Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 173/6 - Juni 2017

 

 

Das religiöse Umfeld in Australien - Mark Herrmann

... und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist... - Karin Klingbeil

Die Taufe - ein Geschenk? - Peter Lange

Vom Sorgen und Trachten - Karin Klingbeil

Ohne alle äußere Rüstung - Jürgen Moltmann

Wie Christoph Hoffmann seinen Namen erhielt - Peter Lange

Arbeitsprogramm einer Sozialmitarbeiterin - Martina Eaton

Friedensinitiativen im Heiligen Land - Jörg Klingbeil

 

Wie in der Mai-Warte angekündigt, folgt hier der zweite Teil der Ausführungen von Mark Herr­mann zur Religion in Australien und zu den Auswirkungen auf die TSA.

Das religiöse Umfeld in Australien

Wie sehen wir Gott in der TSA? Wie steht man in Australien zur Religion? Ich glaube, man kann sicher sagen, dass die meisten Templer nicht mehr so fromm sind wie in früheren Generationen, bei deren Häusern in den Siedlungen in Palästina Bibelverse über den Ein­gangstüren eingraviert waren. Wir wissen auch, dass es ihr Glaube war, der unseren Vorfahren half, auch schwerste Zeiten zu bestehen.

Dr. Brigitte Hoffmann (Älteste der TGD) schreibt: »Was wir über Jesus wissen und von Gott glauben - wir können überhaupt nichts über Gott wissen - hat seinen Ursprung in der Bibel.« Jeder kann potenziell Gott erfahren, aber jeder auf seine Weise. Wie viele von uns lesen noch regelmäßig in der Bibel? Selbst als Ältester befasse ich mich hauptsächlich dann mit bibli­schen Texten, wenn ich mich für Gottesdienste vorbereite.

Aber mit der Zeit fangen wir an, tiefer nachzudenken und mehr zu hinterfragen. Unsere Vor­stellung von Gott, Religion und Spiritualität ist individuell. Es gibt keine richtigen oder falschen Ansichten darüber. Die Tempelgesellschaft schreibt nicht vor, was ihre Mitglieder zu glauben haben.

Vor einigen Jahren hat die TSA ihre Informationsbroschüre "About the Temple Society" neu gestaltet und dabei die Ausdrucksweise abgeändert - in der Hoffnung, somit die australische Gesellschaft und unsere assoziierten Mitglieder mehr für uns zu interessieren und uns ihnen verständlicher zu machen. Als liberale christliche Gemeinde schätzt die TSA die Freiheit reli­giösen Denkens sehr hoch. Wir wollen vermeiden, dass potenzielle Leser unsere Broschüre und unser Schrifttum ignorieren, weil sie keine Beziehung zu dem Wort "Gott" haben oder sofort vermuten, es handele sich um eine kirchenchristliche oder altertümliche, übernatürliche Sichtweise. Ja, "Gott" ist nur ein Wort, aber es steht für ein besonders persönliches Leitbild, das sich im Laufe der Zeit entwickeln kann.

Die Grundlagen unseres Glaubens sind solide, haben den Ansprüchen der Zeit standgehal­ten und sie dienen uns weiterhin in bewundernswerter Weise. In Anbetracht der Veränderun­gen in der Welt und der Gesellschaft über mehr als 150 Jahre ist das recht bemerkenswert. Ich denke, dass die Tempelgesellschaft sich diesen Veränderungen erfolgreich angepasst hat, wie sie es freilich muss, um weiterhin eine Bedeutung zu haben - und zwar, indem sie die Art und Weise, wie sie Dinge tut, verändert, während sie - ganz wesentlich - die Grundlagen ihres Glaubens bewahrt.

Ziel und Zweck, Lebensphilosophie und die Werte der TSA sind klar und bleiben so, wie sie immer gewesen sind und wie sie sich in unserem Namen, unserem Motto und dem Doppel­gebot der Liebe widerspiegeln. Das ist heute noch unsere Auffassung von einem aktiven Christentum. Ich weiß, dass viele Templer in Australien sich selbst für nicht besonders "reli­giös" halten, doch denke ich, dass das davon abhängt, welchen Maßstab man anlegt. Vergli­chen mit herkömmlichen christlichen Glaubensrichtungen (seien sie katholisch, anglikanisch, uniting etc.) ist unsere Anschauung und Einstellung sowie unser Glaubensverständnis und unsere religiöse Praxis einfach anders.

Unser Ansatz ist mehr als nur "progressiv" oder liberal zu sein: in der TSA ist unser gemein­schaftliches Ziel, in Harmonie mit der Umwelt miteinander aktiv für eine gerechtere und mitfühlendere Welt zu arbeiten. Wir fühlen uns mit all jenen verbunden, die sich für das Wohl der Menschheit und für Frieden einsetzen, wie es unser biblisches Motto ausdrückt: »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere zufallen« (Matthäus 6,33).

Es heißt, dass Taten mehr sagen als Worte, und interessanterweise geht aus einer ganzen Anzahl von Bibelversen dasselbe hervor. Ich denke, dass viele Templer zufrieden sind, wenn sich ihr Glaube durch Taten ausdrückt, durch ihr Verhalten und ihre Einstellung zu anderen, zur Gemeinde und zum Leben überhaupt.

Wir können unser Herz anderen gegenüber öffnen und ein Mensch sein, der geprägt ist von Liebe und Güte. Wenn wir vom "Geist liebender Güte" sprechen, der in uns, durch uns und um uns ist (wie in Epheser 4,6), so ist das etwas, mit dem sich die Menschen heute eher identifizieren können. Es ist eine Möglichkeit, "Gott" zu denken.

Kurz nach meiner Rückkehr von meinem letzten Besuch der TGD im Juni 2016 war ich bei einer Präsentation mit Hugh Mackay (vom PCNV - Progressive Christian Network Victoria - veranstaltet) seines neuesten Buchs (Beyond Belief: How we find meaning, with or without religion, Pan Macmillan, 2016). Darin untersucht Mackay, ein angesehener Sozialforscher und Berichterstatter, die sich ändernde Rolle der Religion in Australien - wo sich 61% der Bevöl­kerung als Christen bezeichnen, 67% an einen Gott oder "ein höheres Wesen" glauben, aber nur 8% wöchentlich in die Kirche gehen. Er meint, dass, während unsere Bindung an eine traditionelle Vorstellung von Gott schwinde, unser Wunsch nach einem sinnvollen Leben so stark sei wie eh und je.

Viele Beobachtungen, die Mackay in seiner Präsentation darstellte (s.u.), fanden starken An­klang bei mir und anderen Ältesten der TSA, die ebenfalls dabei waren:

- Während der letzten 50 Jahre ging der Kirchenbesuch stetig zurück, schneller noch in den vergangenen 25 Jahren.

- Der Anteil der Bevölkerung, der regelmäßig die Kirche besuchte, war nie die Mehrheit. Der Kirchenbesuch betrug einmal 50%, liegt zu Weihnachten bei über 33% (wenn man das Singen von Weihnachtsliedern mit einschließt) und 25% zu Ostern. Religion wird uns immer begleiten. Sollten Statistiken etwas anderes behaupten, wurden die Daten falsch gelesen. Der Vorteil von Religion für Volk und Gemeinschaft ist tiefgreifend.

- Glaube vermittelt ein Gefühl der Zugehörigkeit und Lebenssinn. Menschen, die einen Sinn in ihrem Leben sehen, sind glücklicher, fühlen sich sicherer und sind zufriedener bei dem, was sie tun. Sie sind weniger Stress, Angst und Depression ausgesetzt. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass eine Beziehung zu etwas Größerem als wir selbst es sind, eine religiöse Überzeugung oder eine geistige Dimension in unserem Leben uns glücklicher und gesünder macht. Studien über Menschen, die einen Sinn in ihrem Leben sehen, zeigen auf, dass das wesentlich für das Wohlergehen ist und Dr. Martin Seligman, einer der Begründer der Positiven Psychologie, beschreibt "Sinn" als einen lebenswichtigen Bestand­teil von Glück und Wohlergehen. In medizinischen Studien wurde durch Messungen des Placebo-Effekts die Heilkraft des Glaubens nachgewiesen.

- Die Bibel bietet großartige Erzählungen, die zum Teil historische Wahrheit enthalten, die aber auch voller metaphorischer Wahrheit sind. Deshalb findet die Vorstellung von "Gott" als dem "Urheber unserer Moral" heute mehr Anklang als die vom weiß-bärtigen Mann im Himmel.

- Wenn Religion mit der Institution Kirche gleich gesetzt wird, werden viele erschaudern. Wenn sie mit persönlichem Glauben gleich gesetzt wird, werden viele lächeln. Religion gedeiht in schweren Zeiten: in Krieg, Hunger und Dürre. In der australischen Geschichte ist die gegenwärtige Generation die ängstlichste, übergewichtigste, finanziell überbelastetste und am meisten gegen Depressionen behandelte überhaupt. Wenn das schwere Zeiten anzeigt, warum ist dann die religiöse Praxis in diesem Land im Abnehmen begriffen?

Es gibt drei Hauptgründe:

1. Die Kultur - wir befinden uns im Würgegriff der »Ich-Kultur«, ob durch Konsumdenken (kaufen oder borgen) oder durch die »Happiness-Welle« (Streben nach persönlicher Befrie­digung), mit wenig Sinn für das Gemeinwohl. Wenn es darum geht, ob man reich und „hap­py“ sein, oder gütig, mitfühlend und selbst aufopfernd (religiös), dann werden die Meisten ersteres wählen.

2. Was die Kirchen tun - der Ruf der institutionellen Kirche ist angeschlagen. Außerdem fühlen sich manche von der Gemeinde ausgeschlossen oder empfinden Langeweile.

3. Jenseits des Glaubens ("beyond belief") - in unserer hochgebildeten westlichen Demo­kratie haben die Menschen das Gefühl, sie müssten ihren Verstand an der Kirchentür ablegen, wenn es nach den Anforderungen des dogmatischen Glaubens geht. 

- Ein Glaube im Sinne von "belief" (Überzeugung oder Ansichtssache) der Sicherheit ver­mittelt, kann man als dogmatisch und statisch bezeichnen. Glaube im Sinne von "faith" (Zuversicht oder Vertrauen) rüstet uns, mit Ungewissheit zu Leben, und kann sich entfalten und entwickeln. Niemand neidet dem anderen seine Überzeugung, aber manch einer kann die Zuversicht des anderen bewundern. Ersterer führt leicht zur Spaltung, letz­terer mehr zur Einigkeit.

- Was passiert im Augenblick? Eine stille Revolution vollzieht sich in christlichen und nicht-religiösen Kreisen. Weise haben über den inneren Geist Gottes, der sich in liebender Güte ausdrückt, geschrieben. Eine wachsende Zahl, besonders unter den jungen Leuten, identifi­ziert sich heute mit "sbnr" (spiritual, but not religious). Ihnen ist ein Licht aufgegangen: wir alle gehören einer Menschheit an und sollten einander deshalb mit mehr Liebe und Freund­lichkeit behandeln.

- Das Geistige, die Spiritualität, kann eigentlich nicht von einer Gemeinde getrennt werden, die aus einzelnen geistigen "Bausteinen" besteht. Die Menschen haben enorm viel gemein­sam, während die Unterschiede zwischen uns kleiner und weniger wichtig sind.

- Die Frage ist nicht mehr »Woran glaubst du?«, sondern eher »Wo hinein setzt du dein Vertrauen?«… damit eine bessere Welt entsteht.

Diese Frage nach dem Glauben ist auch für die Tempelgesellschaft wesentlich, ebenso für ihre Mitglieder und alle, mit denen wir uns zusammenzuschließen hoffen, um gemeinsam den Herausforderungen von heute und morgen zu begegnen.

Die Tempelgesellschaft strebt nach einem besseren Ausgleich zwischen zügelloser und materialistischer Ichsucht und dem, was die frühen Templer "des Menschen Verantwortung vor Gott" nannten. Heute könnten wir auch sagen "unsere Verantwortung für das Ganze", für die gesamte Menschheit und für unsere begrenzte Erde, im Bewusstsein, dass alles eins ist, miteinander verbunden und gegenseitig voneinander abhängig - besonders in unserer multikulturellen und multikonfessionellen Gesellschaft. Deshalb sind Vertrauen, Akzeptanz und Respekt Ecksteine unserer Gemeinschaft.

Was nennen wir Gott oder wie stellen wir "ihn" uns vor? Im Juni 2014 führten beide Regionen der TG in Deutschland und in Australien unabhängig voneinander Seminare durch zu dem gleichen Thema: »Das Gewissen - die Stimme Gottes in uns?« Mit diesem Thema fühlte ich mich sehr wohl, damit konnte ich mich identifizieren und ich war wohl auch einigermaßen erleichtert, dass auch andere dies als eine lohnende Frage ansahen, über die sie auch schon nachgedacht hatten. Und, meine Antwort ist ein überzeugtes "Ja".

Beim letzten Sommerfest bezog sich Renate Beilharz (Tempelälteste in Australien) auf Worte von John Shelby Spong, den ich auch in meinem Artikel im letzten Monat erwähnt habe. Bischof Spong sagt: »Wahre Religion ist in ihrem Kern nicht mehr und nicht weniger, als der Ruf nach einem Leben in Fülle, danach, überschwänglich zu lieben und all das zu sein, was wir sein können. Darin liegt letztlich der Sinn des Lebens. Alles andere ist Hintergrundmusik.« Renate konnte sich diesem Denken anschließen, betonte aber für sich die Notwendigkeit "in der Gemeinschaft" hinzuzufügen, damit es für sie wirkliche Gültigkeit habe.

2013 erweiterte die TSA mit der Herausgabe von »A Collection of Understandings from a Religious Perspective« die kurz gefassten Glaubensaussagen der gemeinsamen Erklärung beider Gebiete »Religious Perspective - Identity, Faith and Practical Concerns« (deutsch: »Glaube und Selbstverständnis. Die Grundlagen unseres Glaubens«). Die hier geäußerten Gedanken bleiben für die Werte und den Glauben der Templer auch heute maßgeblich.

Mark Herrmann, Gebietsleiter der TSA und Tempelvorsteher; übersetzt von Peter Hornung

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

... und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist...

Apostelgeschichte 2, 4

Pfingsten steht vor der Tür und wir alle wissen: bei diesem großen Kirchenfest geht es um den Heiligen Geist, genauer: um die Ausschüttung desselben auf die Menschen (s. die Verheißung bei Joel 3,1). Mit dem in der Apostelgeschichte beschriebenen Pfingstwunder beginnt die offizielle Mission und damit die Geschichte der Kirche. 350 Jahre lang (325-675) wurde das Dogma der Trinität - d.h. der Wesenheit Gottes in drei "Personen" (Hypostasen, Erschei­nungsformen) Gottvater, Gott Sohn und Heiliger Geist - entwickelt. Für uns heute, die wir nicht mehr in den Kategorien der griechischen Philosophie denken, ist dieses Konstrukt schwer zu verstehen. Nachvollziehbar ist, dass in der griechischen Antike bei Ereignissen immer persönliche Gottheiten als Verursacher gedacht wurden: bei Streit, Zwietracht und Auseinandersetzung war die Göttin der Zwietracht, Hader, am Werk, während die Göttin Eirene (Frieden) für Frieden und Ordnung sorgte. Bei geschlechtlicher Liebe, Verlangen und Begierde war der Gott Eros verantwortlich. Für die aufopfernde und selbstlose Liebe, die uns in Jesus begegnet, gab es im Griechischen weder ein Wort noch eine Gottheit, weil menschliches Verhalten so nicht gedacht wurde. Erst die frühen Christen prägten dafür im Unterschied zu Eros und Philia (Freundesliebe) den Begriff Agape - und wer zu solch bedingungslosem Lieben befähigte, war der Heilige Geist.

Wir Templer lehnen das Dogma der Trinität - wie auch alle anderen - ab, weil es unserer Auffassung nach nicht auf die Bibel zurückgeht, sondern eine zeitgeschichtlich bedingte Entwicklung in der Kirche darstellt. Während der Begriff des "Heiligen Geistes" im Alten Testament häufig vorkommt, gibt es erstaunlicherweise nur eine Handvoll von Bibelstellen, in denen Jesus vom Geist, vom Geist des Vaters, vom Geist Gottes, einmal vom Heiligen Geist, spricht - sonst spricht er immer direkt von Gott, vom Vater im Himmel u.ä. Genau das macht wohl für uns die Schwierigkeit der Unterscheidung aus. Wenn wir unterscheiden - oder diesen Begriff in seinem Gebrauch verstehen - wollen, dann würde ich unter dem Heiligen Geist am ehesten das Wirken Gottes verstehen. Dieses Wirken wird beim Pfingstereignis in dem Verste­hen aller Menschen völlig verschiedener Herkunft und sprachlicher Trennung symbolisch erzählt. So ereignet sich überall da, wo Menschen für diese Wirksamkeit offen sind, Reich Gottes. Da fühlen sich Menschen durch ihr Mitfühlen mit Menschen, die leiden, in Not sind, die dringender Unterstützung bedürfen, aufgerufen, gegen diese Missstände etwas zu tun und zu helfen - unzählige kleine und große Hilfsprojekte sind so entstanden. Möge auch uns diese Kraft anrühren und durch Zuwendung zum Anderen handeln lassen.

Karin Klingbeil

Die Taufe - ein Geschenk?

In den letzten Tagen ist uns von der ACK, der »Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland«, eine Pressemitteilung zugegangen, in der auf die Taufanerkennung der ACK vor 10 Jahren Bezug genommen wird. Damals hatten in Magdeburg elf Mitgliedskirchen eine gegenseitige Anerkennung der Taufe unterzeichnet. Mit dieser Erklärung, sagte jetzt der Vorsitzende, Bischof Karl-Heinz Wiesemann, sei für die Mitgliedskirchen die Taufe wieder in die Mitte gerückt; der ökumenische Blick auf die Taufe sei »das Gebot der Stunde«.

Was hier wie eine große ökumenische Gemeinsamkeit klingt, ist aber nur eine mehrheitliche Abstimmung gewesen. Denn etliche der in der ACK verbundenen Kirchen, wie zum Beispiel die Baptisten und die Mennoniten, haben die Erklärung der gegenseitigen Taufanerkennung nicht unterzeichnet, da sie die Säuglingstaufe grundsätzlich ablehnen. Bischof Wiesemann begnügte sich bei dieser Uneinigkeit mit der Feststellung, dass die Gemeinsamkeiten in der ACK doch größer seien als die Differenzen: »Gemeinsam beten wir darum, dass wir im Geschenk der einen Taufe den Ruf Christi an die Kirchen hören, unsere Trennung zu überwinden und unsere Gemeinschaft sichtbar zu machen.«

Unter denjenigen, die eine gegenseitige Taufanerkennung nicht unterschreiben könnten, wenn sie der ACK angehörten, wären auch die Templer, denn sie praktizieren keine Säuglingstaufe wie die Kirchen, sondern statt derer eine nicht-sakramentale Segnung der Kleinkinder vor der Gemeinde, wie auch von Jesus eine solche Kinder-Segnung berichtet wird. Dass Jesus von Nazareth eine Taufe angeordnet, empfohlen oder angeraten hätte, dafür gibt es keine zuverlässige Stelle im Neuen Testament. Jon Hoffmann schreibt in der »Warte« (1972/Nr. 2) über den sogenannten »Taufbefehl« am Ende des Matthäus-Evangeliums: »Ist es schon einigermaßen misslich, dass wir über die Taufe kein Wort des irdischen Jesus haben, sondern nur ein Wort des Auferstandenen, das dem kritischen Sinn weniger sicher beglaubigt erscheinen wird, so kommt hinzu, dass die heute gebräuchliche Art des Taufvollzugs in der ältesten Gemeinde nicht geübt wurde. Die alte Christenheit verhält sich so, als ob jener Taufbefehl des Erhöhten gar nicht vorhanden wäre; wenn er vorhanden war, hat sie ihn also vergessen oder nicht befolgt.«

Im April-Heft 2017 der »Warte« haben wir mit der Überschrift »Zur irrigen Überschätzung äußerer Kulthandlungen« eine Stellungnahme des Tempelgründers Christoph Hoffmann in »Occident und Orient« (1875) angeführt. Zwei Jahre nach diesem Buch verfasste Hoffmann das kirchenkritische »Sendschreiben über den Tempel und die Sakramente«, in dem er auf die Taufe im Verständnis eines »Gnadenmittels Gottes« eingeht. Dort heißt es:

»Die Kindertaufe ist nicht ein Bund des Getauften mit Gott, sondern ein Bund der Eltern, der nur so viel heißen kann, dass sie sich bemühen wollen, bei ihren Kindern die Gesinnung, welche die Bedingung eines Eintritts ins Reich Gottes ist, zu pflanzen und zu nähren. Statt dessen behauptet aber der lutherische Katechismus, die Taufe des Kindes sei ein heiliges Sakrament und göttliches Wortzeichen, wodurch Gott bezeuge, dass er dem Getauften ein gnädiger Gott sein, ihm alle seine Sünden vergeben, ihn aufnehmen an Kindesstatt und zum Erben aller himmlischer Güter machen wolle. Was an dieser Behauptung Wahres ist, das ist ganz unabhängig von der Taufe schon vorher geschehen dadurch, dass er das betreffende Kind als ein Kind christlicher Eltern hat geboren werden lassen, wodurch es in die Lage versetzt ist, beim Heranwachsen etwas vom Reich Gottes zu erfahren und sich für dasselbe entscheiden zu können.«

Für die frühen Templer bedeutete das Sendschreiben mit seiner Sichtweise eine harte Glaubensprobe, und es hat schon einige Zeit gebraucht, um bei den Mitgliedern eine Ableh­nung der kirchlichen Sakramente zu verstehen und innerlich zu bejahen. Im Sendschreiben ist darüber Folgendes ausgesagt: »Welches ist der Ersatz für das, was wir durch die Wegnahme der Sakramente in unserem geistigen Leben verlieren? Antwort: Es braucht keinen Ersatz, weil wir nichts verlieren. Wir verlieren den Irrtum, ein Hindernis des Reiches Gottes. Sollen wir nun etwa einen neuen Irrtum, eine neue Täuschung mit irgendeiner neuen Zeremonie dafür einführen? Damit würden wir ja das, was wir zerbrochen haben, wieder aufbauen. Die Erkennt­nis Gottes und seines Willens, nämlich des Reiches Gottes auf Erden, ist die wahre Taufe.«

Wir Templer stehen im Hinblick auf die Taufe in der Gegenwart nicht allein. Auch innerhalb der Kirche wird über die Problematik nachgedacht. So liegen uns z.B. »Thesen für eine glaubwürdigere Taufpraxis« vor. Der verfasser, Jochen Vollmer, bekennt von sich: »Seit 1969 im Dienst der Evangelischen Landeskirche in Württemberg als Gemeindepfarrer tätig, taufe ich unmündige Kinder. Aus meinem immer größer werdenden Unbehagen an der Unmündigen­taufe ist in einem langen Prozess die Einsicht erwachsen, dass ich die Praxis der Unmündi­gentaufe theologisch nicht mehr verantworten kann.« (Forum Freies Christentum Nr. 36, S. 13)

Peter Lange

ANDACHT BEIM SCHÖNBLICK-SEMINAR

Vom Sorgen und Trachten

(Matthäus 6, 25-34)

In unserem Seminar »Was bedeutet mir (meine) Religion?« geht es auch um unsere Vorstel­lungen von Gott - obwohl wir keinerlei Aussagen über ihn treffen können. Mir liegt jene Auffas­sung nahe, die Jesus in der Bergpredigt entfaltet hat und der unser Templer-Motto zugrunde liegt, eingebettet in Jesu Rede vom Sorgen. Vom Sorgen um das, was wir essen und trinken, um das, was wir anziehen werden - aber: Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Dann folgt der Vergleich mit den Vögeln unter dem Himmel, die nicht in Scheunen sammeln und die der Herr dennoch ernährt, und der mit den Lilien auf dem Felde, die schöner gekleidet sind als König Salomo in seinen prächtigsten Kleidern. Und der Hinweis, dass euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Daran schließt sich direkt der Ausspruch Jesu an, den die Templer von Anbeginn zu ihrem Leitspruch gewählt haben: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen!

Wir alle wissen, dass Jesus ganz sicher nicht gemeint hat, dass wir, ohne irgendetwas zu tun, alles bekommen, was wir benötigen - schon bei der Ausweisung aus dem Paradies sagt Gott: Mit Mühsal sollst du dich von deinem Acker nähren dein Leben lang und Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen! - Nein, hier geht es um etwas anderes.

Sobald der Mensch nämlich bewusst anfängt zu leben, fängt er auch an, sich zu sorgen. Wenn die Mutter das Zimmer verlässt, bekommt der Säugling Angst vor dem Verlassenwer­den. Schule und Ausbildung, die richtige Berufswahl, Partnerwahl, Sicherung des Arbeits­platzes, Kinder und alternde Eltern bereiten uns Sorgen - und dann sind da noch all jene um finanzielle Einbußen; die Versicherungen, die man abschließen kann, zeigen, worum Men­schen sich Sorgen machen.

Dabei ist es ja nicht verkehrt vorzusorgen. Einerseits ist bis heute nicht geschehen, was Jesus bereits zu seinen Lebzeiten oder kurz danach erwartet hatte - und was die Sorge um die Zukunft nicht mehr nötig machte: das Hereinbrechen des Gottesreiches, der Beginn einer ganz anderen, einer neuen Welt. Andrerseits sehen wir es als christlichen Zug an, wenn wir niemandem zur Last fallen - weder den eigenen Kindern noch der Gesellschaft -, sondern selber dafür sorgen, dass wir unser Leben bis zu seinem Ende finanzieren können.

Wenn wir uns diese menschlichen Sorgen näher anschauen, stellen wir schnell fest, dass es im Grunde immer um die Lebensangst geht, um das Weiterleben oder um das Wie des Weiterlebens. Deshalb sagt Jesus: Wer ist aber unter euch, der seinem Leben eine Elle zuset­zen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Schnell wird uns klar, dass wir Angewiesene sind, und das nicht nur in Bezug auf die Länge unseres Lebens, sondern auch in Bezug auf Schicksalsschläge. Durch keine Sorge der Welt können wir an dieser Tatsache etwas ändern - und Jesus geht es darum, dass wir uns das klar machen.

Diese Einsicht wird auch unseren Umgang mit Schicksalsschlägen beeinflussen. Viele der Flüchtlinge, die unerträglichen Lebensumständen durch die Flucht über das Mittelmeer entflo­hen sind und wenig mehr als das nackte Leben gerettet haben, sind dafür zutiefst dankbar. Empfinden auch wir, die wir nicht im Entferntesten solches haben erleben müssen, auch nur annähernd eine derartige Dankbarkeit "nur" für unser nacktes Leben, bedeutet es auch für uns ein solches Geschenk? Wir hier in unserem sozialen Rechtsstaat machen uns doch meist eher Gedanken darum, wie wir unsere Lebensqualität halten oder eher noch heben können - unser Leben ist doch selbstverständlich!

Wenn wir aber eine Dankbarkeit für unser Leben empfinden, dann verändert sich auch unsere Einstellung zu dem, was wir von unserem Leben erwarten und wie wir mit dem umgehen, was uns im Leben zustößt. Auch hier sind es diejenigen, die mit harten Schicksals­schlägen umgehen müssen, die uns, die wir nicht im Rollstuhl sitzen oder keine anderen schwerwiegenden Beeinträchtigungen haben, zeigen können, was das Leben ausmacht. Es gibt genügend Beispiele von Menschen mit großer Beeinträchtigung, die sich dennoch in ihr Leben stürzen, auch tagtäglich Anteilnahme und Hilfe erfahren, die sie - auch übertragen -, weiterträgt, wenn es auf Rollstuhl-Rädern nicht mehr weitergeht. Wenn sie gefragt werden: Wie schaffst du das? lautet ihre Antwort: Wenn man will, geht das schon! Und still bei sich denken sie: Welche Alternative habe ich?

Wie kommen wir zu einer positiven Grundeinstellung zu unserem Leben und allem, was uns darin zustoßen mag? Leider hat gerade das Christentum mit der Überbetonung der Sündhaf­tigkeit des Menschen ein besonderes Denken ausgelöst. Lange genug haben Menschen das Leid, das ihnen zustieß, als "gottgewollte" Strafe angesehen. Aber wenn Unschuldige leiden, ergibt sich schnell die Frage, die als "Theodizee-Frage" christliche Philosophen und Theologen umtrieb, nämlich angesichts unendlichen Leides zu fragen: Wie kann ein allmächtiger Gott das zulassen?

Dabei könnten wir uns auch als Geschöpfe mit einem bewundernswerten Potenzial sehen, die in einem sich stets wandelnden Umfeld alle Möglichkeiten der Entfaltung haben. Alles ist im Wandel, entwickelt sich - Leben kommt und geht, Altes stirbt, Neues wächst. Das, was wir in jedem Stadium unseres Lebens sind, sind wir geworden - unsere ganz persönliche Ge­schichte formt unsere Identität. Aber das ist nur ein Teil dessen, was in uns schlummert, was sich, je nach Anforderung, auch entwickeln könnte. Deshalb ist alles, was uns widerfährt, eine Einladung, das Potenzial, das in uns steckt, auszuschöpfen, um zu dem zu wachsen, was wir sein können - auch bei leidvollen Erfahrungen, mit denen wir in unserem So-Geworden-Sein nicht gut zurecht kommen. So können wir die Welt als Geschehen denken, das seinen Sinn in sich trägt und sich darin verwirklicht, das Leben in seiner Fülle zu entfalten.

Wenn das in jenem Gottvertrauen geschieht, das uns Jesus gelehrt hat, kommen wir weg von unserer Selbstbezogenheit hin zu jenem Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen! und können so unsere Sorgen loslassen. Das wird unser Denken und Handeln an uns selbst, an anderen und an der Welt verwandeln.

Karin Klingbeil, Morgenandacht beim Seminar auf dem Schönblick 2017, gekürzt

REFORMATION AM RANDE

Ohne alle äußere Rüstung

 

Aus: »Publik-Forum«, kritisch - christlich - unabhängig, Oberursel, Ausgabe 5/2017, Seite 32

 

Die Verweildauer dieses Artikels in unserem Internet-Auftritt wurde von der Publik-Forum Verlagsgesellschaft auf zwei Monate begrenzt. Deshalb steht dieser Artikel an dieser Stelle leider nicht mehr zur Verfügung.

WISSENSWERTES ÜBER DEN TEMPELGRÜNDER

Wie Christoph Hoffmann seinen Namen erhielt

Immer wieder stoße ich beim Blättern durch alte »Warte«-Hefte auf interessante Geschichten. So zum Beispiel auf eine Beschreibung der Namensgebung unseres Tempelgründers. Es heißt dort:

Als dem Bürgermeister und öffentlichen Notar von Leonberg, Gottlieb Wilhelm Hoffmann, am 2. Dezember 1815 ein Knäblein geboren wurde, gab er ihm den bisher in der Familie wenig üblichen Namen Christoph: Das hatte folgenden Grund: In der Reformationszeit hatte der fromme, weise und treffliche Herzog Christoph von Württemberg die kirchliche und welt­liche Regierung seines Landes auf lutherischer Grundlage eingerichtet. Diese Ordnung und mit ihr die Selbständigkeit und das evangelische Bekenntnis des Herzogtums hatten sich bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts erhalten und waren dem Volk als das »gute alte Recht« lieb geworden. Als nun Herzog Friedrich von Napoleon I. zuerst zum Kurfürsten und daraufhin zum König erhoben und mit vielen Gebieten früherer Reichsstädte sowie weltlicher und säkulari­sierter geistlicher Herren beschenkt worden war, setzte er an Stelle der hergebrachten Ord­nung von Herzog Christoph neue, auf die unbeschränkte Macht des Königs abzielende Einrichtungen, die das Hergebrachte rücksichtslos umstießen.

Nach dem Zusammenbruch des napoleonischen Reiches musste König Friedrich I. jedoch dem Volk eine Beschränkung der königlichen Allgewalt zugestehen. Er berief eine Versamm­lung von Volksabgeordneten, denen er einen diesbezüglichen Verfassungsentwurf vorlegte. Unter diesen Abgeordneten befand sich auch Gottlieb Wilhelm Hoffmann, der Bürgermeister von Leonberg. Der vom König angebotenen Verfassung traten die Abgeordneten mit der Forderung des »guten alten Rechts« entgegen. Der Streit wurde erst unter des Königs Nachfolger entschieden. Damals aber gaben sich die eifrigsten Fürsprecher des alten Rechts das Versprechen, dass jeder das nächste Kind, das ihm geboren werde, nach dem Herzog Christoph nennen wolle. Und in Erfüllung dieses Versprechens nannte der Bürgermeister Hoffmann seinen am 2. Dezember 1815 geborenen Knaben: Christoph. Unter den silbernen Löffeln, die nach altem Brauch von den Paten ans Tragkissen des Täuflings gesteckt wurden, zeigte einer auf dem Handgriff das fein gearbeitete Brustbild des Herzogs Christoph. Die Erin­nerung an diese Bedeutung seines Namens hat später den Träger mit dem »unromantischen« und häufig wohl auch in »Stoffel« verketzerten Namen versöhnt.

Uns, die wir auf das Leben Christoph Hoffmanns zurückblicken können, wird auffallen, wie diese Namensgebung, dieser Protest des Vaters für den Sohn typisch wurde, der ja in noch ganz anderer Weise, als der Vater es annahm, ein »Protestant« geworden ist.

(Nachbemerkung des »Warte«-Archivars: Von nicht geringer Bedeutung dürfte es in diesem Zusammenhang sein, dass die Stuttgarter Tempelgemeinde in den 1920er Jahren zahlreiche ihrer regelmäßigen Zusammenkünfte in den Veranstaltungsort »Herzog Christoph« in der Christophstraße 11 gelegt hat. Des Weiteren ist bemerkenswert, dass in der Familie Hoffmann über die Generationen hinweg siebenmal der Name Christoph an ein Kind vergeben worden ist.)

Peter Lange

VON UNSEREN TEMPLERFREUNDEN IN AUSTRALIEN

Arbeitsprogramm einer Sozialmitarbeiterin

Den wenigsten unter unseren Lesern wird bewusst sein, dass unsere Schwestergemeinschaft in Australien auch Nicht-Templer als aktive Mitarbeiter im Gemeindeleben hat. Vor Kurzem ging ein Beratungs-Protokoll des Ältestenkreises der TSA bei uns ein, in dem als Beispiel die im Anstellungsverhältnis beschäftigte Sozialmitarbeiterin Martina Eaton über ihre Aufgaben und Erfahrungen im täglichen Umgang mit Gemeinde-Mitgliedern berichtet. Wir ersehen da­raus, wie vielseitig die Bedürfnisse und Probleme einer Gemeinde sind und wie den betroffenen Personen mit Rat und Tat geholfen werden kann.

Seit Oktober 2016 habe ich zahlreiche Mitglieder der TSA, sowohl einzelne Personen als auch Ehepaare und Familien, in vielerlei Lebensfragen beraten können. Als Beratungsthemen kamen vor: Zuspruch bei Kummer und Leid, Palliativ-Versorgung, rechtliche Fragen, Mobbing, Krankenbesuche, Altersversorgung, Hilfe bei amtlichem Schriftverkehr, Gesundheitsprobleme - besonders bei Krebs, Depression, Demenz, Ängstlichkeit, Altenheim-Einweisung, posttrauma­tischer Stress, Wohnungsfragen, Drogenabhängigkeit, Arbeitsplatz-Probleme, pflegerische Überanstrengung, darunter waren aber auch Freundschaftsbesuche und Nachverfolgung der erteilten Ratschläge.

Kontakte mit TSA-Mitgliedern gab es bei Trauerfeiern, beim Hilfsprogramm CHAMPION, beim Frauenverein, bei Telelink (Telefonkonferenz), bei Versammlungen der TTHA-(Pflege­heim-)Bewohner, bei einer Hochzeit und beim Gemeinde-Picknick im vorigen November.

Ich kann nicht genau sagen, wie viele TSA-Bewohner derzeit im Pflegeheim leben, jedenfalls hat sich die Zahl in letzter Zeit nicht erhöht. Ich war vor Kurzem einbezogen in die Angelegenheit eines Bewohners, der gerne ein Einzelzimmer gehabt hätte und dies dann innerhalb einer Wochenfrist auch erhalten konnte. Ich traf mit Sheri Butler, dem neuen Heim-Manager, zusammen und erklärte ihm meinen Aufgabenbereich, was er dankbar zur Kenntnis nahm. Ich habe bei einem kürzlichen Ausbildungskurs für TTHA-Pflegekräfte auch mit einigen Pflegerinnen gesprochen, wo es um die Verhinderung von Selbstmordabsichten alter Men­schen ging. Ich beschrieb meine Rolle innerhalb der TSA und die Hilfe, die ich durch Besuche geben kann, wenn ein Bewohner depressiv wird. Mit dem TSA-Geschäftsführer John Maddock arbeite ich derzeit am Plan einer möglichen Beteiligung meinerseits an den obligatorischen Trainingskursen für TTHA-Mitarbeiter, an denen ich die TSA, meine Rolle darin und die Mög­lichkeiten einer Verbindung zwischen TSA und Pflegeheim beschreiben möchte. Dieser Plan konnte bisher noch nicht ausgeführt werden.

Das Hilfsprogramm CHAMPION kommt jeden Monat über 145 Menschen zugute, die un­sere Hilfsstelle auf eine Tasse Tee oder auf einen Schwatz aufsuchen, also nicht nur, um Nahrungsmittel mitzunehmen. Eine ganze Anzahl Menschen baten im Januar um Hilfestellung. Wir hatten ein wunderbares Weihnachtsessen zugunsten von CHAMPION, durch das wir regelmäßigen Nutzern eine Mahlzeit zukommen lassen und den freiwilligen Mithelfern unseren Dank aussprechen konnten. Ich denke, dass dies bei allen Beteiligten Anklang gefunden hat, unsere Kunden fühlen sich jetzt als ein Teil der Gemeinde.

In der Vorweihnachtszeit habe ich fast alle TSA-Mitglieder, die im Pflegeheim leben, besucht und ihnen eine handgeschriebene, persönlich auf sie bezogene Weihnachtskarte übergeben. Dies wurde allseits sehr geschätzt. Ich habe auch Telefonanrufe vorgenommen bei Mitglie­dern, mit denen ich bisher keinen Kontakt hatte, auch um zu fragen, ob ich mich mit ihnen einmal treffen könnte. Ich habe den Eindruck, dass dies einen Einsatz wert ist.

Martina Eaton bei der Ältesten-Zusammenkunft der TSA am 26. Februar 2017 in Bentleigh

Auf dem Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens

Friedensinitiativen im Heiligen Land

2013 rief der Ökumenische Rat alle Kirchen zu einem gemeinsamen »Pilgerweg der Gerech­tigkeit und des Friedens« auf, um die von Gott verliehenen Gaben im Sinne der Schöpfung einzusetzen. Im Spätsommer 2015 beschloss auch die Gemeinde der evangelischen Erlöserkirche in Jerusalem, sich dieser Aktion anzuschließen. Es war eine unruhige Zeit in Jerusalem mit gewaltsamen Übergriffen und Messerattacken. Deshalb wollte sich die Gemeinde bewusst auf die Suche nach Hoffnungszeichen im Heiligen Land machen - nach Menschen und Initiativen, die sich trotz der politisch verfahrenen Lage für Gerechtigkeit und Frieden zwischen Israelis und Palästinensern einsetzen. Im aktuellen Gemeindebrief der Erlöserkirche wird über sechs Besuche bei gemischt besetzten Gruppen berichtet:

- Erste Station des Pilgerwegs war das internationale christliche Dorf Nes Ammim im Norden Israels, das sich der Versöhnung zwischen Christen und Juden verschrieben hat. Lange Zeit war das Dorf ein Zentrum der Rosenzucht; später kamen eine Schreinerei, eine Avocadoplantage und ein Gästehaus hinzu, das dank der koscheren Küche auch von reli­giösen jüdischen Gruppen gerne in Anspruch genommen wird. Weiterhin wird Wert darauf gelegt, dass auch israelische und palästinensische Familien in dem Ort zusammenleben. Das Gebetshaus des Dorfes steht allen Religionen und Konfessionen offen und dient auch als profaner Versammlungsraum für unterschiedliche Gruppen.

- »Zusammen reden, denn nur so kann Versöhnung stattfinden.« So lautet das Motto des 1995 gegründeten »Parents Circle Families Forum«, das die unmittelbar Betroffenen von Trauerfällen miteinander ins Gespräch bringen will. Der israelische Sprecher der Initiative, Ben Kfir, hatte seine Tochter 2003 durch ein Selbstmordattentat verloren; der Ehemann der palästi­nensischen Vertreterin, Moira Al-Joulani, war 2010 erschossen worden. Sie hatten im »Parents Circle« eine gemeinsame Plattform gefunden, um ihre Wut und ihre Trauer umzupolen in Frieden und Verständigung. Versöhnung heißt für die rund 600 Mitglieder der Initiative dabei nicht »vergeben« und »vergessen«, sondern »miteinander reden«, nicht um einander zu lieben, sondern den anderen als Menschen anzuerkennen. Der Blick soll in die Zukunft gerichtet sein, weil es keine Alternative dazu gibt. Durch Vorträge an Schulen, Dialogtreffen mit Jugendlichen und Sommerlager sollen Begegnungen beider Seiten gefördert und Verständnis geweckt werden.

- Dritte Station war die »Hand-in-Hand-Schule«, die 1998 von 20 Eltern israelischer und arabischer Kinder gegründet wurde und die bis heute die einzige bilinguale Schule Jerusalems ist, die vom Kindergarten bis zum Abitur führt. Mittlerweile hat die Schule 630 Schüler/-innen; landesweit gibt es schon fünf weitere Schulen dieser Art und eine Warteliste mit 600 Namen. Die Initiatoren hatten festgestellt, dass Israelis und Palästinenser viel zu wenig voneinander wissen. Ausgehend von dem Ziel, dass jeder einzelne Schüler mit seiner Kultur, Sprache und Religion ernst genommen und wertgeschätzt wird, unterrichten z.B. in jeder Klasse eine palä­stinensische und eine israelische Lehrkraft. Ebenso werden die Schüler mit allen drei mono­theistischen Religionen vertraut gemacht und die religiösen Feste gemeinsam gefeiert. In der Praxis ergeben sich allerdings immer wieder Schwierigkeiten. So ist es zum Beispiel nicht einfach, geeignete bilinguale Lehrer zu finden, die auch mit der Geschichte beider Seiten hin­reichend vertraut sind. Die unterschiedliche Vergangenheit wird durch ein besonderes Ge­schichtsbuch vermittelt, in dem die beiden Narrative nebeneinander stehen und so verglichen werden können. So erfahren die Schüler auch, wie unterschiedlich die gleichen »Fakten« er­zählt und interpretiert werden können. Das Ziel einer besseren Integration verfolgen auch viele Eltern, zum Beispiel durch gemeinsame Aktivitäten wie Wanderungen und Sportturniere. Das gemeinsame Schulleben wurde Anfang 2015 durch eine Brandstiftung im Schulgebäude auf eine harte Probe gestellt, bei der Hefte und Bücher von Erstklässlern verbrannt und araber­feindliche Parolen an die Wände geschmiert wurden. Viele Eltern waren in Sorge und fürch­teten um den Fortbestand der Schule. Wie gut diese aber mittlerweile in der Gesellschaft verankert ist, zeigte sich anschließend: Viele Knesset-Abgeordnete bekundeten ihre Unterstüt­zung und am nächsten Tag gab es eine Solidaritätskundgebung mit 3000 Teilnehmern.

- Die vierte Station des Pilgerwegs war ein Treffen mit den »Combatants for Peace«, einer 2006 gegründeten Initiative von ehemaligen Kombattanten im Nahostkonflikt. Dazu zäh­len israelische Wehrdienstverweigerer ebenso wie ehemalige palästinensische Intifadakämp­fer/-innen. Sie berichteten von ihren Schlüsselerlebnissen, die sie von der Notwendigkeit des wechselseitigen Verstehens überzeugten. Vielfach wandten sich Freunde und Bekannte von ihnen ab, weil sie mit dem vermeintlichen Feind kooperierten; sie wurden zu Außenseitern ihres bisherigen sozialen Umfelds, gewannen aber neue Freunde hinzu.

- »Kids4Peace« lautete die fünfte Station - die Initiative hat soeben neue Räume im Nor­den von Jerusalem bezogen, in denen ein interreligiöser Dialog unter Jugendlichen stattfinden soll. Die Organisation bietet Programme für Kinder und Jugendliche ab der sechsten Klasse an. Die Gruppen treffen sich monatlich, reden miteinander und machen Ausflüge. Die große Politik bleibt zunächst außen vor, obwohl das nie ganz klappt, z.B. wenn ein Kind wegen Pro­blemen am Checkpoint nicht kommen kann. Zuerst geht es aber um die Religion. Höhepunkt des Programms sind die gemeinsamen Sommercamps, die zum Teil in Israel, aber auch in den USA stattfinden. So sollen Vorurteile abgebaut werden, auch in den Familien, die organisato­risch in das Programm einbezogen werden. Etwa 500 Familien nehmen derzeit teil; doppelt so viele stehen auf der Warteliste. Finanziert wird Kids4Peace hauptsächlich durch private Orga­nisationen, vor allem aus den USA.

- Die sechste und letzte Station des Pilgerwegs war die jüdisch-arabische Siedlung Neve Shalom/Wahat al-Salam (bedeutet: Oase des Friedens) in den Bergen zwischen Jerusalem und Tel Aviv. Die Gemeinschaft wurde 1972 von Bruno Hussar gegründet, dessen Lebensweg sehr bunt war: aufgewachsen in Ägypten, als Jude in Frankreich vor den Nazis geflohen, als Dominikaner-Pater nach Jerusalem geschickt, um dort zunächst die Bildungsstätte »Haus des Jesaja« aufzubauen. Obwohl ihm viel Misstrauen entgegenschlug, startete er gemeinsam mit jüdischen und arabischen Israelis das nächste Projekt, die Gründung einer Friedensschule in Neve Shalom, die inzwischen Vorbild für weitere gemischte Siedlungen und Schulen in Israel wurde.

Die Gruppe der Erlöserkirche hat nach eigenem Bekunden am Ende ihres Pilgerwegs ge­lernt, dass dort, wo beide Seiten miteinander ins Gespräch kommen und Begegnungen jen­seits der Checkpoints stattfinden, Verständigung und Frieden möglich sind. Der Besuch der einzelnen Stationen wurde jeweils mit einem Pilgergebet beendet, das auch für uns inspirie­rend sein kann:

Wir sind eine Gemeinschaft, die unterwegs ist, eine Gemeinschaft von Pilgerinnen und Pil­gern. Wir sind unterwegs hin zu einem Leben in Fülle. Wir bitten Gott um Führung und Inspira­tion, damit unser Pilgerweg uns durch unsere Begegnungen und Erfahrungen für Gerechtigkeit öffnet. Gott des Lebens, weise uns den Weg, damit wir zu lebendigen Werkzeugen deiner Gerechtigkeit und deines Friedens werden! Amen.

Jörg Klingbeil

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