Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 172/11 - November 2016

 

 

Im abnehmenden Licht - Jon Hoffmann
Der Abschiedsgruß - Peter Lange
Der gute Hirte - Wolfgang Blaich
75 Jahre Templer in Australien - Mark Herrmann
Hilfreiche Vorurteile? - Jörg Klingbeil
Von Bessarabien in den Kaukasus - Birgit Arnold
Der Lebens-Teppich - Thomas Hoffer

Im abnehmenden Licht

Die Totengedenktage im November

Der Monat November ist derjenige Monat, der in der abendländischen Christenheit in besonderem Maß dem Gedächtnis der Toten gewidmet ist. Er beginnt mit den beiden katholischen Feiertagen Allerheiligen und Allerseelen (1. und 2. November), die, wie der Name besagt, dem Gedächtnis der Heiligen (an ihrer Spitze der Jungfrau Maria, ursprünglich übrigens vor allem der Märtyrer) und aller verstorbenen Gläubigen dienen, und er bringt gewissermaßen als Gegenstück für die Protestanten den so genannten Totensonntag, der in aller Regel auf den letzten Sonntag des Kirchenjahrs, also auf den letzten Sonntag vor dem 1. Advent angesetzt wird.

Offenbar erscheint der Monat November für derartige Feiertage deshalb am geeignetsten, weil er auf der nördlichen Halbkugel der letzte Monat der ständigen Abnahme von Tageslicht und Tagesdauer ist und weil wir gewohnt sind, irgendwie Leben und Licht einerseits und Tod und Schwinden des Lichts andererseits zusammen zu denken.

Was besagen uns diese Totengedächtnistage? Wem gelten sie? Den vielen Millionen und Milliarden von Menschen, die vor uns gelebt haben? Den verstorbenen Glaubensbrüdern? Oder einzelnen, denen wir uns irgendwie, durch eine besondere Tat, ihre Gesinnung oder vielleicht auch nur durch Verwandtschaft besonders verbunden fühlen? Jede Deutung hat einen guten Sinn. Die umfassendste wie die engste, aber auch die dazwischenliegenden.

Vielleicht ist es die Abneigung, sich mit dem Tod zu befassen, die diese Entwicklung veranlasst hat. Diese Abneigung besteht weithin. Man betrachtet den Tod als etwas, das eigentlich nicht sein sollte, als eine Störung des normalen Verlaufs der Dinge, als Strafe für den Abfall der Menschen von Gott (»Der Tod ist der Sünde Sold«) und will deshalb möglichst wenig mit ihm zu tun haben. Aber man übersieht dabei, dass bei der göttlichen Weltordnung der Tod einfach unentbehrlich ist, mag er auch im Lauf der Zeit, was den einzelnen Menschen anlangt, immer weiter zurückgedrängt worden sein (durch Verlängerung der durchschnittlichen Lebensdauer, z.B. gegenüber dem Mittelalter auf nahezu das Doppelte).

Und man übersieht, dass der Tod nicht nur die Auslöschung der normalen, auf der Verbindung von Leib und Seele beruhenden menschlichen Existenz bedeutet, sondern darüber hinaus eben durch die Zerstörung dieser Verbindung die Freimachung der Seele von den Beschränkungen, die das Leibesleben mit sich bringt. Hat doch auch Jesus erst durch seinen Tod (durch »sein Blut«) und erst nach seinem Tod die große Wirkung auf die Menschheitsgeschichte ausgeübt, unter der wir alle stehen.

Sicher gibt es Milliarden Tote, von denen wir nichts wissen, aber ebenso sicher gibt es für jeden einzelnen von uns in der allgemeinen Menschheitsgeschichte wie im ganz persönlichen Eigenleben den oder jenen »Vorangegangenen«, der ihm bei seiner Arbeit eine Hilfe sein, ihm zur Seite stehen könnte (und möchte und würde, wenn wir ihm Raum gäben) - nicht an Stelle von Jesus, sondern als Wegweiser zu ihm.

Totengedenken braucht durchaus nicht bloß akademisches Gedenken, ein Wachrufen von Erinnerungen zu sein und zu bleiben, es kann daraus eine sehr reale Kraft entspringen, die wir uns nicht entgehen lassen sollten. Dabei ist es von untergeordneter Bedeutung, wie wir uns die Existenz der leiblosen Seelen vorstellen - im Grunde genommen können wir uns, gerade weil die Leiblichkeit fehlt, gar kein Bild machen - oder wie wir uns ihre Einwirkungen auf uns (und umgekehrt?) verständlich zu machen suchen. Es lässt sich hier nichts beweisen oder auch nur wirklich anschaulich schildern. Aber von alledem unabhängig bleibt die Mahnung: Seele, vergiss nicht die Toten!

Jon Hoffmann (†1973), in »Warte des Tempels«, November 1961

Der Abschiedsgruß

Im September-Heft der australischen »Templer Reflections« machte sich eine Verfasserin Gedanken über den Abschiedsgruß, der im Englischen überwiegend »Goodbye« lautet. Die meisten Zeitgenossen, meint sie, verlieren keinen Gedanken darüber, was »Goodbye« eigentlich bedeutet. Der Ausdruck kommt ursprünglich aus dem Segenswunsch »May God be with you - Gott sei mit dir!« Auch im Deutschen benützen wir ja ein solches Abschiedswort: »Adieu!« oder auf Schwäbisch: »Ade!« oder neuerdings »Tschüss!«, was aus demselben Stamm kommt - nämlich aus dem Französischen: »Mit Gott!« Ist es nicht bemerkenswert, dass auch die Zeitgenossen, die sich nicht für religiös halten, sich mit dem Segensgruß »Goodbye!« oder »Tschüss!« verabschieden?

November ist ins Land gezogen - der Monat der Toten-Gedenktage, in dem so mancher an den Abschied eines nahen Angehörigen, eines lieben Menschen denkt und vielleicht einen Gang zu dessen Grab macht. Welche Abschiedsworte gehen ihm da wohl durch den Kopf? Vielleicht liest er einen Sinnspruch, der auf dem Grabstein angebracht ist, solche Worte kennen die Besucher unserer alten Friedhöfe in Haifa und Jerusalem nur allzu gut. Es sind Nachrufe und Abschiedsworte der Zurückbleibenden, Glaubensbekundungen trotz Trauer und Schmerz.

Wenn wir ehrlich sind, sagen vielen von uns die Psalmsprüche und Bibelverse heutzutage nicht mehr viel. Sprache und Vorstellungen haben sich in der inzwischen verflossenen Zeit verändert. Hat sich jedoch die Bedeutung dieser Worte geändert? Ist es kein Abschiednehmen mehr »mit Gott«? Ich denke doch, es bleibt doch noch ein Vertrauen in das unabänderliche Gesetz von Werden und Vergehen und ein Glaube, dass Gottes Liebe nicht mit unserem Tod aufhört, uns zu umgeben. Wie drückt es doch das Vertrauenslied von Arno Pötsch so wunderschön aus:

 

Du kannst nicht tiefer fallen

als nur in Gottes Hand,

die er zum Heil uns allen

barmherzig ausgespannt.

Wir sind von Gott umgeben

auch hier in Raum und Zeit

und werden in ihm leben

und sein in Ewigkeit.

 

Es gibt noch mehr solcher Vertrauensworte, die wir fast täglich in den Traueranzeigen in der Zeitung lesen können: »Du bist nicht tot, du wechselst nur die Räume. Du lebst in uns und gehst durch unsere Träume (Michelangelo)« oder »Du bist nicht mehr da, wo du warst. Aber du bist überall, wo wir sind«. Es gibt sehr schöne Dichterworte für das letzte Abschiednehmen, zum Beispiel von Goethe: »Was man tief in seinem Herzen besitzt, kann man nicht durch den Tod verlieren« oder von Eichendorff die schönste Lyrik, die ich kenne: »Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus«.

Was aber meinen wir mit dem Wort »Gott« in unserem Abschiedsgruß? fragt die verfasserin in ihrem Zeitschriften-Beitrag. Manche damit verknüpften Vorstellungen, etwa eines Königs, eines Richters, eines Hirten haben für sie keine relevante Bedeutung mehr, auch ein »Gott in den Wolken des Himmels« sagt ihr nichts. Vielmehr verbindet sie mit Gott den Atemhauch des Lebens, die Gegenwärtigkeit, den Geist der Liebe, der anderen Mitgefühl entgegenbringt und der uns befähigt, allen Menschen so gerecht wie möglich zu werden. Und sie wendet sich an den Leser mit dem Wunsch: »Möge dieser Gott mit dir sein!«

Vielleicht lösen ihre Gedanken auch bei uns ein Nachsinnen aus, wenn wir uns das nächste Mal von jemandem mit »Goodbye!« oder »Adieu!« verabschieden.

Peter Lange

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Der gute Hirte

 

»Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln...« Psalm 23, 1-6

 

Dieser Psalm ist ein unvergleichliches Stück wahrer Poesie. Sein Inhalt ist eben so reich an tiefer innerlicher Frömmigkeit wie seine Form von vollendeter dichterischer Schönheit. Kein Wunder, dass seine Worte viele Komponisten zu einer Vertonung angeregt haben, so unter anderen Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach (gleich drei Mal), Franz Schubert, Anton Bruckner ...

Im 23. Psalm spiegelt sich für viele Menschen die tiefe Beziehung eines Einzelnen zu Gott. Dafür benutzt der Psalmist das Bild von einem Hirten. Es ist zu verstehen, dass mit dem Begriff »Hirte« im alten Orient auch verschiedene Herrscher bezeichnet wurden, das heißt, der Psalmist greift hier auf eine Metaphorik zurück, welche im israelitischen Volk verbreitet war. Wenn Gott also in Psalm 23 weidet wie ein Hirte, dann ist damit keine romantische Vorstellung vom Hirtenleben auf dem Felde angesprochen, sondern hier geht es um einen Herrschaftstitel.

Die Bildersprache des Psalms ist vor dem Hintergrund des Weidewechsels zu verstehen. In der orientalischen Landschaft existieren nur vereinzelte Weideflächen. Ist die Weide abgegrast, muss die Herde zum nächsten Weideplatz geführt werden. Zwischen den einzelnen »grünen Auen« liegen oft gefährliche Wege (und ob ich schon wanderte im finsteren Tal). Der gute Hirte erweist sich darin, seine Herde auf rechter Straße zu führen. Dieser Psalm beschreibt - so gesehen - das menschliche Leben als Weg: auch da, wo der Weg an ein Ende zu kommen scheint, führt er trotzdem weiter. Der Psalmist vertraut seinem Hirten völlig und weiß sich sogar im finsteren Tal bei ihm geborgen.

Der verfasser des Psalms gibt ein Bekenntnis für die Fürsorglichkeit Jahwes ab. Die grünen Auen und das frische Wasser sind bildhafte Ausdrücke für alles, was der Mensch zu einem glücklichen und erfüllten Leben braucht. Und so ist auch zu verstehen, dass aus einem Bekenntnis zu Gott als dem guten Hirten im 4. Vers ein Wechsel zu einem Gebet geschieht: aus dem Er entwickelt sich unvermittelt das Du - denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Die Vorstellung, dass Gott wie ein Hirte für das Wohlergehen seiner Anbefohlenen sorgt und sie auch in Gefahren sicher beschützt, erscheint uns vertraut und selbstverständlich. Sie findet sich an einigen Stellen im Alten Testament, doch ihre weitere Verbreitung geht wohl auch auf das Johannesevangelium im zehnten Kapitel zurück, wo sich Jesus gegenüber der pharisä­ischen Führerschaft abgrenzt, indem er sich als den guten Hirten vorstellt.

Wolfgang Blaich

75 Jahre Templer in Australien

Fünfundsiebzig Jahre - drei Viertel eines Jahrhunderts - das ist fürwahr eine lange Zeitstrecke. Sie markiert die Zeit, die vergangen ist, 1945 - Tatura,
 Camp 3seit die Templer dieses Land zum ersten Mal betreten ha­ben, nachdem eine weite, vier Wochen währende Seereise von Palästina in die Internierung im Nor­den Victorias hinter ihnen lag. Was man fast vergisst: diese Zeitstrecke ist bis heute fast gleich lang (1941-2016) wie die ganze Siedlungsdauer der Templer im Heiligen Land (1868-1948).

Obwohl es im Lager von Tatura hinter dem Sta­cheldrahtzaun (1941-1948) weiterhin ein Gemeinde­leben gab, ist die Temple Society Australia (TSA) formell erst 1950 gegründet worden. Wie kann man die Entwicklung der TSA in der darauf folgenden Zeit wohl ermessen, sei es bezogen auf das Leben des einzelnen Mitglieds oder auf das der gesamten Gemeinschaft?

Für diejenigen, die im August die beiden Gedenkveranstaltungen - in Melbourne und in Syd­ney - besucht haben, gab es viel Anlass, sich an diese vergangenen Jahre zurückzuerinnern und sich darüber Gedanken zu machen. 1950 - First Templer property,
 East MalvernDie Gele­genheit dazu bot unter anderem eine große Bilder­ausstellung aus unserem Archiv und aus den Sammlungen von Mitgliedern, die bewegende Ge­spräche zur Folge hatte. Zwar sind Personen inzwischen alle älter geworden und einige von ihnen sind auch nicht mehr unter uns, ihre Namen und ihre Bindungen zur Gemeinschaft werden jedoch weiterhin lebendig bleiben.

Ich denke, dass wir auf die Leistungen der TSA und ihrer Mitglieder in diesen 75 Jahren stolz sein dürfen. Was es heißt, die mühsam aufgebauten Siedlungen in Palästina verlassen zu müssen; eine Reise halbwegs um die Erdkugel in ein bisher unbekanntes Land zu unternehmen; in einer weniger gastlichen Umgebung für den Rest des Krieges und danach das Leben verbringen zu müssen; eine neue Sprache, neue Gebräuche und das kriegsbedingte Stigma von Feinden zu akzeptieren - das alles trug letztlich dazu bei, das Wesen der Templer und ihrer Gemeinschaft in Australien herauszubilden.

1957 - First Community Hall,
 Boronia

Außer dem Stolz für das Erreichte hat es, glaube ich, immer auch eine große Dankbarkeit dem Land und seiner Regierung gegenüber gegeben, die den Templern den Verbleib in diesem Kontinent erlaubt und ihnen einen Neuanfang auf Grundlage ihrer früheren Tradition, letztlich auch einen Wohlstand, ermöglicht haben. Wir schauen zurück, wir schauen zur Linken und wir schauen zur Rechten, aber vor allem schauen wir nach vorne.

2002 - Chapel opening,
 Bayswater

Mark Herrmann, Tempelvorsteher und Gebietsleiter der Temple Society Australia, in »Templer Reflections«, September 2016, Übersetzung Peter Lange

Hilfreiche Vorurteile?

Die Schwaben sind geniale Erfinder, aber häufig »eigen«, die Norddeutschen sind wortkarg, die Preußen pedantisch, die Bayern gemütlich, die Italiener feurige Liebhaber, halten es aber lieber mit dem dolce far niente, Obdachlose sind faule Penner, Ausländer liegen uns nur auf der Tasche, Holländer verreisen nicht ohne ihren Wohnwagen, Männer können nicht zuhören und Frauen schlecht einparken (so der Titel eines erfolgreichen Buches) - lauter Vorurteile, die bei manchen zu unreflektierten Überzeugungen geworden sind. Nicht umsonst meinte schon der weise römische Kaiser Marc Aurel: »Mache dich von deinen Vorurteilen los und du bist gerettet.« Was er dabei allerdings unterschlug: Vorurteile lassen sich gar nicht vermeiden; sie sind ein großer Teil unserer Sozialisation. »Von unseren Eltern, Lehrern oder Freunden bekommen wir von klein auf Vorurteile mit, egal ob wir diese gutheißen oder nicht«, meint etwa Karl Christoph Klauer, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Freiburg. Egal ob jemand also glaube, Ausländer seien kriminell, Männer die besseren Autofahrer oder Veganer abartige Gesundheitsfanatiker - derartige Annahmen seien fest im menschlichen Langzeit­gedächtnis verankert. Das bedeute allerdings nicht, dass wir ihr Spielball sind und nichts an unserem Wissen und Verhalten ändern könnten.

Mit seinem Team erforscht der Wissenschaftler seit vielen Jahren Vorurteile, etwa zu Alter, Geschlecht oder ethnischer Zugehörigkeit, den drei wichtigsten und häufigsten sozialen Kategorisierungen der menschlichen Wahrnehmung. Was ihn vor allem interessiert, sind allerdings nicht die Inhalte bestimmter Vorurteile, sondern die Gesetzmäßigkeiten, die hinter ihnen stecken. Jeder Mensch gibt zu jeder Zeit eine Flut von Informationen über sich preis - wie alt er ist, welchen sozialen Status er wahrscheinlich hat, aus welchem Land er stammt, ob er womöglich ein interessanter Gesprächspartner wäre. »Was entscheidet nun darüber, was Ihnen ins Bewusstsein tritt, wenn Sie einen Menschen sehen? Welche Faktoren bestimmen darüber, welche Kategorisierung wirksam wird?«

Obwohl Vorurteilen - oder eher den Menschen, die nach ihnen handeln - das Image vierschrötiger Stammtischler anhaftet, wissen die Forscher, wie wertvoll vorgefertigte Denkmuster für die alltägliche Informationsverarbeitung sind. Sogar in scheinbar harmlosen Situationen seien sie unverzichtbar: »Stellen Sie sich vor, Sie warten am Flughafen oder gehen einkaufen«, sagt Klauer. »Würden Sie für jeden Einzelnen, der Ihnen begegnet, alle möglichen sozialen Kategorisierungen durchspielen, wären Sie sofort überfordert.« Damit das Gehirn nicht wie ein überlasteter Rechner zusammenbricht, greifen Menschen auf Denkschablonen zurück, auf allgemeine Annahmen, die sich als praktikabel erwiesen haben.

Dieses ökonomische Vorgehen ermöglicht ihnen, rasch zu entscheiden, Gefahren zu erkennen und sich durch den Informationswust zu kämpfen. »Gerade in Situationen, in denen wir unter Druck stehen, greifen wir oft auf stereotypes Wissen zurück, ohne es zu prüfen.« Nähert sich nachts eine bedrohlich aussehende Gestalt in schmuddeliger Kleidung, würden wohl die meisten die Straßenseite wechseln. »In solchen Situationen hat man keine Zeit, um zu überprüfen, ob individuelle Hinweise darauf hindeuten, dass es sich um eine nette Person handeln könnte.«

Individualität ist also das, was Menschen ignorieren, wenn vorgefertigte Meinungen zum Einsatz kommen: Mann mit schmutziger Kleidung ist gleich obdachlos ist gleich gefährlich? Oder würde das Geschlecht vielleicht gar keine Rolle spielen, wenn die Situation eine andere wäre? Um herauszufinden, was die Wahrnehmung beeinflusst, nutzt Klauer so genannte unaufdringliche Verfahren. Seine Probanden erfahren zunächst nicht, dass sie sich zu einer Studie über Vorurteile angemeldet haben. Am Bildschirm sehen sie eine Diskussion, zum Beispiel zwischen Männern und Frauen. Jede Sprecherin und jeder Sprecher tritt mit einem Statement auf: »Die Öffnungszeiten der Universitätsbibliothek kommen mir sehr entgegen.« »Der Verwaltungsaufwand im Studium ist enorm.« »Ich bin mit dem Vorlesungsangebot unzufrieden.« Tatsächlich hat das Gesprächsthema aber nichts mit dem Experiment zu tun. Klauer nutzt das »Wer-sagt-was«-Paradigma, um zu überprüfen, worauf die Probanden ihre Aufmerksamkeit lenken. Nach der Diskussion präsentiert das Team den Teilnehmern einige der Statements, die sie den jeweiligen Personen zuordnen sollen. Nicht jeder kann mit einem lückenlosen Gedächtnis glänzen - darauf spekuliert Klauer.

Wenn die Probanden eine Aussage falsch zuordnen, wählen sie meistens trotzdem eine Person aus der richtigen Kategorie, in diesem Fall »Mann« oder »Frau«. Das bedeutet: Bei der Verarbeitung einer Aussage berücksichtigen Menschen offensichtlich das Geschlecht eines Sprechers, auch wenn es bei der Diskussion nicht um Geschlechtsunterschiede, sondern um die Öffnungszeiten der Bibliothek geht. Das »Wer-sagt-was«-Paradigma verdeutliche auch, wie das Gedächtnis funktioniere, erklärt der Forscher.

Manchmal jubelt sein Team den Probanden Aussagen unter, die nicht im Experiment vorkamen. Eine Erinnerung an diese Statements kann es also nicht geben, trotzdem sollen die Studienteilnehmer sie den Sprechern zuordnen. »Dabei tritt eine andere Funktion von Vorurteilen in Kraft, nämlich das rekonstruktive Füllen von Gedächtnislücken. Wenn Menschen sich nicht an etwas erinnern können, greifen sie auf stereotype Erwartungen zurück. Sie verlassen sich auf allgemeines Wissen über ihre Kultur und Gesellschaft.«

Bei einer Diskussion zum Thema Geschlechterrollen ordneten die Teilnehmer feminis­tischere Aussagen (»Ich finde es gut, wenn Frauen nach einer Kinderpause schnell wieder in den Beruf einsteigen«) eher den Frauen und konservativere Ansichten (»Verheiratete Männer sollten ihre Hemden nicht selbst bügeln«) tendenziell den Männern zu. Klauers Experimente legen nahe, dass die jeweiligen Umstände eine große Rolle für die Lenkung der Aufmerksamkeit spielen. Wenn die sozialen Kategorisierungen um die Wahrnehmung einer Person wetteiferten, sei es entscheidend, wie gut eine Kategorisierung zu einer bestimmten Situation passe, erklärt der Psychologe.

Er konnte belegen, dass sogar ein scheinbar deutliches Merkmal wie die ethnische Zugehörigkeit nicht zwangsläufig im Vordergrund stehen muss: Die Probanden sahen eine Diskussion zwischen zwei Sportteams mit weißen und schwarzen Basketballspielern. Die Teilnehmer orientierten sich bei der Zuordnung der Statements nicht an der Hautfarbe, sondern an der Zugehörigkeit zur jeweiligen Mannschaft.

Auf den ersten Blick entsprechen die Ergebnisse einer gängigen evolutionspsychologischen Theorie, die davon ausgeht, die ethnische Zugehörigkeit sei ohnehin nur eine Krücke. Biete man Probanden nämlich Allianzen und Koalitionen als soziale Kategorisierung an, würden Aspekte wie die Hautfarbe zurücktreten.

Klauer hat diese Theorie geprüft und erweitert: In einem Experiment präsentierte er seinen Probanden eine Diskussion zwischen weißen und schwarzen Insassen, die in zwei Gefäng­nissen untergebracht waren. Alle Häftlinge kannten die Bedingungen in beiden Anstalten und sollten sich darüber austauschen. »Von Allianzen konnte aber keine Rede sein. Wir sagten den Probanden, alle Gefangenen seien untereinander verfeindet.«

Auch bei dieser Studie war das Ergebnis eindeutig: Nicht die Hautfarbe wurde berück­sichtigt, sondern die Gefängniszugehörigkeit. Mit demselben Verfahren testete das Team die Kategorie Geschlecht. »Deswegen vermuten wir, dass diese Struktur ein allgemeingültiges Gesetz sein könnte«, führt Klauer aus. »Wenn wir eine starke und eine schwache Kategorie kombinieren, leidet die starke, wenn der Kontext die schwache hervorhebt. Dabei kann es sich auch um unvertraute Kategorien wie Gefängniszugehörigkeit handeln.«

Gerade bei Prüfungen und Bewerbungsgesprächen oder in Polizeiverhören und Gerichtsur­teilen können voreingenommene Entscheidungsträger großen Schaden anrichten. »Wenn man weiß, wie Vorurteile funktionieren und wann mit ihnen zu rechnen ist, kann man ihnen besser vorbeugen«, ist Klauer überzeugt. Insofern stimmen die Ergebnisse den Forscher optimistisch.

Viele in der Praxis erprobte Verfahren zum Abbau von Rassismus oder Sexismus würden nach dem gleichen Prinzip vorgehen: Wenn Menschen in einer Gruppe an einem Projekt arbeiten, rückt die gemeinsame Aufgabe in den Mittelpunkt - Unterschiede in Hautfarbe und Geschlecht werden weniger wichtig.

 

Der Artikel geht zurück auf einen Beitrag im Forschungsmagazin UNI-WISSEN der Universität Freiburg, Heft 1/2015 (»Wettbewerb der Wahrnehmung« von Rimma Gerenstein), der für die »Warte« gekürzt wurde.

 

Jörg Klingbeil

WOHER TEMPLERFAMILIEN STAMMEN

Von Bessarabien in den Kaukasus

Die Familie Messerle aus Kornwestheim und ihr Zug nach Osten

Wo liegt Bessarabien? Der Name täuscht - nämlich nicht in Arabien, sondern zwischen Pruth und Dnister gelegen und ans Schwarze Meer angrenzend. Nach dem 6. Türkenkrieg, der 1812 endete, war der bis dahin zum Fürstentum Moldau, einem Vasallenstaat des osmanischen Reichs, gehörende Landstrich weitgehend entvölkert. Er gehörte fortan und bis 1918 als Gouvernement Bessarabien - auch Neurussland genannt - zum russischen Kaiserreich. Um das Gebiet wieder zu besiedeln, warb Zar Alexander I. ab 1813 im Ausland gezielt Siedler an. In seinem Manifest vom 29. November 1813 versprach er u.a. Religionsfreiheit, die zur damaligen Zeit wegen der vielen unterschiedlichen pietistischen Strömungen und der chiliastischen Erwartungen gerade auf Württemberger sehr anziehend wirkte. Andere Auswanderungsgründe waren der Landmangel durch die Realteilung sowie Hungersnöte und Missernten nach dem »Jahr ohne Sommer« 1816. Haus von Christian Messerle in Lichtental,
 das nach seinem Wegzug 1868 dann bis 1922 Rathaus der Gemeinde warNachdem im selben Jahr das Auswanderungs­verbot in Württemberg aufgehoben worden war, setzte eine große Auswanderungswelle ein, die bis 1842 anhielt. 24 Mutterkolonien wurden gegründet, zwei davon waren Lichtental und Gnadental.

Vor ziemlich genau 250 Jahren, nämlich 1764, wurde in Kornwestheim Gottfried Jacob Messerle geboren. Mit seiner Frau Christina Katharina Trippel hatte er acht Kinder. Vier davon, drei Söhne und eine Tochter, verließen zwischen 1830 und 1850 ihre Heimat und wanderten nach Bessarabien aus, in die damals noch jungen Kolonien Gnadental und Lichtental.

1861 kam Johannes Lange auf der Rückreise vom Kirschenhardthof in seine mennonitische Heimatsiedlung Gnadenfeld an der Molotschna bei den jungen bessarabischen Kolonien vorbei und warb bei dieser Gelegenheit - sowie auch noch bei späteren Besuchen - für die Sache des Tempels. Daraufhin schlossen sich Mitglieder aus drei Generationen der Auswan­dererfamilie Messerle bis 1868 der Tempelbewegung an und zogen weiter an den Nord-Kaukasus, wo sie die Kolonie Orbelianowka gründeten. Ausgezogen sind: einer der Söhne, Christian Messerle (geb.1807), ebenso vier Enkel, Kinder des Christian Messerle, mit Familien: Christoph Messerle (geb. 1838), Christian Gottlieb Messerle (geb. 1841), Christina Barbara Messerle (geb. 1845) und Johann Jacob Messerle (geb.1848), Ortsplan der früheren deutschen Gemeinde in Lichtental,
 Bessarabienschließlich ein damals noch minderjähriger Urenkel aus einem anderen, in Lichtental verbliebenen Zweig der Familie, Christian Jacob Messerle (geb. 1851) sowie aus Gnadental ein Neffe mit Familie, Johann Jacob Messerle (geb. 1824), ein Sohn des dort lebenden ältesten Bruders.

In der Familiendatei der TGD gibt es allein 110 Namensträger Messerle. Hier sollen nur die Väter der Templerfamilien umrissen werden. Genaueres kann im Templer-Archiv abgefragt werden.

Der Motor der Auswandererbewegung in den Kaukasus war mit großer Sicherheit der 1807 in Kornwestheim geborene Christian Messerle. Er machte sich 1836 auf den Weg von Württemberg nach Bessarabien und ließ sich in Lichtental nieder. Dort heiratete er 1836 und hatte von 1844 bis 1848 das Schulzenamt inne. 1868 zog die Familie mit dem Lichtentaler Auswanderertreck (dazu gehörten beispielsweise die Familien Strecker, Bechtle, Steudle, Sommer und Fickel) in die neu zu gründende Templerkolonie Orbelianowka im Nordkaukasus-Gebiet, wo er Ältester war. In einem Nachruf in der »Warte« 1891 heißt es über ihn: »Schon vor seiner Übersiedlung nach Russland kam er in Berührung mit der Gemeinde Korntal und übernahm an seinem neuen Heimatort die Leitung der Hahnschen Pietistengemeinschaft. Bei der Gründung der Tempelgesellschaft schloss er sich derselben an und übernahm die Leitung der Mitglieder in seiner Kolonie.«

Mit seiner Frau Anna Maria Kienzle hatte Christian Messerle zwischen 1837 und 1855 zwölf Kinder. Es ist nicht bekannt, warum das Ehepaar 1879 vom Kaukasus aus die beschwerliche Umsiedlung nach Palästina auf sich nahm und dort erst in Jerusalem, dann in Jaffa lebte. Noch ungeklärter ist es, warum er 1886 - mittlerweile fast 80jährig - in den Kaukasus zurückkehrte, wo er 1891 starb, seine Frau 1894. Man könnte vermuten, dass es mit der Erblindung seiner Frau zusammenhing, die, wie es in ihrem Nachruf heißt, bei ihrem Tod schon 11 Jahre währte und also während des Aufenthalts in Palästina eingetreten sein muss. Auch starb im Oktober 1886 eine Schwiegertochter. In Orbelianowka lebten damals noch drei Söhne mit Familien, die, so kann man annehmen, nicht nach Palästina ausreisen wollten, und so entschloss sich das greise Ehepaar wohl zur Rückkehr.

Von den erwähnten drei Söhnen mit Familien blieben zwei im Kaukasus und machten 1896 noch die Umsiedlung nach Romanowka, der Nachfolgekolonie von Orbelianowka, mit:

Christoph Messerle (geb. 1838), verheiratet mit Elisabeth Carolina Steudle, und Christian Gottlieb Messerle (geb. 1841), verheiratet mit Maria Müller, in zweiter Ehe mit Christiana Steudle. Die Tochter Elisabeth aus der zweiten Ehe hatte ein besonders trauriges Schicksal. Sie war verheiratet mit dem Lehrer Christian Zacher, der 1903 eine Stelle an der neu gegründeten Kolonieschule in Wilhelma (Palästina) annahm und mit seiner Familie aus Romanowka dorthin zog. 1907 starb er während einer Schiffsreise auf der Rückfahrt von einem Besuch in der alten Heimat und wurde in Beirut begraben. Daraufhin holten seine Brüder die Familie - seine Frau und sechs Kinder - zurück in den Kaukasus. Dort wurde Elisabeth Zacher im November 1918 in den Revolutionswirren von den »Roten« umgebracht. Die Kinder wurden von der Großmutter Zacher aufgezogen, die 1930 noch gelebt hat.

Der dritte Sohn Johann Jacob Messerle (geb. 1848), verheiratet mit Friederike Seyfried, übersiedelte spät, etwa 1893, aber noch vor dem Tod der Mutter Anna Maria geb. Kienzle, mit fünf Kindern nach Palästina. Beide Eltern verstarben jung. Ihre teilweise noch minderjährigen Kinder wurden in Palästina von anderen Familien aufgezogen.

Die Tochter Christina Barbara Messerle, *1845, war verheiratet mit Johann Christian Fickel, *1842. Das Ehepaar kam 1869 in den Kaukasus, kehrte allerdings um 1878 mit Kindern wieder nach Lichtental zurück. Über die Beweggründe liegen keine Erkenntnisse vor. Andreas Fickel (geb.1829), ein jüngerer Bruder ihres Schwiegervaters, wanderte 1868 ebenfalls nach Orbelianowka mit und 1872 weiter nach Palästina, wo er in Sarona 1879 in den dortigen Ge­meinderat gewählt wurde.

Der einzige Sohn des 1850 mit seinem gleichnamigen Vater zusammen nach Lichtental ausgewanderten Jacob Messerle (geb. 1824) und der bereits 1853 verstorbenen Christiane Blind aus Altbulach im Schwarzwald war Christian Jacob Messerle (geb. 1851). Auch er kam auf dem Weg über den Kaukasus nach Palästina; das genaue Datum ist ungewiss. 1877 heiratete er in Jerusalem Dorothea Adrion (aus dem Schwarzwald), nach deren Tod dann kurze Zeit später 1892 Pauline Buchhalter (aus einer Templerfamilie in Aldingen). Aus diesen beiden Ehen hatte er zwölf Kinder. Metzgerei-Fachgeschäft und Restaurant von Christian Jakob Messerle in Jaffa (Geschäftsempfehlung in »Jerusalemer Warte« 1914)In Jerusalem betrieb er an der Jaffastraße in der Anfangszeit der dortigen deutschen Kolonie eine Schuhmacher­werkstatt, die im »Baedeker Palästina« von 1891 erwähnt wird. 1941 starb er fast 90-jährig in der Internierung in Wilhelma.

Von seinen Kindern besonders zu erwähnen sind Christian Jacob Messerle (geb. 1887), der in Jaffa ein von der dortigen Bevölkerung sehr geschätztes deutsches Metzgerei-Fachgeschäft betrieb, Auguste Messerle (geb. 1891), deren Sohn in Stuttgart ein größeres industrielles Unternehmen für innovative Kunststoff-Bodenbeschichtungen aufbaute, und Christian Friedrich Messerle (geb. 1902), den älteren Templern vielleicht noch persönlich bekannt, da er viele Jahre lang in der Templergemeinde-Verwaltung zusammen mit Hans Lange die Angelegenheiten der Israel-Vermögensentschädigung bearbeitete.

Weitere Nachkommen der im späten 19. Jahrhundert in Jerusalem und Jaffa ansässigen Templerfamilien Messerle leben heute in Australien (z.B. Wennagel), nur einige wenige in den USA und in Kanada, manche auch in Deutschland (z.B. Buchhalter und Krafft). Ein großer Teil der heute in Deutschland lebenden Messerle sind Nachfahren der im Kaukasus angesiedelten und dort nach 1918 verbliebenen Templerfamilien, aber auch Nachfahren der in Bessarabien verbliebenen Teile der Familie. Sie kamen erst mehr als 150 Jahre nach der Auswanderung ihrer Vorfahren in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts nach Deutschland zurück. Die häufig bei der Familie anzutreffende Vornamensgleichheit sowie ihre vielen Wanderwege und zuletzt ihre große Nachkommenzahl macht die Erforschung der Familiengeschichte nicht gerade leicht.

Sicher ist jedenfalls, dass alle erwähnten Familienzweige Messerle ihren Ursprung in Kornwestheim haben, als Nachfahren des 1764 dort geborenen Gottfried Jacob Messerle. Sofern sie als Templer in Palästina lebten, waren ihre württembergischen Vorfahren erst in Lichtental bei Sarata ansässig, bevor sie sich dann nach Orbelianowka am Kaukasus aufmachten. Sie kamen also nicht direkt aus Württemberg nach Palästina, sondern hatten ihre Heimat schon eine Generation früher in Richtung Osten verlassen.

Am eindrucksvollsten ist der Weg des schon erwähnten Christian Messerle: geboren 1807 in Württemberg, 1836 ausgewandert nach Bessarabien, dort Anschluss an die Templer und 1868 Umsiedlung in den Kaukasus, 1879 Niederlassung in Palästina, 1886 Rückkehr in den Kaukasus. Diese Mobilität unter den gegebenen beschwerlichen Umständen des Reisens im 19. Jahrhundert sowie angesichts der politischen Unsicherheiten lässt uns heutige Betrachter durchaus staunen.

Birgit Arnold, Korntal

Der Lebens-Teppich

Es war einmal ein alter Mensch, Mann oder Frau, der war sehr krank. Es war klar, dass sein Leben nicht mehr lange dauern konnte. Dennoch erschrak dieser Mensch sehr, als der Tod in sein Krankenzimmer trat. »Komm«, sagte der Tod mit ruhiger, freundlicher Stimme, »komm mit, es ist so weit.«

Der kranke Mensch sträubte sich. »Nein, ich kann noch nicht aus diesem Leben gehen, ich habe noch so viele wichtige Dinge zu tun!« »Ach«, antwortete der Tod geduldig, »das glauben die meisten Menschen. Sie begreifen nicht, wann ein Menschenleben enden soll.« Als der Tod die fragenden Blicke seines Gegenübers sah, erzählte er ihm Folgendes:

»Hast du einmal zuschauen können, wie ein Teppich gemacht wird? Faden für Faden wird er gewebt, in den verschiedenen Farben. Wenn der Teppich fast fertig ist, wirkt seine Rückseite wie ein buntes Durcheinander. Überall hängen Fadenreste scheinbar ungeordnet und regellos aus dem Teppich heraus; dazu kommen Knoten, Flecke und kleine Löcher. Nur wenn man die Vorderseite des Teppichs sieht, durchschaut man die Ordnung der Fäden, erkennt man das Muster.«

Der kranke Mensch schaute nachdenklich, sagte aber nichts. Da fuhr der Tod fort: »Und so ist es auch mit dem Leben der Menschen. Jeder Tag deines Lebens wird zu einem Faden. Im Laufe der Zeit wird dein Lebens-Teppich immer größer. Solange du hier auf Erden lebst, kannst du von ihm nur die Rückseite sehen. Vieles erscheint unordentlich und wirr und ist nicht recht zu verstehen. Erst wenn du diese Welt verlassen hast, kannst du die Vorderseite schauen. Und dann wirst du erkennen, dass dein Teppich genau zu dir passt und ein wunder­schönes Muster hat; dass kein Faden fehlt und alles am richtigen Platz ist. Jeder Faden mehr würde diese Harmonie wieder zerstören.«

Der alte Mensch schaute den Tod eine Zeit lang schweigend an. Dann nickte er, stand von seinem Bett auf und sagte ernst und ruhig: »Ja, ich komme.«

Thomas Hoffer nach Notizen von Paul Jaeger, aus »Auf der Suche nach neuen Wegen«, Nr. 6/2009

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