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Wo der Geist Gottes wirkt, da ist Freiheit - Dorothea Zager
Albert Schweitzer und sein zeitgemäßes Verständnis Gottes - Dr. Andreas Rössler
Philosophie oder Glaube - oder beides? - Christa Lingham
Dieses Menschenrecht braucht Fürsprecher - Katja Dorothea Buck
Reisebeschreibungen aus Palästina - Birgit Arnold
Liebe morgendliche Andachtsgemeinde,
Die Begriffe „Geist“ und „Freiheit“ sind innige Geschwister. Keines kann ohne das andere sein!
„Die Gedanken sind frei!“
Menschen können einander mit Verboten belegen. Selbst mit Denkverboten. Sie können einander verfolgen, einsperren, versuchen mundtot zu machen. Aber sie werden es nicht schaffen, den Geist eines Menschen einzusperren.
„Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten,
sie fliehen vorbei, wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen.
Es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei.
Ich denke, was ich will und was mich erquicket.
Und das in der Still und wenn es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren kann niemand mir wehren,
wer weiß, was es sei? Die Gedanken sind frei.
Ja fesselt man mich in finsterem Kerker,
so sind das doch nur vergebliche Werke.
Denn meine Gedanken zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei. Die Gedanken sind frei.“
Nichts verbinden wir mit dem Wort Geist und Gedanken mehr wie mit dem Gefühl grenzenloser Freiheit.
Aber ist das wirklich so? Ist unser Geist wirklich so frei, wie wir es ihm zutrauen? Gerade unser Geist kann uns auch unfrei machen.
Ängste können uns gefangen halten, manchmal völlig unbegründete Sorgen. Sie lassen uns nicht schlafen, obwohl wir als freie Menschen in Wohlstand, satt und in einem weichen Bett einschlafen können. Wie Tiger im Käfig wandern Ängste von einer Ecke unserer Gedanken in die andere und wieder zurück. Gedanken können uns wachhalten.
Einsamkeit kann uns lähmen wie Hand- und Fußfesseln. Reden wollen und kein Gegenüber haben. Geborgenheit suchen und keine Arme finden, die einen umschließen. Lachen wollen und niemanden haben, der sich mit mir freut.
Und - was ich am schlimmsten finde - das schlechte Gewissen, auch das wohnt dem Geist inne. Verpasste Gelegenheiten zur Liebe oder Versöhnung; sie kommen selten zurück. Worte, die wir gesagt haben, die andere verletzt haben - ich kann sie nicht zurückholen, die Erkenntnis, dass wir in unserer satten und gut versorgten Ersten Welt - ob wir wollen oder nicht - Mittäter sind bei der Ausbeutung und Zerstörung von Mensch und Natur weltweit. Solche Schuldgefühle sind wie ein Gefängnis.
Der Geist an sich macht also nicht frei. Viele Probleme und Nöte unserer geschundenen Welt wurden auch mit freiem Denken und mit allen Erkenntnissen unserer Wissensgeschichte nicht annähernd gelöst.
Wahre Freiheit gewinnen wir nicht, indem wir Menschen uns Kraft unserer Gedanken einen Freiraum schaffen. Echte Freiheit erfahren wir nicht durch die Kraft unseres Intellekts allein, sondern sie ist ein Geschenk Gottes und seines Geistes.
In der Zeit der Orthodoxie hat man sage und schreibe sieben Denkweisen beschrieben und in theologische Sätze gegossen, wer der Geist Gottes sei und wie er wirken kann.
Ich erspare Ihnen die Siebenzahl und auch die in Dogmen gegossenen Sätze. Ich beschreibe Ihnen in meinen eigenen Worten nur zwei davon: den Geist des Gebets und den Geist der Vergebung.
Wie oft sind wir auf der Suche nach einem Gesprächspartner, einem Gegenüber, dem wir vertrauen wollen und genauso, wie uns der Schnabel gewachsen ist, erzählen können, was uns bewegt.
Unsere Sorgen aussprechen, wenn die Zukunft uns ängstigt.
Unsere Gedanken ordnen, wenn sie kreuz und quer durch unser Herz ziehen und uns nicht zur Ruhe kommen lassen.
Unsere Freude oder unsere Begeisterung mitteilen, wenn wir etwas Schönes sehen, etwas Ergreifendes erleben, ein Musikstück oder ein Buch uns berührt.
Der Geist Gottes trägt all die zu Gott. Zu dem, der am allerbesten auf der ganzen Welt zuhören kann.
Ob es unaussprechliches Seufzen ist oder himmelhohes Jauchzen: Der Geist des Gebets ist eine Brücke zu Gott, über die wir ihn immer und überall erreichen.
Noch weit mächtiger wird der Geist Gottes aber dann, wenn Schuld auf uns lastet.
Es gibt nichts, was bitterer wäre als ungelöste Konflikte, Worte, die wir besser nicht gesagt hätten, Dinge, die wir besser nicht getan hätten. Schuld, die uns Menschen vielleicht ein Leben lang nicht verzeihen. Und wir selbst vielleicht auch nicht.
Gott verzeiht. Wenn wir aufrichtig bereuen. Auch wenn Menschen uns noch binden an begangene Fehler - Gott bindet uns los. Diese Freiheit schenkt uns der Geist der Vergebung.
Liebe morgendliche Andachtsgemeinde, so - nur so! - geht Freiheit!
Wir wollen unser Herz öfter und wieder vor Gott ausschütten - und es füllen lassen mit seiner Gnade.
Das am eigenen Leib zu erfahren, macht unglaublich froh - und wirklich frei.
Amen.
Dorothea Zager, Pfarrerin i.R., Morgenandacht auf der Studienreise zu Albert Schweitzer am 1. Juni 2025
Was meinen wir überhaupt, wenn wir „Gott“ sagen? Die Frage stellt sich angesichts des Abbruchs religiöser Traditionen und der zunehmenden religiösen Gleichgültigkeit umso dringlicher. Salopp gesagt, scheinen nicht wenige Leute, wenn von „Gott“ die Rede ist, nur „Bahnhof“ zu verstehen. Das kann dann aber auch eine wohlfeile Ausrede sein, um sich ernsthaftem Fragen nach dem unbedingt Gültigen, nach dem Absoluten, nach der Transzendenz und dann auch der Begegnung mit einer wenigstens erwägenswerten Botschaft vom Zuspruch und Anspruch Gottes zu verschließen.
In verschiedenen Ausdrücken, meistens in philosophische Sprache gefasst, redet Schweitzer in einem ersten Anlauf von Gott. Da ist etwa die Rede vom „Urgrund des Seins“, vom „Sein als solchem“, vom „unendlichen Sein“, vom „Unbedingten“. Das sind alles abstrakte Ausdrucksweisen. Gläubige Leute sind da häufig skeptisch und sagen: „Ich kann doch nicht zum Grund des Seins beten.“ Aber darum geht es bei diesem ersten Anlauf auch gar nicht. Sondern es geht um die göttliche Dimension, die Dimension des Absoluten als solche, und erst in einem zweiten Anlauf ist dann nach dem wahren Charakter oder Gesicht dieser göttlichen Dimension zu fragen. Für gläubige Christen scheinen im Allgemeinen etwas konkretere Ausdrücke wie „Brunnquell aller Gaben, ohn‘ den nichts ist, was ist, von dem wir alles haben“ hilfreicher zu sein. Aber hier ist das Abstrakte schon vom Konkreten des biblisch verstanden wahren Gesichts des Göttlichen beleuchtet.
In einer etwas längeren Ausführung zeigt Schweitzer, dass die göttliche Dimension als solche gar nicht zu bestreiten ist. Sie ist selbstverständlich, wie es selbstverständlich ist, dass ich jetzt existiere und dass eine mich umgebende Welt existiert. Diese göttliche Dimension kann nicht bewiesen und auch nicht widerlegt werden, wie es weder bewiesen noch widerlegt werden kann und muss, dass ich jetzt bin und dass ich ohne eine mich umgebende Welt nicht sein kann:
„Verstehe ich unter Gott den Urgrund des Seins, so habe ich sein Dasein weder zu erweisen noch zu bezweifeln, sondern einfach festzustellen, dass er ist (er ist als seiend erwiesen, mit dem Sein gegeben. Eine einfache Tautologie). Die ganze Verirrung kommt daher, dass man unsachlich redet und den undefinierten Ausdruck Gott gebraucht statt des sachlichen ‚Urgrund des Seins’. Die Existenz des Urgrundes und des Inbegriffs des Seins zu bezweifeln oder zu erweisen [ist] gleich töricht. Die Frage ist nicht, inwiefern Gott existiert oder nicht existiert, sondern inwiefern der Urgrund und Inbegriff des Seins für mich etwas ist, zu dem ich ein geistiges Verhältnis habe (oder in ein geistiges Verhältnis komme). In dem Augenblick, wo ich zu ihm in ein geistiges Verhältnis trete und mich ihm hingebe, wird aus dem Urgrund und Inbegriff des Seins für mich Gott, d.h. ich verhalte mich zu ihm als geistiges Wesen zu einem geistigen Wesen.“
Die göttliche Dimension, also „der Urgrund und Inbegriff des Seins“, der Grund der Welt und des Lebens ist so selbstverständlich und unwiderlegbar wie die Welt und das Leben selbst. Insofern macht ein totaler Atheismus streng genommen keinen Sinn. Alle Menschen wissen, dass sie bedingt sind und dass da etwas sein muss, durch das sie bedingt sind. Existenzieller Atheismus ist aber durchaus sinnvoll, nämlich als religiöse Gleichgültigkeit, indem jemand sagt, ihn lasse die Transzendenz, das Unbedingte kalt, er mache sich keinen Reim darauf und das wahre Wesen der Transzendenz, worin auch immer dieses bestehe, spiele für sein Verhalten keine Rolle. An solcher Gleichgültigkeit kann man niemanden hindern. Dazu hat jeder ein Recht, auch wenn zu fragen ist, ob man sich nicht eine Sinnerfüllung verspielt, wenn man sich so den Sand in die Augen streut.
Schweitzer sagt aber auch, dass der „Urgrund und Inbegriff des Seins“ für mich erst dann zu „Gott“ wird, wenn ich zu ihm „in ein geistiges Verhältnis trete und mich ihm hingebe“, mich zu ihm also „als geistiges Wesen zu einem geistigen Wesen verhalte“. Das heißt aber: Ich muss hier eine Antwort finden auf die Frage nach dem wahren Gesicht oder Charakter des Urgrundes von allem. Sollte dieses wahre Gesicht ein blindes Schicksal sein, das alles zermalmt; oder bloße Energie, die alles, was ist, zwar hervorbringt und darin als kosmische Kraft schaltet und waltet und es dann aber schließlich wieder vernichtet; oder eine unerbittlich vergeltende Macht: Dann ist zu derartigen Gesichtern des Unbedingten kein „geistiges Verhältnis“ und keine „Hingabe“ möglich. Anders ist es aber, wenn das wahre Gesicht des „Urgrundes des Seins“ die Liebe ist.
Was meinen wir, wenn wir „Gott“ sagen? Den Urgrund des Seins. Und was ist dessen wahres Gesicht? Das ist der zweite Anlauf zur Frage nach Gott. Und bei der Antwort auf diese Frage nach Gottes wahrem Gesicht oder Charakter scheiden sich die Geister. Hier gehen die Auffassungen auseinander. Manche gehen weit auseinander, wie die zwischen dem christlichen Glauben an Gott als der Macht und dem Willen der Liebe einerseits und einem materialistischen Naturalismus andererseits, für den Gott nichts anderes ist als die blinde und gar nicht geistige Urkraft alles Werdens und Vergehens. Oder die Auffassungen gehen weit weniger auseinander, wie etwa die zwischen den monotheistischen Religionen Judentum, Christentum, Islam und Bahai.
Schweitzer beschäftigt das Thema „Gott als Wille der Liebe“ nicht zuletzt im Zusammenhang mit seiner von niemandem zu bezweifelnden Beobachtung, dass die Welt und damit das Wirken des göttlichen Urgrundes der Welt voller Dunkelseiten und damit voller undurchdringlicher, nicht aufzulösender Rätsel ist: „In der Welt offenbart sich uns der unendliche Wille zum Leben als Schöpferwille, der voll dunkler und schmerzlicher Rätsel für uns ist, in uns als Wille der Liebe, der durch uns die Selbstentzweiung des Willens zum Leben aufheben will.“
Gott „offenbart“ sich also als „Wille der Liebe“, und zwar „in uns“. Gott bekundet sich selbst, er erweist sich uns und in uns. Wir können ihn erfahren, ihm begegnen, und das geht über das „elementare Denken“ als solches hinaus, das ja nur bis zur Frage nach dem Sinn und dem Ganzen gelangt.
Die Selbstbekundung, der Selbsterweis Gottes ist bei Schweitzer bescheidener und leiser gedacht als in der Wort-Gottes-Theologie seiner Zeit, in welcher der Nachdruck darauf liegt, dass Gott uns durch sein Wort, seine Botschaft, sein Kerygma anredet, wie es sich insbesondere in der Heiligen Schrift findet. Schweitzer geht, auf der Linie Friedrich Schleiermachers, von der religiösen Erfahrung aus, die uns in unserem Inneren widerfährt, auch wenn sie nicht von uns selbst produziert ist. Das lässt sich mit der Wort-Gottes-Theologie vereinbaren, sofern die biblische Botschaft so verstanden wird, dass sie sich religiösen Urerfahrungen verdankt und nicht wörtlichen Diktaten des Heiligen Geistes an die biblischen Autoren.
Das ist bei Schweitzer freilich ein weitgefasster Begriff von Offenbarung, da er ja auch den „Schöpferwillen“ hier mit einbezieht. Dogmatisch gesehen, gibt es dann nach Schweitzer nicht nur eine Heilsoffenbarung, sondern auch eine Schöpfungsoffenbarung, insofern das Wirken der schöpferischen Daseinskraft im Sinn der deutschen Aufklärung als gütig verstanden wird, was ja dann zur Frage führt, wieso ausgerechnet der gütige Schöpfer so viel Leid, Jammer und Schmerz wenn auch nicht bewirkt, so doch zulässt.
„Alle lebendige Erkenntnis Gottes geht darauf zurück, dass wir ihn als Wille der Liebe in unseren Herzen erleben.“ Aber wie ist das nun von Schweitzer gemeint, Gott als „Wille der Liebe“? Auf jeden Fall so: Es ist Gottes Wille, dass wir Menschen Liebe praktizieren, gemäß dem biblischen Dreifachgebot der Liebe als Liebe zu Gott, als Liebe zu anderen Menschen und auch als Liebe zu sich selbst, im Sinn von Selbstachtung, das heißt dass man sich selbst ernst nimmt. In Schweitzers philosophischer Fassung des Liebesgebots als „Ehrfurcht vor dem Leben“ ist dann auch die Zuwendung zu allem Lebendigen, zur ganzen Schöpfung mit einbezogen. Gott will seine Liebe seinen Geschöpfen gegenüber zur Geltung bringen, und gerade daraus ergibt sich unsere Verpflichtung, Liebe, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit zu praktizieren. Aus dem „Indikativ“, dass wir von Gott geliebt sind, ergibt sich der „Imperativ“, dass seine Liebe bei uns auf fruchtbaren Boden fällt, bei uns ankommt, und wir diese Liebe weitergeben.
Freilich hat bei dem Ethiker Schweitzer offensichtlich der Imperativ das Übergewicht über den Indikativ. Schweitzer kann Gott als „ethische Persönlichkeit“ bezeichnen und statt von Gottes „Willen der Liebe“ von seinem „ethischen Willen“ reden. Da liegt der Akzent auf dem Imperativ. Aber auch der Indikativ ist nicht ausgeblendet, nämlich dass Gott uns als seine Kinder annimmt. Das zeigt sich etwa in Ausführungen Schweitzers über die Vergebung der Sünden, die allein als aus Gottes freier Gnade und Barmherzigkeit fließend verstanden werden darf und zu der es, anders als in Teilen der christlichen Überlieferung gelehrt, keines Opfer- oder Sühnetodes Jesu bedarf: „Es muss denen, die es mit ihrer Vorstellung von Gott nicht vereinen können, dass er eines Opfers bedurfte, um Sünden vergeben zu können, unbenommen bleiben, Sündenvergebung allein aus seiner Barmherzigkeit zu erwarten und als die durch Jesus geschaffene Erlösung die zu erleben, dass er uns den Geist Gottes gebracht hat, durch den wir aus dieser Welt herausgehoben und zu Gott geführt werden.“
Gott ist hinsichtlich seiner Dimension als „Urgrund des Seins“ zu verstehen. Darauf müssten sich der Sache nach alle einig sein, unabhängig von der dabei jeweils bevorzugten Begrifflichkeit. Hinsichtlich seines wahren Gesichts jedoch, seines wahren Charakters, ist er nach biblisch-christlicher Überzeugung „der Wille der Liebe“. Zu einem derart begriffenen Gott kann man in ein persönliches Verhältnis treten, nicht als Person zu Person, denn da wären Gott und Mensch grundsätzlich auf derselben Ebene, wohl aber als menschliche Person zum göttlichen „Willen der Liebe“ als „ethischer Persönlichkeit“: „Der Urgrund des Seins, wie er in der Natur in Erscheinung tritt, ist uns immer etwas Unpersönliches. Zum Urgrund des Seins aber, der als Wille der Liebe in uns offenbar wird, verhalten wir uns als zu einer ethischen Persönlichkeit“.
Hier ist dann auch das Gebet sinnvoll, und auch die Meditation als ein Stillewerden und ein Sich-Versenken in Gott, wie es die Mystik praktiziert, und die Mystik ist neben der Lebenspraxis das Grundelement jeder ernsthaften Religion.
Solches Glauben wird von Schweitzer gern mit philosophischen Begriffen umschrieben wie „Einswerden mit dem Unendlichen“, „geistiges Einssein mit dem unendlichen Sein“, „geistiges Einssein mit dem Absoluten“. Das klingt reichlich abstrakt, ist aber eher nachvollziehbar, wenn man den Geist des Menschen, seinen inneren Kern, auf den die ganze Wirklichkeit durchdringenden Geist Gottes bezieht, dem sich Geist und Natur im Universum verdanken, und daraus die Folgerungen für die eigene Lebenspraxis zieht: „Die wahre Gotteserkenntnis ist die, dass wir Gott, der uns in der Natur als Schöpferwille voller Rätsel entgegentritt, in uns als Wille zur Liebe erleben. Dadurch, dass wir mit dem Lebendigen, das in unseren Bereich kommt, eins werden und uns ihm helfend hingeben, erleben wir das wahre Einswerden mit dem Unendlichen und gelangen zum Frieden.“
„Geistiges Einswerden mit dem unendlichen Sein“ oder „Einswerden mit dem Unendlichen“ oder welche ähnlichen der bei Schweitzer schwankenden Begriffe wir hier wählen mögen: Das muss ja auf alle Fälle präziser etwa so lauten: „Geistiges Einswerden mit dem unendlichen Sein, sofern dieses als Wille der Liebe qualifiziert ist.“ Nach dem nicht zu bestreitenden „unendlichen Sein“ als solchem kann und muss man vom elementaren Denken aus fragen. Aber ein geistiges Einswerden oder Einssein mit ihm macht keinen Sinn, solange nicht klar ist, wie wir mit diesem Urgrund von allem dran sind. Eventuell könnten sich dann ja auch keine existenziellen, lebenspraktischen Folgen ergeben. Eventuell wäre unser Einswerden mit Gott nicht mehr als das Untergehen des Tropfens im Ozean.
Schweitzer schreibt: „Gottesmystik als unmittelbares Einswerden mit dem unendlichen Schöpferwillen Gottes ist unvollziehbar. [...] Aus dem Einswerden mit der unendlichen Wesenhaftigkeit des Allwillens zum Sein ergibt sich keine andere als eine passive Bestimmtheit des menschlichen Daseins, ein Aufgehen in Gott als ein Untergehen im Ozean des Unendlichen. [...] Einen Inhalt bekommt das Einswerden des endlichen Willens mit dem unendlichen erst, wenn es als Stillewerden in ihm und zugleich als Ergriffensein von dem Liebeswillen erlebt wird, der in uns zum Bewusstsein seiner selbst kommt und in uns Tat werden will. Auf den Pfad des Lebens gelangt die Mystik nur, wenn sie durch den Gegensatz des Liebeswillens Gottes zu seinem unendlichen, rätselhaften Schöpferwillen hindurchgeht und über ihn hinauskommt.“
Betonen wir im Sinne Schweitzers beim Verständnis des Glaubens, dass es hier um unser geistiges Einswerden mit dem Liebeswillen Gottes geht, so ist hier der Geist von fundamentaler Bedeutung, wie es bei Paulus heißt: „Der Geist gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind“ (Röm 8,16). Zum einen ist Gott Geist, als alles erst ermöglichende, umfassende, ordnende und durchdringende Daseinsmacht, der sich alles Geistige und alles Materielle im Universum verdankt. Zum andern sind wir Menschen unserem Wesen nach Geist, als die Persönlichkeiten, die wir jeweils sind, mit Leib und Seele, Gefühl und Willen, Verstand und Vernunft, Planen und Tun. Unser menschlicher Geist ist ein kleiner Widerschein des göttlichen Geistes. Der Geist macht auch unsere begrenzte innere Freiheit aus, nach dem Paulus-Wort: „Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2. Kor 3,16). Hier geht es nach Schweitzer nicht zuletzt um das „Freiwerden von der Sünde“.
Eines der Leitworte Schweitzers lautet „Geist Jesu“. Alle, die von diesem „Geist Jesu“ bestimmt sind, stehen miteinander in einer verborgenen „Geistgemeinschaft“. Es sind die, die mit dem als Wille der Liebe zu charakterisierenden „unendlichen Sein“ geistig eins zu werden beginnen und aus dieser Kraft im Geist Jesu zu handeln versuchen.
Andreas Rössler, Fortsetzung folgt
Kürzlich - während ihres jährlichen Wochenendtreffens - hörten die Ältesten der TSA einen großartigen Vortrag von Erika Herrmann mit einer prägnanten Zusammenfassung der westlichen Philosophie. Der Vortrag war interessant und regte zum Nachdenken und Diskutieren an. Eine der Fragen, die wir stellten, war, ob die Tempelgesellschaft eher eine Philosophie als eine Religion ist.
Ich hatte die ABC-Compass-Folge mit Stan Grant gesehen, der seit seinem Ausstieg aus dem Journalismus nach Sinn und Antworten auf die Frage nach dem „Grund des Daseins“ sucht. Dies führte ihn zum Studium von Physik, Philosophie, Theologie und dazu, Bücher zu lesen und zu schreiben. Er stellte fest, dass das Studium der Philosophie ihn zum Teich geführt habe, die Theologie ihm aber erlaubt habe zu trinken. In anderen Worten: die Philosophie habe noch keine Antworten auf seine Fragen gehabt, so dass er tiefer gehen musste und er die Antwort in der Theologie fand. Das wird nicht für jeden die Antwort sein, aber es brachte mich zum Nachdenken über den Zusammenhang von Philosophie und Religion und darüber, ob diese beiden die Antwort sein könnten.
Die frühen westlichen Philosophen wie Thomas von Aquin, Augustinus und Athanasius hatten alle eine tiefe religiöse Neigung und einen starken Glauben an Gott und an Jesus als Christus. Athanasius ist kein Philosoph, den ich kannte, aber er war eine führende Persönlichkeit der frühen Kirche und verteidigte die christliche Orthodoxie gegen diejenigen, die andere Auffassungen vertraten, darunter die, dass Jesus und Gott nicht eins seien, selbst wenn Jesus von Gott gezeugt worden sei, sowie andere sogenannte häretische Überzeugungen. Athanasius artikulierte die Notwendigkeit der Göttlichkeit Christi und seine theologischen Erkenntnisse trugen zur Entwicklung des Nicänischen Glaubensbekenntnisses bei und festigten die Trinitätslehre. Sein Einfluss ist noch heute in vielen christlichen Kirchen spürbar, da das Glaubensbekenntnis die zentralen Glaubenssätze über Gott, Jesus und den Heiligen Geist darlegt und in vielen etablierten Kirchen als Teil des Gottesdienstes rezitiert wird.
Die frühe Kirche hatte viele verschiedene Glaubensvorstellungen rund um Jesus und seine Lehren. Es gibt frühe Texte, Schriften und Briefe, die als häretisch galten und daher aus dem, was heute als das Neue Testament angesehen wird, weggelassen wurden, sowie einige Bücher, die in das, was wir heute als Altes Testament bezeichnen, aufgenommen wurden. Diese Schriften gerieten in Vergessenheit, doch von einigen waren immer noch Kopien verfügbar. Andere wurden wiederentdeckt, als die Schriftrollen vom Toten Meer und die Nag-Hammadi-Kodizes gefunden wurden. Die Schriftrollen vom Toten Meer sind älter als die Nag-Hammadi-Kodizes; erstere entstanden etwa zur Zeit Jesu, während die Nag-Hammadi-Kodizes später entstanden und eher auf die frühe Jesus-Bewegung ausgerichtet sind. Interessanterweise ist ein Buch, das in beiden enthalten ist, das Buch Henoch (Buch der Wächter), das in der Genesis beiläufig erwähnt wird. Es erklärt, warum es Gut und Böse in einer vermeintlich guten Welt gibt - und es hatte nichts damit zu tun, dass Eva den Apfel aß.
Indem das Nicänische Glaubensbekenntnis eingesetzt wurde und das frühe Neue Testament entstand, wurde die Richtung der christlichen Religion vorgegeben. Doch in Bezug auf das Verständnis von Jesus und Gott begannen die Menschen mit der Zeit selbst diesen anerkannten Text anders zu verstehen. Die Glaubensaussage „Gott ist Liebe“, mit der wir vertraut sind, wurde möglicherweise am besten von Juliana von Norwich formuliert: „Alles wird gut sein und alle werden gut sein und die Dinge aller Art werden gut sein, denn es gibt eine Kraft der Liebe, die durch das Universum wirkt, die uns festhält und niemals loslässt.“
Es entstehen verschiedene philosophische Schulen, da unterschiedliche Standpunkte zu unterschiedlichen Glaubensauffassungen führen. Im 17. und 18. Jahrhundert kam es zu einem Kampf zwischen zwei gegensätzlichen Lehren: dem Rationalismus (die Auffassung, dass Wissen aus intellektueller und deduktiver Vernunft entsteht) und dem Empirismus (der Überzeugung, dass Wissen gefühlt und erfahren wird).
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts versuchte der Philosoph Immanuel Kant, diese beiden scheinbar widersprüchlichen Lehren zu verbinden. Seine Aussage - wir sollten nur so handeln, dass wir möchten, dass unsere Handlungen zu einem universellen Gesetz werden, das für alle in einer ähnlichen Situation gilt - ist eine Version der Goldenen Regel. Man kann sie auch als „Behandle alle so, wie du selbst behandelt werden möchtest“ formulieren. Falls das bekannt vorkommt, ist es wichtig zu verstehen, dass die meisten Philosophen zu diesem Zeitpunkt der Geschichte eine religiöse Erziehung genossen, auch wenn sie nicht an Gott glaubten. Diese prägte unweigerlich ihr Weltbild. Obwohl Philosophen im Laufe der Zeit weniger religiös wurden oder religiöse Weltanschauungen aktiv ablehnten, gab es immer einige, die an etwas glaubten, darunter Menschen wie Søren Kierkegaard und Albert Schweitzer.
Philosophie und Religion helfen uns, die Natur des Daseins, den Sinn des Lebens und die Welt um uns herum zu erforschen. Die Philosophie beschäftigt sich mit abstrakten Problemen und theoretischen Lösungen, während die Religion versucht, reale Probleme zu beantworten und, wenn möglich, praktische Antworten zu geben. Unser Glaube lässt uns weiter voranschreiten und helfen, anstatt von außen zuzuschauen.
Dr. Geoff McCallum, ein pensionierter Ältester der TSA, sagte einmal: „Wenn unsere Philosophie und unser religiöser Glaube Außenstehenden etwas nebulös erscheinen mögen, liegt das daran, dass Templer Religion eher als Prozess denn als statisches System von Glaubenssätzen, Bräuchen oder Dogmen betrachten.“
Dem möchte ich hinzufügen und sagen, dass die Tempelgesellschaft uns tatsächlich auffordert, aktiv an der Verbesserung der Welt mitzuarbeiten. Wie unsere Templer-Hymne betont, dürfen wir nicht abwarten und auf eine bessere Welt hoffen - wir alle müssen den uns gegebenen Talenten entsprechend unser Bestes tun, um die Welt zu verbessern und anderen zu helfen.
Christa Lingham im Templer Talk August 2025
Deutschland leistet sich einen Beauftragten für Religionsfreiheit - noch. Mit den Sparplänen der neuen Bundesregierung könnte der Posten wegfallen. Es wäre weit mehr als ein symbolischer Verlust.
Es gibt sie für Datenschutz, Drogenfragen, Tierschutz und vieles andere mehr. Insgesamt 43 Sonderbeauftragte leistet sich die Bundesrepublik. Doch im Wahlkampf hat Friedrich Merz angekündigt, dass es künftig nur noch »höchstens fünf« geben solle. Welche Themen aussortiert, welche bleiben werden, ist offen. Antisemitismus, Bundeswehr und Migration gelten aber als gesetzt. Religionsfreiheit hat es dagegen schwerer. Ein Fürsprecher für dieses universelle Menschenrecht gilt im politischen Berlin als »nice to have«: Kann man machen, muss man aber nicht...
Dieser Artikel ist für die Internetausgabe der »Warte« leider nicht freigegeben. Lesen Sie den vollständigen Artikel in der gedruckten Ausgabe der »Warte« oder in »Publik-Forum«, kritisch - christlich - unabhängig, Oberursel, Ausgabe 7/2025.
Bruno Hartung: Sommertage im Heiligen Lande, in Ägypten und Griechenland. Reisebriefe. Leipzig 1895
Der Pfarrer Dr. Bruno Hartung wurde 1846 in Bernstadt (Oberlausitz) geboren. Er wirkte seit 1876 an der Peterskirche zu Leipzig und starb dort 1919, zuletzt war er bis 1916 Superintendent in Leipzig. Zur Zeit der Reise war er also kein junger Mann mehr. Umso erstaunlicher, dass er solch eine gedrängte und anstrengende Reise so genießen konnte, wie es nach seiner Darstellung den Anschein hat. Allerdings profitierte man 1894 schon erheblich von der seit der Ankunft der Württemberger verbesserten Infrastruktur im Orient und wusste die Eisenbahn, neue Straßen und bequeme Nachtlager zu schätzen.
In Kontakt mit Deutschen kam die Gruppe vorwiegend in Haifa, das sich 1894 mit ca. 450 Einwohnern in einer Hochphase wirtschaftlichen Entwicklung befand. Dies bekamen Bruno Hartung und seine Mitreisenden vorgeführt. Sie verspürten den Aufschwung und erlebten die Templer nicht vornehmlich als religiöse Gemeinschaft, treu zur Lehre Hoffmanns, sondern als wirtschaftlich erfolgreiche und patriotische deutsche Christen, die im Begriff waren, sich die nationalen Strömungen des Deutschen Kaiserreichs begierig anzueignen - wie begeistert wurde doch vier Jahre später 1898 der deutsche Kaiser empfangen!
„Die orientalische Gesellschaft zu Leipzig, eine Gesellschaft von Freunden des Orients, veranstaltete in den Sommerferien eine Reise nach dem Orient.“ So beginnt Hartung den Bericht über seine Orientreise. Es war eine große Reisegesellschaft, und ein ganzes Schiff des österreichisch-ungarischen Lloyd wurde gebucht. Akkurat berichtet Hartung über die Reisepreise in den verschiedenen Schiffsklassen, die organisatorischen Rahmenbedingungen sowie den genauen Reiseplan, davon nur wenige Tage in Palästina.
Am 23. Juli 1894 geht es los, direkt von Triest nach Beirut. Schon unterwegs die Erkenntnis: „Das mittelländische Meer ist größer als es auf der Karte aussieht.“ Nach sehr kurzem Aufenthalt in Beirut landet eine kleine Abordnung am 31. Juli 1895 zuerst in Haifa. „Haifa ist nämlich zur Hälfte deutsch, nicht der Einwohnerzahl, sondern dem Raume nach. ... Die aus Württemberg stammende Templergemeinde, die im Glauben an die nahe Wiederkunft des Herrn ihm sein Land, das Heilige Land, schmücken wollte, hatte hier, wie um Jaffa und später Jerusalem, vor beinahe 30 Jahren ihre Niederlassungen gegründet. Jene schwärmerischen Zukunftsträume sind meist verflogen, die kräftige deutsche Hand und der ernste christliche Sinn sind geblieben und haben aus dem öden Lande, im Gegensatz gegen die türkische Verwahrlosung, einen Garten Gottes geschaffen.“
Ein Teil der Gesellschaft nimmt Unterkunft im deutschen Gasthof, der andere Teil im deutschen Sanatorium auf dem Karmel. „Ich kam mit auf den Karmel, und wohl anderthalb Stunden fuhren wir hinauf auf schöner Straße, nach einer Höhe, in der man hätte meinen können, in Thüringen zu sein, wenn nicht die spärliche, fremdartige Bewaldung gewesen wäre.“ Dort treffen sie Konsul Keller, der ihnen die Geschichte der Entstehung des Karmelheims erzählt, bei deutschem Kaffee und Butterbrot. Nach einem Ausflug zum Karmeliterkloster verbringen sie einen geselligen Abend, zu ihrem Vergnügen „ganz deutsch“. „Der Abend war köstlich. Mehrere aus der Gemeinde, wie Konsul Keller und sein Sohn, der uns nach Galiläa begleiten wollte, Ingenieur Schumacher, unser braver Wirt Pott kamen zu uns; Reden auf das deutsche Vaterland, auf Kaiser und Reich, und dann wieder auf die evangelischen Deutschen, unter deren Hand Palästina wieder zum Lande wird, da Milch und Honig fließt, vom rechten Kreuzzug nach dem Herzen Gottes, wechselten ab und wir tranken dabei den schönen reinen Wein, aus deutschen Reben hier erbaut.“
Ein längerer Ausflug mit Übernachtung schließt sich an, vom griechischen Kloster aus können sie sogar einen Blick auf den See Genezareth werfen, für den die vorgesehene Zeit nicht reicht. Da sich aber das Schiff zur Weiterfahrt verspätet, können sie noch einen Tag in der deutschen Kolonie verbringen und staunen. “Wir besuchen den schönen Garten des Herrn Dick, in dem wir selber Mandeln pflücken dürfen, die Seifenfabrik des Herrn Struve, der seine Karmelseife nach Amerika versendet, auch die Bierbrauerei, in der ein kräftiges Hopfenbier gebraut wird, das auch den Arabern mundet. Aber nach Sonnenuntergang darf kein Araber mehr in der Kolonie sein. Wir sehen uns bei Dr. Schumacher, einem der besten Kenner des nördlichen Palästina und des Ostjordanlandes, dessen höchst interessante Sammlung an.“
Schließlich landen sie bei den Kirchlern. „Wir suchen vor allem den seit vorigem Jahre hier befindlichen Pastor Deckert auf, der uns Schule und Kirche zeigt. Die Templergemeinde in ihren schwärmerischen Anschauungen ist mancher Wandlungen fähig. Die meisten haben ernüchtert mit ihren Zukunftshoffnungen auch manches andere preisgegeben, z.B. Wertschätzung der Sakramente. Sie haben auch kein geordnetes Amt. Es geht ein rationalistischer Zug durch sie hindurch, mit der schönen, aber einseitig gemeinten Losung „Das Reich Gottes steht nicht in Worten, sondern in der Kraft.“ Da haben denn Sekten, wie selbst Mormonen, Eingang. Aber etwa ein Vierteil hat sich der evang.-luth. Kirche wieder zugewendet, ist wieder orthodox geworden, wie sie sagen. Da ist es nun von hohem Werth, daß der Jerusalemverein in Berlin der 110 Seelen evangelischen Gemeinde einen Pastor gegeben hat, der seine Gemeinde zu sammeln und für alle zu einem Sammelpunkt zu machen weiß. So ist bei bewußter Glaubensverschiedenheit doch Eintracht nach außen. Die Muhammedaner wissens gar nicht, meinte einer, daß wir verschiedener Meinung untereinander sind.“
Sowohl Templer wie Kirchler, das wird hier deutlich, pflegen auch 25 Jahre nach der Einwanderung ihr Deutschtum, seit 1871 nicht nur als württembergische, sondern als kaiserliche Untertanen, und leisten selbstverständlich ihren Militärdienst. „Mit dankbarem Vertrauen sehen die Deutschen in Haifa auf die Reichsregierung. Jedes Jahr kommt ein Kriegsschiff, meist die Lorelei, und hebt die Militärpflichtigen aus.“ Sie haben ganz und gar nicht das Bedürfnis, sich zu assimilieren. Ein paar Sätze weiter zitiert Bruno Hartung dazu Konsul Keller: „Ich war neulich ... hinter Akko in einem arabischen Dorfe. Wie ich dort saß, kamen Kinder mit hellem, blondem Haar gesprungen, das war nicht arabisches Blut. Das waren Nachkommen der deutschen Ansiedler aus der Kreuzfahrerzeit, aber ihre Nationalität und Religion sind längst verloren gegangen. Wird’s auch von unseren Nachkommen in Haifa nach Jahrhunderten so heißen? Nun, was an uns ist, wollen wir thun, um es zu verhüten.“
Andererseits: schon König David soll blond gewesen sein. Die Uneinigkeit darüber hält bis in die Neuzeit an. Ob Konsul Keller sich mit diesem ihm zugeschriebenen Ausspruch nicht doch etwas vertan hat? Wie zuverlässig ist Pfarrer Hartung? Aber warum sollte er sich so etwas ausgedacht haben? Das lässt sich wohl nicht mehr klären. Jedenfalls wird - sicher nicht nur in Haifa - streng auf Absonderung gesetzt.
Mit dem Schiff geht es weiter nach Jaffa, von dort aus mit der schon gut ausgebauten Eisenbahn nach Jerusalem, wo sie im Johanniterhospiz unterkommen. In einem Mammutprogramm spulen sie die Besichtigung des biblischen und des modernen Jerusalem ab. Danach suchen die Reisenden noch den Kontakt mit Deutschen. „Es war nahezu dunkel geworden, ... als wir hinab und wieder hinauf nach der Stadt gingen, die jetzt Straßenbeleuchtung hat ... . Draußen am Bahnhof bei der deutschen Kolonie, 20 Minuten vor dem Jaffathor, war noch eine Zusammenkunft mit den Deutschen in der Stadt. Drinnen in dem großen Saale erklangen deutsche Lieder, und Hunderte hörten zu. Davor saßen der evangelische Pastor von Jerusalem und der von Bethlehem, der Baumeister der evangelischen Kirche und andere Landsleute und gaben dem Pilger freundlich Bescheid.“
Schon am nächsten Tag, am 5. August, geht es per Eisenbahn zurück nach Jaffa und von dort aus mit dem Schiff weiter Richtung Alexandria. An Bord können sie einen erlegten Hai bewundern, der sie an die biblische Geschichte von Jona und dem Wal erinnert, wie überhaupt die Bibel an jeder Ecke ihr bester Reiseführer zu sein scheint. In Ägypten tauchen sie in die arabische Welt ein, besuchen die Pyramiden und das ägyptische Museum, genießen aber auch deutsches Bier von einem Bierwirt namens Korff, landen eines Abends bei der Gebetsversammlung eines amerikanischen presbyterianischen Missionars und statten zu guter Letzt dem deutschen Krankenhaus der Kaiserswerther Diakonissen einen Besuch ab. Ein besonderes Gedenken gilt dort dem Sterbezimmer des deutschen Musikers Hans von Bülow (1830 Dresden - 1894 Kairo).
Am 12. August treten sie die Rückreise übers Mittelmeer an, durchkreuzen die griechische Inselwelt, besuchen Athen und landen am 16. August wieder in Triest.