Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 173/4 - April 2017

 

 

Nahtod-Erfahrungen und christlicher Glaube - Teil 1 - Wolfram Zoller

Erkennen, was wirklich wichtig ist - Wolfgang Blaich

Zur irrigen Überschätzung äußerer Kulthandlungen - Christoph Hoffmann

Wofür wir danken können - Peter Lange

100 Jahre »ifa« - Brigitte Kneher

Aussegnungsfeier der Anatomie - Karin Klingbeil

Wem die Stunde schlägt... - weiß der Algorithmus - Jörg Klingbeil

Nahtod-Erfahrungen und christlicher Glaube - Teil 1

Eine Herausforderung

Herbert Koch hat in seinem jüngst erschienenen Buch »Gott wohnt in einem Lichte...« (Güters­loher Verlag Gütersloh 2016) die Nahtoderfahrungen als »Herausforderung für die Theologie« herausgestellt (s. Buchbesprechung in der Zeitschrift »Freies Christentum« in Nr. 5/2016). Da mich diese Herausforderung seit Jahrzehnten beschäftigt, habe ich mich ihr jetzt aufgrund neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse zu stellen versucht.

Hinführung

Vor der Tatsache des Todes stehen heute die meisten Menschen ratlos. Die biblische Verhei­ßung von Auferstehung und ewigem Leben, die in früheren Jahrhunderten Trost und Halt gab, ist ihnen unglaubwürdig geworden, und eine kritische Theologie, die die Zeitgebundenheit dieser Vorstellungen aufwies, tat ein Übriges dazu. Zurück blieb bestenfalls ein »Vielleicht geht es irgendwie weiter«, oft aber nur die nüchterne Erkenntnis: »Ich weiß, dass dieses Leben jetzt alles ist, ein weiteres gibt es nicht und brauche ich auch nicht«. Freilich sind auch dies reine Überzeugungs- bzw. »Glaubens«-Aussagen, denn eine objektive Erkenntnis darüber, was nach der Grenze des Todes kommt, gibt es nicht. Eben diese Unsicherheit aber löst häufig elementare Ängste aus, weshalb das Problem möglichst beiseite geschoben und verdrängt wird, untergründig dann aber um so virulenter rumort. Aber unsere heutige auf rein beweisbare Fakten reduzierte Wissenschaft und unser durchtechnisiertes Leben lassen zudem für derlei Spekulationen oder gar Hirngespinste schlichtweg keinen Raum mehr.

Merkwürdigerweise aber gab es schon immer und gibt es heute im Zeitalter der unwahr­scheinlichsten medizinischen Reanimationen vermehrt Menschen, die von jenem Zustand an oder gar über der Todesgrenze seltsame Erfahrungen berichten. Darüber gibt eine Legion von Zeugnissen und einen Berg von Büchern. Für diejenigen, die mit dieser Thematik noch nicht vertraut sind, sei eine summarische Zusammenstellung der meisten möglichen Elemente vorangestellt.

Die Phänomene der Nahtoderfahrungen

Nahtoderfahrungen (NTE) sind Phänomene, die, wie der Name sagt, in unmittelbarer Todes­nähe erlebt werden, so etwa in der Phase des klinischen Todes oder in akuter Todesgefahr (z.B. bei Ertrinkenden oder Abstürzenden). Dann kann es sein, dass die Betroffenen Folgen­des erleben:

Anstelle qualvoller Angst tritt ein Zustand völliger Schmerzlosigkeit und völligen Friedens ein, ein Gefühl des absoluten Erlöstseins.

Dazu kann eine außerkörperliche Erfahrung kommen: Der medizinisch gesehen völlig Bewusstlose entfernt sich von seinem Körper, den er unter sich liegen sieht, und sieht und hört alles, was um ihn herum geschieht, kann sich aber auch weiter entfernen und dabei Dinge und Vorgänge wahrnehmen, die eigentlich völlig außerhalb seiner möglichen Wahrnehmung liegen müssten. Die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit lässt sich im Nachhinein feststellen.

Es kann sein, dass dieses körperunabhängige Ich sich in einer Dunkelheit vorfindet, in der aber ein fernes Licht scheint, auf das es sich wie durch einen Tunnel hingezogen fühlt. An dessen Ende erwartet es ein überwältigendes Licht.

Mit diesem Licht kann eine paradiesische Umgebung verbunden sein, es können nahestehende Verstorbene begegnen, mit denen man kommunizieren kann. Ganz wesentlich wird damit eine Atmosphäre absoluter Liebe und Geborgenheit erfahren, und manchmal nimmt dieses liebende Licht auch eine persönliche Gestalt an.

Unabhängig davon kann der Betreffende blitzartig sein ganzes Lebenspanorama in allen Einzelheiten vor sich liegen sehen, verbunden mit einer liebenden Bewertung, die oft anders ausfällt als man selber geurteilt hätte, weil sie unsere negative oder positive Wirkung auf Andere bewusst macht.

Immer wieder wird berichtet, dass in diesem Zustand eine Einheit mit der kosmischen Intelli­genz erfahren wird, die ein allumfassendes Wissen und die Lösung aller Probleme bedeutet. Allerdings lässt sich dieses Wissen inhaltlich nicht ins normale Bewusstsein »mitnehmen«, es bleibt nur die Erinnerung, dass man an diesem »kosmischen Bewusstsein« Teil gehabt hat.

Dieses Ich kann in jener schönen Welt nicht bleiben, es muss zurückkehren, was ihm manchmal auch ausdrücklich gesagt wird, u.U. verbunden mit dem Hinweis auf noch zu erledigende Aufgaben. Wie in einem Sturz findet sich das Ich dann in seinem leidenden Körper wieder.

Diese Rückkehr wird meistens überaus schmerzhaft empfunden, man möchte in jener Welt bleiben und hadert oft mit dem Schicksal, das zum Weiterleben gezwungen hat.

Die NTE wird als realer empfunden als die normale Wirklichkeit und führt in der Regel zu einer tiefgreifenden Veränderung der Lebenseinstellung: Jede Todesangst ist verschwunden, das Leben hat einen letzten Sinn gewonnen, man lebt daher bewusster und im Blick auf die Mitmenschen vor allem verantwortlicher und liebevoller. Allerdings schweigen die Meisten über ihr Erlebnis, weil sie die Erfahrung machen, dass ihre Umwelt darauf mit völligem Unver­ständnis reagiert und sie als Träumer oder gar Spinner und Geisteskranke abtut. Deshalb erfährt man im Alltag normalerweise nichts darüber.

In unserer Zeit, in der die Medizin so viele klinisch Tote wieder zum Leben zurückbringt, kommen NTE entsprechend häufiger vor als früher, wo diese Menschen dann eben wirklich verstorben sind. Es zeigt sich dabei die Vielfältigkeit dieser Erfahrungen: Manche erleben nur ein einziges der oben aufgezählten Elemente, manche mehrere in unterschiedlichsten Kombi­nationen. Diese Phänomene gibt es aber nicht nur in Todesnähe, gelegentlich können sie auch in anderen kritischen Situationen oder gar ganz spontan als mystische Erfahrung auftreten. In anderen Kulturen, etwa des Fernen Ostens, in denen Meditation und meditative Trance geübt werden, geschehen sie bei derart Fortgeschrittenen sogar im voll bewussten Zustand. In unserer Kultur aber begegnen wir diesen Phänomenen fast nur als NTE, weshalb wir im Folgenden auch diesen Ausdruck beibehalten, obwohl andere Begriffe besser am Platz wären, etwa einfach »Transzendenz-Erfahrungen«, wie Stefan Högl vorschlägt.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Nahtoderfahrungen

Natürlich hat die medizinische und psychologische Wissenschaft, sofern sie diese Phänomene überhaupt zur Kenntnis nehmen wollte, als reine hirnphysiologische Vorgänge unter Stressbe­dingungen, vor allem unter Sauerstoffmangel, zu erklären versucht. Schließlich können etwa im Drogenrausch formal ähnliche Erfahrungen gemacht werden. Die Wissenschaft objektiviert also diese Erscheinungen und beurteilt sie völlig unabhängig von der subjektiven Erlebnis­qualität der Betroffenen. Spätestens vor einem Punkt allerdings muss die Wissenschaft mit diesem Konzept kapitulieren, wenn nämlich die aus dem scheinbaren »Todesschlaf« Erwach­ten von Realitäten berichten, die sich während ihrer Bewusstlosigkeit um sie herum abgespielt haben und die sie eigentlich niemals hätten wahrnehmen können, etwa von den Gesprächen der Ärzte und des Pflegepersonals oder gar von nachprüfbaren Ereignissen, die sich in dieser Zeitspanne in oder außerhalb der Krankenstation ereignet hatten. Denn damit wäre ja die unfassbare Tatsache dokumentiert, dass menschliches Bewusstsein auch unabhängig vom Körper aktiv sein kann, womit die Anschauung von der alleinigen hirnphysiologischen Bedingt­heit des Bewusstseins in Frage gestellt wäre.

Einer der Mediziner, die ursprünglich angetreten waren, NTE rein physiologisch erklären zu können, dann aber unter der Fülle und Gewichtigkeit schlichter Fakten zu einer neuen Einstellung kamen, ist der niederländische Kardiologe Pim van Lommel. Er ist diesem Phänomen schließlich in einer mehrjährigen Untersuchungsreihe parallel in mehreren Kliniken nachgegangen und hat dann seine Arbeit und deren Ergebnis 2006 in einer umfassenden Studie veröffentlicht und ein Jahr später als Buch gestaltet, das zum grundlegenden wissen­schaftlichen Standardwerk in dieser Frage geworden ist: »Endloses Bewusstsein. Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung« (deutschsprachige Ausgabe 2009 im Patmos Verlag, inzwischen in mehreren Auflagen erschienen).

Die bahnbrechende Bedeutung dieses Werkes liegt zum Einen darin, dass hier nicht nur wie sonst die Betroffenen irgendwann im Nachhinein von ihren Erfahrungen berichten, wobei diese oft längere Zeit zurückliegen, aber unvergesslich sind. Diese retrospektive Methode ist wissenschaftlich daher ungenügend. Deshalb ergänzte van Lommel sie durch eine prospek­tive: Sämtliche Patienten der mitarbeitenden Kliniken wurden unmittelbar nach einer Phase klinischen Todes systematisch nach ihren möglichen Erlebnissen befragt, sodass ihre Aussagen über das, was sich während ihrer medizinischen Bewusstlosigkeit ereignet hatte, sogleich nachgeprüft werden konnten. Zum Andern aber hat van Lommel als Mediziner und Naturwissenschaftler die Phänomene im größeren Zusammenhang der modernen Naturwis­senschaft (Physik) betrachtet, was sie neu beleuchtet. Die Fülle des Materials und der Bedeutungsfelder dieses Buches kann hier nur ganz summarisch durch einen Überblick über die Kapitelfolge skizziert werden.

In den ersten sieben Kapiteln stellt van Lommel die Phänomene der NTE umfassend dar, gipfelnd im Bericht über seine klinische Studie 1988-1998. Dann widmet er sich der medizinischen Analyse (»Was geschieht im Gehirn, wenn das Herz plötzlich stehen bleibt?«, »Was wissen wir von der Funktion des Gehirns?«), die in das Unternehmen mündet, die NTE im Licht der modernen Physik zu verstehen (»Quantenphysik und Bewusstsein«). Damit gelangt er zu einer neuen Sicht des Bewusstseins (»Gehirn und Bewusstsein«, »Die Kontinuität des sich wandelnden Körpers«), deren Ergebnis er im zentralen Kapitel »Endloses Bewusstsein« darstellt, das auch den Buchtitel abgibt. Mit einem historischen Rückblick (»Es gibt nichts Neues unter der Sonne«) und zwei Kapiteln zu praktischen Fragen und Folgerungen samt einem Epilog schließen die 385 Seiten Text, gefolgt von zehn Seiten »Erläuterung wichtiger Begriffe«, 15 Seiten Anmerkungen, 26 Seiten (!) Quellen- und Literatur­verzeichnis sowie einem Personenverzeichnis.

Was ist die Quintessenz dieser intensiven Forschungsarbeit? Zunächst einmal als Voraus­setzung der klinische Nachweis, dass NTE sich auch dann ereignen können, wenn »im Gehirn keine Aktivität mehr messbar ist und alle Gehirnfunktionen ausgefallen sind« (S.172), und zwar »sowohl in der Gehirnrinde als auch in tieferliegenden Hirnarealen« (S.175). Damit sind alle Versuche erledigt, NTE als bloße physiologische Gehirnaktivität zu erklären. Dann wird aber ein völlig neues Verständnis von Bewusstsein nötig. Die Parallelität zum Phänomen der »Verschränkung« von Elementarteilchen im physikalischen Quantenbereich weist auf eine Wirklichkeitsdimension hin, deren Realität zwar erwiesen ist, die aber bis jetzt unserem wissenschaftlichen Verstehen nicht zugänglich ist. Van Lommel nennt diese Dimension »nicht-lokalen Raum«. Damit ergibt sich auch eine Nähe zu den von dem Biologen Rupert Sheldrake so intensiv erforschten »morphogenetischen Feldern«, die quantenphysikalischen Wahrschein­lichkeitsfeldern entsprechen. In diesem Licht wird z.B. die rätselhafte Kontinuität des Bauplans der sich physiologisch dauernd verändernden Lebewesen verständlich oder das Schwarmver­halten von Tieren. Diese Unabhängigkeit des Bewusstseinsfeldes von der körperlichen Physis lässt sich mit der Software eines Empfangsgeräts (Radio, Fernsehen, Computer) vergleichen, die an sich unabhängig von der Hardware des Geräts existiert, sich aber dieser zur Übertragung bedient. Mir drängt sich dabei (im Anschluss an Karl Heim) der Begriff einer höheren Dimension auf, den van Lommel allerdings nicht gebraucht.

Somit ergibt sich für van Lommel der notwendige Schluss: Bewusstsein ist eine gegenüber den materiellen Bedingungen unabhängige und eigenständige Größe, die er »endloses Bewusstsein« nennt. Dabei ist ihm als Naturwissenschaftler die Abwehr eines naheliegenden Missverständnisses wichtig, nämlich »dass diese Theorie keine Erklärung für die Entstehung des Bewusstseins anbietet. Sie ist nur eine Beschreibung, die es ermöglicht, die unterschied­lichen Bewusstseinserfahrungen, die in diesem Buch zur Sprache kommen, besser zu verstehen. Die Entstehung des Bewusstseins ist ein großes Mysterium und wird es wohl auch immer bleiben« (S.310). Das ist eben das Sympathische an diesem Buch, dass van Lommel auf jede weitergehende Interpretation dieser Phänomene (etwa religiöser oder esoterischer Art) verzichtet und sich ganz bewusst nur auf die naturwissenschaftliche Sicht der NTE beschränkt, was ihr freilich eben dadurch ein um so größeres Gewicht verleiht. Denn wenn das Bewusstsein eine überphysische Realität ist, an der wir nur teilhaben, dann verliert das Hauptargument der Skeptiker - dass nämlich die Betroffenen ja noch nicht wirklich tot waren - seine Beweiskraft, weil dann ja von vornherein eine Kontinuität des Bewusstseins über den biologischen Tod hinaus gegeben wäre. Und die stolze Gewisssheit, dass das Bewusstsein ja »nur ein Produkt« der Gehirntätigkeit und somit beherrschbar ist, müsste der demütigenden Erkenntnis weichen, dass umgekehrt das Gehirn »nur ein Produkt« jener Bewusstseinssphäre ist, die sich seiner bedient.

Wenn dem so wäre, dann könnte es wohl sein, dass van Lommels Schlussfolgerung nach der Entdeckung der Heliozentrik durch Kopernikus, der Evolution durch Darwin und des Unbewussten durch Freud jetzt zur vierten grundstürzenden Kränkung des »Herr-im-eigenen-Hause«-Bewussteins des homo faber führen könnte, zur Entdeckung, dass jetzt auch noch genau das, was uns Menschen entscheidend ausmacht, nämlich das Bewusstsein, letztlich unserer Herrschaftsgewalt entzogen ist, da es in einer der wissenschaftlichen Objektivierung unzugänglichen und doch realen Dimension gründet.

Unser ganzes auf fassbare und verfügbare Diesseitigkeit fixiertes Kulturbewusstsein müsste sich grundlegend wandeln. Aber wie diese bisherigen Kränkungen jeweils zu langen Stürmen der Entrüstung, zu Springfluten von Bestreitungsargumenten, zu eisernen Vorhängen der Ablehnung oder zu Kartellen des Totschweigens geführt hatten (was die Durchsetzung jener Wahrheiten auf Dauer aber nicht verhindern konnte), so dürfte es sich wohl auch in diesem Fall ereignen.

Deutung der Nahtoderfahrungen

Um jene von van Lommel vermiedene Interpretation der NTE haben sich, einfach nur aufgrund von Erfahrungsberichten (also retrospektiv), in den letzten Jahrzehnten eine ganze Reihe von Autoren bemüht, angefangen vom populär gewordenen Buch des amerikanischen Mediziners Raymond Moody »Leben nach dem Tod«, das 1975 in den USA und in Deutsch 1977 bei Rowohlt erschien, und dem völlig selbständig auf deutschem Boden gleichzeitig entstandenen Buch des Theologen Johann Christoph Hampe »Sterben ist doch ganz anders. Erfahrungen mit dem eigenen Tod« (Kreuz-Verlag Stuttgart 1975). Dann boomte die Sterbeforschung (einschließlich NTE) mit den Werken von Elisabeth Kübler-Ross. Von der Vielzahl der seither zum Thema weiter erschienenen Büchern seien für uns nur noch einige exemplarische Autoren genannt: Günter Ewald, emeritierter Mathematikprofessor mit christlichem Hinter­grund, hat nach früheren Büchern zum Thema das neueste veröffentlicht: »Auf den Spuren der Nahtoderfahrungen. Gibt es eine unsterbliche Seele?« (Kevelaer 2011, 5. Aufl. 2013) und Jörgen Bruhn, Religionspädagoge und Mitglied des Bundes für Freies Christentum, schrieb das Werk »Blicke hinter den Horizont. Nahtoderlebnisse: Deutung - Bedeutung« (Hamburg, 2. Aufl. 2009). Ganz besonders eindrücklich aber, weil der ausführliche Bericht über die Selbst­erfahrung eines renommierten amerikanischen Neurochirurgen und Gehirnspezialisten (!) nach siebentätigem Koma, ist derzeit Dr. med. Eben Alexanders Buch »Blick in die Ewigkeit« (original 2012, deutsch 2013, jetzt 2016 als Heyne-Taschenbuch 70312, ein »Spiegel«-Bestseller!). Eine umfassende Gesamtdarstellung des weitgefächerten Themenkomplexes, die von einer echten, wenn auch subjektiv relativen Transzendenerfahrung ausgeht, bietet Stefan Högls dickleibige Dissertation »Transzendenzerfahrungen. Nahtoderlebnisse im Spiegel von Wissenschaft und Religion« (Tectum Verlag Marburg, 2006). Er hat aber sein Wissen auch in einem parallel erschienenen Buch für wissenschaftliche »Laien« dargelegt, in dem diese »teilrealistische Erklärung« der NTE nach allen Seiten sehr sorgfältig geprüft und entfaltet wird (»Nahtoderlebnisse, Jenseitsvisionen, Gottessuche. Die gemeinsame Wurzel religiöser Erfah­rungen« (Tectum Verlag Marburg, 2005). Wolfgang H. Moisl widmet sich den notwendigen Konsequenzen für Religion und Philosophie (»Jenseits und Bewusstsein«, Basilides-Verlag Nürnberg, 2015) und der Amerikaner David Lommel entfaltet eine ganz eigene »Ethik der Nahtoderfahrungen« (Insel-Verlag Frankfurt a.M./Leipzig, 1993). Das ist nur eine bescheidene Auslese aus der Fülle der Publikationen zum Thema.

Die katholische Theologe hat sich dieser Thematik schon immer in einer Offenheit gestellt, die man sich für die evangelische Seite dringend wünschen möchte. Das hat freilich seinen Grund in jener theologischen Konzeption, wonach sich um den harten Kern der biblischen Offenbarung Gottes abnehmende Stufen der menschlichen Wahrheitserkenntnis kreisförmig anschließen, was der Kirche einen weiten Spielraum in der Bewertung anderer Glaubensfor­men und Anschauungen eröffnet. In vorbildlicher Weise hat sich die Katholische Fakultät der Universität Vechta mit dem Thema der Nahtoderfahrungen befasst und 2012 ein »hochkarätig besetztes Symposion« veranstaltet, das bei allem Beharren auf den für Rom grundlegenden Offenbarungswahrheiten Perspektiven eröffnet, die den Untertitel des Tagungsberichts »Eine Herausforderung für Theologie und Naturwissenschaft« in der Tat rechtfertigen (»Nahtoder­fahrungen. Eine Herausforderung für Theologie und Naturwissenschaft«; hrsg. von Raimund Lachner und Denis Schmelter, LIT-Verlag Berlin, 2013). Was Herbert Koch in seinem 2016 erschienenen Buch auf der evangelischen Seite fordert, ist also von katholischer Theologie schon vier Jahre zuvor unternommen worden! All diesen Bemühungen aber verleiht Pim van Lommels Buch erst den fundamentalen wissenschaftlichen Boden, auf dem endlich ein Ernstnehmen jener Phänomene und ihrer Bedeutung für Glauben und Leben unumgänglich wird, was nicht ohne Folgen für Philosophie und Theologie bleiben kann.

Wolfram Zoller, Vortrag beim Regionaltreffen am 19. November 2016, abgedruckt in Nr. 2-2017 der Zeitschrift des Bundes für Freies Christentum

 

Teil 2 in der nächsten Ausgabe

 

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Erkennen, was wirklich wichtig ist

»Und ich bete darum, dass eure Liebe immer vollkommener werde in der Erkenntnis und Erfahrung, was gut ist. Und dass ihr immer prüfen werdet, was das Beste ist.«

Brief an die Philipper, Kapitel 1, 9

Das ist eine eindringliche Botschaft, die Paulus an die Gemeinde in Philippi formuliert. Und es ist für mich eine zeitlose, eine allgemeingültige Weisheit.

Zum Verständnis zuerst noch eine Anmerkung zum Philipperbrief: Paulus gründete die Gemeinde von Philippi als erste christliche Gemeinde auf europäischem Boden bei seiner zweiten Missionsreise um das Jahr 50. Die Gemeinde wuchs ihm besonders ans Herz. Und sie stand auch in schwierigen Zeiten zu ihm. Deshalb ließ er sich nur von ihr unterstützen, auch finanziell.

Den Brief schrieb er im Gefängnis, wahrscheinlich in Ephesus. Anlass des Briefes war der Wunsch der Gemeinde in Philippi, Näheres über sein Schicksal zu erfahren, sowie eine Geld­spende, welche sie ihm überbringen ließ.

Aus der oben zitierten Fürbitte zu Beginn des Briefes geht die Einstellung des Paulus deut­lich hervor: Gott meint es gut mit uns, aber wir müssen wollen. In unserer inneren Entwicklung soll es keinen Stillstand geben. Wir sollen immer reicher werden, nicht an materiellen Dingen, sondern an Lebenserfahrungen, auch an der Erfahrung, dass wir mit Segen begleitet werden, Segen, der uns reicher in der Liebe, also im Umgang mit anderen Menschen macht, in der Bereitschaft, sie zu verstehen, tolerant mit ihren Schwächen umzugehen.

Es bleibt die Aufgabe, das von Gott geschenkte Leben sinnvoll und lebenswert zu gestalten. Es mutet uns zu, immer wieder neue Schritte zu tun, uns neuen Situationen zu stellen. Auch das Ungewollte gehört zu unserem Leben. Eine Krankheit, ein Unfall, ein endgültiger Ab­schied. Das sind schlimme Erfahrungen, in welchen wir aber vielleicht eine neue Kraft erfahren dürfen und reicher werden können.

Dabei bleibt die grundsätzliche Aufgabe bestehen, von welcher Paulus in seiner Fürbitte spricht - man muss prüfen, was gut und was das Beste ist. Vor allem muss man lernen zu erkennen, was wirklich wichtig ist. Irgendwann merkt man selber, dass es nicht das Geld ist, das glücklich macht, sondern das gute, nahe und liebevolle Miteinander. Man begreift, dass ein Kind, ein Enkel im Arm mehr wert ist als alles materielle Glück. So rückt die Frage in den Vordergrund, was nicht nur für mich, sondern auch noch für die Generation unserer Enkel gut ist.

Paulus spricht für die Liebe, die mit Weisheit und Glauben verbunden ist. Das kann das Leben reicher machen.

Wolfgang Blaich

ZITATE CHRISTOPH HOFFMANNS ZU LUTHERS REFORMATION

Zur irrigen Überschätzung äußerer Kulthandlungen

Christoph Hoffmanns Urteil über die nur teilweise Entfernung der katholischen Sakramente aus dem protestantischen Gottesdienst durch Martin Luther, Auszüge aus: »Occident und Orient«, Jaffa 1875, 6. Kap. »Der Gottesdienst des Tempels«; S.32, 36f.

Gott, der jedermann Leben und Odem allenthalben gibt, bedarf keines Dienstes von Seiten der Menschen; er bedarf ebenso wenig unserer frommen Gesinnung als unserer etwaigen äu­ßeren gottesdienstlichen Handlungen. Der Zweck und Wert alles menschlichen Gottesdienstes besteht folglich nur in der Wirkung, welche derselbe auf den Menschen selbst, auf die Hebung und Verbesserung seines inneren und äußeren Zustandes ausübt.

Die protestantischen Kirchen haben sich auf dem Gebiet des Kultus mit großer Unsicherheit bewegt. Grundsätzlich stimmten sie darin überein, dass auf den äußerlichen Kultus nichts ankomme, weshalb denn auch die größte Buntscheckigkeit in dieser Beziehung unter den Protestanten erwachsen ist. Tatsächlich legten sie doch alle großen Wert auf die Teilnahme an ihren Kultushandlungen, nur dass den einen diese oder jene Weise des Abendmahls, andern dieses oder jenes Verfahren mit der Taufe, andern die strenge Haltung des Sabbaths als das Wichtigste erschien. Diese Uneinigkeit rührt davon her, dass protestantischerseits die Wichtigkeit des äußerlichen Kultus grundsätzlich viel zu wenig erkannt war, sondern fast ausschließlich die Predigt, also die Belehrung durch Worte, als das Mittel angesehen wurde, um die Menschen zum wahren Gottesdienst vorzubereiten. In der Praxis machte sich dann der alte Irrtum geltend, dass man den äußeren Kultus als den wirklichen Gottesdienst ansah und von ihm die Wirkungen erwartete, die nur die Gesinnung hervorbringen kann.

Ein Rest dieser irrigen Überschätzung äußerer Kultushandlungen machte sich auch in der protestantischen Lehre von den Sakramenten geltend, wenn man die Taufe für die Wieder­geburt selbst hielt, von der sie nur das äußere Abbild sein kann, und wenn man ebenso im Abendmahl einen wirklichen, äußeren Genuss des Leibes und Blutes Christi selbst sah, wovon Brot und Wein doch nur das Zeichen oder der Schatten sein kann.

Es ist bekannt, dass Luther selbst in diesem Punkt etwas von dem alten katholischen Irrtum glaubte beibehalten zu müssen, weil er mit Recht fürchtete, es möchte bei dem Mangel einer grundsätzlichen Anerkennung der äußeren Kulthandlungen in ihrer Wichtigkeit der öffentliche Gottesdienst gar zu kahl und alltäglich ausfallen. Er zeigte hierin im Unterschied von den anderen Reformatoren sein tieferes Verständnis der menschlichen Natur, die ein äußeres Heiligtum nicht entbehren kann und die daher, wenn sie keine Stiftshütte hat, unvermeidlich ein goldenes Kalb gießt. Allein die Art, wie Luther durch die Beibehaltung zweier der katholischen Sakramente dieses Bedürfnis zu befriedigen suchte, war offenbar verfehlt und hat ebendeswegen die unheilbare Zerspaltung der Protestanten herbeigeführt.

Bei dieser Lage der Dinge bleibt dem Tempel nur ein Weg übrig. Er führt den an sich rich­tigen protestantischen Grundsatz, dass keinerlei äußere Handlung, sondern die Herzens­gesinnung der wahre Gottesdienst ist, folgerichtig durch, indem er gar keine Einrichtung des äußeren Gottesdienstes seinen Mitgliedern als Notwendigkeit und Bedingung ihrer Teilnahme auferlegt. Dieser Zustand eines völligen Verzichts auf ein äußeres Heiligtum kann nur ein Übergangszustand sein, es ist jedenfalls besser, eine Zeitlang gar kein äußeres Heiligtum zu haben, als die mangelhaften und mehr oder weniger zum Irrtum führenden gottesdienstlichen Einrichtungen der jetzigen Kirchen und Sekten für vollkommen oder gar für das Wesen des Gottesdienstes zu halten, was auch das vollkommenste äußere Heiligtum niemals sein kann.

Wofür wir danken können

Es gibt so vieles, wofür wir danken können - für den neuen Morgen, für die guten Freunde, für eine Arbeitsstelle, für alles Frohe, Helle und auch für die Musik. Das meinte Martin Gotthard Schneider in seinem häufig gesungenen Lied »Danke für diesen guten Morgen«. Der international bekannte Kirchenmusiker, Theologe und Dichter ist jetzt im Alter von 86 Jahren in Konstanz gestorben.

Ihm war es 1963 erstmalig gelungen, mit diesem Kirchenlied wochenlang in die populäre Hitparade zu kommen. In einem Nachruf hieß es, dieser »Danke-Hit« strotze nur so von Gottvertrauen und lasse sich deuten als eine „Gegenpredigt“ wider die damaligen Ängste der Menschen, ein Jahr nach der Kuba-Krise, in der die Menschheit knapp einem Atomkrieg entging.

In unserem Templer-Gesangbuch gibt es noch ein zweites dieser von Optimismus geprägten Lieder: »Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt«. Es spiegelt in meinen Augen genau die Probleme wider, die eine religiöse Gemeinschaft immer zu bewältigen hat, wo nach der Mitarbeit des Einzelnen und nach der Zielausrichtung des Ganzen gefragt wird und wo nach Unsicherheit und Verzweiflung ein »neuer Mut« einkehrt und das Schiff nach langer Fahrt »Gottes Hafen« erreicht.

Vor gut 50 Jahren haben die Templer auch dieses Gemeindelied, das uns erstmals durch einen jungen Sängerchor aus der Nachbargemeinde vorgestellt wurde, in ihre Gottesdienste aufgenommen. Mit seiner Rhythmik war es etwas vollkommen Neues und hat damals einige ältere Gemeindemitglieder zu eher ablehnenden Bemerkungen veranlasst. Inzwischen binden wir das Lied oft in einen »Saal« ein.
Wir sind Martin Gotthard Schneider für seine Kompositionen dankbar, besonders aber - wie es am Schluss seines Dankliedes heißt - »dafür, dass wir danken können«.

Peter Lange

100 Jahre »ifa«

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) wurde ich gebeten, darüber zu berichten, da ich in meiner Zeit als Leiterin unseres Templer-Archivs (1995 - 2008) Kontakte zum ifa geknüpft hatte.

Für mich war das Institut im ehemaligen Waisenhaus am Charlottenplatz 17 in Stuttgart immer nur das »Auslandsinstitut« gewesen, kannte man es doch bis 1945 als »Deutsches Auslandsinstitut« (DAI). Die Alliierten erlaubten 1949 einen Neubeginn, und ab 1951 firmierte es als »Institut für Auslandsbeziehungen«.

Als ich in den frühen 50er Jahren ein Referat über die Geschichte der Templer in Palästina halten sollte, war es sehr schwierig, passendes Material zu finden. Es war ja alles im Um­bruch. 100 Jahre »ifa«Die Bundesrepublik Deutschland war 1949 und Israel ein Jahr früher gegründet worden. Zum Glück gab es das Auslandsinstitut wieder. Man zeig­te mir u.a. eine umfangreiche Sammlung von Photo­graphien und Diapositiven aus den Jahren 1900 - 1936. Fast alle haben die Templer zum Thema. Es sind Aufnahmen aus allen Kolonien, sie zeigen Straßenansichten, Häuser, Betriebe, Handwerk, Bauernleben, Familie und Schule, Land und Leute, einschließlich eines Fotos vom »Kinderschiff«, einer Schülergruppe aus Betlehem (Galiläa), die 1930 mit ihrem Lehrer Karl Götz durch Deutschland gereist war. Etliche der Aufnahmen hat auch Prof. Paul Sauer in sein Buch »Uns rief das Heilige Land« (1985) aufgenommen.

An diesen Schatz entsann ich mich 1996, als aus Israel die Anfragen nach Bildern derje­nigen Templerhäuser begannen, die renoviert werden sollten. 92 Bildwiedergaben, schwarz / weiß, im Format 9 x 12,5 cm, geordnet in einem Ordner, stehen seither in unserem Archiv im Gemeindehaus.

Es ist lohnend, sich etwas mit der Geschichte des Instituts zu befassen. Die beiden Stutt­garter Tageszeitungen haben am 13. Januar 2017 eine übereinstimmende, mehrseitige Son­derbeilage ihrer Ausgabe beigefügt. Daraus sei Folgendes zitiert:

 

In Stuttgart verankert, weltweit aktiv

Kunst als Türöffner

Das ifa fördert Kulturaustausch

Sammeln und darbieten

Von Mensch zu Mensch

Perspektivenwechsel als Konzept

 

Schlagwortartig stehen diese Überschriften über den ausführlichen Berichten. Sie zeigen aber zugleich, welche Aufgaben das ifa heute für sich sieht.

Am 1. Januar 1917 wurde das Deutsche Auslandsinstitut (DAI) feierlich im Neuen Schloss gegründet. Ideengeber und Mitbegründer war der Unternehmer Theodor Wanner, der sich nicht nur als Kulturmäzen und Förderer der Wissenschaft einen Namen gemacht hatte, sondern auch an der Gründung des Süddeutschen Rundfunks beteiligt war.

Gedacht war, zunächst Publikationen über Deutsche im Ausland zu erfassen, Literatur und Kartenwerke über die wichtigsten Siedlungsgebiete der Auslandsdeutschen möglichst voll­ständig zu sammeln und darzubieten und Wesentliches über Leben und Leistungen hervorragender Auslandsdeutscher zu verzeichnen - getragen von der Stadt Stuttgart, dem Deutschen Reich und dem Königreich Württemberg, dessen König Wilhelm II. das DAI als »Werk des Friedens mitten im Krieg« bezeichnete. Ähnlich würdigte Bundespräsident Theodor Heuss, nachdem die NS-Zeit überwunden war, das DAI ebenfalls als »Werk des Friedens, als selbständige Plattform für Völkerverständigung«.

Natürlich warf in der NS-Zeit das Berliner Propagandaministerium schon bald ein Auge auf das DAI, das nun Informationen an Gestapo und Militär zu liefern hatte und später durch Publikationen und Ausstellungen in den besetzten Gebieten die Gebietsansprüche legimitieren musste. Propagandamaterial zum Auslandsdeutschtum wurde reichlich produziert und u.a. zur »Erziehung der Auslandsdeutschen im Sinne einer einheitlichen deutschen Weltanschauung, gleichsam zu Soldaten des Dritten Reichs« verwendet.

Nach dem Krieg nahm das ifa seinen ursprünglichen Grundgedanken, mit Kultur Frieden zu schaffen und zu erhalten, wieder auf. Heute untersteht das ifa dem Auswärtigen Amt, es unterstützt dieses, auch den Bundestag, alle Bundes- und Landesministerien, aber auch alle Interessierten mit seiner Informationsdienstleistung, mit Themen, die sich mit auswärtiger Kulturpolitik und internationalen Kulturbeziehungen und mit Länderkunde befassen.

Die wissenschaftlich ausgerichtete Bibliothek umfasst 440.000 Bücher (Ausleihe ist in der Regel kostenlos). Das ifa besitzt eine vollständige Sammlung deutschsprachiger Zeitungen des Auslands, darunter historisch wertvolle vor 1945 erschienene Ausgaben auf Mikrofilm. Publikationen aller Goethe-Institute liegen bereit, wie auch Übersetzungen literarischer Werke aus Afrika, Asien und Lateinamerika... und noch vieles mehr. Es werden wirklich alle Quellen erfasst.

Das Institut für Auslandsbeziehungen einmal zu besuchen, ist absolut lohnend, nicht nur für Wissenschaftler und Studierende, sondern auch für jedermann, sei es zur Vorbereitung einer Auslandsreise, oder gerade jetzt, wo Migranten aus verschiedenen Kulturkreisen zu uns kommen. Wir werden diese besser verstehen, wenn wir über ihre Kultur, über Sitte und Brauch informiert sind.

Brigitte Kneher

 

Anmerkung: Nachdem wir Brigitte Knehers Bericht über das Jubiläum des ifa erhalten hatten, stießen wir im TGD-Archiv unerwartet auf ein Dokument, das sich ebenfalls auf das ifa bezieht. Aus ihm geht hervor, dass viele Jahrzehnte lang das »Kaiseralbum« von 1898 im ifa aufbewahrt wurde, bis es schließlich durch das Haus Hohenzollern im Jahr 1982 mit Billigung der »Stiftung Preußischer Kulturbesitz« dem Haifaer Historiker Prof. Alex Carmel für dessen Forschungsarbeiten übergeben wurde.

Aussegnungsfeier der Anatomie

Theoretisch wusste ich über die Möglichkeit Bescheid, seinen Körper nach dem Tod der Anatomie einer medizinischen Fakultät zur Verfügung stellen zu können, - am 23. Februar wurde dieses Thema für mich sehr konkret, als ich in der Stiftskirche Tübingen der außerordentlich bewegenden Aussegnungsfeier der Anatomie beiwohnte. Eines unserer Mitglieder hatte, wie auch schon ihr Ehemann, ihren Körper nach dem Tod der Anatomie der Universität Tübingen vermacht - und im Gedenken an sie und zahlreiche andere, die es ihr gleich getan hatten, veranstalteten die Medizinstudierenden, das Anatomische Institut der Uni Tübingen und die Klinikseelsorge Tübingen diesen Aussegnungsgottesdienst. Ich habe selten etwas so Feierliches, Behutsames und Bewegendes erlebt.

Das Orchester der Medizinstudierenden eröffnete die Feier mit Jesus bleibet meine Freude von J.S. Bach; nach der Begrüßung des katholischen Geistlichen trug der Chor der Studierenden das Ave Verum von Mozart vor - wie überhaupt der Gottesdienst von feierlicher und einfühlsam vorgetragener Musik dieser beiden Ensembles geprägt war. Die Ansprache der evangelischen Pfarrerin bezog sich auf das Gedicht von Mascha Kaléko "Letztes Lied". Zuvor hatte sie sich an die vielen Angehörigen gewendet, die die Stiftskirche bis auf den letzten Platz füllten, hatte ausgesprochen, dass dieser Moment für viele von ihnen sicherlich nicht ganz einfach sein würde - waren viele ihrer Angehörigen doch schon vor längerer Zeit gestorben und für manchen Angehörigen mochte auch diese Entscheidung des Verstorbenen ein Problem dargestellt haben.

Außerordentlich beeindruckend empfand ich die Dankesrede der Studierenden. Sie hatten sich zu verschiedenen Aspekten des Themas "Spuren hinterlassen" Gedanken gemacht und drei von ihnen trugen diese vor; stellten sie unter das Goethe-Wort "Alles, was uns begegnet, lässt Spuren zurück. Alles trägt unmerklich zu unserer Bildung bei." (Wilhelm Meisters Lehr­jahre)

Zuerst ging es um die Spuren, die das Befassen mit echten Körpern bei den Studierenden hinterlassen und eine Veränderung in ihnen hervorgerufen hatte. Sie empfanden diese Körperspende als großes Geschenk, weil ihnen die Zusammenhänge ganz anders klar wurden als durch die Bücher. Nicht zuletzt machte ihnen dieser für viele erstmalige Kontakt mit dem Tod bewusst, dass sie in ihrem künftigen Beruf auch viel mit Sterben zu tun haben würden. Die Auseinandersetzung damit war für viele nicht ganz einfach gewesen.

Dann ging es um die Spuren, die das Leben hinterlässt - und die die Studierenden dazu veranlassten, sich Gedanken darüber zu machen, was wohl die Spender in ihrem Leben erlebt haben mochten. Jede Falte, jede Narbe hat ihre Ursache, Freud und Leid drücken sich darin aus, aber der Hintergrund...?

Schließlich ging es um die Spuren, die das Leben dieser Verstorbenen hinterlassen hat, als Mutter oder Vater, Oma oder Opa, als Kind oder Bruder/Schwester, Partner, Freund, Kollege... - und dazu gehörte auch die Entscheidung, ihren Körper zu spenden.

Insgesamt waren all diese Gedanken so von Respekt, Dankbarkeit und Ehrfurcht geprägt, dass die Ehre, die diesen Körperspendern von den Studierenden erwiesen wurde, deutlich zu spüren war.

Im Anschluss an die Dankesrede wurden die Spender namentlich genannt, die Studie­renden brachten bei jedem Namen kleine Steine, auf die sie den Namen geschrieben hatten, behutsam nach vorne, wo ein kleines Sandfeld vorbereitet war, das alle Steine aufnahm. Knapp 60 Namen wurden verlesen, auch jene geehrt, die ihren Namen nicht veröffentlicht wissen wollten - auch für sie wurde ein kleiner Stein niedergelegt. Im Anschluss durften sich die Angehörigen jeweils "ihren" Stein mitnehmen.

Alle Körperspender werden auf einem Urnengräberfeld auf dem Bergfriedhof Tübingen be­stattet; im Juli gibt es dort nochmals eine Andacht für die Angehörigen.

Doch damit der vielen Vorbereitungen für diese einfühlsame Gedenkfeier nicht genug, die Studierenden hatten für eine Zusammenkunft im Anschluss über 250 Kuchen gebacken, die im nahegelegenen Gemeindehaus den Besuchern angeboten wurden.

Karin Klingbeil

Wem die Stunde schlägt... - weiß der Algorithmus

Algorithmen sind Verfahren, die Probleme verschiedenster Art effektiv lösen können, heutzu­tage in der Regel im Rahmen eines Computerprogramms. Bestimmte Daten bzw. Vorgaben führen dabei zu bestimmten Schlussfolgerungen. Zum Beispiel kann ein Algorithmus Aussa­gen über die eigene Kreditwürdigkeit treffen, indem er statistische Informationen über die soziale Zusammensetzung der Nachbarschaft auswertet - unabhängig von der tatsächlichen Bonität einer einzelnen Person. Auch wer sich mit seinen persönlichen Merkmalen und Vorlieben in einer Singlebörse anmeldet, kann aufgrund der in der Datenbank hinterlegten Logiken damit rechnen, (nur) einen bestimmten Typ von Partnern angeboten zu bekommen. Ein anderes Beispiel sind Routenempfehlungen des Navigationsgerätes, Wahlprognosen oder Produktwerbung im Internet. Auch das aktuell diskutierte autonome Autofahren wird nicht ohne bestimmte algorithmische Verhaltensregeln für das Fahrzeug auskommen, das etwa seine Fahrweise den in Echtzeit von anderen Fahrzeugen übermittelten Informationen anpasst.

Algorithmen scheinen also immer stärker über unser Leben zu bestimmen, möglicherweise bald im wahrsten Sinne des Wortes: Vor kurzem vermeldete das US-amerikanische Start-Up-Unternehmen Aspire Health die Entwicklung eines Algorithmus, der die verbleibende Lebens­dauer schwerkranker Patienten vorhersagen soll. Dazu wertet das Computerprogramm alle vorliegenden Diagnosen aus und gleicht die Krankheitsbilder mit den Mustern häufiger Behandlungen ab. »Wir können sagen, welche Patienten in einer Woche, in einem Monat oder in einem Jahr sterben«, erklärte ein Mitgründer der Firma dem Wall Street Journal, »wir können den Gesundheitsplanern sagen, wieviel sie der Patient kostet, und wir könnten sie für weniger Geld pflegen und zugleich eine größere Zufriedenheit bei den Patienten erreichen.« Statt einer teuren Intensivmedizin im Krankenhaus könne der Patient palliativmedizinisch zu Hause behandelt und das Gesundheitssystem dadurch finanziell erheblich entlastet werden; immerhin entfalle rund ein Viertel des Jahresbudgets der amerikanischen Krankenkasse MediCare auf die Behandlung von Patienten in ihrem letzten Lebensjahr. Hinter der Geschäfts­idee steckt offenbar die fragwürdige Logik, man könne sich teure Behandlungsmethoden sparen, wenn man weiß (wohl eher: zu wissen glaubt), dass es um den Patienten ohnehin bald geschehen ist. Im Klartext: Der Betroffene erhält ein medizinisches »Verfallsdatum« und der Algorithmus entscheidet über die ärztliche Versorgung. Finanziert wird das Ganze übrigens durch Wagniskapital des Google-Mutterkonzerns Alphabet. Auch Google selbst tummelt sich immer stärker im Wettbewerb um sensible Gesundheitsdaten; so versucht der Suchmaschi­nenriese beispielsweise, mit Hilfe von Big-Data-Methoden das menschliche Genom zu ent­schlüsseln.

Die Vorstellung, ein Computerprogramm könne über Leben und Tod entscheiden, wirkt heute noch befremdlich und absurd. Allerdings ist einzuräumen, dass heute schon immer mehr Chirurgen sich bei Operationen von Roboterassistenten und Computerprogrammen hinsicht­lich der Auswahl und Anwendung von erfolgversprechenden Methoden unterstützen lassen. Viele OP-Säle werden derzeit modernisiert und mit Roboterassistenzsystemen ausgestattet; insbesondere Urologie und Neurochirurgie setzen zunehmend auf roboterunterstützte Eingriffe, weil diese so eher mikroinvasiv durchgeführt werden können. Experten heben die Vorteile für die Medizin hervor - die Schonung der Patienten und die erhöhte Präzision bei Operationen. Zugleich versuchen sie Bedenken zu zerstreuen: «Der Arzt ist und bleibt derjenige, der operiert, nicht der Roboter.« Es bleibt zu hoffen, dass dies so bleibt, und nicht etwa Computerprogramme, die über das medizinische Wissen der ganzen Welt verfügen, über die Wahrscheinlichkeit eines Behandlungserfolgs und damit über die weitere Behandlung entscheiden.

Jörg Klingbeil

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