Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 181/5 - Mai 2025

 

 

Rätselraten um Gut und Böse - Dr. Andreas Rössler

»Meint ihr, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf Erden? ...« - Karin Klingbeil

Neues Netzwerk zur Glaubensreform - Karin Klingbeil

Zeichen der Völkerverständigung - Jörg Klingbeil

Reisebeschreibungen aus Palästina - Birgit Arnold

Rätselraten um Gut und Böse

„Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!“ Psalm 34,15

Wieso eigentlich gibt es im Menschenleben und damit auch in unserem ganz persönlichen Le­ben nicht nur Gutes, sondern auch Böses? Und das bedeutet: Neben Erfreulichem, Beglü­ckendem, Schönem findet sich jede Menge an Schmerz, Leiden, Leid, Jammer und Elend, Un­erfreulichem, Unerträglichem.

1 Gott will alles Gute, lässt aber auch Böses zu.

Bedenken wir alles, was da so vor sich geht, einmal im Lichte Gottes, in der Perspektive der Ewigkeit („sub specie aeternitatis“, um einen Ausdruck des Philosophen Baruch Spinoza zu benutzen), dann stellt sich die Frage: Wieso eigentlich lässt Gott das Böse zu? Die christliche Botschaft besagt doch in ihrem Kern: Gott, dem sich alles verdankt und ohne den es keinen bleibenden Sinn geben kann, meint es gut mit seiner Schöpfung, er will das Beste für alle sei­ne Geschöpfe. Wieso verhindert er es dann aber nicht, dass Menschen einander weh tun, sich schaden, sich demütigen, sich unterdrücken, ja sich mutwillig vernichten?

Um darauf gleich zu antworten: Wir wissen es nicht. Gott ist immer größer als alles, und da­mit auch größer als unser Vermögen, ihn zu verstehen. Rätselhaft ist sein Tun und Lassen, sein Handeln und sein Zulassen. Greift er in das Geschehen ein? Oder lässt er es einfach zu? Wir wissen es nicht.

Das heißt nun nicht, dass Gott eine ganz und gar unbekannte Größe sei, für uns Menschen also ein einziges Fragezeichen. Die frohe Botschaft besagt ja, dass Gott die Macht und der Wille der Liebe ist. Er ist gütig, menschenfreundlich, ja er ist der ganzen durch ihn bedingten Welt zugewandt. Das lesen wir insbesondere an Jesus von Nazareth ab. Aber gerade deshalb fragen wir: Wieso gibt es all das Leid, das Leiden, den Jammer, den Schmerz? Wer selbst das Glück hat, einigermaßen ungeschoren durchs Leben zu kommen, und damit allen Grund hat, dankbar zu sein, muss doch bedenken, wie ungezählte Menschen von Unerfreulichem heim­gesucht werden, sei es von Bösem, das ihnen von den Leuten angetan wird, sei es, dass sie von den Gesetzen der Natur wie von einem Panzer überrollt und erdrückt werden.

2 Irgendwie hat der gütige Gott auch mit dem Bösen zu tun.

In der Geschichte des Christentums und der Religionen insgesamt hat es vor allem zwei große Versuche gegeben, das Böse und auch das nicht von Bösem verursachte Leid mit Gott zu­sammenzubringen, was freilich scheitern musste, weil Gott eben unergründlich, rätselhaft, ver­borgen ist. Die eine Überlegung lautet so: Das Böse hat gar nicht mit dem guten Gott zu tun, sondern mit dem Teufel. Er ist da am Werk. So sagen wir von einem durch und durch verwerf­lich handelnden Menschen, er sei vom Teufel besessen, oder (um eine kraftvolle Wendung Martin Luthers aufzugreifen) er werde vom Teufel geritten. So sehr man mit solchen Vorstellun­gen und Sprüchen ein Stück weit Bitterkeit und Enttäuschung abladen kann, so wird man hier doch dem Grundgedanken nicht gerecht, dass Gott immer größer ist. Man setzt ihm nämlich hier einen Konkurrenten, einen Gegenspieler zur Seite. Gott bleibt dann nicht mehr der Ur­grund von allem. Sondern man gesellt ihm eine Gegenmacht bei, gegen die sich Gott selbst zur Wehr setzen muss. Aber da wird Gott etwas von seiner eigenen Macht genommen. Er ver­liert sein Alleinstellungsmerkmal.

Der zweite Versuch lautet so: Das Böse ist ein Mangel an Gutem. Mit dieser schlichten Auf­fassung ist das Böse eigentlich eine bloße Lücke, ein Nichts. Aber das widerspricht doch aller Erfahrung. Diese zeigt uns, dass das Böse etwas sehr Handfestes, etwas sehr Mächtiges, Be­drängendes ist. Man muss allerdings sagen: Das Böse führt nicht zum Lebenssinn, zur Erfül­lung, sondern ins Nichts. Es ist nichtig. Insofern ist an diesem Versuch einer Deutung des Bö­sen schon etwas dran.

Es hat da noch einen dritten Versuch geben, das Böse irgendwie mit Gott zusammen zu se­hen. Dieser Versuch stammt von dem schlesischen Philosophen und Mystiker Jakob Böhme (1575 - 1624) aus Görlitz. Dieser Schuhmachermeister und geniale leidenschaftliche Denker schöpfte aus der Bibel, aber auch aus einer inneren Schau, die ihn von Zeit zu Zeit überfiel, etwa um 1600, im Alter von 25 Jahren. Böhme war ein gläubiger und demütiger Christ ohne Falsch und Tadel. Der allsonntägliche Gottesdienstbesucher wurde zunächst vom Görlitzer Hauptpastor Martin Moller, der auch in unserem Gesangbuch vertreten ist, wohlwollend beglei­tet. Nach seinem Tod wurde ein Scharfmacher und Eiferer sein Nachfolger, Gregor Richter. Der machte sich in der Kirchengeschichte nur dadurch einen Namen, dass er sein Gemeinde­mitglied Böhme auf übelste Weise angriff und verleumdete. Böhme hatte aber begüterte und hochherzige Förderer, die seine sehr schwierig zu lesenden Schriften abschrieben und verbreiteten. So wurde der schlesische Seher und Eigendenker Böhme zu dem „philosophus teutonicus“ (dem „deutschen Philosophen“), der auf spätere bedeutende Denker einwirkte, wie den Prälaten Friedrich Christoph Oetinger (1702-1782) und den Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854).

Böhme wagte den Gedanken, dass Gott irgendwie auch das Böse nicht fremd ist, weil Gott ja mit allem Geschehen zu tun hat, auch wenn wir nicht wissen, wie das vorgestellt werden kann. Nach der Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel ist die Ordnung der Welt aus ei­nem Chaos, einem „Tohuwabohu“ hervorgegangen. Und so kam es auch in dem verborgenen göttlichen „Ungrund“ (wie Böhme das ausdrückte, was man sonst „Abgrund“ zu nennen pflegt) zu einem zunächst noch chaotischen Kampf zwischen Gut und Böse. Das Gute hat gesiegt. Gott hat sich zur Dreieinigkeit hin entwickelt. Als der Vater, der ewige Sohn und der Heilige Geist will er das Gute und nicht das Böse. Von uns ist einzig und allein das Gute gefordert. Aber das Böse ist eben vorläufig auch noch am Werk.

Diese Gedanken Böhmes sind Spekulation. Aber man kann das doch einmal so denken. Man sollte dann nur daran festhalten, dass Gott erstens letztlich unergründlich ist, und dass zweitens in der Tat alles Geschehen im Großen und im Kleinen irgendwie, aber eben uner­gründlich, mit ihm zu tun hat, also auch das böse Treiben, und dass er drittens die Macht und der Wille der Liebe ist, wie uns das in der Bibel und besonders bei Jesus nahegebracht wird. Wobei Jesus diese Botschaft der Liebe nicht nur verkündigt, sondern auch vorgelebt hat und dafür dann auch den Tod am Kreuz auf sich genommen hat, als Wahrheitszeuge, als Märtyrer. Anders wüssten wir wohl gar nicht von ihm.

3 Das Gute muss errungen werden.

Aber es bleibt unsere Frage, auch wenn sie sicher nicht befriedigend beantwortet werden kann: Wieso gibt es im Menschenleben und damit auch in unserem ganz persönlichen Leben nicht nur Gutes, sondern auch Böses?

Gäbe es nur Liebe und nicht auch Hass, Eigensucht und Machtstreben, dann könnten wir ja gar nicht anders als Gutes tun. Wir wären so gepolt. Wir wären sozusagen Marionetten Gottes. Eine Teilantwort in ähnlicher Richtung gibt Jakob Böhme: Gäbe es nur Gutes und nicht auch Böses, dann wäre das, wie wenn es nur Tag und nicht auch Nacht gäbe, Wachen und nicht auch Schlafen. Da fehlte jede Entwicklung. Alles wäre selbstverständlich und langweilig.

„Wenn die Liebe nicht in Leid stünde, so hätte sie nichts, das sie lieben könnte. Weil aber ihr Wesen, das sie liebet als die arme Seele, in Leid und Pein stehet, so hat sie Ursache, ihr eigen Wesen zu lieben und das von Pein zu erretten, auf dass sie wieder geliebt werde. Auch möchte nicht erkannt werden, was Liebe wäre, so sie nicht hätte, das sie möchte lieben“ (Jakob Böhme, Die Morgenröte bricht an. Zeugnisse der Naturfrömmigkeit und der Christus­erkenntnis, hg. von Gerhard Wehr, Herderbücherei 1077, Freiburg 1983, S. 122).

Wir sind zum Guten gefordert und nicht zum Bösen. Das sagt uns schon unser Gewissen. Und im Licht Gottes betrachtet, sind wir ganz und gar zum Tun des Guten gefordert, uneinge­schränkt, unbedingt, ob es uns passt oder nicht, auch wenn uns das häufig lästig und unbe­quem sein wird. Unausweichlich ist diese Forderung, denn Gott selbst ist seinem Wesen nach Liebe.

4 In seinen Grundlinien ist das Gute eindeutig.

Doch was ist eigentlich gut und was böse? Unzählige Male wird in der Bibel zum Guten aufgerufen und vor dem Bösen gewarnt. Etwa: „Suchet das Gute und nicht das Böse, auf dass ihr lebet und der Herr, der Gott Zebaoth, mit euch sei“ (Amos 5,14). Aber unsere Auffassungen darüber, was denn nun gut ist und was böse, sind nicht immer klar und eindeutig. Friede ist gut, Krieg ist böse: Darin werden die allermeisten übereinstimmen. Aber nicht jeder Krieg ist ein Angriffskrieg, bei dem ein stärkerer einen schwächeren Staat überfällt. Es gibt ja auch den Verteidigungskrieg, in dem sich die Schwächeren gegen die aggressiven Stärkeren zur Wehr zu setzen versuchen. Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) hat auf seiner Gründungsver­sammlung 1948 in Amsterdam festgestellt: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ Mit ande­ren Worten: Krieg ist grundsätzlich böse. Die Kirchen reden im Allgemeinen aber auch vom Recht, sich gegen brutale Mächte zu verteidigen. Das wird dann „gerechter Krieg“ genannt. Radikale Pazifisten unter den Christen sagen aber, es gebe gar keinen solchen gerechten Krieg, weil in jedem Krieg Unschuldige leiden müssen und getötet werden. Was also ist hier gut und was böse?

Das muss letztlich jeder für sich selbst entscheiden. Aber es gibt immerhin verbindliche Grundlinien. So hat Albert Schweitzer in seiner Lehre von der „Ehrfurcht vor dem Leben“ fest­gestellt: „Die Grundidee des Guten besteht darin, dass sie gebietet, das Leben zu erhalten, zu fördern und zu seinem höchsten Wert zu steigern; und das Böse bedeutet: Leben vernichten, schädigen, an seiner Entwicklung hindern. Das Prinzip dieser veneratio vitae [Ehrfurcht vor dem Leben] entspricht dem der Liebe“ (cit. bei Richard Brüllmann, Treffende Albert-Schweit­zer-Zitate, Thun 1986, S. 96). Der ÖRK hat 1986 in Vancouver „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ als die drei Säulen des „Konziliaren Prozesses“ festgestellt. Auch hier wird „Liebe“ entfaltet, ganz ähnlich wie bei Albert Schweitzer.

Ich möchte, gerade in einer Zeit, in der die Desinformation und damit die Lüge Hochkon­junktur hat und in der nach Herzenslust gelogen wird, die Wahrhaftigkeit hinzufügen, die zu­sam­men mit der Liebe zum Guten gehört: „Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nen­nen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen!“ (Jesaja 5,20).

Jakob Böhme fügt den Egoismus, die Eigensucht, und dazu gehört auch der Machttrieb, als ein Kennzeichen des Bösen hinzu: „Die Liebe hasset die Ichheit, darum dass die Ichheit ein tödlich (sterblich) Ding ist, und mögen nicht wohl beisammen stehen“ (hg. Gerhard Wehr, a.a.O., S. 121 f.).

5 Gutes zu tun, bringt Glück und inneren Frieden mit sich.

„Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!“ (Psalm 34,15). „Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an“ (Römer 12,9). Von solchen Mahnungen ist die Bibel voll. Werden uns da von unserem Gewissen, von irgendeinem Über-Ich und schließlich von dem göttlichen Ursprung aller Wesen und Dinge Lasten auferlegt, die uns das Dasein erschweren und uns alle Freude am Leben nehmen wollen? Tag für Tag liegen Anforderungen auf uns, angefangen damit, früh aus dem Bett aufzustehen. Kommt hier mit der Mahnung, das Gute zu tun, eine unseren ganzen Tageslauf umfassende, uns ständig ein­schränkende General-Forderung dazu?

Ganz im Gegenteil! Sich anderen Menschen zu öffnen, für ihre Sorgen und Anliegen aufge­schlossen zu sein, das hilft uns, uns nicht dauernd um uns selbst zu drehen, sondern unseren Blick zu weiten. Mitzuhelfen, dass Leben gefördert und nicht zerstört wird, das zeigt uns einen guten Sinn auf. Die Frage stellt sich nicht mehr, ob denn unser Dasein nicht letztlich vergeblich sei und zu nichts führe. Wir werden glücklich und finden inneren Frieden. Und wir gewinnen einen neuen Blick für die Schönheiten und die Chancen des Lebens. „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. Wohl dem, der auf ihn traut!“ (Psalm 34,9). Dieses in der Abend­mahls-Liturgie häufig verwendete Psalmwort passt in das Glück, in die Erfüllung, die wir erfah­ren, wenn wir uns dem Guten zuwenden und vom Bösen energisch abkehren.

Nach Jakob Böhme zeigt sich in der Forderung, das Gute zu tun, gerade die Liebe Gottes: „Darin wird erkannt die göttliche Liebe gegen den Menschen, dass der Mensch erkennt, was Gott sein Schöpfer sei und was er von ihm will getan und gelassen haben“ (hg. Gerhard Wehr, a.a.O., S. 81).

6 Unsere Kraft zum Tun des Guten bleibt begrenzt.

Freilich stoßen wir bei diesem Bemühen um das Gute ständig an unsere Grenzen. Ich muss einsehen: Es gibt nicht wenige Leute, die besser, als ich es vermag, anderen beistehen und aufhelfen können. Da sind viele, die mehr für das Gemeinwohl zustande bringen als ich. Die Gaben und Kräfte sind eben verschieden verteilt. Ich darf mich aber in meinen eingeschränk­ten Möglichkeiten annehmen. Wir dürfen, wie es in dem Kirchenlied „Sonne der Gerechtigkeit“ (Evangelisches Gesangbuch 263) heißt, jeweils „mit unsrer kleinen Kraft üben gute Ritter­schaft“. So mögen wir je nach unserer Ausstattung Bausteine zum Reich Gottes zusammen­tragen - zum Reich Gottes hier und jetzt, in dem die „Menschen guten Willens“ zusammenwir­ken, und dabei mit einem Hinblick und einem Hinweis auf das künftige, vollendete Reich Got­tes, das aber schließlich allein Gottes Sache sein wird.

Jakob Böhme unterstreicht die entschiedene Abkehr vom Bösen und die energische Hin­wendung zum Guten, die Umkehr zum guten Gott, als den Weg zum Glück und zur Erfüllung im irdischen Dasein und darüber hinaus:

„Darum tut uns nun not, dass wir unsern Willen, Sinn und Gemüt aus allen irdischen Dingen ausziehen und in Christi Leiden, Sterben, Tod und Auferstehung einwenden, dass wir den alten Adam mit Christi Tode immer kreuzigen und immer mit der Sünde im Tode und Sterben Christi sterben und mit ihm aus der Angst des Todes in einem neuen Menschen immer wieder aufstehen und im Leben Gottes grünen“ (hg. Gerhard Wehr, a.a.O., S. 101).

Andreas Rössler, Gottesdienst bei der Gemeinschaft Evangelischer Schlesier in der Stuttgarter Leonhardskirche am 30. März 2025

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

»Meint ihr, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf Erden?

Ich sage euch: Nein, sondern Zwietracht.«

(Lukas 12,51)

Dieser Ausspruch Jesu befremdet - hatte es zu seiner Geburt nicht Gottes Zusage für Friede auf Erden, die damit verbunden wurde, gegeben? Dann die Berichte der Evangelisten über Jesu Tätigkeit und Lehre, seine beispielhafte Zuwendung zu allen Armen, Schwachen und Be­drängten, die die Menschen den richtigen Umgang miteinander lehren sollte - und alles Inhalt seiner Lehre vom Reich Gottes war.

Doch mit dem oben zitierten Ausspruch zeigt Jesus, dass er nicht den irdischen, äußeren Frieden bringen wird, den viele von ihm erwarten, sondern dass sein Auftreten zu inneren Spannungen und Konflikten führen wird. Denn das Bekenntnis zu ihm sorgt für Streit mit all jenen, die sich nicht von seiner Auffassung überzeugen lassen wollen. Allen voran sind da die ‚Pharisäer und Schriftgelehrten‘, denen besonders Jesu freizügiger Umgang mit dem kulti­schen Gesetz ein Dorn im Auge war. Nicht nur damals, bis heute bekämpfen die streng ortho­doxen Juden alle anderen, die sich beispielsweise nicht an Sabbatgebote halten - und das zum Teil sogar sehr gewalttätig.

Ebenso wie im Judentum wurden und werden auch innerhalb anderer Religionen häufig die­jenigen bekämpft, die nicht dem ‚Mainstream‘ folgen - das war früher auch innerhalb des Christentums üblich, denken wir nur an die Inquisition, mit der die Häresie bekämpft werden sollte. Mit der bei uns geltenden Religionsfreiheit und der zunehmenden Säkularisierung ist derlei zwar heute bei uns nicht mehr vorstellbar, besonders auch, weil wir in einer stabilen De­mokratie leben, die uns viele Freiheiten garantiert.

In sehr vielen Ländern aber wird die Freiheit, das zu glauben, was man für richtig hält, mehr oder weniger stark beschnitten. So werden allein Christen weltweit in unterschiedlichem Maße verfolgt; in Nordkorea mit 98 % am stärksten, darunter rangieren etliche durch den Islam ge­prägte Länder, die religiöse Bevorzugung praktizieren, unterschiedlich stark. Wer in diesen Ländern zu seinem christlichen Glauben steht, ist Diskriminierung, Verfolgung und sogar Tod ausgesetzt. Bekannte Beispiele sind islamistische Gruppierungen wie Boko Haram in Nigeria, die Huthi-Bewegung im Jemen, der Islamische Staat im Irak und etliche mehr.

Worum es Jesus seinerzeit ging - und was auch für die heutigen Christen gilt -, ist, dass wir uns auseinandersetzen, uns bewusst entscheiden und die entsprechenden Konsequenzen tra­gen.

Dass auch aktuell im Christentum jetzt, nachdem der Papst gestorben und ein neuer zu wählen ist, alles andere als Einmütigkeit herrscht, werden wir in der nächsten Zeit erleben.

Karin Klingbeil

Neues Netzwerk zur Glaubensreform

Die „Gesellschaft für eine Glaubensreform“ und das „Netzwerk Reform des Christentums“ ha­ben sich im April 2025 zusammengeschlossen. Der Verein trägt nun den Namen „Netzwerk Christsein heute: Glaubensreform - Kirchenreform“ (NCh). Der neugegründete Verein steht nach eigenem Bekunden „allen an einer Reform des Christentums Interessierten“ offen. Er möchte, „dass die Grundfragen des Lebens“ den Ausgangspunkt der christlichen Religion bilden und dass „die Botschaft Jesu vom Reich Gottes in den Vordergrund der kirchlichen Verkündigung gestellt wird“.

Mit dem Begriff „Reich Gottes“ verbindet der Verein „nicht nur das leibliche, seelische und spirituelle Wohl der Christen“, sondern auch „das Bemühen um eine Transformation der menschlichen Gesellschaft, weg von Unfrieden, Ungerechtigkeit und Ungleichheit und hin zu Frieden, Freiheit sowie wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Gerechtigkeit“. Der neue Verein bekennt sich ausdrücklich zu einer „historisch-kritischen Exegese“ der Bibel und hält es für notwendig, die traditionellen Überlieferungen einer „theologischen Kritik“ zu unterziehen. Mit der Fusion will der Verein zugleich die Impulse des Gründers der „Gesellschaft für eine Glaubensreform“, des im März 2024 verstorbenen Prof. Klaus-Peter Jörns, aufgreifen.

Eine Kirchenreform werde von vielen Beobachtern innerhalb und außerhalb der Kirchen für erforderlich gehalten. In seinem „Göttinger Manifest 2024“ hatte das Netzwerk konstatiert, dass die Kirchen Deutschlands „eine fundamentale Krise“ durchleben, worauf die Kirchenlei­tungen „bisher lediglich mit Strukturreformen, vor allem aber mit Ratlosigkeit reagiert“ hätten. „Die Kirche muss dem Wesen des Christentums und den sich daraus ergebenden Aufgaben für das Leben wieder entsprechen“, heißt es im Manifest. Dem Netzwerk hatten sich mehrere kirchenkritische Gruppen und Vereine aus beiden Großkirchen angeschlossen.

Eine erste Jahrestagung des neu gegründeten Netzwerks ist vom 31. Oktober bis 2. No­vember 2025 in Nürnberg geplant (Arbeitstitel: „Christsein, Glauben, Kirche in der Welt von morgen“). Weitere Informationen sind hier zu finden.

Karin Klingbeil, aus der Pressemitteilung des neuen Vereins

Zeichen der Völkerverständigung

Deutsch-israelisches Schülerkonzert in Tübingen

Bereits im September 2024 ist der Landkreis Tübingen eine Partnerschaft mit dem israelischen Kreis Hof HaCarmel bei Haifa eingegangen. Dieser Bezirk ist auch Templern von Reisen ins Heilige Land bekannt, zum Beispiel durch die dort gelegene Jugendherberge oder den (frühe­ren) Standort der Struve’schen Seifenfabrik. Im Kreis Hof HaCarmel leben rund 28.500 Ein­wohner, ein Teil von ihnen in insgesamt acht Kibbuzim. Der Schwerpunkt der Kooperation soll vor allem in der Begegnung junger Menschen liegen, zum Beispiel durch Schul- und Bildungs­partnerschaften. Ein Gymnasium in Dusslingen unterhält bereits seit 2007 eine Schulpartner­schaft mit der Hof HaCarmel High School, die zu regelmäßigen Begegnungen geführt hat. An­lässlich des Partnerschaftsabkommens wurde auch auf die historischen Verbindungen mit Tübingen hingewiesen, beispielsweise auf die bedeutende Rolle des Tübingers Jacob Schuh­macher und seines Sohnes Gottlieb beim Aufbau der Tempelkolonie Haifa und der Entwick­lung des Heiligen Landes.

Deutsch-israelisches Schülerkonzert in Tübingen (Foto: Landratsamt Tübingen)
Foto: Landratsamt Tübingen

Nun hat das erste gemeinsame Projekt Früchte getragen: Ein beeindruckendes Gemeinschaftskonzert von 81 israelischen und deutschen Schülerinnen und Schülern am Samstag, den 5. April 2025, im Landratsamt Tübingen bildete den krönenden Ab­schluss einer lebendigen Projektwoche am Tübinger Wilder­muth-Gymnasium. 24 Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren, die im Schulorchester der Kfar Galim High School im Kreis Hof HaCarmel spielen, waren gemeinsam mit zwei Musiklehrern und ihrem Dirigenten Amir Stoler nach Tübingen gekommen, um mit dem Schulorchester des Wildermuth-Gymnasiums Tübingen ein Konzert zu erarbeiten. Die Projektwoche war gefüllt mit gemein­samen Proben, Workshops und Unterrichtsbesuchen; es gab aber auch Raum zum gegenseitigen Kennenlernen und gemein­samen Erleben. Bei Volleyballturnieren, Grill-Nachmittagen und Stocherkahnfahrten hatten die jungen Menschen aus beiden Ländern viel Spaß. 17 Gastfamilien nahmen die jungen israeli­schen Gäste gerne bei sich auf und sorgten für einen familiären Rahmen. Das Programm der Projektwoche gestalteten mehrere Lehrkräfte des Wildermuth-Gymnasiums sowie ein Jugendreferent des CVJM. Das Landratsamt Tübingen kümmerte sich um das Organisatorische und stellte den passenden Rahmen für das Konzert bereit.

Am Konzertabend hieß das Projektorchester die rund 300 geladenen Gäste in der Glashalle des Landratsamts mit Charpentiers „Te Deum“ (auch als Eurovisions-Melodie bekannt) will­kommen. Landrat Joachim Walter begrüßte die Gäste und bezeichnete Musik als „die ge­meinsame Sprache der Menschheit“. Mit diesem ersten gemeinsamen Projekt wolle man dem Ziel der Kreispartnerschaft Rechnung tragen, junge Menschen zusammenzubringen, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich kennenzulernen und gegenseitiges Verständnis zu entwickeln. Die Musik als verbindendes Element sei hierzu bestens geeignet: „Wer zusammen mit anderen musiziert, der weiß, wie wichtig es ist, aufeinander zu hören und dabei auch die leisen Töne wahrzunehmen. Und das ist etwas, was unserer Gesellschaft mehr und mehr fehlt“, so Walter. „Die Gestaltung der Zukunft liegt in den Händen junger Menschen. Sie sollen bei Austauschen und Projekten wie diesem die Möglichkeit haben, sich zu begegnen und gegenseitiges Ver­ständnis füreinander zu entwickeln - und zu vertiefen, damit sie an einer Zukunft in Frieden und gegenseitiger Wertschätzung mitarbeiten können.“

Eigens zum Konzert gekommen war Asif Izak, Landrat des Kreises Hof HaCarmel. Er be­zeichnete die Musik als „wunderbare Brücke zwischen Kulturen und Menschen, die es schafft, uns zu verbinden.“ Die jungen Menschen würden Hoffnung und Mut in diesen schwierigen Zei­ten vermitteln. Er sei sehr dankbar für die Freundschaft und Partnerschaft der beiden Kreise, „die mit Projekten wie diesem ein wichtiges Zeichen setzen.“

Unter der musikalischen Leitung von Friedel Treutlein und Amir Stoler präsentierte das Pro­jektorchester anschließend eine bunte Vielfalt an Musikstücken und -werken. Bei Shostako­vichs „Second Waltz“ wippte das Publikum begeistert im Dreivierteltakt mit. Bernsteins „Ameri­ca“ lud zum Mitsummen ein. Mit „Danzón“ von Marquez zeigte das Orchester sehr eindrucks­voll, auf welch hohem musikalischen Niveau sich die jungen Menschen nach wenigen gemein­samen Proben bewegten. Nach der „Forrest Gump Suite“ folgten drei israelische Stücke mit tollen Gesangseinlagen zweier Schülerinnen aus Kfar Galim. Die deutsch-hebräische Modera­tion hatten die Schülerinnen und Schüler selbst übernommen.

Das begeisterte Publikum würdigte die herausragende musikalische Leistung mit langanhal­tendem Beifall und Standing Ovations. Alle Beteiligten waren sich einig: „Dieses Projekt wird eine Fortsetzung finden.“

Jörg Klingbeil, unter Verwendung von Material des Landratsamtes Tübingen

Reisebeschreibungen aus Palästina

Ein Reisebrief von 1874

Mitte 1874 erschien in verschiedenen deutschsprachigen Zeitungen ein früher Reisebericht „Deutsche Ansiedlungen in Palästina“ des katholischen bayerischen Landtagsabgeordneten Johann Nepomuk Sepp (1817 Tölz - 1909 München), tätig als Volkskundler, Historiker und Politiker und in all diesen Bereichen nicht unumstritten. Katholisch-konservative, dezidiert antisemitische und äußerst streitbare Züge werden ihm nachgesagt. Schon 1846 hatte er Pa­lästina bereist. 1848 war er Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung für den Wahlkreis Rosenheim. Aus dieser Zeit wird er Christoph Hoffmann gekannt haben. 1868 traf er ihn und Hardegg in München auf deren Reise nach Palästina.

Nach der Reichsgründung hatte J. N. Sepp 1874 die von Zeitgenossen viel bespöttelte Idee, als Laie eine archäologische Expedition nach Tyros im Libanon durchzuführen. In der dortigen Kathedrale wähnte er das Grab Friedrich Barbarossas. Seine Unternehmung war allerdings nicht von Erfolg gekrönt. Es ist anzunehmen, dass er von Tyros aus nach Palästina reiste und sich dabei einen eigenen Eindruck von der Ansiedlung der Templer machte. In der Folge ent­stand wohl der im Folgenden abgedruckte „Reisebrief“, dessen Tendenz durchaus gemischt ist, nicht unfreundlich, etwas besserwisserisch und ungeordnet, stark gekürzt und sogar fehler­haft.

Wer waren also die „wunderlichen Heiligen“, die 10 Jahre vor den Templern in Palästina sie­delten? Es waren die Ameniten (nicht Mennoniten!), selbst ernannte „Juden-Christen“, 13 Mit­glieder der Familien Lehnemann, Blankertz und Lendholt aus Mönchen-Gladbach, die das tau­sendjährige Reich erwarteten. Ihr geistiger Anführer Israel Pick, ein ehemaliger Rabbiner, der vorausgereist war, verschwand allerdings vor ihrer Ankunft auf Nimmerwiedersehen. Die letzte Überlebende dieser Pioniergeneration war Johanna Blankertz geb. Lehnemann, die 1907 starb.

Über die genauen Beweggründe der Templer verliert J. N. Sepp kein Wort. Setzte er viel­leicht voraus, dass seine gebildeten Leser über sie Bescheid wussten? Auf die näheren Be­weggründe ihrer Ansiedlung geht er nicht ein, die ansässigen Juden und Araber werden nicht erwähnt. Die sicher jiddisch sprechenden polnischen Juden in Jerusalem subsumiert er kühn und fälschlicherweise unter die deutsch sprechende dortige Bevölkerung.

Stattdessen pickt er bunte Einzelheiten der Besiedlung heraus, von denen er annimmt, dass die Leserschaft sie goutiert: den Felddiebstahl durch Araber, die hohe Sterblichkeitsrate der ersten Ansiedler, den guten Wein aus Sarona, und mit dem Hinweis auf die Schiffsverbindun­gen wollte er bei den Lesern vielleicht die Lust auf eine Pilgerreise nach Palästina wecken.

Johann Nepomuk Sepp: Deutsche Ansiedlungen in Palästina, in Rigasche Zeitung 1874, Nr. 139, 18./30. Juni 1874, dort übernommen aus der Weser-Zeitung, auch aus der „Allg. Zeitung“.

 

Über die deutschen Ansiedlungen in Palästina schreibt der bekannte bayerische Landtagsab­geordnete Professor Sepp, von welchem die „Allg. Ztg.“ gegenwärtig Reisebriefe aus dem Ori­ent veröffentlicht, Folgendes:

Es sind wunderliche Heilige, die hier an der Nordseite von Joppe ihre Niederlassung be­gründeten. Den Anfang machten Judenchristen der Neuzeit, die von den alten sich dadurch unterscheiden, daß sie ihr Christenthum ins Judenthum zurückreformiren, Mennoniten [Ameniten!], welche auf den baldigen Eintritt des tausendjährigen Reiches rechnen, und nicht zu spät kommen wollen, wenn das Heil abermals von Israel ausgeht, dann Wupperthaler Pietisten. Im Jahr 1866 landeten aus Amerika 40 Familien mit vollständigen Blockhäusern an Bord, begründeten im Norden Jaffas Adam City als neue Paradiesesstadt, fanden in dem selbstgeschaffenen Eden sich aber doch nicht so zurecht und zogen schon im nächsten Jahre wieder ab. Da stellten die Tempelchristen unter ihrem Ältesten Ch. Hoffmann von Ludwigs­burg, einstigem Mitgliede der Paulskirche, und dem Ökonomen Hardegg, sich ein; ich erfreute mich bei ihrer Durchreise in München im August 1868 ihres Besuchs. Früher schon hatte Metzler, ihr Landsmann, in Joppe eine Kunstmühle mit Dampfkraft angelegt. Alle Anerkennung verdient, daß sie ihre Zahl bereits auf mehr als 300 Köpfe gebracht haben, am Fuße des Karmel aber, zu Kaipha, über 400 zählen. Nur der religiöse Verband scheint solche Colonien zu ermöglichen, und nur durch Unterordnung Vieler unter ein Gesetz des Gehorsams haben auch die Klöster in unserem Lande von vornherein Cultur und den Cultus verbreitet. Darum wünschten wir diesen Deutschen gern fröhliches Gedeihen und weitere Ausbreitung. Leider haben die Deutschen die Untugend, die alte Untugend, sich überall da niederzulassen, wo sie von Klima und feindseligen Einflüssen leicht aufgerieben werden. Warum mußten diese unsere schwäbischen Landsleute gerade im sumpfigen Audschethal ihre Hütten aufschlagen? Eine Sterblichkeit von 10 % wie 1873 decimirt buchstäblich die Bevölkerung und stellt den Fortbestand der Ansiedelung in Frage. Die bleiche Gesichtsfarbe statt der frischroten Wangen bei den Burschen und Mädchen aus dem schönen Schwabenlande macht einen schmerzli­chen Eindruck. Dagegen ist die Ansiedelung am Karmel von Krankheiten verschont. Im Jahre 1872 gründeten die Colonisten von Jaffa die freundliche Niederlassung Sarona, genannt nach der weinberühmten Ebene, und sie bauen in der That vortrefflichen Wein, das Liter zu einem halben Franc. Man kann ihnen nur rathen, ihn unter dem Namen Saronawein in den Handel zu bringen. Sie haben in Jerusalem eine recht gewerbige Mühle errichtet und haben Sattler und andere Gewerbsgenossen unter sich. Im Audschethal machen sie Heu, und die Muhamedaner verüben dabei rechtzeitig eine Raubernte, wie überall, wo sie nicht gesäet, nicht gearbeitet haben. Man sollte meinen, das Meer mit seiner Kühle biete den Colonisten Vortheil genug; jedenfalls besteht durch die Lloydschiffe und französische wie russische Dampfer, die hier landen, ein regelmäßiger Verkehr mit Europa. Es ist immer angenehm, auf Landsleute in der Fremde zu stoßen und Erlebnisse in der Fremde auszutauschen. Sichtlich ist das deutsche Element im weiten Umkreise des Mittelmeeres in der Zunahme begriffen, selbst in der Mann­schaft auf den Schiffen, während ich mich entsinne, noch als der einzige Deutsche die Fahrt von Malta nach Syra gemacht zu haben. Wohl der vierte Teil von Jerusalem spricht heute unsere Sprache, wenn wir die polnische Judenbevölkerung mitzählen, und ein namhafter Ab- und Zugang erfolgt mit den Dampfböten alle 14 Tage.

Birgit Arnold

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