Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 177/7+8 - Juli/August 2021

 

 

Die fünfte Bitte - Brigitte Hoffmann

Gedanken zu Genesis 3 - Wolfgang Blaich

Leitbilder - Martin Schreiber

Nichts muss beim Alten bleiben - Karin Klingbeil

Geh aus mein Herz und suche Freud... - Hannelore Oetinger

Die »Persien-Deutschen« im Zweiten Weltkrieg - Jörg Klingbeil

 

Am 18. August begeht unsere langjährige Gebietsleiterin und Leiterin des Ältestenkreises, Dr. Brigitte Hoffmann, ihren 90. Geburtstag. In zahlreichen Saalvorträgen, Gemeindeseminaren und Wartebeiträgen hat sie unserer Gemeinschaft wichtige Impulse gegeben. Aus diesem An­lass wollen wir mit der Wiedergabe einer Saal-Ansprache aus dem Jahr 2007 ihre verdienst­volle Arbeit würdigen und herzlich gratulieren.

Die fünfte Bitte

Matthäus 6,12»Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern«.

Das ist die fünfte Bitte des Vaterunsers, und es ist für mich diejenige, die uns am direktesten angeht. Ich denke, wir alle - zumindest alle, die über ihr Verhalten nachdenken - wissen oder spüren, dass wir immer zurückbleiben gegenüber dem, was wir eigentlich wollen oder was wir tun sollten - aus vielerlei Gründen: aus Bequemlichkeit oder Unachtsamkeit, aus Mangel an Zeit und Kraft, weil wir gegen Bedürfnisse und Wünsche, die dem entgegenstehen, nicht an­kommen oder weil andere Ziele uns auch wichtig sind. Wir bitten darum, dass Gott uns das vergibt und dass er uns annimmt so, wie wir sind, mit all unseren Schwächen.

Eigentlich vertrauen wir darauf, dass Gott das sowieso tut - das ist unverzichtbarer Teil unseres Gottesbildes. Das Bitten ist ein Bewusstmachen und eine Verstärkung, mehr für uns selbst als für Gott. Das gilt im Grunde für alles Beten. Wir wissen oder glauben zu wissen, dass Gott nicht um unserer Bitten willen die Weltgeschichte oder unser eigenes Schicksal verändert. Trotzdem glauben wir, dass das Gebet etwas bewirkt - wenn auch vielleicht ganz anders, als wir uns das vorstellen.

Nun ist aber diese Bitte, als einzige im Vaterunser, gekoppelt an unser eigenes Verhalten: »wie auch wir vergeben unseren Schuldigern«. Die zwei unmittelbar auf das Gebet folgenden Verse wiederholen das noch schärfer und deutlicher: »Denn wenn ihr den Menschen ihre Ver­fehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben« (Mt 6,14-15).

Das klingt fast wie die einschränkende Klausel eines Geschäftsvertrages und scheint uns nicht ganz zu passen zum Vertrauen auf die vorbehaltlose Güte Gottes, auf das Angenom­mensein, das Jesus uns gezeigt hat. Sein Bild von Gott als unserem Vater ist ein anderes als das des Geschäftspartners, der auf der Einhaltung einer Klausel besteht. Trotzdem macht die­se Wiederholung unzweideutig klar: die Vergebung, die wir erhoffen und erbitten, ist untrenn­bar verknüpft mit unserer eigenen Bereitschaft zu vergeben.

»Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern« - was heißt das konkret in meinem eigenen Leben? Als ich mir das überlegte, wurde mir zuerst klar, dass ich noch nie zu jemandem gesagt habe: »Ich vergebe dir«, und dann, dass ich das auch in Zukunft nicht fertigbringen würde, auch nicht in der weniger hochtrabenden Form »Ich verzeihe dir«. Warum nicht? In dieser Form des Verzeihens steckt eine gewisse Herablassung. Im Untergrund schwingt mit: Du hast mir Unrecht angetan, und ich bin so großmütig und zahle es dir nicht zurück. Es steckt ein Stück Demütigung für den anderen darin. Vielleicht akzeptiert er es, weil er sich schuldig fühlt. Es ist in jedem Fall besser als Vergeltung oder fortdauernder Groll. Aber die befreiende Versöhnung ist es nicht.

Mir scheint, der kleine Halbsatz »wie auch wir vergeben« meint eine andere Art von Versöh­nung. Wir lesen ihn zunächst als »wenn auch wir vergeben«, und so ist er auch in erster Linie gemeint. Das zeigt die Erklärung, die ich am Anfang zitiert habe. Aber »wie« kann auch heißen »so wie« - es kommt nicht nur darauf an, dass wir vergeben, es ist auch wichtig, wie wir es tun. Im Vaterunser steht dazu nichts, aber an anderen Stellen macht Jesus deutlich, was gemeint ist.

Eine der schönsten ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Der Junge hat sich auf den Weg zurück zu seinem Vater gemacht, getrieben von Hunger und Elend, aber vor allem von Ver­zweiflung: er hat seine Schuld erkannt und weiß, dass er sie nicht wiedergutmachen kann: nicht das Erbe ersetzen, das er verprasst hat, nicht die Rücksichtslosigkeit ungeschehen machen, mit der er dem Vater begegnet ist. Er will das Einzige tun, was er noch tun kann: seine Schuld eingestehen - um Verzeihung zu bitten, wagt er gar nicht. Auf dem Weg überlegt er sich, so wie wir das wohl auch tun würden, wie er das seinem Vater sagen und zeigen kann. »Vater, ich habe gesündigt, gegen den Himmel und vor dir. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Mache mich zu einem deiner Knechte.« Er ist zur äußersten Demütigung bereit, sehnt sich vielleicht sogar danach. Aber der Vater lässt ihn gar nicht ausreden. Er schließt ihn in die Arme und befiehlt den Knechten ein Freudenfest. Für ihn ist das Einzige, was zählt, dass der Sohn zurückgekommen und dass er »wieder lebendig geworden« ist und in ein Leben der Verantwortung und der Liebe zurückgefunden hat.

Das ist ein Gleichnis, ein Bild dafür, wie Gott - der Gott, den Jesus uns zeigt - vergibt. Und damit setzt es auch ein Vorbild dafür, wie wir vergeben sollen. Es macht deutlich, dass zum Vergeben mehr gehört als der Verzicht aufs Zurückschlagen und das mehr oder weniger ehrliche »Ich verzeihe dir«. Es gehört dazu auch das Bemühen, dem anderen sein Schuld­gefühl wenigstens leichter zu machen - abnehmen kann man es ihm oft nicht. Für den, der aus überströmender Liebe vergibt wie der Vater im Gleichnis, ist das selbstverständlich. Ebenso wohl auch für den, der, bei kleineren Verfehlungen des anderen, sich bewusst ist, dass ihm Ähnliches auch schon passiert ist. Der fühlt sich vielleicht sogar ein wenig erleichtert, dass auch andere dieselben Fehler machen, er verzeiht sich selber ein wenig mit.

Das ist sicher besser, als wenn man dem anderen Vorwürfe macht für Fehler, die man selbst auch begeht. Trotzdem fragt es sich, ob man jemandem, der zum zehnten Mal seinen Ver­pflichtungen nicht rechtzeitig nachkommt, nicht beim elften Mal besser sagt, dass das für alle anderen eine Belastung ist, und damit ihn - und eventuell sich selbst - etwas unter Druck setzt.

Das Beispiel ist banal, und wir würden es normalerweise nicht mit dem großen Wort Verge­bung in Verbindung bringen. Doch es geht um die gleiche Frage, um die es auch beim großen Vergeben geht: wie gehe ich um mit dem Unrecht, das mir ein anderer angetan hat oder von dem ich glaube, dass er es mir angetan hat.

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn ist sozusagen der Idealtypus des Vergebens: der eine - ich nenne ihn mit dem Wort des Vaterunsers den »Schuldiger«, weil das übliche »der Schuldige« eine eindeutige Verurteilung bedeutet für etwas, was oft so eindeutig nicht ist - hat sein Unrecht eingesehen und leidet darunter und kommt von sich aus, um das einzugestehen und zu büßen. Und für den Vater ist damit alles »vergeben und vergessen«, für ihn zählt nur die Rückkehr des Sohnes. Immerhin blendet das Gleichnis nicht aus, dass mit dem großen Vergeben nicht alle Probleme gelöst sind. Ein Drittel des Textes handelt vom älteren Sohn, und es bleibt offen, ob es auch mit ihm zur Versöhnung kommt. Nicht offen bleibt das Urteil des Erzählers, das Urteil Jesu - obwohl es nicht als Maxime ausgesprochen wird -: nur die Versöhnung kann alle glücklich machen. Dafür ist das Gleichnis das große Bild, und dafür lieben wir es.

Nur: mit einer solchen Situation werden wir in unserem Alltag wohl nur selten konfrontiert, wenn überhaupt. Da geht es meist um banalere Situationen, in denen der Schuldiger sich oft gar nicht schuldig fühlt - um Streit, in dem jeder glaubt, im Recht zu sein; um Fragen wie die, wer sich den Zeitpunkt einer Verabredung falsch gemerkt hat, wer von beiden in die Kompetenz des anderen eingegriffen hat usw. Daraus kann ein Streit entstehen, in dem jeder dem anderen seine Verfehlungen der letzten fünf Jahre vorhält. Zur Versöhnung wäre nichts weiter nötig, als dass einer - oder noch besser jeder - der beiden zugibt, dass sich das nicht mehr klären lässt und dass man es am besten auf sich beruhen lässt. Das erfordert ein bisschen Selbstüberwindung und Großzügigkeit, den Verzicht auf das Rechthabenwollen. Das ist nicht ganz einfach, aber es erspart beiden viel Zeit und Kraft und Bitterkeit.

Viel schwerer wird eine Versöhnung, wenn es nicht nur um die alltäglichen Reibungsflächen geht, sondern um gegensätzliche Auffassungen darüber, was gerecht sei, zum Beispiel bei einem Erbstreit. Ich weiß von Fällen, wo Geschwister, die vorher gut miteinander ausgekom­men waren, nachher jahrelang nicht miteinander geredet haben, auch wenn der Streit längst durch ein Gericht entschieden war. Dann müsste einer von beiden den Mut aufbringen, zum anderen hinzugehen und um Versöhnung zu bitten. Vielleicht wäre der andere auch dazu bereit. Doch das ist schwer. Aber es ist genau das, was Jesus in der Bergpredigt fordert:

»Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe« (Mt 5,23-24).

Unmittelbar darauf folgt eine der wenigen Stellen, wo Jesus von Gott als dem Richter spricht. Er wählt wieder ein Bild, er nennt Gott nicht, aber nach dem Vorausgegangenen ist klar, dass Gott gemeint ist: »Vertrage dich mit deinem Gegner sogleich, so lange du noch mit ihm auf dem Weg bist, damit dich der Gegner nicht dem Richter überantworte«.

Da ist wieder die harte, unzweideutige Kopplung: Wenn du willst, dass dir vergeben wird, dann vergib auch du. Vielleicht ist die Kopplung nicht ganz so hart; wir können Gott nicht auf eine bestimmte Verhaltensweise festlegen, auch Jesus konnte das nicht. Aber ich denke, wenn die zwei erbstreitenden Brüder es schaffen, sich zu versöhnen, dann können sie diese Kopplung im positiven Sinn erfahren: sie werden sicher beide glücklicher und freier leben als zuvor, und das ist ein Stück göttlicher Vergebung, auch dann, wenn sie beide nicht an Gott glauben.

Ich möchte noch den Bereich Staat und Politik einbeziehen. Normalerweise tun wir das in unserem Gottesdienst nicht, weil Politik im Allgemeinen nach anderen als religiösen Grund­sätzen gemacht werden muss und weil das, was Jesus wollte - Reich Gottes nicht durch Gewalt zu schaffen, sondern dadurch, dass die Menschen ihre Haltung ändern -, nur im persönlichen Kontakt funktioniert: das Hinhalten der anderen Backe, das Überwinden des Bösen durch das Gute. Aber es gibt Bereiche, wo die Frage nach der Vergebung auch für die Politik wichtig wird.

In der jüngsten Zeit gingen Berichte und Sendungen über die RAF durch die Medien, es ist jetzt 30 Jahre her seit dem Höhepunkt der RAF-Attentate. Christian Klar, einer der zu lebens­langer Haft Verurteilten, hatte ein Gnadengesuch eingereicht. Gnade kann der Bundespräsi­dent nach freiem Ermessen gewähren oder verweigern. Köhler hat abgelehnt; was nichts daran änderte, dass Klar in wenigen Monaten durch Richterspruch freikommen wird. Die Richter hatten geurteilt, dass er keine Gefahr für die Allgemeinheit mehr darstelle.

Trotzdem, oder deshalb, kochten die Emotionen noch einmal hoch. Darf man Leuten verge­ben, die Mord und Entführung zum Handlungsprinzip erhoben und dabei den Tod Unbeteiligter in Kauf genommen haben? Auf heutige Verhältnisse übertragen: Darf man Terroristen verge­ben? Was ist mit dem Recht der Hinterbliebenen auf Gerechtigkeit?

Ich denke, man muss trennen zwischen der Tat und dem Täter. Mord und Entführung sind als Taten nicht zu vergeben, sie müssen bestraft werden, selbst wenn der Täter bereut. Doch auch ein dreifacher Mörder bleibt ein Mensch, dem wir das Recht zugestehen müssen, sich zu ändern und diese Änderung umzusetzen in ein geändertes Leben. Das gehört zu der vom Grundgesetz garantierten Würde des Menschen. Und hier berühren sich Politik und Religion. Denn genau das bedeutet Vergebung: dass wir dem »Schuldiger« ermöglichen, noch einmal neu zu beginnen.

Brigitte Hoffmann, aus einer Saal-Ansprache in der Tempelgemeinde Stuttgart am 9. Sep­tem­ber 2007

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Gedanken zu Genesis 3

Die Verfasser der Schöpfungsgeschichte und der Beschreibung des Garten Edens waren in mehrerer Hinsicht weise Menschen. Sie haben die Entwicklung des Lebens in Stufen geschil­dert, die z.T. mit heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen von der Entwicklung des Lebens übereinstimmen.

Das Buch Genesis »verarbeitet« älteste Überlieferungen von Menschen des Orients über die Urgeschichte der Menschheit. Es wählt davon Ereignisse aus, die für die Menschheitsge­schichte charakteristisch sind. So wird gerade in der Geschichte vom Verlust des Paradieses sehr deutlich, dass diese Verfasser von der Macht psychischer Beeinflussung des Individuums durch negative Strömungen wussten und vor dieser Gefahr warnten. Sie erkannten, wie die menschliche Psyche veranlagt ist, und welche starke Wirkung der Egoismus auf den Einzel­nen in seinem Handeln hat. Das wird sehr schnell deutlich, wenn man unter diesem Gesichts­punkt die ersten Kapitel der Genesis betrachtet.

Gott setzt den Menschen in den Garten Eden, in einen paradiesischen Garten, wo der Mensch in voller göttlicher Harmonie mit sich und der Natur lebt. Nur ein Gebot wird dem Men­schen abverlangt: nicht von dem Baum der Erkenntnis zu essen, sonst werde er sterben. Es ist aber die Schlange, die hier sinnbildlich als negative Kraft auftritt und dem Menschen sugge­riert, dass er nicht sterben werde, wenn er von diesen Früchten esse, sondern der Verzehr ihn klug und gottgleich mache. Diese suggerierende Macht der Worte ist so stark, dass trotz des Verbots die Versuchung und Verlockung so stark wird, weil diese Gedanken das Ego des Men­schen treffen: » ...da sah die Frau, dass es köstlich wäre von dem Baum zu essen.«(Genesis 3,4f).

Ein zweites Beispiel für die Warnung vor der Gefahr des Ego folgt gleich im nächsten Kapi­tel in der Geschichte von Kain und Abel. Dort wird geschildert, wie der egoistische Neid Kain überwältigt und blind für die Wirklichkeit macht: » ... es überlief Kain ganz heiß und sein Blick senkte sich ...« (Genesis 4,5). So verliert er vollständig die Kontrolle über seine Emotionen, was zum Brudermord führt. Dabei gab Gott Kain die Chance, diese Gefahr zu erkennen und sie zu überwinden, wenn es heißt, dass Kain gewarnt wird, der Dämon (hier Bild für das Ego) lauere, habe es auf ihn abgesehen » ... doch du werde Herr über ihn!« (Genesis 4,7)

Wie stark und alt die Erkenntnisse über die Labilität der menschlichen Psyche sind! Und gleichzeitig hilfreich! Sie können Hilfe sein, schneller aufmerksam auf diesen »Dämon« zu werden, dieser leisen verführerischen Stimme in meinem Ohr und ihr zu wehren.

Wolfgang Blaich

Leitbilder

Meine Enkel besuchen das Albert-Schweitzer-Gymnasium in Gundelfingen. Wir haben eine Martin-Luther-Allee - aber auch eine Lüderitz-Straße, der Hindenburgplatz in Hersfeld wurde umbenannt in Theodor-Heuß-Platz. Korntal hat das Kinderheim Hoffmann-Haus und einen Au­guste-Supper-Weg. In München gibt es eine Lothar-von-Trotha-Straße. Karl-Marx-Stadt wurde wieder Chemnitz. Ich habe einen älteren Bruder Adolf (1943), und ich heiße Martin (1945).

Germanys next Topmodel, Deutschland sucht den Superstar. Mutter Teresa, Nelson Mande­la, Mahatma Gandhi, Richard Branson. In der Rangliste der Leitbilder der Deutschen (Stern 2003) kommt Jesus auf Platz 10, gefolgt von Günther Jauch auf Platz 11. Bonhoeffer rangiert auf Platz 56, gefolgt von Uwe Seeler auf Platz 57. George W. Bush kommt auf Platz 197, da­nach Adolf Hitler auf Platz 198.

Für Unternehmen wird meistens der Begriff Leitbild verwendet, für den Einzelnen der Begriff Vorbild. Mit einem Leitbild werden die Werte und Normen, die in einer Einrichtung gelten sol­len, ausdrücklich formuliert. Unternehmen geben sich Mühe, ihre »Philosophie« als Qualitäts­darstellung so zu formulieren, dass sie ihre beste Absicht dokumentiert. Die Leitbilder sind dabei mehr eine Frage der Wirkung nach außen und wahrscheinlich weniger eine Garantie für die Wirkung auf die Mitarbeiter. So hat z.B. Amazon Leitbilder für alle Bereiche, u.a.: »Amazon investiert nicht nur geschäftlich in Deutschland, sondern übernimmt hier auch gesellschaftliche Verantwortung. Das Unternehmen fördert das soziale Engagement der eigenen Mitarbeiter und verwendet seine Expertise und Infrastrukturen für soziale Zwecke...«

Oder Kärcher (Hersteller von Reinigungsgeräten in Winnenden) schreibt: »Das Unterneh­mensleitbild ist verbindlich und prägt alle unsere Aktivitäten und Vorhaben nach innen und au­ßen. Es kann aber nur seinen Zweck erfüllen, wenn es unser Denken und Handeln bestimmt, wenn wir es täglich »lebendig« werden lassen.... Wir achten in allen Ländern die jeweiligen Werte und Normen, die Menschenrechte sowie die rechtlichen und sozialen Ordnungen im Sinne eines Good Citizen.«

Die Bundeszentrale für politische Bildung: »Werte und Normen von Gerechtigkeit bün­deln sich in Leitbildern von der zukünftigen Gestalt der Gesellschaft, welche (partei-)politische und zivilgesellschaftliche Akteure im weiteren Sinne formulieren. Leitbilder sind stets Verände­rungsprozessen unterworfen und beeinflussen bzw. überformen sich gegenseitig. Sie haben den Anspruch, Visionen eines erstrebenswerten Zustandes zu beschreiben.« Ein solches Leit­bild wurde formuliert im »Leitbild aktivierender Sozialstaat«: »Hatte schon der Christdemokrat Helmut Kohl ... moniert, ein moderner Sozialstaat lasse sich nicht als »kollektiver Freizeitpark« organisieren, wandte sich sein sozialdemokratischer Nachfolger Gerhard Schröder ... mit der Feststellung, es gebe »kein Recht auf Faulheit«, ebenfalls gegen vermeintlich zu üppig ausge­staltete staatliche Sozialleistungen. Er bewertete den bisherigen Druck zur Arbeitsaufnahme als zu gering und betonte die Eigenverantwortung und die Verpflichtungen des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft.« Heute sind die Parteien dabei, dieses Leitbild zu modifizieren oder (besser) ganz abzulehnen.

Hier das Leitbild der Evangelischen Diakonie:

»Damit Leben gelingt ...

Das Leitbild der Diakonie will Orientierung geben, Profil zeigen, Wege in die Zukunft weisen.

Wir in der Diakonie sagen damit, wer wir sind, was wir tun und warum wir es tun.

Mit dem Leitbild beschreiben wir, wie Diakonie ist, und mehr noch, wie sie sein kann.

Ob diese Diakonie von morgen Wirklichkeit wird, hängt von unserer Bereitschaft ab, das Leitbild gemeinsam mit Leben zu erfüllen.

Wir nehmen uns vor, das Leitbild in unserer täglichen Arbeit vorzuleben, es verbindlich und überprüfbar zu machen.

Wir orientieren unser Handeln an der Bibel.

Wir achten die Würde jedes Menschen.

Wir leisten Hilfe und verschaffen Gehör.

Wir sind aus einer lebendigen Tradition innovativ.

Wir sind eine Dienstgemeinschaft von Frauen und Männern im Haupt- und Ehrenamt.

Wir sind dort, wo uns Menschen brauchen.

Wir sind Kirche.

Wir setzen uns ein für das Leben in der Einen Welt.

Wir verstehen das Leitbild als Selbstverpflichtung.

Das Kronenkreuz ist unser Zeichen.«

Für die TGD habe ich ein ausformuliertes »Leitbild« unter dieser Überschrift nicht gefunden, aber es ist in vielen Dokumenten und Veröffentlichungen formuliert:

»Die Mitglieder ... haben an den Grundgedanken der Gründer ebenso festgehalten wie an deren Losungswort »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit«. Heute wie damals bedeutet Christentum für sie das Bemühen - bei aller menschlichen Unzu­länglichkeit - ein Leben nach der Lehre und dem Vorbild Jesu von Nazareth zu führen: im Vertrauen auf Gott, in der Liebe zum Nächsten, in der Verantwortung für die Welt und in der Verpflichtung, sich für das Gottesreich der Liebe und der Güte unter den Menschen einzuset­zen. Sie fühlen sich mit all denen verbunden, die in diesen Zielen ebenfalls ihre Lebensauf­gabe sehen.« (Aus Spuren des Tempels 4/2015 S.16)

Abgesehen vom Leitbild einer Organisation sind Leitbilder für Einzelne schwieriger zu fin­den. Das ist eigentlich erstaunlich, als wären Leitbilder für Organisationen einfacher zu formu­lieren und länger die Zeit überdauernd („ ... an den Grundgedanken der Gründer ebenso fest­gehalten« s.o.)? Dabei sind Leitbilder weder allgemein gültig, noch überzeitlich oder für alle Menschen und Altersstufen gleich. Leitbilder sind immer umstritten, auch wenn sie noch so allgemeingültig beschrieben werden. Hochgeachtete Leitbilder für eine*n, können als abschre­ckend oder gar böse von anderen angesehen werden. Und Leitbilder von heute können mor­gen abgelehnt werden.

Und das sollte für Organisationen nicht gelten? Vielleicht liegt es eher daran, dass die Leit­bilder von Organisationen unverbindlicher sind, auch wenn sie noch so verbindlich aussehen (sollen)? Was heißt das für uns als Mitglieder? Wer würde von sich sagen können, er führe sein Leben nach dem Vorbild Jesus von Nazareth? Immerhin geht es um »das Bemühen - bei aller menschlichen Unzulänglichkeit -«. Da atmet man auf, gut, wie im Arbeits-Zeugnis: „ ... hat sich bemüht«? Ich finde es entlastend, dass dieses »Bemühen« ernst gemeint und so genannt wird. Aber selbst als »Bemühung« scheint mir das »Leben Jesus« als Vorbild hoch gegriffen. Vielleicht zu hoch?

Leitbilder von Einzelnen sind nicht nur zwischen den Einzelnen unterschiedlich, sondern sie sind auch noch für Einzelne in verschiedenen Bereichen sehr unterschiedlich. So ist das Leit­bild für meine Art zu sprechen ein anderes als für meine finanziellen Entscheidungen, oder mein Vorbild für die Entscheidung einer Ausbildung ist ein anderes als für die Wahl meiner Lieblingsbeschäftigung. Sicher ist es ganz selten und ungewöhnlich, dass Menschen ein Leit­bild für sich finden, das in allen Bereichen gleich bedeutend wäre.

Findet jemand ein Leitbild nach freier Suche und unabhängiger Entscheidung? Ist es nicht viel mehr so, dass sein Leitbild von seinen Bezugsgruppen mit entschieden wird? Zunächst sind die Bezugspersonen (meistens die Eltern) die Leitbilder, nach denen das Kind strebt, aber es ist später oft auch genau das Gegenteil - allerdings weiterhin beeinflusst von den Identifizie­rungsobjekten der frühen Kindheit.

Die Sozialwissenschaften beschäftigen sich mit der Entstehung und Bedeutung von Vorbil­dern und haben mit je unterschiedlichen Schwerpunkten das Lernen am Modell als wesent­liches Moment erkannt. Die Wahl eines Modells wird dabei nicht als »frei« beschrieben, sondern als abhängig von vielen Variablen, die weit außerhalb des Entscheidungsspielraums derer sind, die letztlich das Modell »wählen«. Da sind Bedürfnisse nach etwas - aber auch gegen etwas, Anlehnungsbedürfnisse und Abwehrmechanismen, die auch im Unterbewussten Teil der Entscheidungen sind. Die sozialen Bezüge spielen dabei eine zentrale Rolle: Erfolg, Misserfolg des Modells, Anerkennung oder Ablehnung des Modells. Modelle sind die rele­vanten Anderen.

In der Tiefenpsychologie wird Vorbild gesehen als ein Prozess der Identifizierung, bei der das eigene Ich dem Ich des Vorbilds angeglichen wird. In der frühen Kindheit sind die Eltern die Identifizierungsobjekte, die unreflektiert nachgeahmt werden. In der Pubertät werden die Eltern realistischer wahrgenommen. Nach einem schmerzlichen Ablösungsprozess orientieren sich Jugendliche stärker an alternativen Vorbildern, die nun mehr oder weniger selbst gewählt werden können.

Die Lernpsychologen sehen drei verschiedene Lerneffekte innerhalb des Modelllernens: Be­obachtende erwerben neue Verhaltensweisen, durch Beobachtung des Modells wird bereits vorhandenes Verhalten enthemmt oder gehemmt, und bereits vorhandene Verhaltensweisen werden ausgelöst. Die Attraktivität von Vorbildern/Modellen hängt ab von möglichst hohem An­sehen des Leitbildes und von dessen Erfolg.

In der Sozialpsychologie werden Vorbilder als Rollenmodelle verstanden, die als Muster für spezifische Rollen übernommen werden.

In der Erziehung gilt Modelllernen - neben positiver Verstärkung - heute als Basis elterlicher und institutioneller Erziehung.

Das ist eigentlich nichts Neues: In der Erziehung ist Vorbild alles, davon bin ich zutiefst überzeugt. Und je weniger es »Absicht« ist, desto nachhaltiger wirkt es.

Und damit ist nicht (nur) an »gutes Benehmen« gedacht, sondern an das gesamte Leben mit meinen Kindern, das hoffentlich ganz und gar ehrlich ist, nicht »pädagogisch« eingetütet oder aufbereitet. Wo liebende Eltern ganz sie selbst sind, passiert nichts Gefährliches. Aller­dings nur, wenn die Eltern voll des guten Willens sind in einer Welt, die ihnen diesen guten Willen ermöglicht und sie nicht verdächtigt werden (»kein Recht auf Faulheit«, gegen vermeint­lich zu üppig ausgestaltete staatliche Sozialleistungen). Eltern können ihrer Vorbildfunktion desto besser gerecht werden, je weniger sie sich Sorgen machen müssen, vor allem um das tägliche Auskommen.

Darum ist eine gerechtere Verteilung des Wohlstandes eben auch eine Frage für die Erzie­hung. Oder anders: Wo die Politik in Ordnung ist, muss man sich um die Erziehung weniger Sorgen machen!

Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben,

Und Sünd und Missetat vermeiden kann,

Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben,

Dann könnt ihr reden, damit fängt es an.

Ihr, die ihr euren Wanst und unsre Bravheit liebt,

Das eine wisset ein für allemal,

Wie ihr es immer dreht, und wie ihr’s immer schiebt,

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

Erst muss es möglich sein auch armen Leuten,

Vom grossen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.

Bertolt Brecht 1928

Dikussionsfragen:

Wie können wir als Eltern ehrliche Vorbilder sein? Überfordern wir Eltern, wenn wir das er­warten?

Wie kann ich stabiles Vorbild sein, wenn ich doch selbst unsicher bin? Werde ich noch im Angesicht des Todes sagen können: »Erwarten wir getrost, was kommen mag«? (Bon­hoeffer)

»Die Attraktivität von Vorbildern/Modellen hängt ab von möglichst hohem Ansehen des Leit­bildes und von dessen Erfolg.« Wenn das stimmt, hat Jesus schlechte Karten.

Reduziert sich die Frage nach der »richtigen« Erziehung auf die Frage nach den materiellen Grundlagen? (Gesundes Essen - gesunde Erziehung? Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral?)

Findet jemand ein Leitbild nach freier Suche und unabhängiger Entscheidung? Wie »frei«?

Wie kann die TGD helfen? Wer? Soll/kann/will sie (wer) das ?

Wer würde von sich sagen können, er führe sein Leben nach dem Vorbild Jesus von Naza­reth? »Welcher« Jesus von Nazareth? Was wissen wir, was glauben wir, was hoffen wir?

Martin Schreiber

BUCHVORSTELLUNG

Nichts muss beim Alten bleiben

Updates für Gläubige und Ungläubige, Josef Ising, 2020, tredition Verlag, Hamburg, 143 Sei­ten

Der Autor des Textes, den wir in der April-Ausgabe übernommen hatten (Dead lives matter), beleuchtet im vorliegenden Buch unterschiedliche Aspekte überlieferter Einstellungen und Standpunkte, an denen vonseiten der Kirchen strikt festgehalten wird. Der Autor ist allerdings der Meinung, dass nichts beim Alten bleibt, sich zeitbedingte Erkenntnisse nicht dauerhaft festhalten lassen können, sondern dass Denken und Erkennen einer Entwicklung unterliegen und dass Standpunkte und Glaubensüberzeugungen sich verändern können. So stellt er sei­nen Ausführungen das Zitat von Fulbert Steffensky voran: »Nur eine Gruppe, die ihrer eigenen Endlichkeit zugestimmt hat, ist dialogfähig. Die Grundgefahr religiöser Systeme ist, dass sie sich nicht endlich denken können.«

Ising trägt eine Vielzahl von Anfragen zusammen (z.B.: Haben der unermessliche Kosmos und damit auch der Mensch ihren Ursprung in einem Schöpfungsakt?) und reißt ganz ver­schiedene Standpunkte an, aufgrund derer sich völlig unterschiedliche Antworten ergeben, zu­nächst einmal aus der Sicht von Gläubigen und von Ungläubigen. Er regt zu Perspektiven­wechsel an, dazu, die Wahrheitsansprüche zu hinterfragen, und fordert Dialogfähigkeit und To­leranz ein.

Dann wendet er sich christlichen Vorstellungen zu, diskutiert beispielsweise die Allmacht Gottes, konfessionelle Lehrunterschiede, das Gewaltverständnis. Bei etlichen Themen (Opfer­vorstellung, Bildersprache, fundamentalistisches Bibelverständnis, Weihnachts- und Osterlie­der, selbstsichere Aussagen über Gott und die Welt, Unverfügbarkeit Gottes, die Abendmahls­frage) vertritt er Positionen, die die unsrigen nur bestätigen.

Der »Glaubenssprache im Wandel« widmet er ein eigenes Kapitel und fordert diesen Wan­del auch ein, um das Verstehen in Glaubensdingen zu fördern. Im letzten Kapitel nimmt Ising die kirchlichen Hierarchien und Titel aufs Korn und setzt diese in Bezug zu Jesu Auffassung vom Dienen unter Brüdern. Er macht es vollends klar, wenn er schreibt: »Mit der Person Jesu selbst sind solche Ehrenbezeichnungen nicht vorstellbar: Ihre Eminenz Jesus von Nazareth, Ihre Heiligkeit oder gar Heiliger Vater

Die einzelnen Kapitel werden durch lyrische Texte voneinander getrennt und sollen zu einer anderen Form des Nachdenkens einladen.

Überhaupt verstehe ich das Büchlein durch die Zusammenstellung der großen Vielzahl von Aspekten und Zusammenhängen hauptsächlich als Impulsgeber zum eigenen Nachdenken.

Karin Klingbeil

Geh aus mein Herz und suche Freud ...

Vor dem Frühstück machen wir uns jeden Tag auf den Weg - Gassi gehen, Bruno und ich. Alt ist er inzwischen, mein großer Hund, darum geht alles etwas langsamer. Was wir früher in einer Stunde bewältigt haben, dauert jetzt eineinhalb oder gar zwei. Gemütlich eben geht’s durch die Hohenecker Weinberge und Gärten. Schön, dass mir das Zeit gibt, all die kleinen und großen Veränderungen entlang unserer Strecke zu betrachten. So viele kleine Wunder ...

Den ganzen Winter über blühten Unmengen der kleinen Ackerringelblumen unterhalb der Burg. Wie kleine Sonnen strahlten sie auch noch im Schnee. Narzissen und die Tulipan - inzwischen verwelkt und die weißen Blüten der Obstbäume haben dem satten Grün der Blätter Platz gemacht.

Die Wiesen haben ihr Sommerkleid angezogen. Kinnhoch wiegen sich die verschiedenen Gräser im Wind. Dazwischen bunte Farbtupfer: wilde Wicken, roter und gelber Klee, Wege­riche mit ihren gefiederten Köpfchen, Felder von Klatschmohn, Butterblumen und, und, und.

Die alten Kopfweiden mit ihren ausgehöhlten, knorrigen Stämmen, gerade noch kahl ge­schoren, zeigen sie uns jetzt ihre biegsame Haarpracht.

In den Hohlräumen der Trockenmauern konnte man noch vor kurzem erst kleine Trieb­spitzen erkennen. In wenigen Tagen wurden daraus Stauden von Löwenmäulchen, von gelb über rosa bis hin zu einem herrlichen Purpurrot erfreuen sie Herz und Auge.

Auch wenn uns die Sonne nicht lacht und der Himmel weint, erfüllen mich diese Herrlich­keiten mit unglaublicher Freude und Dankbarkeit. Dankbarkeit darüber, dass ich gerade hier am Neckar leben darf, dass uns nicht nur die Natur mit ihrer Fülle verwöhnt. Und dann singt es in mir so manches Mal »Geh aus, mein Herz und suche Freud« oder auch »Danke für diesen guten Morgen«.

Hannelore Oetinger

AUS DEM ARCHIV

Die »Persien-Deutschen« im Zweiten Weltkrieg

Mehr als eine Fußnote der Geschichte

Das Schicksal der Palästina-Deutschen im Zweiten Weltkrieg ist uns wohlvertraut und in zahl­reichen Lebenserinnerungen von Templern festgehalten worden: Mit dem Ausbruch des Zwei­ten Weltkriegs wurden die Deutschen im britischen Mandatsgebiet Palästina zu Kriegsgegnern erklärt; einige Templersiedlungen wurden zu Internierungslagern. Im Juli 1941, also vor genau 80 Jahren, wurden dann 665 Personen - Templer und Nichttempler - zusammengetrieben und mit dem zum Truppentransporter umgebauten Passagierschiff Queen Elizabeth nach Austra­lien deportiert. Dort kamen sie am 24. August in Sydney an und wurden in das Lager 3 bei Tatura (Victoria) gebracht, wo sie erst nach fünf Jahren oder noch später entlassen wurden. Zwischenzeitlich wurden 1943 die alleinstehenden Männer ab 18 Jahren in das Lager Loveday in Südaustralien verlegt. Nach der Entlassung haben viele der Palästinadeutschen Australien zur neuen Heimat erwählt.

Dass es damals eine fast parallele Entwicklung in anderen Weltgegenden gab, ist nahezu unbekannt. Wir verdanken die hier dargestellten Erkenntnisse Doris Frank vom Archiv der TSA, die an einem Projekt über »Deutsche Zivilisten in Persien wäh­rend des Zweiten Weltkriegs und deren Schicksal in australi­schen Internierungslagern« mitgewirkt hat, das von einem per­sischstämmigen Sozialanthropologen der Western Sydney Uni­versity initiiert wurde. Projektteilnehmer waren Nachkommen jener deutschen Zivilisten, die bei der Besetzung des Iran durch englische und sowjetrussische Truppen im August 1941 festge­setzt worden waren. Zu diesen Nachkommen zählt auch Doris Frank geb. Böhmer. Ihr Vater Lothar Böhmer, geboren 1921 in Zwickau, absolvierte entsprechend der Familientradition zu­nächst eine Bäckerlehre und heuerte im Juni 1939 bei der Hansa-Reederei in Bremen auf dem Frachter »Sturmfels« als Koch und Bäcker an, weil er etwas von der Welt sehen wollte. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs saß dieses Schiff zusam­men mit anderen deutschen und italienischen Schiffen im Hafen von Bandar Schapur im Persi­schen Golf fest, am Rande der Wüste, nicht gerade der beste Ort für einen Zwischenstopp, der schließlich zwei Jahre dauern sollte. Immerhin hatten die Besatzungsmitglieder Gelegenheit, Reisen im Land zu unternehmen, zum Beispiel nach Teheran, wo sie bei deutschen Familien untergebracht wurden.

Die deutschen Handelsschiffe »Sturmfels« und »Hohenfels« im Persischen Golf,
 1941 (Foto: Privat)
Foto: Privat

Zur Vorgeschichte muss man wissen, dass der Iran oder Persien, wie das Land vor 1935 überwie­gend genannt wurde, unter dem seit 1925 regieren­den Reza Schah Pahlavi umfassend modernisiert wurde; zugleich wurde der Einfluss der Briten und Russen zurückgedrängt. Der Schah hoffte, durch eine verstärkte Zusammenarbeit mit dem Deut­schen Reich die Unabhängigkeit des Landes zu bewahren. Dementsprechend vervielfachte sich vor dem Krieg der Handel mit Deutschland zu Lasten Großbritanniens und der Sowjetunion. Zahlreiche deutsche Wissenschaftler und Techniker wurden ins Land geholt; viele Infrastrukturprojekte wurden mit deutscher Hilfe begonnen, so etwa der Bau der Transiranischen Eisenbahn, die das Kaspische Meer mit dem Persischen Golf verbinden sollte. Auch der Teheraner Hauptbahnhof, mehrere Ministerien und die Universität wurden zusammen mit den Deutschen geplant und realisiert. Viele Bildungseinrichtungen wurden mit deutscher Expertise geschaffen. Die großen deutschen Industriekonzerne hatten Repräsen­tanzen im Lande. Man schätzt, dass vor dem Zweiten Weltkrieg etwa 2000 deutsche Staatsangehörige im Iran lebten und arbeiteten. Als die Wehrmacht auf Hitlers Befehl im Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, konnte der Iran seine Neutralität gegenüber den kriegführenden Mächten nicht mehr behaupten und wurde im August 1941 von britischen und sowjetischen Truppen besetzt. Der Schah wurde ultimativ aufgefordert, die noch im Land befindlichen deutschen Techniker und Ingenieure auszuweisen. Einen Monat später wurde der Schah zudem gezwungen, zu Gunsten seines Sohnes Mohammed Reza Pahlevi auf den Pfauenthron zu verzichten und ins Exil zu gehen.

Im Zuge der Invasion des Iran wurden auch die italienischen und deutschen Schiffe im Hafen von Bandar Schapur von britischen Truppen angegriffen. Die überlebenden Seeleute, darunter auch Lothar Böhmer, wurden in ein Internierungslager in Basra (Irak) gebracht, wo sie auf zahlreiche Deutsche trafen, die ebenfalls gefangen genommen worden waren. Parallel dazu wurden andere Deutsche und Angehörige der Achsenmächte in einem Lager bei Teheran festgehalten. Hier wurden die meisten Frauen und Kinder, etwa 400 an der Zahl, von den Männern getrennt und in einem riesigen Fahrzeugkonvoi aus dem Land geschafft und schließlich über die Türkei, Ungarn und Österreich nach Deutschland abgeschoben, wo sie zu ihren Familien und Freunden weiterreisen konnten. Eine Gruppe von 60 verbliebenen Männern wurde von den Sowjets zwecks Befragung mitgenommen - von den meisten hat man nie mehr etwas gehört, einige konnten erst 1955 zu ihren Familien zurückkehren.

Nach einigen Wochen im Lager von Basra wurden fast 500 männliche Gefangene plus sechs Familien, drei davon mit Kindern, unter unerfreulichen Umständen nach Bombay ver­schifft und sodann auf einem neuseeländischen Truppentransporter nach Australien deportiert. Die Gruppe umfasste auch 50 deutsche Seeleute, die im Persischen Golf gefangen genom­men worden waren. Nach ihrer Ankunft in Adelaide am 19. November 1941 wurden fast 500 Männer in das Internierungslager Loveday in Südaustralien gebracht. Die Seeleute wurden - wie ihre im Iran festgenommenen Landsleute - zunächst als »feindliche Fremde« eingestuft, sechs Monate später aber als Kriegsgefangene in das Kriegsgefangenenlager Murchison bei Tatura verlegt, wo sie auf gefangene deutsche Soldaten und Seeleute von weltweit aufge­brachten deutschen Schiffen trafen. Die Gruppe der Familien kam in das Lager 3 bei Tatura, wo auch die Templer aus Palästina interniert waren. Zwischen den Inhaftierten entwickelten sich intensive Freundschaften, die teilweise ein Leben lang hielten.

Sowohl im Lager Loveday als auch in den Lagern von Tatura gab es verschiedene Möglich­keiten der Aus- und Fortbildung. Dank hochqualifizierter - ebenfalls internierter - Lehrkräfte konnten beispielsweise über 30 Templer ihre Abiturprüfung ablegen, die sie später zum Studium an einer deutschen Universität berechtigten; einige schafften nach ihrer Entlassung auch den Sprung an eine australische Hochschule. Doris Frank hat im Rahmen des Ge­schichtsprojekts Kurzbiographien über die damaligen Lehrer und andere Internierte mit Verbin­dung zu Templern verfasst, zu nennen wären außer ihrem Vater hier etwa Friedrich Herrmann, Heinrich Lange, Gerhard Schulz und Emil Thaler.

Lothar Böhmer konnte zum Glück den langweiligen Alltag im Lager kurzweilig gestalten; er arbeitete in der Küche und bereitete Mahlzeiten für 500 Männer vor. Nach fünf Jahren hinter Stacheldraht wurde er im Januar 1947 freigelassen und blieb in Australien. Er schlug sich mit verschiedenen Jobs durch; auf einer Arbeitsstelle, also nicht in der Internierung, lernte er seine spätere Frau Irene Beilharz (1926-1990) kennen, die mit 14 Jahren von Palästina nach Austra­lien deportiert worden war und fünf Jahre Internierungszeit im Lager 3 bei Tatura verbracht hatte. Sie heirateten 1949 und bekamen vier Kinder. Lothar trat der TSA nach der Hochzeit bei, vergaß aber nie seine Wurzeln in der evangelischen Kirche. Erst 1979 konnte er seine Geburtsstadt Zwickau wieder besuchen. 2005 bezog er eine Wohneinheit im TTHA, wo er 2011 starb.

Jörg Klingbeil

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