Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 177/2 - Februar 2021

 

 

Über das Göttliche im Menschen - Ludwig Frambach

Sich auf den Weg machen - Peter Lange

Kraft, Liebe und Besonnenheit - Karin Klingbeil

Der Anfang der Tempelgemeinde in Sydney - Herta Uhlherr

Die deutsche Gesellschaft entscheidet - Rafael Seligmann

Philipp Wurst - Tempelvorsteher in schwieriger Zeit - Jörg Klingbeil

Über das Göttliche im Menschen

Die folgende Predigt zu Johannes 10, 31-39 wurde in einem Gottesdienst der Reihe »Mit der Seele hören« am 3. Mai 2020 in der evangelischen Innenstadtkirche St. Egidien in Nürnberg von Dr. Ludwig Frambach, evangelischer Pfarrer und Psychotherapeut, gehalten. Diese Reihe von »spirituell-psychologischen« Gottesdiensten, die einmal im Monat stattfinden, wurde vor 20 Jahren von ihm und Dr. Bernd Deininger, Psychiater/Psychoanalytiker und evangelischer Theologe, begründet. Auch weitere Prediger haben einen entsprechend pastoralpsychologi­schen Hintergrund. Die Musik der Gottesdienste ist ungewöhnlich vielfältig. Das schafft eine Atmosphäre geistiger Offenheit. Der liturgische Rahmen ist aufs Wesentliche konzentriert. Ge­bet, Lesung, Lieder, Stille, kein Glaubens- und Sündenbekenntnis. Auf diese Weise sollen religiös interessierte, aber kirchlich distanzierte Menschen angesprochen werden. Und davon gibt es nicht wenige, wie der ausgesprochen gute Besuch der Gottesdienste zeigt.

 

Um das Göttliche im Menschen geht es heute. »Ihr seid Götter«. Das ist ein Satz aus der Bi­bel. Aus dem Psalm 82. Und Jesus zitiert ihn im Johannes-Evangelium. Zu seiner Verteidi­gung. Weil er ein Mensch ist und sich selbst zu Gott macht. So der Vorwurf. Wir sind hier auf brisantem Terrain. Es droht Hybris, Gotteslästerung, Blasphemie. Wie ist das zu verstehen: Jesus, der Sohn Gottes? Und wie ist das zu verstehen mit Mensch und Gott? Gibt es etwas Göttliches, etwas von Gott im Menschen? Oder ist der Mensch völlig von Gott verschieden? Muss er völlig verändert werden, um erlöst, gerettet zu werden? Grundlegende religiöse Fra­gen, nicht nur im Christentum.

»Ihr seid Götter« - wenn das zu einem gesagt wird, dann wird es einem etwas mulmig zu Mute. Man ist irritiert. Was soll das?

»Ihr seid Götter und allzumal Söhne des Höchsten«, so steht es im Psalm 82 (Vers 6). Wie ist das gemeint mit den Göttern, den »Elohim« auf Hebräisch? Und wer ist damit gemeint? Darüber rätseln bis heute die Gelehrten. Dieser Psalm hat eine lange und lebhafte Ausle­gungsgeschichte.

Und Jesus zitiert diesen Satz aus Psalm 82 im Johannes-Evangelium zu seiner Verteidi­gung gegen den Vorwurf der Gotteslästerung. »Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz "Ich habe gesagt: Ihr seid Götter"? Also was wollt ihr?« Jesus weist den Juden - wie es bei Johan­nes problematisch pauschalisierend heißt - nach, dass es in den heiligen Schriften einen Nachweis dafür gibt, dass Menschen vergöttlicht werden.

Hat sich Jesus tatsächlich als »Sohn Gottes« bezeichnet? Die Mehrzahl der neutestament­lichen Exegeten, der wissenschaftlichen Erforscher des Neuen Testaments, nimmt das nicht an. Von allen sogenannten Hoheitstiteln hat er wahrscheinlich nur den »Menschensohn« für sich benutzt. Alles andere ist erst nach Tod und Auferstehung auf ihn übertragen worden, von seinen Anhängern.

»Glauben Sie, dass Jesus Gottes Sohn ist?« wurde der jüdische Theologe Pinchas Lapide einmal gefragt. »Ja« antwortete er dem erstaunten Frager und fügte dann hinzu: »Aber ich auch«.

Das trifft den Kern der Sache. Jesus hat sich nicht exklusiv als »Der Sohn Gottes« verstan­den und bezeichnet. Aber er hat den Menschen in seiner »Botschaft vom Reich Gottes« die Gotteskindschaft zugesprochen. »Ihr seid Kinder Gottes, Töchter und Söhne Gottes«, jede und jeder von euch. Gott ist euer Vater, an den ihr euch wenden könnt, direkt, vertrauensvoll, eben wie zu einem Vater, der sich um seine Kinder sorgt, sie liebt. Das war seine frohe Botschaft, sein Evangelium. »Kinder Gottes, Söhne und Töchter Gottes« - das ist doch schon recht nahe am »Ihr seid Götter«.

Aber besteht da nicht doch die Gefahr der Vergottung, Vergöttlichung des Menschen, der Hybris, der Anmaßung?

Vergöttlichung heißt auf Griechisch Theosis. Und Theosis ist in der Ostkirche, in den ortho­doxen Kirchen, ein zentraler theologischer Begriff und zwar im positiven Sinne. Theosis meint, dass der Mensch durch die gläubige Begegnung mit der Liebe Gottes in Jesus, dem Christus, in seinem Innersten umgewandelt wird. Theosis ist der Prozess der inneren Umgestaltung des Menschen zu einem Liebenden. Die Agape, die göttliche Liebe zu allem und jedem, wächst im Menschen durch die Praxis religiösen Lebens, Gebet, Kontemplation u.a. und formt ihn um. Das ist immer verbunden mit dem Aspekt der Gnade, des Beschenkt-Werdens und nicht ein­fach das Ergebnis eigener Anstrengung.

Seit den griechischen Kirchenvätern, wie Gregor von Nazianz und Johannes Chrisostomos ist Theosis, die Vergöttlichung, Weg und Ziel des christlichen Glaubens in ostkirchlicher Sicht.

Aber es gibt auch im Westen durchaus Entsprechungen zur Theosis. Meister Eckhart, der große theologisch-philosophische Mystiker des Mittelalters ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Er spricht von der »Gottesgeburt« oder »Sohngeburt« in der Seele: » ... und es gebiert der Vater seinen Sohn in der Seele in derselben Weise, wie er ihn in Ewigkeit gebiert und nicht anders ...« Und weiter: »Er gebiert mich nicht allein als seinen Sohn; er gebiert mich als sich und sich als mich und mich als sein Sein und als seine Natur.« (Predigt 5a, Die Deutschen Werke Bd1, 24-25)

Kühne Worte. Was Eckhart hier beschreibt, entspricht ungefähr dem, was in der Ostkirche als Theosis, als Vergöttlichung verstanden wird. Es handelt sich dabei um einen Prozess, ein fortwährendes Geschehen im »Seelengrund«, wo der Mensch sich dem Göttlichen öffnet.

»Wäre Jesus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir, so wärst du doch ver­loren« bringt der schlesische Mystiker Johann Scheffler, der Angelus Silesius, den Zusam­menhang in einem Reim auf den Punkt. Es muss in uns, in unserer Seele, in Grund und Mitte unseres Wesens passieren und ist nicht einfach als ein äußeres Heilsgeschehen zu verstehen.

Wenn man nach der Vergöttlichung, der Theosis, im Kontext der Reformation Ausschau hält, dann führt das - nach einiger Suche - nach Nürnberg zur Zeit der Reformation. Nürnberg war damals mit seinen vielen Druckereien das Medienzentrum Deutschlands, »Auge und Ohr Deutschlands«, wie Luther sagte. So etwas wie das Silicon Valley seiner Zeit. Schon 1525 wurde hier die Reformation eingeführt und wichtige treibende Kraft war Andreas Osiander, Pfarrer an St. Lorenz. Unterstützt wurde er von einflussreichen Bürgern wie Albrecht Dürer und Hans Sachs.

Dieser Osiander, der später als Theologie-Professor nach Königsberg berufen wurde, war ein eigenwilliger, kluger Kopf. Er entwickelte eine »alternative reformatorische Rechtfertigungs­lehre«, wie der Theologie-Professor Rainer Hauke meint, nämlich »Rechtfertigung als Theosis, als Vergöttlichung«. Für ihn ist Osiander »für die Reformationszeit der Theologe der Theosis«. Das behagte Luther und vor allem Philipp Melanchthon nicht, dessen Anhänger, die Phi­lippisten, Osiander heftig bekämpften. Und so ist er heute weitgehend vergessen, leider. Mir scheint, es wäre lohnend, sich mit seinem Verständnis der Rechtfertigung als Theosis wieder zu befassen.

Ob man Vergöttlichung, Theosis, als Hybris, als blasphemische Anmaßung versteht oder nicht, hängt vor allem mit dem Gottesverständnis zusammen. Wenn man Gott hierarchisch-autoritär als Herrscher, Herr der Heerscharen, als König usw. versteht, dann ist es ein Problem, Gott gleich werden zu wollen. Dann will man sich über die anderen stellen, sie dominieren. Und das wäre dann Anmaßung, Hochmut, Hybris.

Anders ist es, wenn ich Gott vor allem als Liebe verstehe: »Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm« heißt es im 1. Johannesbrief (4,16). Hier ist implizit von einer Art Theosis, Vergöttlichung die Rede: » ... bleibt in Gott und Gott in ihm«. Wie immer man das genauer verstehen mag, dass Gott das Göttliche im Menschen ist, es ist eine Art Vergöttlichung. Wenn man Gott vor allem als Liebe, als Barmherzigkeit, als Mitgefühl ver­steht, dann verliert die Vergöttlichung ihren Schrecken als blasphemische Anmaßung. Liebes­fähiger, mitfühlender werden, ist ein grundlegender Aspekt solcher Theosis des Menschen.

Etty Hillesum, eine niederländische Studentin jüdischer Herkunft, schrieb ein Tagebuch, von 1941 bis 1943, ihrer Ermordung im KZ Auschwitz-Birkenau im Alter von 29 Jahren. »Das denkende Herz« ist eine Auswahl überschrieben, die 40 Jahre später veröffentlicht wurde. Dieses Buch gehört für mich zum Eindrucksvollsten, Aufrichtigsten und Eigenständigsten, was ich je über geistig-seelische und religiöse Entwicklung gelesen habe. Etty beschreibt, wie sie Gott im inneren Gespräch begegnet, nämlich »dem Allertiefsten in mir, das ich der Einfachheit halber "Gott" nenne« (15. Juli 1942).

Und weiter: »Eigentlich ist mein Leben ein andauerndes "Hineinhorchen" in mich selbst, in andere, in Gott. Und wenn ich sage, ich "horche hinein", dann ist es eigentlich Gott in mir, der "hinein horcht". Das Wesentlichste und Tiefste in mir, das auf das Wesentlichste und Tiefste in dem anderen hört, Gott auf Gott.« (17. September 1942)

Etty Hillesum war weder eine gläubig praktizierende Jüdin, noch ist sie zum Christentum konvertiert, mit dem sie sich aber intensiv befasst hat. Sie beschreibt hier in großer religiöser Ungebundenheit und Freiheit, was für sie Gott ist. Das Allertiefste und Wesentlichste in ihr. Sie erlebt das Göttliche in sich, in der Tiefe ihres »Seelengrundes«, um es mit Meister Eckhart zu sagen. Und mit diesem Allertiefsten in ihr ist sie in einem ständigen Gespräch und sie sieht es auch außerhalb, in anderen Menschen, in der Welt. Sie nennt es meist Gott, aber das ist ihr nicht so wichtig:

»Ich finde das Wort Gott manchmal so primitiv, es ist doch nur ein Gleichnis, eine Annähe­rung an unser größtes und ununterbrochenes inneres Abenteuer; ich glaube, dass ich das Wort "Gott" nicht einmal brauche, es kommt mir manchmal vor wie ein primitiver Ur-Klang. Eine Hilfskonstruktion.« (22. Juni 1942)

Und dann beschreibt sie etwas, das dem Verständnis eines allmächtigen HerrGotts wie ein Gegenentwurf gegenübersteht: »Ich werde dir helfen, Gott, dass du in mir nicht schwindest, aber ich kann für nichts im Vorhinein einstehen. Aber dieses eine wird mir ständig deutlicher; dass nicht du uns helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen und durch dieses letztere uns selber helfen. Und das ist das Einzige, was wir in dieser Zeit retten können, und auch das einzige, worauf es ankommt: Etwas von dir in uns selbst, Gott. Und vielleicht können wir auch daran mitwirken, dich in den heimgesuchten Herzen anderer aufzugraben.« (12. Juli 1942)

Was für ein Gottesverständnis! Wie verschieden von dem mächtigen, allmächtigen Herrgott. Für Etty ist es so, dass Gott nicht helfen kann und wir ihm helfen müssen und eben dadurch uns selbst helfen! Das ist das Göttliche in uns, einen Geist des Helfens, des Mitgefühls, der Liebe entwickeln und hegen, auch für Gott selbst!

»Du sollst es so gut wie möglich bei mir haben« sagt Etty Hillesum zu Gott. Wie zu einem Kind. Das bringt das gängige Gottesverständnis ziemlich durcheinander, verunsichert vielleicht. Lassen Sie es ruhig zu. Es lohnt sich, diese andere Perspektive einzunehmen.

Aus dieser anderen Perspektive fällt auf den Satz »Ihr seid Götter«, fällt auf die Theosis, die Vergöttlichung, das Göttliche in uns ein anderes Licht. Wenn wir Gott grundsätzlich als Liebe verstehen, als die Agape, das Mitfühlen, das uns mit allen und allem verbindet, mit Menschen, Tieren, Pflanzen, der sogenannten toten Materie, dann hat es nichts mit Hybris und Hochmut zu tun, wenn wir Gott in uns entwickeln und entwickeln lassen. Ganz im Gegenteil!

Simone Weil, die sozialkritische mystische Philosophin aus Frankreich, wie Etty Hillesum jüdischer Herkunft und auch 1943 in England jung gestorben, hat das in einem kühnen Satz verdichtet:

»Hochmütig sein heißt vergessen, dass man Gott ist.«

Gebet

Wir beten zu Gott, dem Schöpferischen Grund, der in allem und um allem und mit allem ist,

der uns verbindet in einem Netz des Mitgefühls und des Antwortens, des Ver-Antwortens

Gerade in dieser Krise der Pandemie ist es wichtig,

dass wir füreinander da sind, in achtsamer Verantwortung.

Dass wir die schützen, die besonders gefährdet sind,

alte Menschen, kranke Menschen, und die sie betreuen.

Lass uns im Gemeinsinn der Liebe einander beistehen und unterstützen.

Die, die es nicht oder kaum trifft, in finanzieller Sicht,

diejenigen, die in ihrer Existenz gefährdet sind.

Und derer gibt es viele. Ich denke hier z.B. an Künstler und Kulturschaffende.

Alle sind systemrelevant. Denn das System ist unsere menschliche Gemeinschaft,

unser Miteinander, unsere Menschlichkeit.

Ludwig Frambach

 

Virusbedingt konnte man an dem Gottesdienst nicht leibhaftig vor Ort teilnehmen. Man kann ihn aber auf YouTube ansehen. Die Predigt ist als Meditation in »Freies Christentum«, Nr. 1/2021, erschienen.

Sich auf den Weg machen

Es war das Eingangsbild einer von mir viel gelese­nen Zeitschrift, das vor einigen Tagen meine Auf­merksamkeit erregt hat. Zu sehen war nicht etwa ei­ne außergewöhnliche Szene unserer Umwelt, son­dern eher etwas Alltägliches, das jedoch seine eigene Aussagekraft hatte. Eine Spaziergängerin befand sich auf einem bis in weitere Ferne sicht­baren breiten Weg durch einen Wiesengrund. Die Sonne sandte ihre Strahlen durch Äste und Zweige und warf Streifen auf den Staub des Weges. Es gab keinerlei Hinweis darauf, wer diese Spaziergängerin war und welches Ziel sie ansteuerte. Es war einfach der Boden und die Allee der Bäume, die mir beim Anschauen des Bildes den Eindruck einer Zusammengehörigkeit und friedlichen Einheit vermittelt haben.

Das Bild muss wohl längere Zeit auf mein Gemüt eingewirkt haben, denn auf einmal hatte ich das Gefühl, dass diese Stimmung auf einem Weg schon einmal von einem Dichter in Versen eingefangen worden war. Und tatsächlich - meine Erinnerung brachte etwas längst vergessen Geglaubtes zutage: »Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn« (J. W. von Goethe). Es war mir, als wäre ich selbst die Person der Spazier­gängerin und nähme den Duft der Zweige und das Rauschen der Blätter wahr. Ich selbst hatte mich innerlich sozusagen »auf den Weg gemacht«, einem mir noch unbekannten Ziel entgegen. Ist es im Grunde nicht mein eigenes Ich, das sich seit meiner Geburt auf einen Weg begeben hat, von einem Ort zum anderen, von einer Stufe der Entwicklung und Erkenntnis zur nächsten?

Der Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar meint, ein Spaziergang - diese kleine Flucht aus dem Alltag - sei »das Archaischste, was wir tun könnten«. Das heißt doch, dass hier unser eigentliches Menschsein deutlich spürbar würde, völlig zweckfrei und ohne Zielsetzung. Wie so viele Zeitgenossen gingen wir spazieren einfach deshalb, weil wir uns dabei wohlfühlten. Schon als kleines Kind drängt es uns hinaus ins Freie, in die Ungebundenheit, Fülle und Wei­te. Wir schöpfen neue Kraft und sammeln neue Erfahrungen.

Eine Weiterführung dieses Gedankens ist es, wenn wir uns »auf den Weg machen«, wenn eine Absicht uns erfüllt. Dann haben wir in der Regel eine Reihe von Dingen durch unser Denken bereits in unserem Kopf vollzogen: die Vorbereitung, den Austritt aus dem Gewohnten des Alltags, die Entscheidung für ein Ziel und für den Weg dorthin, für einen Zweck oder eine Aufgabe.

Unwillkürlich denke ich dabei an das Aufbrechen meiner Vorfahren, die sich von einem aus­kömmlichen und gesicherten Dasein aus aufmachten, das Ziel einer christlichen Gemeinschaft im früheren Russland oder im fernen Palästina zu erreichen. Wo wir jetzt auch leben mögen, meist hat eine Generation vor uns schon einen Aufbruch dieser Art erlebt. Wir heute Lebenden können uns im Allgemeinen keine genauen Vorstellungen darüber machen, was dieses Unterwegs-Sein an Vorarbeiten, an Umstellungen, an Neubestimmungen wohl bedeutet haben mag. Im Lesen von Lebensberichten und in der Erforschung des Lebens unserer Vorfahren können wir aber nachträglich Kenntnis vom ursprünglichen Impuls ihres Strebens erlangen. Oft stellt sich dabei heraus, dass diejenigen, die sich da auf den Weg begaben, sich meist nicht bewusst darüber waren, wo dieser Weg sie am Ende hinführen würde. Sie haben schwere Hürden zu bewältigen gehabt und neue, unbekannte Richtungen ihres Lebens einschlagen müssen, haben aber meistens damit etwas Positives erreicht. Insoweit ist also die Erkenntnis wohl berechtigt, dass der Weg oft schon das Ziel ist und das Aufbrechen auf einen Weg das eigentlich Wichtige.

Der oben erwähnte Promenadologe Bertram Weisshaar beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem »Gehen«. Er spürt dem nach, wie sich unsere Wahrnehmung verändert, wenn wir uns auf einen Weg begeben, wie wir den Raum sozusagen begreifen lernen und warum Spazier­gänge so wichtig für unser Inneres sind. Es benötigt oft nur eines kleinen Anstoßes, damit wir die Welt um uns herum erkunden und uns am Ende auf einen Weg machen. In Märchen und Legenden wird dies auf vielfältige Art beschrieben, sie befassen sich häufig mit dem Gehen, Weggehen oder Weitergehen, meist ist es eine einzelne Person, die sich in ihnen auf den Weg macht.

Sich auf den Weg machen - wenn wir die Redewendung genau betrachten, steckt darin nicht nur das einfache Spazierengehen, sondern das Fassen eines Entschlusses. Wenn wir uns dann auf dem Weg befinden, sind wir uns nachträglich immer eines Zwecks und Ziels bewusst gewesen. Diesen Zusammenhang habe ich oft gespürt, wenn ich Lebensberichte von Freunden oder Verwandten gelesen oder von ihnen gehört habe. Es fand sich darin fast immer die Aussage, meist erst hinterher, dass ihr Leben ein Weg gewesen sei, der sie zu etwas Wert- und Zweckvollem geführt habe. Es habe sich zwar viel Unvorhergesehenes auf diesem Weg ereignet, doch dieser Weg sei für sie wie vorherbestimmt gewesen.

Ich habe mit einem Dichtervers von Goethe begonnen, nun möchte ich mit einem ebensol­chen von Joseph Victor von Scheffel schließen: »Wohlauf, die Luft geht frisch und rein, wer lange sitzt, muss rosten; den allersonn‘gen Sonnenschein lässt uns der Himmel kosten.«

Peter Lange

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Kraft, Liebe und Besonnenheit

(2. Timotheusbrief 1,7)

Furcht - oder gar Angst - kennt jeder. Sie ist vielfältig und jeder, der schon einmal Angst gehabt hat, weiß: Angst lähmt, blockiert unser Denken. Aber, meint der Autor des Timotheusbriefes, dagegen hilft uns der Glaube. Genau sagt er: "Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit!" Soll heißen: Ängste entwickeln wir aus einer Schwäche aus uns selbst. Was uns aber von Gott zukommt, ist ein anderer Geist, nämlich der der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Wenn wir diesen Geist zulassen, ihm vertrauen, dann wird es uns auch gelingen, gegen unsere Angst anzugehen.

Und auch das haben wir alle schon erlebt: wenn wir uns etwas zutrauen, fließt uns auch Kraft dafür zu. Oft staunen wir im Rückblick, wofür wir die Kraft gefunden haben: wenn wir geglaubt haben, uns wächst eine Situation über den Kopf, dass wir ihr nicht standhalten können; wenn wir etwas Schweres erlebt haben, das uns allen Lebensmut genommen hat. Und dann ist uns doch die Energie zugeflossen, die Herausforderung zu bestehen - vielleicht, indem wir Kreativität entwickelt haben, Neues oder Anderes zu versuchen, um uns selbst oder anderen zu helfen.

Aber die Kraft, die uns zur Verfügung steht, will auch mit Bedacht eingesetzt sein, damit sie keinen Schaden anrichtet - mit unserem Elan könnten wir leicht über das Ziel hinausschießen. Dagegen hilft der Geist der Liebe und der Besonnenheit. Die Liebe kennt weder Egoismus noch Selbstsucht, sondern hat immer auch den anderen im Blick. Aber gerade auch die Besonnenheit ist beim Einsatz unserer Kräfte ein wichtiges Hilfsmittel. Sie hilft uns, Situationen emotionslos zu betrachten und unser Verhalten abzuwägen.

So empfinde ich diese Stelle als Zuspruch gerade auch in unserer augenblicklichen beson­deren Zeit: wir sollten uns nicht vor dem Corona-Virus fürchten, sondern besonnen die Sicherheitsmaßnahmen befolgen - auch, wenn wir sie schon lange leid sind. Wie viele kreative Kräfte wurden durch die uns auferlegten Beschränkungen frei, in denen sich der Geist der Liebe zeigt: unzählige Menschen kaufen für ältere Nachbarn ein; Menschen, die ihre Ge­schäfte haben schließen müssen, helfen bei der Kranken- oder Altenpflege aus, weil das Pflegepersonal hoffnungslos überlastet ist. Verschiedene Corona-Spendensammlungen wur­den eingerichtet, um Obdachlose, Tafeln, Kunstschaffende, ... zu unterstützen - das Hilfsange­bot im Internet ist überwältigend.

Mögen wir im Vertrauen auf die uns innewohnende Kraft und die, die uns zusätzlich zu­kommt, unseren Lebenskrisen begegnen, sie bewältigen und nach unseren Möglichkeiten auch anderen dabei helfen!

Karin Klingbeil

Der Anfang der Tempelgemeinde in Sydney

und der Beitrag von Gustav und Meta Beilharz

Was für Werte vermittelt und befördert unsere Gesellschaft? Wo finden junge Menschen gute Beispiele für Integrität und Treue in dieser Zeit, in der es vielfach mehr um die Ausbeutung von Mensch und Natur zu gehen scheint als um den Einsatz für das Gemeinwohl?

In der TG haben wir zum Glück viele gute Beispiele. Für mich waren das in erster Linie meine Eltern, Gustav Beilharz (1908-1985) und Meta geb. Krafft (1911-2012). Als Teenager war mir bewusst, dass sie beide hart arbeiten mussten, um nach dem Krieg eine neue Existenz zu gründen und uns drei Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen. Jedoch erst 2012 bei einer Templer-Gruppenreise nach Israel haben wir erfasst, was unsere Vorfahren dort aufgebaut hatten. Und als dann die Tagebücher und Briefe nach dem Tod meiner Mutter in meine Obhut kamen, verstand ich, was meine Eltern motiviert und was ihnen die Kraft gegeben hatte.

Inschrift "Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen" (Foto: Privat)
Foto: Privat

Gustavs Großvater, Christian Beilharz, war mit der Tempelgründer-Generation nach Haifa ausge­wandert. Es war eine Familie von Baumeistern und Christians solides Steinhaus steht heute noch. Über der Tür ist eingemeißelt Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen (Josua 24,15) - und einige von Christians Nachkommen haben sich das zu Herzen genommen. Einer davon war Gustav.

Besuch der Tempel-Schule, 1924 Konfirmation, Anstellung bei der Tempel-Bank, Eheschließung mit der lebhaften Meta Krafft, die Geburt von Rolf 1936, dann von mir (Herta) - das Leben in der schönen Tempelgemeinde Haifa war gut. Dann brach der Zweite Weltkrieg aus und brachte Sorgen, Trennung, Unsicherheit und ein Leben hinter Stacheldraht. Gustav durfte viele Monate lang seine Familie und den kleinen Hartmut, der in einem anderen Internierungslager zur Welt gekommen war, nicht sehen. Dann kam der Transport ins Ungewisse, nach Australien.

Während der sieben Jahre in Internierung, fünf davon in Australien, war Zeit zum Nachden­ken: über den Sinn des Lebens, Krieg und Frieden, Propaganda und über Ziel und Zweck der Tempelgesellschaft. Kann die TG fortbestehen? Wie und wo?

Diejenigen, die Templer-Sein nur mit Deutsch-Sein gleichsetzten, hatten große Zweifel, denn im Jahr 1945 war Deutschland zerstört. Andere waren fest entschlossen, sobald wie irgend möglich zusammen neue Gemeinden ins Leben zu rufen. Da ihr Eigentum in Palästina verloren und ihnen die Rückkehr verwehrt war, hatten sie nicht viel mehr als Glaube, Hoffnung, Familie und Freunde und den Willen, fleißig zu arbeiten und einander zu unterstützen.

Das erste Treffen von aus der Internierung entlassenen Templern fand am 3. November 1946 in einem Anwesen statt, das die Familien Gustav Beilharz, Wilhelm Minzenmay und Paul Gohl gemietet hatten. Wie haben die neu entlassenen Menschen sich wohl untereinander verständigt, um dieses Treffen zu organisieren? Keiner hatte Auto oder Telefon. Und wie schwer muss es gewesen sein, sich überhaupt eine Zukunft vorzustellen? Ein Foto von diesem Treffen zeigt 20 Erwachsene und sechs Kinder.

Familie Beilharz zog auch nach Sydney, wo Paul Gohl bereits Arbeit und eine Wohnung gefunden hatte, in der zehn Menschen nun zusammengepfercht lebten. Gustavs kleines Ge­schäft, das sehr willkommene Lebensmittelpakete an Verwandte in Übersee versandte, hatte auf längere Sicht keine Zukunft. Aber Arbeitsplätze gingen natürlich zuerst an zurückkehrende australische Soldaten.

Endlich fand Gustav feste Arbeit in einem privaten Zoo, mit Unterkunft in einem leer stehen­den Ballsaal - primitiv, fast wie im Lager, aber mit herrlicher Aussicht auf Middle Harbour. Trotz Kommunikationsschwierigkeiten wurden monatliche Treffen in der deutschen lutherischen Kirche in der City organisiert. Man kannte den Pastor und einige der Gemeindemitglieder aus Tatura. Eine Zeitlang bestand eine gemeinsame Jugendgruppe. Ansonsten besuchte man am Wochenende Freunde und Verwandte, um Verbindungen aufrecht zu erhalten.

Gustav wurde 1950 zum Gemeindeleiter gewählt und vertrat die 159 Templer in New South Wales bei der Gebietsleitung in Melbourne. Er hielt die monatlichen Gottesdienste. Wenn er von seiner körperlichen Arbeit nicht zu erschöpft war, las er religiöse Bücher und machte sich Gedanken darüber, wie er seine Zuhörer wohl erbauen könnte. Die Mitglieder waren nicht immer von seinen Worten angetan, aber soviel ich weiß, war mit wenigen Ausnahmen niemand sonst dazu bereit. Gustav hielt Trauerfeiern, weil es jemand tun musste. Als sein Arbeitgeber festgestellt hatte, dass er zuverlässig war, durfte "Gus" vor- oder nacharbeiten, wenn er wegen einer Beerdigung einige Stunden weg musste. An seinem freien Tag besuch­ten er und Meta kranke oder einsame Mitglieder.

Es war auch Gustav, der mit den anderen deutschen bzw. österreichischen Vereinen und Kirchengemeinden und dem deutschen Konsulat in Verbindung stand. 1967 gehörte er zu den ersten Templer-Ältesten, die offiziell Eheschließungen vornehmen durften. Als 1953 der Deutsch-Australische Hilfsverein gegründet wurde, war er dabei. Auch Meta half dort aus, nachdem ihr Onkel Philipp Krafft und dann seine Frau Amalie geb. Lendholt gestorben waren, die über Zypern gekommen waren und um die sie sich 12 bzw. 15 Jahre gekümmert hatte.

Im Hilfsverein hörte Meta von erschütternden Schicksalen weiterer deutscher Einwanderer - das machte sie froh und dankbar, zu einer Gemeinschaft zu gehören. »Ich habe so viel im Hilfsverein gelernt« schrieb sie. Gustav und Meta nahmen zwei verwaiste deutsche Geschwis­ter bei uns auf, Teenager aus völlig anderen Verhältnissen - neue Erfahrungen für Meta.

Das schöne alte »Kirchle« in Meadowbank, das für die verstreut in Sydney wohnenden Templer zen­tral gelegen war, wurde 1961 gekauft. Arbeitspläne zum Saubermachen, Bestuhlen, Aufräumen, Ra­senmähen, Kaffeekochen usw. wurden erstellt. Der Frauenverein traf sich einmal im Monat, da wurden Vorhänge genäht und dann allerlei Hübsches für den Adventsbasar hergestellt; der erste fand 1962 statt. Gemeinde-Picknicks und Bunte Abende wur­den organisiert.

Bei den Gottesdiensten spielte Meta Klavier. Sie übte schnell, ehe es losging, und schluckte die Kritik wegen der Fehler, die sie machte - sie hatte ja 20 Jahre lang kein Klavier anrühren können. Sie war froh, als jemand anderes die Klavierbeglei­tung übernahm. Dem Herrn und der Gemeinde zu dienen forderte Kraft und Nerven, aber die beiden schafften es pflichtbewusst gemeinsam, ermutigten, gaben Rat, halfen, wo es nötig war - viel mehr, als ich es damals wahrnahm. Ich dachte, das sei normal. Seither ist meine Achtung für ihren Einsatz enorm gestiegen, ebenso für Ausdauer, Mut und Großzügigkeit, die sie und andere Templer zeigten.

Jahrzehnte später hatten die Menschen in Australien mehr, schienen jedoch eigentlich nicht glücklicher zu sein. Viele Ratgeber empfahlen, sich selbst zu lieben und zu verwöhnen, und die Werbung ergänzte »Sie sind es wert!« Dabei wurde aber der Dienst am Nächsten vernachlässigt - nicht nur ich sondern wir. »You may be good, but what are you good for?« (»Du magst wohl gut sein, aber wozu bist du gut?« fragt Stephen B Covy in The Seven Habits of Highly Effective People). Hmm...

Mit Hellmut Baumert kam 1978 neue Energie in die Gemeinde Sydney. Sein plötzlicher Tod 1980 war ein tragischer Verlust, aber die Gruppe bemühte sich, weiterzumachen, von Mel­bourne unterstützt, wenn möglich. Inzwischen waren auch noch etwa sechs junge Mitglieder zur Gemeinde Melbourne übergewechselt.

Gustavs zunehmende Verwirrtheit war ebenfalls traurig. Meine Eltern zogen 1981 ins Alters­heim in Bayswater. Gustavs kleine, aber innerlich starke Frau stand ihm treu zur Seite. »Ich habe mich sehr über Gustel geärgert, als er anfing, wie aus Bosheit ganz seltsame Sachen zu machen. Als ich dann erfuhr, dass er an Alzheimer litt, an einer Krankheit, über die er keine Kontrolle hatte, beschloss ich, ihn weiter lieb zu versorgen, so gut ich konnte,« erzählte sie mir - ein bewusster und mutiger Entschluss. Wieder brauchte sie Vertrauen und den Willen zum Durchhalten, zum gut und »gut zu etwas« sein - und es hat sie fast umgebracht. Wir sind sehr dankbar, dass sie, als sie sich nach Gustavs Tod im Jahr 1985 wieder erholt hatte, noch viele Jahre ihr Leben genießen und an allem in der Tempelgemeinde teilnehmen konnte.

Viele der guten Eigenschaften, die ich an meinen Eltern beobachtet habe, habt ihr vielleicht auch an euren Verwandten wahrgenommen. Diese Templer waren keine Heiligen, aber sie brachten enorme körperliche und geistige Kraft auf, um so zu leben, wie sie ihre »Verant­wortung vor Gott« verstanden: so freundlich, hilfreich und mitfühlend wie möglich zu sein im Vertrauen darauf, dass ihnen der Mut und die Kraft gegeben würde, das zu leisten, was der Verwirklichung der harmonischen Zustände, die wir mit dem Reich Gottes auf Erden be­zeichnen, dienen würde. Das, was unsere Vorfahren über ihrer Haustür hatten einmeißeln lassen.

Mögen sie in Frieden ruhen. Und mögen auch wir ehrlich zu uns selbst sein und das Beste aus uns machen.

Herta Uhlherr (englisch im November 2020 in »Templer Reflections: Virtues« erschienen)

Die deutsche Gesellschaft entscheidet

In diesem Jahr werden 1700 Jahre deutsch-jüdische Geschichte gefeiert. Es gab grandiose Phasen des Einklangs und düsterste bis zur Vernichtung. Gelingt die Renaissance?

Wir sind stolz auf die deutsch-jüdische Vergangenheit. Dafür stehen glänzende Namen: Moses Mendelssohn, Heinrich Heine, Walther Rathenau, Martin Buber, Nelly Sachs, Albert Einstein ... - es sind 1700 Jahre. Dennoch begingen Deutsche den Völkermord an den Juden Europas. Wie war dies möglich? Eine Rückschau auf die deutsch-jüdische Geschichte zeigt die widerstreitenden Kräfte des Verbindenden und der Zerstörung.

Rafael Seligmann, Im November erschien sein Roman »Hannah und Ludwig. Heimatlos in TEL AVIV«, Verlag Langen Müller

 

Dieser Artikel ist für die Internetausgabe der »Warte« leider nicht freigegeben. Lesen Sie den vollständigen Artikel in der gedruckten Ausgabe der »Warte« oder in »Publik-Forum«, kri­tisch - christlich - unabhängig, Oberursel, Ausgabe 1/2021, Seite 10.

Philipp Wurst - Tempelvorsteher in schwieriger Zeit

Vor achtzig Jahren, am 7. Februar 1941, starb Tempelvorsteher Philipp Wurst in der Internie­rung in der Templersiedlung Wilhelma. Grund genug, an ihn in Dankbarkeit zu erinnern.

Philipp David Wurst wurde am 16. Juni 1882 als fünftes und jüngstes Kind der Eheleute Johannes Wurst (aus Käsbach bei Murrhardt) und Christiane Barbara geb. Rohrer (aus Neuffen) in Jerusalem geboren. Sein Onkel war der spätere Tempelvorsteher Christian Rohrer; sein ältester Bruder Timotheus (Tim) war später deutscher Konsul in Haifa und Direktor der Palästinabank. Schon mit einem Jahr verlor Philipp seinen Vater, der an Typhus starb und eine völlig mittellose Familie hinterließ. Mit großer Energie und eiserner Sparsamkeit bewältigte die Witwe diese Existenzkrise. Philipp Wurst besuchte das Lyzeum Tempelstift in Jerusalem und von 1897 bis 1901 das Lehrerseminar in Esslingen. Anschließend kehrte er nach Jerusalem zurück und wurde Lehrer an der dortigen Templerschule. Dreimal in der Woche erteilte er zudem naturwissenschaftlichen Unterricht am jüdischen Lehrerseminar in Jerusalem (»Lämel­schule«), gab Musikunterricht und betrieb umfangreiche Studien, um ein Buch über die Pflanzenwelt Palästinas herauszugeben. Das Manuskript wurde 1913 fertiggestellt, wegen des Ersten Weltkriegs unterblieb jedoch die Drucklegung; erst 1930 erschien das Buch auf Deutsch.

1910 vermählte sich Philipp Wurst mit Emma, der jüngsten Tochter des damaligen Tempel­vorstehers Christoph Hoffmann II; das Ehepaar hatte sieben Kinder, von denen zwei noch in Australien leben (Hulda Wagner und Ilse Birkner). 1917 wurde Philipp Wurst zum Militär eingezogen und geriet beim Zusammenbruch der Palästinafront in Gefangenschaft. Erst 1920 kehrte er als Mitglied der Wiederaufbaukommission nach Palästina zurück und wurde prompt für eine Tätigkeit in Haifa und Betlehem verpflichtet. Im Oktober 1920 zog die Familie nach Haifa um, wo Philipp Wurst dann 16 Jahre als Lehrer an der Kolonieschule, als Vorsteher der örtlichen Tempelgemeinde und als Bürgermeister der deutschen Gemeinde wirkte. Ab 1923 war er zudem Stellvertreter des Tempelvorstehers und musste als Mitglied der Zentralleitung einmal im Monat nach Jerusalem; außerdem wirkte er auch in Betlehem am Ältestendienst mit. Als wäre diese Fülle an Aufgaben nicht genug, leitete er auch noch den Männerchor in Haifa.

Philipp Wurst bei der Sitzung des Tempelrats am 12. Januar 1935 (Foto: TGD-Archiv)
Foto: TGD-Archiv

Nach dem Tod Christian Rohrers wurde er vom Tempelrat am 13. Januar 1935 zum neuen Tempelvorsteher gewählt. Bezeichnend für seine innere Haltung waren die zeitlosen Worte, mit denen er sich bei der Amtseinführung in den Dienst der Gemeinschaft stellte: »Wir sagen, die Bereitwillig­keit des Einzelnen, sich in den Dienst des Zieles der Aufrich­tung des Reiches Gottes zu stellen, sei das Bekenntnis, das wir von jedem Mitglied fordern, und es ist mir tiefster Ernst, wenn ich mich jetzt dazu bekenne. Bewusst wollen wir uns gerade in der großen Zeit, in der wir leben, auf die Persönlich­keit Jesu als unseres geistigen Führers einstellen. Er ist der Weg, er ist unser richtunggebendes Ziel! Den Glauben, dass das Trachten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Ge­rechtigkeit den wesentlichsten Auftrag an die Menschheit ent­hält, den wollen wir festhalten und dem wollen wir alle in un­serem Leben nachzukommen versuchen. Das soll das Band sein, das die Mitglieder der Gesellschaft zusammenhält und zusammenführt.«

Zwischen den Zeilen kann man hier den Richtungsstreit erkennen, der zuvor im Tempelrat wegen einer Satzungsdiskussion geherrscht hatte: Um den Zusammenhalt der Gemeinschaft zu stärken, versuchte Dietrich Lange, in der Satzung dem Führerprinzip »ähnlich wie im Staatsleben Deutschlands« zum Durchbruch zu verhelfen. Philipp Wurst setzte sich hingegen mit seinem Entwurf durch, der weiterhin das religiöse Grundanliegen der Tempelgesellschaft betonte. Bei derselben Sitzung wurde übrigens auch beschlossen, die Schriftleitung der »War­te« wieder nach Jerusalem zu verlegen, um sie einer politischen Einflussnahme im Sinne der NS-Ideologie zu entziehen, mit der der seitherige Schriftleiter Dietrich Lange offen sympathi­siert hatte.

Philipp Wurst trat sein neues Amt in einer schwierigen Zeit an: In Palästina nahmen die Streitigkeiten zwischen den eingewanderten Zionisten und den ansässigen Arabern laufend zu; die außenpolitischen Spannungen zwischen der Mandatsmacht Großbritannien und Hitler-Deutschland wirkten sich ebenfalls aus. Intern mussten sich die Templer der Vereinnahmung durch die NSDAP und ihrer Gefolgsleute in den eigenen Reihen erwehren. Philipp Wurst, der gegenüber dem Nationalsozialismus eine distanzierte Haltung einnahm, verwahrte sich gegen­über den örtlichen Funktionären der Partei gegen jede Einmischung in die religiösen Angele­genheiten seiner Gemeinschaft.

Nach dem Umzug nach Jerusalem 1936 blieb Philipp Wurst angesichts der Fülle der neuen Aufgaben keine Zeit mehr für die Ausübung des Lehrerberufs. Als der Krieg 1939 ausbrach, blieb er zunächst in Jerusalem, bis er dann zusammen mit sei­ner Familie im Mai 1940 in der Tempelsiedlung Wilhelma inter­niert wurde. Dass die Templer überhaupt in ihren landwirt­schaftlichen Siedlungen Sarona, Wilhelma, Betlehem und Waldheim bleiben durften, hatten sie nicht zuletzt Philipp Wurst zu verdanken, der die Engländer von dem ursprüngli­chen Plan abgebracht hatte, sämtliche Palästinadeutsche in einem gro­ßen Militärlager in Transjordanien am Rande der Wüste unter­zubringen. In Wilhelma erlitt Philipp Wurst am 20. Januar 1941 einen Schlaganfall, welchem eine Lungenentzündung folgte, der er am 7. Februar 1941 erlag. Er wurde auf dem Templer­friedhof in Wilhelma beerdigt. Als dieser Friedhof Anfang der 1970er Jahre aufgelassen wurde, wurden seine sterblichen Überreste wie die der anderen Toten in das Sammelgrab auf dem Jerusalemer Templerfriedhof umgebettet. Da er im Unterschied zu seinen Vorgängern über keinen eigenen Grabstein im Heiligen Land verfügte, wurde 1997 ein Gedenkstein für ihn auf dem Templerfriedhof Jerusalem errichtet.

Jörg Klingbeil

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