Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 172/4 - April 2016

 

 

Das Jesus-Phänomen - Dorothea Friemel

Eine Fremde wird ins Volk aufgenommen - Peter Lange

Wer ist mein Nächster? - Christine Klingbeil

Angst - aus "weltlicher" Sicht - Brigitte Hoffmann

Die Löberts vom Stromberg - Peter Lange

Kaiserlicher Briefkasten in Sarona - Peter Lange

Das Jesus-Phänomen

Kennen wir die »reine Lehre« Jesu?

Können wir der historisch-kritischen Bibelforschung und der Leben-Jesu-Forschung die "reine" Lehre des Jesus von Nazareth entnehmen?

Geht die gesamte Dogmengeschichte der Kirche von einem "falschen" Jesusbild aus? Können sich aufgeklärte Christen heute noch auf Jesus berufen oder ist er uns zu fern und fremd mit seiner Lehre, die im Judentum vor fast 2000 Jahren wurzelt? Können wir vielleicht nicht an ihn, aber mit ihm glauben?

Ich kann diese Fragen natürlich nicht allgemein-theologisch beantworten; schließlich mühen sich seit 350 Jahren große theologische Denker darum und ich bin noch nicht einmal Theo­login. Ich kann hier nur meine persönlichen Antwortversuche vortragen, die ich mit Hilfe mancher Fachliteratur - und mancher Pastoren gewonnen habe. (In der Literatur folge ich oft Albert Schweitzer und Herbert Braun.)

Das »Phänomen« Jesus - hinter dieser etwas saloppen, vielleicht auch respektlosen Formu­lierung steht die sehr ernst gemeinte Fragestellung, warum auch wir heutigen Christen uns auf diesen Menschen Jesus von Nazareth berufen, ihn sogar als Christus ins Zentrum unseres Glaubens stellen. Was ist es, das seine Autorität begründet?

Die Antwort, die uns die katholische wie auch die evangelische Kirchen- und Dogmenge­schichte bis heute gibt, ist relativ schlicht: Jesus ist ein Teil Gottes (sein Sohn). Er ist nach Gottes Willen Mensch geworden. Seine Verkündigung des kommenden Gottesreiches bestraf­ten die damals herrschenden römischen und jüdischen Obrigkeiten mit dem Tod am Kreuz. Seine Auferstehung und Himmelfahrt beweise seinen göttlichen Charakter und den Willen Gottes, dass sein Werk der Vorbereitung des Gottesreiches fortgeführt werden müsse, mit Menschen, denen durch Jesu Tod das Heil bereits zugesagt sei. Apostel, Urgemeinde und später die Kirchen haben die Verleihung dieser Heilszusage für sich in Anspruch genommen und damit die Deutungshoheit über die Lehre Jesu.

Diese Vorstellungen sind im Wesentlichen in den ersten 50 bis 70 Jahren nach Jesu Tod entwickelt worden und entsprechen in ihren Formen selbstverständlich den damaligen religiö­sen, gesellschaftlichen und philosophischen Vorstellungen.

Die unmittelbaren Nachfolger Jesu standen vor existenziellen Fragen: Wie sollten sie Jesu schändlichen Tod einordnen? Warum hatte Gott nicht eingegriffen? Warum blieb nach dieser Katastrophe das Gottesreich immer noch aus (und sollte auch nach weiteren Katastrophen für das jüdische Volk ausbleiben)? Trotz dieser extremen Verunsicherung war es für die urchrist­liche Gemeinde in Jerusalem unter Petrus und Jakobus und für den Reiseapostel Paulus keine Frage, dass für sie Jesu Botschaft und ihre Weitergabe verbindlich sei. Sie wollten die Autorität, die Jesus für sie und die Menschen hatte, die ihm im Leben begegnet waren, weiter­vermitteln und die suchten für sich und die weitere Verkündigung nach Ausdrucksformen, um seine Größe und Einzigartigkeit zu verdeutlichen. Dabei griffen sie natürlich auf die religiösen Vorstellungen ihrer Zeit zurück: Erhöhung bis zur Vergöttlichung ihres Meisters mit Hoheits­titeln: Kyrios (Herr), Messias, aus königlichem Geschlecht, Gottessohn. Mit Wundererzäh­lungen und Verklärungen seines Lebens und seines Todes wird schon bei Paulus und in den Evangelien der Versuch gemacht, die Person Jesu in ihrer Präexistenz und Nachexistenz zu überhöhen.

Aber schon in den entstehenden Gemeinden und weiter durch die gesamte Kirchenge­schichte hindurch zieht sich die Diskussion, wie dieses Heilsgeschehen zum Reich Gottes hin sich in der realen Welt zu vollziehen habe. Die Auslegung der überlieferten Schriften (Bibel u.a.) war von Anfang an umstritten und hat zu theologischen Auseinandersetzungen und Schismen geführt, die oft in blutigen Machtkämpfen ausgetragen wurden.

Seit dem 18. Jahrhundert und mit dem Beginn der historisch-kritischen Philologie werden auch neue Anfragen an die Texte der Bibel und die Authentizität der Jesus-Äußerungen gestellt. Das markiert den Beginn der Leben-Jesu-Forschung. Insbesondere die evangelische liberale Theologie hat versucht, mit Hilfe der historisch-kritischen Bibelforschung einen festen biblischen Grund für den Glauben ausfindig zu machen. Man hoffte, aus den überlieferten Schriften Jesu Leben und seine Lehre rein herausdestillieren zu können. Es sind die Entstehung der Evangelien und die theologischen Absichten ihrer Autoren ausgiebig erforscht worden. Man hat authentische Jesus-Worte herauszufinden gesucht und besonders die Paulusbriefe als älteste schriftliche Zeugnisse untersucht. Und immer wieder ging und geht es bis heute in der theologischen Forschung um die Frage, wie Jesus selbst seine Rolle verstan­den hat, als Gottes Sohn, als Prophet, als Messias? Hat er sich vom Judentum distanziert? Hat er mit seiner Lehre auch Nichtjuden im Blick gehabt?

Diese »Jesusforschung in vier Jahrhunderten« (Zager) hat vieles historisch und religions­historisch klären und herausfinden können, aber elementare Fragen wie die des Selbstver­ständnisses des historischen Jesus haben bis heute nicht sicher geklärt werden können.

»Zu den nicht sicher beantwortbaren Fragen gehören beispielsweise folgende: Hat sich Jesus selbst als "Messias" beziehungsweise "König der Juden" verstanden oder wurden ihm diese Titel von seinen Anhängern ohne sein Einverständnis nur zugedacht? Damit eng verbunden ist die vieldiskutierte Frage: Was verstand Jesus unter der von ihm verkündigten "Gottesherrschaft", die nach Bultmann immerhin "der beherrschende Begriff der Verkündigung Jesu" war? War dieses Gottesreich - aus der Sicht Jesu - ein apokalyptisches Reich, das beim baldigen Endgericht mit Posaunen und Trompeten plötzlich erscheinen würde? Oder war es ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens, das es hier unter Aufbietung aller Kräfte und gegen alle Widerstände der Mächtigen aufzurichten galt? Oder war es ein rein spirituelles, unsichtbares Reich, das im Hier und Jetzt bereits begonnen hatte und an dessen Aufrichtung die Gläubigen durch ihr Verhalten mitzuwirken hätten?« (Bangert in Freies Christentum 3/2014, S.59.)

Ziemlich sicher scheint zu sein, dass Jesus von der sühnenden Heilsbedeutung seines Todes und von seiner Auferstehung nicht gesprochen hat. Das sind jedoch gerade jene Merkmale, die bis heute für das Christentum als konstitutiv angesehen werden!

Manche Theologen - von Albert Schweitzer über Karl Barth bis zur Gegenwart - konsta­tieren, dass die Leben-Jesu-Forschung insofern gescheitert sei, dass wir aus ihr keine festen christlichen Glaubensinhalte ableiten können. Mit diesem Ergebnis kann man unterschiedlich umgehen:

1. Man verlässt sich auf die Interpretation der ersten Christen und der ihr folgenden Kirchen- und Dogmengeschichte und folgt der überlieferten religiösen Überzeugung, die an ein über­zeitliches Wirken Jesu in der Welt, vermittelt durch die Kirche, glaubt.

2. Oder man stellt fest, dass Jesus mit seiner Idee, seinem Glauben und Hoffen auf eine wie auch immer geartete Gottesherrschaft irrte und tragisch scheiterte. Für uns Heutige könne daraus keine Heilsbotschaft abgeleitet werden. Allenfalls sieht man in Jesus einen guten, keineswegs einzigartigen Menschen, der einen allgemeinen Humanismus etwa im Sinne der Menschenrechte (erst 1700 Jahre später formuliert) in religiösem Gewand vertrat.

3. Und dann gibt es das, was man vielleicht das Jesus-Phänomen nennen könnte: Es gab und gibt viele Menschen und Theologen, die trotz der Tatsache, dass uns Jesu Leben und Lehre unsicher überliefert ist und er uns in seinen Handlungen und Haltungen oft fremd und fern erscheint, doch von ihm angesprochen fühlen, mit ihm zu tun haben wollen, denken, dass seine Lehren auch uns heute weiterhelfen können.

Zu diesen Menschen zähle ich mich und folge solchen Theologen, die es für unverzichtbar halten, die Botschaft des Mannes aus Nazareth für unsere heutige Zeit zu übersetzen und fruchtbar zu machen (A. Schweitzer, P. Tillich, R. Bultmann, H. Braun, W. Gräb, W. Zager, K.-P. Jörns).

Damit sind wir bei der Frage angelangt: Was bleibt von Jesus, was uns heute noch zur Nachfolge bewegt, auffordert, vielleicht gar zwingt, wovon wir uns »Lebensgewinn« verspre­chen (so eine der Definitionen von Gerd Theißen zum Begriff "Religion"). Herbert Braun (1903-1991), auf den ich mich hier beziehen möchte, beantwortet diese Frage mit dem Begriff der Autorität, die Jesus auf seine Zeitgenossen ausgestrahlt habe und die auch durch die überlieferten Texte und selbst durch die Kirchengeschichte mit allen ihren Ungereimtheiten und Verfälschungen hindurchstrahle. »Er lehrte wie einer, der Vollmacht besitzt« (Mt 7,29). Braun meint nicht die Autorität, die sich aus Hoheitstiteln, Anpreisungen, Verehrung der Nach­kommenden ergibt, sondern Jesu Autorität gründet sich - wie alle echte Autorität - allein auf die Inhalte, für die sie eintritt. Und die Inhalte, um die es Jesus in seinem Leben und in seiner Lehre ging, sind eigentlich eindeutig und weder historisch-kritisch noch in den Kirchen umstritten, sind nur allzu oft über den Streitereien und Diskussionen um das christliche Lehrgebäude aus dem Blickfeld geraten: Jesus verkündigte tätige Nächstenliebe aus Gottesliebe.

Er war Freund und Helfer der religiös und sozial Deklassierten. Seine Gleichniserzählungen und sein Handeln zeigen ein menschlich vorbildliches Verhalten, nicht ein göttlich inspiriertes. Eine Gleichsetzung des seinem Sohn vergebenden Vaters mit Gott oder des barmherzigen Samariters mit Jesus ist erst in der späteren glorifizierenden Gemeindebildung entstanden. Jesus hat sich auch nicht auf seine Gottessohnschaft o. ä. berufen, wenn er Menschen anhörte, ihnen half und unterwies oder sie heilte. Er handelte nach dem Liebesgebot der jüdischen Soziallehre, allerdings in radikaler Form. Er predigte nicht nur die Gnade Gottes, er »betätigte sie«, wie Braun es ausdrückt. Dass sich darin seine göttliche Macht zeige, ist ihm von Zeitgenossen und vor allem Nachfolgern zugeschrieben worden, um seine Autorität mitzuteilen und zu beweisen. Jesus wusste, dass Menschen für die Bewältigung ihres Lebens einen festen Grund und Bezugspunkt brauchen, wo sie sich angenommen fühlen. Dieses Angenommensein vermittelte er durch seine Predigten von einem Gott, der befreit, nicht in starre Normen zwingt. Für Jesus war dieser Gott natürlich in bester jüdischer Tradition der Gott Israels.

Aber solch fester Bezugspunkt in dem, »was uns Menschen eigentlich angeht« (Tillich), kann auch uns Heutigen zu innerer Freiheit verhelfen und uns veranlassen, die Nachfolge Jesu anzutreten - ganz ohne Messianität und Osterglaube. Der Zustand der Welt heute ist genauso schlimm und erscheint so aussichtslos wie in Palästina vor 2000 Jahren. Diese Erfahrung des Leidens an und in dieser Welt verbindet uns mit Jesu Erfahrungen, aber vielleicht auch seine damals wie heute widersinnig erscheinende und unzerstörbare Hoffnung auf Änderung, die vor Verzweiflung schützen kann, die Jesus »Gottesherrschaft« nennt und die uns zum Handeln in der Welt bestimmen kann.

Solcher an Inhalte und Handlungen gebundener Autorität sollten wir, sollten auch die Kirchen nachfolgen, nicht einer, die sich auf Hoheitstitel und Dogmen beruft und daraus Gehorsamsforderungen ableitet, die die befreiende Botschaft Jesu geradezu in ihr Gegenteil, nämlich Machtansprüche verkehrt. Jesus kann durchaus verpflichtende Autorität, d. h. Christus für uns sein; aber wir müssen eigene Formen und glaubwürdige Versuche der Nachfolge finden, können nicht antike Mustern nachbeten. » Es bedarf einer gewaltigen Anstrengung und Willensentscheidung, um in der Nachfolge Jesu für eine sittliche Weltordnung durch das radikale Liebesgebot einzutreten« (Jürgen Roloff). Dann können wir uns Christen nennen.

Dorothea Friemel, Vorstandsmitglied des Bundes für Freies Christentum, gehört der St. Remberti-Gemeinde in Bremen an. Sie hielt diesen Vortrag bei einem Seminartag ihrer Gemeinde zum Thema »Jesus« im Januar 2015.

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Eine Fremde wird ins Volk aufgenommen

»Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch; dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott; wo du stirbst, dort sterbe ich auch, dort will ich auch begraben werden«

Was so häufig als Motto einer Trauungsfeier verwendet wird, ist eigentlich nicht die gegenseitige vertrauensvolle Zusicherung unter Ehepartnern, sondern es sind vom Ursprung her Worte zwischen zwei Frauen. Ruth, die Moabiterin, die zu einem Nachbarvolk der Israeliten gehört, aber durch den Tod ihres israelitischen Ehemanns nach Bethlehem gezogen ist, sagt es zu ihrer Schwiegermutter Noomi, die sie in die Familie mitaufgenommen hat und ihr anbietet, ihr bei der Ernte auf dem Feld zu helfen und sich, wenn sie Durst hat, mit den Wasserkrügen zu bedienen. Im Alten Testament steht, dass sich Ruth vor ihrer Schwieger­mutter auf den Boden wirft und sie fragt: »Wie kommt es, dass du so freundlich zu mir bist? Ich bin doch eine Fremde.« Darauf die Schwiegermutter: »Du hast deinen Vater und deine Mutter und deine Heimat verlassen und bist zu einem Volk gegangen, das du vorher nicht kanntest. Der Herr vergelte dir, was du getan hast - der Gott Israels, zu dem du gekommen bist, um Schutz zu finden unter seinen Flügeln!«

Ein weiteres Kapitel des Buches Ruth ist überschrieben mit: »Ruth wird zur Urgroßmutter König Davids«. Diese Feststellung der Verbindung zwischen der Moabiterin Ruth und dem König der Juden wird in diesem Kapitel durch eine präzise Auflistung der gesamten Genera­tionen-Folge bekräftigt. Ein Bibelwissenschaftler unserer Tage, John Dominic Crossan, urteilt über diesen Tatbestand, dass den damaligen Verfassern wohl gar nicht aufgegangen sei, was sie da in dieses Buch hineinschrieben: denn es wäre ungeheuerlich gewesen zu sagen, der gefeierte König des Reiches Juda solle der Abkömmling einer Ausländerin gewesen sein! Es sei dies eine wahrhaft provozierende Geschichte. Aber die Genealogie wurde bis heute nicht geändert. Die Heirat einer Fremden mit einem Israeliten blieb unwidersprochen.

Die Erzählung sollte wohl veranschaulichen, welche Umstände dazu beitrugen, dass die Fremde im Volk akzeptiert wurde, wenn sie nämlich sagt: »Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.« In dieser Hinsicht eignet sich die Geschichte wohl nicht zum Vergleich mit den Scharen der gegenwärtig nach Europa hereinströmenden Flüchtlinge. Aber wer weiß, ob aus der vorgefundenen Situation der Fremden bei uns nicht so etwas wie eine neue Bewertung der europäisch-christlichen Glaubens- und Lebensweise entstehen kann. Die Fremden sind doch ins Land gekommen, »um Schutz zu suchen unter Gottes Flügeln.«

Peter Lange

 

Letzter Beitrag des Jugendsaals vom November 2015

Wer ist mein Nächster?

Wenn wir uns mit der Frage »Wer ist mein Nächster?« beschäftigen, bleibt es nicht aus, auch über die darin enthaltene Konsequenz »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« nachzudenken (3. Mose 19 und Mt 22,39).

Meiner Meinung nach gibt es auf die Frage »Wer ist mein Nächster?« zwei naheliegende Antworten.

Zum einen betrachten wir die Menschen in unserem direkten Umfeld als unsere Nächsten. Familie, Freunde, Arbeitskollegen. Menschen, mit denen wir uns umgeben - die uns im wahrsten Sinne des Wortes nahe stehen. In der Regel fällt es uns nicht allzu schwer, uns ihnen zuliebe ein wenig zurückzunehmen, ihnen Gutes zu tun, einen Liebesdienst zu erwei­sen. Das kommt daher, dass diese Menschen uns wichtig sind und ihr Glück auch ein Teil unseres Glückes ausmacht. Außerdem würden wir uns umgekehrt auch erhoffen, dass diese Menschen für uns da sind, wenn wir auf Hilfe angewiesen sind oder Nähe brauchen.

Schwieriger wird es, wenn wir uns mit dem Thema »Nächster und Nächstenliebe« im jesua­nischen Sinne befassen. Da wird uns nämlich vor Augen geführt, dass mein Nächster ein JEDER Mensch in einer konkreten Notlage sein kann - ohne Berücksichtigung seiner sozialen Stellung oder meines Bezugs zu ihm.

Der Begriff der Nächstenliebe stammt aus einem Gebot der Tora des Judentums. Es steht im Zentrum des Kapitels Levitikus 19 (3. Mose 19) - im Heiligkeitsgesetz. Die Rabbiner diskutierten den Geltungsbereich von Lev 19,18 besonders um die Zeitenwende (den Beginn der christlichen Zeitrechnung) sehr intensiv. Darin heißt es: »An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin JHWH.« Das erklärt, warum bis dahin oftmals eine ausgrenzende Auffassung vertreten wurde, nach der einem frommen Juden vor allem der als Nächster galt, der ihm im Glauben verbunden war, also zu seinem Volk gehörte. An der Diskussion, wie weitreichend der Begriff des Nächsten zu fassen sei und dem damit verbundenen Geltungs­bereich des Gesetzes, nahm auch Jesus von Nazareth teil. Er führt dort die beiden wichtigsten Gebote, nämlich das der Gottes- und das der Nächstenliebe an, fasst den Begriff des Nächsten aber deutlich weiter und veranschaulicht das am Beispiel des barmherzigen Samariters. Er verdeutlicht in dieser Erzählung nicht nur, dass ein jeder notleidende Mensch unser Nächster ist, sondern er dreht zuletzt die Frage sogar um! Anstatt den Adressatenkreis der Nächstenliebe mit der Frage einzugrenzen: »Wer ist Teil der Gruppe der Nächsten, auf die sich das Gebot der Nächstenliebe erstreckt?« formuliert Jesus die Frage praktisch andersherum im Hinblick auf die Not vor seinen Augen: »Für wen bin ICH der Nächste? Wer braucht MICH jetzt?«

Dass Jesus diese Philosophie nicht nur predigt, sondern lebt, können wir in unzähligen Geschichten des neuen Testaments lesen. Dort ist durchgehend von Jesu bedingungsloser Zuwendung und seiner Barmherzigkeit gegenüber den Ärmsten und Schwächsten die Rede. Er begründet dies vor allem dadurch, dass für ihn Nächstenliebe gleich Gottesliebe ist.

Franz von Sales (1567-1622) führt dazu in seinem Traktat über die Gottesliebe aus: »So gilt die gleiche Liebe Gott und unserem Nächsten [...] Den Nächsten lieben heißt Gott lieben im Menschen oder den Menschen in Gott; es heißt Gott um seiner selbst willen lieben und das Geschöpf um der Liebe Gottes willen.«

Aber auch unabhängig vom Gottes­bezug ist die Nächstenliebe in den meisten Religionen und der neuzeitlichen Philosophie als ethische Basis verankert. Die Zuwendung zum Mitmenschen ist dabei nicht als Begleiterscheinung von Mitleid zu verstehen, sondern dadurch, dass wir den Nächsten als einen wertvollen, ebenbürtigen Menschen anerkennen.

Was bedeutet das also für uns im Alltag? Dass wir jedem helfen müssen, der Hilfe bedarf? Jeden Bettler und jede gemeinnützige Organisation finanziell unterstützen und unsere gesamte Freizeit in den Dienst unserer notleidenden und hilfebedürftigen Mitmenschen stellen sollten? Ich glaube, kaum einer ist heute zu einem derart selbstlosen Lebensstil in der Lage. Dazu ist in unserer Gesellschaft, in der so viel Wert auf individuelle Entfaltung gelegt wird und in der wir uns durch private und berufliche Verpflichtungen zunehmend selbst einengen, doch gar kein Platz. Aber keine soziale Gemeinschaft kann bestehen, wenn nur jeder sich selbst der Nächste ist. Die Frage ist also: wie gehen wir um mit der Not, die uns umgibt? Wie begegnen wir Menschen, die echte Hilfe brauchen - den vielen Opfern aus wirtschaftlichen, gesell­schaftlichen oder persönlichen Schicksalsschlägen? Und wie erkennen wir, wie angemessene Hilfe aussieht?

- Es gibt jene, die resignieren und lieber die Augen verschließen vor dem herrschenden Elend und Leid in der Welt. Gerade angesichts der Flüchtlingskrise ist das auch nachzu­vollziehen. Die bloße Zahl hilfsbedürftiger Menschen lässt jeden individuellen Einsatz als unzureichend erscheinen.

- Dann gibt es solche, die das Ideal der Nächstenliebe hochhalten, sich dann aber im konkreten Fall aus scheinbar vernünftigen Gründen zurücknehmen. Und Gründe gibt es viele. Sei es die Sorge um die Verwendung des gespendeten Geldes - vielleicht verschwindet es bei den großen Hilfsorganisationen im Sumpf der Bürokratie oder wird vom Bettler für Alkohol und Drogen verwendet? Sei es die Angst, dass scheinbar notleidende Menschen das System (und die Gutmütigkeit ihrer Mitmenschen) nur ausnutzen wollen. Sei es die Erkenntnis, dass sich ein jeder auf Dauer nur selber helfen kann. Oder sei es gar die Angst, an all dem Leid zu zerbrechen, wenn man es nur zu nah an sich heranlässt.

Aber es gibt auch Menschen, die sich trotz all dieser Gründe für andere einsetzen. Entweder für das eigene Selbstwertgefühl oder in aller Stille aus einem Gefühl echter Verbundenheit zum Nächsten heraus. Menschen, die genau da helfen, wo sie gebraucht werden. Manchmal sind das nur kleine Gesten der Nächstenliebe - aber die setzen immer voraus, dass man die Bedürfnisse seines Umfelds wahrnimmt und den Menschen gegenüber als wertvoll erachtet. Es bedingt, dass man sich aus seiner Komfortzone herausbegibt und aktiv etwas für andere tut.

Ich würde wirklich gerne behaupten zu letzterem Teil der Menschen zu gehören, aber gerade im Rahmen der Vorbereitung auf diesen Jugendsaal wurde mir klar, dass ich nicht annähernd so helfe, wie es in meiner Macht stünde - und gleiches beobachte ich auch in meinem Umfeld. Dabei ist selten das Problem, dass wir finanziell nicht in der Lage wären. Weder Geld- noch Sachspenden bedeuten für uns ein echtes Opfer, denn wir haben mehr als wir brauchen. Was hält uns also zurück? Die Tatsache, dass wir nicht jedem helfen können? Oder dass es unbequem ist und Überwindung kostet? Oder gehen wir so blind durch unser Leben, dass wir die Nöte unserer Mitmenschen nicht erkennen?

Wenn wir uns die Frage stellen, die Jesus formuliert: »Für wen bin ich der Nächste? Wer braucht mich jetzt?« - dann können wir zumindest letzterem Problem begegnen. Denn dann wird unmittelbar klar, wo Hilfe - wo meine Hilfe - gebraucht wird. Wie diese Hilfe aussieht, hängt nicht nur maßgeblich von den situativen Bedürfnissen meines Gegenübers ab, sondern auch davon, was den Rahmen meiner Möglichkeiten bestimmt. Das sind zum einen materielle Gegebenheiten, vorwiegend sind es aber die Grenzen dessen, wozu wir fähig sind. Die Fähigkeit, aus uns heraus- und auf andere zugehen zu können. Die Fähigkeit, Mauern einzu­reißen, die wir selber gebaut haben. Gräben und Ängste zu überwinden, die uns von dem Fremden trennen - wie vorher im Lied gesungen. Die Fähigkeit, auch die Stärken unserer Mitmenschen zu erkennen und nicht nur ihre Schwächen. Die Geduld im Umgang mit anderen. Die Belastbarkeit in Krisensituationen. Uns eigener Stärken bewusst zu werden und sie zum Wohle anderer einzusetzen - seien diese Stärken nun geistiger, bürokratischer oder zupa­ckender Art. Und daran zu glauben, dass wir zu so viel mehr fähig sind.

Keiner erwartet von uns, dass wir dem Elend der gesamten Welt gegenübertreten, aber wir können in unserem direkten Umfeld beginnen, die Welt ein bisschen besser zu machen. Dort wo uns Not begegnet, können wir den Rahmen unserer Möglichkeiten ausschöpfen. Wobei es auch wichtig ist zu akzeptieren, dass für manche dieser Rahmen eben enger ausfällt als für andere. Das macht sie nicht gleich zu schlechteren Menschen.

Wir können uns erfreuen an den Gesten der Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe, denen wir alltäglich begegnen. Und ein jeder, der Gutes tut, wird feststellen, dass er durch sein Handeln nicht nur ein Lächeln auf die Gesichter seiner Mitmenschen zaubert, sondern dass er selber daran wächst.

Christine Klingbeil

Angst - aus "weltlicher" Sicht

Beim Schreiben der letzten Kurzbetrachtung eines Bibeltextes fehlte mir der Raum, das Wort »Fürchtet euch nicht!« auch auf den realen Alltag anzuwenden. Was ich in der letzten Warte-Ausgabe geschrieben habe, ließe sich zusammenfassen mit dem Paulus-Wort: »Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen« (Römer 8, 28). Allerdings: ich würde das »müssen« ersetzen durch »können«. »Müssen« stimmt nach unserer Erfahrung nicht. Es gibt auch fromme Christen, die zerbrechen an dem, was ihnen widerfährt. Aber das »können« gilt auch für uns; die Möglichkeit, die Hoffnung, dass auch aus etwas Schlimmem etwas Gutes wachsen kann.

Gleichzeitig brandeten seit der Silvesternacht in Köln immer neue, immer stärkere Wellen von diffusen Ängsten über die ganze Republik und erzeugten an vielen Orten ein Klima der Gewalttätigkeit, das wir nicht mehr für möglich gehalten hätten. Wie kommt das?

Denn eigentlich ist die Situation grotesk: in Deutschland leben wir in einem Staat und in einer Gesellschaft, die sowohl im historischen Vergleich als in dem mit fast allen derzeitigen anderen zu den weltweit besten gehören: mit einem Wohlstand für die meisten, von dem frühere Generationen nicht einmal träumen konnten, mit Schutz vor existenzieller Not für alle, mit Gesundheitsvorsorge und Bildungschancen, mit wenig Korruption, mit einem funktionieren­den Rechtsstaat und geschützter Meinungsfreiheit, mit vergleichsweise wenig sozialen Spannungen, mit einer zwar oft umständlichen, aber im allgemeinen hilfreichen Bürokratie und…, und…, und.

Trotzdem sind wohl in manchen Regionen Ostdeutschlands (gesicherte Zahlen gibt es naturgemäß nicht) ca. 30% der Bevölkerung Pegida-Sympathisanten. Das bedeutet: sie sind unzufrieden, und sie haben Angst. Für beides gibt es komplexe Gründe, die ich hier nicht alle aufzählen kann. Aber auf einige in Bezug zur Angst will ich kurz eingehen.

Im Lauf der Evolution war Angst ein Über­lebensvorteil. Sie schärfte die Sinne und die Aufmerksamkeit und schuf so ein Gespür für die vielen von außen drohenden Gefahren: Raubtiere, Krankheiten usw. Wer mehr von diesem Gespür hatte, lebte länger und hinterließ mehr Nachkommen. In einem funktionierenden Staat (s.o.) ist Angst kein Vorteil mehr, oft eher ein Nachteil: sie kann lähmen, Initiative ersticken. Aber was sich in zehntausenden von Jahren in den menschlichen Genen entwickelt hat, verschwindet nicht einfach wieder. Zumeist eine Angstbereitschaft bleibt, die bei Gelegenheit (Silvester, s.o.) aktiviert wird; umso leichter, je eher sie sich an unterschwellige Vorurteile anschließen kann, heute z.B. Antisemitismus, Ablehnung alles Fremden. Angst ist ein Gefühl, das meist am Verstand vorbei funktioniert, und ist daher diffus, irrational, subjektiv.

Dazu ein reales Beispiel (aus einem Artikel in der »Zeit«): ein Reporter schließt sich einer Pegida-Demonstration an und fragt unerkannt in vielen Einzelgesprächen nach den Gründen für die Teilnahme der Betreffenden. Einige der häufigsten Antworten: Angst vor der Islamisierung Deutschlands, vor Kriminalität, vor allem vor Überfällen und Attentaten. Nichts davon hat eine reale Grundlage.

Zur Islamisierung: unter ca. 80 Millionen deutschen Bürgern leben ca. 4 Millionen Muslime - also rund 5 Prozent, von denen die meisten religiös ebenso desinteressiert sind wie die meisten Christen. Und laut Statistik sind fast alle dieser Muslime ebenso gesetzestreue Bürger wie die anderen 95 Prozent.

Zur allgemeinen Kriminalität: bis einschließlich 2014 liegen statistisch gesicherte Daten vor: sie geht seit Jahren sehr langsam, aber stetig zurück (Wohnungseinbrüche sind ein Sonder­fall). Sie ist unter Flüchtlingen in vergleichbaren Gruppen (z.B. nach Alter) niedriger als unter Deutschen. (Dass das in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wird, liegt an dem ungeschriebenen journalistischen Gesetz: ein Kriminalfall bringt mehr Aufmerksamkeit als eine positive Meldung.)

Zu Attentaten: sie sind seit 1978 (RAF) ein öffentliches Thema. In diesen etwa 40 Jahren sind in Deutschland sehr viel weniger Menschen durch Attentate umgekommen als in einem einzigen Jahr im Straßenverkehr (2015 knapp 3.500). Aber darüber regt sich niemand auf (s.o.).

Das zeigt, wie irrational die meisten Ängste sind. Und das zeigt noch etwas: sie sind stark abhängig von der Gewohnheit. Gefahren und Risiken, die wir schon lange kennen, nehmen wir nur noch wahr, wenn sie uns direkt betreffen. Wenn etwas Neues dazukommt (Flüchtlinge), empfinden das viele als Bedrohung. So wie heute Pegida gegen Flüchtlinge polemisiert, polemisierten in den 70er Jahren (bzw. nicht ganz so, allerdings gewaltfrei) viele gegen Italiener und Griechen, die wir selbst als Gastarbeiter gerufen hatten. Heute wollten wir sie und ihren Einfluss auf Gastronomie, Geselligkeit und Kultur keineswegs mehr missen. Ob etwas Neues eine Bedrohung oder eine Bereicherung oder beides ist, zeigt sich oft erst nach Jahren oder nach Generationen und hängt von vielen unberechenbaren Faktoren ab.

Also noch ein Moment der Unsicherheit und Irritation. Lässt sich gegen die irrationalen Ängste gar nichts machen? Doch. Und dafür hat die Schweiz gerade ein Beispiel geliefert, das fast wie ein Wunder anmutet. Dort gab und gibt es, ähnlich wie bei uns, neben einigen kleineren zwei große Volksparteien, die über Jahre die Politik mehr oder weniger unter sich aushandelten. Die eine nennt sich »Volkspartei« und ist ausgesprochen rechtspopulistisch. Sie beantragte einen Volksentscheid über ein neues Gesetz zur Flüchtlingsfrage. Der Inhalt, kurz gefasst: alle Migranten sollen schon bei den geringsten Gesetzesverstößen (z.B. Schwarz­fahren in einer Schweizer Bahn) sofort und ohne irgendeine weitere Prüfung abgeschoben werden. Wer Mi­grant sei, würde nicht nach der Staatsangehörigkeit entschieden, auch nicht nach dem Grad der Integration (z.B. Sprache, Arbeit u.a.), sondern nach der Abstammung (­=Rasse). Auf wie viele Generationen diese zurückverfolgt werden sollte, wurde nicht gesagt (möglicher Anhaltspunkt: Status der Juden im 3. Reich). Das verstieß gegen Schweizer Recht ebenso wie gegen europäisches Recht und gegen die internationale Menschenrechtskon­vention. Das Gesetz wäre also von den Gerichten aller dieser Instanzen sicher für ungültig erklärt worden; aber die Antragsteller erklärten, sich daran nicht halten zu wollen. Alle Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Kultur waren entsetzt. Sie schämten sich für ihr Land. Aber das vorgeschriebene Quorum von Unterschriften für den Antrag war erfüllt, der Volksentscheid musste stattfinden und wurde auf Februar 2016 angesetzt. In Umfragen stieg die Zustimmung zu Entscheid und Gesetz auf 60 Prozent im November 2015. Da taten sich eine Handvoll Bildungsbürger zusammen, warben innerhalb von Tagen ein paar hundert Unterstützer an, die dann einzeln oder zu zweien überall im Land von Haustür zu Haustür gingen, um mit den Leuten zu reden: sie erklärten ihnen in allgemeinverständlicher Sprache (in den vier Amtssprachen der Schweiz) und mit konkreten Beispielen den Inhalt des Gesetzes und die wahrscheinlichen Folgen: verheerender Verlust an internationalem Ansehen und als Auswirkungen schwere Verluste für Tourismus und Handel - und damit für die gesamte Wirtschaft und den Wohlstand. Die Helfer schafften sicher nicht alle Türen, aber offensichtlich erreichte die Botschaft den Großteil der Bevölkerung. Als der Volksentscheid Ende Februar stattfand, stimmten 60 Prozent der Teilnehmenden mit "nein".

Das zeigt: man kann etwas tun auch gegen irreale und unterbewusste Ängste und Frustrationen, und manchmal sogar Erfolg damit haben. Nicht immer so schnell und eindeutig wie hier. Bewusstseinsveränderungen brauchen meist Zeit, manchmal über Generationen. Aber auch erfolglose Versuche tragen dazu bei: sie helfen dazu, dass ein Problem öffentlich diskutiert und dadurch den Bürgern verständlicher wird; unter einer Bedingung: das »Rezept«, seinen eigenen Verstand zu nutzen (Was ist möglich, was nicht? Was sind die möglichen oder wahrscheinlichen Folgen?), und andere dazu zu animieren, und das in allgemeinverständlicher Sprache, mit klarer Nennung von Pro und Contra und konkreten Beispielen. Das ist mühsam, denn demokratische Politik ist ein laufender Prozess von immer neuen Kompromissen, die schwer zu vermitteln sind. Aber es sollte öfters versucht werden. Für uns Normalbürger müsste es heißen, nicht den schönen Bildern und abstrakten Versprechungen der Wahl­werbung zu vertrauen, sondern über die Jahre hinweg uns ein eigenes Bild zu machen - und unsere eigenen unbewussten Ängste zu prüfen.

Brigitte Hoffmann

WOHER TEMPLERFAMILIEN STAMMEN

Die Löberts vom Stromberg

Hohenhaslach

Die Vorfahren der 1903 nach Palästina ausgewanderten Familie Löbert können bis auf den 1590 in Merchingen im nordostbadischen Bauland geborenen Hans Löbert zurückverfolgt werden. Von ihm ist uns sonst nichts weiter bekannt. Sein Sohn Sebastian Löbert lebte als Sattler im nahe gelegenen Möckmühl, ebenso die nächsten zwei Generationen. Einer von ihnen, Johann Sebastian Löbert, war Cent-Schultheiß, ein Amtmann, der zahlreichen Dorf-Angelegenheiten wie Steuerwesen und Gerichtsbarkeit nachzugehen hatte. Er wird in einem Dokument von 1684 erwähnt.

Möckmühl

Familiennamen können über den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) hinaus meist nicht weiter zurückverfolgt werden, da viele Städte und Dörfer und die darin aufbewahrten Dokumente und Bücher durch Kriegsereignisse zerstört wurden. Die Stadt Möckmühl hatte in jenen Jahren 80 Prozent ihrer Einwohnerschaft (!) verloren.

Eine weitere große Schwierigkeit für den Familienforscher liegt in der unterschiedlichen Schreibweise von Familiennamen. Es entstanden oft Fehler beim Abschreiben und Übertragen der Namen. So gesehen, müssen wir Löbert als eine von mehreren möglichen Schreibweisen, wie Lebert, Lobert, Lober oder Loebert auffassen. Die Herkunft des Namens ist nicht eindeutig nachzuweisen, man hat viel darüber spekuliert, ohne dass es bis heute eine gesicherte Deutung gibt.

Vaihingen (Enz)

Ein Enkel des erwähnten Sebastian Löbert, ein Johann Jakob Tobias Löbert, war zu seiner Zeit nach Vaihingen an der Enz gezogen. Er war dort in den Jahren 1727-1760 Stadt- und Amtsschreiber gewesen. Danach gab es an diesem Ort verschiedene aufeinander folgende Generationen von Löberts, meistens waren in ihnen Amts- oder Ratsschreiber vertreten. Einer von ihnen, ein Enkel des erwähnten Johann Jakob Tobias, nämlich Christian Ferdinand Löbert, wurde sehr wohlhabend und vermachte der Stadt eine hohe Summe in Form einer Stiftung, aus der jedes Jahr Unterstützungen an Mittellose gezahlt wurden. In Vaihingen gibt es eine Straße und einen Brunnen (Löbertsbrunnen), die noch seinen Namen tragen. Durch die Inflation der 1920er Jahre verlor die Stiftung fast ihr ganzes Vermögen und musste aufgelöst werden.

Hohenhaslach

Ein Sohn des Johann Jakob Tobias Löbert, Friedrich Gottlieb Löbert (1748-1787), kam Ende das 18. Jahrhunderts nach Hohenhaslach im Stromberg-Gebiet und arbeitete dort als Gerichtsschreiber. Die nachfolgenden drei Generationen hatten alle einen Gottlieb Friedrich in ihren Reihen. Alle waren sie Schreiner oder Tischler in dem kleinen, 12 km von Vaihingen entfernten Winzer-Dorf und besaßen, wie so viele andere Einwohner, ein Stück Land und einen kleinen Weinberg.

Meines Großvaters Großvater, Gottlieb Friedrich Löbert (1818-1899), wollte, wie seine Vorväter, auch Amtsschreiber werden, aber seine Eltern waren mittellos. Der Vater hatte seinen Vater (den oben erwähnten Friedrich Gottlieb) durch den Tod verloren, als er selbst erst vier Jahre alt war. Der Stiefvater, den die Mutter geheiratet hatte, war nie zuhause und vernachlässigte die Familie. Wappen Hohenhaslach Er praktizierte die »Schwarze Kunst« aus der Schweiz, war Heiler für Mensch und Tier und erwarb sich dabei einen bedeutenden Ruf, sorgte aber zu wenig für seine Familie. Das Einkommen der Familie wollte er nicht für ein Studium des Sohnes verwendet wissen, dieser sollte ein Handwerk erlernen - nämlich das des Schreiners.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Landwirtschaft in Deutschland durch Bevölkerungszuwachs, Arbeitslosigkeit und Armut stark belastet. Historische Darstellungen zeigen, dass Hohenhaslach die wenig benei­denswerte Auszeichnung erhielt, eines der beiden ärmsten Dörfer Württembergs zu sein. Von 1850 an wanderten viele Familien nach USA, Kanada und sogar Australien aus. In den 1860er Jahren hatte sich die religiöse Gruppe der Jerusalemsfreunde (später Templer genannt) von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg getrennt. Sie sammelte unter ihren Sympathisanten auch zahlreiche Familien aus Hohenhaslach, wie z.B. die Grözingers, Jungs, Weiberles, Scheerles, Orths und Löberts.

Der Großvater meines Vaters, Gottlieb Friedrich Löbert, wurde 1851 in Hohenhaslach geboren. Er verheiratete sich mit einem Mädchen aus dem Dorf, Margarethe Katharina Weiberle. Zusammen traten sie aus der Evangelischen Landeskirche aus und schlossen sich schon früh den Templern an. Zu dieser Zeit entstanden in Palästina die ersten Siedlungen in Haifa, Jaffa und Jerusalem. Mehrere Familien aus Hohenhaslach zogen dorthin, Gottlieb Friedrich aber noch nicht, wir wissen nicht, warum. Erst als um 1900 neues Land für die spätere Ansiedlung von Wilhelma erworben werden konnte, also 20 Jahre später, entschloss er sich, seine Sachen zu packen. Das Ehepaar hatte zu dieser Zeit vier Kinder, Friederike mit 17 und Gottlieb mit 16 Jahren sowie die beiden jungen Söhne Gottlob (5) und Ernst (4).

Sie verließen Hohenhaslach 1903, zusammen mit anderen noch zurückgebliebenen Templerfamilien, u.a. dem Schwager Christian Scheerle, und ließen sich nach einem kurzen Aufenthalt in Sarona dann in der jungen Siedlung Wilhelma nieder. Gottlieb Friedrich war der einzige aus der ganzen Löbert-Sippe, der die Auswanderung nach Palästina in Angriff genommen hatte. Alle heute in Australien lebenden Löberts, zum kleinen Teil auch solche in Deutschland - insgesamt über 60 Personen - sind Nachfahren von ihm.

Wolfgang Lobert, Toulouse

 

Nachwort: Wolfgang, dem älteren Sohn von Otto (†) und Leni Loebert, verdanken wir diesen ausführlichen Beitrag über die Herkunft der Löberts in der Tempelgesellschaft. Die Fortsetzung der Familiengeschichte mit den Kapiteln »Wilhelma«, »Tatura« und »Boronia« bleibt einer separaten Darstellung vorbehalten. In der Rubrik »Woher Templerfamilien stammen« geht es uns vor allem um eine Darstellung, aus welchen Orten - vor allem in Württemberg - sich die Jerusalemsfreunde unter Hoffmann, Hardegg und Paulus vor über 150 Jahren gesammelt hatten. In früheren »Warte«-Heften sind die Herkunftsorte folgender Familien schon beschrieben worden: Wennagel, Keller, Bulach, Struve, Fast, Schumacher, Eppinger, Rohrer, Lange, Hoffmann, Aberle, Schmidt, Wächter, Wagner, Beck, Blaich, Sandel, Zacher, Frank, Tietz.

Peter Lange, Archivleiter

Detailgenauer Denkmalschutz

Kaiserlicher Briefkasten in Sarona

Schon längere Zeit befassen sich die israelischen Denkmalschützer und Restauratoren von Sarona mit einem Detail, das beim Auswerten historischer Bilder unserer alten Templer­siedlung bisher unbeachtet geblieben war: Kaiserlicher Briefkasten in Saronadem Briefkasten, der in alter Zeit an der Eingangsfront des Gemeindehauses angebracht war und dem Versenden von Briefen nach Europa gedient hatte. In der vergangenen jahrzehntelangen anderweitigen Nutzung der Sarona-Häuser war dieser Briefkasten als unbrauchbares Relikt vergangener Zeiten ent­fernt worden.

Das seit einigen Jahren in Sarona tätige Restau­rations-Team war auf dieses Detail aufmerksam geworden. Die Denkmalschützer waren der Auffas­sung, dass eine Wiederherstellung der ursprüng­lichen Gebäude-Gestalt auch den Briefkasten um­fassen müsse. Aber woher sollte man diesen denn nehmen, nachdem Postbeförderungskästen heutzu­tage deutlich anders aussehen. Diese Frage ließ den Projektleiter Shay Farkash nicht eher ruhen, bis er herausfand, dass es noch Sammlungen alter Briefkästen in Deutschland gibt.

In seiner ruhelosen Suche nach Adressen stieß er auf das Museum für Kommunikation in Berlin, in dessen Besitz sich Briefabgangskästen aller geschichtlichen Perioden befinden. Nach etlichen Verhandlungen gelangte man zu dem überraschenden Ergebnis, dass das Ber­liner Museum Kaiserlicher Briefkasten in Saronadem Restaurierungs-Projekt in Saro­na kostenlos einen Briefkasten aus der Kaiserzeit zwischen 1898 und 1914 zur Verfügung stellte. Es war dies die Zeit, als die Deutsche Post den Brief­versand von Palästina nach Europa übernommen hatte.

Unsere Reisegruppe, die im April auch durch die Denkmalschutz-Zone von Sarona geht, wird sich selbst von der fachgerechten Anbringung und der auf einem Plakat beschriebenen Geschichte des Briefkastens überzeugen können. Das Anbringen des Kastens an der Fassade dürfte ein nicht ganz einfaches Unterfangen gewesen sein, da er aus Gusseisen besteht und 95 kg wiegt. Nicht nur beim nachträglichen Anbringen der Glocke und des Wet­terhahns am Gemeindehaus vor einiger Zeit, sondern jetzt auch beim historischen Briefkasten zeigte sich der Wert alter Fotografien, die verloren gegangene Details nun detailgenau wieder sichtbar werden lassen. Den nimmermüden Restauratoren sei Dank und Anerkennung gesagt, ihr Eifer ist erneut belohnt worden.

Peter Lange, TGD-Archiv

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