweise in Deutschland, Europa und weltweit.
Die Kirche verstand sich dabei als „Mahner, Mittler und Motor gemeinsam mit vielen zivilgesellschaftlichen Partnern zum kulturellen Transformationsprozess in Richtung einer nachhaltigen Nutztierethik und eines maßvollen Fleischkonsums (...). Die Achtung des Tierwohls, eine Ernährungswende und agrar-ökonomische Nachhaltigkeit gehören zusammen und sind nur miteinander zu verwirklichen“ (S.134).
Ich möchte eine kritische Würdigung dieser kirchlichen Stellungnahme versuchen, deren Anliegen ich voll und ganz unterstütze, die aber viel mehr Beachtung verdient hätte.
Das Papier nimmt auf 150 Seiten sehr differenziert zum Thema Stellung. Es knüpft dabei ausdrücklich an die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus aus dem Jahr 2015 an, die den „verhängnisvollen Anthropozentrismus der Gegenwart“ geißelt und einen „Eigenwert der Tiere“ festhält unabhängig vom Nutzen für den Menschen - gegen philosophische Tendenzen der Aufklärung und im Einklang mit Erkenntnissen der modernen Biologie und Verhaltensforschung (S. 7).
Außerdem greift es zentrale Punkte aus der Stellungnahme der EKD aus dem Jahr 1991 „Zur Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf“ auf, z.B: „Eine Nutzung der Tiere ist nur zulässig, solange sie weder mit Schmerzen noch mit Leiden zugunsten erhöhter Produktionsleistung für den Menschen verbunden ist und solange die Würde der Tiere gewahrt bleibt“ (S. 16).
Theologisch gründet es vor allem auf den neueren schöpfungstheologischen Betrachtungen, die vom konziliaren Prozess für „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ angestoßen wurden (S. 11ff).
Hier verweist das EKD-Papier auf die beiden Schöpfungserzählungen aus Gen 1+2, nach denen die ursprüngliche Schöpfungsordnung keinen Fleischgenuss vorsah. Mensch und Tier stehen beide unter dem Segen Gottes. Beide empfangen zum Leben göttlichen Atem, beide sind abhängig von der Schöpfung als Ganzer. Alles Leben soll letztlich da sein zum Lob Gottes (vgl. Ps 104)! Gott ist und bleibt Herr der Welt. Dies begrenzt jede menschliche Wirtschafts- und Verwertungslogik, die sich auf den einen Satz aus Gen 1,29 beruft: „Macht euch die Erde untertan!“
Auch wenn nach dem göttlichen Bund mit Noah (Gen 9) Fleischgenuss in Grenzen zugelassen wird, bleiben auch die Tiere eingeschlossen in Gottes Bund und Schutz vor Vernichtung. Die Tiere sind Teil des göttlichen Rechts. Die Sabbatruhe jeden siebten Tag gilt nach den Zehn Geboten ausdrücklich auch den (Nutz-)Tieren (Ex 20,10).
Sonntage und Fastenzeiten erinnern immer wieder an die ursprüngliche Ordnung und das Ziel der Schöpfung, den Schalom, den Frieden, Gerechtigkeit und das Heil Gottes mit und für alle Kreatur (Jes 65,17ff).
Im Neuen Testament wird dieses Ziel in der Vater-unser-Bitte „Dein Reich komme“ aufgenommen (Mt 6,10). Und die Bitte um das „tägliche Brot“ erinnert an das Manna, mit dem Gott seinem Volk täglich neu das Überleben in der Wüste ermöglichte: Vorbild für eine Ethik des Genug im Gegensatz zum Diktat eines „permanent gesteigerten Konsums und totalen Vermarktung der Güter, Tiere und Zeit“ (S.30).
Als Christ*innen ist uns aufgegeben, uns nicht der Lebensweise der Welt anzupassen, sondern zu prüfen, was Gottes Wille ist (Röm 12).
Auffälligerweise fehlt für mich eine dezidiert christologische Argumentation in dem EKD-Papier (Lediglich im hinteren Teil unter Punkt 5 „Lernorte für eine neue Mensch-Tier-Beziehung“ werden Bezüge zum Weg und Person Jesu hergestellt, S. 110). Wollte man hier Konfliktstoff innerhalb der Kirche vermeiden? Selbst wenn Jesus nicht direkt auf Tierwohl eingeht, so ist es ja integraler Teil seiner Reich-Gottes-Verkündigung: der Ansage der neuen Welt Gottes, wie die Propheten sie vorhergesagt hatten, ja, das Hereinbrechen dieser Welt ins Hier und Jetzt im Handeln und Leben Jesu und wo immer Gottes Name geheiligt wird und sein Wille geschieht wie im Himmel so auf Erden.
Wenn Jesus die Sanftmütigen seligpreist und ihnen die Erde zum Besitz verspricht (Mt.5,5), wenn er menschlichem Verständnis von Herrschaft als Unterdrückung sein Verständnis und Zeugnis von göttlicher Herrschaft als Dienst und Hingabe entgegenstellt (Mk 10,42ff u.a), wenn er die Liebe ins Zentrum der Beziehung zwischen Gott und Mensch rückt, dann sind die Tiere, dann ist Gottes Schöpfung miteingeschlossen!
So verstehen Jesus jedenfalls die Evangelien, die davon berichten, dass Gottes Sohn in einem Viehstall zur Welt kam (Lk 2), dass Jesus nach seiner Taufe zunächst die Gemeinschaft mit den Tieren aufsuchte, bevor er zu den Menschen ging, um die Verlorenen zu suchen und zu retten (Mk 1,13 vgl. Ex 3,1).
Gottes Bewegung hin zu den Schwachen, Randstehenden, Leidenden, seine Konvivenz mit ihnen und in ihnen, die im Kreuz kulminiert und ins Leben mündet, muss m.E. gerade auch auf die leidende Kreatur bezogen werden (vgl. auch Röm 8,19ff). Und so löst im Abendmahl in der Urgemeinde ein veganes Kultmahl den Tieropferkult der übrigen jüdischen Gemeinde ab. Das einzige Blut, das im Mahl der Gemeinschaft von Gott und Menschen vergegenwärtigt wird, ist das Blut Jesu, das er „für uns“ vergossen hat; und das ist zugleich Gottes Herzblut!
Vielleicht ist das der wesentliche Schwachpunkt des EKD-Papiers, dass es rational sehr differenziert argumentiert, aber die emotionale Seite von uns Menschen zu wenig anspricht und berücksichtigt. Von Mitgefühl mit den Tieren ist nicht die Rede, soweit ich sehe. Auch geht es nicht in erster Linie um ein gemeinschaftliches Zusammenleben von Mensch und Tier auf der Erde. Stattdessen wird „die Sonderstellung des Menschen unter seinen Mitgeschöpfen“ hervorgehoben und die besondere Verantwortung „für Mitmensch und Mitgeschöpf“, die sich daraus ergibt (S. 19 in Aufnahme der Formulierungen aus dem Papier „Zur Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf“). Die Lebensweise der Tiere wird geradezu diffamiert, wo Sätze aufgenommen werden wie: „Das Verhältnis der Tiere untereinander ist von Gewalt geprägt und lässt den menschlichen Betrachter nicht selten erschrecken über die Grausamkeit und Brutalität des kreatürlichen Lebens“ (S. 19f).
Das entspricht längst nicht mehr heutigem Stand der Forschung, die vielmehr die Kooperation und vielfältigen Verbindungen zwischen den einzelnen Lebewesen und Lebensformen erkannt hat - innerhalb des Lebens auf der Erde als komplexen Netzwerk bzw. Organismus. Doch schon der Blick auf die Fürsorge vieler Tierarten für ihren Nachwuchs bis hin zur Selbsthingabe oder auf ihre Fähigkeit zu spielen widerspricht so einer Aussage, die eher die menschliche Realität spiegelt als tierisches Leben. Und sie widerspricht dem eigenen Anspruch und Aussagen im hinteren Teil des Papiers, wo davon die Rede ist, dass nach biblischer Überlieferung „Tiere intuitiv ihren Schöpfer kennen und verehren“ (S. 109) oder dass Tierethik in der Bildungsarbeit „in wörtlichem Sinn auf Augenhöhe mit dem Tier stattfinden“ sollte, dass eine Resonanzbeziehung hergestellt wird mit Momenten der wechselseitigen geistigen und sinnlichen Berührung und Berührtwerdens, „die das Individuum und die Welt verändern“ (S. 111).
Zunächst möchte ich mich bei meiner Kirche bedanken, dass sie sich mit dem Papier „Nutztier und Mitgeschöpf?“ in dieser zentralen Frage für alles Leben auf der Erde für die Tiere stark gemacht hat. Die 16 Forderungen des Papiers (S. 128ff) an die Adresse der Verbraucher*innen, die Politik in Deutschland und der EU, an Landwirte, Tierärzte, Handel und Industrie, Bildungswesen und eigenes kirchliches Handeln zeugen von Vernunft, Sachkenntnis und viel gutem Willen und sollten in die Praxis umgesetzt werden.
Leider zeigt sich, dass die Stellungnahme in unserer Gesellschaft kaum Wirkung entfaltet.
Nach dem Branchenreport 2025 des Bundes Ökologische Landwirtschaft machten Bio-Produkte nur rund 6,3 Prozent des Lebensmittelumsatzes in Deutschland aus, während in Dänemark, der Schweiz und Österreich Marktanteile von elf bis zwölf Prozent erreicht wurden. Bio-Schweinefleisch hat nur einen Marktanteil von 0,8 Prozent. Der Umsatz bei Bio-Geflügel war zuletzt sogar rückläufig. D.h. die Haltungsbedingungen haben sich für die allermeisten Tiere nicht verbessert. Allein das barbarische Kükenschreddern wurde verboten.
In unserer Lebensweise besteht nach wie vor eine riesige Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit, wo 88 % der Verbraucher*innen den Ausbau des Ökolandbaus und 92 % bessere Tierhaltungsbedingungen befürworten und 85% sogar für eine verpflichtende, staatlich kontrollierte Kennzeichnung der Tierhaltungsbedingungen bei allen Fleisch- und Milchprodukten in Handel und Gastronomie wären (laut Ernährungsreport der Bundesregierung 2024). Allerdings scheint das Bewusstsein dafür eher nachzulassen als zu wachsen, wenn man in den Ernährungsreport 2025 schaut.
Was die Politik betrifft, der eine maßgebliche Rolle bei der Umsetzung der Forderungen zukäme, hat sich seit 2019 der Wind offenbar komplett gedreht. Ausgerechnet die sogenannten christlichen Parteien stehen geradezu konträr zu den Forderungen der Evangelischen Kirche. Die EKD wiederum scheint heute in dieser Sache keine offene Auseinandersetzung zu suchen, um ihrer Rolle als „Mahner, Mittler und Motor“ (s.o.) für den notwendigen kulturellen Transformationsprozess gerecht zu werden.
Dabei spielt sicherlich auch eine Rolle, dass Ansehen und Relevanz der Kirchen insbesondere durch die Missbrauchsskandale massiv beschädigt wurden. Dass die Corona-Krise, Ukraine-Krieg und wirtschaftliche Unsicherheit bzw. Verschlechterung bei der Mehrheit mehr auf den Geldbeutel schauen lässt als auf das Wohl der Tiere. Und dass ein 150-seitiges Papier in der zunehmend digitalen Welt mit den sozialen Medien kaum noch Chancen hat, wahrgenommen zu werden.
Allerdings sehe ich auch in der kirchlichen Theologie bzw. Ethik selbst eine fundamentale Schwäche. Wie schon gesagt, halte ich sie zu sehr auf die menschliche ratio ausgerichtet. Der hohen Geltung der Vernunft, durch die der Mensch sich angeblich besonders vom Tier unterscheide (S. 19), möchte ich den schon prophetischen Satz aus Goethes Faust entgegenhalten: „Er nennts Vernunft und brauchts allein, um tierischer als jedes Tier zu sein“. Wenn heute die hohe Intelligenz und sozialen Kompetenzen nicht nur von Säugetieren, sondern vieler Tierarten auch wissenschaftlich nachgewiesen sind - inzwischen geht man sogar von pflanzlicher Intelligenz und Empfindungsfähigkeit aus - , dann ist umgekehrt unser Fleischkonsum mit dem Quälen und Töten von bis zu einer Milliarde Tieren im Jahr allein in Deutschland (lt. Tierärzte für eine nachhaltige Landwirtschaft) ein Zeichen geistiger Unterentwicklung und seelischer Verkümmerung bei uns Menschen. So wirkt unser Jammern über die Zunahme von Krieg und Gewalt in der Welt schizophren, wenn wir selbst nicht bereit sind, unseren Krieg gegen die Mitgeschöpfe und Mitwelt zu beenden. Es ist der Mensch - nicht die Tiere - der dabei ist, seine eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören. Es ist höchste Zeit zur Umkehr, wie die EKD-Schrift zu Recht betont hat.
Dass der Tierschutz 2002 in unser Grundgesetz aufgenommen wurde, war ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn sich dennoch nichts an den Zuständen geändert hat und Politik und Gesellschaft ihre eigenen Werte und Grundsätze verleugnen, dann erwarte ich von meiner Kirche, dass sie das nicht tut, sondern zu Gott steht, der „in Christus Fleisch wurde“ (Joh 1,14) und sich im Kreuz an die Seite aller leidenden Kreatur gestellt hat. Der als Schöpfer mitlebt, sich mitfreut und alle Wege mitgeht - auch durch den Tod. Und der in Jesus zeigte, dass er das Verlorene sucht und das in Sünde Verkrümmte heilt und befreit zu gutem Miteinander.
Es ist der Mangel an Christologie im EKD-Papier, den ich kritisiere, bzw. die falsche Theologie dahinter, die Gott als Schöpfer seinen Geschöpfen dogmatisch gegenüberstellt, statt die Verbindung, den Bund, die Beziehung, die Liebe zu begreifen, die Jesus vertreten hat und in die er uns miteinbeziehen wollte, um unsere Trennung von Gott aufzuheben, um uns zu erlösen, zu befreien. Alle Seiten unseres Wesens sind darin eingeschlossen, Körper, Geist und Seele. Die abgeschnittene Verbindung zwischen unserem Verstehen und unserem Fühlen, zwischen Intelligenz und Mitgefühl muss wieder hergestellt werden. Nicht nur in der Gesellschaft, auch in der Kirche.
Bei der Therapie können gerade Tiere eine wichtige Rolle spielen - wenn wir sie denn lassen, wenn wir ihnen mit demselben Respekt und Liebe begegnen, die wir uns selbst und dem Mitmenschen schenken sollten um Gottes Willen.
Überlassen wir als Christ*innen nicht dem Geldgott die Erde - mit seiner zerstörerischen Energie und all seinen Lobbyisten und Mitläufern im Gefolge! Verbinden wir uns mit unserem Gott, dem Abba, Sohn und Geist, lebendige Energie im Kosmos, Beziehung in Allem! Mit dem, der die Welt und uns Menschen so sehr liebt, dass er dafür streitet, schimpft, weint, Tische umwirft, an Tischen versammelt, schreit, stirbt und neu aufsteht. Und verbinden wir uns mit unseren menschlichen und nichtmenschlichen Geschwistern in ihrem Leid und ihrer Freude zu Gottes Freude und Lob: Menschen, Tieren, Pflanzen, Lebewesen und Elementen! Die franziskanische Tradition, aber auch die christliche Mystik können uns da wichtige Wegbegleiter sein.
Andreas Echternkamp in „Freies Christentum“ Nr. 3-2026, Pfarrer und Mitglied des Arbeitskreises „TAU - Ehrfurcht vor allem Leben“ im Netzwerk Christsein heute
Als Kinder zu Jesus gebracht werden, damit er sie segne, werden sie von den Jüngern, die ihren Meister vor dem Andrang schützen wollen, schroff zurückgewiesen. Jesus reagiert verärgert: „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes... Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ Dann herzt und segnet er die Kleinen. So stellen wir uns Jesus vor: Herzlich, liebevoll, den Randfiguren der damaligen Gesellschaft zugewandt, also auch Kindern oder Frauen.
Offenbar sind die Eltern überzeugt, dass durch Jesus etwas von einer göttlichen Kraft, die sie ihm zutrauen, auf ihre Kinder übergeht. Dass durch eine Berührung Energie übertragen werden kann, wissen wir. Viele werden ruhiger oder fühlen sich geborgen, wenn jemand sie in den Arm nimmt. Sie spüren die Zuwendung und das tut ihnen gut. Von Jesus muss eine große Energie ausgegangen sein, die auch ohne Berührung wirksam war; das wird in Heilungsberichten eindrucksvoll beschrieben.
Die Jünger dagegen wollen hier offenbar die Interessen derjenigen vertreten, die in Ruhe Jesus zuhören wollen. Denn der offizielle Teil des Glaubens war damals - im orthodoxen Judentum ja bis heute - den Männern vorbehalten. Frauen und Kinder durften dabei nicht stören. Jesus dagegen lädt alle, sogar mit Vorrang die Kinder, zur Teilhabe am Reich Gottes ein. Er nahm sie ernst. Für ihn waren sie nicht einfach unfertige Erwachsene, sondern hatten eine eigene Würde. In seinen Augen waren sie schon Bürger des Reiches Gottes. Aber was bedeutet das im Umkehrschluss für uns Erwachsene? Wir neigen zu der Annahme, dass seine Heilszusage für die Kinder gilt, weil diese so ursprünglich und unverdorben sind. Diese romantische Vorstellung von kindlicher Unschuld ist jedoch trügerisch, denn auch Kinder können sich manchmal sehr unschön verhalten. Schließlich haben sie alle Anlagen, genauso zu werden, wie wir Erwachsene sind. Auch Jesus wird sich insoweit keine Illusionen gemacht haben.
Aber er meinte wohl das, was Kinder problemlos haben, und was für uns so viel schwerer ist anzunehmen, nämlich Vertrauen. Liebe zu Gott bedeutet Vertrauen zu ihm. Und seine Kernaussage, dass Vertrauen Teil des Reiches Gottes ist, gilt auch für uns - nur anders als für Kinder. Wir können nicht mehr ihr passives, uneingeschränktes Vertrauen haben; das ist nur möglich, solange man keine Verantwortung hat. Als Erwachsene haben wir eine Verantwortung für die Welt um uns herum, auch und gerade für Kinder.
In der März-Ausgabe des Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts erschien von Werner Thiede der Artikel „Die theologischen Tricks der liberalen Theologie. Antwort auf Kurt Bangert“
Der Präsident des Bundes für Freies Christentum, Prof. Dr. Werner Zager, schreibt dazu: „In seinem Beitrag setzt sich Thiede nicht nur mit Kurts Aufsatz „Christsein in der Nachfolge Jesu Christi. Katechismus für ein liberales Christentum“ in scharfer Polemik auseinander, sondern vollzieht auch ein Häresie-Gericht über jegliche liberale Theologie. Dem muss m.E. seitens eines Freien Christentums klar widersprochen werden. Ich habe daher dem Schriftleiter des Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts eine Replik geschrieben mit der Bitte um Veröffentlichung.“
Auch wir dürfen diese Replik abdrucken; die Fassung mit den dazugehörigen Fußnoten senden wir Interessenten gerne zu.
In seinem Beitrag „Die theologischen Tricks der liberalen Theologie“ nimmt Werner Thiede Kurt Bangerts Aufsatz „Christsein in der Nachfolge Jesu Christi. Katechismus für ein liberales Christentum“ zum Anlass, in höchst polemischer Weise über die liberale Theologie zu urteilen. Bereits in den ersten Sätzen wird deutlich, dass es Thiede nicht um eine theologische Auseinandersetzung auf Augenhöhe geht, die sich zuerst einmal darum bemüht, eine andere Position zu verstehen, sondern um die Bekämpfung einer vermeintlichen Irrlehre, wobei er offenbar glaubt, selbst im Besitz der Wahrheit zu sein.
Dabei macht Thiede Gebrauch von unhaltbaren Unterstellungen, wenn er nicht nur Bangerts Ausführungen, sondern „liberaltheologischen Äußerungen“ überhaupt vorhält, sie würden „unter Verwendung kirchlich-theologischer Vokabeln ein Denken“ verbergen, „das bei näherer Betrachtung kaum mehr kirchlich genannt zu werden verdient“. Was kirchlich genannt zu werden verdient, weiß wohl allein er selbst. Aber es kommt noch schlimmer: Thiede wirft den liberalen Theologinnen und Theologen vor, sie würden mit „Tricks“ arbeiten, um ihre Häresien zu vernebeln und diesen den Anschein zu geben, als befände man sich damit in der Nachfolge Jesu Christi. Der Umstand, dass im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt in der jüngeren Vergangenheit mehrfach Aufsätze aus einer liberal-theologischen Perspektive veröffentlicht worden sind, verleitet Thiede zu der befremdlichen Behauptung, die „traditionsreiche Zeitschrift kirchlicher Theologinnen und Theologen“ sei „immer mehr zum Propaganda-Instrument“ des „Netzwerks Christsein heute: Glaubensreform - Kirchenreform“ geworden. Dadurch sieht er die Pfarrerinnen und Pfarrer in der Gefahr, auf die „abwegigen Pfade“ der liberalen Theologie zu geraten und den kirchlichen Bekenntnissen untreu zu werden. Den Pfarrerinnen und Pfarrern billigt Thiede offensichtlich nicht die rechte theologische Kompetenz zu, hätten sie doch bereits bei „überwiegend von liberaler Theologie“ bestimmten Professorinnen und Professoren studiert. Schließlich spart Thiede auch nicht mit scharfer Kritik gegenüber den Kirchenleitungen, die einen „extrem liberalen Umgang“ mit „extrem liberalen Theologinnen und Theologen“ üben oder mit anderen Worten „Häresien“ dulden würden. Solche Ketzerinnen und Ketzer gehören nach Thiedes Urteil nicht mehr der (wahren) Kirche an.
Leider hat Thiede es versäumt, sich und seinen Leserinnen und Lesern Rechenschaft darüber abzulegen, was liberale Theologie von ihrem Selbstverständnis her meint. Dies soll hier in der gebotenen Kürze geschehen. Liberale Theologie ist einer kritischen Rationalität verpflichtet; für sie gibt es kein Zurück hinter die Aufklärung. Sie verhält sich nicht nur kritisch gegenüber allen angeblich unveränderlichen Traditionen, speziell Dogmen und kirchlichen Lehren, sondern auch gegenüber sich selbst. Dazu gehört die Bereitschaft, wissenschaftliche Erkenntnisse ernst zu nehmen und gegebenenfalls eigene Sichtweisen zu revidieren. Und es kommt auch auf die persönliche religiöse Erfahrung an. Das bedeutet jedoch keinen Subjektivismus, gilt es doch gerade innerhalb der Kirche, sich über religiöse Erfahrungen zu verständigen. Liberale Theologie ist folglich dialogisch ausgerichtet. „Sie vollzieht sich im offenen, auf kein Ergebnis festgelegten Dialog mit anderen christlichen, religiösen, philosophischen und wissenschaftlichen Positionen.“
Wollen wir uns in der evangelischen Kirche als mündige Christenmenschen begegnen, ist der offene Dialog von grundlegender Bedeutung. Dabei ist es wichtig, dass wir Erfahrungen, Einsichten, Überzeugungen und Wissen miteinander teilen, kritische Fragen und Probleme nicht unter den Teppich kehren, sondern gemeinsam nach tragfähigen Antworten suchen, das Für und Wider von Lösungen abwägen, um die Wahrheit ringen - und zwar in gegenseitiger Wertschätzung. Dass sich ein solcher Weg innerhalb der Kirche bewährt, habe ich in mehr als zwei Jahrzehnten innerhalb der evangelischen Erwachsenenbildung erfahren dürfen. Liberale Theologie war dafür unverzichtbar. Und so überrascht es nicht, dass die weiterführenden Impulse für eine glaubwürdige Kirche vonseiten einer liberalen Theologie bzw. eines liberalen Christentums kommen. Daher tut das Deutsche Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt gut daran, Beiträgen aus dem liberal-theologischen Bereich auch weiterhin ein Diskussionsforum zu geben.
Die übrigens durchaus unterschiedlichen Neuansätze liberaler Theologie im Reden von Gott und seinem Reich, von Jesus Christus und von christlicher Hoffnung sind Versuche, christlichen Glauben in unserer Zeit zu verantworten - im Gespräch mit den Natur- und den Geisteswissenschaften, auf die Herausforderungen und Fragen der Gegenwart redlich antwortend. Solche Neuansätze als „Tricks“ der liberalen Theologie abzuqualifizieren, wie dies Thiede unternimmt, ist nur möglich, wenn man von einem unhinterfragten orthodoxen Standpunkt aus sich Erkenntnissen und Argumenten verschließt, wie sie in Wissenschaft, Philosophie und Theologie seit der Aufklärung bis heute begegnen. So kann etwa nur mit Berücksichtigung des interreligiösen Dialogs sowie der Ergebnisse der religionsgeschichtlichen Forschung und der historisch-kritischen Exegese der Bibel es gelingen, verantwortlich Theologie zu betreiben.
Prof. Dr. Werner Zager , Pfarrer i.R. 2003-2025 Leiter der Evangelischen Erwachsenenbildung Worms-Wonnegau, apl. Professor für Neues Testament an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, seit 2002 Präsident des Bundes für Freies Christentum; zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt: Entwicklungslinien im liberalen Protestantismus, Bd. 2: Von Wilhelm Bousset über Albert Schweitzer, Rudolf Bultmann, Karl Jaspers und Ulrich Neuenschwander bis zu Richard von Weizsäcker und Helmut Schmidt, Leipzig 2024.
Auch Dr. Andreas Rössler reagierte mit einem Beitrag:
In DPfBl 2026/1 entwarf Kurt Bangert einen „Katechismus für ein liberales Christentum“ (S. 21-27). In DPfBl 2026/3 erfolgte eine scharfe Entgegnung von Werner Thiede zu den „Theologischen Tricks der liberalen Theologie“ (S. 163-167). Hier ein Beitrag dazu.
Im drittletzten Absatz seiner voluminösen „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“ (1913) unterscheidet Albert Schweitzer zwei Richtungen im Christentum, und das lässt sich mühelos auch auf andere Religionen übertragen: „die freie und die gebundene Religiosität“, die sich durch das „beiderseits vorausgesetzte Vorstellungsmaterial“ unterscheiden. Diese beiden Strömungen „winden sich“, im Bild gesprochen, „nebeneinander durch das Geröll und den Kies eines großen Strombettes“. Und „wenn die Wasser steigen und das Geröll überfluten, finden sie sich von selbst zusammen“. Aber nur wenn „elementare und lebendige Religiosität“ vorhanden ist: „So werden die gebundene und die freie Religiosität zueinanderkommen, wenn das Wollen und Hoffen des Reiches Gottes und die Gemeinschaft des Geistes Jesu in ihnen wieder etwas Elementares und Gewaltiges wird und sie dadurch im Wesen der Weltanschauung und der Religion sich einander so nähern, dass die Unterschiede des Vorstellungsmaterials zwar bestehen bleiben, aber darin untergehen, wie das Geröll des Strombettes von den steigenden Fluten bedeckt wird und zuletzt nur noch aus der Tiefe heraufscheint.“
1. Die Verschiedenheiten im Christentum: das sind nicht nur Konfessionen mit jeweils eigenen Leittexten, die sich in rechtlich verbindlichen Gestaltungen organisieren, als „Denominationen“ etablierte, institutionalisierte Gemeinschaften. Sondern es können auch Richtungen, Positionen, Strömungen sein, die sich quer durch die unterschiedlichen Konfessionen bzw. Denominationen ziehen (etwa progressive Protestanten und Reformkatholiken einerseits, orthodoxe Protestanten und traditionalistische Katholiken andererseits). Man kann diese Richtungen damit vergleichen, dass es in den politischen Parteien unterschiedliche „Flügel“ gibt.
2. Die „linke“ Richtung ist grundsätzlich liberal, freiheitlich, progressiv, reformorientiert, die „rechte“ Richtung dagegen konservativ, traditionsbezogen, auf Rechtgläubigkeit bedacht. Und dann gibt es, in der Religion wie in den Parteien, einen äußersten linken und einen äußersten rechten Rand, am linken Rand etwa eine „Gott-ist-tot-Theologie“, am rechten Rand etwa den Fundamentalismus. In der Mitte zwischen rechter und linker Position findet sich häufig eine mittlere, vermittelnde Richtung, eine Normalposition, eine kirchliche Normaltheologie. Die „linke“ und die „rechte“ Richtung im Christentum und in der Theologie sind keine monolithischen Blöcke. Es gibt innerhalb beider Richtungen durchaus verschiedene Meinungen zu Einzelfragen. Es kann sich auch eine theologisch linke mit einer politisch rechten Auffassung verbinden, wie auch eine theologisch rechte mit einer politisch linken Auffassung.
Wesentlich für die „liberale“ Richtung ist die Übereinstimmung von Vernunft und Glaube, die Vereinbarkeit von unvoreingenommener Wissenschaft, Philosophie und Theologie, und damit auch das Ja zur historisch-kritischen Bibelauslegung, sowie der religiöse Ansatz bei der Erfahrung. Die „konservative“ Richtung ist traditionsbezogen. Wesentlich ist für sie das Vorgegebensein von Bibel und Bekenntnis, sowie der religiöse Ansatz bei Gottes Offenbarung, die von „außen“ auf uns zukommt.
Die liberale Richtung wird auch in außer-biblischen Traditionen und Religionen mindestens Wahrheitselemente finden, und sie weitet im Allgemeinen das „Volk Gottes“ universalistisch aus über das Christentum hinaus, vielleicht sogar auf alle „Menschen guten Willens“. Die konservative Richtung geht nicht so weit, sondern hat hier eher eine exklusive Sicht, doch manche ihrer Vertreter finden außerchristlich ebenfalls gewisse Wahrheitsmomente.
Solche linke und rechte Flügel gibt es auch in den anderen Religionen, denken wir nur an das reformierte und orthodoxe und dazwischen das „konservative“ Judentum oder an den Reformislam und am äußersten rechten Rand den Islamismus.
3. Die Wahl dieser oder jener Richtung kann, muss aber nicht zusammenhängen mit dieser oder jener Persönlichkeitsdisposition: Für eine liberale, reformorientierte Richtung entscheide ich mich möglicherweise aus einem Freiheitsbedürfnis heraus und einer Neugierde auf Erkenntnis. Eine konservative, traditionsbezogene Richtung bevorzuge ich möglicherweise aus einem Bedürfnis nach Sicherheit, Bindung, Verlässlichkeit. Vielleicht bin ich aber im liberalen oder im konservativen Milieu aufgewachsen und habe mich da immer wohl gefühlt.
Eine ganz eigene Richtungswahl kann aber auch von bestimmten biografischen Ereignissen beeinflusst sein. Wer sich für die konservative Richtung entscheidet, hat sich vielleicht aus einem inneren Tief losgerissen und macht nun einen Neuanfang. Er hatte etwa eine nihilistische Daseinsperspektive gehabt und hat nun einen festen Halt gefunden, der ihm Sicherheit gibt. Wer sich für die liberale Richtung entscheidet, will damit vielleicht aus ständigem weltanschaulichen Zweifeln herausfinden, ohne damit das ehrliche Zweifeln aufzugeben.
4. Die Richtungen in ein und derselben Religion, etwa im Christentum, können nicht völlig unberührt nebeneinander stehen, wenn sie eine gemeinsame Botschaft und ein gemeinsames Anliegen haben. Muss der Fundamentalkonsens zwischen den Positionen aber auch in Worte gefasst werden? Albert Schweitzer bestreitet das. Er will sich hier mit dem Vaterunser als dem „Polarstern des christlichen Glaubens“ begnügen (Reich Gottes und Christentum, Werke aus dem Nachlass, München 1993, 351-354).
Doch können sich die Christen nach außen auch mit dem präsentieren, wofür sie gemeinsam stehen. Sie müssen in einer andersgläubigen oder religiös noch nicht festgelegten Umwelt erkennbar sein mit dem, was ihnen wichtig und wesentlich ist. Dieser faktisch schon vorauszusetzende Fundamentalkonsens sollte auch in Worte gefasst werden können.
Zudem können und werden sich die Richtungen teilweise überschneiden. So werden in der konservativen, traditionsbetonten Richtung etliche den Ansatz bei der Erfahrung sowie den Zusammenklang von Vernunft und Glaube bejahen, samt die den Liberalen so wichtige historisch-kritische Bibelauslegung wenigstens in einer gemäßigten Version. Und in der liberalen, freiheitlichen Richtung werden etliche den Nachdruck auf Bibel und Bekenntnis bejahen, allerdings mit der Voraussetzung, dass religiöse Vorstellungen und Aussagen immer gleichnishaft-symbolisch zu verstehen sind, also nicht literalistisch (wortwörtlich) auszulegen sind.
5. Am linken und am rechten Rand ist es nicht selbstverständlich, verschiedene Richtungen als solche zuzugestehen. Wer das nicht tut, droht sich selbst und die eigene Auffassung zu verabsolutieren, im Grenzfall sich selbst und die eigene Gruppe für „unfehlbar“ zu halten. Das ist dann eher sektiererisch als ökumenisch. Nötig ist hier „elementare und lebendige Religiosität“ (so Albert Schweitzer).
Im Neuen Testament wird häufig zur Einigkeit gemahnt. Etwa Römer 15,5-6 (einträchtig miteinander sein); Eph 4,3.13; Phil 2,1-2; Kol 3,15-16. Damit ist keine Uniformität der Auffassungen, Strukturen und Gottesdienstformen gemeint. Wohl aber, dass man sich bei allen Verschiedenheiten als Christen respektiert und anerkennt. Und dass man bereit ist, voneinander zu lernen: „Prüft alles, und das Gute behaltet“ (1 Thess 5,21). Es gibt also ein christliches Miteinander und dabei zugleich ein Ringen um immer tieferes Verständnis der göttlichen Wahrheit, hinter der wir stets zurückbleiben, weil sie immer größer ist als unser Begreifen.
Kann es auch einen Punkt geben, wo man Andersdenkenden „Häresie“ (Irrlehre, Ketzerei) vorwerfen muss? Rote Linien gibt es schon. Aber man wird im Allgemeinen eher von „Heterodoxie“ (Eigenwilligkeit) sprechen, von der man sich ja durchaus anregen lassen kann. Und bei Ketzerei muss man fragen, wo man selbst, dogmatisch oder ethisch, vielleicht Ketzerisches vertritt oder praktiziert: „Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst den Balken in deinem Auge nicht wahr? (Mt 7,3). Abgesehen davon könnte die Ketzerei von heute die Orthodoxie von morgen sein.
Im Dezember 1905 begab sich der St. Galler Kaufmann Hermann Schlatter auf eine mehrwöchige Reise nach Ägypten und Palästina. 1845 im schweizerischen Herisau als Sohn eines Entwerfers von Mustern für die Schweizer Stickereiindustrie zur Welt gekommen, erlebte er schon früh die unzumutbaren Lebensbedingungen der Arbeiter in diesem boomenden Industriezweig. Als Kaufmann zu Ansehen und Geld gekommen, wurde er 1904 Mitbegründer der noch heute bestehenden „Genossenschaft für Wohnungsfürsorge“ in St. Gallen. Auf der Suche nach einem Reiseziel im Winter, das milde Temperaturen versprach, entschloss sich der 60-jährige zu einer Reise in den Orient, die von Anfang Dezember 1905 bis Ende Januar 1906 währte.

Nach mehreren erlebnisreichen Wochen in Ägypten reist er mit seinen nicht näher benannten Reisegefährten Anfang Januar von Port Said aus per Schiff nach Jaffa weiter, um von dort aus den Zug nach Jerusalem zu nehmen. Ein Aufenthalt ist nicht geplant, doch nach der morgendlichen Ankunft und Ausschiffung fährt ein Zug erst am Abend, und so nimmt Schlatter die Gelegenheit wahr, Jaffa und Sarona zu besuchen. Beinahe liebevoll schildert er seine Eindrücke der Templersiedlungen, lässt Historisches dabei völlig aus. Christoph Hoffmann wird nicht erwähnt, Hardegg nur kurz.
Ende 1906 erscheint dann in St. Gallen sein Buch „Wanderbilder aus Ägypten und Palästina“. Schlatters Reisebericht spiegelt seine Freude am Reisen; mit großer Neugierde an allem Unbekannten - und vor allem völlig unvoreingenommen - schildert er Erlebtes, Gesehenes und Wissenswertes, lässt teilhaben an durchaus selbstkritischen Reflexionen über gesellschaftliche Verhältnisse in den bereisten Gegenden. Auch muss er ein humorvoller Mensch gewesen sein - die Verständigungsschwierigkeiten mit Arabern löst er in der Regel zur gegenseitigen Belustigung mit einem Schwall Schweizerdeutsch, „das mit seinen etwas harten Konsonanten und Kehllauten noch am besten zum Arabischen passt“.
Nach einem Besuch in Bethlehem läuft Schlatter querfeldein zu Fuß nach Jerusalem zurück - es gibt ja so viel zu sehen und zu entdecken! Die Schönste aller Reisen war ihm, wie er am Ende bemerkt, diese „Reise nach dem Morgenlande“, und man nimmt ihm seine Begeisterung ab:
Das Sehenswerteste aber liegt in der Umgebung der Stadt, in deren landschaftlichen Reizen und in den mustergültigen Kulturen. Wenn man von solchen spricht, so hat das türkische Wirtschaftssystem nichts damit zu tun, es sind biedere Schwaben, welche hier ihren Fleiß und ihre Geschicklichkeit angewendet haben, um inmitten einer vernachlässigten Umgebung ein kleines Paradies zu schaffen und jedermann vor Augen zu führen, was man aus dem Lande machen könnte, wenn durch der Menschen Dazutun die reichen Gaben der Natur richtig geschätzt und verwertet würden.
Die württembergischen Templer haben vor ungefähr 40 Jahren 3 Ackerbaukolonien angelegt, in Jaffa, in Wilhelma (etwa 2 Stunden von Jaffa entfernt) und in Haifa (einer kleinen Hafenstadt nördlich von Jaffa). Diese haben sich in mustergültiger Weise entwickelt und stehen jetzt unter dem Schutze des Deutschen Reiches, vertragen sich auch sehr gut mit ihren asiatischen Nachbarn, welche aus den wirtschaftlichen Verbesserungen ihren direkten und indirekten Vorteil ziehen.aifa (einer kolleinen

Der Name „Hardegg“, der mit diesen Kolonien jahrelang verknüpft war, gilt auch heute noch in dem ganz deutsch geführten „Hotel Jerusalem“ zu Jaffa, wo wir zu Mittag speisten und nebst anderem auch gut deutsche „Knöpfle mit Kabis“ vorgesetzt erhielten, ein wahres Labsal auf so langer Reise. Auch deutsches Bier in Flaschen und Eigenbauwein aus der deutschen Kolonie waren hier erhältlich. Da fühlt man sich wieder einmal so recht als wie zu Hause.
In Jaffa selbst, nahe bei dem eben erwähnten Gasthof, steht eine neue deutsch-evangelische Kirche in gotischem Stil mit einer Schule nebenan; auch ein deutsches Spital ist erbaut worden.
Die eigentliche deutsche Kolonie befindet sich aber nicht in Jaffa, sondern in Sarona, etwa 2 km von diesem entfernt. Dieses Stücklein Deutschland, mitten in orientalischen Landen, mußten wir notwendig sehen. Auf einer leidlich guten Straße fährt man im Wagen hinaus. Gleich erkennt man die deutsche Art des Ackerbaus an den Feldern links und rechts der Straße. Statt der Obstbäume sieht man zwar nur Orangenpflanzungen, aber von großer Ausdehnung. Die rotgelben Früchte zeichnen sich durch eine mehr als gewöhnliche Größe aus und sind eben jetzt, im Januar, zur Ernte reif. Zu vielen Tausenden leuchten sie aus dem dunklen Laub hervor. Am Rande dieser Orangengärten finden sich auch Feigenbäume in großer Zahl, doch sind diese jetzt der Blätter beraubt und strecken ihre hellgrauen Äste leer in die Luft. Dagegen tragen ihren vollen Laubschmuck die Olivenbäume, welche weiter draußen, mehr von der Ortschaft entfernt, große ausgedehnte Haine bilden. Gemüsepflanzungen sind sorgfältig angelegt. Nun aber kommt das deutsche Bauernland. Über wellenförmige Bodenerhebungen dehnen sich die Saatfelder in geradlinigen Reihen, Rebgelände ziehen sich den Hügeln entlang, Wiesengründe stehen in ihrem schönsten Grün. Eben blüht gerade der Löwenzahn, aus deutschen Landen mit andern Futterkräutern hierher verpflanzt. Und dort - wahrhaftig - fährt ein richtiges Schwabenfuhrwerk zwischen den Äckern durch: ein langer Leiterwagen, der Fuhrmann im blauen Futterhemd, mit der Porzellanpfeife im Mund und der Peitsche im Arm; vorgespannt sind zwei schwere deutsche Ackergäule. Welch fröhlich stimmender, hier so gänzlich ungewohnter Anblick!
Deutscher Bauernfleiß muss hier ein schönes, reichlich lohnendes Wirkungsfeld gefunden haben. Sonderbar gemischt ist das Landschaftsbild: die deutsche Art der Feldbestellung, unmittelbar daneben wieder die Vegetation der südlich-gemäßigten Zone; hohe Eukalyptusbäume, selbst Palmen ragen hier und da über die roten Ziegeldächer der sauber getünchten Bauernhäuser. Die Lattenzäume sind unterbrochen durch Kaktushecken oder steinerne Mauern, an denen große Eidechsen flink auf und ab huschen.
Die einzige Dorfgasse von Sarona wird gebildet durch zwei lange Reihen von ein- und zweistöckigen Häuschen, von denen jedes sein Gärtchen hat. Ungefähr in der Mitte erweitert sich die Straße zum Dorfplatz; ein Haus, größer als die andern, ist auf den ersten Blick als Schulhaus zu erkennen. Nebenan steht ein schlichtes Kirchlein mit kleinem Glockenturm, von welchem eben zur Zeit unseres Eintreffens das Mittagsgeläute ertönte, heimelige Klänge, die wir seit vielen Wochen nie mehr gehört hatten. Über dem Portal des Kirchleins steht ein Vers aus dem 90. Psalm angeschrieben: „Im Reiche dieses Königs hat man das Recht lieb.“ Auf dem Platze spielten die Schulkinder mit Lederball und Holzschlegel, dasselbe gesunde Bewegungsspiel, das wir seinerzeit auf dem Brühl in St. Gallen in jedem Frühjahr mit neuer Lust betrieben und das jetzt bei uns leider außer Mode gekommen ist. Ich richtete an eines der blondzopfigen Mädchen die Frage, wann es denn zum letzten Male in Deutschland gewesen. „In Deutschland war ich noch gar nie, mein Lebtag nie,“ lautete die Antwort auf gut Schwäbisch-Deutsch. Der hinzugekommene junge Lehrer bestätigte es, dass auch nicht eines von allen diesen Kindern hier auf dem Platz je Deutschland gesehen hätte, aber zu Hause und in der Schule spricht alles wie daheim im Schwabenlande. Unterricht in der französischen Sprache erhalten die Schulkinder ebenfalls; das Arabische, soweit sie dessen für den Verkehr mit den Eingeborenen bedürfen, lernen sie auf der Gasse.
Mit dem Landwirtschaftsbetrieb zusammen hängt die Weinkellerei und Küferei, welche am Eingang des Dorfes ein großes Stück Land in Beschlag nimmt und ganz modern eingerichtet ist. Der Wein, roter und weißer, findet seinen Absatz in Palästina und in Syrien, ist verhältnismäßig leicht und billig und würde sich auch zum Export eignen, wenn er noch etwas haltbarer gemacht werden könnte.
Man wird sich die Ankunft im „gelobten Land“ kaum auf andere Art schöner und freundlicher gestalten, als wenn man den ersten halben Tag einem Besuch der Württemberger Kolonie in Sarona widmet.
Birgit Arnold, aus: „Wanderbilder aus Ägypten und Palästina“, Seiten 164 -169