Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 175/2 - Februar 2019

 

 

Die himmlischen Boten - Peter Lange

Warum gerade zwölf? - Peter Lange

Geht die junge Generation der Kirche verloren? - Jörg Klingbeil

Zum Tod von Amos Oz - Jörg Klingbeil

Honig vom Dach - Karin Klingbeil

Plastik kommt so nicht mehr in die Tüte - Inge Blaich

Eine der ersten Volksschullehrerinnen in Württemberg - Jörg Klingbeil

Die himmlischen Boten

Sie hat uns wieder einmal überrollt mit ihren Lichtern, ihren Sternen, ihren Märkten und Bäckereien: die alljährliche Advents- und Weihnachtszeit. Das Gefühl ließ einen nicht los, dass in diese Tage so viel hineingepackt worden ist wie im Jahreslauf sonst nie. Da sind dutzend­weise Briefe und Karten geschrieben und vielfach auch Geschenke verpackt worden, sodass die Postzusteller ihre liebe Not damit hatten. Man wünschte einander »Frohe Festtage!« und gab manche finanzielle Dreingaben, »weil’s eben Weihnachten ist«.

Da standen auf den öffentlichen Plätzen schön gewachsene Tannen und Fichten mit ausla­denden Zweigen, bestückt mit Lichtern von der Spitze bis zum Fuß. Und die »himmlischen Heerscharen« feierten ihr jährliches Auftreten in Kirchsälen und Wohnstuben: Engel in vielerlei Gestalt. Sie umgaben uns fast überall und wir hörten ihren Gesang auf Schritt und Tritt. Die himmlischen BotenSie hingen über unseren Verkehrsstraßen, wie hier auf dem Bild zu sehen, mit ausgebreiteten Schwingen und langen Posaunen. In den Auslagen der Buchlä­den nahmen ihre Bücher vorderste Plätze ein, wie etwa »50 Engel für das Jahr« oder »Die Weisheit der Engel für schwierige Zeiten«.

Ich fragte mich unwillkürlich, was es wohl sei, das den wiedererwachten Engelglauben hervorruft. Kann man darin einen tieferen Sinn entdecken? Eine Sehnsucht nach etwas, das man im Leben vermisst hat? Gewinnt der religiöse »Himmel« etwa wieder an Bedeutung für die Menschen? Die vielfach geäußerte Kritik am Leben in den Kirchen spricht eigentlich dagegen.

Im Grunde werden die Engel doch vor allem als Symbole einer geistigen Welt gesehen, mit der wir verbunden sein wollen. Die Tiefenpsychologin Ingrid Riedel sieht in ihnen »ein Urbild der Erfahrung, mit dem Menschen nach übergeordneten Kräften fragen. Der Engel macht die Sehnsucht deutlich, die Welt geistig beseelt zu sehen.« Und der Theologe Thomas Rüster meint: »Der Boom der Engel revidiert die Abschaffung des Himmels. Man kann das als Anti-Säkularisierungsbewegung betrachten«.

Offenbar regt sich in vielen Menschen eine Sehnsucht nach Spiritualität, die sie im Allgemei­nen im kirchlichen Leben nicht vorfinden, die aber für ihr Leben von nicht geringer Wichtigkeit ist. Sie fühlen sich durch die Engelwesen geborgen und erhoffen von ihnen Geleit und Schutz. Es gibt ja zahlreiche Geschichten über solche persönliche Hilfe und Geborgenheit durch Himmelsboten. Vielleicht wird aber eine persönliche Zuwendung zu uns auch in sie hinein­projiziert. Sie bieten etwas, was das Leben uns vielfach versagt hat. In dieser Hinsicht müsste der Engelkult eigentlich als höchst egoistisch angesehen werden.

Doch der Glaube an die Himmelsboten hat vermutlich mit den vielen Unsicherheiten und Veränderungen unseres heutigen Lebens zu tun. Viele Menschen fühlen sich in ihrer Lebens­lage überfordert. Es fehlt ihnen etwas zum Ausgleich. Sie sehnen sich nach Zustimmung, Einklang und Zufriedenheit. Was ihnen das Leben offenbar nicht zu bieten scheint und was durch Unstimmigkeit und Unausgewogenheit der Lebensumstände hervorgerufen wird, soll ihnen durch die spirituellen Geister vermittelt werden.

In diesem Sinne möchte ich mich selbst im Grunde auch als »engelgläubig« bezeichnen, allerdings ohne dass ich die Engel in einer Gestalt verkörpert vor mir sehe. Die eigene Lebens­erfahrung zeigt mir, dass ich immer wieder einmal die Wirksamkeit solcher geistiger Wesen erfahren kann, gleichgültig ob man sie nun als »Schutzengel«, als »Himmelsboten« oder sonst wie bezeichnet. Ein Freund aus dem Bund für Freies Christentum sagte mir einmal, dass man diese geistigen Wesen als geistige Kräfte auffassen könnte, die in der Welt existierten und ohne deren Wirken wir im Grund nicht durchs Leben kämen. Wobei es durchaus auch unterschiedliche Kräfte geben könnte und man gut unterscheiden sollte, dass wir nur dank der positiven, aufbauenden Kräfte ausgeglichen, zufrieden und glücklich würden, während uns die negativen, zerstörenden Kräfte eher widersprüchlich, mürrisch und feindselig werden ließen. Ich stimme dem zu, es gibt doch immer wieder Momente im Leben, wo wir, ohne etwas dafür getan zu haben, Zufriedenheit, inneren Frieden und Harmonie mit der Welt verspüren und unser Herz im Takt mit der Welt zu schlagen beginnt.

Für den Theologen Thomas Rüster ist die zunehmende Engelgläubigkeit ein Aufruf zum Paradigmenwechsel in Theologie und Kirche. Die Hinwendung zu geistigem Sein zeige, »dass die kirchlichen Hierarchien, Lehrgebäude und Monologpredigten die Sehnsucht der Menschen nach spiritueller Erfahrung nicht mehr erfüllen können«. Er ruft dazu auf, über diesen Paradig­menwechsel in allen christlichen Gemeinden intensiver nachzudenken. Auch wenn wir auf der einen Seite die fortschreitende Kommerzialisierung der Weihnachtszeit bedauerten, so biete diese Zeit doch immer wieder Anstöße, außer den materiellen Gaben auch das geistige Licht in Erscheinung treten zu lassen. Dann hätten wir den »himmlischen Boten« einen Zugang zu unserem Inneren ermöglicht.

Peter Lange, in Anlehnung an den Beitrag »Die Boten des verlorenen Himmels« von Eva-Maria Lerch in der Zeitschrift »Publik-Forum«, Ausgabe 24/2018

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Warum gerade zwölf?

(Mk 3,13-19)

An dieser Stelle gibt der Evangelist Markus Auskunft über die Personen, die dem Rabbi Jesus von Nazareth als Jünger gefolgt waren. Wenn es im Text heißt, dass er zwölf von ihnen »zu seinen Begleitern bestellte«, dann ist darunter ihre Berufung zur Verkündigung des Evange­liums zu verstehen. Sie werden später »Apostel« (= Gesandte) genannt, also die von ihm Aus­gesandten.

Mit der Berufung von zwölf Jüngern greift Jesus auf das Symbol des israelitischen Zwölf­stämme-Volkes zurück, von dem später nur noch zwei Stämme (Juda und Benjamin) übrig geblieben waren. Er sieht in der Berufung eine Wiederherstellung und Vollendung des Volkes Israel. In Wirklichkeit muss er mehr als zwölf Getreue gehabt haben (nach Lk 10,1 sandte er 70 Jünger aus) und man kann in den Evangelien immer wieder mehr als zwölf Namen lesen, je nach jeweiliger Zusammensetzung seiner Anhänger-Gruppe. Manchmal ist er mit nur wenigen Freunden unterwegs. Nach allen Berichten muss sein Bekannten- und Freundeskreis zahlen­mäßig groß gewesen sein.

Wenn in der angegebenen Textstelle für die zwölf Jünger Namen angegeben sind, so kom­men an anderen Stellen auch andere Namen für die engeren Begleiter vor. Da es ab und zu Jünger mit denselben Namen gab, wurde ihnen zur Unterscheidung noch ein Zusatzname gegeben (z.B. Simon Kananäus = der aus Kana Stammende; Judas Iskariot = der zu der Partei der Zeloten Gehörende). Jakobus und Johannes werden »Donnersöhne« genannt (nach einer Erzählung haben sie die ungastlichen Samaritaner mit Feuer vom Himmel vernichten wollen). Zwei Brüderpaare zählen wohl zu den frühesten Jüngern. Nur von ihnen wissen wir etwas über ihr Leben: sie waren Fischer am See Genezareth, wo sich Jesus öfter aufgehalten haben muss.

Markus hat den anderen Simon mit dem Zweitnamen »Petrus« bezeichnet. Mit diesem latei­nischen Wort ist Fels oder Steinblock gemeint (im Hebräischen: Kephas), was zu dem eher wankelmütigen Jünger eigentlich weniger passt. Jesus wollte ihn mit diesem Beinamen offensichtlich zu größerer Standhaftigkeit ermutigen (»Auf diesen Felsen will ich meine Ge­meinde bauen«, Mt 16,18).

Zur Frage der Anzahl der Jünger schreibt der Bibelwissenschaftler Fritz Maass in seinen »Gedanken zum Markusevangelium« (Eigenverlag, 1993): »Die Bildung der Zwölfergruppe ist ein offenes Problem der Forschung. G. Klein ("Die 12 Apostel", 1961) bestreitet, dass es bereits zur Zeit Jesu eine feste Gruppe war und nimmt nachösterliche Tradition an. Allerdings ist die Zwölfzahl schon sehr früh in 1. Kor 15,5 bezeugt. Unwahrscheinlich ist, dass die Zwölf während der öffentlichen Wirksamkeit Jesu stets bei ihm waren«, wie es spätere Gemälde suggerieren.

Peter Lange

Geht die junge Generation der Kirche verloren?

Die Jugend ist der (evangelischen) Kirche weitgehend abhandengekommen. Zu diesem alar­miereden Befund ist eine Studie gekommen, mit der sich die Synode der EKD im November 2018 unter der Überschrift »Ermutigung und Zugehörigkeit - der Glaube junger Menschen« beschäftigte. Das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD hatte hierzu Diskussionsrunden mit Fokus-Gruppen und eine Online-Befragung bei rund 1000 Personen in der Altersgruppe von 19 - 27 Jahren durchgeführt, wonach ein großer Teil der jungen Generation keine Beziehung mehr zur Kirche habe. Wenn sich junge Menschen überhaupt mit dem Glauben befassten, dann geschehe das allenfalls auf eine sehr persönliche und eher private Weise. Die Kirche, so der Befund der Forscher, werde von der Jugend jedenfalls nicht mehr als Institution gesehen, die für Zusammenhalt und Toleranz in der Gesellschaft sorgt. Viele junge Leute würden die kirchliche Realität nicht mehr mitbekommen. Nebenbei bemerkt: Da 61 % der Befragten sich für gar nicht oder weniger religiös hielten, kann das Ergebnis auch kaum überraschen.

Auf die Frage, was ihr Leben am meisten bestimme, antworteten die meisten »ich selbst« (84 %), nicht in einem egoistischen Sinn, sondern im Hinblick auf die eigene Verantwortung für die Bewältigung des Lebens. An zweiter Stelle folgte die eigene Familie vor der Ausbildungs- oder Arbeitsstätte. Eine »anonyme, höhere Macht« oder »ein personifizierter Gott« wurden nur von jeweils 5 % für einflussreich gehalten. Auch hinsichtlich der Einbindung in soziale Zusam­menhänge standen die eigene Familie und der Freundeskreis mit Abstand an der Spitze; die Kirche(ngemeinde) landete nur auf einem der hinteren Plätze. Aber auch für andere Vereini­gungen und politische Gruppierungen fehlte es den Befragten an Zeit und Interesse. Auf die Frage »Was ist für Sie besonders wichtig im Leben?« gab es Spitzenwerte für »Familie«, »Gesundheit«, »eine glückliche Partnerschaft«, »finanzielle Unabhängigkeit« und »das Leben genießen«. Demgegenüber fanden nur 10 % »etwas zu haben, an das man glaubt« und noch weniger »soziales Engagement« für besonders wichtig.

Nach einem Bericht in der Zeitschrift »Chrismon« war in der Synode eine gewisse Ratlosig­keit spürbar, wie das Ruder herumgerissen werden könnte. Einig waren sich die Teilnehmer, dass die Kirche vor einer gewaltigen Aufgabe stehe; sie müsse erst einmal wieder lernen, die Perspektive der jungen Leute einzunehmen. Der Verfasser der Studie warnte jedoch: »Da helfen keine Ansätze bei Defiziterfahrungen der jungen Leute, etwa von der Art, dass sie das, was ihnen fehlt, nun bei der Kirche bekommen könnten. Die Kirche kann die Aufmerksamkeit der Jugend aber gewinnen, wenn sie ihren Glauben und ihre Spiritualität erkennbar macht.« Ein anderer Diskussionsteilnehmer meinte hierzu, die Kirche schaffe es nicht, die Spiritualität, die in den Menschen steckt, abzudecken und in Gottesdiensten anzusprechen. Hinter etlichen Diskussionsbeiträgen stand wohl der Eindruck (vielleicht auch nur die Hoffnung?), dass in der Jugend mehr Religiöses steckt, als man denkt. Auch »Chrismon« meinte, dass es nun wenig helfen werde, die Themen der jungen Leute nachzuahmen, also ein »bisschen mehr Klima­schutz, Digitales, Multikulti« zu thematisieren. Die Kirche müsse radikaler ansetzen: »Jugend­liche brauchen einerseits eigene Freiräume und andererseits müssen sie selbstverständlicher Teil der Entscheidungsstrukturen werden. Sie müssen eigene Themen setzen und eigene Handlungsfelder besetzen können, mit eigener personeller und finanzieller Verantwortung, dabei unterstützt und begleitet dort, wo es ihnen an Fachwissen fehlt. Aber wenn sich viele junge Leute überhaupt nicht mehr für religiöse Fragen interessieren, dann ist die Grundsatz­frage zu beantworten: Warum fasziniert der christliche Glaube nicht (mehr)? Warum erscheint er als belanglos, als ganz weit weg vom Leben der jungen Leute?«

Zwar ist die Studie auf die kleine Tempelgesellschaft nicht übertragbar, dennoch scheinen mir einige Befragungsergebnisse auch für die Jugendlichen bei uns zuzutreffen. Während in der EKD aber beklagt wurde, dass die jungen Leute zu wenig an Entscheidungsprozesse be­teiligt würden, können wir für uns in Anspruch nehmen, den Jugendlichen große Freiräume für eigene Aktivitäten zu bieten. Voraussetzung ist natürlich, dass hieran auch Interesse besteht. Ich wäre daher für Rückmeldungen aus den Reihen der jüngeren Mitglieder und Familienange­hörigen dankbar, welche Erwartungen insoweit an die Gemeinde bestehen und welchen Bei­trag man selbst dazu leisten will.

Jörg Klingbeil

Eine Stimme der Vernunft ist verstummt - zum Tod von Amos Oz

Als Amos Klausner wurde er am 4. Mai 1939 in Jerusalem geboren; die Familie seines Vaters war nach der russischen Revolution 1917 von Odessa nach Vilnius geflüchtet und 1933 nach Palästina ausgewandert. Ein Teil seiner Familie kam im Holocaust ums Leben. Nun ist der meistübersetzte israelische Schriftsteller am 28. Dezember 2018 nach langem Krebsleiden im Kreis seiner Familie in Tel Aviv gestorben. Den Nachnamen Oz, was im Hebräischen so viel wie »Kraft« oder »Stärke« bedeutet, hatte er sich bereits im Alter von 15 Jahren beigegeben, als er nach dem tragischen Selbstmord seiner Mutter in das Kibbuz Chulda eintrat. Von 1960 bis 1963 studierte Oz an der Hebräischen Universität von Jerusalem Literatur und Philosophie; anschließend kehrte er in das Kibbuz zurück. Amos Oz,
 Foto: Michiel Hendryckx,
 Wikimedia Commons1986 siedelte er in den Ort Arad in der Negev-Wüste über. An der Ben-Gurion-Uni­versität des Negev in Be’ersheba lehrte er von 1987 bis 2005 hebräische Literatur und erhielt dort 1993 den begehrten Agnon-Lehrstuhl für dieses Fach.

Amos Oz war Mitbegründer und Galionsfigur der israelischen Friedensbewegung und setzte sich immer wieder für die Zwei-Staaten-Lösung und ein Ende des Konflikts mit den Palästinen­sern ein; auch die Siedlungspolitik der israelischen Regierung ver­urteilte er immer wieder scharf, was ihm von ultranationalistischer Seite den Vorwurf des Vaterlandsverräters eintrug. Dabei ließ er keinen Zweifel daran aufkommen, dass der Staat Israel das Recht habe, sich selbst zu verteidigen. Am Sechs-Tage-Krieg 1967 und am Jom-Kippur-Krieg 1973 nahm er aktiv als Soldat teil. Er sei kein Pazifist im sentimentalen Sinne des Wortes, erklärte er ein­mal im Rahmen seiner Poetik-Dozentur an der Universität Tübin­gen 1992, sondern er trete für politische Kompromisse ein. Sein vielfältiges literarisches Werk wollte er nicht auf eine politische Botschaft reduzieren lassen. Vielmehr wies er in seinen Reden und Publikationen immer wieder darauf hin, dass die Proble­matik zwischenmenschlicher Beziehungen nicht auf die Lebensbedingungen in einem konkre­ten politischen Kontext zurückzuführen sei, sondern auf tieferliegende Abgründe der mensch­lichen Seele. Seine zahlreichen, vom Leben im Kibbuz inspirierten Romane und Erzählungen, darunter der Weltbestseller »Eine Geschichte von Liebe und Finsternis«, »Der perfekte Frie­den«, »Eine Frau erkennen«, »Der dritte Zustand«, »Nenn die Nacht nicht Nacht«, »Ein ande­rer Ort«, »Verse auf Leben und Tod«, »Allein das Meer« und »Judas« waren alle autobiogra­phisch beeinflusst.

Amos Oz erhielt etliche internationale Auszeichnungen für sein literarisches Werk, darunter den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1992), den Israel-Preis (1998), den Goethe-Preis (2005), den Prinz-von-Asturien-Preis (2007) und den Siegfried-Lenz-Preis (2014) sowie mehrere Ehrendoktorwürden. In den zahlreichen Nachrufen in israelischen und internationalen Medien wurde Amos Oz vor allem als mutiger und unerschrockener Friedenskämpfer gewür­digt. Staatspräsident Reuven Rivlin hob seine Menschenliebe und die Klarheit seines Blicks hervor, mit der er eine Reihe bleibender literarischer Figuren erschaffen habe. Oz habe - so Rivlin - »unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft« wie auf dem Zeichenbrett entworfen. Andere Reaktionen in Israel ließen den jeweiligen politischen Standort deutlich zu Tage treten: So bezeichnete der israelische Ministerpräsident Netanjahu Oz zwar als »einen der größten Schriftsteller, die Israel je hatte«, betonte aber auch, dass er mit ihm in vielen Fragen nicht einer Meinung gewesen sei. Auf der anderen Seite würdigte die Vorsitzende der kleinen oppositionellen Meretz-Partei, der Oz zeitweilig angehörte, ihn als »einen der größten Schriftsteller aller Zeiten« und als »mutigen Denker, der niemals davor zurückschreckte, seine Meinung zu äußern und sein Talent für den Kampf um die Zukunft Israels einzusetzen«. Zahlreich waren auch die Nachrufe der Schriftstellerkollegen, die deutlich machten, welchen Einfluss Oz auf die Literatur seines Landes hatte und vermutlich noch lange haben wird. »Von uns ist ein Mensch gegangen«, so erklärte der mit Oz eng befreundete Schriftsteller David Grossman, »der uns am genauesten zu beschreiben wusste.«

Jörg Klingbeil

Honig vom Dach

Foto: Csaba Szily,
 Wikimedia CommonsNachdem wir im März 2018 über die erschütternden Erkenntnisse zum Insektensterben und zum Rück­gang der Artenvielfalt berichtet hatten, hier etwas positiver stimmende Ausführungen dazu:

Aus immer mehr Großstädten ist zu hören, dass Bienenvölker erfolgreich auf den Dächern gehalten werden - sogar mit mehr Honigertrag als auf dem Land. Auch der Nabu berichtet von einem wahren Boom der Stadtimkerei in New York, Chicago, Paris, Seoul oder Berlin (z.B. im Innenhof des Bundes­tags), trotz des Autoverkehrs und vieler Autoabga­se.

So gibt es beispielsweise auf dem Dach der Ka­thedrale Notre-Dame in Paris drei Bienenstöcke, die die Firma Beeopic, die alles für die Bie­nenhaltung vertreibt, kostenlos zur Verfügung stellte und betreut. Die Idee des Chefs, Bienenstöcke auf den Dächern öffentlicher Gebäude und Firmen in Paris aufzustellen, brachte die Marketingabteilungen etlicher Unternehmungen dazu, sich auf diese Weise für wenig Geld ein umweltfreundliches Image zu verpassen. Doch mittlerweile sind viele Mitarbeiter interes­siert und informieren sich bei den zwei im Jahr für die Kunden durchgeführten Veranstaltungen von Beeopic über Bienen und ihren Schutz.

Zunehmend sind es Freizeit-Imker, zudem scheint die Bewegung international zu werden, weil das Nahrungsangebot für Bienen in den Städten mittlerweile sehr viel größer und viel­fältiger ist als auf dem Land. Auf den Balkonen, in begrünten Innenhöfen, auf Verkehrsinseln und Straßengrün, begrünten Randstreifen, Kleingärten und begrünten Dachterrassen, auf Blumenwiesen, in Schrebergärten, Parks oder Friedhöfen wächst von Frühjahr bis Herbst eine Vielfalt an Blühpflanzen.

Aber nicht nur die Vielfalt, auch der verschwindend geringe Einsatz von Pestiziden - wenn überhaupt welche eingesetzt werden - fördert das Bienenleben und lässt sie gesünder und widerstandsfähiger sein als die Bienen auf dem Land. Denn Pestizide haben verheerende Auswirkungen auf das Immunsystem der Bienen. Dadurch wird ihre Widerstandsfähigkeit gegen die Varroa-Milbe geschwächt, die vor etwa 30 Jahren aus Asien nach Europa einge­schleppt wurde und das But der Bienen saugt. Das macht sie anfälliger für Infektionen und die Tiere überstehen den Winter nicht.

Die mittlerweile durch systematische Rodung von Hecken, Kleingehölzen, Waldstücken und Bachrändern entstandenen großflächigen, eintönigen Agrarflächen können zwar landwirt­schaftlich gut gehandhabt werden, halten aber keinerlei Nahrung für Bienen mehr vor. Auch bieten die Monokulturen zwar in der kurzen Zeit, in der weite Landstriche blühen, reichlich Bienen-Nahrung, danach ist aber für sie weit und breit nichts mehr zu finden. Außerdem mähen die Bauern ihre Wiesen oft schon vor der Blüte, so dass mancherorts Bienen schon im Juli nur noch blütenfreie Landstriche vorfinden und hungern - so sterben manche Bienenvölker mitten im Sommer.

Aber wesentlich für den Fortbestand der Bienen sind auch die Imker - und offenbar ist die Gefahr gebannt, die von der sinkenden Zahl der Imker (in den letzten 60 Jahren halbierte sich die Zahl der Imker, zudem meist im Alter von 60 plus) ausging. Denn laut Prognosen werden im Jahr 2050 etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung in Ballungsräumen leben, so dass die Stadtimkerei einen großen Einfluss auf die Zahl der Bienenvölker haben kann. Seit 2010 steigt die Zahl der Imker wieder und die Zuwächse in der Stadt sind überdurchschnittlich hoch. Ebenso wie die Honigproduktion: in Berlin wurde laut einer Studie bis zu 47 kg Honig pro Volk produziert, in Hamburg 40 kg, während der Durchschnitt in Deutschland pro Jahr und Bienen­volk bei 30 kg liegt.

Auf der Internetseite des Nabu wird dazu eingeladen, auch als Laie oder Anfänger mit der Bienenhaltung auf Balkon oder Dachterrasse zu beginnen - dazu wurde eine schlichte, pflegeleichte Kiste entwickelt, die eine wenig aufwändige und artgerechte Bienenhaltung erlaubt. So dürfen die Tiere auch ihren Honig behalten und nur, was sie im hinteren Teil, der Honigkammer, eingelagert haben, wird geerntet.

Karin Klingbeil

 

Die Biene wird in verschiedenen Kulturen von Europa bis China als Verkörperung von Fleiß, Ordnung und Reinheit verehrt. Auch spielten Bienen und der Honig in vielen Religionen eine wichtige Rolle. Für die alten Ägypter ist die Biene Lebensspenderin; sie symbolisiert Geburt, Tod und Auferstehung. Zahlreiche Stellen in der Bibel sprechen von der Nahrhaftigkeit des Honigs; nicht zuletzt ist das verheißene Land das, in dem Milch und Honig fließen. Im Chris­tentum steht die Biene für Weisheit, im Islam empfahl Muhammad die heilenden Eigen­schaften des Honigs und im Hinduismus ist der Honig eine Opfergabe für die Götter. Dass das so ist, erstaunt nicht, denn seit der Steinzeit wird Honig von den Menschen gesucht, wie Höhlengemälde in Spanien belegen. Honig war für Jahrtausende der einzige verfügbare Süßstoff. Die große Bedeutung ist außerdem darauf zurückzuführen, dass die Bienen für die Bestäubung aller Blütenpflanzen - also auch aller Nutzpflanzen - wesentlich sind.

Plastik kommt so nicht mehr in die Tüte - wie soll das denn gehen?

Wir freuen uns über eine Leserzuschrift mit konkreten, umsetzbaren Vorschlägen zum Beitrag »Ersticken wir im Müll?« in der Januar-Ausgabe

Eine Umsetzung ist für mich nur dann sinnvoll, wenn dies ohne große Umstände in meinem Alltag verwirklicht werden kann. Am Einfachsten für meine Überlegungen war es, durchzu­forsten, was es eigentlich vor der Plastikzeit für Lösungen auf verschiedensten Gebieten im alltäglichen Leben gab. Dazu gehören für mich auch Erfahrungen anderer Länder, welche entbehrungsreiche Zeiten bis heute sehr gut kennen und sich in vielerlei Dingen behelfen müssen. Und das häufig sehr erfolgreich!

In der Presse stehen in letzter Zeit vermehrt Artikel zu diesem Thema. Zum einen zeigt es die Notwendigkeit, sich mehr damit zu beschäftigen, und zum anderen auf Grund der Rat­schlä­ge, welch geringe Kenntnisse dazu wohl teilweise vorhanden sind.

So ist es vielleicht doch hilfreich, ein paar Themen anzuschneiden. Die Tipps mögen vielen bereits bekannt sein, dann gibt es bestimmt noch die eine oder andere Ergänzung. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt der Möglichkeiten.

Natürlich wäre es falsch, von Plastik ganz weg zu kommen. Für mich gilt, bereits Vorhande­nes aufzubrauchen und erst dann mit Alternativen zu starten. Aber manches lässt sich auch sofort umsetzen.

Allgemeine Gebrauchsgüter, beginnen wir mit den Papiertaschentüchern. Bestimmt ist Ihr Stofftaschentuchvorrat noch im Schrank irgendwo gelagert und ruht dort seit langer Zeit. Das lässt sich also ganz schnell umsetzen. Außerdem lassen sich Stofftaschentücher viel länger verwenden als Papiertaschentücher.

Bestimmt erinnern Sie sich an die Einkaufsbeutel aus Kaffeetüten. So wurden aus Abfallma­terialien wahre Schmuckstücke, aber eben leider nicht aus plastikfreiem Material. Dagegen konnte schon allein aus optischen Gründen die Welle »Jute statt Plastik« nicht mithalten! Nun wird das gleiche Thema nochmals aufgegriffen und die Stofftaschen erleben eine Wieder­geburt. Sie sind bestimmt auch kaum erforderlich neu zu erwerben, sondern im allgemeinen Haushalt noch vorhanden. Aber beim Einkauf von Lebensmitteln ist ein Umdenken bereits in vollem Gange. Statt der dünnen Plastiktüten, welche für Obst und Gemüse beim Abwiegen der Ware zum Einsatz kamen, gibt es nun kleine Netzbehälter, welche man mit der losen Ware befüllen und beschildern kann. Ich habe sie mir selbst aus Vorhangresten genäht und mit einer Kordel versehen. Natürlich gibt es sie auch zu kaufen. Meist liegen sie in der Obst- und Gemüseabteilung zum Verkauf bereit. Bei bereits abgepackter Ware hilft nur die Alternative, in den Bauernladen oder Bioladen sowie zum Markt zu gehen und dort seine Beutel und Tragetaschen zum Einfüllen der Ware hinzuhalten. In machen Geschäften werden inzwischen beim Käse- und Wurststand mitgebrachte Behälter akzeptiert. Ist das nicht der Fall, so können Sie darum bitten, dass die verschiedenen Wurst- oder Käsesorten in jeweils nur eine einzige Verpackung gegeben werden. Darauf sind ja dann die einzelnen Posten aufgelistet. So erspart man auf diese Weise wenigstens etwas von dem reichen Verpackungsmüll.

Es gibt natürlich bereits Verpacktes, welches bis jetzt nicht verändert werden kann, wie. z.B. Toilettenpapier. Jedoch kann die große Tüte für weitere Dienste zur Verfügung stehen, wenn die Verpackung sorgfältig aufgeschnitten und nicht aufgerissen wird. Da gibt es sicher noch weiteres Vergleichbares.

Wie herrlich wirkungsvoll sind die Plastikgeschenkbänder, wenn sie großzügig gekräuselt eine Geschenkverpackung aufpeppen! Auch da lässt sich eine gute Alternative über Schnüre und Kordeln finden. Farblich passend eine Kordel aus Wollresten gefertigt ist natürlich nur etwas für Handarbeitsliebhaber!!

Ein großer Bereich sind die Putzmittel verschiedenster Art. Da lässt sich nebenbei auch noch Geld sparen! Selbstgemachtes Waschmittel aus Kastanien ist dabei eine durch und durch überzeugende Alternative. 5-6 Kastanien in kleinere Stücke schneiden, in ein Glas füllen und mit ca. 300 ml Wasser auffüllen und 8 Stunden ziehen lassen, damit sich die Reinigungs­inhalte (Saponine) lösen. Die entstandene Lauge wird ohne die Kastanienstücke in das Waschmittelfach gegossen und die Wäsche ganz normal gewaschen. Die Kastanienstücke können zwei bis dreimal verwendet werden. Bei Weißwäsche empfiehlt es sich, die Kastanien vorab zu schälen.

Man nehme ca. 10 ältere dunkle Efeublätter, fülle sie in ein kleines Säckchen, wie z.B. einen alten Nylonstrumpf, verknote diesen und lege ihn ins Wäschefach. Efeu enthält zwar etwas weniger Saponine, aber es lässt sich im Gegensatz zu Kastanien das ganze Jahr finden.

Natron und Soda ersetzen viele Spezialreiniger und das mit der gleichen Wirkung; ergän­zend gehören dazu Essigessenz und Zitronensäure.

Beispiele: Toilettenreiniger aus einem EL Soda, dies mit der Bürste verteilen, einwirken las­sen und danach spülen.

Abflussreiniger aus 4 EL Soda oder 4 EL Natron, in den Abfluss schütten, dazu 1/2 Tasse Essig oder 20 ml Essigessenz mit 100 ml Wasser verdünnt nachkippen. Es entsteht ein weißer Schaum. Abfluss ca. 5-10Min. mit einem Tuch verschließen und anschließend mit ein bis zwei Liter heißem Wasser nachspülen.

Herdkochfelder reinigen mit Sodapulver. Aufstreuen und mit einem nassen Spüllappen ab­wischen.

Eine Alternative zur Seife ist die Brotseife, welche ich in Armenien kennen gelernt habe: Man nehme eine dicke Scheibe Mischbrot, entferne die Kruste und zerpflücke das Brot in kleinere Stücke. Knete diese mit in gutem Wasser, z.B. Quellwasser getauchten Händen zu einer Kugel. Die Kugel muss so lange geknetet werden, bis eine geschmeidige Masse entsteht. Diese Kugel wird in einem Behälter feucht gehalten. Vor jeder Verwendung kurz durchkneten und wie eine herkömmliche Seife verwenden. Wird sie regelmäßig verwendet, kann sie nicht schimmeln.

Bei der Körperpflege, z.B. Gesichtsreinigung ist man mit einem Waschlappen genauso erfolgreich wie mit der Verwendung von Pflegetüchern und kann sie damit ganz vermeiden.

Mit der Brotseife lässt sich etwas verdünnt auch eine Gesichtsmaske herstellen. Diese wie eine herkömmliche Maske verwenden.

Leere Sprühflaschen lassen sich bequem mit anderen Zusätzen auffüllen und wieder verwenden. So wird ein zusätzlicher Kauf ebenfalls vermieden.

Das alles ist nur ein verschwindend kleiner Teil von ganz vielen Alternativen zu Plastik und chemischen Produkten. Aber wenn Sie sich damit intensiver beschäftigen werden Sie unend­lich viele Ratschläge bekommen. Ausprobieren lohnt sich!

Leider gibt es in Stuttgart bisher nur einen »verpackungsfreien« Laden (Schüttgut, Vogel­sangstr. 51); ähnliche Läden sind in Tübingen, Reutlingen und Schwäbisch Gmünd zu finden. Sicher werden es bald mehr.

Inge Blaich

NEUES AUS DEM ARCHIV

Sophie Rinker verh. Dyck

Eine der ersten Volksschullehrerinnen in Württemberg

Vor kurzem erschien eine umfangreiche Neuauflage der Ortschronik des Filderstädter Ortsteils Plattenhardt, herausgegeben vom städtischen Archiv. Darin wird u.a. das Schulwesen im 19. Jahrhundert in der damals noch selbständigen, landwirtschaftlich geprägten Gemeinde nach­gezeichnet.

Ein Bezug zur Tempelgesellschaft ergibt sich aus einem Beitrag der Heimatforscher Eva-Maria Klein und Herbert Neef über die erste Lehrerin an der Plattenhardter Volksschule, Sophie Rinker, die am 3. September 1835 bei Münsingen zur Welt kam. Ab 1859 besuchte sie das Privatlehrerinnenseminar in Ludwigsburg, die erste Ausbildungsstätte für Lehrerinnen evangelischen Glaubens in Württemberg. Erst im Jahr zuvor war die Einstellung von Lehrerinnen für Mädchenschulen - nur in den unteren Klassen - erlaubt worden, d.h. sie durften Unterlehrer und Lehrgehilfen, jedoch nicht Schulleiter werden. Sophie Rinker gehörte also zu den ersten Lehrerinnen in Württemberg überhaupt. Am Martinitag (11. November) des Jahres 1861 trat sie ihren Dienst in Plattenhardt an, vermutlich durch Vermittlung ihres Bruders Karl Ludwig, der an der dortigen Volksschule schon zweiter Lehrer war. Sophie übernahm nun die Stelle des dritten Lehrers, des sog. Lehramtsgehilfen. Gerhard und Sophie Dyck um 1890Im Jahr 1867 folgte sie ihrem Bruder nach, der sich wegen ständiger Querelen mit dem Schulleiter (Schulmeister) wegversetzen ließ und kurz darauf auswanderte. Alle drei Lehrer lebten bis dahin in einem Schulhaus, Sophie und ihr Bruder in zwei kleinen Mansarden unterm Dach. Bereits ein Jahr nach der Anstellung attestierte der Ortspfarrer, der die Aufsicht über die Schule innehatte, der neuen Lehrerin gute Erfolge bei der Erziehung der Kinder, aber besonders im Hinblick auf die Reinlich­keit der Schüler und des Schulgebäudes, ein wichti­ges Qualitätsmerkmal in der damaligen Zeit, das der Schulmeister - wie aus den Akten der Ortsschul­behörde hervorgeht - offenbar jahrelang vernachlässigt hatte. Nun kam es immer wieder zu Reibereien mit den beiden Nachwuchslehrern. Zur Ehrenrettung des Schulleiters muss allerdings gesagt werden, dass die männlichen Lehrer in den württembergischen Gemeinden mehr »Nebenaufgaben« zu erledigen hatten als ihre weiblichen Pendants. So mussten sie Mesnerdienste in der Kirche leisten, waren zum Vorsingen an der Orgel und zum Mitsingen bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen verpflichtet, mussten in der Kirche verwendete Tücher und Chorhemden waschen, die Kirchturmuhr aufziehen, die Kirche reinigen und die Schule heizen. Außerdem wurden auf das Gehalt des Schulmeisters in Plattenhardt auch »Natura­lien« in Form von zwei Äckern und einem Garten angerechnet, so dass er sich das Gehalt teilweise erst durch zusätzliche körperliche Arbeit verdienen musste - alles Erschwernisse, von denen seine junge Kollegin, deren Gehalt nicht wesentlich niedriger als seins war, verschont blieb. Kein Wunder, dass das Verhältnis zwischen ihnen belastet war. Hierzu trug vermutlich auch bei, dass der konservativ eingestellte Schulmeister aus der Unterschicht stammte, während die junge und tüchtige Kollegin als Tochter eines Schulleiters aus der Mittelschicht kam. Er empfand sie wohl auch als soziale Konkurrenz, die seine Position zu schwächen drohte. Pfarrer und Gemeinderat haben es aber offenbar nicht bereut, eine der ersten württembergischen Lehrerinnen eingestellt zu haben, denn in den Schulberichten wird Sophie Rinker immer wieder lobend erwähnt (»ohne Anstoß, anständig und ziemlich eingezogen«), während der Kirchenkonvent zur Versetzung des Schulmeisters wegen »Unverträglichkeit« riet. Bis Ende 1869 blieb Sophie Rinker noch in Plattenhardt und schied 1872 auf eigenen Antrag aus dem württembergischen Schuldienst aus.

In einer früheren Fassung des Beitrags von 1993 war an dieser Stelle Schluss mit der Beschreibung des Lebenswegs der ersten Plattenhardter Lehrerin, zumal es keine persön­lichen Aufzeichnungen von Sophie Rinker gab. In der Zwischenzeit konnte der Ko-Autor Herbert Neef jedoch - auch mit Unterstützung unseres Archivs - ihr weiteres Schicksal aufklären. Denn Sophie Rinker war wohl Ende der 1860er Jahre zu den Templern gestoßen und brach - nachdem ihre Mutter gestorben und vier ihrer Brüder ausgewandert waren - am 8. September 1872 gemeinsam mit 26 weiteren Personen nach Palästina auf, worüber die »Süddeutsche Warte« kurz darauf berichtete: »Außer diesen ist noch Fräulein Sophie Rinker zu nennen, die seit mehr als zehn Jahren als Lehrerin der vaterländischen Schule gedient hat, nun aber infolge eines Rufes des Herrn Hoffmann aus dem württembergischen Schuldienst ausgetreten ist, um in Jaffa an der dortigen Mädchenschule zu arbeiten. Bei der kleinen Anzahl von Schülern waren in der dortigen Schule die Mädchen und Knaben nicht getrennt. Nachdem nun aber die Schülerzahl sich vergrößert hat und das Pensionat für Knaben eröffnet und immer mehr von fremden Zöglingen besucht ist, war die Trennung der Geschlechter und die Gründung einer besonderen Mädchenschule ein unabweisbares Bedürfnis. Sophie und Gerhard Dyck um 1905Wir benutzen diese Gelegenheit, um der württembergischen Schulbehörde unseren Dank auszusprechen für die Bereitwilligkeit und Uneigennützigkeit, mit welcher sie diese tüchtige Lehrerin unserem Missionswerk abgetreten hat.«

Es war wohl an der Schule in Jaffa, wo Sophie Rinker den aus Russland eingewanderten und von Mennoniten abstammenden Lehrer Gerhard Dyck kennenlernte, den sie am 7. Februar 1875 heiratete. Nach der Heirat schied sie aus dem Schuldienst aus; 1877 wurde die erste Tochter Sophie Kathari­na, 1879 die zweite Tochter Gertrud geboren. 1879 wechselte Gerhard Dyck an eine Mädchenschule nach Haifa; 1893 kam er als Lehrer an das Lyzeum der Templerkolonie in Jerusalem. Im Jahre 1907 schließlich wechselte er als Lehrer an die Schule der neuen Tempelkolonie Wilhelma, wo er anfänglich gemeinsam mit Frau und Tochter Gertrud (für weibliche Handarbeiten) unterrichtete. Sophie Dyck wurde abgelöst, als 1908 Johann Dreher aus Sarona als zweiter Lehrer eingestellt wurde. In der »Jerusalemer Warte« vom 12. April 1915 findet sich ihre Todesanzeige, aus der hervorgeht, dass sie nach neunmonatiger Krankheit am 30. März 1915 in Wilhelma verstarb. Dort wurde sie auch beerdigt.

Als im Verlauf des Ersten Weltkriegs die Bewohner der Südkolonien interniert wurden, unterrichtete Gerhard Dyck zusammen mit einigen Hilfskräften die in Jaffa/Wilhelma inter­nierten Schulkinder weiter und setzte seine Tätigkeit auch im Internierungslager Al Hayat bei Helouan in Ägypten fort. 1920 durfte ein Teil der Templer wieder nach Palästina zurückkehren, darunter auch Gerhard Dyck. Er unterrichtete zunächst an der Schule der Kolonie Betlehem; nach einem Jahr kehrte er aber wieder nach Wilhelma zurück. Erst 1923, im Alter von 79 Jahren, trat er in den Ruhestand und zog zur Familie seiner Tochter Sophie Katharina nach Jerusalem, wo er am 11. Dezember 1932 starb. Entsprechend seinem Wunsch wurde er auf dem Friedhof in Wilhelma begraben. Nach der Auflassung des Friedhofs nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auch die sterblichen Überreste von Sophie und Gerhard Dyck in das Sammelgrab auf dem Templerfriedhof in Jerusalem umgebettet.

Die jüngere Tochter Gertrud blieb unverheiratet und starb 1963 in Boronia. Ihre ältere Schwester Sophie Katharina heiratete 1904 in Jerusalem Christian Imberger und starb 1947 in Jerusalem. Das Ehepaar hatte sieben Kinder, deren zahlreiche Nachkommen heute in Australien und in Deutschland leben.

Das Stadtarchiv war schon seit langer Zeit auf der Suche nach Fotos der ersten Lehrerin Plattenhardts. Erfreulicherweise konnten wir nun zwei Aufnahmen, die Sophie mit ihrem Ehemann zeigen und die jetzt in der Ortschronik abgedruckt sind, zur Verfügung stellen, was Stadtarchivar Dr. Back als »fast wie Weihnachten« bezeichnete. Ein herzliches Wort des Dankes gilt unsererseits auch Birgit Arnold, die insbesondere zu den Vorfahren von Sophie Rinker wichtige Informationen beisteuern konnte.

Jörg Klingbeil

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