Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 177/4 - April 2021

 

 

Wege zu einem lebendigen Osterglauben - Rudolf Daur

»Und vergib uns unsere Schuld« - Peter Lange

Besinnung auf das Wesentliche in Zeiten des Corona-Virus - Kurt Bangert

dead lives matter - Josef Ising

Zum Gedenken der Verstorbenen - Karin Klingbeil

Sonderrechte für Geimpfte? - Jörg Klingbeil

Grundeinkommen - was kann sich dadurch ändern? - Hannelore Oetinger

Wege zu einem lebendigen Osterglauben

Predigt zu 1. Korinther 15,19-28

Ostern, das Urfest der Kirche, einst ein Tag voll Jubel, voll Glanz und Klang, ist zur Verlegen­heit, zum Zankapfel der Christenheit, der Theologen und der Laien geworden. Muss das so sein? Muss es so bleiben? Ich glaube, an dieser Frage hängt nicht nur die Osterfeier, vielmehr die Zukunft des ganzen Christentums und der Kirche, ja vielleicht die Zukunft der mensch­lichen Kultur. Es ist, wie immer wir denken mögen, etwas dran, wenn Paulus sagt: »Ist Chris­tus nicht auferstanden, so ist auch euer Glaube eitel!« Mit der Ostergewissheit steht und fällt unser Glaube, unsere Hoffnung, der Sinn unseres Daseins.

Ostern, das Urfest der Kirche, sagte ich. Das ist ein großes Wort, das ich wohl begründen muss. Zunächst also einiges zur Erinnerung an die Geschichte dieses Festes: Zweifellos war es in seinen Ursprüngen reines Naturfest. Was der Anbruch des Frühlings für die Menschen des Altertums bedeutete, können wir nach diesem langen, harten Winter besonders nachfüh­len. Für jene Zeit, in der es noch keine Zentralheizungen, keine asphaltierten Straßen gab, wo man im Winter bitter fror und durch Schnee und Schlamm waten musste, war es geradezu eine Erlösung, wenn es wieder wahr wurde: »Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick. Im Tale grünet Hoffnungsglück!« Ob es nun eine Göttin Ostera gab oder nicht, das heißt die Verehrung einer solchen, von der das Fest in deutschen Landen seinen Namen hätte, so ist darüber kein Zweifel, dass Ostern zunächst im Osten wie im Westen und im Norden ein reines Naturfest war. Die äußeren Zeichen, mit denen wir noch heute Ostern feiern, die Hasen, die Eier weisen eindeutig auf ein Fest des Frühlings, der wiederkehrenden Fruchtbarkeit der Erde hin.

Aber dieses Frühlingsfest wurde erhöht und durchgeistigt. Schon im alten Israel. Dort wurde es zum Tag der Erinnerung an die Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft und das Wer­den des Volkes. Und wiederum bekam das Fest einen neuen Inhalt, eine neue Würde durch die Botschaft von der Auferstehung des Christus an diesem Tag. Diese brachte ja den wahren Frühling der Menschheit, den Sieg über den Tod. Und nun klang beides zusammen, Frühlings­freude und Auferstehungsjubel: »Die ganze Welt, Herr Jesu Christ, zu deiner Urständ fröhlich ist.«

Man sollte, so meine ich, diese Einheit nicht auseinanderreißen, weder so, dass man nur an den Osterurlaub denkt, noch so, dass man übergeistig und übergeistlich Natur und Lenz gering achtet, um (nur) die Auferstehung Jesu Christi zu feiern. Frühlingswehen und Auferste­hen, dies Neben- und Ineinander, ist eben kein Zufall, oder doch Zu-Fall im tiefsten Sinne des Wortes, dass das zueinander fällt, was zueinander gehört. Eben dies Miteinander hat ja dem Fest seinen Glanz und seinen Klang gegeben.

Aber ist dieser Glanz nicht verblasst, dieser Klang nicht sehr dünn und unsicher geworden? Ostern ist, so sagte ich, zur Verlegenheit, zum Zankapfel der Christenheit geworden. Es kann heute passieren, dass auf derselben Kanzel am Osterfest der Pfarrer über die Auferstehung Jesu Christi, über deren Bedeutung für unser Leben, für unsere Hoffnung über Tod und Grab hinaus predigt, dass aber am Ostermontag ein anderer Pfarrer einen völlig anderen Ton an­schlägt, dass er die Erzählungen vom leeren Grab, von den Erscheinungen des Auferstande­nen und so weiter, für fromme Legende erklärt. Ist es nicht sehr begreiflich, wenn die Hörer dann sagen: »Was soll man da noch glauben?«

Aber so ist nun einmal die Lage. Die einen sagen: »Der Herr ist auferstanden! Er ist wahr­haftig auferstanden! Das Grab war leer. Er ist gen Himmel gefahren und wird wiederkommen an seinem großen Tag. So steht’s geschrieben in der Heiligen Schrift, so haben’s unsere Väter geglaubt; daran halten wir fest. Kein anderes Evangelium!« Die andern erwidern: »Diese Osterberichte des Neuen Testaments setzen Vorstellungen voraus, die in das antike Weltbild gehören. Sie geben Mythen wieder, in denen sich gewiss tiefe Wahrheiten aussprechen, bei denen es sich aber nicht um geschichtliche Ereignisse handelt. Auch in anderen Völkern und Religionen sprach man von einem gestorbenen und wiedererstandenen Gottmenschen. Dieser Mythos ist von den Anhängern Jesu auf ihn übertragen worden. Was sich um ihn rankte als bunter Legendenkranz, ist auch in sich widerspruchsvoll. Gewiss, es zeigt die Liebe und Verehrung, die dieser Mann aus Nazareth genoss. Aber geschichtliche Wirklichkeit ist das kaum. Auch an eine allgemeine Auferstehung der Toten an einem fernen Jüngsten Tag, dem Tag eines großen Gerichts, mochten wohl die Menschen des Altertums glauben, als die Welt noch klein und die Zahl der bereits Verstorbenen noch einigermaßen übersehbar war. Aber wenn wir an die Milliarden und Abermilliarden denken, die seitdem gelebt haben, die jetzt leben und weiter leben werden, dann sind uns solche Vorstellungen unmöglich geworden. Der alte Mythos muss entmythologisiert, sein Wahrheitsgehalt getrennt werden von den zeitgebun­denen Vorstellungen.«

So die einen, so die andern. Auf beiden Seiten stehen Menschen, denen es um die Wahr­heit und um echte, sturmfeste Frömmigkeit zu tun ist.

Auf welche Seite sollen wir uns schlagen? Einen Mittelweg gibt es offenbar nicht. Entweder ist Jesus auferstanden oder eben nicht, entweder werden wir einmal auferstehen oder ist es mit dem Tod aus. Es gibt kein Drittes.

Müssen wir uns da eben entscheiden? Entweder: »Ich halte es mit dem Glauben der Väter. Ihr mögt sagen, was ihr wollt. Ich will die Augen schließen und glauben blind.« Oder: »Ich halte es mit der modernen kritischen Wissenschaft. Mir steht die Wahrheit höher als alle schöne Tradition. Wenn Gott überhaupt ist, dann sicher auf Seiten der Wahrhaftigen.«

Die beiden Wege sind falsch. Der eine führt so wenig zur Wahrheit, zum inneren Frieden, wie der andere. Einen Mittelweg gibt es, wie gesagt, nicht. Wohl aber gibt es einen Höhenweg, der hinausführt über die beiden Fronten, sie aufhebend im dreifachen Sinn dieses vieldeutigen Wortes: das, was in ihnen richtig ist, bewahrend, das Verkehrte verneinend, und beide empor­hebend auf eine neue Höhe. Das ist der Osterweg, den Paulus zeigt, den die Jünger gegan­gen waren, den er selbst geführt worden war: der einzige, der zur Gewissheit, zu einem leben­digen Osterglauben führt.

Die Jünger haben keineswegs an Ostern »geglaubt«, also einfach angenommen, was ihnen die Frauen berichteten. Sie waren sehr kritisch. Denken wir vor allem an Thomas, der sich wei­gerte, zu glauben, was ihm von den anderen berichtet wurde. Er wollte selbst sehen, selbst spüren, selbst erfahren. Und so hat er, so haben sie die Wirklichkeit des Auferstandenen er­fahren. Das konnten sie aber nur, weil sie selbst durch ein großes, ganz persönliches Stirb und Werde hindurchgegangen waren. Wie jämmerlich hatten sie versagt, als ihr Meister gefangen­genommen und vor den Richter geführt wurde. Auseinandergestoben waren sie, verleugnet hatte ihn der, der so hoch geschworen hatte, er werde ihm unter allen Umständen die Treue halten. Als ihr Herr tot war, waren’s auch sie. Alle ihre Hoffnungen waren zerschlagen, der Bo­den unter ihren Füßen weggezogen. Nur noch Nacht und Grauen war um sie und in ihnen. Und da war’s geschehen, dass er ihnen begegnete, dass ihnen gewiss wurde: Er lebt, er hat Tod und Grab überwunden. Da hat er zu ihnen gesprochen: »Ich lebe, und ihr sollt auch le­ben!«

Und wie war’s bei Paulus gewesen? Ein frommer Jude, ein eifriger Anhänger der strengen, bibelgläubigen Gruppe der Pharisäer, ein Vorbild in allem Guten. Wie hat er diesen Mann aus Nazareth gehasst, der sich kümmerte, der die Sabbatgebote, die Reinigungsvorschriften unbe­kümmert übertrat, der mit Zöllnern und ähnlichem Volk freundschaftlich verkehrte. War er nicht die große Gefahr für den Fortbestand der Religion der Väter, und damit für den Fortbestand des Volkes? Wie hat er sich gefreut, als dieser »falsche Prophet« hingerichtet wurde. Aber er war aufs Neue und erst recht empört, als die Anhänger des Nazareners behaupteten, der sei auferstanden. Er war dabei gestanden, tief befriedigt, als einer dieser Anhänger gesteinigt worden war. Aber vielleicht ist es eben an jenem Tag gewesen, dass er innerlich unruhig wurde. Die Frage hatte ihn erfasst und nimmer losgelassen: Kann man wirklich so sterben für einen Wahn, wie dieser Stephanus gestorben ist? Ist am Ende doch etwas dran an dem, was die Jünger dieses Jesus sagen? Aber der innerlich unsicher gewordene Saulus geht nur umso leidenschaftlicher im Kampf vor gegen die Anhängerschaft des Ketzers aus Nazareth. Und da, so erzählt uns die Apostelgeschichte, ist’s geschehen vor den Toren von Damaskus, da hat er es erfahren: er ist nicht tot, er lebt. Er ruft auch mich, gerade mich. Ich soll, ich darf, ich will sein Werkzeug sein. Und damit hat ein neues Leben für ihn begonnen. »Ich lebe. Doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir!«

Das ist der Osterweg, die Ostererfahrung der Jünger, des Paulus. Es ist der einzige Weg zur Ostergewissheit, zur Osterfreude. An einen Weg aber glaubt man nicht, man kritisiert ihn auch nicht, sondern man geht ihn.

Auch wir müssen ihn gehen, wenn wir zur Klarheit, zur Gewissheit kommen wollen; müssen den Weg gehen durch das Stirb und Werde. Wir müssen unser Ich in den Tod geben, um zum neuen, zum wahren Leben zu kommen.

Um sein Ich in den Tod geben zu können, muss man freilich erst ein Ich haben, ein Ich sein. Ich meine nicht jenes kleine, geltungssüchtige, rechthaberische, empfindliche, armselige Ich. Ich meine Ich im schönsten, besten Sinn des Wortes, eine Persönlichkeit, frei und unabhängig. Wer einfach nach den Gewohnheiten und Vorschriften der Masse, der Mode lebt, wer eben tut, was man tut, denkt, was man denkt, glaubt, was man glaubt, der ist noch kein Ich im hohen Sinn dieses Wortes, noch kein freier, wesentlicher Mensch.

Dieser Jesus von Nazareth war, nach allem, was von ihm berichtet wird, ein solcher. Er ist ganz seinen eigenen Weg gegangen. Er hat sich von der Mutter, von der Familie gelöst. »Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder?« Er hat sich von den frommen, moralischen Tradi­tionen seines Volkes unabhängig gemacht, hat sich um den Spruch der hohen geistlichen Obrigkeit so wenig gekümmert wie um die Autorität des römischen Statthalters. Er war diesem entgegengetreten als ein Ebenbürtiger, als ein König, als der Überlegene. Und dieses Ich, dieses große, freie Ich hat er frei und willig in den Tod gegeben für die Sache Gottes, für die Brüder, in den schrecklichen Tod am Kreuz. »Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr sei zur Ehre Gottes, des Vaters.«

So hat er gesiegt. Wie das im Einzelnen war, was an äußeren Tatsachen geschehen oder nicht geschehen ist, was bildhafte Andeutung dessen ist, was eben mit prosaischen Worten nicht zu sagen ist, das werden weder die orthodoxen Pastoren noch die kritischen Professoren feststellen können. Dieses Stirb und Werde sprengt alle unsere Begriffe und Vorstellungen. Man kann es nur erfahren, ganz persönlich durch Ichwerden und Ichhingabe. »Und so lang du dies nicht hast, dieses Stirb und Werde, bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde«, mitsamt all deiner Frömmigkeit und mitsamt all deiner Wissenschaft. Wo das aber Wirklichkeit wird, dieses Ichwerden und diese Ichhingabe, da mag es auch für uns geschehen »am dritten Tag«, das heißt, wenn unsere Stunde, wenn Gottes Stunde gekommen ist, dass wir den Christus als den Lebendigen erfahren, dass auch wir es sagen können und dürfen: »Ich lebe. Doch nun nicht ich, sondern Christus selbst in mir!«

Dann sehen wir staunend, wie er sich als der Lebendige erwiesen hat in der Geschichte. Wie oft hat man ihn totgesagt, hat ihn eingesargt in dogmatische Fixierungen oder wissen­schaftliche Formulierungen, hat ihn verehrt als heilige Reliquie oder geachtet als große Per­sönlichkeit der Vergangenheit. Mit einem Mal stand er wieder da als der Lebendige, fragend, rufend, tröstend, beunruhigend, fordernd und unendlich reich beschenkend.

Aber nicht darauf kommt es an, dass wir staunend sehen, wie er das in der Vergangenheit tat. Das hieße schließlich doch am leeren Grab stehenbleiben. Und es bleibt bei dem Wort: »Er ist nicht hier; er ist auferstanden!« Dass er in uns lebendig wird, der Christus, der neue, der wahre Mensch, der Gottesmensch, das ist es, worauf es ankommt. Wenn das geschieht, dann sind wir befreit vom Streit der Meinungen, der orthodoxen wie der liberalen; befreit von der Furcht, unser Osterglaube könne uns durch neue Erkenntnisse geraubt werden, befreit auch von der Furcht vor unserem eigenen Tod. Wir spekulieren dann nicht über die Aufer­stehung der Toten und darüber, wann diese sein und was nachher kommen werde. Das alles kümmert uns nicht. Wir wissen und wissen es aus ganz persönlicher Erfahrung: »Jesus lebt, mit ihm auch ich! Tod, wo sind nun deine Schrecken? Er, er lebt, und wird auch mich von den Toten auferwecken!«

Dann ist Ostern wieder für uns das hohe Freudenfest, und wir stimmen in großer Dankbar­keit und Zuversicht mit ein in den österlichen Gesang: »Christ ist erstanden von der Marter alle. Des soll’n wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrie eleis.«

Und das ist eine ständige Wechselwirkung. Je freudiger wir mit einstimmen in das österliche Lob des Erstandenen, umso mehr wächst auch unsere Bereitschaft zur eigenen Hingabe an das Leben, im Dienst an den Brüdern, zumal den notleidenden. Und je entschlossener wir uns selbst hingeben, nicht in moralischen Anstrengungen, sondern im 0ffensein für das Leben, wie es kommt und was es von uns fordert, umso mehr wird die alte Osterbotschaft für uns be­glückende Wirklichkeit.

Wenn wir diesen Weg gingen, dann würde der Streit um Ostern verstummen. Dann fänden wir zusammen und würden miteinander die Botschaft von seiner Auferstehung hineintragen in eine Welt, die diese so nötig braucht, würden sie hineintragen als den großen Protest gegen allen Gewaltgeist und als die große Verheißung und Wegweisung, heraus aus der Verworren­heit und Ratlosigkeit unserer Tage.

Noch einmal: Nicht, was damals im Einzelnen geschehen oder nicht geschehen ist, ist das Wichtige, sondern was heute im Einzelnen geschieht an uns zuströmender Kraft des leben­digen Christus, an Tat der erlösenden Liebe. Gott schenke der Christenheit, der Welt, Gott schenke uns wahre, lebendige, fröhliche Ostern.

Rudolf Daur, Predigt in der Evangelischen Kirche Stuttgart-Sonnenberg, in »Freies Christen­tum« Nr. 4, 1972

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

»Und vergib uns unsere Schuld«

Bei dem wichtigen und gewichtigen Wort Jesu aus der Bergpredigt: »Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern« (Mt 6,12) müssen wir nicht lange danach fragen, wie wohl die Jünger Jesu es damals verstanden haben mögen. Diese fünfte Bitte des Vaterunser-Gebets ist uns heute genauso klar wie damals den Jüngern: als eine innere Prüfung, ob wir in unserem Alltag in irgendeiner Weise schuldig geworden sind und einer Vergebung bedürfen. Nach Ulrich von Hasselbach befinden sich die, die diese Vaterunser-Bitte sprechen, immer im Zustand von Schuld, denn Menschsein heißt gleichzeitig Schuldigsein. Wer könnte denn sagen, dass er niemandem etwas schuldig geblieben sei? Das kann auch ein junger Mensch schon früh im Leben fühlen. Dafür sorgen in der Regel seine Eltern, später Lehrer und Ausbilder oder Menschen seiner Umgebung. Trotzdem kommt es in der sozialen Umwelt allzu häufig vor, dass bei manchen ein solches Schuldbewusstsein fehlt oder dieses durch Gedankenlosigkeit, Rausch und Drogen überdeckt oder verdrängt wird.

Sicherlich wird jeder seine eigenen Erfahrungen damit haben, dass eine - nicht nur mone­täre - Schuld ihn derart drücken und belasten kann, dass die eigene Gesundheit darunter leidet. Er kann dann nicht mehr so richtig froh werden, solange ihm keine Vergebung widerfährt. Ich kann mich noch sehr gut an einen Tag vor vielen Jahren erinnern, an dem ich durch Achtlosigkeit mit meinem Auto einen Fußgänger beim Überqueren der Straße gestreift hatte. Ich sah zwar, dass er unverletzt war, doch habe ich danach ein »schlechtes Gewissen« gehabt, ob ich nicht hätte anhalten und mich um den Passanten kümmern sollen. Noch viele Tage litt ich damals unter diesem Gefühl. Ich wusste, ich war durch meine Unterlassung an einem Mitmenschen schuldig geworden.

Eine Entlastung können wir im Grunde nur dann erfahren, wenn uns eine Schuld auch wie­der vergeben wird. Dafür müssen wir aber unsererseits bereit sein, anderen eine an uns verur­sachte Schuld offen und ehrlich zu vergeben. Nur so kann sich bei uns und beim Mitmenschen wieder ein gesundes Wohlbefinden einstellen.

Im Vaterunser-Gebet bitten wir Gott, den Jesus »Vater« nennt, darum, uns von allen be­wussten und unbewussten Verfehlungen in unserem Leben durch seine Vergebung zu entlas­ten, damit unser inneres Gleichgewicht wieder hergestellt wird und wir froh und ausgeglichen leben können. Wir glauben, dass diese inner-seelische Ausgeglichenheit immer dann eintreten wird, wenn auch wir unsererseits dem anderen vergeben, der an uns schuldig geworden ist.

Peter Lange

Besinnung auf das Wesentliche in Zeiten des Corona-Virus

Viele sagen, dass wir uns in Krisenzeiten wieder auf das Wesentliche besinnen sollten. Die Corona-Pandemie hat die ganze Welt in eine Krise gestürzt. Anfangs hamsterten viele deswe­gen Nudeln und Toilettenpapier. Das war gar nicht einmal so abwegig, denn kaum etwas ist für unser Leben wichtiger als zu essen, zu verdauen und Überflüssiges auszuscheiden. Trinken ist mindestens ebenso wichtig; aber der wichtigste physikalische Vorgang ist doch das Luftholen. Nichts ist so elementar, so lebensnotwendig, aber in Zeiten des Corona-Virus auch so gefährdet wie das Atmen. Der Corona-Virus befällt die Lungen zuweilen so schwer, das für schwerkranke Patienten nur ein Beatmungsgerät das Überleben sichern kann. In vielen Teilen der Welt gibt es nicht genügend Beatmungsgeräte, sodass Tausende von Menschen an Atemnot und am Mangel von Versorgungsgeräten sterben. Wie viele Menschen sterben werden, ist von Land zu Land verschieden. Mehr als zweieinhalb Millionen Menschen weltweit sind bereits an oder mit dem Virus gestorben.

Angesichts solcher Bedrohungen ist es in der Tat gut, sich auf Wesentliches zu besinnen. Das fängt damit an, dass wir - wie das in östlichen Meditationen gerne geübt wird - bewusst atmen. Das Luftholen ist einige von wenigen Tätigkeiten, vielleicht die einzige Aktivität, die wir sowohl völlig unbewusst als auch sehr bewusst durchführen können. Wir atmen unaufhörlich, meist ohne diesem Vorgang unsere Aufmerksamkeit zu widmen. Umso wohler fühlt es sich an, wenn wir an der frischen Frühlingsluft ganz bewusst, vorsätzlich und gezielt gesteuert atmen: durch die Nase einatmen, Luft anhalten, durch den Mund wieder ausatmen, die Luft riechen, den Luftstrom spüren, die Atemwege mit Sauerstoff versorgen, sich seines Luftholens ganz bewusst werdend und dankbar dafür sein, dass uns dieses Atmen noch vergönnt ist. Dass uns das Leben noch vergönnt ist. Was uns oft so selbstverständlich erscheint, ist doch alles andere als selbstverständlich. Das Leben.

Das Leben. Was heißt Leben? Was bedeutet es, zu leben? In Zeiten wie diesen kommt Angst auf. Angst vor dem Ungewissen, Angst vor Krankheit, Angst vor dem Tod. Wer sich mit dem Tod intensiv auseinandergesetzt hat, muss eigentlich keine Angst vor ihm haben. Viel­mehr steckt hinter der vermeintlichen »Todesangst« doch eher die Angst, noch nicht zum rechten Leben vorgedrungen zu sein. Haben wir gelebt? Doch was ist das rechte Leben? Vor einem Jahr wurde der damalige US-Präsident Trump nach den wirtschaftlichen Folgen des Corona-Virus befragt, und er hielt es vor allem für nötig, die ökonomischen Verhältnisse mög­lichst zeitnah wiederherzustellen, damit nicht am Ende tausende von Menschen aus wirtschaft­licher Not heraus Selbstmord begehen. Er verband das rechte Leben vor allem mit wirtschaftli­chem Erfolg und Wohlstand. Ein anderes lebenswertes Leben konnte er sich wohl kaum vorstellen. Dass man auch mit wenig auskommen und damit sogar glücklich sein kann, solan­ge man die wesentlichen Dinge des Lebens wertschätzt, das schien ihm völlig fremd zu sein. Doch was sind die wesentlichen Dinge?

Natürlich gehört die Gesundheit dazu. Auch Bewegungsfreiheit, die z.Zt. ebenfalls bedroht ist. Auch ein Minimum an wirtschaftlicher Versorgung gehört dazu. Vor allem aber sind Freund­schaften, Beziehungen, persönliche Verhältnisse dazuzurechnen. Auch diese müssen derzeit stark eingeschränkt, aber deswegen umso mehr per Email, Telefon oder Skype gepflegt wer­den. »Soziale Distanzierung« lautet das Stichwort. Eigentlich ein soziologischer Begriff, der die oft große Distanz zwischen den Klassen der Gesellschaft beschreibt, etwa wenn die Reichen aufgrund ihres Reichtums nur in reichen Kreisen verkehren, während die Arbeiter sich nur innerhalb ihrer Arbeiterklasse bewegen. Worum es derzeit geht, ist keine soziale Distanzie­rung, sondern nur das vorübergehende Abstandhalten in Zeiten höchster Übertragungsgefahr, bei gleichzeitiger Notwendigkeit, zu Freunden, Verwandten und anderen uns wichtigen Perso­nen intensiven Kontakt zu halten. Wenn wir uns gerade angesichts der weitgehenden Isolie­rung unserer eigenen Bedürftigkeit bewusst werden, können wir auch die grundsätzliche Bedürftigkeit und schlechthinnige Abhängigkeit anderer besser wahrnehmen und berücksichti­gen. Um es mit dem Philosophen Wilhelm Kamlah zu sagen: »Beachte, dass die Anderen bedürftige Menschen sind wie du selbst, und handle demgemäß.« (Wilhelm Kamlah, Philoso­phische Anthropologie. Sprachkritische Grundlegung und Ethik, B.I. Wissenschaftsverlag: Mannheim/Wien/Zürich 1973, S. 95.)

In diesen Zeiten des Corona-Virus ist es gut, zwischen den Lebensumständen und den Le­benseinstellungen zu unterscheiden. Wir neigen oft dazu, unser mangelndes Glück und unse­re Unzufriedenheit auf die Lebensumstände zu schieben, die ja maßgeblich von der Umwelt und von anderen Menschen geprägt werden. Doch die eigentliche Ursache für unser (Un)Glück und unsere (Un)Zufriedenheit sind weniger die Lebensumstände als unsere Le­benseinstellungen. Das Glück ist nicht außen, sondern innen zu suchen.

Es gibt im Wesentlichen zwei extreme Einstellungen bzw. Haltungen, mit denen wir das Leben betrachten können: eine Haltung ist die Selbstsicherheit (oder auch Selbstwirksamkeit), die uns suggeriert, dass wir die Umwelt nach unserem Belieben verändern können, um unse­ren Erfolg und unsere Anerkennung zu sichern. Das kann so weit gehen, dass wir darüber jegliche Empathie für andere verlieren, die dann nur noch als Instrumente für unsere Zwecke verwendet werden. Die andere Haltung ist die des Süchtigen, der sich ebenso nach Glück und Zufriedenheit sehnt, sich aber meist als Opfer der Umstände versteht, gegen die er selbst - aus vermeintlicher Unfähigkeit und Ohnmacht - nicht ankommt. Also kompensiert er sein Un­glück mit Ersatzmitteln wie Alkohol, Drogen, Medikamente, Zigaretten. Doch wirkliche Befriedi­gung findet auch dieser Mensch nicht.

Eine gute Haltung wäre indes jene, die in dem berühmten Gelassenheitsgebet zum Aus­druck kommt, das oft dem deutsch-amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr zugeschrie­ben wird:

 

Gott gebe mir die Gelassenheit,

Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,

den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,

und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

 

Wilhelm Kamlah nennt diese Einstellung »gelöste Selbstständigkeit«. Er beruft sich dabei u.a. auf Rainer-Maria Rilkes Gedicht »Wenn etwas mir vom Himmel fällt«, in dem Rilke dem hoffärtigen Streben des Menschen nach wilder Freiheit und Schwerelosigkeit das Gesetz der Schwere, also der Gravitation, entgegenstellt. Am Ende des Gedichtes heißt es:

 

»Eins muss er wieder können: fallen,

geduldig in der Schwere ruhn,

der sich vermaß, den Vögeln allen

im Fliegen es zuvorzutun.«

 

Was uns laut Rilke und Kamlah not tut, das ist das »Fallen-Können«, das Loslassen, das Ruhen-Können. Wer sich fallen lässt, der fällt nun eben nicht ins Leere, sondern ruht auf fes­tem Boden, ruht in sich, der gewinnt das Leben neu für sich. Kamlah bezeichnet diese Erfahrung des sich Fallenlassens, des Loslassens, des Ruhen-Könnens als eine »Grunder­fahrung«. Es ist die Erfahrung, dass man sich nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen lässt; die Erfahrung des Lassen-Könnens, des Gelassenseins, der Gelöstheit.

Gerade angesichts widriger Lebensumstände, die ich nicht zu ändern vermag, ist es gut, dieses Prinzip der Gelöstheit, des Gelassenseins, des Loslassens zu beherzigen. Es bedeutet, dass ich gelassen das hinnehme, was nicht geändert werden kann. Es bedeutet auch, dankbar für das Leben zu sein, wie es mir zugeteilt wird. Die grundsätzliche Dankbarkeit für die mir zuteil gewordenen Güter des Lebens bewahrt mich davor aufzubegehren, wenn mir ein Mangel bewusst wird oder mir bestimmte Güter genommen oder vorenthalten werden - etwa die Gesundheit, die wir zunehmend entbehren, wenn wir alt werden. Diese Einstellung führt auch dazu, dass die Güter, die mir zunehmend wichtig sind, eher geistiger als materieller Natur sind, die einen spirituellen Wert darstellen und vielleicht gar nichts kosten außer Einsicht, Weisheit und Dankbarkeit. Die Güter, die mir wichtig sind und für die ich dankbar sein kann, sind umso wertvoller, je weniger selbstverständlich sie mir erscheinen. Darum gilt es, diese Güter nur lose in der Hand zu halten, damit ich sie, wenn nötig, auch ganz loslassen und aus der Hand legen kann, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

Kurt Bangert, Vorstandsmitglied des Bundes für Freies Christentum und Schriftleiter der Zeit­schrift »Freies Christentum«

dead lives matter

Tote zählen, sie nur zu zählen genügt nicht

»Zwei Männer sprachen miteinander.

Na, wie ist es?

Ziemlich schief.

Wie viel haben Sie noch?

Wenn es gut geht: viertausend.

Wie viel können Sie mir geben?

Höchstens achthundert.

Die gehen drauf.

Also tausend.

Danke.

Die beiden Männer gingen auseinander,

Sie sprachen von Menschen.

Es waren Generale

Es war Krieg.«

 

Als Schüler, vor über 50 Jahren, bin ich Zeilen von Wolfgang Borchert begegnet, die er in seinen Lesebuchgeschichten verfasst hat. Sie haben mich, wie man sieht, bis heute nicht losgelassen. Würde er vielleicht heute ein ähnliches Gespräch formulieren? Ich habe es ange­dacht:

 

Zwei Menschen sprachen miteinander.

Na wie steht‘s?

Ziemlich ungewiss.

Wie viele?

Fast zwölfhundert.

Und wie weiter?

Vielleicht bald unter tausend.

Na also, geht doch.

Die beiden gingen auseinander.

Sie sprachen von Corona-Toten.

Es waren Politiker.

Es war Pandemie-Zeit.

 

Mit Betroffenheit verfolge ich seit einiger Zeit manche Berichterstattungen der Medien. Sie haben mich an den Text von Wolfgang Borchert erinnert. Die Art der Berichte über Corona-Tote erinnert aufgrund der nicht erkennbaren Empathie mitunter eher an Angaben zu Pegel­ständen oder Materialbeschaffung als an eine Mitteilung über den Verlust von Menschenleben.

Ich erlebe mit Bedauern und auch Erschrecken diesen medialen Umgang mit den durch die Epidemie Verstorbenen. Circa tausend Corona-Tote erregen anscheinend weniger Aufsehen als der Absturz von drei vollbesetzten Passagierflugzeugen, was eine ähnliche Anzahl von Opfern bedeuten würde. Aber das wäre natürlich spektakulärer. Gibt es bei Corona-Toten etwa schon einen Gewöhnungseffekt?

Mit steigenden Zahlen scheint manchmal das Gefühl für das persönliche Schicksal der Ver­storbenen und der davon Betroffenen aus dem Blick geraten zu sein. Hinter tausend Toten steht ja in jedem Fall eine Vielzahl betroffener weiterer Menschen, Familien, Ehepartner, Väter, Mütter, Kinder, Eltern und Großeltern, Freunde.

Zwar werden heute Sterben und Tod in Filmen, Krimis oder Spielen massenhaft mit Unter­haltungswert konsumiert. Aber der Tod als persönliche Erfahrung ist für viele Menschen unse­rer Gesellschaft aus dem Blick geraten. Sterben und Tod sind häufig an Institutionen wie Hospitäler, Hospize und Heime delegiert und finden dort statt in Vereinzelung und Isolation, nicht nur zu Pandemie-Zeiten.

Möglicherweise liegt aber in der momentanen Krisenzeit die Chance, neu sensibel zu wer­den für die jedem Leben anhaftende Vergänglichkeit. Jedes Leben trägt sozusagen ja ein Ver­fallsdatum, auch das eigene Leben, nicht nur das der anderen. Diese oft gerne verdrängte Tatsache ist, ebenso wie die Friedhöfe, längst aus dem Lebensmittelpunkt ins Randgebiet der Beachtung abgeschoben. Sie verschafft sich aber in dieser Pandemie unausweichlich und weltweit Aufmerksamkeit.

Damit könnte vielleicht die Einstellung eine erneute Chance erhalten, die man in früheren Zeiten als Ars moriendi, Kunst des Sterbens, bezeichnete. Der Tod beendet nicht nur ein Le­ben, er gehört zum Leben dazu.

Nachrichten und Medien präsentieren seit Monaten diese täglichen Todesstatistiken. Diese Meldungen beinhalten immer auch den Hinweis auf die eigene Vergänglichkeit. Diese Grund­tönung der Endlichkeit des persönlichen Lebens muss aber keineswegs ängstigen, lähmen oder die Freude am Leben rauben. Sie kann im Gegenteil das Gelebte und Erlebte zu einem vertieften Klingen bringen und zu einer freudigen Gelassenheit und zur Wertschätzung jedes Augenblicks und jeder Begegnung führen. Auf diese Weise kann alles, was sich ereignet und erfahren wird, als genussvolle und sättigende, wenn auch vergängliche Lebensnahrung verkostet werden. Im lateinischen Wort für Weisheit, Sapientia, steckt das Wort sapere, was schmecken bedeutet. Es kann in diesem Sinn also durchaus als eine Praxis der Lebens­weisheit betrachtet werden, dem Leben im Bewusstsein um die eigene Vergänglichkeit sozusagen auf den Geschmack zu kommen und zu begegnen.

Josef Ising, Schriftsteller, zuvor Lehrer für Religion, Ethik und Philosophie

Zum Gedenken der Verstorbenen

Seit über einem Jahr herrscht nun die Corona-Pandemie und ebenso lange werden uns Tag für Tag in den Nachrichten die Anzahl der Neu-Infizierten und der »an und in Verbindung mit Covid19« Verstorbenen mitgeteilt - nüchtern und scheinbar unbeteiligt, bis heute über 75.000 Todesfälle in Deutschland, weltweit mehr als 2.736.000. Mit dieser Information soll bewusst gemacht werden, wie tödlich der Krankheitsverlauf sein kann, wie sehr das Gesundheitssy­stem dadurch belastet wird - die schwer Erkrankten sind zumeist in Krankenhäusern gestor­ben, auf Intensivstationen, deren Ärzte und Pfleger oft an den Rand ihrer Belastbarkeit gekom­men sind. Und nicht zuletzt sind die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie von Anfang an mit dem Schutz von Menschenleben begründet worden, wurde damit die Einschränkung der Grundrechte gerechtfertigt.

Somit sind die Todeszahlen nackte Fakten und selbst, wenn uns die Zahlen berühren, weil wir wissen, dass hinter jedem einzelnen Todesfall ein ausgelöschtes Menschenleben steht, das in eine Familie eingebunden war und Freunde, Kollegen und Bekannte hatte, ist es emo­tional unmöglich, so um jeden Einzelnen zu trauern, als wenn man die Toten gekannt hätte.

Aber die Verstorbenen sind auch ein Teil unserer Gesellschaft gewesen, und bedrückend ist, dass die meisten von ihnen einsam gestorben sind. Auch für die Angehörigen war die Situation unerträglich, denn sie durften die Sterbenden nicht besuchen und begleiten - und auch am Sarg nicht Abschied nehmen, Freunde und Bekannte durften nur sehr eingeschränkt, wenn überhaupt, an der Beerdigung teilnehmen. Wer schon mal Abschied von einem geliebten Menschen hat nehmen müssen, weiß, wie wichtig eine Trauerfeier ist im Kreise von Familie, Freunden und anderen Menschen, die den Verstorbenen geschätzt haben - es tröstet.

Aktion »Corona-Tote sichtbar machen« in Düsseldorf (Foto: Wikimedia Commons)
Foto: Wikimedia Commons

Um die Gesamtheit der Verstorbenen in der Öffentlichkeit nicht aus den Augen zu verlieren, gibt es verschiedene Initiativen. Bereits Ende November schufen Künstler im Schwäbisch Gmünder Münster eine Installation mit Nägeln. Die Nägel symbolisierten den Schmerz - für damals noch zwischen 13 und 14.000 Verstorbene hatten sie entsprechend viele Nägel in Holzklötze geschlagen und damit die drei Altarstufen gefüllt. Daneben standen noch zwei Schalen mit weiteren Nägeln für die nächsten Opfer - aber auch der mit Nägeln geschriebene Satz: Fürchtet euch nicht.

Der Journalist Christian Schmidt kam auf die Idee, »Corona-Tote sichtbar zu machen«. Anfang Dezember 2020 bekam er durch Angehörige, die in Krankenhäusern arbeiteten, mit, dass die Todesfälle rasant auf 4-600 pro Tag anstiegen und unter welchen Bedingungen die Menschen starben. Obwohl er nicht selber betroffen war, begann er, jeden Sonntag bei Sonnenuntergang am Stierbrunnen im Berliner Stadtviertel Prenzlauer Berg mit einem Schild auf die steigende Zahl der Verstorbenen hinzuweisen und stellte Kerzen dazu auf, um einen öffentlichen Ort zum Gedenken einzurichten. Immer mehr Menschen kamen, besonders auch Angehörige von Verstorbenen. Inzwischen haben rund 40 deutsche Städte diese Anregung aufgegriffen, um an die hohe Zahl der Verstorbenen zu erinnern und zu trauern.

Im Januar initiierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Aktion "Lichtfenster" - im Gedenken an die Verstorbenen kann seither jeder eine Kerze ins Fenster stellen, als Licht der Trauer, der Anteilnahme, des Mitgefühls. Über diese Lichtfenster seien dann alle miteinander verbunden. Über dieses stille Symbol hinaus führte er ein Gespräch mit Hinterbliebenen und kündigte eine zentrale Trauerfeier für den 18. April an, bei der die Staatsspitze und - soweit möglich - andere Gäste teilnehmen sollen. Davor soll ein ökumenischer Gottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche stattfinden.

Der Bürgermeister von Florenz, Dario Nardella, gleichzeitig Vorsitzender des Verbandes EUROCITIES, zu dem auch u.a. die deutschen Städte Berlin, Dresden, Düsseldorf, Essen, Hamburg, München und Stuttgart gehören, regte für den 24. März, mittags um 12 Uhr, eine allgemeine Schweigeminute an, nachdem Italiens Regierungschef Mario Draghi am 18. März in Bergamo einen Kranz niedergelegt und der über 100.000 Verstorbenen in Italien gedacht hatte.

In einer Initiative des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen wurde dazu aufgerufen, an jedem Tag der Fastenzeit in einem anderen europäischen Land an die Opfer der Corona-Pandemie zu erinnern; am 23. März fand ein Trauerakt mit Schweigeminute im Bayerischen Landtag statt.

Durch die Pandemie wird uns einmal mehr unsere Verletzlichkeit deutlich vor Augen geführt. Gemeinsame Trauer gibt uns die Gelegenheit, diese wahrzunehmen und auszuhalten und bindet uns als soziale Wesen in eine Gesellschaft ein.

Karin Klingbeil

Sonderrechte für Geimpfte?

Eine schwierige Debatte

Auch wenn derzeit die dritte Welle der Corona-Pandemie die Schlagzeilen beherrscht, zeich­net sich bereits eine politische, ethische und juristische Diskussion darüber ab, wie die ge­wünschte »Rückkehr zur Normalität« insbesondere für geimpfte und genesene Personen er­leichtert und beschleunigt werden kann. Solange nicht jeder das Angebot für eine Schutzimp­fung erhalten hat, dürfte noch keine Entscheidung fallen. Zudem besteht weiter Klärungsbe­darf, inwieweit eine geimpfte oder genesene Person die Krankheit übertragen kann und wie sich die aufgetretenen Virusmutationen in dieser Hinsicht auswirken.

Dennoch will die Europäische Kommission bereits zum 1. Juni 2021 einen europaweit gülti­gen Impfausweis als Nachweis dafür einführen, ob jemand geimpft oder getestet oder von einer Covid-19-Erkrankung genesen ist. Alle 27 Mitgliedsstaaten sollen diese Bescheinigung gegenseitig anerkennen. Die Kommission geht davon aus, dass bei Vorlage dieses Impfaus­weises z.B. Test- und Quarantänepflichten entfallen können. Auf diesem Wege wollen vor allem die Urlaubsländer am Mittelmeer Touristen anlocken und die Sommersaison 2021 retten. Ermutigt sehen sie sich dabei auch durch Ankündigungen von Fluggesellschaften oder Hotel­konzernen, künftig nur noch Geimpfte zu transportieren bzw. zu beherbergen. Dagegen ließen die Regierungen wichtiger EU-Staaten wie Frankreich und Deutschland bereits erkennen, dass man keine »Privilegien für wenige« wolle. Schon denken Abgeordnete der Berliner Regie­rungskoalition darüber nach, wie man »Sonderrechte« für Geimpfte in der Privatwirtschaft gesetzlich verhindern kann, um eine Ungleichbehandlung von Geimpften und Nicht-Geimpften auszuschließen. Es dürfe nicht passieren - so die Argumentation -, dass Restaurants, Kinos und Theater oder gar öffentliche Verkehrsmittel Nicht-Geimpften den Zutritt verwehren; derarti­ge Sonderregelungen würden nur zu einer Spaltung der Gesellschaft führen.

So verständlich diese Überlegungen sind, so muss man sich doch vor Augen führen, dass Menschen vielfach unterschiedliche Ausgangsbedingungen haben und der Gleichheitssatz des Grundgesetzes (Art. 3) durchaus erlaubt, Unterschiedliches ungleich zu behandeln. Gleichbe­handlung für alle bedeutet eben nicht Gerechtigkeit für alle. Zudem umfassen die gegenwärti­gen Infektionsschutzmaßnahmen Freiheitsbeschränkungen (z.B. der Handlungs-, Versamm­lungs-, Reise-, Gewerbefreiheit usw.), die einer ethischen wie rechtlichen Rechtfertigung be­dürfen und nur im überwiegenden Allgemeininteresse zulässig sind. Außerdem unterliegen sie dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit, müssen also geeignet, erforderlich und angemessen sein. In dem Maße, wie das vorrangige Ziel der Impfstrategie erreicht werden wird, nämlich die Zahl der schweren Krankheitsverläufe und Todesfälle sowie die Gefahr einer Überlastung des Gesundheitssystems zu reduzieren, wird auch die entscheidende Legitimationsgrundlage für die staatlichen Freiheitsbeschränkungen entfallen.

Insofern geht es gar nicht um »Privilegien« und »Sonderrechte«. Diese Begriffe sind irrefüh­rend, weil sie suggerieren, dass unsere grundgesetzlich gewährten Freiheitsrechte nicht den »Normalfall«, sondern stattdessen eine Art staatliches Geschenk oder einen Sonderstatus darstellen. Sollte die Corona-Pandemie bereits unser Verständnis von dem, was Regel und was Ausnahme ist, verschoben und einem fragwürdigen Gerechtigkeitsverständnis Vorschub geleistet haben, das zunehmend mit Missgunst und Neid zu tun hat? Jedenfalls scheinen viele den Gedanken nicht auszuhalten, dass die einen bald wieder ihr Leben in vollen Zügen genie­ßen können, während die andern noch unter Restriktionen zu leiden haben.

Gegner von »Sonderrechten« für Geimpfte befürchten eine Art »Zweiklassengesellschaft« und einen »Impfzwang durch die Hintertür«, obwohl die Regierung stets betont habe, dass die Corona-Schutzimpfung freiwillig sei. Wer sich - aus welchen Gründen auch immer - nicht im­pfen lasse, könne auf diese Weise mittelbar unter Druck gesetzt werden, sich doch impfen zu lassen. Umgekehrt sehen die Befürworter nicht ein, warum sie durch weitere Freiheitsein­schränkungen »bestraft« werden sollen, nur weil einige Impfskeptiker sich querlegen. Von einer Rückkehr zur Normalität würden zudem alle profitieren, die derzeit noch unter dem Shutdown litten, also auch die Inhaber von Geschäften und Restaurants und die Anbieter von Dienstleistungen.

Während Freiheitsbeschränkungen durch staatliche Stellen nur auf gesetzlicher Grundlage und nur im überwiegenden Allgemeininteresse zu rechtfertigen sind, sind Privatpersonen und private Unternehmen grundsätzlich frei in ihrer Entscheidung, mit wem sie einen Vertrag schließen und wem sie Zugang zu ihren Angeboten verschaffen wollen. Es ist also nicht von vornherein abwegig, wenn sie auch den Impfstatus ihrer Vertragspartner mit berücksichtigen wollen. Die Diskriminierungstatbestände des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) erfassen den Impfstatus (noch) nicht. Gesetzliche Einschränkungen der Vertragsfreiheit wären vermutlich nur bei solchen Leistungen zulässig, die für die Teilhabe am gesellschaftlichen Le­ben zwingend erforderlich sind (z.B. Inanspruchnahme von öffentlichen Verkehrsmitteln). Unstreitig ist dagegen eine Zugangsbeschränkung zur Abwehr konkreter Gefahren zulässig, so etwa ein Betretungsverbot von Geschäften für Infizierte bzw. positiv getestete Personen, wie es derzeit bereits Praxis ist. Auch deswegen sind negative Schnelltests das Mittel der Wahl, um einerseits infizierte Personen zu identifizieren und andererseits noch nicht Geimpften die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

Noch ist das Problem in Anbetracht der geringen Impfquote nicht entscheidungsreif. Und noch wird vorwiegend politisch argumentiert, etwa durch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kurz nach Beginn der Impfkampagne: »Viele warten solidarisch, damit einige als erste geimpft werden. Und die Noch-nicht-Geimpften erwarten umgekehrt, dass sich die Geimpften solidarisch gedulden. Keiner sollte Sonderrechte einfordern, bis alle die Chancen zur Impfung hatten.« Das heißt wohl im Umkehrschluss, dass die Diskussion um »Sonderrechte« wieder aufleben wird, wenn die Impfkampagne flächendeckend durchgeführt worden ist. Für diesen Fall hat der Deutsche Ethikrat am 4. Februar 2021 eine Empfehlung mit folgenden Eckpunkten formuliert:

Da zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht verlässlich geklärt ist, ob Geimpfte andere Per­sonen anstecken können, sollte eine individuelle Rücknahme staatlicher Freiheitseinschrän­kungen für Geimpfte nicht erfolgen.

Wenn das Impfprogramm weiter fortschreitet, sollten die allgemeinen staatlichen Freiheits­beschränkungen für alle Bürgerinnen und Bürger schrittweise zurückgenommen werden. Dabei sollten als Maßstab weniger die reinen Infektionszahlen als vielmehr die schweren Krankheitsverläufe und die Todeszahlen herangezogen werden; zudem wäre Vorausset­zung, dass die besonders vulnerablen Menschen Zugang zur Impfung erhalten haben.

Flankiert werden sollte die Rücknahme staatlicher Freiheitseinschränkungen durch Unter­stützungsleistungen für alle, die noch keinen Zugang zur Impfung haben, etwa durch Coro­na-Schnelltests, verbesserten Kündigungsschutz usw.

Die Verpflichtungen etwa zum Tragen einer Maske und zum Einhalten von Abständen soll­ten aufgrund der damit verbundenen relativ geringen Belastungen noch länger aufrechter­halten und erst für alle Personen zum selben Zeitpunkt aufgehoben werden.

Die immer noch bestehenden strengen Isolationsmaßnahmen in Pflegeheimen, Hospizen und Behinderteneinrichtungen sollten für geimpfte Personen so schnell wie möglich aufge­hoben werden.

Nur soweit der Zugang zu Angeboten privater Anbieter für eine prinzipiell gleichberechtigte, grundlegende gesellschaftliche Teilhabe unerlässlich ist, ist eine Beschränkung des Zu­gangs auf geimpfte Personen zu rechtfertigen.

Angesichts der aufkommenden Neiddebatte hat sich der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm kürzlich unter Bezugnahme auf das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg für eine »Kultur des Gönnens« ausgesprochen, die in diesen »verrückten Zeiten« eine der wichtigsten Aufgaben sei.

Wer weiß, wer bei der gegenwärtigen Impfrallye im Sinne des Gleichnisses am Ende »die Ersten« und wer »die Letzten« sein werden. Gönnen wir also den bereits Geimpften ihren Vorsprung und halten wir mit den Noch-nicht-Geimpften in gemeinsamer Solidarität noch etwas durch!

Jörg Klingbeil

Grundeinkommen - was kann sich dadurch ändern?

Die Pandemie hat uns ganz deutlich vor Augen geführt: ein »Weiter so« ist der falsche Weg. Wir müssen in vielen Bereichen umdenken. Mehr Respekt vor Natur und Mutter Erde ist ange­raten. Wirtschaftswachstum um jeden Preis erscheint fraglich. Unser System braucht eine Um­strukturierung.

Menschen mit Herz und Verstand machen sich darüber schon seit Jahren Gedanken. So auch der Initiator von »Mein Grundeinkommen e.V.«. Er will durch die Aktivitäten des Vereins, den es seit 2014 gibt, aufzeigen, was ein Grundeinkommen mit Menschen macht, wie es ihr Leben verändert. Sein Ziel: ein Grundeinkommen für alle in Deutschland lebende Menschen - ob eben erst zur Welt gekommen oder die Hundert schon erreicht.

Dass ein Grundeinkommen für unsere Gesellschaft bezahlbar ist, darüber gibt es Berech­nungen von unterschiedlichen Institutionen. Dass es sinnvoll ist, zeigt uns die jetzige Zeit.

Viele sind im Pandemiejahr 2020 sowohl in ein seelisches als auch in ein finanzielles Loch gefallen. So berichtete z.B. die Stuttgarter Zeitung am 18. März 2021 über einen Studenten, der fünf Monate auf sein Bafög warten musste, gleichzeitig den Minijob wegen Corona verlor und ohne die Unterstützung seiner Freunde völlig mittellos gewesen wäre - nur ein Beispiel von vielen.

Glücklich, wer in diesen Zeiten schon zu den Rentnern/Pensionären gehört. Die monatliche Zahlung, auch wenn sie oft gering ist, kommt prompt und zuverlässig.

Ich gehöre zu diesem privilegierten Personenkreis und hatte außerdem das riesengroße Glück, bei einer Verlosung von »Mein Grundeinkommen e.V.« für ein Jahr ein monatliches, bedingungsloses Grundeinkommen von € 1.000 zu gewinnen. Das Pandemiejahr 2020 hat sich bei mir also durchaus positiv gestaltet.

Wie es dazu kam: Eine liebe Freundin hat mich schon vor längerer Zeit zu einer Verlosung von »Mein Grundeinkommen e.V.« eingeladen. Nach kurzem Zögern (wo gibt’s denn sowas?) war ich dabei. Da mich das Grundeinkommen als solches sehr interessiert, bin ich »Crowd­hörnchen« geworden und das geht so: Ab € 1,00 monatlich kann man den Verein unterstützen, kommt dadurch in jede Verlosung, kann Freunde werben usw. Immer, wenn der Verein € 12.000,00 gesammelt hat, kommt es zur Verlosung. Die Gewinner erhalten ein bedingungslo­ses monatliches Grundeinkommen von € 1.000,00 für ein Jahr, ohne Ansehen der Person, egal ob arm, ob reich. Gewinner/-innen des Grundeinkommens können Auskunft darüber ge­ben, wie dieses zusätzliche Einkommen ihr Leben verändert hat. Denn Ziel des Vereins ist es ja gerade herauszufinden, wie ein Grundeinkommen in der Praxis wirkt.

Nicht nur während Corona, auch in »normalen Zeiten« wäre das Grundeinkommen an vie­len Stellen ein Segen. Hartz IV-Empfänger, denen es durch die Anrechnung jedes zusätzlichen Einkommens unmöglich gemacht wird, dem Teufelskreis der Armut zu entkommen, hätten da­durch neue Möglichkeiten. Niedriglohnempfänger müssten nicht jeden Cent zweimal umdre­hen. Alleinerziehende könnten mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Kinderarmut könnte re­duziert werden und mehr Chancengleichheit wäre möglich.

Bittstellen ade ... - in so einem Gesellschaftssystem nicht mehr notwendig. Wie befreiend! Das hat für mich auch etwas mit Menschenwürde zu tun.

»Mein Grundeinkommen e.V.« hat nun beim DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsfor­schung) eine Studie in Auftrag gegeben. Für das Pilotprojekt erhalten 122 Menschen für drei Jahre ein Grundeinkommen von € 1.200,00 monatlich, die Vergleichsgruppe muss ohne die­sen Zuschuss auskommen. Leider werden wir erst nach diesen drei Jahren wissen, wie das Ergebnis aussieht.

Weckt dieses Grundeinkommen das Beste im Menschen? Holt es den Einen oder Anderen aus seinem Loch, weil er sich jetzt verwirklichen kann und nicht nur voll Angst auf das leere Konto schaut? Oder bleiben die meisten auf ihrem Hintern hocken, weil ihr Grundeinkommen gesichert ist?

Ich bin sicher, dass die Studie zu Gunsten des bedingungslosen Grundeinkommens ausfal­len wird. Das Grundeinkommen wird die Menschen motivieren und Kräfte freisetzen.

Hoffentlich Grund genug für unsere Politik ein solches einzuführen, wenn die Finanzierung gesichert ist. Hierzu gibt es etliche Berechnungsmodelle von verschiedenen Personen und In­stitutionen, renommiertere sind z.B. die Katholische Arbeiterbewegung (2007), Dieter Althaus (2010), Götz Werner (2010 und 2017) und Thomas Straubhaar (2017) - gerne sende ich Inte­ressierten die Berechnungen zu.

Diese Berechnungen sind unterschiedlich ausgelegt, im Besonderen auch in Bezug auf Renten- und Krankenversicherung. Eine Umverteilung von oben nach unten kann nicht aus­blei­ben. Unser Steuersystem müsste umgestellt und Steuerlöcher gestopft werden. Dann ist das Ganze auch bezahlbar.

Es gehört Mut und Tatkraft dazu, ein eingefahrenes Gesellschaftssystem zu ändern. Mit an­fänglichen Schwierigkeiten und zunächst eventuell auch höheren Kosten als berechnet, vor allem durch Altlasten, muss gerechnet werden. Die bauen sich mit der Zeit aber ab.

Letztendlich profitiert der größere Teil der in Deutschland lebenden Menschen vom Grund­einkommen. Es unterbindet meiner Meinung nach auch die weitere Spaltung unserer Gesell­schaft. Die Kaufkraft wird erhöht und die Menschen werden gesünder, denn Armut macht nachweislich krank.

Auch europaweit ist »Mein Grundeinkommen« konkret Teil der Europäischen Bürgerinitiative »Bedingungsloses Grundeinkommen«, um sich für die Einführung des Grundeinkommens in allen EU-Ländern einzusetzen.

Für mich sehe ich den Gewinn des Grundeinkommens als eine Verpflichtung. Ich werde mich, soweit es in meiner Macht steht, für ein Grundeinkommen aller in Deutschland bzw. Europa lebenden Menschen einsetzen; jeder muss diese Grundsicherung erhalten. Es ist möglich.

Hannelore Oetinger

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