Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 177/1 - Januar 2021

 

 

Zum Neuen Jahr - Karin Klingbeil

Und hätte der Liebe nicht - Ulrich von Hasselbach

Seid barmherzig - Jörg Klingbeil

Glücklich leben - Hannelore Oetinger

Die Schrecken des unsichtbaren Winzlings - Peter Lange

»Hinaus ins Weite« - Reformprozess der EKD - Jörg Klingbeil

»Lichtblicke« : Solarstrom für Afrika - Karin Klingbeil

 

Sonnenaufgang am See Genezareth,
 Foto: Jörg Struve

 

»Sei geduldig, wenn du im Dunkeln sitzt. Der Sonnenaufgang kommt.«

(Mevlana Dschelaluddin Rumi, persischer Sufi-Mystiker, 1207-1273)

 

Nach einem Jahr, das uns zu drei Vierteln mit der Corona-Pandemie beschäftigt hat, in dem wir Restriktionen erlebt haben, die wir uns für Friedenszeiten zuvor nicht haben vorstellen können, gehen unsere ganzen Wünsche für das neue Jahr dahin, wieder zu einer Normalität zurückkehren zu dürfen, in der wir uns wieder unbeschwert begegnen, wieder runde Geburts­tage, Hochzeiten und andere Jubiläen feiern, wieder Veranstaltungen jeglicher Art besuchen können. Die Sehnsucht danach ist groß.

Alle Hoffnungen liegen im neuen Jahr, das gerade begonnen hat. Der Eintritt in ein neues Jahr wird jedes Mal auch mit einem Neubeginn verbunden, und der Sonnenaufgang ist ein Symbol dafür. Er gehört zu den faszinierendsten Vorgängen in der Natur und ereignet sich tagtäglich an allen Orten dieser Welt. Auch wer schon viele Sonnenaufgänge erlebt hat, kann sich nicht an dem meist farbenreichen Schauspiel sattsehen. Wer wäre nicht schon einmal extra früh aufgestanden, um - vielleicht! - einen besonders schönen Sonnenaufgang zu erle­ben, den die Kulisse in den Bergen oder am Wasser (und im Urlaub!) noch zusätzlich verschönerte! Es ist ein ganz eigenes Erlebnis, wenn man beispielsweise im Dunkeln auf einen Berg aufgestiegen ist, dann die Morgenröte erscheint und das Dunkel auf wundersame Weise schwinden lässt, und die Sonne dann in einem unvergleichlichen Farbenspiel über den Horizont tritt. Der magische Moment dauert nicht lange, denn sobald die Sonnenscheibe auch nur ein Stück weiter aufgestiegen ist, ist der Zauber vorbei und das helle Morgenlicht bescheint die Szenerie - ohne Geheimnis, ohne weiteres Versprechen. Aber dafür können wir dann sehen, dass unsere Möglichkeiten bis zum Horizont reichen ...

Wir wissen bei Regen, dass danach die Sonne wieder scheinen wird. Wir wissen beim Fallen der Blätter, dass es wieder blühen wird. Wir wissen bei Nacht, dass ein neuer Morgen kommen wird. Alle Abläufe auf dieser Erde zeigen uns, dass nichts von Dauer ist, sondern dass unser Leben in einander ablösenden Phasen verläuft und wir glaubend darauf vertrauen können, dass auf Dunkelheit immer Licht folgen wird.

Aber Kahlil Gibran sagt auch: »Nur auf dem Pfad der Nacht erreicht man die Morgenröte.« Dunkelheit und Leid müssen wir durchstehen, bevor es wieder hell wird und sich uns neue Chancen bieten. Aber wir können die Nacht auch als notwendige Pause ansehen, in der wir unsere Kräfte wieder sammeln und uns neu sortieren können. Ob und wie wir diese Botschaft annehmen und deren Energie für den neuen Tag nutzen, liegt an uns.

Kein Leid dauert ewig, auch nicht eine Pandemie. Wir wünschen allen Lesern, dass sie möglichst unbeschadet daraus hervorgehen, sich im besten Fall auf die eine oder andere Weise neu orientieren konnten und das neue Jahr mit viel Energie und Zuversicht angehen!

Karin Klingbeil

Neujahrslied

Mit der Freude zieht der Schmerz

traulich durch die Zeiten.

Schwere Stürme, milde Weste,

bange Sorgen, frohe Feste

wandeln sich zur Seiten.

 

Und wo eine Träne fällt,

blüht auch eine Rose.

Schon gemischt, noch eh wir‘s bitten,

ist für Throne und für Hütten

Schmerz und Lust im Lose.

 

War‘s nicht so im alten Jahr?

Wird‘s im neuen enden?

Sonnen wallen auf und nieder,

Wolken gehn und kommen wieder,

und kein Wunsch wird’s wenden.

 

Gebe denn, der über uns

wägt mit rechter Waage,

jedem Sinn für seine Freuden,

jedem Mut für seine Leiden

in die neuen Tage.

 

Jedem auf des Lebens Pfad

einen Freund zur Seite,

ein zufriedenes Gemüte

und zu stiller Herzensgüte

Hoffnung ins Geleite.

 

Johann Peter Hebel (1760 - 1826)

Und hätte der Liebe nicht

Ein unentbehrliches Kapitel

Das 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes ist eine Kostbarkeit des Neuen Testaments. Es verbin­det besondere Schönheit der Sprache mit einer an ein Gedicht oder eine Hymne erinnernden Geschlossenheit, und sein Inhalt ist von großer Tiefe und Aussagekraft.

Es fällt aus dem Rahmen der übrigen Kapitel paulinischer Briefe. Man hat deshalb gefragt, ob es Paulus selbst verfasst hat oder ob er es vielleicht als ein schon fertiges Ganzes vorge­funden und in seinen Brief an die Korinther eingefügt hat. In jedem Falle ist wichtig, dass die Gemeinde, aus der heraus es erwachsen ist, und in deren Rahmen es gestaltet wurde, offen­bar die Liebe als den höchsten Wert ihres Christseins empfunden und das Neue daran als eine ganz besondere Kraft in ihrer Gemeinsamkeit erfahren hat.

Eines fällt bei diesem Kapitel auf: Wo von Glauben die Rede ist, geht es nicht um das, was gerade für Paulus von so entscheidender Bedeutung war, nämlich um die persönliche Annah­me des erlösenden Heilsgeschehens am Kreuz. Vielmehr geht es um das, was Jesus gemeint hat, wenn er vom Berge versetzenden Glauben sprach, nämlich unbedingte, ja wagende Zuversicht: »Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.« Und nach erfolgten Heilungen: »Dein Glaube hat dir geholfen.« Im zweiten Vers jenes 13. Kapitels wird Jesus ausdrücklich zitiert: »Wenn ich allen Glauben hätte, also dass ich Berge versetzte«. Aber dann heißt es weiter: »und hätte der Liebe nicht, so wäre es nichts.« Und damit wird die Liebe über alles gestellt. Und das ist wohl nur möglich, weil diese Liebe wirklich von Jesus her in diese Gemeinde und auch zu Paulus gekommen war. Anders gesagt, wäre nicht die Liebe als der große neue Impuls von Jesus ausgegangen, so hätte unser Kapitel kaum entstehen können. Es ist also nur mittelbar, aber doch sehr eindringlich eine Bekundung des Wesens, des Wol­lens und Wirkens Jesu.

Und damit ist es eine unentbehrliche Ergänzung des Evangelisten. Denn in denen, jeden­falls in den drei ersten Evangelien, den älteren, die in der Wiedergabe des Lebensbildes Jesu im Wesentlichen übereinstimmen, ist von der Liebe überraschend wenig die Rede. Sicher, ein liebevolles Verhalten Jesu begegnet uns in vielen Berichten. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist in seiner Forderung eindeutig, und in den uns heute so bedeutsam gewordenen Abschnitten der Bergpredigt geht es ja auch um die Liebe. Dagegen ist das bekannte Gebot »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« nicht von Jesus formuliert. Er hat es aus sehr viel älteren Quellen übernommen, er hat es nur über die Grenzen, die einengenden Gren­zen der Volks- und Glaubensgenossen hinaus geweitet zu allen Mitmenschen, zu allen Nächsten hin.

Warum in den drei ersten Evangelien so wenige Worte Jesu über die Liebe erhalten und übermittelt sind, ist schwer zu sagen. Was im 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes über die Liebe in so unvergleichlich schönen Worten gesagt ist, findet sich in den Evangelien kaum. In diesem Kapitel hier aber, in allem, was es uns sagt, ist der Geist Jesu spürbar und gegen­wärtig. Da sind seine Weisungen, seine Impulse lebendig. Und so wissen wir und sind aufgerufen, das in unserem Leben zu verwirklichen, was Paulus meint, wenn er sagt: »Alle eure Dinge lasset in der Liebe geschehen.«

Aber was heißt das: »In der Liebe«? Es geht hier um ein so zentrales Anliegen, dass wir uns immer wieder darum bemühen und auch immer wieder darüber nachdenken sollten. Recht verstandene Liebe schließt sicher ein soziales Verhalten ein, aber sie erschöpft sich nicht darin. Liebe ist ohne Zweifel Mitmenschlichkeit, aber sie ist eben nicht nur Mitmenschlichkeit. Liebe wird sich immer gedrängt fühlen, anderen zu helfen. Sie wird nicht die Augen verschlie­ßen vor fremder Not. Sie wird sich zu bewähren haben im Tätigwerden für andere, im Helfen, Geben, Verzichtenkönnen. Aber dies alles macht noch nicht die Liebe aus, um die es in unse­rem Kapitel geht.

Da findet sich eine überraschende, ja geradezu provozierende Äußerung. Im dritten Vers heißt es: »Wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe, und hätte der Liebe nicht, so wäre es nichts.« Wird hier nicht alle soziale Tätigkeit als zweitrangig eingestuft? Vom Einsatz für die Benachteiligten unserer Zeit und unserer Gesellschaft bis zu »Brot für die Welt«, von Spenden für Behinderte und Sorgenkinder bis zur Hungerhilfe für die Dritte Welt. Das ist sicher, ja ganz ohne Zweifel, wichtig und notwendig, aber es ist noch nicht Liebe. Man kann durchaus »Gutes tun«, ohne gut zu sein. Das Herz kann ganz unbeteiligt bleiben bei noch so eifriger sozialer Betätigung. Und es können bei allen Unternehmungen die Menschen ganz außerhalb des Blickfeldes bleiben, um die es doch geht.

Was ist Liebe? Sie ist - so können wir es wohl sagen - eine umfassende Grundgesinnung und aus dieser Grundgesinnung heraus ein Auftun des Herzens zum anderen hin. Liebe ist in erster Linie ein Sein und dann erst ein Tun. Und was dieses Tun angeht, so sollte sich das auch nicht beschränken auf Helfen, Geben, Tätigsein, sondern es muss auch jenes so schwie­rige Handeln hinzukommen, das wir Vergebung nennen oder Versöhnung mit dem anderen. Es gehört dazu, dass wir auch den annehmen und gelten lassen, der anders ist und anders denkt als wir, der sich anders zu verhalten pflegt. Es gehört dazu, dass wir zugehen auf diesen anderen. Dabei ist es natürlich undenkbar, dass uns jeder gleich sympathisch ist. Man kann nicht jeden gleich gern haben. Man kann sich aber selbst dahin bringen, dass man niemandem gegenüber eine Mauer aufrichtet und dass man für jeden als Mitmensch zugänglich ist, in der »Liebe, die nicht das Ihre sucht.«

So ist Liebe einmal wohl helfendes Tätigsein für andere, für den Nächsten, wo immer er uns braucht, ob wir ihn nun persönlich kennen oder nicht. Und zum anderen ist sie Zuwendung des Herzens, Offensein für den anderen und sein Anliegen. Aber es gibt darüber hinaus noch ein Drittes, das zur vollkommenen Liebe gehört, wie unser Kapitel es meint, nämlich ausstrah­lende Güte. Und die können wir nicht aus uns selbst heraus bewirken, die muss uns geschenkt werden, damit müssen wir gesegnet werden, damit wir anderen ein Segen sind. Anders ge­sagt: dazu müssen wir eben Gott an uns wirken lassen, und dazu sollten wir uns anschließen an jenes Kraftzentrum der Liebe, das uns mit Jesus, dem immer Lebendigen, gegeben ist. Von dieser Liebe darf dann wohl gesagt werden: »sie höret nimmer auf«. Das Wort wird sehr oft in ganz abwegigem Sinne zitiert und etwas hineingelegt, das es gar nicht meint. Das Kraftzen­trum, von dem die Liebe ausgeht, ist unerschöpflich, und darum »hört sie nimmer auf«.

Alles andere, das uns Menschen so wichtig scheint, ist unvollkommen und vergänglich. Eini­ges davon ist in unserem Kapitel genannt: Erkenntnis und Wissen, Sprachen - und das bedeu­tet immer zugleich den dazugehörigen Kulturbereich. Aber auch Weissagungen, also Voraus­sagen, an die sich manche so gern halten, die aber auch Angst bewirken können, dies alles ist »Stückwerk«, wie Luther sagt. Diese Einsicht führt den Verfasser unseres Kapitels weiter zu einem Gedanken und einer Aussage von großer Tiefe. Er spricht von der Vorläufigkeit, von der Bedingtheit unseres Fühlens und Denkens, so lange wir auf dieser Erde sind, und aller unserer Vorstellungen. Er vergleicht unsere Situation mit der eines Kindes, eines Unmündigen. Dem entsprechen unsere jetzigen Vorstellungen. Irgendwie, irgendwann aber, werden wir, auch das ist noch Bild und Gleichnis, zum Mann werden, zum Erwachsenen, und dann werden wir diese unzulänglichen Vorstellungen ablegen, auch unsere unzulänglichen Vorstellungen von Gott. Wir können ja von ihm nicht anders sprechen als in Bildern. Bis jetzt sehen wir nur ein »Bild in einem Spiegel« und können es nicht deutlich erkennen. Dann aber werden wir ihn so kennen, wie er uns jetzt schon kennt. Denn wir werden ihm unmittelbar gegenüberstehen.

»Dann aber«, wann wird das sein? Vielleicht irgendwann einmal in ferner Zukunft in dieser Welt? Das ist schwer vorzustellen. Für uns kommt jedenfalls das Vollkommene dann, wenn wir in den Bereich dieses Vollkommenen hinübergenommen werden, und das heißt schlicht und einfach: wenn wir sterben. Denn dann wird uns Gott begegnen, wie er ist.

Aber wenn wir dies sagen, merken wir schon wieder, wie wenig unsere Worte dem gewach­sen sind, was wir ausdrücken wollen. Wir dürfen nur hoffen über unseren Tod hinaus; und auch die Hoffnung gehört ja zu der Dreiheit, die jedes lebendige Christsein ausmacht: Glaube, Hoffnung, Liebe. Glaube in seiner dreifachen Bedeutung; einmal als Wahrnehmen und Wahr­haben des Göttlichen und Jenseitigen, dann zweitens als Annehmen der mutmachenden Zuwendung Gottes, den Jesus Vater nennt, und drittens als unbedingte wagende Zuversicht. Hoffnung im Blick auf Zeit und Ewigkeit. Und Liebe mit all dem, was ihr Wesen ausmacht und zu ihr gehört. »Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Aber die Liebe ist die größte unter ihnen.«

Ulrich von Hasselbach in »Freies Christentum«, Juni 1986

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

(Lukas 6,36)

Wir erleben den ungewöhnlichsten Jahreswechsel seit Jahrzehnten. Noch mehr als sonst liegt die Zukunft im Ungewissen. Corona zeigt, wie verletzlich unser Leben ist. Steigende Infek­tions­zahlen alarmieren uns. In einer Woche sterben coronabedingt so viele Menschen wie sonst auf unseren Straßen im ganzen Jahr. Man stelle sich nur die drastischen Gegen­maßnahmen und Proteste dagegen bei so vielen Verkehrstoten vor. Fraglos leiden viele unter den Einschränkungen des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens. Wir vermissen vor allem Begegnungen mit anderen Menschen, in der Familie, aber auch mit Alten, Kranken und Pfle­gebedürftigen. Uns fehlen Berührungen und kleine Gesten, die Mimik des Gesprächspartners. Wegen des diffusen Infektionsgeschehens liegt die Sorge um die Gesundheit, die eigene wie die anderer, wie eine dunkle Decke über unserm Alltag. Da läge das Wort des Engels aus der Geburtsgeschichte »Fürchtet euch nicht!« als mutmachende Parole eigentlich näher als das Jesus-Wort von der Barmherzigkeit, das die Jahreslosung 2021 bildet.

Allerdings werden die Jahreslosungen bereits vier Jahre im Voraus - unabhängig von der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation - ausgewählt; daher konnte die Corona-Pandemie auch noch nicht berücksichtigt werden. Dennoch kann dieser Vers aus dem Ab­schnitt »Vom Umgang mit dem Nächsten« auch ein gutes Lebensmotto in der gegenwärtigen Situation und darüber hinaus sein.

Jesus wird hier von zahlreichen Menschen umringt, die ihn berühren wollen, denn »es ging Kraft von ihm aus und er heilte sie alle« (Vers 19). Durch das, was Jesus ihnen von Gott erzählt, gewinnen sie Vertrauen und neuen Lebensmut. Viele erleben konkret seelische und offenbar auch körperliche Heilung. Sie begreifen, dass Gott sie wie ein Vater auch nach Verfehlungen wieder aufnimmt (Lk 15,11-32), und können so selbst verzeihen und barmherzig sein. Jesus verbindet den Ruf zur Barmherzigkeit zudem mit der Mahnung: »Richtet nicht«, und das können auch wir umsetzen. Rechthaberei und Unbarmherzigkeit werden keine Heilung in Krisen bewirken, auch nicht in der Corona-Krise. Auch wir können, weil wir Barmherzigkeit zuerst selbst erfahren und Gott »Vater« nennen dürfen, von dieser Kraft weitergeben. Viele warten jetzt auf einen Impfstoff wie auf eine Erlösung. Aber wir brauchen auch Heilung für unser Miteinander, wir brauchen Nachsicht und Vergebung, wenn sich nicht alle Erwartungen sofort erfüllen. Insofern könnte man Barmherzigkeit auch als einen »Impfstoff für die Seele« (Hans Christian Brandy) bezeichnen.

Jörg Klingbeil

Glücklich leben

Es gibt immer wieder Situationen, Momente, in denen ich das kleine Büchlein »Glücklich Leben« von Anna Quindlen zur Hand nehme und lese - eine kleine Lebenshilfe, der eine Rede zu Grunde liegt, die Anna Quindlen vor der Abschlussklasse eines Colleges gehalten hat.

Einer der Sätze, der sich mir besonders eingeprägt hat: »Verwechseln Sie die beiden nie, Ihr Leben und Ihre Arbeit. Das Zweite ist lediglich ein Teil des Ersten.« Und sie zitiert John Lennon: »Leben ist das, was dir widerfährt, während du damit beschäftigt bist, anderweitige Pläne zu schmieden.«

Diese Einsicht gewann Anna Quindlen schon mit 19 Jahren, als ihre Mutter an Krebs starb. Sie hatte sie davor ein Jahr lang gepflegt und dafür ihre Ausbildung abgebrochen. Kein Magister. Kein Doktor. Lehrmeister: das Leben.

Trotzdem oder gerade darum wurde Anna Quindlen eine erfolgreiche Autorin und eine der bekanntesten Journalistinnen Amerikas (Pulitzerpreis 1992).

Für sie ist Leben nicht das manische Streben nach der nächsten Beförderung, dem höheren Gehalt, dem größeren Haus und Auto.

Leben ist, wenn man den Geruch des Salzwassers bewusst einatmet, wenn man innehält, um einen Rotmilan zu beobachten, der über einer Waldlichtung kreist, oder wenn man sich Zeit nimmt, ein Baby zu beobachten, das angestrengt versucht nach etwas zu greifen.

Die Verantwortung für das eigene Leben umfasst nicht bloß das Arbeitsleben, den Verstand und das Bankkonto, sondern viel mehr noch das Herz und die Seele. »Ich bin da, höre zu und versuche zu lachen«. Und »ich wäre eine Versagerin in meinem Beruf, wenn es diese anderen Dinge nicht gäbe.«

Am Ende des Büchleins schreibt Anna Quindlen über einen ihrer besten Lehrer, einen Ob­dachlosen, den sie im Zuge ihrer Arbeit kennen lernte. Trotz allem Ärger mit der Polizei, trotz Kälte und gesundheitlichen Problemen weigerte er sich in ein Obdachlosenheim zu ziehen.

Die Beiden saßen mit baumelnden Beinen auf einem Steg am Meer. Auf die Frage warum, starrte er auf das Meer hinaus und meinte nur: »Schauen Sie sich doch nur diese Aussicht an, junge Frau. Diese Aussicht.« Die weisen Worte eines Mannes, der keinen Cent in der Tasche, kein Ziel und kein Dach über dem Kopf hatte. »Schauen Sie sich die Aussicht an! Wenn man das tut, wird man nie enttäuscht.«

Anna Quindlen, geboren 1953 in Philadelphia USA, verheiratet, drei Kinder. Bücher u.a. Le­benslinien, Kein Blick zurück, Die Seele des Ganzen.

Hannelore Oetinger

Die Schrecken des unsichtbaren Winzlings

Im zu Ende gegangenen Jahr hat die Welt Bekanntschaft gemacht mit einem bisher völlig unbekannten Krankheits-Erreger. Eine von ihm ausgehende Infektion hat von Tag zu Tag im­mer größere Kreise von Menschen erfasst und nicht nur im Ursprungsland China, sondern in nahezu allen Ländern der Erde, eine Pandemie mit für uns unvorstellbaren Folgen ausgelöst. Die Regierungen aller Staaten müssen seither zum Schutz ihrer Bevölkerungen immens ein­schneidende Beschränkungen des Alltagslebens der Menschen verordnen. Großen Teilen des Wirtschaftslebens drohen herbe Verluste und Insolvenzen.

Und alles wegen eines noch unbekannten Virus mit Namen »Sars-CoV-2« (CoV = zur Coro­na-Familie gehörender Erreger, wie auch Sars und Mers, und »-2« weil es 2002/2003 schon einmal eine Epidemie mit einem Corona-CoV gegeben hat). Die Familie und Verwandtschaft des neuen Erregers haben die Virologen inzwischen herausgefunden, nicht aber wie man dem neuen Winzling mit Abwehrmitteln zu Leibe rücken kann. Ein Hoffnungsschimmer ist die inzwi­schen weitgehend beendete Entwicklung eines neuen Impfstoffes gegen die vom Virus ausge­löste Erkrankung der Atemwege, Covid-19.

Eine Begründung dafür, wie es im 21. Jahrhundert jetzt schon mehrmals zu Epidemien, und sogar zu einer Pandemie, kommen konnte, habe ich vor kurzem in einer naturkundlichen Zeitschrift gefunden (»Gorilla« - Magazin der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt von 1858), die von den vielseitigen Naturschutz-Aktivitäten dieser Gesellschaft berichtet. Ein Textbeitrag in »Gorilla« nennt einen Auslöser dafür: die »Biodiversitätskrise«. Wie ist dieser Begriff zu ver­stehen?

In dem erwähnten Beitrag wird darauf hingewiesen, dass die Auslösung der Pandemie et­was damit zu tun hat, wie wir Menschen mit der Natur umgehen. So belegen eine Reihe von Untersuchungen, dass es damit zu tun hat, dass biologisch reiche Ökosysteme vermehrt in engeren Kontakt mit Zivilisationszonen geraten, wie es das Beispiel der Regenwälder am Amazonas zeigt, wo in letzter Zeit eine starke Nutzung durch Rodung erfolgte. Regenwälder besitzen ein großes Reservoir an Organismen und Mikroparasiten, die nun potenziell auf an­dere Arten in den bewohnten Regionen übergreifen und eventuell neue Krankheiten auslösen können. Solange wir diese Ökosysteme unangetastet lassen, ist alles schön und gut. Gefähr­lich wird es jedoch, wenn wir in destruktiver Weise in solche Ökosysteme eindringen.

Der dauerhafte Schutz natürlicher Landschaften, oder auch die Wiederherstellung von Wildnis, ist nach Ansicht der Naturschützer der beste Schutz gegen Krankheiten. So dürfte es durchaus möglich sein, dass in Zukunft durch einen »Verwandten« von Sars-CoV-2 neue Pandemien ausgelöst werden, wenn die Menschen anfangen, weitere Ökosysteme der Erde »auszuplündern«. Prof. Dr. Wolfgang Preiser von der Universität Kapstadt ist im Grunde von der jetzigen Pandemie wenig überrascht. Er hatte schon 2003 in einem Bericht Befürchtungen über den stattfindenden Wildtierhandel ausgesprochen, denn von den Wildtieren würde zwei­felsohne ein Krankheitsrisiko ausgehen. Zur Minimierung dieser Gefahr habe sich in den 17 Jahren jedoch bis heute nichts Grundlegendes geändert.

Das Traurige sei, so Preiser, dass wir heute recht gut Bescheid wüssten über die neuartigen Viruskrankheiten, dass aber die Zerstörung natürlicher Lebensräume und das Eindringen der Menschen in bislang unberührte Lebensräume unverändert fortgesetzt würden, wie auch die Jagd auf Wildtiere und der Handel damit. All dies seien Faktoren, durch die Viren in andere Tierarten übertragen würden und im schlimmsten Fall auf den Menschen überspringen könn­ten. Hohe Bevölkerungsdichte, schlechte Hygiene und rege Reisetätigkeit würden die Verbrei­tung eines Erregers beschleunigen. Insofern können wir eigentlich die gegenwärtig stattfinden­den und überwiegend kritisierten Beschränkungen im Reiseverkehr nur begrüßen, solange dies zumindest mal ein länger anhaltender Zustand bleibt.

Vielleicht wird dem Leser nun auch klarer, was das anfangs gebrauchte Schlagwort der »Biodiversitätskrise« bedeutet. Es ist damit nichts anderes gemeint als die Vielfalt alles Leben­digen auf unserem Planeten, vom unsichtbaren Winzling Virus bis zum Großwild auf der Steppe und den Riesen aus der Familie der Mammutbäume. Das Schlagwort bedeutet, dass die Erhaltung dieser Vielfalt sich in einer Krise befinde. Die Meldungen über schwindende Zahlen an Vögeln oder Insekten belegen dies. Und wir dürfen uns von den Wissenschaftlern sagen lassen, dass es neben den weitreichenden Schrecken über die Wirkung des unsicht­baren Winzlings in der Natur auch viele für unser Leben »nützliche« Viren und Kleinlebewesen gibt, was allerdings in unserem Alltag für gewöhnlich ausblendet wird.

Was nicht ausgeblendet werden darf, ist die Nützlichkeit einer Biodiversität, einer Vielfalt der Lebenserscheinungen auf der Erde, ohne die wir Menschen zum Aussterben verurteilt wären. Doch wir müssen uns gestehen, dass wir im Allgemeinen in unserem täglichen Leben eher das Einzelne und Besondere statt der Vielfalt vorziehen.

Peter Lange

„Hinaus ins Weite“ - Reformprozess der EKD

2017 hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) einen Diskussionsprozess angesto­ßen, der nun in einen Beschluss der EKD-Synode mündete. Unter der Überschrift „Hinaus ins Weite - Kirche auf gutem Grund“ wurden am 9. November 2020 zwölf „Leitsätze zur Zukunft einer aufgeschlossenen Kirche“ verabschiedet, die den Landeskirchen als Impulse für eigene Veränderungsprozesse dienen sollen.

Ausgangspunkt war die Einsicht, dass die Kirchen in Deutschland künftig weniger Mitglieder und Ressourcen haben werden und dass ihre Angebote zwangsläufig abnehmen müssen. Bereits die Studie „Projektion 2060“ hatte 2019 prognostiziert, dass sich die Zahl der Kirchen­mitglieder in den kommenden 40 Jahren halbieren wird. Neben demografischen Gründen wird als Ursache genannt, dass der christliche Glaube für viele Menschen an Relevanz verloren habe. Drei strategische Herausforderungen werden in den Leitsätzen angesprochen:

Die Abnahme personeller Ressourcen zwinge zur Schwerpunktbildung. Ebenso sei eine stärkere Zusammenarbeit erforderlich, also eher ein Netzwerk verteilter Kompetenzen von Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen.

Außenstehende sollen verstärkt einbezogen werden. Auch ökumenische Zusammenarbeit sei zu intensivieren. Doppelarbeit bei der seelsorgerlichen Betreuung, zum Beispiel in Kran­kenhäusern, solle dagegen abgebaut werden.

Die Botschaft des Glaubens sei im gesellschaftlichen Diskurs deutlicher hervorzuheben.

Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Digitalisierung, deren Notwendigkeit sich in der Coro­na-Pandemie besonders gezeigt habe. Dennoch bleibe die Kirche dem Wort und der Begeg­nung verpflichtet, natürlich auch einem verantwortlichen Umgang mit den neuen Medien.

Zu den Themen „Kirchenentwicklung“ und „Zugehörigkeit“ werden neue Formen des christ­lichen Lebens zur Diskussion gestellt. Der Wohnort werde künftig nicht mehr das einzige Kriterium für die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde sein. Hier könnten Netzwerke Entlastung und Freiräume schaffen; nicht mehr jeder müsse alles machen. Dabei müsste zwar den kirchlich besonders Verbundenen weiterhin Heimat geboten, andererseits sollen aber auch jene gewonnen werden, die bisher der Kirche fern standen, z. B. durch neue Formen geistli­cher Gemeinschaft oder Mitwirkung beim gesellschaftlichen Engagement der Kirchen, u.U. auch nur auf Zeit. Die Kirche müsse flexibler und an wechselnden Orten präsent sein. Das Gottesdienstangebot werde insgesamt kleiner und sollte deshalb besser aufeinander abge­stimmt werden.

Die Kapitel „Mitarbeitende“, „Leitung“, „Strukturen“ und „EKD und Landeskirchen“ sind wohl eher für Insider von Interesse. Viele Formulierungen erinnern hier an Managementberatungs­firmen, so etwa, wenn eine „innovationsorientierte, dynamische und verschlankte Organisa­tionsstruktur“ angestrebt wird. Ungeachtet dessen macht das Zukunftskonzept deutlich, dass die Herausforderungen angesichts der konstatierten Glaubenskrise gewaltig sind. Ob das Konzept eine Antwort auf das nach wie vor vorhandene Bedürfnis nach Religiosität bietet, wird sich zeigen. In einem Zeitungskommentar hieß es lapidar, nun sei die EKD von der Realität eingeholt worden.

Jörg Klingbeil

»Lichtblicke« : Solarstrom für Afrika

In diese Rubrik gehört unserer Meinung nach die Berichterstattung über ein Projekt in Afrika, das immer mehr Menschen mit sauberem Solarstrom versorgen soll.

In Afrika haben 60% der Menschen keinen Strom, in den Dörfern Malis sind es sogar 90%. Weder können sie Nahrungsmittel noch Medikamente kühlen, noch kennen sie Fernsehen oder Computer; qualmende Kerosinlampen spenden dürftiges Licht zur Beleuchtung oder wenn Kinder ihre Hausaufgaben machen. Solarstrom für Afrika,
 Quelle: www.africagreentec.comHier und da gibt es Dieselgeneratoren, die lärmen und klima­schädliches Kohlendioxid freisetzen, wegen der un­sicheren Treibstofflieferungen unzuverlässig sind und nur sehr teuren Strom liefern. Außerdem ko­chen Millionen afrikanische Frauen mit Holz und Holzkohle und ruinieren so nicht nur ihre Gesund­heit, sondern außerdem die letzten Wälder Afrikas und tragen zusätzlich zu einer schlechten Klimabilanz bei. Außerdem gehört Mali zu den ärmsten Ländern der Welt: 20 Millionen Ein­wohner leben auf fast der vierfachen Fläche Deutschlands, überwiegend Halbwüste und Wüste. Aufgrund des Klimawandels sind die Bauern hier durch extreme Dürren, Starkregen und Überschwemmungen bedroht; zudem treiben islamistische Terrornetzwerke ihr Unwesen.

2015 hat Torsten Schreiber aus dem hessischen Hainburg gemeinsam mit seiner malischen Frau Aida die Firma Africa Greentec gegründet. Die Initialzündung kam dem gelernten Ver­lagskaufmann, als er in Bamako ein Dieselkraftwerk besichtigt hatte, das zehn Prozent des Strombedarfs der Hauptstadt deckt. Die Anlage stammt aus der Kolonialzeit, verbrennt 170.000 Liter Diesel am Tag, verpestet die Luft und erreicht dabei einen erbärmlichen Wir­kungsgrad. Nur ein Bruchteil der Energie wird zu Strom, der große Rest verpufft als Wärme.

Der Unternehmer möchte Dinge in Bewegung bringen und die Welt verändern - jetzt baut die Firma 40-Fuß-Container zu Photovoltaikkraftwerken um, stellt sie in malischen Dörfern auf und verkauft Menschen Strom, die z.T. nie welchen hatten - dazu günstigen und sauberen. Kostete die Kilowattstunde Dieselstrom bis zu einem Euro, sind es 19 Cent am Tag und dank Speicher 38 Cent in der Nacht für den Solarstrom, der bis zu 12 Stunden zur Verfügung steht, während der Dieselgenerator nur 4 Stunden in Betrieb war. Das erste Containerkraftwerk läuft seit September 2015 im malischen Dorf Mourdiah und versorgt 12.000 Menschen mit Sonnen­energie.

Die Firma gründete er als Social Business, als Unternehmen, das nicht auf Renditemaximie­rung, sondern auf große, nachhaltige Wirkung abzielt. Solarstrom für Afrika,
 Quelle: www.africagreentec.comDie Technik für sein Produkt, schlüssel­fertige Solarcontainer, die mit ausklappbaren Modu­len und leistungsstarken Lithiumbatterien für die nächtliche Stromversorgung ausgestattet sind, tüf­telten er und sein Team mit einem Duisburger Un­ternehmen aus. Die sog. Solartainer können ver­schifft werden, sind an Ort und Stelle binnen zwei Stunden aufgebaut und können in Betrieb genom­men werden. Ein intelligentes Netz verteilt den Strom über ein PrePaid Tarifsystem, das Datenana­lysen und Fernwartung ermöglicht. Komponenten für die Stromproduktion, Kühlung, Wasseraufberei­tung und Kommunikation werden clever miteinander vernetzt und befähigen Menschen, ihre Zukunft nachhaltig und selbstbestimmter zu gestalten sowie Chancen auf neue Arbeitsplätze und Einkommensmöglichkeiten wahrzunehmen, auch für die nächsten Generationen.

Ganz "nebenbei" bewirkt die Stromversorgung in den Dörfern Erfolg bei der Fluchtursachen­bekämpfung. So hatte ein 26-Jähriger aus Djoliba lange gespart, weil er aus seinem Dorf ohne ständige Stromversorgung fliehen, überhaupt das Land verlassen wollte. Er brauchte das Geld für die Schlepper, die ihn quer durch die Sahara nach Norden bringen sollten, aber als ein Solartainer am Rande des Dorfes stand, änderte er seinen Plan, entschloss sich zu bleiben, investierte sein Geld in Computer, kaufte Tische und Stühle. Jetzt hat Djoliba ein Internetcafé - und er sein Auskommen.

Ein anderes Beispiel ist ein kleiner Töpfereibetrieb, an dem neun Familien hängen. Er konn­te sich elektrische Knetmaschinen und Drehscheiben anschaffen, durch die Zeit gespart und die Produktivität gesteigert wurde. Für die Mitarbeiter lohnt sich jetzt die Tagesreise in die Hauptstadt Bamako, wo die Waren zum drei- bis vierfachen Preis verkauft werden können.

Geschichten wie diese sind der Grund, warum Torsten Schreiber so viel riskiert, denn er hat keinen Cent Förderung von staatlichen Institutionen der deutschen Entwicklungszusammen­arbeit in Anspruch genommen. Die millionenschweren Investitionsmittel warb der Unternehmer durch Crowdfunding ein. Einzig um die Absicherung gegen Enteignung und andere politische Risiken bemühte er sich hartnäckig mehr als eineinhalb Jahre lang - ein Investitionsschutzab­kommen mit Mali existiert bereits seit 1979, aber nie hatte sich jemand darauf berufen. Für die Fonds, Nachhaltigkeitsbanken, Family Offices und alle anderen Interessenten an Schreibers Anleihen ist das eine wichtige Voraussetzung, überhaupt zu investieren. Für Schreiber lohnt sich das Risiko, wenn er mit seiner Frau wochenlang Mali bereist, mit Dorfältesten und Bürger­meistern verhandelt, ihnen seine Solartainer liefert, auch in Krisengebieten Strom verkauft und sieht, wie sich das Leben der Menschen zum Positiven verändert - wie das des Internet­cafébesitzers, der von seiner Flucht absah. Weil viele Fluchtrouten durch Mali führen, ist das Land für die Bundesregierung ein Schwerpunkt ihrer Strategie, die Fluchtursachen direkt vor Ort zu bekämpfen. Allerdings sagt Schreiber: »Die Bundeswehr schickt Soldaten nach Mali, Africa Greentec schickt Strom und sauberes Wasser« - die Solartainer sind mit einer integrier­ten Anlage zur Wasseraufbereitung ausgestattet, die pro Stunde 2000 l Fluss- oder Brunnen­wasser aufbereiten können - welche die nachhaltigere Maßnahme ist, liegt auf der Hand.

Entwicklungshilfe 2.0 nennt Torsten Schreiber sein Konzept, denn während das Geld der Gebernationen für arme Staaten jahrzehntelang Abhängigkeiten geschaffen habe, geht es ihm um ein faires Geschäft auf Augenhöhe. Wo Africa Greentec ankommt, bildet das Unternehmen Menschen aus, die die Anlagen anschließen und warten können, junge, ambitionierte Men­schen, diejenigen, die sonst vielleicht fliehen würden.

Die Nachfrage ist enorm, etliche Dörfer in Mali warten auf die saubere Stromversorgung, auch im benachbarten Niger und in Somaliland sind bereits Projekte verwirklicht, es gibt Pläne für Togo und Äthiopien - und unendlich viel Hoffnung, dass mit dem sauberen Strom nachhal­tige Entwicklung auf allen Gebieten einsetzen möge. Weitere Informationen, auch zur Investi­tionsmöglichkeit sind hier zu finden.

Karin Klingbeil

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