Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 173/10 - Oktober 2017

 

 

Meine Erinnerungen an 50 Jahre Gemeindehaus - Peter Lange

Zurück zu Luthers wohlklingender Sprache - Peter Lange

Die »Krone« der Schöpfung? - Wolfgang Blaich

Buchbesprechung I: Heinrich Becker: »Gottfried Schwarz 1845-1920« - Peter Lange

Buchprojekt: »Die Tempelgemeinde Stuttgart im Wandel der Zeiten« - Karin Klingbeil

Meine Erinnerungen an 50 Jahre Gemeindehaus

Als wohl einer der wenigen Tempelmitglieder, die die ganzen 50 Jahre unseres Gemeinde­hauses in voller Länge bewusst erlebt haben, möchte ich mich hier daran machen, meine Erinnerungen an diese 50 Jahre zu reaktivieren und auf das Neue und Besondere darin hin­zuweisen.

Mit der Eröffnung des Gemeindehauses in der Felix-Dahn-Straße in Degerloch hat sich etwas ganz Besonderes ereignet: Mit dem 9. April 1967 verfügte die Tempelgemeinde Stutt­gart (als Nachfolgerin der Probegemeinde Kirschenhardthof) erstmalig in ihrer Geschichte über ein eigenes Zentrum ihres Gemeinschaftslebens. Mussten bis dahin für Gottesdienste und sonstige Zusammenkünfte der Mitglieder stets passende Räumlichkeiten irgendwo in Stuttgart, meist in Restaurant-Nebenzimmern oder Vortragssälen, gesucht und gebucht werden, so waren die Gemeinde-Verantwortlichen von diesem Zeitpunkt an solcher Provisorien enthoben. Die Veranstaltungen konnten nach Bedarf zu jedem Termin angesetzt werden.

In meinen Gefühlen war mit dem eigenen Gemeindezentrum eine Art von »Heimat«, von einem »Zuhause« verbunden. Ich bin mit dem Besuch einer Gemeindefeier nicht in das Besitztum fremder Menschen eingetreten, sondern bin »heimgekommen«. Oder wie es unser Mitglied Oskar Hahn damals ausgedrückt hat: »Jetzt weiß i wo i na’ghör.« Ich denke, dass es damals 1967 besonders die Jüngeren unter den Mitgliedern waren, die die neuen Räume »in Besitz genommen« haben. Unzählige Beispiele von Zusammenkünften könnte ich dafür auf­führen, geplante oder ungeplante, lange vorbereitete oder aus der Situation geborene, organisatorische oder aus einer Laune heraus verursachte.

Was ich noch gut in Erinnerung habe: Der Eröffnung des Hauses waren mehrere Jahre eines längeren Entstehungs-Prozesses vorausgegangen. Die Mitglieder konnten, wenn sie im Großraum Stuttgart wohnten, den Baufortschritt durch eine Besichtigung der Baustelle mitverfolgen. Wobei ich selbst damals noch nicht unmittelbar in den Prozess von Planung und Ausführung eingebunden war. Nur hin und wieder hatte ich von Verzögerungen im Baufort­schritt gehört, von Umplanungen oder neuen Erkenntnissen, die vor allem durch die vielen Vorschriften und Einschränkungen des örtlichen Baurechtes verursacht wurden. Die Gebiets­leitung unter dem Vorsitz von Jon Hoffmann und seinem Stellvertreter Ludwig Beilharz musste immer wieder neu zusammentreten, um Änderungsnotwendigkeiten zu beraten.

Wir können uns heute gar nicht mehr so richtig vorstellen, wie die Bauplanung damals verlaufen ist. Keiner der Verantwortlichen hatte ein Vorbild, wie ein solches Gebäude in unserer Zeit und in unserer Stadt gestaltet sein musste und wie es sich in das verhältnismäßig kleine Grundstück einzupassen hatte. Dass ein Anbau mit Wohneinheiten integriert werden sollte, war schon lange eine Vorgabe gewesen, um möglichst vielen Mitgliedern eine Wohn­gelegenheit in der Nähe des Veranstaltungsortes zu bieten (es war sogar zunächst an die Unterbringung vorwiegend älterer Menschen gedacht worden). Die Gemeindehäuser in den Palästina-Kolonien waren in einer ganz anderen Zeit und in einem dörflichen Ambiente entstanden, nicht in einer städtischen Struktur wie hier, und die neu erbauten Gemeindehäuser der Templer in Australien eigneten sich ebenso wenig als Muster oder Vorbild, da sie über weit größere Grundstücke verfügten als wir.

Für die Bauleitung war eine weitere offene Frage, für welche Anzahl an Besuchern dieses Zentrum mit seinen räumlichen Möglichkeiten wohl eingerichtet werden sollte. Es war die Zeit, als schon zahlreiche Templer-Familien wegen besserer Existenzbedingungen nach Australien übersiedelt waren. Trotzdem sollte bei größeren Veranstaltungen Platz nicht nur für Mitglieder, sondern auch für Verwandte, Freunde und Besucher geboten werden. Ich kann mich noch an eine Bauausschuss-Sitzung erinnern, in der von unseren Architekten Bitzer und Beilharz Emporen im Saal eingeplant waren. Diese Idee musste dann wegen des damit zusammen­hängenden Wegfalls an Fläche für andere Räume aufgegeben werden.

Sie blieb aber immer noch in den Köpfen der Verantwortlichen verwurzelt, was dazu führte, dass Lautsprecher-Leitungen vom Saal in den darüber liegenden Klubraum gelegt wurden, damit bei großen Veranstaltungen Reden, Musik und Ansprachen auch oben von solchen Teilnehmern gehört werden konnten, die im Saal keinen Platz mehr fanden. Immerhin kann man in der »Warte« von April 1967 lesen, dass »weit über 250 Personen« die Eröffnungsfeier miterleben konnten. Über viele Jahre hinweg wurde aus räumlichen Gründen das zahlenmäßig am stärksten besuchte jährliche Templer-Dankfest (bei durchschnittlich 200 Teilnehmern) nicht im eigenen Haus, sondern in einem angemieteten Saal begangen.

Was mir aus der Anfangszeit des Gemeindehauses noch in Erinnerung geblieben ist: die Vielzahl an Ideen und Vorschlägen für Gemeindeveranstaltungen. Die Zeit des »Minimum-Angebots« an Versammlungen, die über viele Jahre hinweg äußere Notwendigkeit war, kehrte sich um in ein »Vielseitigkeits-Angebot« verschiedenster Art, das dann auch die Gründung eines GOK (Gemeinde-Organisations-Kreises) erforderlich machte. Über diese neue Welle von Beteiligung und Engagement zahlreicher (auch entfernter wohnender) Mitglieder soll demnächst eine Buch-Dokumentation ausführlich und lebendig Kunde geben.

Was hat sich nicht alles in diesen 50 Jahren ereignet! Welch lange Namensliste von Bewohnern der ins Gemeindehaus integrierten Wohneinheiten könnte hier aufgeführt werden! Wie oft mussten vorhandene Räumlichkeiten und ihre Einrichtungen wegen neuer Wünsche und Notwendigkeiten der Gemeinde abgeändert oder umgewidmet werden. So wie ein Kleidungsstück im Lauf des Lebens abgeändert wird, musste die Gemeinde auch mit ihrem Raumbestand verfahren. So hat mancher Raum unseres Gemeindehauses inzwischen schon eine längere eigene Geschichte hinter sich (Beispiele dieser Art: Besucherwohnung, Archivraum, Gemeindebüro und Verwaltung, Gemeindehaus-Giebelraum, UG-Lagerraum).

In unserem Gemeindehaus hat im Lauf der Zeit mehr und mehr die Nutzung der Räumlich­keiten für Familienfeiern oder Geburtstagsfeste der Mitglieder hinzugewonnen. Besonders deutlich wurde das nach erfolgter Renovierung einzelner Geschosse. Durch Projektionswand und Verdunklungsmöglichkeit waren auch anspruchsvolle Bildvorführungen möglich geworden. Und könnte man sich einen schöneren Saal für Musikdarbietungen vorstellen als den unsrigen? Immer wieder betreten dadurch auch uns bisher unbekannte Besucher diese Räumlichkeiten, wir kommen ins Gespräch miteinander und werden in unserer unmittelbaren Umgebung immer bekannter.

Das ist es, was unser Gemeindehaus im Grunde auch sein soll: ein »offenes Haus« - offen sowohl in geistig-religiöser Sicht wie auch offen zum Hereintreten und zum Verweilen. Mögen wir Mitglieder auch weiterhin allen Besuchern mit dieser Offenheit begegnen.

Peter Lange

Zurück zu Luthers wohlklingender Sprache

Fast jeder derjenigen, die schon einmal auf einer Templer-Reise in Haifa waren, hat sicherlich die eingravierte Inschrift über der Eingangstüre des alten Gemeindehauses dort in der Erinnerung behalten, die da heißt:Zurück zu Luthers wohlklingender Sprache »Vergesse ich dein, Jerusalem, so werde meiner Rechten verges­sen«. Dahinter ist noch die Jahreszahl der Erbau­ung des Hauses angegeben: »1869«.

Der Vers stammt aus dem so genannten »Klage­psalm 137«, der das Leid der nach Babylon vertrie­benen Israeliten beschreibt und ihre Sehnsucht, wieder an den Ort ihrer Gottesanbetung nach Jerusalem zurückzukehren. Geschichtlich war eine solche Rückkehr aber ausgeschlos­sen, da die Babylonier diese Heimatstadt im Jahr 587 v.Chr. in Schutt und Asche gelegt hatten.

Den meisten von uns ist die Verbannung der Israeliten und ihre Klage wohl vor allem in musikalischer Form im Gedächtnis geblieben durch den Song von Boney M 1978: »By the rivers of Babylon, there we sat down. Yea, we wept, when we remembered Zion.« Das Lied hatte damals eine weite Verbreitung gefunden und stand in Deutschland 37 Wochen lang auf Platz eins der Charts.

Was aber hatte die Templer, insbesondere die Gründer Hoffmann und Hardegg, 1869 wohl veranlasst, ihr erstes Haus in der Fremde mit dieser Psalm-Klage zu schmücken? Eine genaue Erklärung dafür ist mir bisher noch nicht bekannt geworden. Jedoch hatte die Hoffnung, die die »Jerusalemsfreunde« 1868 nach Haifa geführt hatte, meiner Ansicht nach im Grunde etwas mit der Vertreibung der Israeliten nach Babylon zu tun. Denn es heißt in der Motivation Hoffmanns zum »Schritt hinauf nach Jerusalem«: »Zusammen mit meinen Freunden entschied ich mich, die Weissagung der Heiligen Schrift zum Leitfaden zu nehmen und die Aufrichtung des (geistigen) Tempels in Jerusalem zu unserem Ziel zu machen« (in: »Occident und Orient« 1875).

Nun hat vor Kurzem ein Templer gefragt, aus welcher Bibel denn die Zitierung auf der Gemeindehaus-Gravur in Haifa wohl gestammt haben mag, denn es heiße in der Luther-Bibel in Psalm 137,5 geringfügig anders: »Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine Rechte.« Ich habe daraufhin in meinem Bücherbestand nachgeschlagen und herausgefunden, dass die Haifa-Templer beim Bau ihres Gemeindehauses noch die Luther-Bibel von 1545 zur Hand gehabt haben müssen, denn erst in der Bibelrevision von 1984 (gültig bis 2016) ist der Vers wie oben angegeben abgeändert worden.

Ist es anderen Lesern wohl ähnlich ergangen wie mir, dass sie eher die eingravierte Fassung aus dem letzten Jahrhundert in der Erinnerung behalten und sie als wohlklingend empfunden haben als die revidierte Fassung von 1984? Bei mir war es jedenfalls so. Deshalb war ich bass erstaunt, als ich in der allerneuesten Revision der Luther-Bibel von 2017 den Psalmvers wie folgt vorfand: »Vergesse ich dein, Jerusalem, so werde meine Rechte vergessen. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein.«

Die Bibel-Bearbeiter sind also tatsächlich wieder auf die Luther-Übersetzung von 1545 zurückgegangen. Ist diese nicht viel wohlklingender und melodischer als die neuere von 1984, in der es weiter hieß »… wenn ich Jerusalem nicht meine höchste Freude sein lasse«, während Luther den Satz ursprünglich umgestellt hatte: »… wenn ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein«. Freilich, es sind nur minimale Abänderungen, hier nur eine geänderte Satzstellung, aber in gesprochener Form doch auch bedeutsam. Nach der ursprünglichen Absichtserklärung von Martin Luther sollte seine Übersetzung gut in den Ohren der Bibelleser klingen. Und das tut sie in der revidierten Fassung von 2017 zweifellos.

Peter Lange

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Die »Krone« der Schöpfung?

Was für ein Sommer, den wir erlebt haben, was für Wetter- und Klimaphänomene: gewaltige Überschwemmungen weltweit, Tornados in Deutschland und den USA, Hurrikans, der Wech­sel der Temperaturen von heute auf morgen, die unerträglichen Hitzeperioden in den Mittel­meerländern usw. Naturgesetze scheinen außer Kraft gesetzt, die Natur scheint entwurzelt und aus den Angeln gehoben, im Chaos zu stecken - unvorhersehbar, unberechenbar, gar wütend?

Sicher hat die Erde schon immer Naturkatastrophen und Klimawechsel erlebt, z.B. die Eiszeiten der Erdneuzeit. Aber das geschah in langen Zeiträumen, welche offensichtlich nicht das schnelle Aussterben von Arten wie heute mit sich brachten, sondern eher die Chance der Anpassung für Tier und Pflanze. Können wir da, auch entgegen wissenschaftlichen Erkennt­nissen, behaupten, es gäbe keinen Klimawandel, wie das von höchster Ebene in den USA geschieht? Und können wir behaupten, der Einfluss des Menschen sei nicht relevant für diesen Wandel?

Ich meine, dass die Menschheit einer Missdeutung der Schöpfungsgeschichte unterliegt, nämlich insoweit, wie der Mensch sich als »Krone« der Weltschöpfung versteht, als »Herrscher« über die Natur, über die Pflanzen und Tiere. Hierin liegt m.E. bereits der Keim zu einem überheblichen und schädlichen Egoismus - der Einstellung, dass mir als »Krone« alles zusteht, alles mir unbegrenzt zur Verfügung steht, alles meinen Bedürfnissen und meinem Willen unterliegt.

Für mich lesen sich die Schöpfungsberichte der Bibel (1. Mose 1, 27+28 und 1. Mose 2, 15) anders:

Der Mensch wird als letztes Glied im Kreis der Schöpfung geschaffen, eins unter vielen, als »Abbild« Gottes - was wollen die Schreiber damit ausdrücken?

Wenn der Mensch hier in die Nähe Gottes gestellt wird, dann ist doch wichtig zu verstehen, hier in die Nähe des mit viel Liebe, Kreativität, Achtung und Schönheit schöpfenden Gottes, der im Bilde vom »Paradies« für ein Gleichgewicht in der Natur sorgt, welchem alle Kreaturen unterliegen. Und wenn man vor allem den älteren Schöpfungsbericht in den Mittelpunkt rückt (1. Mose 2, 15), dann ist der Auftrag an den Menschen sehr klar formuliert: »Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und hüte

Dieser Auftrag ist unmissverständlich und auch ganz logisch als Weg zu einem Erhalt der Schöpfung - einem echten, wahrhaftigen »Herrscher« liegt das Wohl am Herzen, das Anliegen, dem Ganzen zu dienen und nicht zu unterwerfen.

Wenn wir verstehen lernen, dass wir ein Teil der Natur sind, werden wir vielleicht besser verstehen, dass wir mit dem heutigen Verhalten auf dem besten Wege sind, uns selbst zu vernichten.

Wolfgang Blaich

BUCHBESPRECHUNG

Heinrich Becker: »Gottfried Schwarz 1845-1920«

Gegen die Irrlehren der Kirchen

Hardcover 2017, Layout: Wolfgang Struve, 366 Seiten mit zahlreichen Abbildungen und Dokumenten, Bestellungen: Heinrich Becker, Barrystr. 4, 79618 Rheinfelden

Es ist ein ausgesprochener Mangel in der Geschichte der Tempelbewegung festzustellen, nämlich dass bisher noch niemand eine umfassendere Abhandlung über die Schulen des Tempels verfasst hat. Auch über die einzelnen in der Vergangenheit pädagogisch tätigen Lehrer-Persönlichkeiten sind nur unvollständige Lebensporträts verfasst worden. Selbst über Christoph Hoffmann gibt es über sein Verständnis des schulischen Lehramts und seine diversen Schulgründungen kaum etwas Zusammenhängendes nachzulesen.

Diesem Mangel begegnet Heinrich (Heino) Becker mit einem vom Umfang her »schwer­gewichtigen« Lebensbild des überwiegend vergessenen Jaffaner Tempellehrers Gottfried Schwarz, der von Christoph Hoffmann schon im November 1871 den Auftrag erhielt, ihm beim Aufbau der neu konzipierten »höheren Lehranstalt des Tempels« so kurze Zeit nach Ankunft der ersten württembergischen Auswanderer in Palästina mitzuwirken. Gottfried SchwarzBekanntlich hat das »Institut«, das oft auch als »Anstalt« oder unter dem Beina­men »Tempelstift« bekannt wurde, in späteren Jahren in der Tempelsiedlung Rephaim bei Jerusalem einen hohen Be­kannt- und Beliebtheitsgrad erreicht.

Über diesen schulischen Anfangs-Impuls Hoffmanns in Jaffa referierte Heinrich Becker im Juli bei der Vorstellung seines Buches anlässlich eines Familientages, an dem sich Nachfahren von Gottfried Schwarz aus dem Familienkreis der Schwarz, Kirchner, Lange und Becker im Degerlocher Ge­meindehaus versammelt hatten. Anwesend war an diesem Tag auch Dr. Jakob Eisler vom Landeskirchlichen Archiv, der die geschichtliche Arbeit von Heino Becker mit Auskünften und Ratschlägen unterstützt und gefördert hat.

Als einen besonderen geschichtlichen Wert des Buches möchte ich es bezeichnen, dass der Autor die Entwicklungen im Leben von Gottfried Schwarz vor allem durch Briefzitate deutlich werden lässt. Für den Leser ist das so, als ob er sein Ohr an die Wand halten würde, um mitzuhören, worüber Gottfried Schwarz seinen Familien­angehörigen und Freunden berichten wollte und wie es diesen zuhause erging. Eine solche Flut von Briefen wie hier dargestellt ist verständlich, da es die Auswanderer im fernen Land dazu drängte, sich über ihre Erlebnisse und Erfahrungen in der Fremde mit den zuhause verbliebenen Angehörigen auszutauschen. So versteckt sich eine große Zahl von Detail-Schilderungen in der Form solcher Zitate und macht das Leben der Deutschen in Jaffa für jeden historisch Interessierten dadurch besonders lebendig. Als ein Beispiel dieser Art kann eine Notiz aus der »Warte« gelten (hier aus Nr. 49/1873). Wie man sich die Ankunft des Lehrers Gottfried Schwarz und seiner Frau Thekla am 28. Juli 1872 im Hafen von Jaffa vor­stellen muss, ist dort so geschildert:

»Kaum hatte unser Schiff geankert, so bedeckten zahlreiche Nachen die See, welche schnellen Laufes auf unser Schiff zusteuerten. Viele, viele der lieben Freunde und Verwandten durften wir schon an Bord unseres Schiffes begrüßen und noch viele andere, worunter auch der freundliche Konsul Murad, der Älteste Stoll und der alte Eppinger von Jerusalem, warteten unser am Ufer. Die Zöglinge der Knabenanstalt hatten sich durch ihre Aufstellung in der Höhe und eine große deutsche Flagge bemerklich gemacht. Fünf Wagen der Colonisten standen zu unserer Beförderung bereit und brachten uns in wenigen Minuten an das Ziel unserer Reise. Eine Ehrenpforte, welche mit 5 Flaggen geschmückt war, verherrlichte unseren Einzug auf der Colonie.«

Zur Tätigkeit von Gottfried Schwarz in der neuen Umgebung gibt es im Buch mehrere Kurz­beschreibungen:

»Schwarz gehörte zu dieser Zeit sicher zu den am meisten geachteten Persönlichkeiten in der Tempelgesellschaft in Palästina und vor allem in Jaffa, was sich auch darin zeigte, dass er in der dortigen Wahl der Bürgerversammlung am 27. Dezember 1876 zu einem der sechs Gemeinderäte gewählt worden war (neben Dr. Sandel, Dr. Hoffmann, Saalmüller, C. Friedel und Fr. Klenk; Vorsteher des Gemeinderats blieb damals Herr Breisch).«

»Gemäß Warte Nr. 12/1877 hat Schwarz im Februar 1877 auch die Leitung der sonntäglichen Versammlungen und was damit zusammenhängt übernommen. Anlass hierfür waren Über­legungen des Tempelausschusses betreffend Beirut, wo sich in der Zwischenzeit auch schon mehrere Templer niedergelassen hatten, für deren geistige Pflege Fürsorge getroffen werden wollte.«

»Laut Warte Nr. 27/1877 hat der Schwäbische Merkur in Nr. 144 über das mit besonderer Sorgfalt gepflegte Erziehungs- und Unterrichtswesen der Tempelkolonien berichtet. Zwei bewährten Pädagogen [Friedrich Lange bzw. Gottfried Schwarz] anvertraute Schulen sind je in Caifa [Haifa] und Jaffa eingerichtet. Die in Jaffa entspricht in ihrem Zuschnitt einer deutschen Realschule, resp. einem Gymnasium. Sie zählt gegen 70 Schüler; unter denselben befinden sich 8 Araber, resp. Armenier.«

»Herr Gottfried Schwarz hat sich während der ganzen Zeit, die er in Jaffa zugebracht, durch seine Tüchtigkeit, Gewissenhaftigkeit in seiner Amtsführung sowie durch eine stets durchaus untadelhafte Lebensführung ausgezeichnet; er genoss hier allgemein des besten Rufs.« (Attest des Vize-Konsuls in Jaffa 1878)

So aussichtsreich der Eintritt Gottfried Schwarz’ in die Tempelgesellschaft ursprünglich gewesen war, so kurz war dann aber doch sein Wirken in Jaffa geblieben. 1879, zehn Jahre nach seinem Beitritt, trat der Lehrer wieder aus dem Schuldienst in Jaffa aus und gab seine Mitgliedschaft im Tempel infolge eines Dissenses zwischen ihm und Christoph Hoffmann wieder auf. Man könnte hier sagen: Was hätte sich nicht alles an Gutem für das ganze Schulwesen in Palästina aus der Zusammenarbeit dieser beiden Persönlichkeiten ergeben können! So endete die Dekade jedoch mit einer Trennung.

Ausgelöst wurde der Zwist durch eine Gehorsamsverpflichtung, die der Tempelvorsteher von allen Ältesten und Lehrern des »Instituts« hinsichtlich der pädagogischen Ziele gefordert hatte. In seinem »4. Sendschreiben« vom 11. August 1879 ist Christoph Hoffmann auf die Problematik der »Christlichen Gemeinde« und ihrer Funktionäre ausführlich eingegangen. Gottfrieds Schwiegersohn Cornelius Schwarz war in seiner Familiengeschichte der Ansicht, »Gottfried und Thekla Schwarz hätten die deutsche Schule mit Pensionat in Jaffa mit wachsendem Erfolg geführt. Der Gründer der Tempelgesellschaft hätte aber die Absicht gehabt, eine ganz gefestigte, absolut zuverlässige Organisation zu schaffen, ähnlich derjenigen der Jesuiten. Hierbei ging er ziemlich diktatorisch vor, nicht nur in Glaubenssachen, sondern auch in allen sonstigen Lebensfragen. Es sollte ein ‚Tempelorden‘ geschaffen werden, der nicht nur die führenden Leute, sondern alle Templer zu unbedingtem Gehorsam in allen Dingen dem Tempelvorsteher gegenüber verpflichtete. Mein Schwiegervater, der trotz aller Gebundenheit an die Idee des Tempels doch die Freiheit der Persönlichkeit aufrecht erhielt und sich immer für die geistige Freiheit, die Jesus brachte, einsetzte, geriet nun in einen harten Konflikt.«

In der Zeit nach dem Ausscheiden aus seiner Tätigkeit für den Tempel hat sich gezeigt, dass Gottfried Schwarz dem freien religiösen und selbstverantwortlichen Denken des Tempels weiterhin Ausdruck verleihen wollte, auch wenn er nicht mehr in templerischen Diensten stand. Darüber - und über den Untertitel des vorgestellten Buches - soll in einer der nächsten »Warte«-Ausgaben Auskunft gegeben werden.

Peter Lange

BUCHPROJEKT

»Die Tempelgemeinde Stuttgart im Wandel der Zeiten«

Das 50jährige Bestehen unseres Gemeindehauses, das wir in diesem Jahr feiern können, war der Anlass dafür, ein weiteres "Erinnerungsbuch" in Angriff zu nehmen. Nach »Damals in Palästina« und »Damals am Kaukasus« sollte ein Buch entstehen, das die Stuttgarter Gemeinde der Tempelgesellschaft zum Thema hat. Dabei wurde schnell klar, dass es die Stuttgarter Tempelgemeinde nicht erst gibt, seit das Gemeindehaus steht, sondern durch­gängig, auch während der größte Teil der Templer nach Palästina ausgewandert war, Mitglieder auch in Deutschland lebten, die meisten von ihnen im Stuttgarter Raum.

Für die Beschreibung der Anfänge dieser Stuttgarter Gemeinde mussten wir aus dem reichen Reservoir der »Warte« schöpfen und wir können uns glücklich schätzen, dass wir in Peter Lange und Theo Klink zwei Mitglieder haben, die noch viel aus früheren Zeiten erzählen können.

Die folgenden Seiten sollen einen kleinen Einblick geben und "Appetit auf mehr" machen!

Karin Klingbeil

 

Aus dem Inhalt

»Die Tempelgemeinde Stuttgart im Wandel der Zeiten«- Die Stuttgarter Tempelgemeinde entsteht

- Frühe Entwicklung

- Die 20er und 30er Jahre

- Das Stuttgarter Palästinaheim

- Gemeinschaftliche Aktivitäten

- Zerstörung und Wiederaufbau

- Rückkehr ins fremde Vaterland

- Gottesdienst in der ›Diaspora‹

- Asyl in der ›Notkirche‹

- Die »Warte« wird wieder herausgegeben

- Eine Jugendgruppe formiert sich

- Ein neuer Treffpunkt durch Eigeninitiative

- Erste Jugendferienlager der TGD

- Jugendzeitschrift: Treffpunkt Mozartstraße

- Das neue Gemeindezentrum entsteht

- Mühen des Erwerbs und der Bebauung

- Das Gemeindeleben blüht auf

- Gottesdienste

- Ein Konzertflügel wird beschafft

- Tanz und Fastnachtstreiben in der Gemeinde

- Gemeindekreise

- Wandern und Kegeln

- Aktivitäten mit Kindern und Jugend

- Familien- und Gemeindefreizeiten

- Friedhofsgruppe

- Israelreisen

- Das Gemeindehaus wird modernisiert

 

Die Tempelgemeinde Stuttgart im Wandel der Zeiten

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Die Tempelgemeinde Stuttgart im Wandel der Zeiten

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