Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 176/5 - Mai 2020

 

 

Wie können wir plausibel an Gott glauben? - Chr. Schäfer-Neth u.a.

Wie gehen wir mit Krisen um? - Karin Klingbeil

Was macht Corona mit uns? - Karin Klingbeil

Eine andere Geschichte von Palästina - Jörg Klingbeil

Beisan - die vergessene deutsche Siedlung - Jörg Klingbeil

Mit Bauernfeind nach Jaffa - Jörg Klingbeil

 

Die »Ökumenische Initiative Reich Gottes-Jetzt!« haben wir unseren Lesern schon vorgestellt. Nach deren Jahrestagung 2017 setzten sich Oranna Naudascher-Wagner, Veit Schäfer, Christian Schäfer-Neth, Frieder Schöpfer und Klaus Simon zusammen, um über Gott zu reden und darüber, welche Zusammenhänge sie zwischen Gottesvorstellungen und der Jesus-Bot­schaft vom Reich Gottes sehen. Sie wollten insbesondere die Frage stellen, welche Möglich­keiten des Gottesglaubens heute bestehen, ohne dass diese in Konflikt mit dem Wissen gera­ten. In den Vorbemerkungen zu ihrem Text, den sie nach eineinhalb Jahren des Austauschs formuliert hatten, heißt es: »Wir sind fünf Menschen mit unterschiedlichen Auffassungen - vom Agnostizismus über religiösen Atheismus bis hin zum biblischen Glauben. Unser Text stellt eine Art Schnittmenge dar, auf die wir uns in einem anderthalb Jahre währenden Austausch verständigt haben. Darüber hinaus entwickelt dann jeder von uns weitergehende Auffas­sungen nach Art seines Glaubens. Zu den Fragen, wie sich heute plausibel an Gott glauben lässt und was das für unser Leben bedeuten könnte (siehe die Abschnitte 4 und 10), haben wir exemplarisch mehrere solcher Auffassungen parallel geschildert. In diesen Abschnitten wird auch die gemeinsame Schnittmenge zur Sprache kommen, die uns verbindet - so ähnlich wie gegenständige Blütenblätter über den Blütengrund verbunden sind. Das ist der Grund, warum wir unsere zum Teil unterschiedlichen Auffassungen nicht als Problem ansehen.« Die beiden angeführten Abschnitte wollen wir hier abdrucken und beginnen mit der Nr. 4 (Quellenangaben am Ende des Artikels):

Wie können wir plausibel an Gott glauben?

Nach heutiger Kenntnis kann die evolutionäre Entwicklung seit dem Urknall weitgehend an­hand der Naturgesetze erklärt werden: ohne Gottes Einwirken. Schon Immanuel Kant schrieb, »dass man Gott zur Erklärung des Naturgeschehens nicht mehr nötig habe. Gott brauche nur dafür zu sorgen, dass überhaupt etwas ist und dass die von ihm gegebene "Materie" sich nach den Grundsätzen von Anziehung und Abstoßung bewegt«.1 Dennoch gibt es vernünftige Gründe, an Gott zu glauben. Diese aber sind nicht naturwissenschaftlicher, sondern weltan­schaulicher Art. Die Suche nach Gott ist die Suche danach, »ob es einen wahren, ewigen Grund gibt für die menschliche Existenz, für Geist und Materie, für das Dasein des Univer­sums«. 2

In diesem Sinne beginnt zeitgemäßer Gottesglaube mit der Frage, wem oder was sich die­ser hypothetische Anfang denn verdanke, den wir Urknall nennen, und von dem ausgehend wir die Entwicklung des Universums beobachten und erklären. Eine weitere Frage ist, vermöge welcher Triebkraft sich aus purem Sternenstaub derart hochorganisierte Erscheinungsformen des Seins entwickeln konnten, die wir heute vorfinden - einschließlich uns selber. Denn die Naturwissenschaften erklären ja nur, wie sich diese Entwicklung vollzog, nicht aber warum. Woher also kommt diese Potenz? Warum sind die Naturgesetze und Naturkonstanten so beschaffen, dass die Entwicklung überhaupt möglich wurde? Auf all diese Fragen können die Naturwissenschaften keine Antwort geben; das liegt außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs. Es sind hierbei nur weltanschauliche Antworten möglich, und die lassen sich nicht mit wissen­schaftlichen Kriterien beurteilen. Die einzig gesicherte Antwort auf unsere obigen Fragen lautet deshalb: All das kann man nicht wissen.

Möchte man aber wenigstens glaubend eine Antwort wagen, so sind zwei Positionen mög­lich: Entweder man glaubt an einen sinnhaften Zusammenhang der Weltentwicklung (das sinn­stiftende Prinzip lässt sich dann im weitesten Sinne als göttlich auffassen), oder man glaubt dies nicht (das Universum wäre dann frei von innerer Vorbestimmung). Nichts und niemand kann diese beiden Positionen widerlegen und keine von beiden ist richtiger als die andere. Mangels Wissen um solcherart grundsätzliche Zusammenhänge gibt es wissenschaftlich nichts zu entscheiden, man glaubt das eine oder andere gemäß subjektiver Befindlichkeit. In­sofern ist es irreführend, wenn in der Diskussion zu Gottesfragen bisweilen zwischen Gläubi­gen und Ungläubigen unterschieden wird. Jede dieser beiden Positionen ist nur geglaubt, auch die atheistische. Am Rande: Man kann natürlich in seinem Gottesglauben auch von der eigenen existenziellen Wahrnehmung ausgehen - ohne sich dabei über die Welt Gedanken zu machen.

Gott ist dann einfach das, was uns persönlich im Leben hilft, Trost und Geborgenheit spen­det. Niemand ist zu weltanschaulichen Annahmen verpflichtet. Sobald wir aber auch nur fra­gen wollen, was es mit der Welt denn auf sich habe, landen wir bei den oben skizzierten Posi­tionen.

Entschließt man sich nun für die Position, einen göttlichen Weltzusammenhang vorauszu­setzen, so erlangt unser Hiersein und was wir dabei tun einen anderen Rang: Wir können uns dann ganz unmittelbar als Bestandteil einer gewollten Entwicklung empfinden und glauben, dass der große Zusammenhang auf uns und die Welt Einfluss nimmt. Nämlich dadurch, dass

Naturgesetze wirken (die doch seine Gesetze sind, nicht die der Wissenschaftler),

dass Licht und Schatten fällt auf unser Gemüt (etwa wenn wir uns innerlich wohlfühlen, so­bald wir mit der Welt in Einklang sind) und

dass Menschen somit motivierbar sind, tatsächlich weltverbunden zu leben (das Göttliche wirkt durch das Wirken von Menschen).

Die beschriebenen Merkmale umreißen ganz vorsichtig einen Gottesglauben, der auch un­ter heutigem Wissen plausibel ist und es immer bleiben wird, solange sich die oben gestellten Fragen nicht gesichert beantworten lassen. Es steht uns damit eine Wahrnehmung offen, die es ohne Annahme expliziter göttlicher Attribute gestattet, Freude und Achtung gegenüber allem evolutionär Gewordenen zu empfinden. Eine Art zu glauben, die uns innerlich öffnet für das grenzenlos Transzendente. Natürlich kann nun jeder und jede noch weitere und explizitere Glaubensmerkmale hinzufügen. Die Vorstellungen von Gott werden dabei konkreter, zumeist aber auch anfechtbarer. Wir sind wie dargelegt gut beraten, Glaubensvorstellungen immer wie­der neu mit unserem Wissen in Einklang zu bringen. Es lässt sich ganz einfach formulieren: Wir können plausibel an Gott glauben, wenn wir dabei solche Glaubensmerkmale gelten las­sen, die vorhandenes Erfahrungswissen ergänzen ohne diesem zu widersprechen - das ist schon alles.

Was dies unter christlichen Annahmen konkret bedeuten kann, hat Dorothee Sölle wie folgt umrissen: »Christsein heißt nun nicht mehr: etwas sehen, was andere nicht sehen und wo andere nichts mehr sehen; es heißt nur, die eine Wirklichkeit anders sehen«.3 Längst gibt es theologische Versuche, Gott und die Passion Jesu frei von Sühneopfer-Vorstellungen zusam­menzudenken. Und einem zeitgemäßen Christentum ist schwerlich noch ein »metaphysischer Vorteil« gegenüber den Ungläubigen abzugewinnen, ein »Mir-kann-nichts-passieren« oder ein »Ich-habe-den-besseren-Gott«. Glauben heißt vielmehr, sich anzuvertrauen - und solches An­vertrauen kommt ja gerade ohne exklusive Vergewisserung aus. Die Frage nach Gott wird vor allem zur Frage, was wir Menschen in Gottes Welt zu beachten hätten. So sehen heute viele Christenmenschen den zentralen Inhalt ihres Glaubens in der Nachfolge Jesu. Dies betrifft ganz klare und praktische Regeln des Zusammenlebens, welche die damals wie heute übli­chen Normen auf den Kopf stellen. Es geht um eine Freiheit, »die spontan und aktiv ist und nicht bloß Aufgetragenes erfüllt oder ein Muster nachahmt. ... Aber eben dies wäre Nachfolge: dass wir unseren noch unerprobten Möglichkeiten mehr zutrauen als den vorgegebenen Verhältnissen, dass wir uns nicht der Diktatur jener Dämonen, die heute als Sachzwänge herumlaufen, unterwerfen«.4

Und Gotteslob? Wie sollte man als Christ Gott nicht loben - doch eben nicht mehr das über­kommene Bild eines theistischen Gottes, der Tsunamis dann doch nicht verhindert, sondern im Sinne des großen Zusammenhangs, dem alles was ist das Geschenk seiner Existenz verdankt - doch ohne dass uns dabei Garantien versprochen wären. Und so selbstverständlich, wie wir vielleicht mit einem Baum reden oder einem kleinen Insekt, das wir gerade aus dem Wasser retten, können wir dann auch mit Gott reden. Es ist ein innerer Dialog, in den wir eintreten - so ähnlich wie wir uns beim Lesen eines ergreifenden Buches im inneren Dialog mit dem Autor befinden. Zugegeben, in der Zwiesprache mit dem Baum oder dem Göttlichen überschreiten wir den Bereich des Wissbaren. Doch mit jedweder weltanschaulichen Annahme überschreiten wir diesen Bereich doch ohnehin, und das ist gut so und unbedingt notwendig. Denn Wissen allein kann uns nicht leiten. Wissen kann uns beispielsweise nicht sagen, was von all dem Machbaren wir wirklich machen sollen. Wir brauchen die Antwort aber trotzdem und können sie nur außerhalb des Wissens finden. Sobald »Entscheidungen auf Leben und Tod anstehen, sobald wir im Zweifel sind, ob wir uns angesichts riskanter Folgen von der wohlbegründeten Wahrhaftigkeit abbringen lassen, wird eine Kraft benötigt, die aus bloßer Vernunft schwerlich entspringen kann«.5

Insgesamt müssen wir unsere Gottesvorstellungen allerdings zurückhaltender formulieren. »Viele Gläubige und die meisten Theologen räumen zwar theoretisch ein, dass Gott ganz und gar transzendent sei, trotzdem haben sie erstaunlich konkrete Vorstellungen, wer "er" ist und was er von uns erwartet. Wir neigen dazu, sein Anderssein zu zähmen und ihn unseren Wün­schen anzuverwandeln. Immer noch wird Gott angefleht, eine Nation zu segnen, die Königin zu schützen, unsere Krankheiten zu heilen und unserem Fußballverein zum Sieg zu verhelfen. ... Ungeachtet unseres wissenschaftlichen und technischen Scharfsinns ist unser religiöses Denken auffällig unterentwickelt, ja primitiv.« Christen müssten daher allzu sicher geglaubte »religiöse Gewissheiten verlernen und einsehen, dass es niemals leicht ist, über Gott zu reden.« Sie müssten »wieder lernen, dass Glauben mit Vertrauen, nicht mit Lehrsätzen zu tun hat«.6 Wer ernstmacht mit der Unverfügbarkeit des Transzendenten und zugleich biblische Texte nicht mehr als Gottes Wort, sondern als damalige menschliche Projektion auffassen möchte, wird sich als Folge dessen von einer ganzen Reihe christlicher Gottesattribute verabschieden wollen.

Schon Epikur hat darauf hingewiesen, dass man angesichts der vorfindlichen Welt Gott nicht gleichzeitig die Attribute allgütig und allmächtig zuweisen kann, denn dann müsste Gott das Übel in der Welt vermeiden.7 In der neueren Theologie findet dieser uralte Einwand nun endlich Gehör. Man beginnt sich vom göttlichen Attribut der Allmacht zu verabschieden - an­ders lässt sich weder die von Unbestimmtheit geprägte kosmische Entwicklung noch Gottes tatenloses Zulassen millionenfachen Mordens in Auschwitz erklären.8 Im Ergebnis entsteht die Vorstellung eines mitleidenden Gottes; das Kreuz wird zum Symbol von Gottes Solidarität mit allen Scheiternden. Der Theologe Hans Kessler hat freilich (wie vorher schon Karl Rahner) darauf hingewiesen, dass leidenden Menschen nicht damit geholfen ist, wenn Gott mit ihnen passiv mitleidet. Der Schmerz oder das Leiden Gottes ist heilend und erlösend nur dann, wenn in seiner mitleidenden Liebe eine größere Kraft ist, »die das Leid auch aktiv-real und kreativ zu heilen, zu überwinden vermag«.9 Letztlich stellt sich auch hierbei wieder die Frage der Plausi­bilität. Das Leben auf unserem Planeten hält für uns sowohl ein freundliches Zuhause als auch bisweilen tragische Erdbeben bereit, und kleine unschuldige Menschenkinder werden mitunter von tödlichen Krankheiten befallen. Wie einleuchtend ist da nun die Vorstellung eines Gottes, der das Universum so und nicht anders ins Werk gesetzt hat - um dann auf immer mit seinen Geschöpfen mitzuleiden?

Es lässt sich nicht bestreiten: Die Transzendenz entzieht sich per Definition jeder Form un­seres Zugriffs. Meinen wir, sie zu begreifen, entlarvt sie sich sogleich als Trugbild. Wir können uns auf Gott keinen Reim machen, er entwächst jedem menschlichen Vorstellungsversuch. Deshalb besteht bei vielen Menschen das Bedürfnis, außerhalb traditioneller Gottesvorstel­lungen religiös zu sein. »Je dogmatischer und stärker ausschließend ein Gottesbild verbal ge­fasst wird (zum Beispiel: "Gott hat sich in Jesus Christus geoffenbart, und zwar ein für alle­mal"), desto eher stößt es auf Ablehnung. Je vager und stärker einschließend die Aussage for­muliert wird ( ... "Es gibt ein Geheimnis über oder hinter meinem Leben"), desto zustimmungs­fähiger ist sie, insbesondere in den jüngeren Generationen«.10 Ja, es gibt das Bedürfnis reli­giös zu sein - und zwar sogar ganz ohne Religion! Zur Begründung dieser paradox erschei­nenden Feststellung sehen wir uns das Wort Religion einmal näher an. Es ist dem lateinischen religio entlehnt und geht auf relegere zurück, was nach Cicero »sorgfältig überdenken« bedeutet. Ciceros Schüler Poseidonios legt dar, »dass religio in erster Linie als Urphänomen angesehen werden muss: Ein allen Menschen eigentümlicher Drang, die Wirklichkeit und Wahrheit der Welt zu erforschen«. Dies änderte sich erst dreihundert Jahre später, als Lactantius den Wortsinn religare hinzufügte (»anbinden, festbinden«), und religio meinte von nun an die Bindung des Seins an den christlichen Gott.11

Das ursprüngliche relegere aber verweist also gar nicht auf Gott, sondern auf uns selbst: auf etwas, das wir tun. Religiosität ist eine menschliche Grundhaltung, mit der wir unser Dasein sorgfältig überdenken und in den großen Zusammenhang stellen, dem wir angehören. Wäh­rend Religion einem Gebäude gleicht (man kann sich darin verschanzen: ein feste Burg ist unser Gott!), bedeutet Religiosität das Gegenteil: sich öffnen, aus dem Gebäude heraustreten. Es geht zuvorderst um die Wahrnehmung der Welt mit allen Sinnen. Wir können so das ganz und gar Andere des Göttlichen ahnen, das sich jeder Begrifflichkeit entzieht. Es ist das Numi­nose, welches uns das Gefühl gibt, etwas Übermächtigem gegenüberzustehen, auf das wir hingeordnet sind 12 und das uns freundlich umfängt. Es geht dabei um Resonanzerfahrungen wie zum Beispiel auch in Natur und Kunst; diese »bringen etwas in uns zum Schwingen, was sich alltäglichem Bewusstsein entzieht«.13 Und es geht um mystische Erfahrung, die neben aller Freude über die gelegentliche Begegnung mit dem Unaussprechlichen auch immer mit der Kehrseite dessen verbunden ist: das Nichts, die Leere, die Gottesferne.

Diese Erfahrung der Gottesferne führt bei allem Staunen über das Wunderbare der Welt zugleich immer wieder in das Dilemma, Gott dunkle Seiten zu unterstellen. Dazu reicht bereits ein kurzer Blick in die Welt: »Ein Dasein setzt sich auf Kosten des anderen durch«.14 Neben fantastisch Schönem gibt es immerhin auch Seiten der evolutionären Entwicklung, die auf uns grausam wirken - und das will nicht zur herkömmlichen Vorstellung von Gott passen. Wenn wir das Bild des liebenden Gottes als gegeben nehmen und nun auf die Welt schließen: wie sie denn aussehen müsste, um diesem Gottesbild zu entsprechen - so kann das nur heißen, in einer Phantasie-Welt Zuflucht zu nehmen. Das geht mit der im Grunde merkwürdigen Annah­me einher, Gott habe die tatsächliche Welt eigentlich anders gewollt und werde die jetzige, da sie ihm leider schlecht gelungen sei, mit einer Erlösungstat demnächst in Ordnung bringen.

Beschreitet man dagegen den umgekehrten Weg, die uns erkennbare Welt als gegeben vo­rauszusetzen und daraus in gebotener Vorsicht auf das Göttliche zu schließen, so sieht die Sache anders aus. Es geht in der Welt offenkundig nicht um Bewahrung des Bestehenden, schon gar nicht um Bewahrung der Individuen, sondern um Werden und Vergehen. Es geht um eine Entwicklung, die zu immer höheren Organisationsformen des Seins führt - und zwar bei allmählicher Vervollkommnung ihrer Möglichkeiten, in der Welt zu sein. Was uns als grau­siges Schauspiel erscheint und ja auch eines ist: die Schlange, die den Frosch lebendig verschlingt, erweist sich zugleich als der unverzichtbare Antrieb des Fortschreitens der Evolu­tion. Dass diese Tendenz zur Fortentwicklung in der Welt herrscht, ist offenkundig. Glaubt man an den göttlichen Grund der Welt, so verkörpert die Tendenz »Gottes Willen« (wessen denn sonst?). Es gibt dann keinen Grund, der Evolution widergöttliche Seiten zu unterstellen. Vielmehr sind wir innerhalb dieser Entwicklung die ersten Kreaturen auf Erden, die überhaupt bemerken, dass dieses Geschehen grausig ist - und zugleich die ersten, die vermöge ihrer Möglichkeiten über das Grausen hinauswachsen können: Das ist es doch, wozu wir das Geschenk unseres vorübergehenden Hierseins offensichtlich benutzen sollten! Es geht nicht darum, auf eine andere Welt zu hoffen oder über Gottes dunkle Seiten nachzusinnen, sondern mit unserer Menschlichkeit dieser Welt ein anderes Gesicht zu geben.

Wir sehen die Welt in ihrer Schönheit und Erhabenheit; in ihrem Zusammenspiel von Wer­den und Vergehen. Dabei tritt uns »der für die Erklärung der kosmischen Ereignisse gar nicht benötigte Gott als der, der das Ganze möglich gemacht hat, in seiner ganzen Unbegreiflichkeit vor Augen«.15 Albert Einstein hat es so formuliert: »Religiosität liegt im verzückten Staunen über die Harmonie der Naturgesetzlichkeit, in der sich eine so überlegene Vernunft offenbart, dass alles Sinnvolle menschlichen Denkens und Anordnens dagegen ein gänzlich nichtiger Abglanz ist ... Unzweifelhaft ist dies Gefühl nahe verwandt demjenigen, das die religiös schöp­ferischen Naturen aller Zeiten erfüllt hat«.16 Und er bekennt: »Falls es in mir etwas gibt, das man religiös nennen könnte, so ist es eine unbegrenzte Bewunderung der Struktur der Welt, soweit sie unsere Wissenschaft enthüllen kann«.17

Rainer Maria Rilke schreibt unter wohl ähnlichem Verständnis: » ... und in die Herzen, traumgemut, steigt ein kapellenloser Glaube, der leise seine Wunder tut«.18 Dieses Wahrneh­men außerhalb der Kapellen ist im Grunde gar kein Glaube mehr, nicht mehr ein Überzeugt­sein von der Lehre einer Religion. Keine Gottesvorstellung steht im Vordergrund, sondern das, was wir von Gottes Welt wahrnehmen. Auch hier wieder tritt die Frage nach Gott zurück gegenüber der Frage, was wir Menschen in der göttlichen Welt zu beachten hätten, soll unser Leben gelingen. Das ist doch das eigentlich Wichtige für unser Heil. Genau davon handelt die Reich-Gottes-Botschaft des Jesus aus Nazaret.

 

1 Volker Gerhardt, in: Gott? Die religiöse Frage heute (Hg. Johannes Röser), Freiburg im Breisgau, S. 123.

2 Ebd., Umschlagtext.

3 Dorothee Sölle: Atheistisch an Gott glauben, Olten 1969, S.83.

4 Ebd. S. 40ff.

5 Volker Gerhardt, in: Gott? Die religiöse Frage heute (Hg. Johannes Röser), Freiburg im Breisgau, S. 125.

6 Karen Armstrong, zitiert durch Johannes Röser, in: Gott? Die religiöse Frage heute (Hg. Johannes Röser), Freiburg im Breisgau 2018, S. 46.

7 Dorothea Sattler: Das Leiden der Geschöpfe Gottes, Loccumer Pelikan 1/2003, [www.rpi-loccum.de; 21.12,2018].

8 So z.B. Hans Jonas: Der Gottesbegriff nach Auschwitz, Berlin 1987, S. 41.

9 Hans Kessler: Gott und das Leid seiner Schöpfung, Würzburg 2000, S. 109.

10 Michael N. Ebertz, Lucia Segler: Spiritualitäten als Ressource für eine dienende Kirche, Würzburg 2016; zitiert durch Michael N. Ebertz, in: Gott? Die religiöse Frage heute (Hg. Johannes Röser), Freiburg im Breisgau, S. 105.

11 Erich Satter; [www.erich.satter.info/les-religion.htm; 11.12.2017].

12 Rudolf Otto, Das Heilige, München 2014.

13 Gerd Theißen: Biblischer Glaube in evolutionärer Sicht, München 1984, S. 42.

14 Alber Schweitzer: Das Albert-Schweitzer-Lesebuch, Hg. Harald Steffahn, München 2011, S. 174.

15 Volker Gerhardt, in: Gott? Die religiöse Frage heute (Hg. Johannes Röser), Freiburg im Breisgau, S. 123.

16 Einstein sagt. Zitate Einfälle Gedanken. Hg. Calaprice A. Piper 2005, S. 178.

17 Albert Einstein: in einem Brief vom 24. März 1954, The Human Side. Hrsg. von Helen Du­kas und Banesh Hoffman. Princeton, New Jersey 1981, S. 43; [hpd.de/node/4584; 15.9.2018].

18 Gerhard Breidenstein; [www.auf-dem-zen-weg.de/publikationen.html; 15.9.2018].

 

Als Kontaktperson und für Rückfragen steht Christian Schäfer-Neth zur Verfügung

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Wie gehen wir mit Krisen um?

Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt! Hiob 1,21

Das Hiob-Buch im Alten Testament befasst sich mit genau der oben gestellten Frage. Entstan­den in der spät-nachexilischen Zeit gehört es zur Weisheitsliteratur, in der sich die Gottesfrage neu stellte. Bislang war man der Auffassung gewesen, dass das Schicksal des Menschen das direkte Ergebnis seines eigenen Verhaltens sei - allerdings eingebunden in das Ergehen des Volkes; Schicksalsschläge wurden allesamt als Bestrafung interpretiert, weil das Volk ungehor­sam gegenüber den Geboten seines Gottes war. Diese Auffassung wird in der Hiobsgeschich­te auch von drei der vier Freunde vertreten, die sich gar nichts anderes als schwere Verfehlun­gen Hiobs als Ursache für die Schicksalsschläge vorstellen können. Die zunächst demütige Haltung Hiobs ändert sich im Laufe des Gespräches mit den Freunden und er weist ein Fehlverhalten entschieden zurück - da äußert der vierte Freund, dass Hiob alles Geschehen als Prüfung auffassen müsse, die er zu bestehen habe. Aber Hiob ist sich seiner Integrität so sicher, dass er meint, dass Gott sich ihm gegenüber rechtfertigen müsse.

Selbst in unserer heutigen Zeit wird in evangelikalen Kreisen geglaubt, dass die Corona-Pandemie eine Strafe Gottes für das sündige Leben der Menschen sei; andere suchen einen positiven Sinn in dieser Krise. Aber bei allem Positiven, was in dieser Ausnahmesituation entstehen mag, lässt sich das Leiden von Menschen aus christlicher Sicht weder begründen noch rechtfertigen. "Wer weiß, wozu es gut ist" ist ein zynischer Trost, der keinem Menschen in seiner Verzweiflung hilft. Hiob ist uns heutigen Menschen deshalb so nah, weil er nicht damit klar kommt, dass er die Ursache für das Geschehen nicht ergründen kann. Die althergebrach­te Auffassung weist er nachdrücklich zurück, aber er findet auch keine neue, die ihn überzeugt - wie viele heutige Menschen, die ein Schicksalsschlag trifft, fragt er: Warum?

Die Antwort Gottes in der Hiobsgeschichte gilt auch für uns heute: die durch Naturgesetze geordnete Welt, die Gott geschaffen hat, ist nicht per se auch eine heile Welt und die Schöp­fung ist nicht für uns Menschen gemacht - wir sind ein Teil von ihr. Das Leben des Menschen ist zerbrechlich und bedroht - und viele Bereiche entziehen sich seiner Verfügungsgewalt. Das erleben wir im Moment hautnah durch die Corona-Pandemie.

Wir sind in das Werden und Vergehen dieser Welt eingebunden und wenn uns etwas hilft, dann die Gewissheit, dass dieser Schöpfergott, den wir als Liebe glauben, uns umgibt und uns im Leben und im Sterben trägt.

Karin Klingbeil

Was macht Corona mit uns?

Wir leben gerade in Zeiten, wie sie noch keiner von uns erlebt hat, auch nicht die Älteren, die im letzten Weltkrieg schlimme Erfahrungen gemacht haben. Auch wenn sich manche eines Kriegs-Vokabulars bedienen, geht es doch um etwas anderes als um den "Kampf gegen einen unsichtbaren Feind". Die Einschränkungen, die wir durchmachen, stellen unser "normales" Leben völlig auf den Kopf: unsere sozialen Kontakte sind auf Telefon und digitale Medien beschränkt, gesellschaftliche Veranstaltungen dürfen nicht mehr durchgeführt werden, viele können ihren Beruf nicht mehr oder nur in Kurzarbeit ausüben, andere können auf Homeoffice ausweichen, bekommen aber große Probleme damit, wenn sie gleichzeitig ihre Kinder betreu­en müssen, die nicht in Schule oder Kita gehen können. Dagegen können andere Berufsgrup­pen ihre Arbeit kaum bewältigen, hinzu kommen die Probleme mit der fehlenden Schutzaus­rüstung, die belastend wirken - und nach der Zeit des strengen "Lockdowns", zu der sich viele schon eine Rückkehr ins normale Leben erhofft hatten, ist klar geworden, dass wir ganz sicher noch lange nicht zu der Normalität früherer Zeiten zurückkehren werden, sondern uns auf eine lange Zeit mit heftigen Restriktionen werden einstellen müssen.

Dass die deutsche Bevölkerung sich derart strikt an die Verordnungen der Politiker gehalten hat, wird als große, zuvor nie dagewesene gemeinschaftliche Leistung gewertet, die dann auch erfolgreich war und den Reproduktionswert der Neuansteckungen unter 1 gedrückt hat. Was die enormen Zahlungen des Staates an seine Bürger und Unternehmen angeht, so konnten dadurch natürlich beileibe nicht sämtliche Defizite aufgefangen werden und auf Dauer können diese auch nicht gezahlt werden; die Folgen für die Wirtschaft, etliche Betriebe und Arbeitnehmer sind unabsehbar.

Dennoch gibt es - neben unglaublichen Reaktionen mancher unsozialer Zeitgenossen, die Unmengen von Toilettenpapier gehortet und dieses dann zu horrenden Preisen im Internet angeboten und verkauft haben, oder jenen Betrügern, die das schnell und unbürokratisch gezahlte Geld des Staates umzuleiten und sich daran zu bereichern vermochten - unendlich viele Beispiele, die belegen, dass Menschen versuchen einander zu helfen. Oft sind es kleine Gesten, die man von gewissen Mitmenschen gar nicht erwartet hätte, und die einen deshalb besonders berühren. Dazu gehören die unzähligen Angebote jüngerer Nachbarn oder Mitbe­wohner, für Ältere einkaufen zu gehen, damit diese sich nicht dem Risiko einer Ansteckung aussetzen, die Angebote, mit dem Hund von älteren Bürgern Gassi zu gehen, oder auch das einer Frau, die Tiere älterer Menschen zum Tierarzt fährt und nach dem Arztbesuch wieder nach Hause bringt. Die Nachbarschaft hat sich häufig positiv entwickelt: so führen Nachbarn sehr viel häufiger Gespräche miteinander; ich habe von einer älteren Frau gelesen, die den Nachbarskindern jeden Tag über die Mauer, über die die Kinder schauten, vorlas. Immer mehr Zeitschriften richten Seiten ein, auf denen Leser von solch positiven Erlebnissen berichten können - ich finde schön, dass diese aufbauenden Erlebnisse auch veröffentlicht werden. Des­halb möchte ich hier einige schildern:

In den sozialen Netzwerken zeigt sich unter #Nachbarschaftschallenge auf Twitter eine Wel­le der Solidarität, die die Coronakrise hervorruft. Auch in diversen regionalen Facebook-Gruppen organisieren sich Freiwillige mit Hilfsangeboten.

Eine Frau sprach eine Maskenträgerin an, wo sie denn ihre Maske her habe. "Selber ge­macht" lautete die Antwort. Kurz darauf fragte sie nach der Adresse der Frau und diese hatte dann bereits am Nachmittag eine Maske in ihrem Briefkasten - ohne Absender und die Mög­lichkeit, auch nur "danke" dafür sagen zu können.

Ein niederländisches Unternehmen, das Plexiglascontainer für Festivals vertreibt, stattete diese - da momentan keine Großkonzerte stattfinden - so aus, dass sie für ein Kaffeekränz­chen im Altersheim genutzt werden können. So konnten die Bewohner trotz der Restriktionen von ihren Angehörigen besucht werden.

Eine Zumba-Trainerin versorgte ihre Tanzgruppe mit Choreografien aus dem Homeoffice und freute sich an dem Gedanken, dass die ganze Gruppe, jede/r für sich, im Wohnzimmer die Choreografie zu tanzen übte.

Auch der Kinobesuch ist bis auf weiteres gestrichen - und zu Streaming-Diensten hat nicht jeder Zugang. So hatte ein findiger Kölner die Idee, per Beamer im Hinterhof 60 Nachbarn mitgucken zu lassen.

Als die Restaurants von einem Tag auf den anderen geschlossen wurden, waren in vielen Küchen die Kühlschränke noch voll. Damit diese nicht im Müll landeten, beschloss z.B. ein Hannoveraner Restaurantbesitzer, mit den Restbeständen das überlastete Pflegepersonal in der Stadt kostenlos zu versorgen, zumal er in seinem Zivildienst etliche arbeitsintensive Nachtschichten geschoben und damals viel Hunger hatte. Der Pfleger-Lieferservice kam so gut an, dass diese Idee bei Niederlassungen der Kette auch in anderen Regionen umgesetzt wurde.

Überhaupt gibt es im Internet viel Dank und Lob für Ärzte und Pflegekräfte, nicht zuletzt auch ein Video, auf dem die Kinder von Prinz William und Kate für diese klatschen. Aber es wird auch viel Geld gesammelt. So startete ein 91-jähriger Brite aus Dankbarkeit gegenüber dem britischen Gesundheitsdienst, der ihn schon mehrfach gut betreut hatte, aber unter chro­nischem Geld- und Personalmangel leidet, einen Charity-Lauf im eigenen Garten mit seinem Rollator, 100 Runden in seinem 25 m langen Garten, zehn am Tag. Die Aktion brachte anstatt der erhofften 1.000 Pfund 12 Millionen (fast 14 Millionen Euro). Er macht weiter, solange die Spenden fließen.

Auch Prominente engagieren sich in verschiedenster Weise: Rennfahrer Kimi Räikkönen las in einem Twitter-Video Gute-Nacht-Geschichten für seine Kinder aus dem Buch »Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?« vor, sein Beitrag an einer Aktion der Organisation »Save the Children«, die damit Spenden für Schulen und öffentliche Hilfsprogramme für Kinder einwarb - und gleichzeitig Kinder und Eltern zu Hause unterhielt.

Weltstars wie die Rolling Stones, Celine Dion, Billie Eilish, Elton John, John Legend, Paul McCartney, Andrea Bocelli, Jennifer Lopez, Adam Lambert, Jennifer Hudson, Rita Ora, Lizzo, Kacey Musgraves, Taylor Swift, Pianist Lang Lang und viele mehr traten unter dem Motto "One World: Together at Home" online zu Gunsten der Corona-Hilfe auf, um sich bei den Helfern zu bedanken.

Auch Opernstars wie Anna Netrebko, Juan Diego Flórez, Jonas Kaufmann u.a. gaben unter strengen Corona-Maßnahmen eine Gala, die live übertragen wurde. Die Sänger betraten nacheinander die Bühne des Radiokulturhauses Wien, während ein Pianist und ein Streich­quartett des Radio-Symphonieorchesters Wien sie aus sicherer Entfernung begleiteten. Der polnische Sänger Tomasz Konieczny nutzte seinen Auftritt, um darauf hinzuweisen, dass vielen seiner Kollegen Monate ohne Einkommen bevorstehen, da das kulturelle Leben zum Erliegen gekommen sei.

Die beiden Hollywoodstars Robert De Niro und Leonardo Di Caprio wollen 100 Millionen US-Dollar für Hilfsprogramme sammeln und um Bedürftige mit Lebensmitteln zu versorgen: »In diesen Zeiten soll niemand ohne Mahlzeit dastehen«. Einem der Spender winken eine kleine Rolle, ein Lunch mit den Stars und die Einladung zur Filmpremiere. Außerdem ver­suchen die beiden Schauspieler, weitere Promis zu ähnlichen Aktionen zu animieren.

Astronaut Alexander Gerst richtete einen Appell an alle Bürger, in Solidarität die geforderten Einschränkungen zu befolgen. Dadurch habe jeder eine gewisse Kontrolle über die Situation, tue, was man könne in einer Situation, die nicht zu ändern ist. Eine derartige Herausforderung gemeinsam zu überwinden stärke das Gemeinschaftsgefühl, so dass man später sagen könne: »Wir haben das Beste daraus gemacht, wir haben uns gegenseitig geholfen.«

Gerne veröffentlichen wir positive Erlebnisse aus unserem Leserkreis!

Karin Klingbeil

BUCHBESPRECHUNG

Eine andere Geschichte von Palästina

Der frühere israelische Botschafter in Deutschland (1993-1999), Avi Primor, hat vor kurzem seinen zweiten Roman veröffentlicht, der eine schöne Vorgeschichte des Staates Israel beschreibt, die es so (leider) nicht gegeben hat (Avi Primor: Weit war der Himmel über Palästina, Lübbe-Verlag Köln, 2020, 336 Seiten, geb., 22 Euro). Für uns ist das Buch vor allem deshalb von Interesse, weil darin auch die Tempelgesellschaft vorkommt, allerdings eher am Rande und symbolisch, so dass ein kundiger Leser aus unseren Reihen nur wenige Bezugs­punkte wiedererkennt. Gleichwohl: Unsere Gemeinschaft wird sympathisch skizziert, ihre Ver­dienste um den Aufbau des Landes werden anerkennend erwähnt.

Die Geschichte beginnt im Jahre 1869 und endet im November 1947 mit der Annahme des Teilungsplans für Palästina durch die UNO-Vollversammlung. Die historische Entwicklung des Landes von einer verarmten Provinz des Osmanischen Reiches bis hin zum Zankapfel von Arabern und Juden am Ende des britischen Mandats bildet den Hintergrund für eine interkultu­relle Familiensaga, die mehrere Generationen überspannt. Hauptfiguren sind zunächst die aus Odessa eingewanderten jüdischen Eheleute Neta und David Zemach, die mit ihrer kleinen Tochter unter ärmlichen Umständen in Jerusalem leben, wo David als Redakteur einer kleinen hebräischen Zeitung arbeitet. Während des Besuchs des österreichischen Kaisers Franz Joseph 1869 in Jerusalem, der Anlass zum Bau einer Straße nach Jaffa gibt, begegnen sie einem Mitglied der Tempelgesellschaft namens Oswald Simon, der als »protestantischer Pfarrer aus Württemberg« vorgestellt wird und aus einer Tempelkolonie in Haifa gekommen war, um die Möglichkeiten für die Gründung einer weiteren Kolonie in Jerusalem auszuloten. Avi Primor (Aufnahme von 2010,
 Bildquelle: Wikimedia Commons)Simon erklärt, dass die Templer sich vor wenigen Jahren von der evangelischen Kirche abgespalten hätten, weil sie glaubten, dass »man nicht tatenlos auf die Auferstehung des Heilands warten, sondern an sich und der Welt arbeiten soll, um das Reich Gottes herbeizuführen.« Er verkündet dem erstaunten Ehepaar, dass die Templer in Palästina gerne mit Juden kooperieren wollten: »Eines unserer wichtigsten Ziele ist der Aufbau des Heiligen Landes. Ob wir oder andere das tun, ist nicht wichtig. Ich möchte gerade mit Juden zusammen­arbeiten. Ihr Juden seid ein fleißiges, erfindungsreiches Volk, dessen fester Glaube an Gott und das Heilige Land dem unseren in Nichts nachsteht.« Etwas später unterbreitet er den Eheleuten sogar einen konkreten Vorschlag: »Sie sind doch genau wie ich am Aufbau dieses Landes interessiert, getreu dem Motto: Wir sind ins Land gekommen, um aufzubauen und dabei selbst erbaut zu werden. ... Die Türken haben jetzt end­lich eine Straße zur Küste gebaut. Nun fehlen nur noch Men­schen mit einer Vision, die bereit sind, ihr Geld und vor allem ihre Kraft in die Einrichtung eines Kutschendienstes zwischen Jerusalem und Jaffa zu investieren. Daran sollten wir jetzt ge­meinsam arbeiten. Die Juden und die Templer können dieses öde Land zum Blühen bringen. Der erste Schritt ist die Modernisierung des Personen- und Warenverkehrs.« Kurz darauf gewinnt Simon den arabischen Gewürzhändler Mustafa Samara aus Jaffa als weiteren Partner für das Projekt. Die drei - nicht besonders religiös eingestellten - Familien arbeiten nun erfolgreich zusammen und freunden sich an; schließlich wird sogar untereinander geheiratet. Sie erkennen rechtzeitig die aufziehende Konkurrenz durch die Eisenbahn, ergattern für die - 1892 eröffnete - Strecke Jaffa-Jerusalem eine Konzession und investieren zusammen mit anderen Geschäftsleuten in den neuen Verkehrsträger. Einige Kinder der Familien wirken zunehmend auch in der liberalen Zeitungsredaktion mit, so dass der Leser aus dieser Perspektive an der wechselvollen Zeitgeschichte Palästinas Anteil nimmt. Für uns vertraute Namen tauchen am Rande auf, zum Beispiel das »Hotel Jerusalem« von Ernst Hardegg und die Maschinenfabrik der Gebrüder Wagner in Jaffa oder das »Templerhotel« der Familie Fast in Jerusalem. Insgesamt wird von den Protagonisten das Bild einer künftigen Gesellschaft entworfen, in der Einheimische und Einwanderer das Land mit vereinten Kräften aufbauen. Die von Oswald Simon aufgebrachte Idee einer entsprechenden Pioniergesellschaft versandet indessen bereits in den 1890er Jahren, weil seine Kinder »an Religion und an universalen Ideen kaum noch interessiert« sind. Spätestens der Zweite Weltkrieg konfrontiert auch die Templer mit radikalen Veränderungen: Sie werden deportiert - wohin, wird merkwürdigerweise nicht verraten. Die zwei deutsch-jüdischen Enkelsöhne von Oswald Simon schließen sich einer jüdischen Untergrundorganisation an, kämpfen sogar in Europa gegen die deutsche Armee und berichten der Familie erschüttert über das, was sie bei der Befreiung von Konzentrations­lagern sahen. Nach Kriegsende folgen die zunehmenden Auseinandersetzungen von Arabern und Juden, der Rückzug der Briten und schließlich der Teilungsplan für Palästina. Der Roman schließt jedoch mit einem hoffnungsfrohen Ausblick auf die künftigen zwei Staaten für Araber und Juden, wobei sich die Familien als Vorboten für eine gemeinsame Zukunft betrachten.

Avi Primor hat sich immer wieder für den deutsch-israelischen Dialog und den Friedenspro­zess im Nahen Osten eingesetzt und wurde hierfür vielfach geehrt. Auch sein neuer Roman kann als ein Aufruf zu friedlichem Miteinander verstanden werden. Er lässt die historischen Ereignisse in einer ungewohnten und deshalb interessanten Perspektive erscheinen. Die idealistische Beschreibung eines friedlichen Zusammenlebens von Juden, Muslimen und Christen im Heiligen Land wird aber bei vielen, denen Palästina bzw. Israel am Herzen liegt, nur zu dem wehmütigen Fazit führen: Schön wär‘s gewesen.

Jörg Klingbeil

NEUES AUS DEM ARCHIV

Beisan - die vergessene deutsche Siedlung

Der israelische Architekt Dr. Danny Goldman hat vor kurzem eine aktualisierte Abhandlung mit dem Titel "Beisan: The Forgotten German Settlement" veröffentlicht. Darin geht es um die in den 1920er-Jahren errichtete kleine landwirtschaftliche Siedlung im Jordantal südlich von Beisan (hebr.: Bet Shean).

Die Möglichkeit zum Landerwerb hatte sich ergeben, nachdem die britische Mandatsverwal­tung ehemals osmanisches Staatsland an arabische Interessenten veräußert hatte und diese in finanzielle Schwierigkeiten geraten waren. Dadurch konnten auch einige deutsche Siedler (Templer und Nicht-Templer) günstig landwirtschaftliche Flächen erwerben, die in den beste­henden Kolonien bereits knapp und teuer geworden waren. Wieviel Land gekauft wurde, ist nicht ganz klar; die Angaben schwanken zwischen 200 und 400 Hektar. Vier Siedler errich­teten Häuser, aber nur zwei (Erwin Kopp und Rudolf Wieland) lebten dort für längere Zeit. Insofern handelte es sich eher um eine Ansammlung einzelner Farmen als um eine reguläre Siedlung. Das »Rote Haus« von Rudolf WielandDie deutschen Landwirte pflanzten ver­schiedene Obstbäume, Dattelpalmen und sogar Pi­stazienbäume, Olivenbäume und Bananenstauden. Getreideanbau und Viehhaltung kamen hinzu. Einer versuchte es sogar mit dem Anbau von Baumwolle.

In den 1930er-Jahren verschlechterte sich die Si­tuation aufgrund wachsender Spannungen zwi­schen Juden, Arabern und Briten. Trotz eines in der Nähe eingerichteten britischen Polizeipostens kam es in der Gegend immer wieder zu Schießereien. Schließlich drängte der deutsche Konsul zur Auf­gabe der Siedlung, weil er die Sicherheit der Bewohner nicht gewährleisten könne. 1938/39 kam es trotz Widerstands der Partei zum Verkauf von Land und Gebäuden an den Jüdischen Nationalfonds (JNF/KKL). Das Gebiet gehört heute zu den beiden Kibbuzim Sde Eliyahu und Tirat Zvi, in deren Archiven sich noch etliche Unterlagen aus der damaligen Zeit befinden. Die Häuser der Deutschen wurden im Zweiten Weltkrieg abgerissen; ihre Bauweise wurde aber später teilweise von jüdischen Siedlern im Jordantal übernommen, wo die Temperaturen im Sommer oft über 40 Grad Celsius klettern. Insbesondere das »Rote Haus« von Rudolf Wieland mit einem aufgeständerten Dach, das für gute Luftzirkulation sorgte und die Haus­wände komplett verschattete, fand in der Architektur des Landes einige Nachahmer. Nach Ansicht von Danny Goldman waren die Beziehungen zwischen den Deutschen und ihren jüdischen Nachbarn freundschaftlich und kooperativ. Man habe Ideen und Erfahrungen in Landwirtschaft und Bauweise ausgetauscht, aber auch von den arabischen Bewohnern des Jordantals gelernt, wie man mit dem heißen Klima zurechtkommt. Die deutschen Siedler hätten sich als anpassungsfähig und innovativ erwiesen und damit für ihre Umgebung ein Beispiel gegeben. Heute erinnert nur noch eine lange Reihe von Washingtonia-Palmen an einer Straße in Sde Eliyahu an den letzten Siedlungsversuch der Templer in Palästina.

Jörg Klingbeil

Mit Bauernfeind nach Jaffa

Gustav Bauernfeind,
 »Prozession in Jaffa« (Bildquelle: Wikimedia Commons)Shay Farkash, der unermüdliche Restaurator vieler Templerhäuser in Israel, hat uns auf eine aktuelle Video-Präsentation des berühmten Auktions­hauses Sothebys aufmerksam gemacht, die einen virtuellen Spaziergang durch das Gemälde »Pro­zession in Jaffa« des bekannten Orientmalers Gus­tav Bauernfeind ermöglicht. In der Reihe »Anatomy of an Artwork« wird das großformatige Bild, das zur Najd-Sammlung gehört und Anfang Mai in London versteigert werden soll, in Bild und Ton (in engli­scher Sprache) näher erläutert, wobei teilweise auch Vergleiche mit heutigen Perspektiven gezeigt werden.

Auf der Homepage von Sothebys findet man weitere Informationen zu dem Bild, so auch den für die Auktion genannten Schätzpreis von stattlichen 1,5-2,5 Mio. britische Pfund.

Jörg Klingbeil

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Mit Bauernfeind nach Jaffa